Riewe,
Dagmar:
Widerspiegelung der Sprachproduktion im Hochfrequenzbereich des EEG Pilotstudie zur Anwendbarkeit der Subpotentialanalyse für die Erforschung kognitiver Prozesse

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Kapitel 4. Diskussion

Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Suche nach einer geeigneten Methodik, um die neurophysiologische Basis kognitiver Prozesse zu erschließen, die der Sprachgenerierung des Menschen inhärent verbunden ist. Dieser Schwerpunktsetzung ist es geschuldet, daß die Diskussion dieser Pilotstudie die angewandte Methodik zu berücksichtigen hat, bevor auch einige inhaltliche Ergebnisse diskutiert werden.

4.1. Allgemeine Aspekte

4.1.1. Motorische Bereitschaftspotentiale

Es war von vorn herein klar, daß neurophysiologische Prozesse der sprachgebundenen Kognition allein mit der Ableitung von motorischen Bereitschaftspotentialen vor dem Sprechen nicht zu erkunden sind. Denn zum einen sind diese Potentiale, wie es auch in der vorliegenden Studie gezeigt werden konnte, in ihrem Amplituden-Zeit-Template so wenig strukturiert, daß sie keine Schlußfolgerungen auf algorithmische Prozesse im neuronalen Substrat erlauben. Nach Untersuchung ihrer spektralen Zusammensetzung sind sie durch einen überproportional hohen Anteil an delta-Aktivität geprägt. Zum anderen zeigen diese Potentiale keine signifikanten örtlichen Unterschiede, weder zwischen den links- bzw. rechthemisphärischen, noch zwischen den frontalen und zentralen Ableitungen.

Die geringe zeitliche wie örtliche Auflösung spiegelt mithin eine kohärente Massenaktivität in der Hirnrinde wider, die, wie vor jeder anderen


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intendierten Bewegung, offenbar mit der Bildung eines efferenten Innervierungsmusters verbunden scheint, um das willkürliche Sprechen des Homonyms ”Leiter“ in diesem oder jenem Sinne zu realisieren. Daß dieses Innervierungsmuster beim Sprechen recht umfangreich und zeitlich abgestimmt Atmung, Kehlkopf und orofaziale Muskulatur miteinander koordiniert, liegt nahe. Denn zum Sprechen muß die Atmung auf Exspiration gestellt sein. Es muß sich der zur Stimmerzeugung notwendige subglottische Druck entwickeln. Die Plica vocalis muß geschlossen und gespannt werden. Zur Phonation muß die unter Druck exspirierte Luft stoßweise durch die Stimmritze in Form von Bernoullischwingungen in Richtung Cavum oris hindurchgepreßt werden. Schließlich sind die Resonanzräume des stomatognathen Systems, die durch Zunge, Wangenmuskulatur, Zahnreihen, Gaumen und Nebenhöhlen gebildet werden, durch muskuläre Stellglieder so zu beeinflussen, daß die Stimme artikulatorisch zu verständlicher Sprache geformt wird. Während des Sprechens kommen umfangreiche Reafferenzen hinzu, die kontrollierend und modifizierend in den Verlauf des Sprechens eingreifen. Dies alles erfordert eine sehr präzise, räumlich wie zeitlich abgestimmte sowie unbedingt bilateral symmetrische Innervierung. Wie sprachliche Prozesse beeinträchtigt werden, zeigen besonders Patienten mit Halbseitenlähmung nach einer Apoplexia cerebri. Unter dieser Sicht können hemisphärische Unterschiede in den abgeleiteten Bereitschaftspotentialen nicht unbedingt erwartet werden. Deecke et al. berichteten aber, daß bei Anerkennung der Bilateralität des Bereitschaftspotentials das Sprechen nach angehaltener Atmung sog. ”respiration-related potential shifts“ vermeidet, was in den letzten 100 - 200 ms der präreaktiven Phase zu größerer linkshemisphärischer Negativierung führen soll [ DELK86 ].

Die Ableitung motorischer Bereitschaftspotentiale vor der Vokalisation diente also nicht dem Zweck, die semantische Verwendung des Homonyms ”Leiter“ in dem einen oder anderen Sinne mit diesen Kriterien zu objektivieren. Vielmehr galt es, 1. mit dem Bereitschaftspotential einen objektiven elektrophysiologischen Parameter zu erfassen, der bei Abwesenheit sonstiger muskulärer Bewegungen des Probanden ausschließlich auf dessen Tätigkeit des Sprechens bezogen ist. Mit dem Amplituden-Zeit-Template dieses Potentials ist 2.


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die Möglichkeit gegeben, die episodische Struktur vorausgehender kognitiver Prozesse auf dieses Bereitschaftspotential und damit auf den Sprachbeginn zu relativieren, beides Voraussetzungen zur Klärung der Hypothese 1.

Daß darüber hinaus versucht wurde, aus diesem Potentialphänomen im Rahmen dieser Studie auch inhaltliche Ergebnisse zu evaluieren, folgte einerseits dem Wunsche, diese Präsentation mit publizierten Ergebnissen anderer Autoren vergleichen zu können, andererseits der Notwendigkeit, Vorteile neuerer Methologien besser schätzen zu können.

4.1.2. Subpotentiale: Events, Dichte, Kohärenz

Im Zentrum der methodischen Untersuchung stand ein nichtperiodisches, biphasisches Potential-Phänomen, welches Bartsch und Krüger mit Hilfe der MWCC und einer breitbandigen Potentialannahme (10 - 400 Hz), gebildet durch die 1. Ableitung der Gausschen Fehlerverteilungsfunktion, mit entsprechend breitbandig abgeleiteten ECoG- und EEG-Ableitungen des Menschen nachweisen konnten. Dieses Phänomen erwies sich in Untersuchungen außerhalb dieser Pilotstudie in seiner Amplitude, Dichte und Kohärenz in hohem Maße als abhängig vom Ableitort und als beeinflußbar durch Vigilanz, Aufmerksamkeit und kognitive Beanspruchung [ BKM97 , K98 ].

Das erklärte Ziel dieses methodischen Entwicklungsweges war, eine Brücke von den makroelektrophysiologischen Phänomenen der Elektroenzephalographie bzw. Elektrokortikographie zu den mikroelektrophysiologischen Phänomenen der single- bzw. multi-unit-Ableitung zu schlagen, um die Übergänge zwischen beiden Systemebenen transparenter und auf einander beziehbarer zu gestalten. Insofern erklärt sich auch ein Teil der Aufgabenstellung, diese Analyse in Zeitzonen durchzuführen, die eindeutig auf Teilbereiche des motorischen Bereitschaftspotentials bezogen sind.

Eine ausschließliche spektralanalytische Orientierung auf das gamma-Band, dem auch die Subpotentiale zuzurechnen sind, erwies sich als nicht aussichtsreich. Einerseits sind erregende und hemmede postsynaptische Aktivitäten im


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unteren gamma-Band nach spektralanalytischen Gesichtspunkten nicht eindeutig zu unterscheiden, besonders wenn in einem Prozeß slow-EPSP und fast-IPSP beteiligt sind. Andererseits werden stärker wechselnde Intervalle von relativ diskreten Potentialstrukturen in gemittelten Spektren eliminiert. Ein anderes Kriterium ist die zeitliche Kontinuität, die entweder durch die niedrigst zugelassene Frequenz gestuft wird oder nur durch aufwendige gleitend übergreifende Analytik erhalten bleibt.

Vielmehr mußte ein Zugang gefunden werden, der aufgrund seines Generierungsprozesses auch eindeutig auf Erregungsprozesse zu beziehen ist. Die Signaleingrenzung auf ausschließlich erregende Prozesse kortikaler Informationsverarbeitung ergibt sich aus den Netzwerkeigenschaften der Hirnrinde, wonach jede erregte Pyramidenzelle grundsätzlich durch eine von ihr initiierte perifokale Hemmzone mit Durchmessern von 500 µm und mehr umgeben ist [ C83 ], erregende Zielstrukturen daher im weiteren Umfeld zerstreut verteilt sind. Auf die Masse kortikaler Nervenzellen bezogen bedeutet dies, daß die verteilt erregten Neurone in einem Netz überwiegend gehemmter Neurone die Ausnahme sind. Die dadurch für die Erregungsprozesse verknappten neuronalen Ressourcen werden zusätzlich durch einen 10 bis 20 mal länger dauernden Hemmprozeß im perifokalen Umfeld an weiterer Erregungsausbreitung (Irradiation) gehindert, wenn nicht gänzlich neue bzw. unerwartete Anforderungen an das informationsverarbeitende neuronale Netz gestellt werden. Dies könnte u.a. durch Wegfall oder Umorganisation solcher perifokalen Hemmungen beispielsweise im ereigniskorrelierten Potential eine P300-Welle hervorrufen, die man mit umfangreicher Aktualisierungen der Wahrnehmung [ R85 ] oder durch den Abstand zu einer inneren Referenz erklärt [ UPT+86 ].

Als aussichtsreicher Zugang bot sich der Nachweis lokaler Feldpotentiale an, die in enger zeitlicher Korrelation zur multi- [ EO93 , EKGS90 , GS89 , GEKS92 , MM95 , MF92 ] und single-unit-activity [ ES95 ], mit gleicher Mikroelektrode im Neuropil der Hirnrinde abgeleitet werden können. Ihre über größere Distanzen nachweisbare Kohärenz [ MF92 ] ließ vermuten, daß diese LFP auch an der Hirnrinde und eventuell auch am Skalp nachweisbar sein könnten. Entspre-


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chend durchgeführte Experimente am Affen schienen einer solchen Möglichkeit eher zu widersprechen [ EBR+95 ]. Mit Hilfe der angegebenen korrelativen Suchmethode gelang es jedoch Bartsch und Krüger, in Gestalt und Frequenzinhalt vergleichbare Phänomene sowohl im ECoG von Patienten mit fokaler Epilepsie wie im EEG an hirngesunden Probanden nachzuweisen. Sie bezeichneten dieses Phänomen, das nicht mit gleicher Elektrode synchron zur MUA abgeleitet, sondern mit Hilfe eines Suchtemplates im hochfrequenten EEG und ECoG nachgewiesen wurde, deshalb als Subpotential [ KB96 ].

Resonanzphänomene, die durch besondere spektrale Leistungen ausgewiesen wären, ließen sich jedoch weder unter Variation der Suchbedingungen noch unter Variation paradigmatischer Versuchsgestaltung nachweisen. Mit der Erhöhung der Frequenzgrenzen des zugelassenen Bandbereichs wurde nämlich die Anzahl an LFP ständig weiter erhöht, bis schließlich hochfrequente Phänomene erhalten wurden, die in ihrer triphasischen Gestalt Aktionspotentialen ähnlich waren [ KB98 ]. Da Analysen dieser Art eine hochfrequente AD-Wandlung erfordern, mithin auch extrem hohe Datenmengen produzieren, waren für die SP-Analyse letztlich pragmatische Gründe nach Maßgabe gegebener Rechentechnik (solche Kriterien waren in erster Linie Speicherkapazität und Rechengeschwindigkeit) für die Festlegung der Randbedingungen ausschlaggebend. Nachdem von Krüger [ K98 ] bewiesen werden konnte, daß sich weder Dichte noch Template des SP bei AD-Wandlungen von 2000 und 20.000 Hz voneinander unterscheiden, wurden die Analysen mit einer AD-Wandlungsrate von 2000/s durchgeführt, um bei Mehrkanalableitungen bis zu 30 Elektroden herkömmliche Rechentechnik einsetzen zu können.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme der vorliegenden Untersuchungen befand sich der Entwicklungsstand der Subpotentialanalytik noch am Anfang. Gegeben war die Nachweismethode der SP-events mit einer aufwendigen template-optimierten Suchmethode. Entwickelt war auch die Kohärenzanalyse zur Phase ”0“, um in Anlehnung an das von Chr. von der Malsburg postulierte Prinzip ”feature binding by synchrony“ [ MS88 ] erste Hinweise auch im Rahmen der Sprachproduktion des Menschen zu erhalten. Diesem methodologischen


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Entwicklungsstand ist es auch geschuldet, daß die hier zur Diskussion stehenden Ergebnisse sich ”nur“ auf eine bilateral symmetrische Vierkanalableitung beziehen. In Vorversuchen mit ausschließlicher Analyse motorischer Bereitschaftspotentiale ergab sich kein zwingendes Bedürfnis, die Anzahl der Ableitelektroden bedeutend zu erhöhen. Rechentechnische Voraussetzungen für eine Mehrkanalableitung bei AD-Wandlungsraten von 2 kHz waren aufgrund mangelhafter Speicherkapazität noch nicht ausreichend gegeben. Auch die Positionierung der Ableitelektroden auf die Positionen C3/F3 bzw. C4/F4 war zur Vermeidung größerer Kontaminationen durch Muskelartefakte, besonders im HF-Bereich des EEG, gewählt worden - und die gesamte Gestaltung des Versuchsparadigmas und die Aspekte der SP-Intervallanalyse waren dadurch geprägt (s.d.).

Zwischenzeitlich wurde die SP-Analytik bedeutend erweitert. Hinzugekommen sind die SP-Feldanalyse, die Kohärenzanalyse mit definierten Zeitverzögerungen, korrelative Beziehungen zwischen Feld und Kohärenz sowie eine rekonstruierende Rückfaltung von SP-events in on-going-EEG-Ableitungen nach Maßgabe der dynamischen SP-Feldentwicklungen.

Mit der Feldanalyse wird das Quellgebiet eines Subpotentials bestimmt. Es setzt sich danach aus einem Nahfeld und einem gegensinnig gepolten Fernfeld zusammen. Nur die Nahfelder sind relativ stabil gegenüber mentalen Beanspruchungen. Die Kohärenzanalyse ohne zeitliche Verzögerung beginnt mit höchster Wahrscheinlichkeit in Sektoren sich überlappender Nahfelder. Mit zunehmender Verzögerung breitet sich ein deutlich geringerer Anteil an kohärenten SP in die Fernfelder aus, wobei sich Ortveränderungen bis zu 120 m/s ermitteln lassen. Nach einer längeren Verzögerung im Fernfeld kommt es nach Latenzzeiten von 6 - 9 ms zu einer schnellen Rückkehr der kohärenten Aktivität in den Nahfeldbereich. Diese Prozesse laufen bei unterschiedlicher mentaler Beanspruchung stets ähnlich ab, unterscheiden sich aber in ihrer Quantität und in ihren örtlichen Koordinaten. Faltet man die Nahfeld-Fernfeldmodule einer Vielkanalableitung nach Maßgabe der SP-event-Analyse, entstehen in der Ableitfläche schnell wechselnde elektrische Felder mit


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chaotischem Verhalten. In einzelnen Ableitpositionen rekonstruierte Potentialzeitfunktionen unterscheiden sich von einer EEG-Ableitung dieser Bandbreite (10-400 Hz) nur in ihrer Amplitude, aber sie ergeben sich als komplexe Widerspiegelung aus zahlreich sich überlagernden Nahfeld-Fernfeld-Konfigurationen. Was auch immer dies für die algorithmische Informationsverarbeitung im Kortex bedeutet, diese Erkenntnisse konnten nur dadurch ermittelt werden , daß das Ableitfeld durch eine gitterförmige Anordnung von 30 und mehr Ableitelektroden erfaßt und die Analyse auf jede der einzelnen Elektroden bezogen wiederholt wurde. In invasiven Ableitungen an Patienten mit subdural implantierten Elektrodengrids (mittlerer Elektrodenabstand 10 mm) konnten so Unterschiede zwischen normal und epileptogen arbeitenden Rindenarealen nachgewiesen werden. Simultan am Skalp abgeleitete SP zeigen bei 30 % geringerer Amplitude vergleichbare Templates und Dichten [ K98 ]. Zwischenzeitlich mit Elektrodengrids (mittlerer Elektrodenabstand 10 mm) am Skalp abgeleitete EEG-Signale zeigen eine vergleichbar gute räumliche Auflösung aller SP-Parameter wie bei subduraler Installation [ B98 ]

Der neueste Stand der SP-Analytik macht zumindest eines deutlich, daß die am Skalp evalulierten SP-Phänomene gleichen Gesetzmäßigkeiten folgen wie bei subduraler Ableitung. Dagegen erscheint es als erwiesen, daß sie im Kortex generierte lokale Feldpotentiale sind, die sich weder in ihrem gemittelten Template noch nach ihrem Frequenzinhalt vom zeitkorrelierten LFP einer multi-unit-Ableitung unterscheiden. Der Beweis einer tatsächlichen Identität zu diesem LFP steht indessen noch aus. Eine retrospektive Anwendung auf die hier zur Disposition stehenden vergleichsweise begrenzten Datensätze war jedoch nicht möglich.

4.1.3. Versuchsparadigma

Der Aufgabenstellung folgend galt es, ein geeignetes Versuchsparadigma zu entwickeln, das sich zur Analyse kognitiver Prozesse kortikaler Sprachgenerierung nach noninvasiver EEG-Ableitung im HF-Bereich eignet. Die damit verbundenen Prozesse des Sprechens erfordern in besonderem Maße den


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hochdifferenzierten Einsatz orofazialer Muskulatur zur Steuerung der Artikulation und die koordinierte Mitwirkung von Kehlkopf- und exspiratorischer Atemmuskulatur für die Phonation.

Die geforderte Aufgabenstellung, bei unterschiedlicher Semantik einen etwa identischen phoniatrischen und artikulatorischen Aufwand zu gewährleisten, um nach Möglichkeit mit einem vergleichbaren, mit Muskelartefakten kontaminiertem Signal rechnen zu können, konnte nur mit sog. Homonymen erfüllt werden. Hirngesunde Probanden beiderlei Geschlechts hatten deshalb den Auftrag, das Wort ”Leiter“, ergänzt mit Verben, Hilfsverben und Adjektiven, eindeutig zu erläutern.

Die Auswertung der Probanden-Befragung förderte ein buntes Bild an Verhaltensstrategien zur Aufgabenbewältigung zutage, das eine vertiefende Strukturierung der Auswertung nach der einen oder anderen Weise nicht erlaubte, weil dafür die Anzahl der untersuchten Probanden zu gering war. Kritisch muß festgestellt werden, daß dieses Versuchsparadigma mit seinem vorgegebenen Sprachrhythmus und der Vermeidung des Artikels vor dem Homonym dem Probanden ein artefizielles, gewöhnungsbedürftiges Sprachmuster aufzwingt, dem er individuell ausweicht und sich eigene Strategien zur Aufgabenbewältigung ausdenkt. Damit ist auch der voraussetzende kognitive Prozeß nur locker auf den Beginn des Sprechens zu relativieren. Erschwerend kommt hinzu, daß jeder Proband freie Wortwahl hatte, um ein innerlich gebildetes semantisches Modell zu beschreiben, zumal bekannt ist, daß z.B. Verben und Substantive unterschiedlich im ZNS verarbeitet werden [ PPLB95 , PPLB96 ]. Das einzig verbindende Merkmal ist folglich das mit dem Homonym korrespondierende semantische Modell. Dennoch kann nicht davon ausgegangen werden, daß dieses allein für die aufgedeckten Unterschiede verantwortlich ist. Wie sich herausstellte, gehen beide Wortanwendungen mit individuell unterschiedlich empfundenen Schwierigkeiten in der Wortkombinatorik einher. Also könnten die Unterschiede ebenso auf unterschiedlichen Schwierigkeiten in der Wortkombinatorik beruhen.


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Ergänzend sei angemerkt, daß - in Erwartung dieser Problematik - in Vorgesprächen verschiedene Homonyme auf ihre Verwendbarkeit geprüft wurden, so z. B. die Homonyme ”Ball“, ”Fuge“, ”Mutter“, ”Mark“ u.a. Die Entscheidung fiel nach diesen Voruntersuchungen auf ”Leiter“, nicht zuletzt auch deshalb, weil das Mikrofonsignal den Wortanfang sauber zu diskriminieren gestattete.

4.1.4. EEG-Ableitmethodik

Als Referenzelektrode wurden A1 und A2 (int. 10-20 System [ J58 ]) kurzgeschlossen. Damit sind alle Potentialphänomene auf diese Strecke bezogen und Interaktionen in transversaler und sagittaler Richtung können vergleichbar gut erfaßt werden. Das Problem der Referenzelektrode wurde in der Literatur wiederholt diskutiert [ GKK75 , GKK77 , SV77 , DELK86 ]. So stellen Szirtes und Vaughan eine umfassende Ausbreitung der sprachkorrelierten Aktivitäten fest und sagen, daß keine Elektrodenposition am Kopf als indifferente Referenz-elektrode dienen kann [ SV77 ]. Aber auch noncephale Elektroden sind ungünstig, da sie durch unkontrollierte Artefakte (z.B. Atmung und Herztätigkeit) beeinflußt werden [D+85]. Ergänzend sei hinzugefügt, daß neuere Programm-elemente der SP-Analyse, insbesondere die Feldanalyse eine errechnete ”common reference“ aus allen Ableitorten verwendet und jede Ableitelektrode auf diese gemittelte Referenz bezieht. So auch für die Ermittlung des SP-Templates.

4.1.5. Mikrofonsignal

Alle Sprachäußerungen wurden durch ein Mikrofon, 20 cm vor dem Orificium oris, erfaßt. Zum einen sollte damit der Sprachbeginn aufgezeichnet und außerdem sollte ein Tonbanddokument für jeden Versuch angelegt werden. Gegen die Verwendung des Mikrofonsignals zur Festlegung des zeitlichen Nullpunktes ist wiederholt Kritik geäußert worden [ GKK75 , GKK77 , DELK86 ]. So berichteten Grözinger et al. über eine Latenzzeit von 143 ms ± 47 ms zwischen dem EMG-Beginn des M. orbicularis oris und dem nachfolgenden Phonationsbeginn, der mit einem Kehlkopfmikrofon erfaßt wurde. Sie gehen


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davon aus, daß die Potentiale zwischen EMG-Beginn und Phonation hauptsächlich durch reafferente evozierte Potentiale und glossokinetische Potentiale hervorgerufen werden [ GKK75 ]. Von Deeke wird deshalb die Nutzung des Mikrofonsignals als Trigger als methodologischer Fehler bezeichnet. Bisher besteht jedoch keine verbindliche Festlegung des Nullpunktes für BP vor Willkürbewegungen und vor Vokalisation. Die Methode, für den Beginn der Artikulation die elektromyographische Aktivität des M. orbicularis oris zu verwenden, wie es Grözinger et al. vorschlugen [ GKK75 ], wurde verworfen, weil dieser Muskel für den Beginn der Artikulation des Wortes ”Leiter“ untypisch ist. Außerdem ist diese Methode mit Unsicherheiten verbunden, weil auch die nicht mit der Vokalisation zusammenhängende Tonusschwankungen des M. orbicularis oris die Triggerschwelle erreichen könnten und so zu Artefakten führen. Die vorliegenden Ergebnisse bestätigen hingegen, daß der Phonationsbeginn durchaus ein geeignetes Kriterium für die Triggerung ist. Es muß jedoch eingeräumt werden, daß wechselnde Lautstärken und wechselnde Artikulation die Ausprägung des Mikrofonsignals beeinflussen. Wiederholt mußten Probanden aufgefordert werden, schärfer zu artikulieren bzw. lauter zu sprechen. Dies war jedes Mal mit einer kurzdauernden Unterbrechung verbunden, bis die individuelle Synchronsation mit dem umlaufenden Zeiger vollzogen war. Diese Abschnitte wurden aus der späteren Auswertung eliminiert. In der zusammenfassenden Darstellung zu grand mean-BP wurde das Mikrofonsignal jeweils in seiner Standardabweichung abgebildet. Im Gegensatz zum grand mean des Mikrofonsignals, das gegen Null geht, markiert die Standardabweichung den Sprachbeginn. Gewöhnlich bildet es in den 250 ms perireaktiv gerade eben beide Silben des Homonyms ”Leiter“ ab.

4.1.6. Signalzentrierung auf den Beginn des Sprechens

Die Bildung von Signalstrecken, die auf den Beginn des Wortes ”Leiter“ ausgerichtet waren, erfolgte offline. Insgesamt sollten pro Trial 750 ms prä- und 250 ms perireaktiv erfaßt werden, um daraus entsprechende Bereitschaftspotentiale zu ermitteln und die Spektralanalyse über die Gesamtdauer von 1000 ms in den klassischen Frequenzbändern durchzuführen. Bei dieser Prozedur


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wurde jeder Trial, bestehend aus den Potentialentwicklungen über alle vier Ableitorte und dem Mikrofonsignal, auf dem Monitor des PC dargestellt und visuell auf artefizielle Veränderungen und auf Erfüllung der notwendigen Zeitvorgaben überprüft und entweder in die Analytik übernommen oder verworfen. Bei ca. 100 Trials lag die Erfolgsquote bei 42 (±8,5) für R und 43,3 (±7,7) für L. Die Signalselektion erfolgte stets durch die gleiche Person.

4.2. Diskussion der Hypothesen

4.2.1. Hypothese 1

Die über F3, F4, C3 und C4 nachgewiesenen Bereitschaftspotentiale sind auf die Tätigkeit des Sprechens zu beziehen. Insofern beruhen sie in ihrer präreaktiven zeitlichen Entwicklung auf einem vorbereitenden kognitiven Prozeß, der mit dem Beginn des Sprechens, also in seiner perireaktiven Entwicklung, noch durch die Reafferenz aus orofazialer Muskulatur, Atemmuskulatur und auditivem System erweitert wird. Obgleich die Versuchspersonen individuell sehr differenzierte Strategien zur Bewältigung dieser Aufgabe entwickelten (s.o.), kann das Mittelungsergebnis der hier untersuchten Population von 28 Probanden beiderlei Geschlechts mit deutlich überwiegender Rechtshändigkeit als repräsentativ angesehen werden. Die mit dieser Mittelung fixierten Ergebnisse konnten eine Hemisphärendominanz, wie sie von [ GKK77 ] und [ DELK86 ] beschrieben wurde, nicht bestätigen. Allerdings wurden besondere Verhaltens-anforderungen an die Probanden zur Vermeidung sog. ”respiration related potentials“ [ DELK86 ] nicht beachtet. Die Ergebnisse entsprechen mithin der Feststellung von Szirtes, daß bei willkürlicher Vokalisation der Beweis für das Bestehen einer händigkeitsgebundenen Hemisphärenasymmetrie fehlt [ SV77 ].

Die im Hintergrund vermuteten kognitiven Prozesse bilden sich in der relativ monotonen Entwicklung dieses Bereitschaftspotentials nicht ab. Dies gilt auch für die Anwendung des Homonyms ”Leiter“ in Kombination mit beschreibenden


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Verben und Adjektiven. Denn in der Kategorie als konkret räumliches Steiggerät sollte es sich nach den allgemeinen Erkenntnissen hemisphärischer Asymmetrie stärker aus rechtshemisphärischen Ressourcen rekrutieren als das Homonym im Sinne von ”Teamchef“. Hier dürften sich die verschiedenen Modelle der Probanden, die sich u.a. auf Gesichter konkreter Personen ihres Bekanntenkreises, also mehr rechtshemisphärisch [ BG97 ], oder auf deren Bewegungsmuster, Sprache oder Persönlichkeitsmerkmale, also mehr linkshemisphärisch, d.h. insgesamt weniger lateralisiert rekrutieren.

Andererseits dürfte auch die dem Probanden überlassene Wahl der in freier Kombination angewandten beschreibenden Worte die hemisphärischen Unterschiede verwischen, weil nicht darauf geachtet wurde, ob mehr sog. content (open-class) words oder function (closed-class) words verwendet wurden. Denn nach Pulvermüller et al. 1995 sind durch function words evozierte Potentiale mit größerer linkshemisphärischer Negativierung verbunden [PLB95].

Die gefundenen signifikanten Unterschiede zwischen den korrespondierenden Bereitschaftspotentialen beider Homonyme in Zeitzone 2 belegen nur ca. 1 % aller Stützstellen in dieser Zeitzone bzw. nur ca. 0,25 % der ausgewerteten Gesamtperiode dieses Potentials; sie dürften folglich zu vernachlässigen sein.

Unter Berücksichtigung der 4.1.1. beschriebenen methodenkritischen Hinweise bestätigen diese Befunde Hypothese 1 : BP sind für die Erforschung der Sprache nicht geeignet. Aber ihre Anwendung in Beziehung zu sprachgenerierenden Prozessen gestattet, die neurophysiologischen Teilprozesse auf den Beginn des Sprechens zu relativieren.

4.2.2. Hypothese 2

Sprachliche Kommunikation ist mit einem hohen kognitiven Einsatz sowohl für den produzierenden Bereich als auch für den rezeptiven Bereich verbunden. Nach Pulvermüller et al. muß spektralanalytisch für den Zeitbereich dieses Potentials eine überproportional hohe gamma-Aktivität erwartet werden [ PLPB95 ]. Sie


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bildet sich aber im Bereitschaftspotential nicht ab und zeigt auch nach Spektralanalyse der zugehörigen Signalperioden nur die geringste Amplitude pro Schwingung. Dies gilt auch nach Untersuchung der topographischen Verteilung der spektralen Amplituden für alle vier Ableitorte unter allen vier Bedingungen R, I, L und S. In allen klassischen Bändern resultieren stets signifikant größere spektrale Amplituden in den beiden frontalen Ableitungen. Bedingungsbezogene Unterschiede sind nur vereinzelt, oft auch nur in der Tendenz zu sehen, am ausgeprägtesten im beta-, auffällig seltener im gamma-Bandbereich. Letzterer Befund könnte darauf beruhen, daß, bezogen auf das Amplituden-Zeit-Template des Bereitschaftspotentials, größere und zeitzonenspezifischere Unterschiede existieren, die durch eine auf die Gesamtepisode der BP orientierte Spektralanalyse - durchgeführt wegen der Vergleichbarkeit mit den anderen klassischen Frequenzbändern - verdeckt werden. Diese Vermutung wird auch dadurch gestützt, daß die SP-Analyse, die gamma-Band-Phänomene untersucht, im Ergebnis zu größerer Differenziertheit führt, wenn sie auf die hier verwendete Zeitzonenstruktur zum Bereitschaftspotential angewendet wird.

Die in allen klassischen Frequenzbändern höhere Amplitude in den beiden frontalen Ableitungen koinzidiert mit dem Befund, daß die Bereitschaftspotentiale über F3 und F4 insignifikant größer sind als unter C3 und C4.

Die beschriebenen Befunde bestätigen Hypothese 2: Die Spektralanalyse der zum Bereitschaftspotential gehörenden Signalperioden zeigt im Bereich der klassischen Frequenzbänder des EEG noch im gamma-Band keine auf die Anwendung des Homonyms bezogene Unterschiede. Einschränkend bzw. methodenkritisch muß jedoch festgehalten werden, daß die auf die Gesamtperiode bezogene gamma-Band-Auswertung die innerhalb des BP-Templates vermutete Differenziertheit kognitiv voraussetzender Prozesse nicht erfaßt.

4.2.3. Hypothese 3

Die Auswertung von SP-Amplitude und SP-Dichte für die Gesamtperiode der Bereitschaftspotentiale zeigt ein wenig differenziertes Bild. Interessanterweise


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fallen auch hier die frontalen Ableitungen durch Besonderheiten auf: So ist linksfrontal die SP- Amplitude größer, rechtsfrontal ist die SP-Dichte höher als in allen anderen Ableitungen. Teils sind diese Unterschiede auf dem 5%-Niveau, teils nur in der Tendenz zu sichern. Die Ähnlichkeiten im Sicherungsniveau der SP-Amplituden für R und L bzw. I und S entsprechen dem Befragungsergebnis nach dem Schwierigkeitsniveau der Aufgabenstellung, werden jedoch nicht im topographischen Vergleich der SP-Dichten widergespiegelt. Die SP-Amplituden sind in allen Ableitungen und unter allen Bedingungen signifikant positiv mit dem beta- und gamma-Band korreliert, durchschnittlich 4 - 5 mal häufiger als mit den Amplituden in den anderen Bändern. Das Korrelationsergebnis der SP-Amplitude mit den Amplituden im beta- und gamma-Band ist wahrscheinlich deshalb so signifikant, weil sich die SP-Amplitude intraindividuell offenbar als eine relativ stabile Größe erweist. (vgl. Abb. 3.10.)

Im Gegensatz dazu korreliert die SP-Dichte mehr oder weniger zufällig positiv oder negativ nur in einigen topographischen bzw. bedingungsbezogenen Positionen. Offenbar ist das Korrelationsergebnis der Dichte mit den Amplituden der verschiedenen Bänder deshalb so gering, weil die momentane Dichte extremen Schwankungen unterliegt (vgl. Abb. 3.10.), die jedoch bei der Bestimmung individueller SP-Dichten unberücksichtigt bleiben.

Um zu prüfen, ob die semantisch differenzierte Anwendung des Homonyms ”Leiter“ oder damit verbunden die unterschiedliche mentale Beanspruchung möglicherweise in momentanen Dichte-Schwankungen reflektiert wird, wurden Intervall-Histogramme gebildet und auf semantische und topographische Unterschiede untersucht. Tatsächlich sind in jeder Ableitung signifikant verschiedene Klassenladungen infolge unterschiedlicher Anwendung des Wortes ”Leiter“ nachzuweisen. Im Vergleich zu allen anderen Ableitungen dominiert die Position C3, die am nächsten zur Wernicke’schen Sprachregion liegt, mit der Anzahl signifikanter Veränderungen, wobei sich die Zahl statistisch signifikanter Unterschiede mit der subjektiv empfunden Schwierigkeit erhöht.


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Diese Befunde weisen darauf hin, daß die momentane SP-Dichte wahrscheinlich in erheblichem Maße Einblicke in die neurophysiologische Algorithmik kognitiver Prozesse erlaubt. Die angewandte Intervallhistographie gestattet indessen keine Schlußfolgerungen auf etwaige Zeitfolgen, sie formalisiert Muster in schwer interpretierbaren Intervallen.

Die Hypothese 3 wird mithin nur zum Teil bestätigt: Nach Anwendung der SP-Analyse auf die gesamte Zeitperiode des Bereitschaftspotentials werden bei der Anwendung des Homonyms ”Leiter“ Unterschiede erwartet, außerdem positive Korrelationen der SP-Amplitude und SP-Dichte mit dem gamma-Band und geringere oder negative Korrelationen mit dem niederfrequenten delta- und theta-Band. Überraschenderweise korreliert die SP-Amplitude auch mit der Amplitude im beta-Band, aber nur ausnahmsweise und immer positiv mit den langwelligeren Bändern. Die SP-Dichte geht nur ausnahmsweise negative bzw. positive Korrelationen mit der spektralen Amplitude ein. Die Intervallhistographie der SP-Dichte als anderer Ausdruck für momentane SP-Dichte-Schwankungen läßt verschiedene signifikante Unterschiede im semantischen und topographischen Bereich erkennen. Sie betont eine besondere Rolle der Position C3, ist aber praktisch nicht zu interpretieren, weil die Intervallhistographie die wahre Zeitfolge der SP-Generierung nicht wiedergibt.

4.2.4. Hypothese 4

Die in vier Zeitzonen gestuft analysierte Dichte positiver und negativer SP zeigt eine typische Dynamik, die in einem nichtlinearen Zusammenhang zum Amplituden-Zeit-Template des Bereitschaftspotentials steht (vergl. Abb. 3.1. mit Abb. 3.13.). Über alle Zeitzonen betrachtet, dominieren wider Erwarten positive SP. Am größten ist das Ungleichgewicht zwischen positiven und negativen SP in der Ableitung F3, am geringsten ist das Ungleichgewicht in Ableitung F4. Positive und negative SP-events zeigen darüber hinaus von Zeitzone zu Zeitzone eine vom Amplituden-Zeit-Template abweichende Dynamik. Während die negativen SP überwiegend diesem BP in nichtlinearer


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Weise folgen, zeigen positive SP zu >50 % einen Gipfel, der der zweiten Zeitzone zuzuordnen ist.

Die Polarität der SP-events ergibt sich formal aus der Kreuzkorrelationsrechnung von Suchtemplate und EEG-Signal. Eine Phasenverschiebung um 1800 zwischen Signalkonfiguration und Suchtemplate könnte beispielsweise zu einem negativen Vorzeichen führen. Deshalb wurde durch Krüger [ K98 ] in der Suchanalytik eine ”verbotene Zeit-Zone“ eingeführt, so daß nach einem positiven SP-event und einer entsprechenden Phasenverschiebung nicht automatisch ein negatives angezeigt wird und umgekehrt. Die Polarität hängt demzufolge bevorzugt von der primären Signalkonfiguration ab, so daß das Vorzeichen der SP interpretierbar bleibt.

Mit der SP-Feldanalyse konnten Bartsch und Krüger [ BKM97 ] an ECoG- und EEG-Ableitungen nachweisen, daß sich zumindest der Generierungsort als lokalisiert definieren läßt, vorausgesetzt, das ECoG bzw. EEG wurde mit vielen rasterförmig gesetzten Elektroden abgeleitet, so daß sich unter einer definierten Triggerelektrode Subpotentialtemplates (SP(t)) selektieren lassen und von diesem Trigger abhängig unter allen weiteren Elektroden elektrotonisch ausgebreitete elektrische Felder dieses SP(t). Überraschenderweise gestaltete sich dieses ”elektrotonische“ Feld weit komplizierter als erwartet. Denn unter der als Trigger fungierenden Elektrode wurden positive oder negative SP(t) nachgewiesen, die sich in der engeren Circumferenz dieser Elektrode scharf begrenzen ließen. Aber neben diesem Nahfeld wurden unter den anderen abhängigen Elektroden auch größere, unregelmäßiger und variabler gestaltete Fernfelder gefunden, die durch eine zum Nahfeld gegensinnige Polarität gekennzeichnet sind.

Mit dieser SP-Feldanalyse wurde eine wesentliche Annäherung an die bisher nur tierexperimentell abgeleiteten LFP erreicht. Nach dem Nachweis vergleichbarer Amplituden-Zeit-Templates und vergleichbarer Frequenz-Leistungs-inhalte war nun auch ein lokalisiert generiertes Phänomen bewiesen, dem in der weiteren Peripherie synchron erscheinende, aber gegensinnig gepolte Fernfelder zugeordnet sind.


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Die mit der SP-Feldanalyse nachweisbare Nahfeldkonfiguration mit der gegensinnig gepolten Fernfeldkonfiguration der SP-Quellflächen gilt nicht nur für die Kortexoberfläche. Sog. Potentialchronotopogramme zeigen senkrecht zur Kortexoberfläche, über alle Schichten der Hirnrinde verteilt, Potentialprofile, die durch ihre simultane, gegensinnig gepolte Verteilung auffallen [ RPP93 ] und mehr oder weniger deutlich auch eine Phasenumkehrzone anzeigen. Nach der Current-Source-Density-Methode (CSD) [ MS78 ] können diesen Feldern Quellen und Senken zugeordnet werden, die im Bereich der Senken auf Na+- oder Ca2+-Einstrom in das intrazelluläre Kompartiment, im Bereich der Quellen auf K+-Ausstrom aus dem intrazellulären Kompartiment weisen. Tentative CSD-Analysen konnten für positive SP-Felder im Nahfeld Senken, in der Nähe des Fernfeldes Quellen, bei negativen SP-Feldern im Nahfeld Quellen, in der Nähe des Fernfeldes Senken nachweisen [ BKMiV ].

Sofern man annehmen kann, daß SP tatsächlich LFP sind, dann müssen sie am Ort ihrer Generierung grundsätzlich auch durch Erregungsprozesse hervorgerufen werden. Denn simultan mit gleicher Elektrode erfaßte MUA erscheinen immer nur in der negativen Phase dieser LFP (vgl. Abb. 4.1.). Also müssen SP(t) primär an ihrem Generierungsort negativ sein. Wenn sie an der Oberfläche des Gehirns mit positivem oder mit negativem Vorzeichen erkannt werden, muß für sie - wie erwiesenermaßen für die LFP [ MF92 ] in der Hirnrinde - eine Phasenumkehrung geltend gemacht werden. Das könnte bedeuten, daß positive SP mehr in den tieferen Kortex-Schichten, negative SP mehr in den oberflächlicheren Kortexschichten generiert werden.

Die deutlich ansteigende Dichte positiver SP von ZZ 1 zu ZZ 2 korrespondiert mittelbar mit der zunehmenden Negativierung im Bereitschaftspotential, die über die gleiche Elektrode nach Tiefpaßfilterung des Signals mit 30 Hz obere Grenzfrequenz erhalten wurde. Allerdings nimmt diese Negativierung erst in Zeitzone 3 deutlicher zu, wo signifikante Steigerungen der Dichte positiver SP nicht die Regel sind. Ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Verhalten der hochfrequenten positiven SP und der nachfolgenden Negativierung im Tiefpaßbereich kann darin bestehen, daß die in der Tiefe der Rinde generierten


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negativen SP(t) um sich herum eine perifokale Hemmzone entwickeln, die durch K+-Austritt bedingte und langanhaltende Hyperpolarisationen eine extrazelluläre Positivierung respektive nach Phasenumkehr an der Rindenoberfläche eine zunehmende Negativierung aufbauen. Aufgrund unterschiedlicher Dynamik dominieren diese, in tieferen Rindenschichten angesiedelten perifokalen Hemmprozesse an der Kortexoberfläche und am Skalp als langsame Negativierung, die sich erst in der nachfolgenden Zeitzone stärker ausprägt.

Im gleichen Sinne könnte für negative SP(t) geltend gemacht werden, daß sie in oberflächlichen Schichten der Hirnrinde generiert werden und daß ihr Beitrag zum Verlauf des Bereitschaftspotentials hier ebenfalls der perifokalen Hemmzone zu verdanken ist. Da die Dichte negativer SP(t) in der Regel enger dem Amplituden-Zeit-Template des BP folgt, scheint der Beitrag der positivierenden perifokalen Hemmung sich erst verzögernd im perireaktiven Potentialbereich mit seiner zunehmenden Positivierung auszuwirken.

Beide Vorgänge würden übrigens erklären, warum im Bereitschaftspotential die Amplituden im delta- und theta-Band besonders groß sind.

Die Anwendung der SP-Analyse in vier Zeitzonen weist mithin dem Bereitschaftspotential in der präreaktiven Phase Quellen zu, die überwiegend in den tieferen Kortexschichten lokalisiert sind. Steigerungen der Negativierung, wie sie Libet [ L85 ] bei bewußt intendierten Bewegungen im Vergleich zu automatisierten Bewegungen beschrieb, müßten demnach tieferen Kortexschichten zugeschrieben werden. Möglicherweise auch andere bewußt ablaufende Prozesse, die mit einer Negativierung der Rindenoberfläche verbunden sind?

Damit bestätigt sich die Hypothese 4 . Sie lautet: Die synoptisch zum Amplituden-Zeit-Template des Bereitschaftspotentials in Zeitzonen analysierte Dichte positiver und negativer SP ist geeignet, die Quellen dieser langsamen präreaktivenreaktiven Negativierung interpretatorisch zu erhellen.


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4.2.5. Hypothese 5

Eigentlich sollte die Kohärenz von der Dichte positiver und negativer SP abhängen, ist doch das Merkmal der Gleichzeitigkeit an die Existenz von SP-events gebunden. Vorausgegangene Untersuchungen an Patientinnen mit Anorexia nervosa hatten aber gezeigt, daß die SP-Dichte und die SP-Kohärenz als relativ selbständige Größen betrachtet werden müssen. Zu Beginn ihrer stationären Behandlung zeigten diese Patientinnen beispielsweise bei normaler SP-Dichte ein um 20 - 30 % gesteigertes Niveau ihrer Kohärenz, am Ende der stationären Behandlung dominierte hingegen eine normale Kohärenz bei reduzierter SP-Dichte [ BKN , BKNSiV ]. Andererseits konnte bei diesen Patientinnen im Verlaufe einer psychotherapeutischen Muskelentspannung demonstriert werden, daß sich die SP-Dichte im EEG nicht wesentlich veränderte, die Kohärenz sich aber deutlich und signifikant reduzierte. Diese Kohärenzminderung erwies sich sogar als wirksamer Prognosefaktor, denn Patienten, die dieses Phänomen besonders eindrucksvoll entwickelten, waren auch schneller in der Lage, ihren Body Mass Index (BMI) zu normalisieren [ BKNSiV ].

Auch in der vorliegenden Untersuchung wurde deutlich, daß sich die mit der Methode der Zweikanalkopplungsanalyse bestimmte Kohärenz in vielen Details unterschiedlich zur SP-Dichte verhält. So steigt die Kanalkopplung auch im Übergang von ZZ 2 zu ZZ 3 in allen Positionen und unter allen Bedingungen an. Besonders eindrucksvoll aber stellt sich das unterschiedliche Verhalten im Übergang von ZZ 3 zu ZZ 4 dar. Während die Dichte positiver und negativer SP in allen Ableitpositionen und unter allen Bedingungen signifikant reduziert wird, steigen die Kanalkopplungsfaktoren z.T. signifikant weiter. Die räumliche Differenziertheit der Kopplungsfaktoren ist in ZZ 1 am größten, obgleich in dieser Zeitzone noch kein gesichertes Bereitschaftspotential zu erkennen ist. Insgesamt überwiegen leicht die Kopplungen negativer SP.

Vergleicht man die in Tierexperimenten simultanen, mit gleicher Elektrode erfaßten LFP mit der MUA [ GS89 ], fallen im wesentlichen zwei Phänomene auf (Abb. 4.1.)


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Zum einen erscheinen die Spikes der MUA immer im Verlaufe der negativen Ablenkung der LFP, wobei die negative Ablenkung der LFP immer um einige wenige Millisekunden der Spike-Generierung in der MUA vorausgeht.

Zum anderen ist das Erscheinen von MUA und LFP zeitlich gut miteinandner korreliert, aber der Anteil an Spikes pro negativer LFP-Phase variiert sehr stark in seiner Quantität. Siehe Abb. 4.1..

Abb. 4. 1.
Zusammenhang zwischen LFP und MUA bei größerer zeitlicher Auflösung der Ableitung [ GS89 ]

Offenbar ist das LFP in der Sprache der Synergetik [ H78 ] der in der Makroebene beherrschende Ordner, der den zellulären Elementen in der Mikroebene -je nach Erregungsbereitschaft bzw. eingestellter Erregungsschwelle dank räumlich hochdifferenzierter verteilter Transmissionssysteme in den Schichten 99und Regionen des Cortex [ MH92 ] - die Ordnung aufprägt, sie ”versklavt“ [ H97 ]. Diese wiederum bilden in ihren Zielgebieten an anderen Stellen im Kortex wieder neue LFP usf. Ist der Versklavungsprozeß groß, entstehen viele kohärente LFP, die ihrerseits nach den Grundprinzipien der begrenzten Ressourcen im Kortex das Entstehen nichtkohärenter LFP unterdrücken.

Ein vergleichbarer Mechanismus könnte der SP-Kopplung zugrundeliegen, die sich scheinbar unabhängig von der SP-Dichte verhält. So können Bartsch und Krüger zeigen, daß während der Kanalkopplungsanalyse zwischen abhängigem und unabhängigem Kanal eingeschaltete Verzögerungen (= ”Totzeiten“) in Größenordnungen von 0,5 - 4 ms geeignet sind, solche ”Versklavungsprozesse“ auf der SP-Ebene zu demonstrieren. Tatsächlich reduziert sich in dieser Zeit der Anteil verzögert gekoppelter SP differenziert auf z.T. weniger als 10%. Aber in Strukturen, die sich aus verschiedener Pathogenese beispielsweise zu epileptogenen Arealen entwickelt haben, wird undifferenziert ein viel größerer Anteil mitgerissen [ BKM98 ].

Die negativen wie positiven Kanalkopplungsdichten zeigen von ZZ 1 zu ZZ 4 einen steten Zuwachs. Sie machen deutlich, daß das Maß an Kohärenz mit der zeitlichen Nähe zur Reaktion steigt - und weiter steigt, wenn in der perireaktiven Zeitzone evozierte Reafferenzen hinzukommen. Insofern spiegelt die überproportionale delta-Aktivität im gesamten Bereich des Bereitschaftspotentials tatsächlich eine Massenkohärenz wider, die in diesem speziellen Fall der allgemein vertretenen Ansicht, daß solche Zustände globaler Synchronisation für die Informationsverarbeitung ungeeignet sind [ S93 ], widerspricht. Interessanterweise liegen die Schwerpunkte dieser Kohärenz im assoziativen Bereich der rechten Hemisphäre, dann folgen assoziative Kohärenzen in der linken Hemisphäre, dann kommissurale Kohärenzen im zentralen, letztendlich kommissurale im frontalen Bereich. Die vier abgeleiteten Bereitschaftspotentiale lassen einen solchen Hintergrund nicht vermuten.

Insgesamt bestätigt sich damit die Hypothese 5 : Die Kohärenz der Subpotentiale ist an die Subpotential-events gebunden, aber sie verhält sich unabhängig von der SP-Dichte.


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4.3. Fazit

Die in dieser Pilotstudie dargestellte Methode ist für die Untersuchungen neurophysiologischer Prozessse der Kognition während der Sprachgenerierung nicht geeignet. Die Verwendung homonym anwendbarer Begriffe in Kombination mit beschreibenden Verben und Adjektiven ohne Verwendung des Artikels ist gewöhnungsbedürftig, zudem mit dem Problem verbunden, daß die Kombinatorik homonymer Begriffe mit beschreibenden Worten von individuell differenzierter mentaler Beanspruchung begleitet wird. Die vierkanalige, hemisphärisch orientierte Ableitung motorischer Bereitschaftspotentiale ist ungeeignet, sie differenziert weder dominante von Minorhemisphäre noch erlaubt sie schlüssig, ob die wenigen Unterschiede auf die Anwendung der Homonymen oder auf die damit differenzierte mentale Beanspruchung beruht. Die Anwendung der SP-Analyse für eine ähnlich gelagerte Aufgabenstellung ist prinzipiell richtig, erfordert aber den Einsatz einer Vielkanalableitung, um die mit dieser Analyse gegebenen Vorteile auszuschöpfen. Unter dieser Bedingung erscheint es sinnvoll, weitere Elemente dieser Analytik einzubeziehen, wie z.B. die Feldanalyse, die Kopplungsanalyse mit Verzögerungen und ihre wechselseitige kombinierte Verknüpfung. Diese Voraussetzungen sind zwischenzeitlich entwickelt worden [ BKM98 , K98 ], so daß zur Realisierung solcher Vorhaben die natürlichste Form sprachlicher Kommunikation, das Interview mit standardisierten Interviewzielen während einer vielkanaligen ongoing-EEG-Ableitung, angewendet werden kann. Bei Bevorzugung eines Paradigmas mit ereigniskorrelierten Potentialen oder zur interpretatorischen Untersetzung ereigniskorrelierter Potentiale bietet sich die SP-Analyse an, aber die SP-events könnten, aufbereitet in prä-, peri- oder poststimulatorischen Histogrammen, dem Verlauf ereigniskorrelierter Potentiale dynamischer angepaßt werden.


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