Günther, Lukas: Thema: “Charakterisierung des Proliferationsverhaltens östrogen-positiver und östrogen-negativer Zellen des Mammakarzinoms durch Vermessung argyrophiler Nukleolus-organisierender Regionen (AgNORs)”

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Kapitel 6. Zusamenfassung

Das Mammakarzinom ist als häufigstes Malignom der Frauen der westlichen Welt nach wie vor Gegenstand intensiver Forschung. Dabei wird vor allem eine Verbesserung der Prognoseeinschätzung angestrebt.

Trotz großer Fortschritte in den biologischen Grundlagendisziplinen existieren bis heute keine präzisen Prognosefaktoren. Dies gilt insbesondere, wenn ein negativer axillärer Lymphknotenstatus vorliegt.

Im Rahmen der Einschätzung der Proliferationsaktivität von Tumoren erlebte die Erforschung der seit 1931 bekannten AgNORs in den letzten Jahren eine Renaissance. AgNORs sind mit einer einfachen Versilberungstechnik visualisierte Nukleolus-organisierende Regionen (NORs). Diese NORs wiederum bestehen aus Schleifen ribosomaler DNA und assoziierten, argyrophilen Regulatorproteinen (NORAPs). AgNORs lassen sich durch Anzahl-, Flächen- und Lageparameter beschreiben. Die Methode der Wahl zur Quantifizierung der AgNORs ist die computergestützte digitale Bildanalyse. AgNORs werden in erster Linie zu den Proliferationsmarkern gezählt, sie bieten jedoch auch Hinweise auf die Zelldifferenzierung und die Prognose von Tumorerkrankungen.

Die Bestimmung des Östrogenrezeptorstatus beim Mammakarzinom ist seit vielen Jahren Bestandteil der pathologischen Routinediagnostik. Neben einer Einschätzung der Sensibilität des Tumors gegenüber antiöstrogener Therapie lassen sich in begrenztem Rahmen auch Aussagen über die Prognose der Tumorkrankheit machen. Dabei ist jedoch die genaue Quantität der Östrogenrezeptoren von untergeordneter Bedeutung. Der Östrogenrezeptorstatus läßt sich sowohl immunhistochemisch (ER-ICA) als auch biochemisch (EIA) bestimmen.

AgNOR-Merkmale und Östrogenrezeptorstatus kennzeichnen unterschiedliche und zum Teil auch gegensätzliche biologische Tumoreigenschaften. Bestehende Zusammenhänge zwischen beiden Markern wurden bisher nur auf Fallebene, daß heißt durch den Vergleich von Ergebnissen unterschiedlicher Bestimmungsmethoden, jedoch nie auf Zellebene diskutiert.

Um eine direkte Beziehung zwischen beiden Parametern innerhalb der Tumorzelle nachzuweisen, wurde eine neue Färbemethode entwickelt, mit der es möglich ist, AgNORs und Östrogenrezeptoren im selben histologischen Schnitt darzustellen. Im ersten Färbeschritt dieser Simultanfärbung werden die Östrogenrezeptoren mit Hilfe einer immunhistochemischen Technik markiert. Im zweiten Schritt werden die argyrophilen Proteine der NORs mit einer Versilberungsmethode dargestellt.


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Nach Standardisierung des Färbealgorithmus wurde mit Hilfe einer Testserie und deren vergleichenden Auswertung eine mögliche gegenseitige Beeinflussung der Färbe-methoden ausgeschlossen.

Zur Quantifizierung des Färbeergebnisses mußten die AgNORs in den farbig markierten Tumorzellen vermessen werden. Diese Aufgabe wurde am Farb-Bildverarbeitungs-system AMBA gelöst. Dazu war es notwendig, das Vermessungsprogramm AMBA\ norcolor zu entwerfen und auf die spezielle Problemstellung zuzuschneiden.

Zur Vermessung kamen letztendlich histologische Schnitte von 49 Mammakarzinomen verschiedener histopathologischer Differenzierung. Es wurden jeweils 100 östrogen-positive und östrogen-negative Tumorzellkerne in die Messungen einbezogen.

Östrogen-positive und östrogen-negative Zellen des Mammakarzinoms unterscheiden sich deutlich hinsichtlich ihrer AgNOR-Ausstattung.

Dabei sind östrogen-negative Zellen vor allen Dingen durch größere Mengen kleinerer AgNORs gekennzeichnet. Dies ist einerseits ein Merkmal von Zellen niedriger histopathologischer Differenzierung [Reeves et al. 1984 siehe ]. Andererseits kennzeichnet die Korrelation zwischen AgNOR-Anzahlen und Tumorproliferationsraten [Derenzini et al. 1989b siehe und 1990 siehe ] die östrogen-negativen Tumorzellen als stärker proliferations-aktive Zellpopulation. Weiterhin existiert eine Korrelation zur Wachstumsfraktion (Ki-67) des Tumors.

Bei östrogen-positiven Zellen kommt es bei geringeren AgNOR-Anzahlen zu einem besonderen Clusterungsphänomen. Demnach weist diese Zellgruppe eine im Vergleich niedrigere Proliferationsaktivität auf. Nach Rüschoff et al. 1994 siehe ist eine zunehmende Zusammenlagerung der AgNOR-Einzelstrukturen ein Ausdruck einer höheren Zelldifferenzierung.

Bei der Untersuchung von Zusammenhängen zwischen den AgNOR-Merkmalen der Tumorzellen und anderen histopathologischen Malignitätskriterien des Tumors, wie zum Beispiel dem Bloom-Richardson-Grading oder der Wachstumsfraktion (Ki-67), wurde zwischen den Kategorien “Gesamttumor”, “Östrogen-negative Zellen” und “Östrogen-positive Zellen” unterschieden. Überraschend zeigten sich hier hohe Korrelationen ausschließlich bei den östrogen-negativen Zellen. Die AgNOR-Ausstattung östrogen-positiver Zellen bleibt von diesen Zusammenhängen unbeeinflußt.

Je größer die Östrogenpositivität des Gesamttumors (beschrieben durch den Estrogen-Receptor-Immuno-Cytochemical-Assay), desto niedriger ist die AgNOR-Anzahl bei östrogen-negativen Zellen. Das bedeutet, daß eine zunehmende Differenzierung des Tumors ebenfalls Auswirkungen auf die Teilungstendenz der eigentlich proliferations-aktiven Zellen des Tumors hat.


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Nach den vorliegenden Ergebnissen konnten die östrogen-negativen Tumorzellen des Mammakarzinoms als Fraktion mit deutlich höherer Proliferationsaktivität charak-terisiert werden. Diese Zellgruppe läßt sich mit der Simultanfärbung für Östrogen-rezeptoren und AgNORs selektiv darstellen und analysieren.

Die Eigenschaften der östrogen-negativen Tumorzellen legen einen bestimmenden Einfluß auf die Progression des Tumorleidens nahe. Somit wird die Krankheitsprognose von Patientinnen mit östrogen-positiven Mammakarzinomen wahrscheinlich von der Proliferationsaktivität der östrogen-negativen Tumorzellfraktion bestimmt. Eine genaue Untersuchung dieses Zusammenhangs bleibt weiteren Untersuchungen auf Grundlage entsprechender follow-up-Daten vorbehalten.


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