Cotta, Livia: Psychophysiologische Reaktionen unter psychosomatischen Therapiebedingungen

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Kapitel 2. Forschungsgegenstand

2.1. Psychophysiologische Forschung

Die Psychophysiologie stellt heute ein eher heterogenes Wissensgebiet dar mit verschiedenen Wurzeln in der Physiologie und Funktionellen Anatomie sowie in der Physiologischen und Allgemeinen Psychologie (vgl. Schandry 1989). Dabei sind ein Großteil der heute vorliegenden Erkenntnisse an Tiermodellen gewonnen worden, die in diesem Rahmen nicht dargestellt werden können. Studien an Menschen beobachten zumeist psychophysiologische Variationen bei verschiedenen Erkrankungen oder unter verschiedenen, veränderlichen Umgebungs- bzw. Anforderungsbedingungen.

Zur Beschreibung des Forschungsgebietes und zur Herleitung der weiter unten dargestellten Hypothesen sollen hier einige Studien exemplarisch beschrieben werden.

2.1.1. Laborforschung

Kardiovaskuläres System:

Besonders oft untersucht wurden bisher kardiovaskuläre Variablen, da die Methoden gut erprobt und einfach durchzuführen sind.

Blutdruck und Herzfrequenz unterliegen neuronal-humoralen Regulationen und dienen vor allem der Aufrechterhaltung der Blutzirkulation zur nutritiven Ver- und Entsorgung des Organismus. Dabei scheinen kurzfristige sowie möglicherweise langfristige Veränderungen zusätzlich mit psychologischen Variablen verknüpft zu sein und so über rein physiologische Bedürfnisse hinaus auch andere Funktionen zu erfüllen.

In vielen Studien wurden Hypertonikern bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zugeschrieben, so z.B. höherer ”Neurotizismus“ ( Boutelle et al. 1987, Coelho et al. 1989), größere Angstneigung, ”Trait-Angst“ ( Boutelle et al. 1987, Coelho et al. 1989, Baer et al. 1979), Depressivität ( Goldberg et al. 1980, Sullivan et al. 1981), Unterwürfigkeit ( Johnson 1989) und höhere ”emotionale Reaktivität“ ( Melamed 1987). Allerdings wurden hierbei jeweils Patienten, die sich bereits in medizinischer Behandlung befanden, mit Gesunden verglichen.

Untersuchungen von Hypertonikern, die ihre Blutdruckwerte nicht kannten bzw. sich nicht in Behandlung befanden, konnten jedoch diese Unterschiede zwischen Gesunden und Kranken


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nicht bestätigen, sondern fanden teilweise sogar umgekehrte Zusammenhänge ( Irvine et al. 1989, Johnson et al. 1987, Steptoe et al. 1982). Dies macht krankheitsreaktive Veränderungen oder eine therapiebedingte Beeinflussung der psychologischen Variablen wahrscheinlich.

Ähnlich wie beim Blutdruck wurde höherem ”Neurotizismus“ auch Bedeutung für höhere Herzfrequenz zugesprochen ( Kirkcaldy 1984). Daneben sollen Defensivität, Ärger und Feindseligkeit Einfluß auf die Herzfrequenz-Reaktivität ausüben, wobei hohe Defensivität und geringe Feindseligkeit mit starker Reagibilität korrelierten ( Shapiro et al. 1995). Aus derselben Studie geht hervor, daß aber eigentlich im Hintergrund stehende Persönlichkeitsmerkmale wie soziale Faktoren die physiologische Reaktion beeinflussen. So bestimme z.B. die soziale Erwünschtheit das Maß an Ärger und Feindseligkeit und diese wiederum die physiologische Reaktion. Auch Sosnowski et al. (1991) fanden, daß die Höhe des Herzfrequenzanstieges mit dem Copingverhalten der Testpersonen korreliert. Personen, die aktiv Probleme bewältigen, reagieren mit höherem Herzfrequenzanstieg als passiv bewältigende in Abhängigkeit von der Neuheit der Situation.

Ein Anstieg der Herzfrequenz fand sich bei Reizen, die beim Probanden positive Stimmungen auslösen, wie andererseits auch bei solchen, die negative wie z.B. Angst bewirken ( Lang et al. 1993, Van Oyen Witvliet & Vrana 1995). Aber hier finden sich hinsichtlich negativer Stimuli auch umgekehrte Beziehungen, also Herzfrequenzabfall bei z.B. angstauslösenden Reizen ( Hubert & de Jong-Meyer 1990, Steptoe & Vögele 1986).

Es läßt sich also für die kardiovaskulären Parameter feststellen, daß mannigfache Belege für psychophysiologische Interaktionen vorliegen, wenngleich sich die Richtung der Zusammenhänge bisher eher uneinheitlich darstellt und auf eine große interindividuelle Varianz hindeutet. Als dennoch generalisierbare Zusammenhänge sieht Templer (1993) in einer umfassenden Literaturdarstellung am ehesten noch die positive Assoziation von ”Anger-In“ und diastolischem Blutdruck (s.u.).

Muskelspannung:

Relativ häufig wurden elektromyographische Untersuchungen von Muskeln des Gesichtes durchgeführt. Die Erfahrung, daß sich Emotionen ”vom Gesicht ablesen lassen“, führte zu diesen Untersuchungen. Viele Untersucher fanden einen Anstieg der EMG-Aktivität des M. corrugator supercilii bei allgemeinen negativen Affekten ( Hubert & de Jong-Meyer 1990), Traurigkeit ( Livesay & Porter 1994), Mißfallen ( Lang et al. 1993), Unwohlsein und Angst ( Kirkcaldy 1984). Depressive Patienten hatten bei Laboruntersuchungen, die negative Affekte auslösten, eine höhere EMG-Aktivität als Kontrollpersonen ( Schwartz et al. 1976). Eine erhöhte EMG-Aktivität des


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M. frontalis wurde mit ”Trait-Angst“ in Verbindung gebracht ( Hazlett et al. 1994, Cohen et al. 1992). Erhöhte EMG-Werte des M. zygomaticus wurden dagegen im Zusammenhang mit positiven Affekten gemessen ( Hubert & de Jong-Meyer 1990, Lang et al. 1993). Neben emotionalen führten auch intellektuelle Anforderungen zu erhöhten EMG-Werten im Gesicht ( Waterink & van Boxtel 1994).

Selten waren nicht-faziale Muskeln Gegenstand der Untersuchungen: In der Studie von Waterink & van Boxtel (1994) schlug sich die mentale Anforderung auch in erhöhter EMG-Aktivität des Oberschenkels nieder. Von Hazlett et al. (1994) wurde erhöhte EMG-Aktivität im M. gastrocnemius in Verbindung mit ”Trait-Angst“ gesehen, wie bei Cohen et al. (1992) auch die erhöhte EMG-Aktivität des Unterarms. Die Ableitung des EMG über dem M. trapezius, die in der vorliegenden Arbeit gewählt wurde, korreliert dagegen mit allgemeiner Aktiviertheit ( Stemmler & Meinhardt 1990, Livesay & Porter 1994).

Zusammenfassend kann man feststellen, daß neben den Ergebnissen für die mimische Muskulatur die Erhöhung der stammnahen EMG-Aktivität als Maß für eine allgemeine emotionale wie mentale Anspannung steht, ohne daß diese bisher z.B. sicher nach bestimmten Emotionen spezifiziert werden kann.

Hautleitwert-Reaktion:

Ein häufiger Gegenstand der psychophysiologischen Grundlagenforschung ist die elektrodermale Aktivität, als Hautleitwert-Niveau oder Hautleitwert-Reaktion (Skin-Conductance-Response, SCR) gemessen. Eine Übersicht gibt Boucsein (1988). Nikula (1991) wählt aus den aktuellen Forschungsergebnissen folgende Zusammenhänge mit unspezifischen SCR-Erhöhungen aus: Orientierungsreaktion, imaginierte und tatsächliche physiologische Aktivierung, emotionale Erfahrungen, unerledigte Aufgaben oder unerreichte Ziele sowie mangelnde Kontrolle über die äußeren Reize. Auch andere Autoren sehen die SCR als Maß für Erregung und Aktivierung an ( Lang et al. 1993, Sosnowski et al. 1991). Sosnowski et al. (1991) fanden, daß auf unspezifische Reize hin individualspezifisch entweder


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Herzfrequenz oder SCR anstiegen. Steptoe & Vögele (1986) und Hubert & de Jong-Meyer (1990) fanden, daß die SCR eher bei negativen Stimuli anstieg, Van Oyen Witvliet & Vrana (1995) erhöhte SCR bei starker Erregung unabhängig von der Wertigkeit fanden.

Der Zusammenhang zwischen spezifischen Persönlichkeitseigenschaften und elektrodermaler Aktivität ist zum gegenwärtige Zeitpunkt der Forschung noch eher unscharf. So wurde z.B. einerseits eine konzeptuelle Verknüpfung von Ängstlichkeit und elektrodermaler Aktivität gefunden, andererseits aber auch eine relative Unabhängigkeit des elektrodermal gemessenen Merkmals Labilität von demselben Merkmal mittels Fragebögen erhoben ( Boucsein 1988).

Wenn sich hier also zwar noch kein einheitliches Bild des Forschungsstandes zeichnen läßt, so sprechen die konsistenten Befunde doch am ehesten für Zusammenhänge der SCR mit Orientierungsreaktionen und allgemeiner Aktivierung.

Atmung:

Die Atmung kann über die unwillkürlichen Reaktionen des autonomen Nervensystems von Emotionen, Kognition und Verhalten beeinflußt werden, aber auch umgekehrt diese durch willkürliche Änderungen beeinflussen ( Ley 1994). So wurde eine verminderte Atemfrequenz gefunden bei Aufgaben, die eine vermehrte Aufmerksamkeit und Orientierung auf die Umgebung erforderten ( Anderson et al. 1992). Angst hingegen wurde mit vermehrter Atemfrequenz in Zusammenhang gebracht ( Grossman 1983). In mehreren Studien wurde gefunden, daß Symptome, die durch Hyperventilation hervorgebracht wurden, ”spontanen“ psychischen und somatischen Beschwerden ähnelten ( Huey & West 1983, Grossman & de Swart 1984). Wientjes & Grossman (1994) fanden, daß bei gesunden Probanden ein allerdings geringer Zusammenhang zwischen der Neigung zu Hyperventilation mit vermehrten subjektiven Beschwerden bestand. Schedlowski & Tewes (1992) beschreiben die Atemfrequenz als Maß für Aktivierung.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß sich nicht nur für die umfassend untersuchten kardiovaskulären Parameter, sondern auch für andere physiologische Systeme empirische Belege für psychophysiologische Zusammenhänge finden lassen, wobei jedoch die Vielzahl an interagierenden Variablen bisher offenbar die Entwicklung von integrierenden Modellen verhindert hat.


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2.1.2. Labor-Feld-Vergleich

Bei allen Untersuchungen, die im Labor durchgeführt werden, stellt sich die Frage, inwieweit die so erhobenen Befunde und Ergebnisse Gültigkeit besitzen für die Umstände im täglichen Leben. Um dies zu überprüfen, befaßt sich ein spezieller Forschungsbereich mit dem Vergleich im Labor und im Feld erhobener Daten.

Viele psychophysiologische Studien fanden keine signifikanten Zusammenhänge zwischen Herzfrequenzen im Labor und im Feld (z.B. Van Doornen & van Blokland 1992, Matthews et al. 1992, Johnston et al. 1990). Andere fanden unterschiedliche ( Parati et al. 1988, Langewitz et al. 1989) oder nur gering signifikante Zusammenhänge ( Matthews et al. 1986, Fahrenberg et al. 1986). Ähnliche Ergebnisse erzielten auch Studien, die nach den Zusammenhängen vom Blutdruck im Labor und im Feld suchten ( Van Egeren et al. 1989, Matthews et al. 1992). Dies wurde erklärt mit methodologischen und meßtechnischen Problemen ( Pollak 1991). Auch beeinflußten die unkontrollierbare physische Aktivität im Feld sowie die den Laborbedingungen häufig nicht vergleichbaren Anforderungen oft die Ergebnisse (vgl. a. Manuck et al. 1990). So fanden sich in Studien mit vergleichbar anstrengenden Bedingungen im Labor und im Feld durchaus Korrelationen der Herzfrequenz ( Warwick-Evans et al. 1988, Matthews et al. 1992, Matthews et al. 1986). Pollak (1994) zeigte z.B., daß männliche Medizinstudenten an einem Arbeitstag im Krankenhaus dem Labor vergleichbare kardiovaskuläre Reaktionen zeigten, nicht aber an einem in Vorlesungen verbrachten Tag. Die Arbeitsgruppe um Fahrenberg fand dagegen in einem multimodal angelegten Labor-Feld-Vergleich keine signifikante Vorhersagbarkeit der Reaktionen im Feld aus denen im Labor ( Fahrenberg et al. 1991). Sie kommt zu dem weitreichenden Schluß:

”Die Untersuchungsergebnisse sprechen für die relative Eigenständigkeit dieser Felddaten...“ ( Fahrenberg et al. 1991), so daß man annehmen darf, daß im Labor erhobene Daten wahrscheinlich für einige, nicht aber für alle Situationen im täglichen Leben Gültigkeit haben, also kaum generalisierbar scheinen. Betrachtet man allerdings die Ergebnisse von Pollak (1994), muß man bedenken, daß auch die Ergebnisse der Felduntersuchungen den gleichen Problemen der Generalisierbarkeit unterliegen.


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2.1.3. Feldforschung

Wie Fahrenberg (1994a) bemerkt, werden aus den o.g. Gründen die Vorzüge der Feldforschung einerseits sowie die fragwürdige externe bzw. ökologische Validität von Test- und Laborbefunden andererseits in der Literatur zwar seit langem diskutiert, empirische Feldstudien finden sich aber nur selten ( Fahrenberg et al. 1991, Fahrenberg 1994b, Fahrenberg 1995, Jain et al. 1994), was er im wesentlichen für einen Effekt der geringen methodischen Erfahrung hält.

Eine der ersten Arbeiten auf dem Gebiet der Feldforschung war die Studie von Sokolow et al. (1970), die über einen Tag das Verhältnis von Stimmungen auf der einen und Herzfrequenz und Blutdruck auf der anderen Seite an gesunden Probanden untersuchten. Allerdings war die Blutdruckmessung selber so aufwendig, daß sie stark in den zu untersuchenden Alltag einschnitt. Außerdem ließen die Untersucher bei der Auswertung die konfundierende Bewegungsaktivität außer acht.

Infolge der Verfügbarkeit neuer ambulanter automatischer Blutdruck- und Herzfrequenzmessungen sind seitdem schon einige Untersuchungen unter Feldbedingungen veröffentlicht worden. Neben augenscheinlich hergeleiteten Zusammenhängen von Blutdruck und protokolliertem Tagesgeschehen ( Harshfield et al. 1984) scheinen bei paralleler Erfassung des Befindens Blutdruckerhöhungen mit eher dysphorischen Stimmungszuständen verbunden zu sein ( Steptoe et al. 1982, James et al. 1986, Van Egeren & Madarasmi 1988, Rüddel et al. 1993) sowie Aktivierung durch Streß anzuzeigen ( Sausen et al. 1992). Shapiro et al. (1993) fanden Blutdrucksteigerungen bei Argwohn und Mißtrauen, Defensivität und Feindseligkeit.

Johnston & Anastasiades (1990) unterschieden Personen mit erhöhter”Trait-Angst“ von solchen mit niedriger und fanden, daß die Herzfrequenz nur bei Personen mit erhöhter Angst mäßig mit den gleichzeitig berichteten Stimmungen korrelierte.

Alle beschriebenen Beziehungen sind allerdings schwach ausgeprägt, so daß auch in den unter Feldbedingungen erhobenen Stichproben individuell durchaus entgegengesetzte Effekte möglich erscheinen ( Templer 1993), die im Einzelfall personen- oder kontextspezifisch determiniert sein könnten ( Herrmann et al. 1990).

So zeigt sich, daß in Symptom-Kontext-Analysen neben den Settingmerkmalen (Bewegung, Körperposition etc.) insbesondere auch die subjektive Situationsbewertung und das aktuelle


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Befinden erhebliche Bedeutung für die physiologischen Meßgrößen aufwiesen ( Jain et al. 1994, Fahrenberg et al. 1995).

Für die vorliegende Untersuchung folgt hieraus, daß eine psychophysiologische Messung möglichst realitätsnah, d.h. im Feld erfolgen und neben der Erfassung bzw. Standardisierung der untersuchten Situationen auch die individuelle Disposition miteinbeziehen sollte. Die vorgesehene Verknüpfung von multimodalen psychophysiologischen Messungen mit definierten psychosomatischen Therapiebedingungen findet sich bisher nur in einzelnen Kongreßbeiträgen ( Deter & Blecher 1993). Studien mit mobilen rechnergestützten Systemen fehlen aber meines Wissens bisher ganz.


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2.2. Psychotherapieforschung

Die psychophysiologischen Messungen erfolgen in der vorliegenden Untersuchung unter verschiedenen psychosomatischen Therapiebedingungen und sollen deren Effekte erhellen helfen. Deshalb werden im folgenden neben der Darstellung des psychophysiologischen Forschungsstandes auch einige Aspekte bisheriger Therapieforschung skizziert.

Vor allem in der Frühphase der Psychotherapie wurden die ”erfolgreich“ behandelten Einzelfälle als Nachweis der Wirksamkeit präsentiert. Diese entdeckungsorientierte Strategie behält bis heute ihre Bedeutung, insbesondere durch neuere methodische Aufbereitung der Einzelfälle ( Kordy & Kächele 1996).

Nachdem eysenck (1952) die Wirksamkeit der Psychotherapie generell in Frage gestellt hatte, begann die Wirksamkeits- und damit die Rechtfertigungsforschung der Frage nachzugehen, ob Psychotherapie überhaupt wirkt. Bis zum Ende der 70er Jahre beschäftigten zwei Leitthemen die Forschung:
1. Bewirkt Psychotherapie mehr Veränderungen als die Zeit bzw. die Spontanheilung?
2. Sind die Veränderungen Resultat spezifischer Techniken, die somit zu unterscheiden sind von unspezifischen Einflüssen wie z.B. Alltagsratschlägen?
Heute besteht durch die Ergebnisse zahlreicher Studien (z.B. Dührssen 1962, Wallerstein 1986) Einigkeit, daß diese Fragen positiv zu beantworten sind.

Mit der Entwicklung anderer Behandlungsansätze als der Psychoanalyse begann die Phase der Therapievergleichsstudien, die ihren Höhepunkt in den 70er und zu Beginn der 80er Jahre erreichte. Die Frage nach der wirksamsten Therapie jedoch mußte recht uneindeutig beantwortet werden:

”Alle haben gewonnen, alle müssen einen Preis bekommen!“ ( Luborsky et al. 1975).

Die Fragestellung wurde zu einer differentiellen Psychotherapie-Effizienz-Forschung erweitert: Diese modernen Vergleichsstudien fragen nicht nur nach der wirksameren Therapie, sondern erheben systematisch Daten über die Bedingungen von Erfolg und Mißerfolg. Anfangs konzentrierte man sich noch auf die differenzierenden Ausgangsbedingungen des Patienten oder der speziellen Therapieform, seit Mitte der 80er Jahre verlagerte sich der Schwerpunkt auf den therapeutischen Prozeß. Mit dem ”Generic model of Psychotherapy“ haben Orlinsky


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und Howard (1986) den theoretischen Rahmen für ein Forschungsprogramm der 90er Jahre formuliert. Es beschreibt den psychotherapeutischen Prozeß als rückgekoppeltes System, in dem sich das Gesamtergebnis der Behandlung in der Makro-Perspektive aus vielen Mikro-Ergebnissen zusammensetzt.

Dieses Modell macht deutlich,

”...,daß man sich die Wirkungsweise von Psychotherapie grundsätzlich in Form eines Musters mehrerer miteinander in funktionaler Wechselwirkung stehender Einflußfaktoren auf das Therapieergebnis vorzustellen hat.“ ( Grawe 1992).

Deshalb fordert Grawe (1992),

”...daß die Messung der Therapieeffekte so breit wie irgend möglich angelegt werden sollte, indem möglichst viele Veränderungsbereiche (Symptom-, Persönlichkeits-, Befindlichkeitsveränderungen, zwischenmenschliche Beziehungen usw.) mit verschiedenen Meßverfahren (Ratingskalen, Fragebögen, Verhaltensbeobachtung; direkte und indirekte Veränderungsmessung) aus verschiedenen Beurteilerperspektiven (Patient, unabhängiger Beurteiler, Therapeut) erfaßt werden.“

Die psychophysiologische Feldforschung als methodische Erweiterung der Beobachtung auch auf der somatischen Ebene könnte damit einen Beitrag zur Messung von Mikro-Therapieeffekten leisten und die in der Psychosomatik thematisierte Interaktion von Körper und Psyche abbilden helfen. So soll die vorliegende Untersuchung die Möglichkeit überprüfen, verschiedene psychosomatische Interaktionsmuster in speziellen Situationen, hier exemplarisch in differenten Therapiesituationen, zu dokumentieren.


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