Beier, Barbara: Der nicht natürliche Tod und andere rechtsmedizinische Sachverhalte in den deutschen Volksmärchen unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

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Kapitel 7. Nachlese

Schon bei der Leichenschau eines Verstorbenen stellt sich die Frage nach dem natürlichen oder nicht natürlichen Tod. Tritt der natürliche Tod bei scheinbar vollkommener Gesundheit unerwartet auf, muß der Arzt, der die Leichenschau durchführt, eine ungewisse Todesursache annehmen, besonders wenn er den Verstorbenen nicht aus langjähriger Praxis kennt. ”Nach den Bestattungsgesetzen bzw. den entsprechenden Verordnungen der einzelnen Bundesländer ist in jedem Sterbefall eine ärztliche Leichenschau vorgeschrieben, ... Die Feststellung, ob ein Mensch tot ist, darf nur durch Ärzte getroffen werden. ... Mit der Ausstellung des Leichenschauscheins werden die Weichen gestellt, ob die Leiche zur Bestattung freigegeben wird oder ob weitere Ermittlungen im Hinblick auf einen nicht natürlichen Tod erforderlich sind“ (Schneider, Die Leichenschau (1987) 6-7).

Die Leiche wird eröffnet, wenn im Leichenschauschein die Todesursache als ungewiß angegeben ist. Die Untersuchung kann dann die Ursache eines natürlichen, aber plötzlichen Todes (z.B. Herzinfarkt, Schlaganfall) erbringen.

Das Märchen schildert den natürlichen plötzlichen Tod in wenigen Episoden, in denen z.B. eine Hexe oder Stiefmutter ”aus Wut zu Boden sinkt“. Diese oder ähnliche Handlungen sind nur in einigen Märchenbeispielen in unterschiedlichen Zusammenhängen eingefügt. Als weiteres Beispiel kann das Zerplatzen des Zwerges in ”Rumpelstilzchen“ (KHM 55) angesehen werden, als die Königin seinen Namen errät.

Als einziges Beispiel für den Bolustod lassen sich die Umstände diskutieren, in denen ”Sneewittchen“ (KHM 53) nach einem Bissen vom vergifteten Apfel zu Boden sinkt. Das Apfelstück bleibt ihr im Hals stecken, wo es nach entsprechender Erschütterung herausfällt. Man könnte hier von Bolustod mit vergiftender Komponente und fließendem Übergang zur Erstickung sprechen. Zur weiteren Diskussion wird auf das Kapitel ”Vergiftung“ verwiesen.

Schußverletzungen sind in der erzählenden Volksdichtung wenig zu finden. Vom Schießen wird nur im Zusammenhang mit Schützen- oder Jagdkünsten berichtet. So erlernt eine Märchenfigur in ”Die vier kunstreichen Brüder“ (KHM 129) und in ”Der gelernte Jäger“ (KHM 111) das Jagdhandwerk. Am Ende seiner Lehrjahre bekommt jener Held zum Dank eine Büchse, die nie ihr Ziel verfehlt. Es wird in ”Der Jude im Dorn“ (KHM 110) ”ein Vogelrohr, das alles trifft“ verschenkt. In ”Sechse kommen durch die ganze Welt“ (KHM 71) schießt ein Jäger so geschickt, weil er meilenweit die Lage überblickt.


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In Ausnahmefällen kommt es in einigen Märchentypen zum Tod eines Protagonisten durch Erschießen. Da es erst seit der Neuzeit Handfeuerwaffen gibt, kann man den Tod durch Erschießen als neuzeitliche Hinzufügungen im Märchen ansehen.

Die erzählende Volksdichtung geht mit Fragen der Vaterschaft märchentypisch um: das uneheliche Kind wirft seinem Erzeuger ”zielsicher“ einen Apfel zu. Das Kind einer Prinzessin überreicht dem buckligen ”Hans Dumm“ (KHM 208) eine Zitrone. Er wird ihr späterer Gemahl, ist jedoch nicht unbedingt der Vater des Kindes.

”Als familienrechtliche Statusbezeichnung ist die Vaterschaft ein Rechtsbegriff, welcher der biologischen Vater-Kind-Beziehung zwar in der Regel entspricht, in Einzelfällen aber durchaus von ihr abweichen kann.“ (HzR, ”Vater“ 5: 649) Diese Definition bestimmt sowohl die heutige Vorgehensweise in Paternitätsfragen, sie kann jedoch auch für die Verhältnisse im Märchen vertreten werden.

Ein Vater erkennt den außerehelich gezeugten Sohn wieder, weil dieser in Liebe gezeugt wurde oder der einzige Sohn geblieben ist. Ein Sohn sieht einem anderen Mann viel ähnlicher als dem öffentlich anerkannten Vater (EM, ”Bastard“ 1: 1321-1324). Die Kinder- und Hausmärchen weisen zu diesem Thema keinen Erzähltext auf.


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Wed Nov 11 16:16:16 1998