Neumeyer, Rita: Metastasierungsverhalten und Prognose von verrukösen Karzinomen - Literaturübersicht und retrospektive Studie -

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Kapitel 1. Einleitung

1.1. Historischer Überblick

Im Jahr 1896 beschrieb Buschke [35] und im Jahr 1925 beschrieben Buschke und Loewenstein [36] eine verruköse Läsion des Penis, die im histologischen Bild einem typischen spitzen Kondylom glich, aber klinisch als Karzinom erschien, jedoch keine Anzeichen von Metastasen aufwies.

Diese "carcinomähnlichen Condylomata acuminata des Penis“ müssen rückblickend als Sonderformen des verrukösen Karzinoms (VK) angesehen werden [170]. Anfang der dreißiger Jahre (1932) benutzte Gottron den Begriff "Papillomatosis cutis“, um blumenkohlartige Wucherungen an den unteren Extremitäten zu beschreiben [90]. Von Nikolowski und Eisenlohr wurde dieser in einer nachfolgenden Untersuchung als "Papillomatosis cutis carcinoides“ präzisiert und 1950 von Miescher als "hoch differenziertes papilläres Spinalkarzinom“ eingeordnet [136].

Kren beschrieb 1934 kondylomatöse Tumoren der Zunge, des Gaumens und des Zäpfchens [121].

1941 berichteten Friedell und Rosenthal erstmals über 8 Patienten mit verrukösen Läsionen an der bukkalen Mukosa und dem unteren Zahnfleisch, die sich an den Stellen entwickelten, an denen Tabakpriem plaziert wurde [78].

Ackerman beschrieb 1948 in einer Studie über 31 Patienten mit oralen VK als erster die typischen makroskopischen und mikroskopischen Besonderheiten dieses gut differenzierten Plattenepithelkarzinoms (PEK) und prägte für diese spezielle Form den Begriff "verruköses Karzinom“. Er berücksichtigte bei der Wahl dieses Namens, daß es sich um ein lokal aggressives, exophytisch wachsendes, gut differenziertes PEK mit einer sehr geringen Neigung zum Metastasieren handelte. Der Grundgedanke bei der namentlichen Abgrenzung von anderen PEK war, daß die VK, auch wenn sie sehr ausgedehnt waren, eine exzellente Prognose hatten [3]. Nach ihm wird dieser Tumor auch "Ackerman-Tumor“ genannt [32]. Seitdem wurde das VK an vielen anderen Körperstellen gefunden (s. 2.1).

Aird et al. beschrieben es 1954 unter der Bezeichnung "Epithelioma cuniculatum“ am Fuß [9].

1960 prägten Rock und Fisher den Begriff "floride Papillomatose“, um konfluierende


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multiple Knötchen in Mundhöhle und Larynx bei 3 Patienten zu beschreiben. Deren lokal aggressive, aber klinisch gutartige Natur wurde von Wechsler und Fisher 1962 durch den Begriff "orale floride Papillomatose“ hervorgehoben [222].

Das verruköse Karzinom wurde als Variante des PEK in der internationalen histologischen Tumorklassifikation der WHO unter folgender Definition akzeptiert: Das Erscheinungsbild und Verhalten dieses Tumors sind charakteristisch. Er zeigt einen niedrigen Malignitätsgrad, ist deutlich exophytisch und zerstört darunterliegendes Gewebe, Knochen eingeschlossen, mehr als in es einzudringen. Histologisch ist das VK charakterisiert durch große, stark keratinisierte bulböse Epithelzapfen, die z. T. zentrale Degeneration aufweisen. Mitosen sind selten. [219]

Trotzdem dieses Karzinom nun schon fast 50 Jahre bekannt ist, ruft es immer noch Schwierigkeiten bei der Diagnose und kontroverse Meinungen in Bezug auf die optimale Therapie hervor.

Anlaß für diese Arbeit war das gehäufte Auftreten des Karzinoms in der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) der Charité in den letzten Jahren, was zu einem Überdenken der bisherigen Therapiestrategie führte und ein spezielles Interesse an der Notwendigkeit der Mitbehandlung des Lymphabstromgebietes weckte. So waren hier 1994/95 8 Patienten mit VK in Behandlung. Dabei handelte es sich in 5 Fällen um Neuerkrankungen und in 3 Fällen um Rezidive.

Um die Studie durch eine größere Patientenzahl aussagekräftiger zu machen, wurden zusätzlich die Patienten der Hals-Nasen-Ohren-(HNO)-Klinik hinzugezogen.


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1.2. Zielsetzung

Ziel dieser Arbeit ist es,

  1. einen Literaturüberblick über die charakteristischen Merkmale und Besonderheiten des verrukösen Karzinoms sowie die therapeutischen Möglichkeiten zu geben und
  2. das Patientengut der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und der Hals-Nasen-Ohrenklinik unter der besonderen Fragestellung des Metastasierungsverhaltens und der Prognose von verrukösen Karzinomen auszuwerten,
um so die beste Therapie herauszuarbeiten, insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Notwendigkeit der Mitbehandlung der ableitenden Lymphwege.
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