Cotta, Livia: Psychophysiologische Reaktionen unter psychosomatischen Therapiebedingungen

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Kapitel 3. Hypothesen

Die Studie untersucht die Veränderung psychischer und physischer Variablen im Verlauf verschiedener psychotherapeutischer Interventionssituationen. Aus dem Gesamtdesign sollen einige Aspekte herausgegriffen und folgende Hypothesen überprüft werden:

H1: Im Rahmen psychotherapeutischer Intervention kommt es zur Veränderung der Werte psychophysiologischer Variablen.

Herleitung :

Ziel einer stationären psychosomatisch-psychotherapeutischen Behandlung ist es, über die Aufarbeitung, Anerkennung und Entlastung lebensgeschichtlich erworbener Konflikte bzw. die Integration neuer Erfahrungen der Bedürfnisrealisation und -regulation und die Einübung neuer Lösungsstrategien zur Besserung der Symptome beizutragen, die zur stationären Aufnahme der Patienten veranlaßt haben. Der therapeutische Aufenthalt ist zum größten Teil geprägt von psychotherapeutischen Anwendungen. Man kann davon ausgehen, daß aktuelle Befindensänderungen der Patienten im Verlauf dieser Anwendungen die langfristig angestrebten Veränderungen einleiten. Bezogen auf die einzelnen psychotherapeutischen Zusammenhänge, wird hier davon ausgegangen, daß nach therapeutischen Sitzungen oft das Befinden des Patienten verändert ist im Vergleich zu dem Befinden vor der Therapie. Da hierbei eine Assoziation von psychologischen und physiologischen Prozessen erwartet wird, sollen die Veränderung auf zwei Ebenen gemessen werden:

  1. Auf physiologischer Ebene über basale physiologische Parameter, wie Herzfrequenz, Blutdruck, Muskelanspannung, Atmung und Hautleitwertreaktion.
  2. Auf psychischer Ebene über die Stimmungslage in den Dimensionen, Müdigkeit, ängstliche Depressivität, Ärger, Teilnahmslosigkeit, Engagement und gehobene Stimmung und über Beschwerden wie Herzbeschwerden, Kopfbeschwerden, Magenbeschwerden,Gliederschmerzen, Erschöpfung und Neigung zum Weinen.


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H2: Die Art der psychophysiologischen Reaktion ist individuell unterschiedlich und steht im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu verschiedenen Diagnosegruppen.

Herleitung:

Wie ein Patient reagiert, hängt von der zugrundeliegenden persönlichen psychosomatischen Disposition ab, welche sich durch typische Reaktionen in Bezug auf Stimmungen und Beschwerden auszeichnet und ihrerseits - theoretisch - auch zu bestimmten psychischen Störungen prädisponiert.

In Anlehnung an allgemeine psychosomatische Konzepte wird hier davon ausgegangen, daß sich in den individuell unterschiedlichen Reaktionsmustern zumindest zwei Grundtypen erkennen lassen (vgl. v. Uexküll & Köhle 1996, Hoffmann & Hochapfel 1992, S.116, S.202):

Typ1:

Patienten, die in der Lage sind, Modulationen ihres Befindens in Veränderungen ihrer Stimmungslage auszudrücken, ohne daß Beschwerden stellvertretend hierfür genutzt werden. So können die subjektiven Beschwerden bei Veränderung der Befindlichkeit gleichbleiben oder sogar abnehmen. In dieser Gruppe werden mehr psycho-neurotische Störungen (neurotische Depression und Angststörungen) erwartet.
Eine Voraussage hinsichtlich der physiologischen Parameter ist aufgrund der uneinheitlichen Darstellungen in der Literatur schwieriger. Hier wird erwartet, daß diese Patienten wahrscheinlich mit Veränderungen der Herzfrequenz reagieren, da ”Tachykardie“ nach ICD-10 ( Dilling et al. 1991) ein Symptom dieser Erkrankungsgruppe darstellt.

Typ 2:

Patienten, die nicht in der Lage sind, die Modulationen ihres Befindens über eine Stimmungsänderung auszudrücken, sondern mit einer Veränderung der subjektiven Beschwerden als Ausdruck emotionaler Anspannung reagieren. In dieser Gruppe der Patienten werden mehr Somatisierungsstörungen zu finden sein. Auf eine Vorhersage der physiologischen Veränderungen wird hier aus o.g. Gründen verzichtet.


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H3: Verschiedene psychotherapeutische Interventionsformen haben unterschiedliche Einflüsse auf die psychophysiologischen Prozesse.

Herleitung:

Alle therapeutischen Interventionsformen sollen dem Patienten neue Entwicklungsräume eröffnen und unmittelbar wie auch langfristig das subjektive Leiden des Patienten vermindern helfen. Sie gehen allerdings verschiedene Wege und sind mit verschiedenen Inhalten gefüllt. So kann man davon ausgehen, daß sie im einzelnen auch unterschiedliche Effekte zeigen. Die Therapieformen lassen sich in verschiedene Untergruppen fassen:

Man kann nach den therapeutischen Methoden z.B. verbale von paraverbalen bzw. körperzentrierten Verfahren unterscheiden:

Zu den verbalen Therapieformen gehören die tiefenpsychologisch fundierte Einzel- und Gruppentherapie. Die kreativtherapeutischen Verfahren Kunst- und Musiktherapie sowie aktive und rezeptive Einzelmusiktherapie gehören gemeinsam mit der Funktionellen Entspannung zu den ”paraverbalen“ Therapieformen.

Es werden folgende Unterschiede in den psychophysiologischen Reaktionen erwartet:

Verbale Therapieformen:

Als Ausdruck des eher konfliktzentrierten Vorgehens (vgl. Hoffmann & Hochapfel 1992, 305-314) kommt es zu allgemeiner Aktivierung, in deren Folge die physiologischen Werte Herzfrequenz, Blutdruck und Muskelanspannung ansteigen. Auf der psychischen Ebene steigen das Engagement und, da es sich um ein konfliktzentriertes Verfahren handelt, die ängstliche Depressivität und der Ärger. Hingegen sinken die Müdigkeit, Teilnahmslosigkeit und gehobene Stimmung. Die subjektiven Beschwerden bleiben gleich oder nehmen zu.

Paraverbale Therapieformen:

Für diese Interventionsformen wird hier angenommen, daß sie weniger konfliktaktivierend sind, sondern den Körper und die Kreativität in den Mittelpunkt stellen (vgl. Benesch 1995, 474-476, Müller-Braunschweig 1996). Es wird davon ausgegangen, daß sie folgende Auswirkungen auf die psychophysiologischen Reaktionen haben:


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Zwar steigen auch hier die physiologischen Parameter im Sinne allgemeiner Aktivierung, in den Stimmungen allerdings zeigen sich Unterschiede zu den Gesprächstherapien im Sinne einer emotionalen Entlastung: Ärger, ängstliche Depressivität, Teilnahmslosigkeit und Müdigkeit sinken, während Engagement und gehobene Stimmung steigen. Die subjektiven Beschwerden vermindern sich.


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