Riedel, Frank: ”Prävalenz schlafbezogener Atmungsstörungen bei Herzschrittmacherpatienten“

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Kapitel 1. Geschichtlicher Überblick und Zielsetzung

Die Prävalenz schlafbezogener Atmungsstörungen (SBAS) beträgt ca. 3 - 4 % der Gesamtbevölkerung mit einem Häufigkeitsgipfel bei männlichen Patienten im Alter zwischen 45 - 65 Jahren [ 12 , 24 , 51 , 79 , 89 ].

Vornehmlich die kardiovaskulären Folgeerkrankungen wecken zunehmend das wissenschaftliche Interesse an den SBAS [ 70 ]. In der Medizingeschichte bis zur Mitte dieses Jahrhunderts wurde den SBAS aus Unkenntnis keine Bedeutung beigemessen, obwohl erste Beschreibungen sich schon in der medizinischen Literatur des späten 18. und 19. Jahrhunderts fanden [ 61 , 64 ]. Weitere sporadisch publizierte Kasuistiken erhielten in der Folgezeit nur wenig Beachtung. Erst rund 2 Jahrhunderte später, in den 60er Jahren der heutigen Zeit, mit dem technischen Fortschritt der Polysomnographie, wurde die Bedeutung der SBAS erkannt und intensiv erforscht [ 12 ].

1956 führten Burwell et al. [ 17 ] ein Krankheitsbild mit extremer Fettleibigkeit - assoziiert mit alveolärer Hypoventilation - in die internistische Differentialdiagnostik als Pickwick-Syndrom ein. Heute ist als zugrundeliegende Erkrankung dieser Patienten das Schlafapnoesyndrom (SAS) bekannt [ 25 , 83 ], welches die Hauptmanifestationsform der SBAS darstellt. Dabei war es das Verdienst der Deutschen Arbeitsgruppe aus Freiburg, Jung und Kuhlo [ 45 ], die Zusammenhänge zwischen der Schlafapnoe und der Entstehung des Pickwick-Syndroms erkannt zu haben [ 25 ].

Wie die Erforschung des Schlafes, so wurde auch die systematische Untersuchung der Herz-Kreislauf-Funktionen durch den technischen Fortschritt enorm vorangetrieben. Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ermöglichte nur der persönliche ärztliche Einsatz eine Langzeituntersuchung von Kreislaufparametern. Erst Jahrzehnte später konnte durch die Erforschung des Schlafes an sich und den Einsatz der apparativen Langzeitregistrierung die Untersuchung von Kreislaufparameter in verschiedenen Vigilanzzuständen erfolgen [ 101 ]. Heute gelten die Zusammenhänge zwischen SBAS, kardiovaskulären und kardiopulmonalen Störungen sowie Morbidität und Mortalität als weitgehend gesichert [ 25 ].

Die hohe Prävalenz SBAS und die Beeinflussungen des kardiovaskulären Systems mit den entsprechenden Folgeerkrankungen ließen die SBAS nicht nur für den Wissenschaftler, sondern auch für den Kliniker zu einem wichtigen Krankheitsbild werden. Hat vor rund 15 Jahren noch kaum jemand in der Allgemeinpraxis an SBAS bei der Behandlung von Patienten gedacht [ 66 ], so beweisen die Vielzahl von Publikationen den gestiegenen Stellenwert der SBAS.

Zahlreiche Veröffentlichungen bestätigen das Auftreten von nächtlichen Bradyarrhythmien als Folge eines erhöhten Vagotonus während einer Apnoe [ 53 , 54 ]. Die Induktion permanenter bradykarder Rhythmusstörungen durch SBAS über die Nacht hinaus wird dagegen in der Literatur für unwahrscheinlich erachtet [ 34 , 52 , 53 , 54 ]. Andererseits gilt die Koinzidenz SBAS, insbesondere des obstruktiven Schlafapnoesyndroms, mit arterieller Hypertonie [ 70 , 71 , 122 ], pulmonaler Hypertonie [ 20 , 102 ] oder einer koronaren Herzerkrankung [ 3 , 22 ] als gesichert.


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Zielsetzung:

Aus der Überlegung heraus, die Koinzidenz SBAS mit koronarer Herzerkrankung, arterieller und pulmonaler Hypertonie könnte über eine Schädigung der Automatiezentren des Herzens oder anderer kardialer Strukturen zur Entwicklung schrittmacherbedürftiger Herzrhythmusstörungen beitragen, soll eine Prävalenzstudie für SBAS bei Herzschrittmacherpatienten durchgeführt werden. Es wird untersucht, wie häufig SBAS bei Schrittmacherpatienten zu beobachten sind, und ob sich diese Prävalenz von der Häufigkeit SBAS bei Patienten ohne Herzschrittmacher unterscheidet.

Den Herzschrittmacherpatienten aus der Rhythmussprechstunde des Universitätsklinikums Charité ist ein Fragebogen zu den wichtigsten Symptomen SBAS zugesandt worden. Die Angaben der Patienten, welche sich zu einer ambulanten Untersuchung bereit erklärten, werden mit den Angaben der nicht weiter diagnostizierten Patienten verglichen, um systematische Fehler bei der Patientenauswahl erkennen zu können. Für die anschließende Screeninguntersuchung auf SBAS kamen tragbare Schlafapnoe-Monitoring-Geräte (MESAM IV) zum Einsatz. Die Registrierung erfolgte ambulant für eine Nacht. Als Grundlage für die Beurteilung über das Vorliegen SBAS wird der respiratorische Gesamtindex (RDI) verwendet. SBAS liegen dann vor, wenn der RDI S 10 pro Stunde Schlaf beträgt, unabhängig vom Bestehen einer zusätzlichen klinischen Symptomatik beim Patienten. Die so ermittelte Prävalenz SBAS im untersuchten Kollektiv von Herzschrittmacherpatienten wird im Vergleich zu den Ergebnisse anderer Prävalenzstudien an Patienten ohne Herzschrittmacher gewertet.


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