Beier, Barbara: Der nicht natürliche Tod und andere rechtsmedizinische Sachverhalte in den deutschen Volksmärchen unter besonderer Berücksichtigung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

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Kapitel 8. Schlussbemerkungen

Die Ergebnisse dieser Arbeit liegen in der Erschließung eines großen Teils der Märchentexte für die Rechtsmedizin. Bei der Durchsicht des Textmaterials im Archiv der Enzyklopädie des Märchens zeichneten sich zwei Wege der Auseinandersetzung mit dem Thema ab.

Der eine Weg beschritt die eingangs beschriebene rechtsmedizinische Untersuchung über die Darstellung des nicht natürlichen Todes in den Märchen. Der zweite Weg verfolgte parallel zu den rechtsmedizinischen Fragen eine medizin- und rechtsgeschichtliche Ergänzung.

Für die rechtsmedizinische Fragestellung nach den Verletzungsspuren am Getöteten, dem Tötungsgeschehen und den Tatwerkzeugen sind die Märchen als Quelle des Volkswissens nur begrenzt verwertbar. Zum Beispiel sind keine Wunden, innere Blutungen oder kleinere Verletzungen nach Gewalteinwirkung beschrieben.

Es wurden nahezu alle klassischen nicht natürlichen Todesarten wie Ertrinken, Vergiften, Verbrennen, Verhungern, Erhängen, Erfrieren, Selbsttötung und Tod durch scharfe und stumpfe Gewalt im Märchen vorgefunden. Zusammenhänge von Ursache und Wirkung konnten jedoch nicht im Sinne einer rechtsmedizinischen Rekonstruktion des zum Tode führenden Geschehens nach heutigen Maßstäben aufgestellt werden.

Im ”echten“ Märchen steht die Darstellung des Tötens in einem fast nebensächlichen Verhältnis zum Gesamtgeschehen. Auf der einen Seite mag durchaus rechtsmedizinisches Unwissen dazu geführt haben, so daß Folgen angewandter Gewalt nicht ausreichend beschrieben wurden. Auf der anderen Seite unterliegt diese Detailknappheit der Gattungsspezifik der Märchen. Die Märchendramatik unterdrückt eine genauere Beschreibung des eigentlichen Tötungsgeschehens.

Für den Märchenaufbau ist es wichtiger, den Grund der Bestrafung herauszustellen. Dem Rezipienten erscheint das Märchen positiv, wenn er von einer seinen Vorstellungen entsprechend gerechten Überführung der ”Übeltäter“ erfährt. In welcher Weise eine Märchenfigur den Tod findet, beschreibt das Märchen fast gar nicht. In der Entstehungszeit der Märchen spielt für den Zuhörer, für den ohnehin der Tod eine nahezu täglich erlebte Erfahrung war, die Schilderung des Tötens eine untergeordnete Rolle.

Durch die Aufgabe der Rechtsmedizin, zur juristischen Aufklärung von Tötungsverbrechen beizutragen und medizinische Sachverhalte im Dienste der Rechtspflege zu interpretieren, spielt die historische Rechtsauffassung, die durch die Märchen ausgedrückt werden kann, für das Anliegen der Arbeit keine unwesentliche Rolle. Grundmotive für Tötungsdelikte


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aus der Sexualsphäre, Neid, Eifersucht und Haß wirken zu jeder Zeit. Vielleicht wichtiger als die relativ rudimentären Beobachtungen und Beschreibungen der Tatbestände ist die Bewertung von Verhaltensmustern, vielmehr könnte der nicht natürliche Tod überdies Moralvorstellungen von Gut und Böse ”illustrieren“. In diesem Rechtsverständnis liegt eine mögliche Bedeutung der Volksmärchen. Die in der Volksdichtung überlieferten Kenntnisse und Vorstellungen können schon rechtzeitig in der Entwicklung eines jeden Menschen zur Ausbildung von Rechtsbewußtsein und Sozialverhalten beitragen.

”Doch die Form der Überlieferung mahnt zum vorsichtigen Gebrauch des Überlieferten“ (Winau, ”Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (1984) 28). Märchen sind auch mit Vorurteilen, Aberglauben und Phantasievorstellungen überlagert, die eine rechtsmedizinische Beanspruchung der Märchen als Geschichtsquelle, losgelöst von den bisherigen Ergebnissen der Literaturwissenschaft und Volkskunde, einschränken.

Die Rechtsmedizin trägt sehr oft zum Aufschluß der Frage bei, ob es sich bei dem zum Tode führenden Geschehen um einen natürlichen Tod, Unfall, Selbsttötung oder um eine Tötung durch eine andere Person gehandelt hat. Diese Aufgabe schließt die Untersuchung von Schiffsuntergängen, Stadtbränden und Massenkarambolagen ein. Märchen handeln nicht von solchen Kollektivereignissen.

Auch allumfassende Naturerscheinungen wie Blitzschläge, Überschwemmungen oder Erdbeben finden sich nicht in dieser Gattung der Volksdichtung. Über diese rechtsmedizinisch relevanten Großereignisse berichten vielmehr Ortssagen, Historien und Städtechroniken.

Todesformen wie der Stromtod oder der Verkehrsunfall gehen mit dem neuzeitlich technischen Fortschritt einher. Demzufolge können die Märchenprotagonisten keinen dieser Tode sterben.

Da die Anzeichen des Todes auch in der Volksdichtung stets weniger deutlich als der ”gezeigte“ Tod sind, werden die frühen sicheren Leichenerscheinungen märchentypisch beschrieben: ”starr“ und ”steif“ für Totenstarre, ”blass“ und ”weiß“ für Totenblässe und ”eiskalt“ für Abkühlung der Leiche. Die späten Leichenerscheinungen sind weit weniger in den Märchen erwähnt. Nur für Verwesung und Fäulnis konnten zwei Beispiele aufgefunden werden.

Das Thema des Scheintodes weist einen langen geschichtlichen Vorspann bis in die Zeit des Mittelalters auf und findet seinen Höhepunkt in der Literatur und Wissenschaft des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Als reversibler Märchentod ist er an der Erweckungsszene zu er-


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kennen: die Heldin schlägt die Augen auf, erhebt sich und spricht. Dies sind jedoch späte Zeichen des Wiederbelebens. Selten sind Anzeichen von Atmung und Herzaktion beschrieben. Der Vorgang der Wiederbelebung in den Märchen bietet wenig Hinweis darauf, daß dieses medizinische Wissen in der Bevölkerung vorhanden war.

Die stumpfe mechanische Gewalt stellt sich in den Märchen durch Sturz und Schlag dar. Die zum Schlag benutzten Tatwerkzeuge reichen vom Bierkrug über Eisenstange und Knüppel bis zum Menschenknochen. Die Folgen der stumpfen Gewalt sind immer bildlich überspitzt: Tod oder größere Frakturen.

Die scharfe und halbscharfe Gewalt wird charakterisiert durch die Verblutung, die Abtrennung von Körperteilen und die Benutzung scharfer Tatwerkzeuge. Es werden Äxte, Beile, Säbel und verschiedene Messerformen verwendet. Folgen der mechanischen Gewalteinwirkung wie Blut- und Fremdkörperaspiration, Embolien, funktionelle Störungen und Wunden kommen im Märchen nicht vor.

Bei der Vivisektion im Märchen wird wenig Näheres über die Schnitt- und Nahtführung ausgesagt. Einzelne Beispiele beschreiben die Instrumente und eventuell, wie die Naht ausgeführt wird. Häufiger jedoch als im Märchen ist das Bauchaufschneiden im Volksaberglauben verbreitet.

Bei der Vergiftung findet man im Märchen die kulturhistorisch gewachsenen Zusammenhänge von Gift, Zauberei und Frau wieder. Der Aggregatzustand des Giftes ist entweder flüssig oder fest. Das Märchen kennt keine Angaben zu Dosis oder Mengen. Jedoch suggeriert es die Vorstellung einer unbegrenzten Wirksamkeit von Gift. Die Substanz wird innerlich und äußerlich appliziert. Sie wirkt meist sofort systemisch, ersichtlich am plötzlichen Sturz der Märchenfigur nach Applikation des Giftes.

Das Erhängen ist auch im Märchen eine häufige Todesstrafe für Diebe. Ausführlicher als das äußere Erscheinungsbild der Gehenkten wird der Grund der Tat und der am Erhängen haftende Aberglaube geschildert. Negative Märchenprotagonisten erhängen sich auch in suizidalen Absichten.

Zum Thema Ertrinken wurde vorwiegend die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen, abweichend vom historisch-geographischen Vergleich der Motive, untersucht. Das Märchen führt den Tod durch Ertrinken als Tötungsdelikt, Strafe und Unfall an. Das Wasser ist Tatort, Tötungsinstrument, Versteck und Transportmittel. Der Brunnen gilt als besonders gefährlicher Ort des Unfalls im Märchen.

Das Verbrennen wird ebenfalls anhand der Kinder- und Hausmärchen behandelt. Dem Feuer werden auch im Märchen positive und negative Eigenschaften zugeschrieben. Der zerstörende Charakter des Feuers


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wird jedoch im Märchen überwiegend als etwas Gutes empfunden, da besonders Übeltäter, aber auch Schaden bringende Gegenstände verbrannt werden. Der Feuertod ist die häufigste Todesstrafe der Sammlung. Im Personenkreis der Verurteilten überwiegt das weibliche Geschlecht. Textpassagen, die von Verbrennungen der Märchenfiguren handeln, können kaum rechtsmedizinisch ausgelegt werden. Einzig beschriebener Rückstand nach Einwirkung hoher Temperaturen ist in den Märchen die Asche.

Das Erfrieren betrifft im Märchen ganz besonders die Kinder. Folgen von Erfrierungen werden nicht beschrieben. Das Märchen versinnbildlicht Kälte durch die Schilderung der Handlung und der Witterung. Das Kind muß jedoch nicht erfrieren, im Gegenteil, es gelangt zu Ruhm und Reichtum.

Die Kindestötung im Sinne des § 217 StGB ist in den Märchen nicht vertreten. Die Kinder sind meist im handlungsfähigen Alter und können sich im überwiegenden Teil der Fälle dem Tötungsvorsatz der Eltern und Erwachsenen entziehen. Neugeborene und auch ältere Kinder werden ausgesetzt und verstoßen, in der Hoffnung, daß sie durch die einwirkenden Naturgewalten sterben.

Der Hunger ist im Zusammenhang mit Armut und kinderreichen Familien Ausgangspunkt der Motiventwicklung in der Märchenhandlung und endet für den kindlichen Helden im Wohlstand und bei reichlich vorhandenem Essen. Abgesehen von den zwei wörtlich zitierten Beispielen der Sammlung der Brüder Grimm, die nicht zur Gattung Märchen zählen, verhungert niemand im ”echten“ Märchen.

Zur Identifizierung einer Person tragen Indizien wie Schuhe oder zwei Hälften eines Ringes bei. Bei einer ungewollten persönlichen Gegenüberstellung identifizieren Angehörige in einem Märchen den Leichnam durch ihre impulsive Reaktion.

Die Arten der Selbsttötung sind vielfältig: Sturz vom Turm, Erhängen, Ertrinken und Vergiften. Die Selbsttötung wird in der Märchengesellschaft als solche nicht angesehen. Verzweiflung, Selbstaufgabe und Bewältigungsangst können Tatmotive sein, wie auch Neid, Ärger, Wut und Zorn.

Die Selbstverstümmelung tritt besonders in Form der scharfen Gewalt auf: Hände abhacken, Finger abschneiden, Zehen und Hacken abhauen. Der Protagonist will dadurch sein Ziel mit allen Möglichkeiten erreichen.

Vereinzelte Märchenbeispiele unterstreichen die darstellerischen Aspekte der Simulation. Die Märchenfiguren täuschen falsche Tatbestände vor.

Die häufigste Spur, das Blut, wird als Seelenvertreter abwesender Personen betrachtet. Daneben legt der Held selbst seine Spur. Tötungsdelikte werden vielfältig verschleiert bzw. gar nicht benannt.


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Im Zusammenhang mit Todesstrafen treten die meisten nicht natürlichen Todesarten auf. In 36 Märchen der Sammlung der Brüder Grimm werden elf unterschiedliche Todesstrafen verhängt. In Bezug auf deren Anwendung können Märchen als Zeugnisse althergebrachter Rechtsvorstellungen angesehen werden. Einige Parallelen in der rechtshistorischen Realität fanden besondere Aufmerksamkeit: das Verbrennen von Frauen als Hexen, das Ertränken als typische Frauenstrafe, die Faßstrafe.

In allen Märchen werden die Gründe für die Strafe angeführt, jedoch im Verhältnis zur Länge der Handlung wird die Schilderung der Hinrichtung als Nebensache behandelt.

Das Märchen als Volksüberlieferung kennt keinen historisch konkreten Zeitbezug. Mit der zeitlich und regional variierenden Wiedergabe des Erzählstoffes fließen neue Motive und anderes Wissen mit ein. Daraus ergab sich für die Arbeit eine zurückhaltende Aufstellung von Vergleichen des rechtshistorischen Alltags und der geschilderten Märchenwirklichkeit. Einblicke in medizinische Erkenntnisse oder rechtsmedizinisches Wissen bietet die erzählende Volksdichtung nur in ganz beschränktem Maße.

Der nicht natürliche Tod konnte bei der rechtmedizinischen Untersuchung nicht unabhängig von seinem Zusammenhang im Märchen betrachtet werden. Er ist im Märchen oft ein Mittel, entsprechend den Moralvorstellungen Gerechtigkeit herzustellen, aber auch die Protagonisten von ihrem positiven Weg abzubringen. Seine sozialisierende Funktion in der Märchengesellschaft kann nicht übersehen werden. Moderne rechtsmedizinische Bezugspunkte, die sich aus aktuellen Lebensformen ergeben, konnten nicht auf das Märchen angewandt werden.

Bei der Darstellung des nicht natürlichen Todes in den deutschen Volksmärchen stand die rechtsmedizinische Interpretation im Mittelpunkt. Dabei konnte sicherlich nicht der gesamte deutsche Märchenschatz erfaßt werden. Die Arbeit bezog sich verstärkt auf die charakteristischen Beispiele der deutschen Volksdichtung.

Viele Märchen enthalten sexualpathologische Motive wie Inzest und Nötigung. Eine weiterführende Untersuchung der Märchen durch die forensische Psychiatrie und Psychologie wäre diesbezüglich denkbar. Dieser spezielle Aspekt der Rechtsmedizin konnte im Rahmen der vorliegenden Analyse nicht berücksichtigt werden.

Während der Beschäftigung mit dem Thema war eine Auseinandersetzung mit den Wissenschaftszweigen Literatur und Medizin- und Rechtsgeschichte unerläßlich. Eine Gegenüberstellung erbrachte für die


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vorliegende Arbeit der Rechtsmedizin die Vielschichtigkeit, die die kulturwissenschaftlichen Aspekte der Medizin herausstellen und den Meinungsaustausch zwischen Medizin und Kulturwissenschaften unter Einbeziehung medizin- und rechtsgeschichtlicher Erkenntnisse fördern könnten. Die dargebotenen Resultate mögen die Sicht des kulturwissenschaftlich interessierten Lesers über rechtsmedizinisch relevante Textpassagen erweitert haben. Der Rechtsmediziner wird über aussagefähige Märchentexte zum nicht natürlichen Tod durch Ergebnisse der germanistischen Erzählforschung möglicherweise neue historische und soziologische Einsichten gewinnen.
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