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Medizinische Klinik und Poliklinik des Virchow-Klinikums Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Dissertation Psychophysiologische Reaktionen unter psychosomatischen Therapiebedingungen zur
Erlangung der medizinischen Doktorwürde
am Virchow-Klinikum der
Medizinischen Fakultät Charité
der Humboldt-Universität zu Berlin
Livia Cotta Dekan: Prof. Manfred Dietel Prof. Klapp Prof. Lehmkuhl Prof. Westermeyer eingereicht: 19.12.97 Datum der Promotion: 12.9.98

psychophysiology psychotherapy psychosomatics mobile measurement Abstract

The purpose of this trial was to test mobile psychophysiological measurment techniques during psychosomatical therapy. SpaceLabs measured the blood pressure of psychosomatical patients™, and Vitaport™ recorded biological signals including electromyogram, pulse, skin-conductance, breathing-frequency and motile activity. Patients entered their moods and discomforts using a Psion™3 palmtop computer. During the measurement patients took part in the routine meetings in the psychotherapy ward.

There were some problems with the methodology: The motile activity of patients affected the measurement, particularly with respect to the electromyogram. Breathing frequency and skin conductance could not be evaluated economically using the existing software. Psychological parameters were easy to measure, however the before-and after-therapy-measurement was not sensitive enough to detect any changes.

Although the purpose of this trial was only to explore the possibility of measurement, there were some results with respect to the content: During the individual’s psychoanalytical therapy higher blood-pressure and less anger were recorded than during all other therapies. That could have resulted from a special perception of the therapy. At the end of “Funktionelle Entspannung” (functional relaxation), pulse rates were generally low. That could be explained by the relaxation, that is the theoretical aim of this therapy. Patients with psychoneurotical diseases had higher pulse rates during repose, perhaps due to a higher level of tension. These patients tended to relax during music therapy. Patients with somatisations, tended to have strong aversions to art therapy.

In conclusion, mobile psychophysiological measurement could become a effective way to evaluate therapy.

Psychophysiologie Psychotherapie Psychosomatik ambulante Meßmethoden Zusammenfassung

Mit der vorliegenden Arbeit sollte die Anwendbarkeit mobiler psychophysiologischer Meßmethoden unter psychosomatischen Therapiebedingungen erprobt werden.

Bei Patienten einer psychosomatischen Station wurde mit Hilfe des portablen Blutdruckmeßgeräts SpaceLabs® der Blutdruck gemessen. Außerdem zeichnete das Vitaport®-Gerät, das ebenfalls portabel ist, verschiedene Biosignale auf. Parallel gaben die Patienten Stimmungen und Beschwerden in einen Palmtop-Computer (Psion®3) ein. Sie nahmen bei laufender Messung an verschiedenen, in der Abteilung routinemäßig eingesetzten Psychotherapiesitzungen teil.

Es traten methodische Probleme auf: Die Bewegungsaktivität der Patienten beeinflußte die Meßergebnisse besonders des EMGs. Atemfrequenz und Hautleitwert konnten mit der zur Verfügung stehenden Software nicht ökonomisch ausgewertet werden. Die Aufzeichnung der psychologischen Daten war problemlos, allerdings erwies sich die Erfassung von Stimmungen und Beschwerden vor und nach der Therapie als zu unsensibel auf Veränderungen.

Auch auf dem bisherigen probatorischen Niveau ließen sich inhaltliche Ergebnisse darstellen: Während der tiefenpsychologisch fundierten Einzelgesprächstherapie waren die systolischen Blutdruckwerte höher als bei den anderen Therapieformen. Gleichzeitig war der Ärger signifikant niedriger. Dies weist auf eine besondere Perzeption der Einzeltherapie hin.

Die Funktionelle Entspannung wies gegen Ende der Therapiephase auffällig niedrige Herzfrequenzwerte auf, was zu der theoretisch angestrebten Entspannung am Ende der Therapie passen könnte.

Patienten mit psychoneurotischen Störungen hatten eine höhere Herzfrequenz in Ruhe. Dies spricht nach psychophysiologischem Verständnis für einen höheren Grad von Anspannung. Diese Patienten reagierten auf Musiktherapie mit Entspannung; für Patienten mit Somatisierungsstörungen stellte die Kunsttherapie den stärksten aversiven Reiz dar.

Mit den mobilen psychophysiologischen Meßmöglichkeiten könnte in Zukunft eine Methode heranwachsen, die eine sinnvolle Erweiterung der bisher eng umgrenzten Therapieevaluationsmöglichkeiten darstellt.

&ack;
&ch1; &ch2; &ch3; &ch4; &ch5; &ch6; &ch7; 36Reaktionen während psychotherapeutischer Interventionen

Überprüfung der ersten Hypothese:

H1: Im Rahmen psychotherapeutischer Intervention kommt es zur Veränderung psychophysiologischer Variablen.

Physiologische Parameter

Die physiologischen Parameter wurden mittels Varianzanalyse auf Veränderungen im Verlauf untersucht, sofern sie einer Normalverteilung entsprachen (Tabelle 14). Die nicht normalverteilten Parameter Elektromyogramm und Bewegungsaktivitäten wurden mit Hilfe des Friedman-Tests untersucht (Tabelle 15).

Blutdruck

Die Blutdruckwerte weisen insgesamt wenig signifikante Veränderungen über die Zeit auf. Nur während Einzeltherapie verändert sich der systolische Blutdruck signifikant (Abbildung 4, Tabelle 15). Er steigt zu Beginn der Therapie an (Manti= 17,86; SDanti=10,25; M1=24,34; SD1=14,51; t=-2,82; d.f.=28; p<,05) und fällt in der Reflektionsphase wieder ab (M3=24,5; SD3=19,5; Mref=12,10; SDref= 21,09; t=-3,63; d.f.4; p<,05). Die Blutdruckverläufe während der übrigen Therapieformen gruppieren sich um normotone Werte ohne bemerkenswerte Schwankungen.

Abbildung 4 Systolische Blutdruckdifferenzwerte vor, während und nach den Therapiesitzungen.

37Dadurch unterscheidet sich das durchschnittliche Niveau aller während Einzeltherapie gemessenen systolischen Blutdruckwerte signifikant von denen, die unter verbaler Gruppentherapie, Funktioneller Entspannung, Musiktherapie und rezeptiver Einzelmusiktherapie erhoben wurden (Tabelle 9).

Tabelle 9 Systolische Blutdruckmittelwerte (Differenzwerte) während Einzeltherapie im Vergleich mit den anderen Therapieformen.

Therapien

MET

SDET

Mvergl.

SDvergl.

t

d.f.

p

ET/AMT

23,13

14,67

25,28

8,93

,71

8

n.s.

ET/FE

17,20

6,56

22,37

10,87

-2,34

8

<,05

ET/GT

23,78

11,21

16,55

7,64

-3,09

20

<,01

ET/KT

20,52

12,41

20,27

9,45

-,13

11

n.s.

ET/GMT

25,53

14,48

15,29

7,94

-2,86

6

<,05

ET/RMT

29,11

10,23

18,50

6,09

-3,74

4

<,05

Signifikanztest mittels t-Test, M=Mittelwert, SD=Standardabweichung, vergl.=die jeweils verglichene Therapieform,t=t-Wert, p=Irrtumswahrscheinlichkeit, d.f.=Freiheitsgrade, übrige Abkürzungen siehe Tabelle 3

Der diastolische Blutdruck zeigt demgegenüber im Therapieverlauf sowie im Niveau keine signifikanten Änderungen (Abbildung 5).

Abbildung 5 Diastolische Blutdruckdifferenzwerte vor, während und nach den Therapiesitzungen.
Herzfrequenz

Die Herzfrequenz weist in der Varianzanalyse mit Meßwiederholungen unter Einzeltherapie, Gesprächsgruppentherapie, Funktioneller Entspannung, Musiktherapie und rezeptiver

38Einzelmusiktherapie signifikante Änderungen über die Zeit auf (Tabelle 14). Unter Kunsttherapie und aktiver Einzelmusiktherapie verändert sie sich nicht signifikant.

Zu Beginn aller Therapien - in der Antizipationsphase bis zum 2. Drittel Therapie - liegen die Herzfrequenzwerte etwa auf gleichem Niveau (Abbildung 6). Zum Ende der Therapien hin - im 3. Drittel Therapie und in der Reflektionsphase - ändert sich dieses Bild: Während die Herzfrequenzen während verbaler Gruppentherapie, Einzeltherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie und rezeptiver Einzelmusiktherapie leicht absinken, bleiben sie während aktiver Einzelmusiktherapie höher. Die Werte während Funktioneller Entspannung sinken stärker ab als während der übrigen Therapieformen.

Abbildung 6 Herzfrequenzdifferenzwerte vor, während und nach den Therapiesitzungen.

So wie die Herzfrequenz unter AMT offenbar im 3. Therapiedrittel (M3 AMT = 19,10; SD3 AMT = 7,89; M3 andere = 15,31; SD3 andere = 6,28; t = 2,98; d.f. 20; p < ,05) und der anschließenden Reflektionsphase (Mref AMT = 21,18; SDref AMT = 8,80; Mref andere = 17,58; SDref andere = 7,83; t = 2,36, d.f. 18; p < ,05) das Niveau der übrigen Therapien überschreitet, unterschreitet sie während Funktioneller Entspannung im 3. Therapiedrittel (M3 FE = 10,34; SD3 FE = 7,90; M3 andere = 17,14; SD3 andere = 6,81; t = -2,33; d.f. 9; p < ,05) und der Reflektionsphase (Mref FE = 10,73; SDref FE = 6,51; Mref andere = 19,83; SDref andere = 9,00; t = -3,33; d.f. 7; p < ,05)die der übrigen Therapien, so daß offenbar gegen Ende der Therapien die Herzfrequenzen recht unterschiedlich reagieren.

39

EMG

Das EMG zeigt in allen Therapieformen signifikante Veränderungen (Tabelle 15). Unter verbaler Gruppentherapie, Einzeltherapie, Funktioneller Entspannung, rezeptiver Einzelmusiktherapie und Musiktherapie sinkt das EMG-Niveau nach der Antizipationsphase ab und steigt zur Reflektionsphase wieder an, so daß es zu einer “Senke” während der eigentlichen Therapiephase kommt (Abbildung 7).

Abbildung 7 EMG-Differenzwerte (Median) vor, während und nach ET, GT, FE und RMT.

Ein anderes Bild ergibt sich für die Kunsttherapie und die aktive Einzelmusiktherapie: Das EMG steigt in der aktiven Einzelmusiktherapie von der Antizipationsphase zum ersten Drittel der Therapie leicht und zum zweiten Drittel deutlich an, fällt dann ab und erreicht in der Reflektionsphase etwa wieder den Ausgangswert. Unter Kunsttherapie kommt es nach einem anfänglichen Abfall im ersten Drittel der Therapie zu einem Gipfel im zweiten Abschnitt. Es sinkt zum Ende der Therapie wieder, steigt aber zur Reflektionsphase erneut an (Abbildung 8).

40

Abbildung 8 EMG-Differenzwerte (Median) vor, während und nach KT, GMT und AMT.

Der Verlauf der EMG-Werte während Musiktherapie ähnelt nicht dem Verlauf während Kunsttherapie und aktiver Einzelmusiktherapie, wie es nach dem äußeren Setting der Therapien anzunehmen wäre (s.u.), sondern dem während der Verfahren, die durch weniger große körperliche Bewegung gekennzeichnet sind (Einzeltherapie, verbale Gruppentherapie, Funktionelle Entspannung und rezeptive Einzelmusiktherapie).

8.1.4 Aktivitätsparameter

Auch die Aktivitätsparameter zeigen signifikante Änderungen unter Einzeltherapie, Gesprächsgruppentherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie, Funktioneller Entspannung und rezeptiver Einzelmusiktherapie (Tabelle 15). Auf den ersten Blick fällt die Ähnlichkeit der Verlaufskurven der Aktivität (Abbildung 9) des Armes mit der des EMG auf. Dies legt den plausiblen Schluß nahe, daß das EMG von der Bewegungsaktivität konfundiert wird. Auf eine gesonderte statistische Überprüfung wurde hier aus mehreren Gründen verzichtet, die in Kap. 12.1.4 diskutiert werden.

41

Abbildung 9 (A)/(B) Bewegungsaktivität des Armes (Differenzwerte/ Median) vor, während und nach den Therapiesitzungen (g = Erdbeschleunigung).

Die Bewegungsaktivität des Beines (Abbildung 10) zeigt einen ähnlichen Verlauf wie die des Armes, womit naheliegt, daß offenbar über diese beiden Parameter eine allgemeine Körperbewegung erfaßt wird.

Man könnte annehmen, daß neben dem EMG auch die Herzfrequenzwerte von der Bewegungsaktivität beeinflußt werden. Interessanterweise finden sich dem Augenschein nach keine solch offenkundigen Zusammenhänge zwischen den kardiovaskulären Parametern und der Bewegungsaktivität.

42

Abbildung 10 (A)/(B) Bewegungsaktivität des Beines (Differenzwerte/ Median) vor, während und nach allen Therapiesitzungen (g = Erdbeschleunigung).
Einfluß von Alter und Geschlecht

Bei der varianzanalytischen Einzelprüfung scheint sich ein Einfluß des Alters der Versuchspersonen auf die systolischen Blutdruckwerte während Einzeltherapie
(Mbis 40 Jahre = 20,14; SDbis 40 Jahre = 10,90; Müber 40 Jahre = 25,16; SDüber 40 Jahre = 14,24) und während rezeptiver Einzelmusiktherapie (Mbis 40 Jahre = 19,92; SDbis 40 Jahre = 8,80;
Müber 40 Jahre = 22,93; SDüber 40 Jahre = 15,82) abzubilden (Tabelle 14).
Nach der aufgrund der multiplen Testungen erforderlichen &agr;-Adjustierung sind die genannten Ergebnisse aber nicht mehr signifikant und müssen demnach als zufällig verstanden werden.

43Das Geschlecht der Testpersonen zeigt keinen signifikanten Einfluß auf die Varianz der erhobenen Meßdaten (Tabelle 14).

Psychologische Parameter

Zur Beurteilung der psychologischen Parameter wurden die Skalen für Stimmungen und Beschwerden im Berliner-Stimmungs-Fragebogen (BSF) (Abbildung 11) bzw. Gießener-Beschwerde-Bogen (GBB) (Abbildung 12) aus der Antizipationsphase und der Reflektionsphase der einzelnen Therapieformen mittels t-Test für gepaarte Stichproben verglichen (Tabelle 16 bis Tabelle 22). Es lassen sich einige signifikante Änderungen feststellen. Bedenkt man jedoch den &agr;-Fehler durch die multiple Testung und nimmt eine dementsprechende &agr;-Adjustierung vor, erreichen die vorher signifikanten Befunde dieses Niveau nicht mehr. Aufgrund des evaluativen Charakters der Studie sollen sie hier dennoch erwähnt werden:

Während Einzeltherapie sinken hiernach sowohl der “Ärger” als auch die “Teilnahmslosigkeit”. Unter Kunsttherapie zeigt sich eine Abnahme der “Teilnahmslosigkeit”, sowie eine Zunahme der “Gliederschmerzen” und “Kopfbeschwerden”. Unter aktiver Einzelmusiktherapie steigt die “gehobene Stimmung. Die übrigen BSF-Skalen “ängstliche Depressivität”, “Müdigkeit” und “Engagement” sowie GBB-Skalen “Erschöpfung”, “Herzbeschwerden”, “Magenbeschwerden” und das GBB-Item “Neigung zum Weinen” zeigen keine derartigen Veränderungen.

44

Abbildung 11 BSF-Skalen “Ärger”, “Teilnahmslosigkeit” und “gehobene Stimmung” vor und nach allen Therapieformen (Differenzwerte), *p<,05, **p<,001 vor &agr;-Adjustierung.

45

Abbildung 12 GBB-Skalen “Gliederschmerzen” und “Kopfbeschwerden” vor und nach allen Therapieformen (Differenzwerte), *p<,05 vor &agr;-Adjustierung.

46

Zusammenfassung

Im Rahmen psychotherapeutischer Intervention kommt es zur Veränderung folgender psychophysiologischer Variablen:

Der Blutdruck zeigt signifikante Erhöhung während Einzeltherapie, wird aber sonst von den Therapiebedingungen kaum beeinflußt.

Die Herzfrequenzwerte zeigen zu Beginn aller Therapieformen ähnlich hohe Werte. Am Ende der Therapien sind die Herzfrequenzen während aktiver Einzelmusiktherapie signifikant höher, während Funktioneller Entspannung signifikant niedriger als bei den übrigen Therapien.

Das EMG-Niveau zeigt unter verbaler Gruppentherapie, Einzeltherapie, Funktioneller Entspannung, rezeptiver Einzelmusiktherapie und Musiktherapie eine deutliche Abnahme während der Therapiephase, unter Kunsttherapie und aktiver Einzelmusiktherapie eher eine Zunnahme, Veränderungen, die offenbar wesentlich durch die Bewegungsaktivität bedingt sind.

Veränderungen psychologischer Parameter finden sich unter Einzeltherapie, Kunsttherapie und aktiver Einzelmusiktherapie. Es sind dies die Skalen “Ärger” ,“Teilnahmslosigkeit”, “gehobene Stimmung”, “Gliederschmerzen” und “Kopfbeschwerden”. Diese Befunde sind nach &agr;-Adjustierung jedoch nicht mehr signifikant.

47Reaktionen bei Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen

Überprüfung der zweiten Hypothese:

H2: Die Art der psychophysiologischen Reaktion ist individuell unterschiedlich und steht im Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zu verschiedenen Diagnosegruppen.

Aus der Gesamtstichprobe wurden für die Überprüfung der zweiten Hypothese zwei Gruppen hinsichtlich der Diagnosegruppen ausgewählt: Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Patienten mit Somatisierungsstörungen (s. Kap. 7.4).

9.1 Physiologische Basis- und psychologische Referenzwerte

Beim Vergleich der Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen mittels t-Test bezüglich der individuellen physiologischen Basiswerte, die den Mittelwert der zwischen 2.00 Uhr und 3.00 Uhr nachts erhobenen Werte darstellen, fällt ein signifikanter Unterschied hinsichtlich der Herzfrequenz auf (Tabelle 10).

Tabelle 10 Physiologischen Basiswerte: Vergleich der Diagnosegruppen “psychoneurotische Störungen” und “Somatisierungsstörungen”

Parameter

MPsy

SDPsy

MSom

SDSom

t

d.f.

p

syst. Blutdruck

105,50

11,62

109,88

7,19

-1,2

29

n.s.

diast. Blutdruck

63,47

8,01

65,19

6,39

-,64

29

n.s.

Herzfrequenz

69

10

60

13

2,25

25

<,05

Aktivität Arm

,04

,04

,03

,05

,41

25

n.s.

Aktivität Bein

,02

,03

,02

,03

,25

25

n.s.

EMG

4,79

9,93

1,85

2,07

,96

25

n.s.

Signifikanzprüfung mittels t-Test für unabhängige Stichproben, Psy = Patienten mit psychoneurotischen Störungen, Som = Patienten mit Somatisierungsstörungen

Beim Vergleich der individuellen psychologischen Referenzwerte, die den Durchschnitt aller während der Untersuchung erhobenen Werte darstellen, ergibt sich im t-Test ein signifikanter Unterschied hinsichtlich der Herzbeschwerden (Tabelle 11), der aber einer &agr;-Adjustierung nicht standhält und somit auch ein zufälliger Effekt aufgrund der einzelnen Testung sein könnte.

48

Tabelle 11 Psychologische Referenzwerte: Vergleich der Diagnosegruppen “psychoneurotische Störungen” und “Somatisierungsstörungen”

Parameter

MPsy

SDPsy

MSom

SDSom

t

d.f.

p

p (&agr;-adj.)

Müdigkeit

1,30

,93

1,24

,92

,19

28

n.s.

n.s.

ängstliche Depressivität

1,14

1,02

,85

,55

1,01

27

n.s.

n.s.

Ärger

,38

,73

,45

,33

-,29

28

n.s.

n.s.

Teilnahmslosigkeit

,51

,49

,61

,40

-,6

28

n.s.

n.s.

Engagement

1,58

1,20

1,52

,82

,16

28

n.s.

n.s.

gehobene Stimmung

,44

,52

,82

,70

-1,68

28

n.s.

n.s.

Erschöpfung

7,81

5,60

7,43

5,53

,18

28

n.s.

n.s.

Gliederschmerzen

3,66

3,87

4,34

6,66

-,36

28

n.s.

n.s.

Herzbeschwerden

2,51

3,18

,73

1,09

2,19

22

<,05

n.s.

Magenbeschwerden

1,39

1,59

2,74

2,48

-1,66

17

n.s.

n.s.

Kopfbeschwerden

3,49

4,57

5,84

5,80

-1,24

28

n.s.

n.s.

Neigung zum Weinen

3,19

4,87

1,72

2,47

,97

28

n.s.

n.s.

Signifikanzprüfung mittels t-Test für unabhängige Stichproben, Psy = Patienten mit psychoneurotischen Störungen, Som = Patienten mit Somatisierungsstörungen

Physiologische Parameter Blutdruck

Betrachtet man die mittleren Differenzwerte des systolischen und diastolischen Blutdrucks der beiden Patientengruppen über alle Therapien gemittelt, lassen sich in der Gruppe der psychoneurotischen Störungen höhere Werte erkennen als in der Gruppe der Somatisierungsstörungen, wenngleich dieser Unterschied im t-Test nicht signifikant wird (Tabelle 12).

Tabelle 12 Blutdruck: Vergleich der Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen

Parameter

MPsy

SDPsy

MSom

SDSom

t

d.f.

p

&Dgr; syst. BD

19,90

7,79

14,69

7,49

1,60

20

n.s.

&Dgr; diast. BD

18,01

7,71

13,90

3,15

1,70

14,83

n.s.

Signifikanzprüfung mittels t-Test für unabhängige Stichproben, Psy = Patienten mit psychoneurotischen Störungen, Som = Patienten mit Somatisierungsstörungen.

Berücksichtigt man in eine Diskriminanzanalyse die Blutdruckwerte aller Therapieabschnitte sind die Gruppen jedoch sowohl anhand des systolischen (Abbildung 13, Wilks´Lambda = ,62;

49p=,37; richtige Zuordnungen 84,6%) als auch anhand des diastolischen Blutdrucks (Abbildung 14, Wilks´Lambda = ,062; p = ,15; richtige Zuordnungen 76,9%) mit einer recht hohen Wahrscheinlichkeit richtig zuzuordnen.

Abbildung 13 Systolischer Blutdruck: Differenzwerte (Mittelwerte) während aller Therapieformen von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen. Abbildung 14 Diastolischer Blutdruck: Differenzwerte (Mittelwerte) während aller Therapieformen von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.

50

Herzfrequenz

Bildet man die mittleren Differenzwerte der Herzfrequenz während aller therapeutischer Verfahren bezüglich der beiden Diagnosegruppen, erkennt man geringfügig höhere Herzfrequenzen der Patienten mit psychoneurotischen Störungen (Abbildung 15), die sich diskriminanzanalytisch jedoch nur sehr schwach nachweisen läßt (Wilks´Lambda = ,82; p = ,60; richtige Zuordnungen 60,9%).

Abbildung 15 Herzfrequenzdifferenzwerte (Mittelwerte) während aller Therapieformen von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.

Die größten Unterschiede bestehen hier offenbar am Ende der Therapiephase bzw. in der Reflektionsphase, auch wenn dies in der statistischen Überprüfung nicht signifikant wird (Tabelle 13).

Tabelle 13 Herzfrequenz: Vergleich der Differenzwerte während aller Therapieformen von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen

MPsy

SDPsy

MSom

SDSom

t

d.f.

p

Antizipationsphase

20,76

4,54

20,94

8,77

-,06

12,69

n.s.

1. Drittel

20,42

6,26

19,52

7,42

,32

21

n.s.

2. Drittel

18,40

5,94

16,45

6,15

,77

21

n.s.

3. Drittel

16,67

5,37

14,64

5,75

,87

21

n.s.

Reflektionsphase

19,63

6,33

15,98

6,59

1,35

21

n.s.

Signifikanzprüfung mittels t-Test für unabhängige Stichproben, Psy = Patienten mit psychoneurotischen Störungen, Som = Patienten mit Somatisierungsstörungen.

51

EMG

Wie in Kap. 8.1.3 dargestellt, muß das EMG-Verhalten für die Therapien mit größerer und geringerer Bewegungsintensität gesondert betrachtet werden.

Während Gruppentherapie, Einzeltherapie, Funktioneller Entspannung und rezeptiver Einzelmusiktherapie zeigen sich keine auffälligen Unterschiede im EMG-Verlauf zwischen Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen (Tabelle 24 bis Tabelle 30). Bei beiden Gruppen ist die in Kap. 8.1.3 dargestellte Abnahme der Muskelspannung während der Therapiephasen deutlich (Abbildung 16), wobei sich erneut kaum Unterschiede zwischen den Therapieformen auch bei differenzierter Gruppenbetrachtung ergaben (Tabelle 14).

Abbildung 16 EMG-Differenzwerte (Mediandarstellung) während bewegungsarmer Therapien (GT, ET, FE, RMT) von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.

Die EMG-Differenzwerte während Kunsttherapie und aktiver Einzelmusiktherapie verhalten sich wie schon in der Gesamtstichprobe auch in den beiden Diagnosegruppen unterschiedlich zu den anderen Therapien und weisen während der Therapiephasen eher höhere Werte auf (Abbildung 17).

Die Werte der beiden Gruppen während Musiktherapie entsprechen erneut nicht dem Bild einer bewegungsintensiven Therapie, das hier eigentlich zu erwarten wäre, sondern nehmen einen ähnlichen Verlauf, wie unter den bewegungsarmen Therapien.

52

Abbildung 17 EMG-Differenzwerte (Mediandarstellung) während KT, GMT und AMT von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.

Besonders auffällig ist jedoch die hohe EMG-Aktivität vor sowie zu Beginn der Kunsttherapie bei Patienten mit Somatisierungsstörungen, die Ausdruck besonderer Anspannung dieser Patienten in Erwartung der Kunsttherapie sein könnte. Allerdings wird dies in der statistischen Überprüfung nicht signifikant (Vergleich der mittleren EMG-Differenzwerte in der Antizipationsphase von Kunsttherapie mit denen von Musiktherapie und aktiver Einzelmusiktherapie: Mann-Whitney U Test: MKT = 15,93; MGMT = 4,49; z = -1,57, p = n.s.. Wilcoxon-Test: MKT = 15,93; MAMT = 10,45; z = -,37; p = n.s.).

Aktivitätsparameter

Anhand der Aktivität des Armes unterscheiden sich die Diagnosegruppen erwartungsgemäß nicht, die Diskriminationskraft ist mit 65% (Wilks´Lambda = ,88; p = ,80) bei den bewegungsarmen (Abbildung 18) Therapien gering. Es bildet sich die schon oben benannte (s. Kap. 8.1.4) naheliegende Assoziation zwischen Bewegungsaktivität des Armes und der EMG-Aktivität des M. trapezius ab (Tabelle 14).

53

Abbildung 18 Differenzwerte der Aktivität des Armes (Mediandarstellung) während bewegungsarmer Therapien (GT, ET, FE, RMT) von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.

Hinsichtlich der bewegungsintensiven Therapien (Wilks´Lambda = ,71; p = ,30, richtige Zuordnungen: 73%) findet die hervorstechende EMG-Aktivität der Patienten mit Somatisierungsstörungen nur eine geringfügige optische Entsprechung in der Aktivitätskurve (Abbildung 19). Da es methodisch nicht abgesichert scheint (vgl. Kap. 12.1.3), diese Unterschiede auch statistisch zu überprüfen, läßt sich allenfalls mutmaßen, daß sich hier für die Patienten mit Somatisierungsstörungen eine zusätzliche Anspannung aus nicht bewegungsassoziativen Gründen abbildet.

Abbildung 19 Differenzwerte der Aktivität des Armes (Mediandarstellung) während KT, GMT und AMT von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.

54Für die Bewegungsaktivität des Beines (Abbildung 20) sind ebenfalls recht schwache Diskriminanzmerkmale zu finden, besonders bei den bewegungsintensiven Therapien (bewegungsarme Therapien: Wilks´Lambda = ,62; p = 0,12; richtige Zuordnungen 82,61%, bewegungsintensive Therapien: Wilks´Lambda = ,72; p = ,22; richtige Zuordnungen 61,54%).

Abbildung 20 (A)/(B) Differenzwerte der Aktivität des Beines (Mediandarstellung) (A) während bewegungsarmer Therapien (GT, ET, FE, RMT) und (B) während KT, GMT und AMT von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen.

55

Psychologische Parameter

In Hypothese H2 wurde angenommen, daß die therapeutischen Interventionen zu speziellen Änderungen des Befindens der verschiedenen Diagnosegruppen führen würden. Tatsächlich jedoch finden sich kaum Veränderungen in den psychologischen Parametern (Tabelle 31 bis Tabelle 44). Die wenigen signifikanten Veränderungen sollen aufgrund des evaluativen Charakters der Studie zwar beschrieben werden, sind aber am ehesten Produkte der multiplen Einzeltestungen und erreichen bei entsprechender &agr;-Adjustierung kein Signifikanzniveau mehr. Deshalb muß dieser Teil der zweiten Hypothese zurückgewiesen werden.

Für die Patienten mit psychoneurotischen Störungen deuten sich vor &agr;-Adjustierung folgende signifikante Änderungen der psychologischen Parameter über die Therapiesitzungen an: Abnahmen auf den BSF-Skalen “Engagement” während Funktioneller Entspannung (Tabelle 35) und “gehobene Stimmung” während Kunsttherapie (Tabelle 39).

Für die Gruppe der Patienten mit Somatisierungsstörungen ergeben sich über die Therapiesitzungen signifikante Abnahmen auf den BSF-Skalen “Engagement” bei rezeptiver Einzelmusiktherapie (Tabelle 44) und “gehobene Stimmung” während aktiver Einzelmusiktherapie (Tabelle 32) sowie eine Zunahme auf der GBB-Skala “Kopfbeschwerden” während rezeptiver Einzelmusiktherapie (Tabelle 44).

Versucht man eine Beschreibung im Überblick (Abbildung 21 bis Abbildung 24) fällt durch die Differenzierung in die beiden Diagnosegruppen insbesondere auf, daß die Befindlichkeit vor
-wie auch nach- den kreativtherapeutischen Verfahren unterschiedlich zu sein scheint und deutlich vom Tagesmittel abweicht. So scheinen vor allem die Patienten mit Somatisierungsstörungen ängstlich und aggressiv gestimmt zu sein, was nach den Therapien ein wenig nachläßt, während Patienten mit psychoneurotischen Störungen in den Therapien zwar auch aktiviert scheinen, jedoch mit weniger aversiver Tönung.

56

Abbildung 21 BSF-Skalen “Müdigkeit”, “ängstliche Depressivität” und “Ärger” vor und nach allen Therapieformen von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen (Differenzwerte).

57

Abbildung 22 BSF-Skalen “Teilnahmslosigkeit”, “Engagement” und “gehobene Stimmung” vor und nach allen Therapieformen von Patienten mit psychoneurotischen Störungen (Engagement: FE: t=3,58; d.f.=6; p<,05/ gehobene Stimmung:KT: t=2,75; d.f.=9; p<,05) und Somatisierungsstörungen (Engagement: RMT: t=-3,27; d.f.=7; p<,05/ gehobene Stimmung: AMT: t=-2,30; d.f.=10; p<,05) (Differenzwerte, *=p<,05 vor &agr;-Adjustierung).

58

Abbildung 23 GBB-Skalen “Erschöpfung”, Gliederschmerzen” und “Herzbeschwerden” vor und nach allen Therapieformen von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen (Differenzwerte).

59

Abbildung 24 GBB-Skalen “Magenbeschwerden” und “Kopfbeschwerden” sowie GBB-Item “Neigung zum Weinen” vor und nach allen Therapieformen von Patienten mit psychoneurotischen Störungen und Somatisierungsstörungen (Kopfbeschwerden: RMT: t=2,38; d.f.=7; p<,05) (Differenzwerte, *=p<,05 vor &agr;-Adjustierung).

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Zusammenfassung

Patienten mit psychoneurotischen Störungen zeigen höhere Herzfrequenz- und Blutdruckwerte. Vor allem die Basiswerte der Herzfrequenz, die während der Nacht in Ruhe gemessen wurden, unterscheiden sich signifikant, aber auch unter Therapiebedingungen haben Patienten mit psychoneurotischen Störungen höhere Meßwerte.

Anhand der EMG-Werte ist keine eindeutige Zuordnung zu den Gruppen möglich. Patienten beider Diagnosegruppen reagieren unterschiedslos wie die Gesamtstichprobe mit einer Abnahme des EMG-Niveaus während der Therapiephase bei verbaler Gruppentherapie, Einzeltherapie, Funktioneller Entspannung, Musiktherapie und rezeptiver Einzelmusiktherapie und mit einer Aktivierung während der Therapiephase bei Kunsttherapie und aktiver Einzelmusiktherapie. Die EMG-Werte scheinen bei beiden Gruppen in gleichem Maße durch die Bewegungsaktivität der Patienten beeinflußt zu sein.

Für die psychologischen Parameter finden sich nach der Differenzierung in die beiden Diagnosegruppen nach &agr;-Adjustierung keine nachweisbaren Veränderungen über die Therapiesitzungen. Der augenfälligste Unterschied zwischen den Gruppen ergibt sich für die Stimmungswerte vor und nach den kreativtherapeutischen Interventionen. Hier scheint die Gruppe mit psychoneurotischen Störungen generell aktivierter, die Gruppe mit Somatisierungsstörungen eher ängstlicher und aggressiver zu sein. Die Überprüfung dieser Befunde wird im folgenden Kapitel dargestellt.

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