Einleitung

3.1  Alkoholscreening und Intervention in der Rettungsstelle

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Das Auftreten von Unfällen und der Konsum von Alkohol sind stark miteinander assoziiert (13, 28, 36, 73). Daher scheint die Rettungsstelle als Anlaufpunkt von Verunfallten der geeignete Ort für Alkoholscreening- und Interventionsverfahren zu sein.

Patienten, die in Einrichtungen der medizinischen Grundversorgung (z.B. Rettungsstelle) behandelt werden, haben in der Regel nicht den Wunsch nach Behandlung alkoholbezogener Störungen ( 3 ). Andererseits wurde die Effizienz von Kurzinterventionen (z.B. Senkung der posttraumatischen Morbidität sowie der Retraumarate, Reduktion des Alkoholkonsums (3, 28, 36, 33)) bereits aufgezeigt. Da gleichzeitig der Aufwand für Kurzinterventionen bezüglich des Trinkverhaltens vergleichsweise gering ist (3), wird derzeit empfohlen, dass Rettungsstellen ihr Behandlungsangebot ausweiten, und neben der Versorgung des akuten Traumas auch Screeningverfahren und Kurzinterventionen als Routinekomponente in ihr Programm aufnehmen (27, 65, 73). Trotz alledem finden derzeit in den meisten Rettungsstellen weder Screening noch Kurzinterventionen bezüglich des Alkoholkonsums statt (28, 40).

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Interventionen setzen ein Screening voraus. Durch die Wahl des Screeninginstrumentes wird gleichzeitig die Zielgruppe für anschließende Maßnahmen festgelegt (3).

Für die Detektion alkoholassoziierter Störungen sind die alleinige Verwendung von Laborparametern (73, 1, 53, 66) so wie auch der klinische Eindruck des behandelnden Arztes allein genommen oftmals zu ungenau (28, 53, 42, 67). Deshalb empfiehlt sich die Anwendung von Fragebögen als Ergänzung zu dem in den Leitlinien der AWMV (Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften) zur Behandlung alkoholbezogener Störungen vorgeschlagenen Procedere (klinischer Untersuchung, Anamnese und Blutuntersuchung) (3).

3.2 AUDIT

Der aus zehn Fragen bestehende „Alcohol Use Disorder Identification Test“ (AUDIT) wurde von der WHO in einem multinationalen Projekt speziell zur Erkennung von riskantem bzw. gefährlichem Alkoholkonsum entwickelt. Mit seinen drei konzeptionellen Achsen (Trinkmuster, Symptome der Alkoholabhängigkeit, Merkmale des gefährlichen Konsums) deckt der AUDIT ein breites Spektrum alkoholassoziierter Probleme ab (68, 35).

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Ursprünglich wurde für die Erkennung eines gefährlichen Konsums ein AUDIT-Grenzwert von 8 empfohlen (68, 4). In weiteren Studien mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen (Rettungsstelle, Allgemeinarztpraxis, Hochschulen, Krankenhaus...) wurden Grenzwerte zwischen 2 bis 22 (24, 2, 63, 8, 26) gefunden, wobei unterschiedliche Standardkriterien (z.B. ICD- bzw. DSM- Kriterien für Abhängigkeit, Missbrauch oder schädlichen Gebrauch) verwendet wurden. Bei Implementierung von Kurzinterventionen ist die Auswahl eines geeigneten Grenzwertes für die Definition der Zielgruppe unabdingbar (3).

Derzeit ist unklar, welche Grenzwerte für den AUDIT geeignet sind, um bei verletzten Patienten der Rettungsstelle, die potentiell von einer Kurzintervention profitieren würden, alkoholassoziierte Störungen geschlechtsspezifisch zu identifizieren.

3.3 Geschlechtsspezifische Besonderheiten des Alkoholkonsums

Das Trinkverhalten von Frauen und seine Auswirkungen unterscheidet sich von dem der Männer durch geschlechtsspezifische Besonderheiten (9, 8, 12, 40). Frauen haben nach dem Konsum gleich großer Mengen Alkohol ein höheres Verletzungsrisiko als Männer (77). Außerdem unterscheiden sich Frauen von Männern in ihren demographischen, sozialen und physiologischen Merkmalen sowie in ihrer Einstellung gegenüber dem Gesundheitssystem. Die Prävalenz alkoholbezogener Störungen ist bei Frauen niedriger als bei Männern. All dies kann auf die Aussage von Untersuchungsinstrumenten (z.B. Fragebögen, Alkoholtrinkmenge) Einfluss nehmen (1, 9, 8, 19, 21, 23, 64, 76, 12, 62) und verlangt deshalb eine Unterscheidung von Männern und Frauen bei Alkoholscreeningtests, wie z.B. dem AUDIT.

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Bei der Verwendung des gleichen AUDIT- Grenzwertes für beide Geschlechter fiel die Sensitivität für Frauen stets niedriger aus als für Männer (35, 2, 10, 63, 8, 26, 23, 64).

Obwohl bereits gefordert, gibt es bislang keine konkreten Empfehlungen, inwieweit Grenzwerte für den AUDIT geschlechterspezifisch angepasst werden müssten, um bei Frauen und Männern in der Rettungsstelle alkoholbezogene Störungen mit einer ausreichenden Spezifität zu identifizieren (1, 19, 21, 23, 72).

3.4 Standardkriterien

Verbreitete Standardkriterien bei Validierungsuntersuchungen des AUDIT (23, 19, 21, 72) sind Alkoholabhängigkeit und Missbrauch nach dem Diagnostic and Statistical Manual (DSM-IV oder DSM III-R) bzw. Abhängigkeit und schädlicher Alkoholgebrauch nach der International Classification of Disease (ICD-10) (32).

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Mit Quantitätskriterien wie dem hochriskanten Konsum (WHO 2000 (78)) können Individuen identifiziert werden, die möglicherweise noch keine Störungen durch ihr Trinkverhalten haben, aber trotzdem in einer Quantität Alkohol konsumieren (60g/d (M) bzw. 40g/d (F)), die mit einem erhöhten Risiko für chronische Gesundheitsprobleme oder andere Folgen einhergeht (78). Gerade diese Patienten wären sicherlich geeignete Kandidaten für Interventionsmaßnahmen.

Bisher wurde allerdings weder das Patientengut der Rettungsstelle in Bezug auf sein hochriskantes Trinkverhalten nach WHO 2000 (78) untersucht, noch erfolgte eine Bewertung des AUDIT bei Patienten der Rettungsstelle mit Hilfe eines erweiterten Standardkriteriums, das zusätzlich zu den ICD- bzw. DSM- Diagnosen noch ein Quantitätskriterium, wie z.B. den hochriskanten Konsum nach WHO 2000 enthielt.

3.5 Computerscreening in der Rettungsstelle

Die Anwendung von Alkoholscreening- und Interventionsverfahren in der Rettungsstelle ist in der Regel durch Mangel an Ressourcen begrenzt und wird derzeit in den meisten Notaufnahmen nicht durchgeführt (40,28).

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Computergestützte Screeningmethoden können eine Möglichkeit sein, diese Schwierigkeiten zu umgehen, wenn auch die Auswertung und ggf. die gezielte Intervention per Computer erfolgen, weil sie dann die Belastung für die ohnehin überbeanspruchten Angestellten vermindern können (52). Die Fehleranzahl durch die Übertragung von Daten vermindert sich durch den Einsatz von Computern bei Screeningverfahren.

Cloud et al. (25) verwendeten eine Computerversion des AUDIT im Rahmen eines Internetscreenings auf alkoholrelevante Verhaltensweisen und kamen zu guten Ergebnissen bezüglich der Anwendbarkeit.

In einer Studie mit Patienten einer Tagesklinik für Alkoholabhängige von Chan-Pensley et al. (18) erbrachte eine Computerversionen des AUDIT ähnliche Ergebnisse wie die Papierversion dieses Tests.

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Bisher wurde aber noch nicht untersucht, bei wie vielen Traumapatienten der Rettungsstelle ein Computerscreening mit dem AUDIT ohne Hilfestellung, die über eine kurze technische Einweisung hinausgeht, möglich ist.


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04.09.2006