Cotta, Livia: Psychophysiologische Reaktionen unter psychosomatischen Therapiebedingungen

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Kapitel 10. Reaktionen von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen während Musik- und Kunsttherapie

Die Ergebnisse aus Kap. 9 veranlaßten zu einer gesonderten Betrachtung der Daten der Musiktherapie im Vergleich zur Kunsttherapie.

10.1. Physiologische Parameter

10.1.1. Blutdruck

An den systolischen Blutdruckwerten ist zu erkennen, daß die Patienten mit psychoneurotischen Störungen während Musiktherapie höhere Werte zeigen als während Kunsttherapie. Patienten mit Somatisierungsstörungen zeigen umgekehrt während Kunsttherapie höhere Werte als während Musiktherapie ( Abbildung 25 ). Mit Hilfe der Diskriminanzanalyse sind die Blutdruckwerte für die Gruppe mit psychoneurotischen Störungen und mit Somatisierungsstörungen sowohl für die Musiktherapie (Wilks`Lambda = ,44, p = ,60, richtige Zuordnungen 88,9%) als auch für die Kunsttherapie (Wilks´Lambda = ,91, p = ,98, richtige Zuordnungen 75%) recht gut zu unterscheiden, was aber aufgrund des explorativen Vorgehens und der geringen Fallzahlen nur als Hinweis auf, nicht aber als Nachweis von Unterschiedlichkeit gelten kann.

Abbildung 25 Systolischer Blutdruck: Differenzwerte während GMT und KT für Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.


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Die diastolischen Blutdruckwerte scheinen für beide Patientengruppen unter Kunsttherapie ähnlicher ( Abbildung 26 ), lassen sich in der Diskriminanzanalyse aber dennoch recht gut unterscheiden (Wilks´Lambda = ,20, p = ,04, richtige Zuordnungen 100%), was wieder an der geringen Fallzahl von Patienten mit Somatisierungsstörungen liegen dürfte, die in die Diskriminanzanalyse eingehen (n = 3). Während Musiktherapie (Wilks´Lambda = ,18, p = ,17, richtige Zuordnungen 100%) ist in der graphischen Darstellung der Unterschied zwischen psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen schon deutlicher.

Abbildung 26 Diastolischer Blutdruck:- Differenzwerte während GMT und KT für Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.

10.1.2. Herzfrequenz

Bei den bekannten Einschränkungen aufgrund der geringen Fallzahlen, findet sich auch für die Herzfrequenz eine Diskriminationsfähigkeit zwischen den Gruppen, wenngleich nur in geringem Ausmaß (Musiktherapie: Wilks´Lambda = ,82; p = ,95; richtige Zuordnungen 70%; Kunsttherapie: Wilks´Lambda = ,78; p = ,90; richtige Zuordnungen 81,8%). Beide Diagnosegruppen zeigen während Musiktherapie zum Ende der Therapiephase eine Abnahme der Herzfrequenz ( Abbildung 27 ). Während Kunsttherapie zeigt sich bei beiden Gruppen eine höhere Herzfrequenz zum Ende der Therapiephase.


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Abbildung 27 Herzfrequenz: Differenzwerte während GMT und KT für Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.

10.1.3. EMG

Bei der Betrachtung der EMG-Werte fallen die hohen EMG-Werte der Patienten mit Somatisierungsstörungen insbesondere vor und zu Beginn der Kunsttherapie auf. Diese Patienten haben gleichzeitig eine höhere Bewegungsaktivität. Bei bekannter geringer Fallzahl können anhand des EMG die Diagnosegruppen wie folgt unterschieden werden ( Abbildung 28 ): Musiktherapie: Wilks´Lambda = ,62; p = ,76; richtige Zuordnungen 80%. Kunsttherapie: Wilks´Lambda = ,17, p= ,01, richtige Zuordnungen 100%.

Abbildung 28 EMG-Differenzwerte (Mediandarstellung) während GMT und KT für Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.


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10.1.4. Aktivitätsparameter

Im Verlauf der Bewegungsaktivität ( Abbildung 29 ) läßt sich wieder die deutliche Ähnlichkeit mit dem EMG-Verlauf erkennen und so dessen Beeinflussung durch die Bewegung.

Abbildung 29 Aktivität (Differenzwerte/ Median) des Armes (A) während GMT (Wilks´Lambda = ,43, p = ,45, richtige Zuordnungen 80%) und KT (Wilks´Lambda = ,51, p = ,34, richtige Zuordnungen 84,6%) und des Beines (B) während GMT (Wilks´Lambda = ,77, p = ,34, richtige Zuordnungen 70%) und KT (Wilks´Lambda = ,55, p = ,34, richtige Zuordnungen = 84,6%) von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.


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10.2. Psychologische Parameter

Wie in Kapitel 9.3 erwartet lassen sich mit Hilfe der Varianzanalyse mit Meßwiederholungen tatsächlich für die psychologischen Parameter während der Musiktherapie signifikante Unterschiede zwischen Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen nachweisen ( Tabelle 45 und Tabelle 46 ).

Die Patienten mit Somatisierungsstörungen weisen mehr ”Müdigkeit“, ”Erschöpfung“ und ”Magenbeschwerden“ während Musiktherapie auf als die Patienten mit psychoneurotischen Störungen ( Abbildung 30 ).

Abbildung 30 Entwicklung von Stimmungen und Beschwerden während GMT bei Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen (v=vorher, n=nachher).

Während Kunsttherapie zeigen die Patienten mit Somatisierungsstörungen mehr ”Müdigkeit“, ”ängstliche Depressivität“, ”Erschöpfung“, ”Herzbeschwerden“, ”Kopfbeschwerden“ und ”Neigung zum Weinen“ als die Patienten mit psychoneurotischen Störungen. Ein Verlaufseffekt zeigt sich während Kunsttherapie in der BSF-Skala ”gehobene Stimmung“ ( Abbildung 31 ).


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Abbildung 31 Entwicklung von Stimmungen und Beschwerden während KT bei Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen (v=vorher, n=nachher).

10.3. Zusammenfassung

Beide diagnostischen Gruppen reagieren in physiologischer wie psychologischer Hinsicht unterschiedlich auf Musiktherapie und Kunsttherapie. Die Patienten mit psychoneurotischen Störungen reagieren unter Musiktherapie mit höheren Blutdruckwerten als während Kunsttherapie. Gerade umgekehrt verhält es sich bei Patienten mit Somatisierungsstörungen, die mit höheren Blutdruckwerten während Kunsttherapie als während Musiktherapie reagieren. Ähnliche Verhältnisse bilden sich bei der Herzfrequenz und anderen physiologischen Parametern nicht ab. In den psychologischen Parametern sind die Patienten mit Somatisierungsstörungen bei Kunsttherapie sichtlich schlechter gestimmt bei höheren Beschwerden als die Patienten mit psychoneurotischen Störungen. Dies stimmt überein mit den Befunden aus Kap. 9.1, die eine größere physiologische Aktiviertheit der Patienten mit psychoneurotischen Störungen in Verbindung mit geringerem Ausdruck von Stimmungen und Beschwerden als bei den Patienten mit Somatisierungsstörungen zeigten.

Auch die Musiktherapie wird von den Diagnosegruppen offenbar unterschiedlich perzipiert. Dies bildet sich hier jedoch lediglich im Beschwerdebereich ab, da die Patienten mit psychoneurotischen Störungen vor -wie auch nach- der Musiktherapie geringere Beschwerden angeben als im Tagesmittel und somit signifikant weniger als die Patienten mit Somatisierungsstörungen.


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