Cotta, Livia: Psychophysiologische Reaktionen unter psychosomatischen Therapiebedingungen

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Kapitel 5. Therapien und Studiendesign

5.1. Psychosomatisch-psychotherapeutisches Therapiekonzept

Die Therapie der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie des Virchow-Klinikums der Humboldt-Universität zu Berlin folgt dem integrativen Therapiemodell, das die somatische mit der psychischen Ebene verbindet. Das Modell basiert neben der internistischen Versorgung der Patienten auf den psychoanalytischen Grundkonzepten von Übertragung und Gegenübertragung. Grundmerkmal des integrativen Konzeptes ist die Organisation des gesamten klinischen Feldes als therapeutischer Raum. Dort soll den Patienten ermöglicht werden, Bedürfnis- und Konfliktkonstellationen im Umgang mit den Mitpatienten und dem Behandlungsteam zu reproduzieren oder zu inszenieren, wodurch sie im therapeutischen Rahmen für Reflektion und Bearbeitung zugänglich werden. Außerdem erleichtert die vorübergehende Lösung aus konflikt- und distreßhaften Beziehungskonstellationen (Familie, Arbeitsleben u.a.) sowie der geschützte Rahmen die Unterbrechung von die jeweilige Störung stabilisierenden Interaktionsmustern und das Einüben neuer. Dabei wird ein vielfältiges Programm heterogener Therapieformen angeboten: Tiefenpsychologisch fundierte Einzeltherapie und Gruppenherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie, Bewegungstherapie, lerntheoretisch fundierte Verhaltensmodifikation, Streßanalyse und -management, Autogenes Training und Funktionelle Entspannung. Zusätzlich werden somatisch definierte Therapien, wie Bäder, Massagen, Rückenschule und krankengymnastische Verfahren eingesetzt. Je nach Art und Schwere der Erkrankung des Patienten wird aus den obengenannten Elementen ein individuelles Therapiekonzept zugeschnitten. Das integrative Therapiemodell ist weitestgehend psychoanalytisch ausgerichtet, aber kein rein psychoanalytisches Vorgehen im klassischen Sinne. Ziel der Therapie ist es, unbewußte pathogene Konflikte bewußt werden zu lassen, sowie Ansätze zum Ausgleich struktureller Defizite zu entwickeln, um damit Symptome zu reduzieren oder zu beseitigen.

Die Therapeuten bilden ein multiprofessionelles Team, in dem Psychoanalytiker, Diplom-Psychologen, Mediziner, Musiktherapeuten, Kunsttherapeuten, Bewegungstherapeuten, Entspannungstherapeuten, Krankengymnasten und Krankenschwestern zusammenarbeiten. Ein Teil der Mediziner verfügt über eine Facharztausbildung, insbesondere für Innere Medizin,


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Psychiatrie und Neurologie oder Dermatologie oder befindet sich in Facharztausbildung. Bezüglich des psychotherapeutischen Ausbildungsstandes reicht das in der Abteilung vorhandene Spektrum vom Psychoanalytiker mit langjähriger Erfahrung bis hin zum noch relativ unerfahrenen Psychotherapeuten. Einige befinden sich in psychoanalytischer Weiterbildung, andere haben die Zusatzbezeichnung ”Psychotherapie“ oder befinden sich in entsprechender Weiterbildung. Alle Therapeuten des Bereichs körperzentrierter und kreativtherapeutischer Therapien verfügen über eine abgeschlossene anerkannte Ausbildung.

In der vorliegenden Untersuchung kamen folgende Therapieverfahren zur Anwendung:

5.1.1. Einzeltherapie

Die Einzeltherapie wird von einer Therapeutin oder einem Therapeuten mit dem Patienten in einem separaten Raum durchgeführt. Je nach Ausrichtung des Therapeuten bezüglich des Therapieverfahrens werden die fünfzig Minuten inhaltlich verschieden gefüllt. An der Studie waren vornehmlich Einzelgesprächstherapeuten mit tiefenpsychologisch fundierter oder gesprächspsychotherapeutischer Ausrichtung beteiligt. Trotz deren individuell unterschiedlicher Akzentuierung in der Herangehensweise an den psychotherapeutischen Prozeß, kann man davon ausgehen, daß alle Therapeuten der Aufdeckung und Bearbeitung der den psychosomatischen Störungen zugrundeliegenden Ursachen große Bedeutung bei der Behandlung beimessen und den Regeln der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie folgen, wenngleich oft mit deutlich strukturierteren bzw. direktiveren Zügen als im klassischen ambulanten Setting üblich. Die Einzeltherapie ist ”...im Sinne der Bereitstellung von Bezugstherapeuten angelegt, die gezielt auf das aktuelle Erleben in den verschiedenen therapeutischen Sitzungen abhebt,...“ ( Klapp 1996, S.4).

5.1.2. Verbale Gruppentherapie

Ähnliches wie für die Einzeltherapie gilt hinsichtlich des therapeutischen Vorgehens auch für die verbale Gruppentherapie. Der Therapeut hält im Rahmen dieser Studie 75 Minuten Gruppentherapie mit ca. 8-10 Patienten gleichzeitig ab. Gruppentherapie wurde aufgrund der Erkenntnis entwickelt, daß der Mensch ”ein soziales Wesen und vom Tag der Geburt an auf die Unterstützung durch und die Interaktion mit der Sozietät angewiesen“ (vgl. Wesiack 1996, S.428) ist. So besteht der wichtigste Faktor der verbalen Gruppentherapie vielleicht in


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der Anwesenheit der Guppenmitglieder und der dadurch möglichen ”Spiegelung“ des einzelnen durch den anderen. Begreift man die psychosomatische Störung eines Patienten im Kontext seiner Beziehungsgestaltung als soziales Wesen, kann man die verbale Gruppentherapie als konfliktzentriertes Verfahren verstehen, bei dem den Patienten die Möglichkeit gegeben wird, ihre krankmachenden Strukturen zu erkennen und zu ändern.

5.1.3. Funktionelle Entspannung

Die Funktionelle Entspannung ist ein einzeltherapeutisches körperzentriertes Verfahren, das sich in der Kooperation von tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie, Innerer Medizin und Krankengymnastik entwickelt hat. Der Patient lernt, sich in die unwillkürlichen und vegetativen Abläufe seines Körpers einzuspüren und sie verbal zu artikulieren. Es geht dabei nicht so sehr um die Auslösung von Emotionen oder Erinnerungen, sondern darum, ”die Blockaden im Körper spürbar zu machen“ ( Müller-Braunschweig 1996, S.469). Es wird die Erfahrung genutzt, daß der gleiche Reiz z.B. während der Ausatmung zu einem ganz anderen Körpererleben als bei der Einatmung führen kann. Vom Atemrhythmus ausgehend werden auf ”feinspürige, leise“ Art Verspannungen und Blockaden wahrgenommen und zu lösen versucht. Die Funktionelle Entspannung lenkt die Aufmerksamkeit des Patienten auf den Körper und mittels subtiler Selbst-Wahrnehmung auf seine subjektive Anatomie. ”In einem dialogischen Prozeß mit sich und dem Therapeuten entdeckt der funktionell Entspannende bisher leiblich Unbewußtes oder strukturiert bisher leibliche Erfahrungen neuartig. Angestrebt wird ein Nachreifungsprozeß, der den eigenen \|[lsquor]\|inneren Schwerpunkt‘ [...] entwickeln hilft, zu größerer Sensibilität und zur Selbst-Annahme im psychosomatischen Sinne führt.“ ( Schüffel 1988).

5.1.4. Musiktherapie und Kunsttherapie

In der Musiktherapie werden emotionale und affektive Erlebnisse spürbar und unter zeitweiligem Ausschluß sprachlicher Ausdrucksformen erlebbar. Es entspricht ”...der Erfahrung mit verschiedenen musiktherapeutischen Verfahren, daß Musik heftige Emotionen auszulösen in der Lage ist“ ( Möhlenkamp 1995, S.19), mit denen therapeutisch gearbeitet werden kann.


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Bei der rezeptiven Musiktherapie in Einzelsitzung steht das Hören von entspannender, aber auch spannungsreicher Musik im Vordergrund. Es wird versucht, die Aufmerksamkeit des Patienten auf die Musik zu lenken und mit ihrer Hilfe einen Entspannungszustand zu erreichen.

Die aktive Musiktherapie in Einzelsitzung arbeitet mit Improvisationen auf ”einfachen“ Instrumenten, um im Patienten Spannungen zu lösen und averbale Kommunikationsformen kennenzulernen.

Die Musiktherapie in der Gruppe bedient sich beider Elemente mit der zusätzlichen Nutzung der Gruppeninteraktionsprozesse auf den einzelnen. Hier wird in der Regel auch mehr Zeit bereitgestellt, um Erlebtes im Anschluß an das musikalische Handeln zu verbalisieren und mit Hilfe des Therapeuten und der Gruppenmitglieder zu bearbeiten.

In der Kunsttherapie in der Gruppe wird über das Gestalten mit verschiedenen Materialen im Prozeß des Gestaltens selbst, aber auch in der Betrachtung und Bearbeitung des Gestalteten versucht, Zugänge zu körperlich-sinnlichem Erleben der Patienten sowie zu unbewußten Anteilen zu finden. Die Patienten werden angeleitet, zu einem bestimmten Thema oder auch nur mit bestimmtem Material oder ganz ohne Vorgaben ihrer gestalterischen Phantasie freien Lauf zu lassen. So können sie neben den sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten neue nonverbale Ausdrucksformen kennenlernen.

Beide kreativ-musischen Verfahren setzen ”...auf einer materiell stofflich-körperlichen Basis an, mobilisieren in positiver wie negativer Hinsicht bisherige Gewohnheiten und Meidungsstrategien sowie Aspekte verbliebener Kindlichkeit, erlauben im sozialen Prozeß korrigierende Erfahrungen sowie Training und schließlich Konditionierung im Ernstnehmen des eigenen kreativen Potentials“ ( Klapp 1996).

5.2. Studiendesign

Die Untersuchung läuft in der Regel über 26 bis 28 Stunden. Am Morgen des ersten Tages werden dem Patienten die Geräte angelegt und ihre Handhabung sowie der Stundenplan der Untersuchung erklärt. Bedingt durch die Einbindung der Untersuchung in den normalen Stationsalltag wird jedem Patienten ein speziell auf ihn zugeschnittener Stundenplan ausgehändigt, der die Therapien enthält, die auch ohne Studie an diesem Tag für den Patienten stattgefunden hätten. Diese Pläne können für die Studienteilnehmer die gleichen


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Therapieformen beinhalten, allerdings in unterschiedlicher Reihenfolge und verschiedener Anzahl. So nehmen die Patienten im Rahmen dieser Studie aus organisatorischen Gründen nur entweder an der Musiktherapie oder der Kunsttherapie teil. Auch kann nicht allen Patienten die Funktionelle Entspannung angeboten werden. Nachfolgend die Dauer der verschiedenen Therapieformen:

Einzeltherapie: 50 Minuten, verbale Gruppentherapie, 75 Minuten, Musiktherapie: 90 Minuten, Kunsttherapie, 90 Minuten, aktive Musiktherapie, 20 Minuten, rezeptive Musiktherapie, 20 Minuten, Funktionelle Entspannung: 50 Minuten.

15 oder 20 Minuten vor bzw. nach den Therapien ist je eine Ruhephase vorgesehen (Antizipations- bzw. Reflektionsphase), in der der Patient im Sitzen die oben dargestellten Fragebögen zur aktuellen Stimmungslage und zu den aktuellen Beschwerden sowie hier nicht ausgewertete Bögen zur Therapieerwartung bzw. zum Therapieerleben ausfüllt. Die technischen Geräte bleiben auch nachts in Betrieb. Am nächsten Morgen wird vor Beginn der ersten Therapie der Sitz der Elektroden überprüft und gegebenenfalls korrigiert. Die Elektroden für den Hautleitwert werden regelhaft gewechselt, da die Paste über Nacht eintrocknet und so keine gute Datenableitung mehr möglich ist. Die Untersuchung dauert bis nach der letzten Therapie an, und dem Patienten werden gegen Mittag die Geräte abgenommen.
Abbildung 1 zeigt ein Beispiel eines Stundenplanes:

Abbildung 1 exemplarischer Stundenplan


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