Cotta, Livia: Psychophysiologische Reaktionen unter psychosomatischen Therapiebedingungen

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Kapitel 13. Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit diente der Erprobung der Anwendbarkeit mobiler psychophysiologischer Meßmethoden unter realen Psychotherapiebedingungen. Hierbei zeigten sich verschiedene methodische Probleme. So konnten mit den verwendeten Systemen Vitaport® und SpaceLabs® zwar Blutdruck, Herzfrequenz, EMG, Bewegungsaktivität, Atemfrequenz und Hautleitwertreaktion aufgezeichnet werten, jedoch war eine ökonomische Auswertung mit der bestehenden Software für Atemfrequenz und Hautleitwert nicht möglich. Auch die Bewegungskonfundierung insbesondere des EMG´s stellt z. Zt. allgemein noch ein unbefriedigend gelöstes Problem dar (vgl. Fahrenberg et. al 1991). Die Registrierung der psychologischen Variablen mit Hilfe der Psion®3-Geräte gestaltete sich problemlos, die Erfassung von Stimmungen und Beschwerden vor und nach Therapie mittels reduzierter BSF- und GBB-Skalen erwies sich jedoch als relativ unsensibel auf Veränderungen.

Dennoch kann man insgesamt sagen, daß die Anwendung auf dem jetzigen probatorischen Niveau insbesondere hinsichtlich der kardiovaskulären Größen eine erfreulich gute Auswertbarkeit bezüglich der ursprünglichen Fragestellung gewährleistete.

Von den verschiedenen inhaltlichen Ergebnissen sollen hier nun einige exemplarisch zusammengefaßt werden, die alle in diesem Stadium der Methodenexploration eher als ideenstiftend denn als beweisend verstanden werden müssen.

Therapieeffekte

Entgegen den Erwartungen fanden sich keine Unterschiede zwischen verbalen und paraverbalen Therapieverfahren. Die angenommenen Unterschiede hinsichtlich eines mehr konfliktzentrierten Vorgehens der verbalen (Einzeltherapie und Gruppentherapie) gegenüber einem konfliktlösenden Vorgehen der hier geprüften paraverbalen Therapien (Funktionelle Entspannung und rezeptive Einzelmusiktherapie) ließen sich weder auf psychologischer noch auf physiologischer Ebene auffinden.

Hebt man die Gruppierung von verbaler Gruppentherapie und verbaler Einzeltherapie jedoch auf, finden sich während der tiefenpsychologisch fundierten Einzeltherapie höhere Blutdruckwerte als während aller anderen Therapieformen sowie eine signifikante Abnahme des Ärgers, was eventuell durch eine besonders hohe Ärgerangabe vor der Therapie bedingt


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ist. Dies stellt m. E. einerseits einen interessanten Befund im Zusammenhang mit der Bedeutung des Anger-In für erhöhte Blutdruckwerte ( Templer 1993) dar, und weist andererseits auf eine offenbar herausgehobene Perzeption der Einzeltherapie durch die Patienten hin, die hier als höherer Grad der Involviertheit verstanden wird.

Demgegenüber wies die Funktionelle Entspannung im Therapievergleich gegen Ende der Therapiephase auffällig niedrige Herzfrequenzwerte auf, was theoretischen Konzepten einer durch die Funktionelle Entspannung angestrebten Entspanntheit entsprechen könnte, aufgrund des explorativen Charakters der hier gewählten Datendarstellung aber nur hypothesengenerierende Bedeutung haben kann und einer entsprechenden Überprüfung bedarf.

Bedeutung der Diagnosegruppen

Als bedeutsam für die Effekte erwies sich auch die anhand der ICD-10 vorgenommene Teilung der Patienten in zwei Gruppen: Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Patienten mit Somatisierungsstörungen.

So ermöglichte die Ruhemessung während der Nachtzeit die Dokumentation eines signifikanten Unterschiedes zwischen Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen. Die Patienten mit psychoneurotischen Störungen wiesen zwischen 2.00 Uhr und 3.00 Uhr signifikant höhere Herzfrequenzwerte auf, was nach bisherigem psychophysiologischen Verständnis als Grad höherer Anspannung auch während der Nachtzeit verstanden werden muß.

Die Diagnosegruppen wiesen auch hinsichtlich bestimmter Therapiebedingungen verschiedene Reaktionen auf. Insbesondere während der Kreativtherapien Musiktherapie und Kunsttherapie zeigten sich bedeutsame Unterschiede in den psychophysiologischen Veränderungen. Während für die Patienten der Stichprobe mit psychoneurotischen Störungen in der seinerzeitigen Behandlungskonstellation während der Musiktherapie offenbar eine Möglichkeit der Entspannung bestand - bei physiologisch relativ hoher Aktivierung kam es zu einer gegenüber dem Tagesmittel deutlich positiveren Stimmungslage -, stellte die Kunsttherapie für Patienten mit Somatisierungsstörungen offenbar den im Therapievergleich stärksten aversiven Reiz dar. Diese Patienten wiesen hier bei relativ hohen physiologischen Werten einen deutlichen Anstieg der dysphorisch getönten Stimmungsdimensionen auf. Welche Reaktionen wünschenswert sind im Sinne des Therapieeffektes, muß natürlich anhand theoretischer Konzepte und der


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Würdigung des therapeutischen Gesamtgeschehens entschieden werden und deshalb hier offenbleiben.

Abschließend kann also gesagt werden, daß mit den mobilen psychophysiologischen Meßmöglichkeiten in Zukunft tatsächlich eine Methode heranwachsen könnte, die eine sinnvolle Erweiterung der bisher eng umgrenzten Therapieevaluationsmöglichkeiten darstellt.


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