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4  Diskussion

4.1 Schlüsselproteine synaptischer Transmission

Synapsen bilden spezialisierte Kontaktpunkte zwischen Neuronen zur Übertragung und Weiterleitung von Informationen. Die Exozytose ist hierfür ein fundamentaler Vorgang, wobei Neurotransmitter aus den synaptischen Vesikeln in den synaptischen Spalt freigesetzt werden und gleichzeitig im Zuge der Membranfusion Membrandomänen neu geordnet und mit spezifischen Proteinmolekülen ausgestattet werden. Die Freisetzung der Transmitter ist dabei ein hochregulierter Prozess, bei dem die übertragenen Signale ständig auf die Anforderungen des Organismus abgestimmt werden und falsche Signale unterdrückt werden müssen. Eine entscheidende feinregulierende Aufgabe bei der Interaktion zwischen den extrem reaktiven SNARE-Proteinen übernimmt der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex in der synaptischen Vesikelmembran. Synaptophysin reagiert dabei spezifisch mit Synaptobrevin und reguliert wahrscheinlich dessen Verfügbarkeit für die Bildung des Fusionskomplexes mit der Plasmamembran. Erst vor kurzem wurde Synaptophysin zusätzlich als cholesterolbindendes Protein in der synaptische Vesikelmembran identifiziert (Thiele et al., 2000). Das Ziel der vorliegenden Arbeit war es nun, zu untersuchen, inwieweit auch die Interaktion von Synaptophysin mit Synaptobrevin vom Cholesterolgehalt der synaptischen Vesikelmembran abhängig ist und durch Cholesterolverminderung der Membran beeinflusst werden kann.

4.2 Der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex – ein Charakteristikum synaptischer Vesikel in reifen Neuronen

Der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex wurde als Regulationselement der Exozytose synaptischer Vesikel beschrieben. Es soll daher zunächst auf seine Rolle während plastischer Prozesse in Neuronen, wie der Zellentwicklung und der Adaptation synaptischer Transmission, näher eingegangen werden.

Die Bildung des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes ist vom Reifungsgrad der neuronalen Zellen abhängig. Er kommt ausschliesslich auf der synaptischen Vesikelmembran von adulten Neuronen vor.

Obwohl die beiden Proteine Synaptophysin und Synaptobrevin in den embryonalen synaptischen Vesikelmembranen vorhanden sind, fusionieren sie noch nicht zu einem Komplex. Die Fusion konnte jedoch durch Zugabe von adultem synaptischen Zytosol induziert werden, was für eine zusätzliche posttranslationale Modifikation von Synaptophysin


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durch einen induzierenden zytosolischen Faktor in adultem Rattengehirn spricht (Becher et al., 1999). Im Gegensatz zum Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex wird der exozytotischen SNARE-Komplex sowohl in adulten Neuronen mit einem Hauptteil in der Plasmamembran und zusätzlich einem geringeren Anteil in der Vesikelmembran als auch in unreifen Neuronen und neuroendokrinen Zellen gebildet.

Die beiden synaptischen Proteinkomplexe existieren nebeneinander in der Präsynapse und schließen sich gegenseitig aus. Das Synaptobrevin des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes kann zur Fusion der synaptischen Vesikel mit der Plasmamembran schnell in den SNARE-Komplex eingehen. Jedoch kann Synaptobrevin, welches in dem besonders stabilen SNARE-Komplex gebunden vorliegt, erst nach regulierter Dissoziation des Komplexes durch ATP-Hydrolyse mittels NSF eine Interaktion mit Synaptophysin eingehen.

Der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex trägt entscheidend zu kurzfristigen plastischen Veränderungen in Neuronen bei, welche durch Inkubation mit verschiedenen Toxinen induziert werden können, wobei entweder eine verminderte oder eine gesteigerte synaptische Aktivität ausgelöst wird. (i) Durch die Wirkung von Tetanusneurotoxin auf die Präsynapse wird sowohl die Formierung des SNARE-Komplexes auf der Plasmamembran als auch die Bildung des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes auf der Membran der synaptischen Vesikel blockiert. Tetanusneurotoxin spaltet dabei bevorzugt Synaptobrevin im Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex, hat aber keine Wirkung auf Synaptobrevin innerhalb des SNARE-Komplexes. Somit führt die Inkubation mit Tetanusneurotoxin zu einer schnellen Abnahme des vesikulären Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes, jedoch nur zu einer langsamen Verminderung des SNARE-Komplexes in den Zellen. Das im SNARE-Komplex gebundene Synaptobrevin muss also im Verlauf membranärer Umbauvorgänge und Transportprozesse zuerst aus der Interaktion im Proteinkomplex freigesetzt werden, um durch das Toxin angreifbar zu sein. (ii) Tetrodotoxin blockiert selektiv spannungsabhängige Natriumkanäle in der neuronalen Plasmamembran und damit die Depolarisation der Synapse. Die Fusion der synaptischen Vesikel mit der Plasmamembran läuft bei verminderter synaptischer Erregungsübertragung auf Ruheniveau ab, wofür keine verstärkte Bildung des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes stattfindet. Dagegen scheint der Komplex aber besonders in Zeiten verstärkter synaptischer Transmission notwendig zu sein, die Zelle an die erhöhten Ansprüche synaptischer Effizienz anzupassen. Der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex ermöglicht wahrscheinlich eine beschleunigte Verfügbarkeit von „aktivem“ Synaptobrevin zur Fusion in den SNARE-Komplex. Im folgenden soll daher näher auf die Auswirkungen erhöhter synaptischer Aktivität auf die synaptischen Proteinkomplexe [Seite 60↓]eingegangen werden. (iii) Die kurzzeitige Stimulation der synaptischen Transmission durch alpha-Latrotoxin führte zu einer stark erhöhten Fusionsrate der synaptischen Vesikel mit der Plasmamembran. Zur Aufrechterhaltung der deutlich erhöhten Exozytoseanforderungen an die Synapse bindet das verfügbare vesikuläre Synaptobrevin mit seinen SNARE-Partnern in der Plasmamembran und ermöglicht damit das Andocken der Vesikel als Voraussetzung zur Membranverschmelzung und nachfolgender Transmitterfreisetzung. Dabei wird der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex auf der Vesikelmembran aufgebraucht, während sich gleichzeitig vermehrt SNARE-Komplexe in der Plasmamembran formieren. Es scheint also, dass Synaptobrevin des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes nicht jedoch freies Synaptobrevin bevorzugt in den SNARE-Komplex bindet, da besonders der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex bei synaptischer Stimulation abnimmt.

Synaptophysin ist nicht absolut notwendig für die Exozytose, könnte jedoch durch Rekrutierung von Synaptobrevin in Zeiten schneller exozytotisch-endozytotischer Zyklen zur Beschleunigung der synaptische Exozytose dienen. Dies wird hauptsächlich erreicht, indem Synaptophysin durch Bindung von freiem, sehr aktivem Synaptobrevin dessen mögliche Interaktion mit den vesikelständigen SNARE-Proteinen beeinflusst (Sugita et al., 1999) und damit die Bildung nicht funktioneller cis-SNARE-Komplexe auf der synaptischen Vesikelmembran verhindert. Diese cis-SNARE-Komplexe würden besonders im Zustand hochfrequenter synaptischer Aktivität eine Sackgasse der Membranfusion darstellen und somit die synaptische Effizienz wieder vermindern.

4.3 Synaptophysin und der Cholesterolgehalt von Membranen

Bei der Untersuchung des funktionellen Zusammenspiels von integralen Membranproteinen müssen ihre Wechselwirkungen mit dem Lipidverband der Membran berücksichtigt werden. Proteine können in verschiedenen Membrandomänen angeordnet sein, die sich durch ihren unterschiedlichen Gehalt an Phospholipiden, Sphingolipiden und Cholesterol voneinander abgrenzen. Innerhalb einer Membran zeigen diese Domänen unterschiedliche Sensitivität gegenüber Detergenzien und können dadurch differenziert werden. Durch die Extraktion lassen sich nur die Rafts aus der Membran heraus lösen, die in dem jeweiligen Detergens löslich sind, aber nicht dissoziieren.

Hier wurde gezeigt, dass sowohl Synaptophysin und Synaptobrevin, als auch SNAP 25 in ähnlicher Weise durch Triton X-100, Octylglucopyranosid und Chaps aus der Membran gelöst werden können und der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex nach Extraktion mit den verschiedenen Detergenzien unverändert immunpräzipitiert wird. Die Wechselwirkungen der Proteine im Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex innerhalb der Vesikelmembran [Seite 61↓]wurden also durch die Extraktion nicht unterschiedlich beeinflusst. Diese synaptischen Proteine scheinen daher in Membrandomänen angeordnet zu sein, die einen ähnlichen Lipidaufbau besitzen. Es ist dabei jedoch möglich, dass in der Membran der synaptischen Vesikel spezielle Membrannanodomänen existieren, die besonders die Ausbildung des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes ermöglichen, und neben anderen Membran-domänen vorliegen, in denen keine Komplexbildung stattfindet. Durch Triton X-100, Octylglucopyranosid und Chaps kann keine Unterscheidung solcher Nanodomänen erreicht werden. Jedoch wäre es interessant zu untersuchen, ob andere Detergenzien wie z.B. Lubrol WX diese Nanodomänen extrahieren können. Durch die Verwendung von Lubrol konnten bereits spezielle cholesterolhaltige Lipidmikrodomänen innerhalb der Plasmamembran isoliert werden, in denen Prominin angereichert ist. Prominin, ein mit Mikrovilli assoziiertes Membranprotein, interagiert wie Synaptophysin spezifisch mit Cholesterol. Beide Proteine sind komplett löslich in Triton X-100, aber nicht in Lubrol WX (Röper et al., 2000).

Bei der Untersuchung von Interaktionen der SNARE-Proteine wurde beobachtet, dass sich der größte Anteil stabiler SNARE-Komplexe erst nach Behandlung mit nicht ionischen Detergenzien bildet und dass in lebenden Neuronen die meisten der Komplexe durch die kontinuierliche Aktivität von NSF gespalten vorliegen (Otto et al., 1997). So kann nach Extraktion der zellulären Membranen kein genaues Abbild der membranären Proteinverhältnisse in vivo gegeben werden.

Zur besseren Beurteilung der Proteininteraktionen des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes, ohne dabei Veränderungen des Membranzustandes durch die denaturierende Wirkung von Detergenzien zu verursachen, wurden daher in dieser Arbeit zusätzlich zu den Immunpräzipitationsversuchen Untersuchungen mit dem Verfahren der chemischen Quervernetzung durchgeführt.

Die Interaktion von Synaptophysin und Synaptobrevin wird durch den Cholesterolgehalt der synaptischen Vesikelmembran reguliert. Cholesterol ist das wichtigste Membranlipid zur Aufrechterhaltung der Fluidität natürlicher Membranen (Bretscher und Munro et al., 1993). Durch den Entzug von Cholesterol kann die Organisation der Membranen in Domänen und Subdomänen stark beeinflusst werden, was zusätzlich Auswirkungen auf die Proteininteraktionen innerhalb der Membranen haben kann. Die Bindung von Cholesterol, als Teil der physiologischen Aufgabe von Synaptophysin, vermittelt wahrscheinlich bei den Funktionen von Synaptophysin innerhalb der Vesikelmembran. Dies wirft die Frage auf, wie der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex durch den zellulären Cholesterolgehalt [Seite 62↓]beeinflusst wird. Das Verhalten der integralen Membranproteine soll dabei zusätzlich in Bezug auf ihre Verankerung in cholesterolreichen Membransubdomänen betrachtet werden.

4.3.1 Cholesterol und seine Funktionen

Cholesterol wurde als ein in den Gliazellen produzierter Faktor identifiziert, der für die Ausreifung von Synapsen in Neuronen verantwortlich ist (Barres et al., 2001). Der Cholesterolgehalt in der Zellmembran spiegelt damit einen funktionellen Reifegrad der untersuchten Neuronen wider.

Der Cholesterol- und Phospholipidgehalt der in dieser Arbeit verwendeten Membranfraktionen variierte bei ersten Messungen in Abhängigkeit von den untersuchten Zellarten. Dabei ist das Cholesterol-Phospholipid-Verhältnis in den Membranfraktionen aus adulten Rattenneuronen am höchsten. Der Cholesterolgehalt von embryonalen Neuronen und nicht neuronalen bzw. neuroendokrinen Zellen ist insgesamt deutlich geringer als in adulten Neuronen (Abb. nicht gezeigt).

Die CHOp38-Zellen sind also eher als ein Modell der zellulären Verhältnisse unreifer Neuronen zu betrachten. Ebenso können die Membranverhältnisse in PC12-Zellen als ein Modell für das Verhalten von Synaptophysin und weiteren synaptischen Proteinen in embryonalen Neuronen dienen. Diese beiden Zelllinien konnten dabei nicht auf Eigenschaften des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes untersucht werden, sondern dienten nur der Analyse der einzelnen Proteine und ihrem Verhalten innerhalb der Membran.

Die geringe Cholesterolversorgung der embryonalen Neuronen bewirkt zusätzlich einen verminderten Gehalt an synaptischen Vesikeln, in deren Membranen sich auch weniger cholesterolabhängige Nanodomänen ausbilden. Dies könnte ein zusätzlicher Grund für die fehlende Bildung des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes in unreifen Neuronen sein. Die entwicklungsabhängige Umverteilung der Protein-Lipid-Verhältnisse innerhalb der Membranen ermöglicht wahrscheinlich erst nach ausreichender Cholesterolanreicherung der synaptischen Vesikelmembran mit zusätzlicher Organisation in Membransubdomänen die Fusion des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes in adulten Neuronen.

4.3.2 Der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex nach Cholesterolverminderung

Der Cholesterolgehalt der Zellen wurde in dieser Arbeit auf drei unterschiedliche Weisen vermindert. (i) Durch Filipin und Methyl-ß-cyclodextrin wird Cholesterol der Membran direkt entzogen, wohingegen Cholesteroloxidase das Cholesterol nur chemisch verändert und in der Membran belässt. Dabei beeinflusst Methyl-ß-cyclodextrin die Membranfluidität sehr stark (Gimpl et al., 1997), Filipin und Cholesteroloxidase erhalten jedoch weitgehend den [Seite 63↓]physikalischen Zustand der Membran. (ii) Durch Lovastatin wird die zelluläre Cholesterolbiosynthese blockiert und damit die Versorgung der gesamten Zelle mit Cholesterol eingeschränkt. (iii) In einem dritten Ansatz wurde der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex in Neuronen aus Niemann-Pick C1 Mäusen untersucht, in denen die zelluläre Cholesterolverteilung innerhalb des endozytotischen Transportweges auf Grund einer Mutation gestört ist.

Eine weitreichende Cholesterolverminderung der zellulären Membranen im Experiment ist schwer zu erreichen. Die Membranen bestehen aus einer Lipiddoppelschicht, in der die Moleküle miteinander in Wechselwirkungen stehen. Bei der Verminderung des membranären Cholesterols kann nicht sicher nachgewiesen werden, dass die äußere und die innere Lipidschicht in gleicher Weise durch die verwendeten cholesterolvermindernden Substanzen beeinflusst werden. Für eine Betrachtung, die sich auf das Verhalten des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes und auch des SNARE-Komplexes konzentriert, scheint die hier erreichte Cholesterolsenkung jedoch auszureichen. Als Kontrolle der verschiedenen Inkubationsergebnisse können die Untersuchungen an Niemann-Pick Mäusen des dritten Ansatzes dienen.

4.3.2.1 Direkter Cholesterolentzug der Membran

Synaptophysin ist gut löslich in Triton X-100. Seine Extrahierbarkeit nimmt jedoch nach Verminderung des Cholesterolgehaltes der zellulären Membranen von CHOp38-Zellen und PC12-Zellen mittels Filipin und Methyl-ß-cyclodextrin deutlich ab. Synaptophysin verhält sich damit gegensätzlich zu vielen anderen cholesterolassoziierten Plasmamembranproteinen, wie z.B. Caveolin (Smart et al., 1994), Hämagglutinin (Keller und Simon et al., 1998) und GPI-verankerte Proteine (Ilangumaran et al., 1998), deren Extrahierbarkeit nach membranärer Cholesterolverminderung ansteigt. Durch den Entzug von Cholesterol könnte eine Auflösung der Lipidnanodomänen in der Vesikelmembran, mit denen Synaptophysin spezifisch assoziiert, bewirkt werden. Die neue Ordnung der Membran führt dann zu einer verstärkten Zusammenlagerung der Synaptophysinmoleküle zu Aggregaten, welche stärker in der Membran verankert sind und durch Triton X-100 nicht mehr herausgelöst werden können.

Die Interaktion der beiden Vesikelproteine nimmt nach Cholesterolverminderung neuronaler Zellmembranen deutlich ab, obwohl die Proteine weiterhin in der Membran vorhanden sind. Dabei zeigte die Abnahme der Komplexformierung eine Konzentrationsabhängigkeit für das Ausmaß der ß-MCD-vermittelten Cholesterol-verminderung. Die verminderte Bildung des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes in Abhängigkeit vom membranären Cholesterolgehalt konnte sowohl nach chemischer [Seite 64↓]Quervernetzung als auch nach Immunpräzipitation beobachtet werden und beruht damit nicht nur auf der verminderten Extraktion von Synaptophysin vor der Immunpräzipitation.

Im Cholesteroloxidase/Sphingomyelinase-Ansatz ergab sich nach Darstellung durch chemische Quervernetzung eine Zunahme des Komplexes und seiner einzelnen Proteine, jedoch eine Abnahme des Komplexes nach Immunpräzipitation. Für diese spiegelbildlichen Veränderungen können drei verschiedene Hypothesen formuliert werden.
(a) Cholesteroloxidase oxidiert den zugänglichen Anteil an Cholesterol zu 4-Cholesten-3-on. Dabei wird das Cholesterolmolekül nur modifiziert aber nicht aus der Membran entfernt. Die Gegenwart von oxidiertem Cholesterol könnte dann eine verstärkte Komplexierung von Synaptophysin mit Synaptobrevin bewirken. Durch die membranären Veränderungen sind jedoch die einzelnen synaptischen Proteine schlechter mit Triton X-100 aus der Membran herauszulösen, so dass nach Immunpräzipitation weniger Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex detektiert werden kann. (b) Zweitens lässt sich die Hypothese formulieren, dass dieses chemisch modifizierte Cholesterol in den Nanodomänen der vesikulären Membranen eine stärkere Anreicherung der synaptischen Vesikelproteine bewirkt, welche dann leichter durch DSS vernetzt würden. Gleichzeitig führt jedoch die oxidierende Wirkung der Cholesteroloxidase zu einer Veränderung des Redoxpotentials des stark redoxempfindlichen Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes, was zu einer geringeren Menge immunpräzipitierbarer Komplexe führt. (c) Zur Unterstützung der Wirkung der Cholesteroloxidase wurde Sphingomyelinase dem Ansatz zugegeben, welche ebenfalls zu Veränderungen des Lipidmilieus der Membran führen kann. Sphingomyelin ist ein wichtiger struktureller und funktioneller Bestandteil zellulärer Membranen. Sphingomyelin und Cholesterol sind kolokalisiert, und eine Verminderung des Sphingomyelingehaltes der Plasmamembran führt zu einer Veränderung der zellulären Cholesterolverteilung (Leppimaeki et al., 1998). Somit ist auch die Möglichkeit zu erwägen, dass die beobachteten Veränderungen nach Cholesteroloxidase/Sphingomyelinase-Inkubation teilweise auf der Wirkung der Sphingomyelinase beruhen.

4.3.2.2 Hemmung der Cholesterolbiosynthese

Die Inkubation von Hippokampuszellkulturen mit Lovastatin blockiert nicht nur die Cholesterolsynthese in den Hippokampusneuronen, sondern auch in den kokultivierten Gliazellen. Besonders Astrozyten tragen durch die Freisetzung von Cholesterol im Zentralnervensystem wie auch in der Zellkultur zur synaptischen Stabilität bei (Barres und Smith et al., 2001, Mauch et al., 2001, Ullian et al., 2001). Somit wurde der Cholesterolbedarf der mit Lovastatin inkubierten Hippokampusneuronen nur durch die zelleigenen [Seite 65↓]Cholesterolspeicher versorgt, bis diese aufgebraucht waren und die Zellen schließlich in einen Mangelzustand an Cholesterol übergingen. Auch in diesem Ansatz führte die membranäre Cholesterolverminderung zu einer Abnahme des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes auf der Vesikelmembran. Damit werden die Ergebnisse der ß-MCD-Inkubation bestätigt.

4.3.2.3 Das Niemann-Pick C1-Mausmodell

Die Auswirkungen der Genmutation im cholesteroltransportierenden NPC1-Protein in Niemann-Pick Mäusen führte in dieser Arbeit zu einer verminderten Bildung des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes. Gleichzeitig zeigte sich eine leichte Abnahme der synaptischen Proteine Synaptophysin und Synaptobrevin in der Vesikelmembran, was in geringem Maße auch nach Behandlung mit Methyl-ß-cyclodextrin sichtbar wurde.

Die Auswirkungen und Veränderungen der Mutation im NPC1-Gen waren nur bei den homozygoten Mausmutanten sichtbar, nicht bei den heterozygoten. Es müssen folglich beide Allele modifiziert sein, um den zellulären Cholesterolgehalt ausreichend in einer Weise zu verändern, dass eine Beeinflussung der synaptischen Vesikelproteine und des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes nachweisbar ist. Wahrscheinlich wird der Cholesterolgehalt der Vesikelmembran erst bei den Homozygoten so deutlich vermindert, dass die Interaktion von Synaptophysin mit Synaptobrevin gestört wird.

4.4 Die Assoziation von Synaptophysin mit Cholesterol innerhalb von Nanodomänen der Vesikelmembran ist eine Voraussetzung für die Interaktion der synaptischen Vesikelproteine

Für die Ausbildung des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes spielt also die Assoziation von Synaptophysin mit Cholesterol eine entscheidende Rolle. Dabei sind zwei Funktionen der Interaktion zu unterscheiden. (i) Das membranäre Cholesterol reguliert wahrscheinlich die gerichtete Anordnung der Proteine in den Membranen zur Ermöglichung der Proteininteraktionen. Die beiden synaptischen Proteine Synaptophysin und Synaptobrevin werden in den Nanodomänen der Vesikelmembran durch Cholesterol in enger Nachbarschaft so angeordnet, dass sie miteinander agieren und hauptsächlich an der der Plasmamembran zugewandten Seite einen Komplex bilden können. Dadurch wird die besonders schnelle Verfügbarkeit von Synaptobrevin für die Bildung des SNARE-Komplexes während hoher synaptischer Aktivität unterstützt. (ii) Weiterhin könnte Synaptophysin durch seine Cholesterolbindung und Einlagerung in cholesterolhaltige Nanodomänen innerhalb der Vesikelmembran entscheidend am Aufbau und der Erhaltung des sehr hohen Krümmungsgrades der synaptischen Vesikel beteiligt sein.


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Es wurde mit dieser Arbeit zum ersten Mal eine Cholesterolabhängigkeit des Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplexes in Neuronen aus Rattengehirngewebe nachgewiesen, nachdem Synaptophysin als cholesterolbindendes Protein bisher in PC12-Zellen und Neuronen adulter Ratten untersucht wurde (Huttner et al., 2000). Die Assoziation von Synaptophysin mit Cholesterol in Membransubdomänen ist damit kein einzelnes Phänomen neuronaler Zellmodelle, sondern tritt ebenso in ausgereiften Neuronen auf.

In weiterführenden Experimenten wäre es interessant zu analysieren, in welchem Ausmaß der Synaptophysin-Synaptobrevin-Komplex in mit Cholesterol angereicherten synaptischen Vesikelmembranen gebildet wird und in wieweit die Extrahierbarkeit von Synaptophysin unter diesen Bedingungen möglicherweise ansteigt.


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02.06.2005