8 Zusammenfassung

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Einleitung: Da Alkohol und Trauma hoch miteinander assoziiert sind, sind Screeningmaßnahmen bezüglich des Konsums von Alkohol bzw. damit verbundener Probleme in einer Rettungsstelle sinnvoll und effektiv, wenn sich Maßnahmen, wie z.B. Kurzinterventionen anschließen. Der „Alcohol Use Disorder Identification Test“ (AUDIT) wird als Screeninginstrument empfohlen, um potentielle Kandidaten für präventive Alkoholkurzinterventionen zu identifizieren. Durch die mögliche Einflussnahme demographischer, sozialer und physiologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf die Aussage von Fragebögen sollte der AUDIT geschlechtsspezifisch angepasst werden. Obwohl niedrigere Grenzwerte für den AUDIT bei Frauen als bei Männern vorgeschlagen wurden, sind konkrete Werte bislang unklar.

Während mit den Kriterien für Abhängigkeit, Missbrauch und schädlichen Gebrauch nach ICD-10 bzw. DSM-IV bereits manifeste Folgen des Alkoholkonsums detektiert werden, können mit Quantitätskriterien wie z.B. dem hochriskanten Konsum (60g/d (M) bzw. 40g/d (F), WHO 2000) Individuen allein über ihre potentiell schädliche Trinkmenge als interventionsbedürftig identifiziert werden. Das ist von hoher klinischer Relevanz, weil Patienten über ihre schädliche Trinkmenge bereits in einem frühen Stadium detektiert werden können. Bislang wurde die Anwendung eines kombinierten Standardkriteriums bei Untersuchungen mit dem AUDIT in Rettungsstellen nicht beschrieben.

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In den meisten Rettungsstellen werden derzeit aufgrund mangelnder Ressourcen keine Screening- und Interventionsmaßnahmen durchgeführt. Computergestützte Screeningmethoden können eine Möglichkeit sein, diese Schwierigkeiten zu umgehen, wenn auch die Auswertung und ggf. die Intervention per Computer erfolgt. Bislang ist unklar, inwieweit sich derartiges unter den Bedingungen einer Rettungsstelle verwenden lässt.

Zielstellung: Primäres Ziel der Studie war es, die Grenzwerte und zugehörigen Sensitivitäten für den AUDIT zu bestimmen, um mit einer a priori für Screeningzwecke als ausreichend angesehenen Spezifität von 0,8 gefährdenden Alkoholkonsum bei Männern und Frauen in der Rettungsstelle zu identifizieren.

Das sekundäre Ziel bestand darin, zu untersuchen, inwieweit die Beantwortung einer Computerversion des AUDIT durch Traumapatienten einer Rettungsstelle ohne Hilfestellung realisierbar ist.

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Methoden: In der Rettungsstelle der Charité- Universitätsmedizin Berlin, Campus Mitte wurden in einem Zeitraum von 8 Monaten 1205 Männer und 722 Frauen bei einer computerisierten Befragung zum Lebensstil, in die der AUDIT eingebettet war, gescreent. Die Kriterien der WHO von 2000 für hochriskanten Konsum sowie die ICD-Kriterien für Abhängigkeit und schädlichen Gebrauch wurden verwendet, um gefährdenden Konsum zu identifizieren. Patienten mit gefährdendem Konsum wurden einer Gruppe zugeordnet und mit den restlichen Patienten (Kontrollgruppe) verglichen. ROC(Receiver Operated Characteristics)-Kurven wurden herangezogen, um den Grenzwert und die zugehörigen Sensitivitäten für den AUDIT bei einer a priori als ausreichend für dieses Setting definierten Spezifität von 0,8 zu bestimmen. Um die Güte des Tests (Validität) zu bewerten, wurde die Fläche unter der ROC-Kurve (area under the curve = AUC) herangezogen.

Ergebnisse: Der Grenzwert für eine Computerversion des AUDIT betrug 8 Punkte für Männer und 5 Punkte für Frauen, um bei leichtverletzten Patienten der Rettungsstelle gefährdenden Alkoholkonsum (schädlicher Gebrauch oder Abhängigkeit nach ICD-10 oder hoch riskanter Konsum nach WHO 2000) mit einer a priori festgelegten Spezifität von 0,8 zu identifizieren. Die Validität des AUDIT war gut (AUC 0,80 – 0,90) bei Männern und gut bis sehr gut (AUC 0,90-1,00) bei Frauen. Die Häufigkeitsverteilung der Antworten auf alle Fragen des AUDIT unterschied sich signifikant zwischen den Geschlechtern. Bei den hier untersuchten Leichtverletzten waren die Prävalenzen von Abhängigkeit, schädlichem Gebrauch und hoch riskantem Konsum sowie die wöchentliche Alkoholtrinkmenge bei Männern signifikant höher als bei Frauen. Männer waren häufiger berufstätig oder arbeitslos und seltener Rentner oder Student als Frauen. 85% der Patienten konnten die Computerbefragung ohne weitere Hilfestellung durchführen.

Schlussfolgerungen: Durch eine Reduktion des AUDIT- Grenzwertes auf 5 Punkte für Frauen (bei einem Grenzwert von 8 Punkten für Männer) lässt sich ein gefährdender Konsum mit der für beide Geschlechter gleichen ausreichenden Spezifität und damit vergleichbaren Sensitivitäten bei leichtverletzten Patienten der Rettungsstelle screenen. Der Einsatz von Computerscreening ist in der Rettungsstelle durchführbar und könnte eine Möglichkeit sein, Screeningmaßnahmen trotz des häufig bestehenden Zeitmangels in Rettungsstellen durchzuführen.

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Da sich die Prävalenz alkoholassoziierter Störungen bei Frauen mit dem verwandten Erhebungsinstrument ändert, sind weiterführende Untersuchungen mit spezifischen, auf die soziodemographischen Besonderheiten und die erhöhte Gefährdung von Frauen nach Alkoholkonsum zugeschnittenen Instrumenten notwendig.


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04.09.2006