Cotta, Livia: Psychophysiologische Reaktionen unter psychosomatischen Therapiebedingungen

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Kapitel 4. Methoden

4.1. Physiologische Daten

Zur Erhebung von Herz- und Atemfrequenz, Elektromyogramm (EMG), Skin-Conductance-Response (SCR) und Aktivität des rechten Armes und linken Beines wird das Kölner Vitaportsystem1® der Firma Becker, Karlsruhe, verwendet. Dies ist ein portables System zur Erfassung verschiedener Biosignale. Es wurde konzipiert, um auch unter schwierigen mobilen Bedingungen Signale in einer Qualität zu liefern, die mit der stationärer Meßvorrichtungen vergleichbar ist. Das Gerät ist ca. 8 cm x 14 cm x 3cm groß und kann von Patienten über viele Stunden hinweg problemlos getragen werden. Auf bis zu 18 parallel arbeitenden Kanälen liegen nach der Erfassung die Daten in digitaler Form vor und können auf Apple MacIntosh- oder IBM-compatible Rechner übertragen werden.

4.1.1. Blutdruck

Als einziges Biosignal dieser Untersuchung kann der Blutdruck nicht mit dem Vitaportsystem erfaßt werden, sondern wird mit Hilfe des ambulanten Blutdruckmonitors von SpaceLabs® gemessen. Dies ist ein 3 cm x 9 cm x 11 cm großes, batteriebetriebenes Gerät, das am Patienten über einen Zeitraum von 24 Stunden ambulante Blutdruck- und Pulsmessungen vornimmt. Diese Werte werden im Monitor gespeichert. Der Patient trägt den Monitor in einer Tasche am Gürtel, Blutdruck- und Pulsmessungen werden über eine am linken Arm in Höhe des Herzens über der Arteria brachialis angelegte Druckmanschette halbstündlich vorgenommen. Die Blutdruckmeßmethode ist oszillometrisch und mißt im Bereich von 40 mmHg bis 285 mmHg. Die Herzfrequenz wird in einem Bereich von 40 bis 180 Schlägen pro Minute aus den Oszillationen berechnet.

4.1.2. Herzfrequenz

In dieser Studie wird zur Herzfrequenzbestimmung das EKG-Signal mit 400 Hz abgeleitet (50 Hz-Filter). Die Elektroden werden in Richtung der elektrischen Herzachse befestigt. Über den Algorithmus von Vary (1980) werden die R-Zacken bestimmt, und anhand der RR-Intervalle wird die Herzfrequenz ermittelt.


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4.1.3. Elektromyogramm

Das Elektromyogramm registriert die spontan bzw. durch Willkürinnervation auftretenden Aktionsströme im Muskelgewebe. Die EMG-Elektroden werden auf dem näher zur Skapula liegenden Teil der Pars descendens des Musculus trapezius rechts plaziert. Die Spannung wird in µV mit einer Scanrate von 20 Hz digitalisiert und als Integral gespeichert. Für EKG und EMG werden gelierte Ag/AgCl-Elektroden der Firma ARBO® verwendet.

4.1.4. Atemfrequenz

Die Atemkurve wird mit einem Kraftaufnehmer an einem Atemgürtel in Höhe des Processus styloideus gemessen, und das mit 10 Hz digitalisierte Rohsignal gespeichert. Die Vertreiberfirma bietet in Zusammenarbeit mit den Programmentwicklern ein Sondermodul zur automatischen Atemfrequenzbestimmung an. Leider gelang es den Anbietern in der ca. zweijährigen Auswertungsphase nicht, dieses Modul auf dem von uns genutzten Computersystem korrekt zu implementieren, so daß im Rahmen dieser Arbeit die Atemfrequenz bedauerlicherweise nicht ausgewertet werden konnte.

4.1.5. Hautleitwert

Die Messung der Skin-Conductance-Reaction (SCR) erfolgt an der Medialseite des linken Fußes. Nach Anrauhung der Haut werden ungelierte mit einer von Professor Boucsein entwickelten Elektrolytpaste versehene Ag/AgCl-Elektroden der Firma ARBO® in ca. 5 cm Abstand plaziert. Ursprünglich war vorgesehen, die Anzahl der Skin-Conductance-Reactions entsprechend der üblichen SCR-Kriterien am Bildschirm optisch auszuwerten. Leider erwies sich das SCR-Signal trotz Variation der Elektrodenplazierung und -auswahl sowie der routinemäßigen Elektrodenerneuerung nach der Nacht doch so artefaktanfällig, daß letztlich von einer Auswertung in diesem Rahmen Abstand genommen werden mußte.

4.1.6. Bewegungsaktivität

Die Messung der Arm- bzw. Beinbewegungen als Maße für die Bewegungsaktivität des Patienten erfolgt in g (Erdbeschleunigung) mit Hilfe piezoelektrischer Sensoren in Höhe des Ansatzes des Musculus deltoideus am rechten Oberarm bzw.lateral am proximalen Drittel des linken Oberschenkels. Die Digitalisierungsrate beträgt hier 25 Hz, nach Hochpaßfilterung erfolgt die Abspeicherung des Integrals.


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4.2. Psychologische Daten

Die psychologische Dimension wird über die Beschreibung von Stimmungen und Beschwerden erfaßt. Es werden die Instrumente ”Berliner Stimmungsfragebogen“ (BSF) ( Hörhold & Klapp 1993) und ”Gießener Beschwerdebogen“ (GBB) ( Brähler & Scheer 1983) in einer empiriegeleitet reduzierten Fassung ( Rose, M. et al. 1994, unveröffentlichte Daten, s. Anhang) mit Hilfe des Taschencomputers Psion®3 halbstündlich sowie vor und nach den Therapien erhoben.

4.2.1. Stimmungen

Definition:

Bei der Definition des Begriffes ”Stimmungen“ muß man sich mit den verwandten Begriffen Gefühl, Emotion und Affekt auseinandersetzen. So grenzt Fahrenberg (1979) Stimmungen, Gefühle, Emotionen und Affekte voneinander ab. Stimmungen bezeichnen für ihn ”...relativ überdauernde Qualitäten, welche das persönliche Erleben färben, entweder als leibbezogenes Empfinden [...] oder als mehr atmosphärische Qualitäten [...]. Wenn sich aus diesen eher diffusen Gestimmtheiten unter dem Einfluß bestimmter Ereignisse und Reize aktuelle Regungen herausdifferenzieren, bezeichnet man sie als Gefühle. Introspektiv lassen sie sich als stärker umrissene, gerichtete und aktualisierte Erlebnisqualität beschreiben“. Wenn diese weiter verstärkt werden, spricht Fahrenberg von Emotionen. Affekte sind eine noch weitere Steigerung der Erlebnisqualität, ”welche die ganze Person ergreift, erschüttert und ausrichtet“.

Jedoch nicht alle Autoren betrachten diese als eigenständige, klar voneinander abgrenzbare Begriffe. So meinen Howarth & Schokman-Gates (1981), daß Emotionen und Stimmungen nicht klar unterschieden werden können, und Messungen von Emotionen automatisch Messungen von Stimmungen seien und umgekehrt. Auch Hecheltjen & Mertesdorf (1973) nehmen eher einen fließenden Übergang an und definieren Stimmungen, wie es auch in dieser Studie geschehen soll, als ”durch äußeren Anlaß bedingte oder spontan aufsteigende Gefühlserlebnisse, die über einen gewissen Zeitraum fortdauern, diffus und ungerichtet sind und mehrere Komponenten enthalten. Da ihr Auftreten sowohl von situativen als auch von dispositionellen Faktoren bestimmt sein kann, finden sich für die meisten Stimmungsaspekte Entsprechungen bei Gefühls- und Persönlichkeitsdimensionen.“


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Erfassungsmethode:

Die Messung der Stimmungen erfolgt durch Selbstbeobachtung anhand des Fragebogens ”Berliner Stimmungsfragebogen“ (BSF), einer an der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie vorgenommenen Weiterentwicklung ( Hörhold & Klapp 1993) des ”Mehrdimensionalen Stimmungsfragebogen“ (MSF) der Autoren Hecheltjen & Mertesdorf (1973). Für die mehrfach am Tag durchzuführende Psion®-Datenerhebung wurde auch der BSF anhand von 701 BSF-Erfassungen von Patienten auf jeweils zwei Items pro Skala reduziert. Die Korrelationen zu den Vollskalen sind wie folgt: Müdigkeit: .96, Angst-Depressivität: .89 und .91, gehobene Stimmung: .92, Teilnahmslosigkeit: .90, Engagement: .85, Ärger: .83.

4.2.2. Beschwerden

Definition:

Nach Scheer (1985) sind Beschwerden somatischer sowie psychischer Art ”ihrem Charakter nach grundsätzlich subjektiv. Ihre Wahrnehmung erfolgt aufgrund eines introspektiven Vorgangs. Andere Personen erhalten Kenntnis von ihnen durch Mitteilung der Betroffenen, die verbal durch Benennung erfolgen kann, aber auch nonverbal durch Mimik, Gestik oder andere Ausdrucksweisen“. So handelt es sich in der Regel nicht um objektive, verifizierbare Informationen, sondern um subjektiv vom Patienten unternommene Interpretationen und Attributionen, in die seine persönlichen Erfahrungen und Konzepte hineinspielen.

Erfassungsmethode:

Beschwerden können nur durch die Mitteilung der Patienten erfaßt werden. Dies geschieht hier mit Hilfe des Gießener Beschwerdebogens (GBB). Beim Standardfragebogen ist der Patient aufgefordert, 57 Items (Herzbeschwerden, Erschöpfbarkeit, Gliederschmerzen u.a.) hinsichtlich des Ausmaßes der Belästigung durch diese Beschwerden zu beurteilen (nicht/ kaum/ einigermaßen/ erheblich/ stark). Ein Teil der Items wurde durch die Autoren Brähler und Scheer zu vier Skalen zusammengefaßt (Erschöpfung/ Magenschmerzen/ Gliederschmerzen/ Herzbeschwerden). Die Summe dieser Skalen wird als Beschwerdedruck bezeichnet. Für die in der Studie eingesetzte Fragebogenversion erfolgte eine Reduktion anhand der Auswertung von 705 GBB-Erfassungen bei stationären Patienten der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie am Virchow-Klinikum der Humboldt Universität Berlin auf zwei Items pro


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Skala, wobei die Kurzskalen wie folgt zu den Vollskalen korrelieren: Erschöpfung: .92, Herzbeschwerden: .86, Gliederschmerzen: .83, Magenschmerzen: .86. Die Skala ”Kopfsymptome“ und das Item ”Neigung zum Weinen“ wurden ergänzend dazugewählt.


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