Joachim Günther, Schulz: Identifikation des Glykosylphosphatidylinositol-verankerten Heparan Sulfat Proteoglykans Glypikan als Toxizitäts-vermittelndem Rezeptor für -Amyloid der Alzheimer’schen Krankheit in der neuronalen PC12 Zellinie

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Kapitel 5. Diskussion

5.1. Relevanz der Entdeckung

Mit der vorliegenden Arbeit wurde indirekt gezeigt, daß das glykosylphosphatidylinositol-verankerte Heparan Sulfat Glypikan als betaA Rezeptor der PC12 Zelle fungiert. Ich möchte zunächst drei Einschränkungen bezüglich der Relevanz der vorgelegten Ergebnisse machen:

  1. Eingeschränkte Übertragbarkeit der PC12 Zellkultur auf die Vorgänge im Alzheimer-Gehirn.
  2. Fehlender direkter Nachweis der Beteiligung von Glypikan an der betaA-Toxizität in der PC12 Zelle und fehlender Ausschluß anderer Rezeptoren, sondern Beweisführung aufgrund komplementärer Experimente.
  3. Beschränkung auf die direkte Zelltoxizität von betaA und MTT-Reduktion als Meßparameter.

Die Bedeutung dieser Studie hängt also von einer weiteren Einordnung in die pathologischen Befunde im Alzheimer-Gehirn, weiteren Ansätzen der Hemmung der Glypikanexpression und anderen Modellen der betaA-Toxizität ab. Die Strategie, mit deren Hilfe in diesem System nicht nur die Existenz eines Rezeptors, der betaA-Toxizität vermittelt, nachgewiesen sondern dieser auch identifiziert wurde, war erfolgreich. Das Ergebnis kann nun als Grundlage für weitere Schritte dienen, und somit oben genannte Einschränkungen bestätigt oder ausgeräumt werden.

Die Bedeutung von Glypikan als Rezeptor, der betaA-Toxizität vermittelt, ist mehrfach:

  1. Eine Beteiligung von Heparan Sulfat an der Pathogenese der AK wurde bereits in mehrfacher Hinsicht vorgeschlagen, bislang allerdings beschränkt auf Bindung von betaA/betaP oder AVP und auf das matrix- und nicht zell-assoziierte Heparan Sulfat Perlekan. Eine Funktion des Heparan Sulfats Glypikan als betaA-Rezeptor eröffnet neue Interpretationsmöglichkeiten für das Auffinden von Heparan Sulfat in Alzheimer-Läsionen im Gehirn.
  2. Da die Verteilung von betaA-Ablagerungen im Alzheimer-Gehirn nicht der Verteilung der synaptischen oder neuronalen Untergänge entspricht, herrscht an dieser Stelle

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    Erklärungsbedarf. Die Verteilung des Rezeptors könnte hier hilfreich sein und bei guter Übereinstimmung mit der Verteilung des Schadens ein weiteres Argument für die Bedeutung der betaA-Toxizität bei der AK und des Rezeptors selbst liefern. Außerdem könnte die zelltypenspezifische Expression des Rezeptors die zelltypenspezifische Toxizität von betaA in vitro erklären.
  3. Die Kaskade von zellulären Folgeereignissen der betaA-Interaktion kann bei Kenntnis des initialen Ereignisses der Rezeptorbindung besser verfolgt und verstanden werden.
  4. Da die Aminosäuren 13-16 von betaP, die die Heparan Sulfat Bindungssequenz enthalten, für die Aktivierung von Mikroglia durch betaA notwendig sind, ist möglich, daß Glypikan auch als betaA-Rezeptor für die Aktivierung von Mikroglia fungiert.
  5. Es besteht die Möglichkeit, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch spekulativ, daß Glypikan auch an der Bildung der neurofibrillären Bündel (NFB) beteiligt ist. Die Hypothese stützt sich einerseits auf die Tatsache, daß Heparan Sulfat entscheidend für die Bildung der gepaarten helikalen Filamente, dem Gründgerust der NFB ist. Andererseits lassen sich aus der anatomischen Verteilung der NFB im Alzheimer-Gehirn und der Verteilung der Glypikan mRNA im Rattenhirn Parallelen ziehen, die dies nahelegen.
  6. Eine therapeutische Intervention auf Rezeptorebene wäre bei Bestätigung der Rolle von Glypikan als betaA-Rezeptor im Alzheimer-Gehirn sinnvoll. Andere therapeutische Ansätze, die von einer pathogenetisch bedeutsamen Rolle von betaA ausgehen, beinhalten monoklonale Antikörper gegen betaA, Verringerung der betaP-Produktion durch Beinflußung der AVP-schneidenden Sekretasen, Steigerung des Abbaus von betaP durch spezifische Proteasen, Verhinderung der Aggregation von betaP zu betaA durch betaP-bindende Stoffe wie Apolipoprotein J, und Dämpfung der Folgen von betaA auf Neuronen oder Glia, z. B. durch Apoptose- oder Entzündunghemmer.

5.2. Einordnung in die Biologie verschiedener Heparan Sulfate

HS wurde in betaP/A-Ablagerungen (parenchymatös und vaskulär) und in NFB nachgewiesen. Während die Bedeutung von betaA für die Pathogenese der AK aufgrund der genetischen, Tiermodell- und Zellkulturdaten angenommen werden kann, ist die Rolle der extrazellulär abgelagerten Plaques aufgrund der Größe und der schlechten Korrelation mit


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dem synaptischen oder neuronalen Schaden für die Pathogenese der AK umstritten. Alternativ kommen betaA-Oligomere als Pathogene in Betracht, die allerdings von Plaques freigesetzt werden könnten. Eine Bedeutung der NFB als Zeichen oder sogar Trigger des bevorstehenden neuronalen Zelltods wird angenommen, auch wenn sie nicht spezifisch für die AK sind. Die Bedeutung des HS-Gehalts von NFB ist in jüngster Zeit in den Vordergrund gerückt. HS ist möglicherweise ursächlich an der NFB-Bildung beteiligt. (Goedert et al., 1996 siehe ). Als HSPG in betaP/A-Ablagerungen im Alzheimer-Gehirn wurde Perlekan identifiziert, das HSPG der NFB konnte bislang nicht identifiziert werden (Snow et al., 1988 siehe ; Snow et al., 1990 siehe ).

In einer PG Analyse von PC12 Zellen wurde nur ein HSPG durch Analyse von [3H]Leuzin-markierten Proteinen gefunden (Gowda et al., 1989 siehe ). Die Proteingröße von 65kD und Menge der mRNA (Litwack et al., 1994 siehe ) weisen darauf hin, daß es sich um Glypikan handelt. Die ist einerseits eine Bestätigung unserer Ergebnisse, andererseits wirft es die Frage auf, ob im ZNS andere HSPG, die nicht in der PC12 Zelle vertreten sind, eine Rolle spielen.

Perlekan wurde mit einem monoklonalen Antikörper als ein HSPG in betaP/A Ablagerungen identifiziert (Snow et al., 1988 siehe , Snow et al., 1994b siehe ). Perlekan ist ein HSPG, das in der Basalmembran aller Gewebe einschließlich ZNS gefunden wird (Kato et al., 1988 siehe ). Unklar ist, wodurch die zerebrale Spezifität der Gefäßablagerung von betaP/A zustandekommt, da dies nicht dem Expressionsmuster von Perlekan entspricht. Da Perlekan nicht neuronal exprimiert wird (Maresh et al., 1996 siehe ), stellt sich weiterhin die Frage, wie Perlekan in parenchymatöse betaA-Plaques gelangt. Wie diese Antikörperstudien noch zeigen, ist Perlekan nicht an der Bildung von NFB beteiligt.

Herndon und Lander haben umfassend die Expression von Proteoglykanen im Rattenhirn am Ende der Embryonalzeit (E18), bei Geburt, und im Erwachsenenalter mit Isolation durch Anionenaustausch-Chromatographie und Analyse im Western Blot untersucht (Herndon und Lander, 1990 siehe ). Unter den 16 membrangebundenen Proteoglykanen des Rattenhirns waren acht Chondroitin und acht Heparan Sulfat Proteoglykane (HSPG). Im adulten Rattenhirn wurden nur Glypikan und ein bisher nicht identifiziertes HSPG (M14) mittelgradig exprimiert, die anderen wenig bis gar nicht. Unabhängig von dieser Studie sind zwei weitere ZNS-spezifische HSPG bekannt, Zerebroglykan und N-Syndekan, die allerdings im Erwachsenenalter kaum bzw. gar nicht


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im ZNS exprimiert werden (Herndon und Lander, 1990 siehe ; Stipp et al., 1994 siehe ; Carey et al., 1992 siehe ). Glypikan ist also auch im ZNS ein guter Kandidat als Rezeptor, der die neuronale betaA-Toxizität vermittelt.

Bei der Analyse der Expression von Glypikan im ZNS der Ratte mit Hilfe von in Situ Hybridisierung fällt eine Parallelität zur Verteilung der NFB im Alzheimer-Gehirn auf (Tabelle 3). Glypikan wird ausschließlich in Projektionsneuronen exprimiert, die verschiedene Hirnareale miteinander verbinden. In Neuronen, die lokale Verbindungen eingehen (z. B. Schicht 4 im Isokortex) und in Gliazellen ist keine mRNA für Glypikan nachweisbar. Die Verteilung der NFB zeichnet sich durch ebenfalls durch den bevorzugten Befall von Projektionsneuronen aus, während Neuronen lokaler Schaltkreise und Glia verschont bleiben (Braak und Braak, 1991 siehe ). Das Kleinhirn, in dem Projektionsneuronen kein Glypikan exprimieren, bildet auch keine NFB. Diese Parallelität könnte ein Hinweis auf die Beteiligung von Glypikan bei der NFB-Bildung sein.

Tabelle 3: Vergleich der Expression von Glypikan im ZNS der Ratte mit der Lokalisation von NFB im Alzheimer-Gehirn. (Modifiziert, nach Litwack et al., 1994

Areal Glypikanexpression NFB
Isokortex Schicht 2/3, 5/6 Schicht 2/3, 5/6
Allokortex
  Hippokampus Ammonshorn, Gyrus dentatus Ammonshorn, Gyrus dentatus
  Palaeokortex Septum, Tuber olf., piriformer Kortex Septum, Bulbus olf.
Amygdala BL, L, BM, Ncl. olf. lat BL, L
Basalganglien Ncl. accumbens
Zwischenhirn
  Thalamus AV, LD, AD, Ncl. reuniens, AM, VB, MD, VAL, VPL, MD AV, LD, AD, Ncl. reun.
  Hypothalamus Ncl. paraventr., Ncl. supraopt. Ncl.paraventr.
Hirnstamm Locus coeruleus, Ncl. ruber Locus coeruleus
  mot. Hirnnervenkerne


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Nach Glypikan wurden weitere GPI-verankerte und zu Glypikan weitgehend homologe Proteoglykane entdeckt und mittlerweile als Glypikanfamile zusammengefaßt (siehe Einleitung). Als Alternative zu Glypikan bei Beteiligung an der betaA-Toxizität scheiden sie jedoch alle aus. Zerebroglykan, Oci-5 und K-Glypikan werden nicht im adulten ZNS exprimiert, und Glypikan 3 ist ein CSPG.

5.3. Einordnung in die Pathologie der Alzheimer’schen Krankheit

Von den vielen Substanzen, die außer betaA in den Plaques von Alzheimer-Patienten gefunden werden, ist HS insofern von besonderer Bedeutung, als daß es schon in den frühesten Stadien auftritt (Snow und Kisilevsky, 1985 siehe ; Stenstad et al., 1994 siehe ). Für die anderen Proteoglykane Chondroitin Sulfat, Keratan Sulfat und Dermatan Sulfat scheint dies nicht der Fall zu sein (Snow et al., 1992 siehe ; DeWitt et al., 1993 siehe ; Snow et al., 1996 siehe ). Ob eine HS-Überproduktion, wie z.B. durch Interleukin 1 (Leveugle et al., 1995 siehe ) oder TGFbeta1 (Nugent et al., 1992 siehe ) in vitro induzierbar, der betaA-Ablagerung sogar vorausgeht, ist noch nicht geklärt. Allerdings lassen sich bei Patienten mit Trisomie 21, die alle verfrüht an der AK erkranken, bereits bei der Geburt, d.h. Jahre vor Auftreten erster Plaques, intrazelluläre neuronale Heparan Sulfat Einschlüsse feststellen, die beim Gesunden nicht vorhanden sind (Snow et al., 1990 siehe ). Auch wurde eine erhöhte Aktivität der Sulfotransferase bei Alzheimer-Patienten festgestellt (Zebrower und Kieras, 1993 siehe ).

Ein Zusammenhang scheint zwischen der Anwesenheit von HS in betaP Ablagerungen und deren Umbildung in betaA zu bestehen. Diffuse betaP Ablagerungen im Hippokampus, wo auch eine große Anzahl von betaA Plaques entstehen, weisen HS auf, während diffuse betaP Ablagerungen im Kleinhirn, wo fast keine betaA Plaques entstehen, kein HS enthalten. Eine mögliche Erklärung hierfur könnte die Fähigkeit von HS sein, betaP vor Proteolyse zu schützen (Gupta-Bansal et al., 1995 siehe ; Snow et al., 1994a siehe ) oder die Stuktur von Amyloid zu beinflussen (Fraser et al., 1992 siehe ).


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Die Korrelation der parenchymalen betaA-Ablagerungen mit dem umliegenden Gewebeschaden im AK-Gehirn wurde bislang als unzureichend beschrieben. Dies könnte einerseits an der Quantifizierung von betaA Ablagerungen liegen, bei der nicht nur die Zahl der betaP immunoreaktiven Stellen als Maß dienen sollte (Cummings und Cotman, 1995 siehe ). Eine andere Möglichkeit besteht darin, daß nicht die in Form von Plaques deponierten betaA Fibrillen, sondern frei flottierende und mit histologischen Methoden nicht erfaßbare betaA Mono- Oligomere (Roher et al., 1996 siehe ) den Schaden im AK Gehirn anrichten. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, daß nicht alle Zellen auf betaA ansprechen, weil der Rezeptor dafür nicht vorhanden ist. Die Identifikation von Glypikan ermöglicht, diese Hypothese zu testen. Eine direkte Beteiligung von Perlekan, dem HSPG, das bisher als einziges in Plaques gefunden gefunden wurde, am Zellschaden, ist unwahrscheinlich, da es matrix- und nicht membrangebunden ist (siehe Einleitung).

Die betaA-Angiopathie der AK zeichnet sich durch Ablagerung von betaA in der Basalmembran aus. Die Basalmembran von zerebralen Gefäßen ist reich an HS und in der Tat wird HS auch in den vaskulären betaA-Ablagerungen gefunden. Es könnte also sein, daß die spezielle Prädisposition der Gefäße für betaA-Ablagerungen durch den HS Gehalt begründet ist. Perlekan wird in der Basalmebran gefunden, während Glypikan in der Membran der vaskulären Endothelzellen sitzt (Mertens et al., 1992 siehe ).

NFB, intraneuronale Läsionen, die hauptsächlich aus dem mikrotubulusassoziierten Protein Tau in Form von gepaarten helikalen Filamenten bestehen, enthalten ebenfalls Heparan Sulfat. Hyperphosphorylierung von Tau, bislang als die Ursache der NFB Bildung angesehen, reicht jedoch nicht für die Bildung der gepaarten helikalen Filamenten aus, während Heparin sowohl die Zusammenlagerung von Tau in gepaarten helikalen Filamenten induziert als auch Protein Kinasen stimuliert, die Tau phosphorylieren (Goedert et al., 1996 siehe ; Brandt et al., 1991 siehe ).

Der Proteinanteil des HSPG in den NFB konnte bislang nicht identifiziert werden. Doch gerade dieser könnte entscheidende Hinweise auf die Genese dieser Läsionen liefern. Perlekan scheint nicht in Frage zu kommen, da Untersuchungen mit Antikörpern gegen den Proteinanteil von Perlekan nur schwache bzw. keine Immunoreaktivitat zeigten (Snow et al., 1988 siehe ). Dagegen konnte in Studien mit Antikörpern gegen Heparan Sulfat oder kationischen Farbstoffen bis auf eine Ausnahme (Snow et al., 1990 siehe ) die Mehrzahl bzw. alle NFB angefärbt werden (Snow et al., 1989 siehe ; Perry et al., 1991 siehe ; Su et al., 1992 siehe ; Goedert et


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al., 1996 siehe ). Ein entscheidendes Problem für eine Erklärung der Beteiligung von HS an der NFB Bildung war bislang, daß man nicht wußte, wie ein extrazelluläres Matrixprotein zu einer intrazellulären Lokalisation kommt. Dieser scheinbare Widerspruch könnte mit dem Nachweis einer Beteiligung von Glypikan gelöst werden.

Tabelle 4: Übersicht der Studien über eine Lokalisation von GAG im Alzheimer-Gehirn. DS, Dermatan Sulfat; CS, Chondroitin Sulfat; KS, Keratan Sulfat; HS, Heparan Sulfat; HSPG, Heparan Sulfat Proteoglykan; n.u., nicht untersucht; N, Neuron; O, Oligodendrozyt; G, Glia; PK, Perlekan; Ak, Antikörper.

PG

Plaque

NFB

Zelle

Methode

Referenz

DS

Peripher

+

 

Ak

Snow et al., 1992 siehe

CS

Peripher

+

 

Ak

DeWitt et al., 1993 siehe

KS

Peripher

-

 

Ak

Snow et al., 1996 siehe

           

HS

+

-

 

PK-Ak HK102

Snow et al., 1988 siehe

HS

+

Alle

 

Farbstoffe

Snow et al., 1989

HS

+

10-20%

N, O

HS-Ak HK249

Snow et al., 1990 siehe

HS

n.u.

+

 

BFGF Bindung

Perry et al., 1991 siehe

       

HSPG-Ak

 

HS

+

75%

N, G

HS+HSPG-Ak

Su et al., 1992 siehe

HS

+

n.u.

 

Farbstoffe

Snow et al., 1994 siehe

       

PK-Ak HK102

 
       

HS-Ak HK249

 

HS

n.u.

Alle

N

HS-Ak 10E4

Goedert et al., 1996 siehe

Außerdem sei erwähnt, daß die Zelloberflächen-Bindung von Apolipoprotein E, einem zentralen Protein im Fettstoffwechsel des ZNS und aufgrund seines Polymorphismus Risikofaktor der AK, über membranassoziiertes Heparan Sulfat vermittelt wird (Ji et al., 1994 siehe ). ApoE4 ist mit erhöhtem AK Risiko, vermehrter betaA-Deposition, verringerter antioxidativer Potenz und reduziertem Neuritenwachstum assoziiert (Strittmatter et al., 1993 siehe ; Rebeck et al., 1993 siehe ; Miyata et al., 1996 siehe ; Nathan et al., 1994 siehe ). Die Stellen des Apo E-


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Polymorphismus beinhalten zwar die Heparan Sulfat-Bindungsstellen nicht direkt, aber die dadurch bedingte Veränderung der Gesamtstruktur von ApoE könnte dennoch eine Rolle spielen (Abb. 37) (Dong et al., 1994 siehe ). Die Bindungsstelle von ApoE für betaA überlappt nicht mit der für Heparan Sulfat, sodaß eine gleichzeitige Bindung von betaA und Heparan Sulfat an Apo E möglich wäre.

Abb. 37: ApoE mit Bindungsstellen für beta-Amyloid (beta), Heparan Sulfat (H), Rezeptor (R), und Lipoprotein (L); Thrombin Schnittstelle (Thr); Polymorphismus (2/4) (Schulz und Einhäupl, 1996

5.4. Einordnung in Daten der in vitro beta-Amyloid Toxizität

GPI verankerte Proteine sind im Ruhezustand in glykosphingolipidreichen Domänen der Zellmembran lokalisiert. Nach Querverknüpfung werden sie in sogenannte Kaveolae internalisiert. Kaveolae sind flaschenförmige nichtumhüllte Zellmembraninvaginationen, die mit einer Fülle von Signaltransduktionselementen ausgestattet sind (Lisanti et al., 1994 siehe ; Sargiacomo et al., 1993 siehe ).


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Abb. 38: Schema der potentiellen Glypikanlokalisation in glykosphingolipidreichen Domänen der Zellmembran

Da die Querverknüpfung von GPI-verankerten Proteinen durch Antikörper oder Lektine ausgelöst wird, ist es vorstellbar, daß sie auch durch betaA ausgelöst werden kann. Würde betaA zwei oder mehr GPI-verankerte Glypikan-Moleküle durch Bindung an die Heparan Sulfat Seitenketten querverknüpfen, könnte es gemeinsam mit Glypikan in Kaveolae internalisiert werden, und dort eine Signaltransduktionskaskade in Gang setzen und Toxizität auslösen. Die im folgenden dargelegten Parallelen zwischen betaA-Toxizität und Signal Transduktion von GPI-verankerten Proteinen unterstützen die Annahme, daß dies der Fall ist.


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Abb. 39: Schema der potentiellen Glypikanaktivierung durch betaA.

Sowohl die Querverknüpfung GPI-verankerter Proteine als auch betaA bewirkt eine Aktivierung und eine dadurch bedingt vermehrte TNF und NO Freisetzung in Mikrogliazellen bzw. Makrophagen (Lund-Johansen et al., 1993 siehe ; Meda et al., 1995 siehe ). Für die Mikroglia-betaA Interaktion wurde gezeigt, daß die Aminosäuren 10-16 von betaP nötig sind (Giulian et al., 1996 siehe ), also der Abschnitt, der die Heparan Sulfat Bindungsstelle 13-16 von betaP beinhaltet (684-687 von AVP, siehe Abb. 1). Ob GPI-verankerte Proteine Toxizität in Neuronen vermitteln können wurde bislang nicht untersucht.

GPI-verankerte Proteine sind mit verschiedenen Tyrosin Kinasen assoziiert (LYN, FYN, LCK, FGR, HCK), und davon kann zumindest HCK durch den Glykananteil des GPI-Ankers (Man-Man-Man-GlN-Inositol) aktiviert werden (Abb. 39). Der Glykananteil kann durch enzymatische Spaltung freigesetzt werden. Handelt es sich beim Enzym um die GPI-spezifische Phospholipase D, entsteht zusätzlich phosphatidische Säure, handelt es sich um die GPI-spezifische Phospholipase C, entsteht zusätzlich Diazylglyzerin. Diazylglyzerin aktiviert Protein Kinase C, die zusammen mit Tyrosin Kinasen die NF-kappaB Transkriptionsfaktorenfamilie aktiviert, die wiederum die Expression von z.B. Interleukin 1, Interleukin 6, TNF, oder iNOS steuert (Tachado et al., 1997 siehe ) (Abb. 40).


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Phosphatidische Säure kann durch Arachidonsäure in lysophosphatidische Säure umgewandelt werden, welche wiederum die Tyrosin Kinase FAK aktiviert. betaA Toxizität wird durch Aktivierung von Protein Kinase C und der Tyrosin Kinase FAK vermittelt, wobei noch weitere Tyrosin Kinasen (z.B. LYN, SYK) durch betaA aktiviert werden (Zhang et al., 1996 siehe ; McDonald et al., 1997 siehe ). FAK aktiviert FYN (Cobb et al., 1994 siehe ), eine Tyrosin Kinase, die zu 85-95% in Kaveolae lokalisiert ist (Lisanti et al., 1994 siehe ), mit dem GPI Anker interagiert (Thomas und Samelson, 1992 siehe ) und in NFB-haltigen Zellen im Alzheimer-Gehirn vermehrt vorhanden ist (Shirazi und Wood, 1993 siehe ).

NF-kappaB ist ein Transkriptionsfaktor, der aufgrund seiner DNA-bindenden Rel-Region Gene für Zytokine, Chemokine, Komplementfaktoren, Wachstumsfaktoren und Adhäsionsmoleküle kontrolliert und als zentrale Regulationsstelle für inflammatorische Reaktionen gesehen wird (Baeuerle und Baltimore, 1996 siehe ). NF-kappaB kann, wie bereits erwähnt, durch das Zusammenspiel von Glykananteil und Diazylglyzerin aktiviert werden, welche aus GPI-verankerten Proteinen durch GPI-spezifische Phospholipase C-induzierte Spaltung hervorgehen (Tachado et al., 1997 siehe ). Auch betaA aktiviert NF-kappaB (Behl et al., 1994b siehe ) und erhöhte NF-kappaB-Immunoreaktivität wird im Hippocampus und zerebralen Kortex-Neuronen von Alzheimer-Patienten gefunden (Terai et al., 1996 siehe ).

Integrine bilden eine Familie fokal verteilter transmembranöser Zelloberflächenrezeptoren, die nach niedrig-affiner Interaktion mit der extrazellulären Matrix Signale nach intrazellulär weitergeben. Dies bewirkt Veränderungen von Aktin Filamenten, Erhöhung des intrazellulären Kalziums und Aktivierung von Tyrosin Kinasen. beta-Integrin bindet betaP/A (Sabo et al., 1995 siehe ) und AVP (Ghiso et al., 1992 siehe ) und wird in Kaveolae gefunden (Bohuslav et al., 1995 siehe ).

Phosphatidyl-3 Kinase, eine Lipid Kinase, die durch niedermolekulare GTPasen aktiviert wird und sich Integrin-abhängig mit Tyrosin Kinasen assoziiert, wird in Kaveolae gefunden (Lisanti et al., 1994 siehe ) und durch betaA aktiviert (Luo et al., 1996 siehe ).

Der “Straßenkehrerrezeptor” RAGE und das Gangliosid GM1 werden beide in Kaveolae gefunden (Lisanti et al., 1994 siehe ) und beide binden betaP/A (Yan et al., 1996 siehe , Yanagisawa et al., 1995 siehe ).

Protein Kinse C und Casein Kinase II werden sowohl in Kaveolae gefunden als auch durch betaA stimuliert (Chauhan et al., 1991 siehe und 1993 siehe ).


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Intrazelluläres Kalzium gehört zu den elementarsten und vielseitigsten Botenstoffen der Zelle. betaA-Toxizität wird mit Destabilisierung der Kalziumhomöostase in Zusammenhang gebracht (Mattson et al., 1992 siehe ). Diese könnte in Kaveolae durch Beeinflussung der dort gefundenen ATP abhängigen Plasmamembran-Kalziumpumpe oder des IP3-sensiblen Kalziumkanals, oder durch Diazylglyzerin-induzierte Ausschüttung von Kalzium aus intrazellulären Speichern erklärt werden.

Eine verringerte Aktivität der GTPase cp20 wurde in Zellen von AK Patienten oder nach betaA-Behandlung in Kontrollzellen festgestellt (Kim et al., 1995 siehe ). In Kaveolae findet man mehrere GTPasen (Sargiacomo et al., 1993 siehe ), allerdings wurde cp20 nicht identifiziert.

Abb. 40: Schema der durch betaA-Glypikan Vernetzung potentiell ausgelösten Signal Transduktion. NRTK, Nicht-Rezeptor Tyrosin Kinasen; PKC, Protein Kinase C; DAG, Diazylglyzerol; RAGE; Rezeptor für fortgeschrittene Glykierungsendprodukte; ROS, reaktive Sauerstoff Spezies; NF-kappaB, nukleärer Faktor kappaB.


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Kaveolae wird neben einer Funktion in der Signal Transduktion auch eine Funktion im intrazellulären Transport zugeschrieben. Sie sind an Potozytose, Endozytose und Transzytose beteiligt (Schnitzer et al., 1994 siehe ). Bei der Endozytose unterscheidet man zwischen Klathrin-beschichteten Vesikeln und Klathrin-freien Kaveolae. Beide werden unabhängig voneinander, mit unterschiedlicher Kinetik, und in unterschiedliche Endosomen in das Zellinnere aufgenommen. Aus Studien mit chimären Rezeptoren weiß man, daß der Membrananker bestimmt, über welchen Endozytoseweg ein Molekül internalisiert wird. GPI-Verankerung führt zur Internalisierung durch Kaveolae. (Keller et al., 1992 siehe ). Unterschiedliche Endozytosewege wurden auch für transmembranöse und GPI-verankerte HSPG demonstriert (Yanagishita, 1992 siehe ), und es ist anzunehmen, daß das GPI-verankerte Glypikan aus Kaveolae endozytiert wird.

Mikrofilamente sind eines der drei Elemente des Zytoskeletts und bestehen aus Aktin. Sie sitzen auf der zytoplasmatischen Oberfläche von Kaveolae und sind für die Internalisierung von GPI-verankerten Proteinen nötig. Die Mikrofilamente werden durch Aktin-assoziierte Proteine wie z.B. Paxillin und Gelsolin reguliert, die wiederum durch Tyrosin Kinasen aktiviert werden (Lisanti et al., 1994 siehe ; Sargiacomo et al., 1993 siehe ). Depolymerisierung von Aktin blockt sowohl die betaA Toxizität (Furukawa und Mattson, 1995 siehe ) als auch die Aufnahme querverknüpfter GPI verankerter Proteine in Kaveolae (Parton et al., 1994 siehe ).

HS wird endozytiert und zum Teil in den Zellkern transportiert (Ishihara et al., 1986 siehe ). Im Alzheimer-Gehirn werden intrazelluläre HS-Ablagerungen in Lipofuszingranula, in NFB und im Zellkern gefunden (Su et al., 1992 siehe ; Snow et al., 1990 siehe ). Da Kaveolae Endozytose und Transzytose vermitteln (Schnitzer et al., 1994 siehe ) und Mikrotubuli Schienen für den Vesikeltransport in das Zellinnere bilden, besteht Grund zur Annahme, daß Glypikan-haltige Transportvesikel mit Mikrotubuli in Kontakt kommen. Das Mikrotubulus-assoziierte Protein Tau, der Hauptbestandteil der NFB im Alzheimer-Gehirn, bindet mit dem C-Terminus Mikrotubili und interagiert mit dem N-Terminus mit anderen Zellbestandteilen. Da Tau Heparan Sulfat (Goedert et al., 1996 siehe ) und den membranspannenden Anteil von AVP (Smith et al., 1995 siehe ) bindet (siehe Abb. 1), könnte eine direkte Interaktion von Tau, Glypikan und AVP durch die betaA-induzierte Quervernetzung zur NFB-Bildung führen (Abb. 41).


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Abb. 41: Schema der potentiellen Interaktion einer internalisierten Kaveola mit einem Mikrotubulus. HS, Heparan Sulfat; betaA, beta-Amyloid; AVP, Amyloid Vorläuferprotein.

5.5. Modell der Pathogenese der Alzheimer’schen Krankheit

Autosomal dominante Mutationen von AVP oder Präsenilin 1 oder 2 führen zur vermehrten Produktion von betaP-Spezies und zur früh einsetzenden familiären AK. betaA geht aus betaP hervor und ist der Hauptbestandteil der im Alzheimer-Gehirn abgelagerten Plaques. Deshalb nehmen AVP und betaA eine zentrale Rolle in der Pathogenese der AK ein. Auch bei den sporadischen Erkrankungsfällen wird betaA abgelagert, die Ursache ist jedoch unklar.


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Abb. 42: Modell der Pathogenese der Alzheimer’schen Krankheit (AK). PS, Präsenilin; NFB, Neurofibrilläre Bündel.

Um betaP aus dem Vorläuferprotein AVP herauszuschneiden, sind die bislang unbekannten Enzyme beta- und gamma-Sekretase notwendig, alpha-Sekretase verhindert die betaP Freisetzung. Die Umwandlung von betaP in betaA, bei der es sich um eine Konformationsänderung handelt, wird durch viele Faktoren beeinflußt: pH, Konzentration, C-Terminale Länge, Sequenz, Kofaktoren, etc..

Die extrazellulär abgelagerten Plaques erreichen eine Größe von bis zu mehreren Millimetern Größe. Ihr Verteilungsmuster stimmt nicht mit dem der NFB oder dem neuronalen Schaden im Alzheimer-Gehirn überein, was eine direkte, von ihnen ausgehende Neurotoxizität anzweifeln läßt. Allerdings sind 80% der betaA-haltigen Plaques von aktivierter Mikroglia umgeben. Ihre Unlöslichkeit läßt sich u.a. durch stabilisierende Kofaktoren wie Perlekan erklären.

betaA-Mono-, Di- bzw. Oligomere können auch schon Mikroglia aktivieren und Toxizität vermitteln, sind im Extrazellularraum frei beweglich und können aus dem Alzheimer-Gehirn


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extrahiert werden (Giulian et al., 1996 siehe ). Glypikan könnte sowohl bei der direkten neuronalen Attacke als auch bei der Mikroglia-Attacke durch betaA eine Rolle als Rezeptor spielen, wie es für PC12 Zellen in dieser Arbeit gezeigt wurde. Unterstützt wird diese Hypothese von Arbeiten., die zeigen, daß die HS-Bindungssequenz von betaA notwendig für die Zelloberflächenbidung an Mikrogliazellen und Hirnmembranen ist (Allsop et al., 1991 siehe ; Giulian et al., 1996 siehe ).

Neurotoxizität im Alzheimer-Gehirn kann durch direkten Einfluß von betaA, aber auch indirekt über toxische Phenolamine von durch betaA aktivierten Mikrogliazellen (Giulian et al., 1995 siehe ) oder durch das von betaA aktivierte Komplementsystem durch zustande kommen (Rogers et al., 1992 siehe ).

Durch Mikrogliaaktivierung werden Entzündungsreaktionen im Gehirn ausgelöst, die wiederum Neuronen schädigen oder zu einer reversiblen Funktionsbeeinträchtigung des Gehirns führen können. Eine Relevanz für die AK wird durch die Wirksamkeit von Indomethazin bei Alzheimer-Patienten unterstrichen (Rogers et al., 1993 siehe ).

Ein Synapsenverlust geht dem Untergang von gesamten Neuronen voran, und beide haben einen Verlust von Neurotransmittern zur Folge. Auf den Ausgleich dieses Defizits fußt die momentane Pharmakotherapie mit Azytylcholinesterasehemmern, die allerdings nur symptomatisch ist.

Die Bildung der NFB wurde bisher in keinem Tiermodell der AK erreicht und steht auch in keinem offensichtlichen räumlichen Zusammenhang mit der Ablagerung von betaA-Plaques. NFB sind jedoch definierend für die AK und bedeuten den Untergang für das befallene Neuron. Erstaunlicherweise entspricht das Verteilungsmuster der NFB weitgehend dem von Glypikan, und HS wird seit kurzem eine Rolle an der NFB Bildung zugeschrieben. Dies könnte bedeuten, daß Glypikan neben oder gerade durch eine Rezeptorfunktion für betaA auch die Bildung der NFB vermittelt.


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Mon Jul 13 14:24:30 1998