III  DIE FASSADE ALS GANZES

III.1  Zwei Portale in einem? - Rekonstruktionsversuch des ehemaligen West- und Südportals Santa Marías

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Asymmetrien in der Fassade Santa Marías sowie zahlreiche Unstimmigkeiten an Portalteilen und einzelnen Skulpturen lassen auf einen oder mehrere Umbauten schließen (Abb.21). Der Portalkern (Tympanon, Türsturz, Archivolten) ist nicht mittig zwischen den Pfeilern angebracht, die die Fassade seitlich einfassen, sondern etwas nach rechts verschoben. So ist zwischen dem linken Pfeiler und dem entsprechenden Archivoltenbogen sehr viel mehr Platz als zwischen dem rechten Pfeiler und dem rechten Archivoltenbogen, der unmittelbar an die äußere Gewändesäule anschließt. Der obere Portalteil, das Obere Apostolado, ist dagegen zentriert. Die Figur Christi (OA4) und die Doppelsäule der Arkadenreihe darunter liegen, nur leicht nach links verschoben, auf der Mittelachse. Die zentralen Teile der Fassade - die Christusfigur des Oberen Apostolado, die Doppelsäulen darunter, Christus im Tympanon und die Gottesmutter mit dem Kind im Türsturz - bilden alsokeine durchgängige Mittelachse. Die Skulpturen der fünf figürlich belegten Archivolten sind von links und rechts unten angeordnet und treffen sich nicht an demselben Schnittpunkt, d.h. haben keinen gemeinsamen Scheitelpunkt, wodurch die Portalachse auch in diesem Bereich nicht klar gezogen wird.

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Die einzelnen Fassadenteile sind schlecht proportioniert und stehen in keinem ausgewogenen Verhältnis zueinander. Die Gewändekapitelle und Figuren sind viel zu klein und zu schmal, um dem massiven Mittelteil und dem Oberen Apostolado das nötige Gegengewicht verleihen zu können. Der dicht an dicht mit Skulpturen überzogene Mittelteil droht die kleinen Figuren optisch zu erdrücken. Das obere Portaldrittel ist wie ein Fremdkörper dem eigentlichen Portal aufgesetzt. Auch die Einzelteile des Mittelbereichs sind nicht gut proportioniert. So werden die Archivolten extrem weit auseinander gezogen und bilden mit fünf Einzelarchivolten im Vergleich zu Tympanon und Türsturz ein ungewöhnlich breites Skulpturenband.

Mehrere Skulpturen sind angeschnitten oder nur fragmentarisch eingefügt. So ist das Kopfrund bei einigen Archivoltenfiguren gerade abgeschlagen, der Türsturz wurde an den Außenkanten beschnitten (Abb.122). Die Kämpfer der Gewändekapitelle bilden kein einheitliches Gesims, sondern sind über den schlichten Zwischensäulchen des Gewändes gerade angeschnitten (Abb.228). Außerdem zeigen sie verschiedene vegetabile Ornamente. Die Zwickel sind mit Einzelfiguren und Flachreliefs gefüllt, die sowohl stilistisch als auch von der Größe unterschiedlich sind. Sie wurden etwa der Größe nach geordnet und dem sich verjüngenden Zwickel angepaßt. Im linken Pfeiler hat man die am stärksten beschädigten Skulpturen versetzt. Im rechten Pfeiler sind dagegen z.T. sehr gut erhaltene, mehrfigurige Skulpturengruppen eingelassen. Einige sind offenbar genau für diese Versetzung gearbeitet worden, da sie exakt der Breite des Pfeilers entsprechen (z.B. RP6 Fünf Törichte Jungfrauen, Abb.98).

Insgesamt sind die Einzelskulpturen der Fassade schlecht versetzt. Die Steine schließen nicht aneinander an, sondern wurden lose eingefügt, so daß die Zwischenräume mit Steinmasse ausgefüllt werden mußten.

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Einige Skulpturen verweisen zudem durch den Skulpturentypus - Kapitell, Konsolfigur, Archivoltenfigur - auf eine andere Originalversetzung. In den rechten Pfeiler wurde beispielsweise ein ehemaliger Konsolstein eingesetzt, wie er meist rechts und links eines Portaleingangs unter dem Tympanon zu finden ist. Er zeigt eine riesige Bestie, die einen Akrobaten verschlingt (RP2, Abb.169, 170).

Die stark voneinander abweichende Größe der Einzelskulpturen sowie die unterschiedliche Höhe der Bearbeitung als flache Reliefs, fast vollplastische Skulpturen oder vertieft gearbeitete Reliefs sprechen ebenfalls dafür, daß die Stücke für eine andere Versetzung konzipiert waren.

Zusätzlich zu den Asymmetrien im Aufbau, den beschnittenen Skulpturen, den nachträglich eingefügten Fragmenten und anderen äußeren Faktoren deuten inhaltliche Unstimmigkeiten und Motivwiederholungen auf eine Umgestaltung oder einen Planwechsel innerhalb des Portals. So ist z.B. das Apostelkollegium zweimal anwesend, im Türsturz und im Oberen Apostolado. Auch Christus wird zweimal dargestellt, wenn auch jeweils in einem etwas anderen Zusammenhang. Im Tympanon sitzt der Richter dem Jüngsten Gericht vor, im Oberen Apostolado wird der Gottessohn bei seiner endzeitlichen Wiederkehr von den vier Wesen des Tetramorph begleitet (zweite Parusie).487

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Das Portal ist in seiner heutigen Form mit Sicherheit nicht in einem Baudurchgang entstanden, sondern ist das Ergebnis einer oder mehrerer Umgestaltungen.488 Die in den Pfeilern und Zwickeln eingelassenen Skulpturen, die offensichtlich von einem anderen Projekt stammen, legen die Vermutung nahe, daß hier Skulpturen, die für zwei Portale konzipiert waren, zusammengetragen wurden.

Geht man von einer nachträglich zusammengestellten Fassade aus und versucht diese zu rekonstruieren, stellt sich als einziger gesicherter Kern des Portals der Türsturz dar, da er aus einem Steinblock gearbeitet ist. Unterhalb der thronenden Muttergottes mit dem Kind (TÜ7) deutet ein kleiner Vorsprung darauf, daß ursprünglich ein Trumeaupfeiler den Eingang zur Kirche teilte (Abb.130), der - in Analogie zu vergleichbaren Beispielen - höchstwahrscheinlich mit einer Trumeaufigur belegt gewesen ist.489 Innerhalb der sechs Gewändefiguren fällt die Skulptur rechts außen, die Judas darstellt (GF6, Abb.229), sowohl inhaltlich als auch formal aus der Gruppe heraus. Dasselbe trifft für das dazugehörige Gewändekapitell - das einzige rein vegetabile Gewändekapitell (GK6) - zu. Die Kämpfer der Gewändekapitelle deuten ebenfalls auf eine Änderung in diesem Bereich. Nur drei der fünf Archivolten (AvII, AvIII, AvV) bilden die Verlängerung der Säulen des Gewändes, so daß die Vermutung einer Änderung des Portals im Bereich der Gewändefiguren auch durch den Archivoltenverlauf bestätigt wird. Die Figur des Judas sowie das dazugehörige Kapitell sind sehr wahrscheinlich spätere Hinzufügungen.

Aufgrund der benannten Hinweise und der vorhandenen Skulpturen ist folgende Rekonstruktion des Gewändes denkbar (vgl. Anhang VII, Rekonstruktionszeichnung). Als wichtigste Heilige innerhalb der fünf Säulenfiguren und als Kirchenpatronin Santa Marías kommt allein die Gottesmutter, heute am linken Gewände in der Mitte plaziert, als Trumeaufigur in Frage.490 Versetzt man die Figur der Maria in die Mitte an den Trumeaupfeiler, rücken die beiden Marien auf der linken Seite zusammen. Im rechten Gewände bilden die beiden Apostel das Pendant zu den Marien. Entsprechend der von sechs auf vier reduzierten Gewändefiguren werden nur noch zwei figürlich-ornamentale Archivolten benötigt. Die innerste (AvI) und die vierte Archivolte (AvIV) können entfallen. Dieses sind die einzigen Archivolten, die ohne Schwierigkeiten herausgenommen bzw. - anders herum argumentiert - später hinzugefügt worden sein könnten, da hier im Unterschied zu den Archivolten AvII, AvIII und AvV Einzelfiguren ohne den seitlich sie umgebenden ornamentalen oder vegetabilen Rahmen die Archivolten bilden (Abb.29, 30). Auf diese Weise würde der Türsturz in ganzer Länge zwischen den Archivoltenbogen passen ohne beschnitten werden zu müssen. Die Bögen waren vermutlich in dieser Anlage nicht angespitzt, sondern halbrund geführt.491 Somit ergibt sich im Gewände von links nach rechts folgende Stellung der Säulenfiguren: Maria Magdalena, Maria Jacobi, als Trumeaufigur die Gottesmutter, gefolgt von Petrus und Paulus im rechten Gewände. Denkbar wäre ursprünglich ein breiterer Eingang ohne die kannelierten Pfosten rechts und links.

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Es stellt sich die Frage, ob eines der jetzt im Gewände angebrachten Kapitelle ursprünglich als Trumeaukapitell genutzt worden ist. Denkbar - da inhaltlich schlüssig - wäre an dieser Stelle das fünfte Gewändekapitell, auf dem das Salomonische Urteil dargestellt wird (GK5, Abb.155). Damit ergäbe sich eine inhaltliche Achse von dem Christus der zweiten Parusie im Oberen Apostolado, dem Gottessohn in seiner Funktion als Richter im Tympanon über den Mensch gewordenen Christus auf dem Schoß seiner Mutter im Türsturz bis hin zur Präfiguration des Richters durch die Figur König Salomos, des weisen Richters des alten Testaments (Trumeaukapitell).492 Die beiden inneren vegetabilen Kapitelle mit Architekturfries (GK3, GK4) flankieren bei dieser Rekonstruktion den Eingang. Die beiden figürlichen Kapitelle (GK1, GK2), der Rekonstruktion folgend außen im Gewände, thematisieren mit der Verkündigung und der Darbringung - in dieser speziellen Ausformung eine Präfiguration des Opfertodes Christi (vgl. Katalog I, GK2) - zwei Episoden aus der Kindheit Christi.

Die beiden seitlichen Tympanonplatten folgen exakt dem durch die beschnittenen Ränder des Türsturzes vorgegebenen Bogen, sind also nicht für den ursprünglichen Türsturz in seiner gesamten Länge konzipiert sondern für den bereits beschnittenen Türsturz. Sie gehörten ursprünglich also nicht zu dem bisher rekonstruierten Portal aus Türsturz, vier Gewändekapitellen, vier Gewändefiguren und Trumeau mit Kapitell und Trumeaufigur. Entsprechend muß das Tympanon aus einem anderen Zusammenhang, d.h. einem zweiten Portal, stammen.493

Insgesamt ergibt sich folgende Rekonstruktion (vgl. Anhang VII). Man hat sich das für die Südfassade konzipierte Portal mit einem die Maiestas Domini und die vier apokalyptischen Wesen darstellenden Tympanon (nicht erhalten) vorzustellen, unter dem der Türsturz mit dem Apostelkollegium und der Gottesmutter mit dem Kind folgt. Je zwei Figuren stehen im Gewände - Maria Magdalena und Maria Jacobi links, Petrus und Paulus rechts -, die Gottesmutter nimmt die zentrale Stellung als Trumeaufigur ein. Das Trumeaukapitell zeigt das Salomonische Urteil und auf den Gewändekapitellen werden die Verkündigung und die Darbringung Christi illustriert. Zwei bzw. drei figürliche Archivolten umschließen Tympanon und Türsturz.

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Das so rekonstruierte Südportal Santa Marías unterscheidet sich in seinem Aufbau von zeitgleichen und früheren Portalen Spaniens (z.B. Estella, Leyre, Tudela, León, Santiago de Compostela, s. Anhang IV). So ist das Element eines figürlich gestalteten Türsturzes in Nord- und Zentralspanien zu dieser Zeit unbekannt. In Frankreich findet sich dagegen zur gleichen Zeit und auch bereits früher mehrfach das Element des Türsturzes, das für die figürliche Ausgestaltung aufgrund seiner Form - eine große, längsrechteckige Reliefplatte - besonders geeignet erscheint.494 Und auch die Gestaltung der Archivolten mit longitudinal dem Bogenverlauf folgenden Einzelfiguren ist für spanische Portale ungewöhnlich, deren Archivoltenskulpturen üblicherweise radial plaziert sind.495

Das für Spanien in dieser Hinsicht untypische Südportal Sangüesas entspricht im Aufbau und der skulpturalen Ausgestaltung der einzelnen Elemente - Tympanon, Türsturz, Gewändekapitelle und -figuren - den Portalen der Ile-de-France in der Nachfolge des Chartreser Königsportals wie etwa dem Portal der Kathedrale Saint-Julien von Le Mans, der Kirche Saint-Etienne in Bourges oder der Prioratskirche von Saint-Loup-de-Naud (Abb.281).496 Hier stehen ebenso sechs Figuren im Gewände, die von figürlichen Kapitellen bekrönt werden. Auch hier werden das Tympanon und der mit nebeneinander aufgereiht sitzenden Figuren belegte Türsturz von den Archivolten eingefaßt.497

Bei dieser Rekonstruktion des Sangüesaner Portals nicht enthalten bzw. überzählig sind die drei Tympanonplatten, die Skulpturen der Zwickel, der Pfeiler, einige Archivoltenfiguren sowie das Obere Apostolado. Sie müssen aus einem anderen Zusammenhang oder einer anderen Bauphase kommen. Naheliegenderweise entstammten sie einem zweiten Portal Santa Marías, das im Westen gelegen haben könnte.498

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Das im Tympanon thematisierte Jüngste Gericht bekräftig die These einer Anbringung des Bogenfelds im Westen, da dieser Teil des Kirchengebäudes - der Symbolik der Himmelsrichtungen der Bauteile folgend - wenn möglich im Westen lag.499 Einige der in den Zwickeln des Südportals eingelassenen Reliefs könnten ebenfalls aus dem Westportal stammen und dort als Relieffries über dem von den Archivolten umgebenen Tympanon angebracht gewesen sein, wie in San Pedro de Tejada (Abb.604, 605, Anhang VII). Ähnlich sind vergleichbare Reliefs in den Zwickeln der Puerta del Cordero von San Isidoro in León (Abb.606) eingelassen worden oder als Metopen an der Fassade von San Quirce (Burgos, Abb.607) und San Martín, Artaíz (Abb.640). Sowohl von der Reliefgröße als auch von den Motiven kämen folgende Skulpturen aus den Zwickeln Santa Marías für eine derartige Rekonstruktion als Relieffries in Frage: Luxuria (LZ5, Abb.108), Reiter mit Besiegtem (LZ7, Abb.64), nackte Frau (LZ8), Sündenfall (LZ9, Abb.63) sowie zwei ringende Männer (LZ11, Abb.88). Das Westportal hatte, dem spanischen Portaltypus entsprechend, sehr wahrscheinlich keinen Türsturz.

Alle in diesem hypothetischen Westportal zusammengestellten Skulpturen gehören derselben Stilgruppe an (Stilgruppe A) und sind der Werkstatt des Leodegarius zuzuschreiben, die damit an beiden Portalen (Süd-, Westportal) gearbeitet hat.500

Es bleibt zu fragen, ob die beiden so rekonstruierten Portale zunächst einzeln ausgeführt worden sind und dann in der heute überlieferten Fassung zusammengestellt wurden oder ob die Skulpturen vorproduziert wurden - ein Verfahren, das der üblichen Praxis entsprach501, - und die beiden Portale in ihrer ursprünglichen Konzeption gar nicht realisiert worden sind. In diesem Fall wären die bereits vorhandenen Skulpturen des Westportals sogleich nach dem Planwechsel in dem Südportal zusammengestellt worden.

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Der untere Portalteil wurde vermutlich nie wie ursprünglich geplant ausgeführt, sondern abgeändert und um das sogenannte Obere Apostolado erweitert. Zu diesem Zweck mußten die Zwickel, in die die übrigen bzw. bereits vorproduzierten Reliefs aus dem Westportal eingelassen wurden, von der Werkstatt des Oberen Apostolados mit eigens dafür angefertigten Skulpturen begradigt und "aufgefüllt" werden.502 Vermutlich wurden in diesem Vorgang auch einige beschädigte Skulpturen aus dem Westportal in die Pfeiler eingelassen.

In Spanien gibt es mehrere Fassaden, in denen Skulpturen eines Vorgängerportals oder eines anderen Portals, das zerstört wurde, zusammengefügt worden sind. Meist versuchte man, die Skulpturen der Größe nach zu ordnen. Auch die noch so stark mutilierten Skulpturen wurden eingefügt und keinesfalls einfach beseitigt. Diese Praxis läßt eine hohe Wertschätzung der Bauplastik vermuten. So hat man z.B. Skulpturenteile des ehemaligen Nordquerhausportals der Kathedrale von Santiago de Compostela in der berühmten Puerta de las Platerías (Südquerhaus) zusammengestellt. Ein Beispiel für eine auf ähnliche Weise zusammengesetzte Fassade in Navarra bietet die nur 15 km von Sangüesa entfernt gelegene Westfassade von San Salvador in Leyre (Abb.653). Woher die vielen einzelnen Skulpturen und Reliefs stammen und wann sie so zusammengestellt wurden, ist in diesem Fall nicht eindeutig zu klären.503 Auch an dem Westportal von San Miguel, Estella, sind Skulpturen verschiedener Provenienz zusammengetragen worden (Abb.634).504

III.2 Der Sangüesaner Türsturz und der Türsturz des Königsportals der Kathedrale von Chartres

So wie für die Gewändefiguren von Sangüesa ein eindeutiger Bezug zu den Säulenfiguren der Dreiportalanlage im Westen der Kathedrale von Chartres aufgezeigt werden konnte (vgl. Kap.II.2.1.a), gibt es auch zwischen dem Türsturz Sangüesas und dem des Chartreser Königsportals auffallende Übereinstimmungen.

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Der Türsturz des mittleren Portals der französischen Kathedrale zeigt die zwölf Apostel nebeneinander unter Arkaden angeordnet (Abb.120, 121). Im Unterschied zu dem Relief in Sangüesa wird in Chartres jedoch nicht jeder einzelne Jünger von einer Archivolte umfaßt.505 Verzierte Bögen, von denen jeweils drei durch eine ornamentierte Säule unterfangen werden, gliedern den Chartreser Türsturz, so daß sich nur vier Kompartimente ergeben. An den äußeren Enden, durch eine Säule von den Aposteln getrennt, steht je ein männlicher Begleiter unter einer Arkade. Übereinstimmend werden in diesen Figuren Henoch und der Prophet Elias vermutet,506 "die beide in den Himmel entrückt wurden und kurz vor dem Ende der Zeit auf die Erde zurückkehren sollen, um die sündige Menschheit zur Buße aufzufordern."507 Für die Bestimmung des möglichen Bezugsverhältnisses Sangüesa-Chartres aufschlußreich ist die Beschneidung des äußeren linken Bogens auf dem Chartreser Türsturz. Die Arkadenrundung bricht nach etwas über der Hälfte ab. Direkt daneben - quasi den Bogen beschneidend - schließt die äußere Archivolte an. Der Bogen am rechten äußeren Ende ist dagegen ganz gegeben. Im Gegensatz zu den Aposteln, die unter den drei Bögen bequem Platz finden, passen die zwei stehenden Figuren der Propheten nur knapp in den ihnen durch die Säule nach innen und durch die Archivolte nach außen vorgegebenen Raum.

Bei dem Sangüesaner Relief ist anhand der Bearbeitung abzulesen, daß offensichtlich von vornherein eine "Beschneidung" der seitlichen Ränder geplant war und sich diese nicht durch eine nachträgliche Verkürzung des Türsturzes ergeben hat.508 Eine Erklärung für die ungewöhnliche Bearbeitung könnte in dem Vorbild des Chartreser Türsturzes liegen. Auf die Bezüge der Gewändefiguren Sangüesas zu den Figuren des Chartreser Königsportals wurde detailliert eingegangen (vgl. Kap.II.2.1.a), ebenso wie auf die Motivparallelen im Bereich der Gewändekapitelle (vgl. Katalog I, GK3, GK4). Es ist naheliegend, daß sich die Steinmetze ebenso bei dem Türsturz - einem Skulpturenteil, für das es in Spanien keine Vorbilder gab - an Chartres orientiert haben. Doch auch der Chartreser Türsturz wurde in Sangüesa ebenso wie die Kapitelle und die Gewändefiguren nicht getreu kopiert, sondern eigenständig umgesetzt. Die dreifache Einfassung der Apostel wurde auf eine einfache reduziert, die Apostel stehen und sitzen nicht und die Muttergottes wurde hinzugefügt.509

III.3 Der Sangüesaner Türsturz und das "Crosby-Relief" aus Saint-Denis

Eine schlagende Ähnlichkeit besteht zwischen dem Sangüesaner Türsturz und dem sogenannten Crosby-Relief (Abb.123).

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Die längsrechteckige Reliefplatte wurde von Sumner Mc.K. Crosby 1947 bei Ausgrabungen im Querhausarm der Abteikirche von Saint-Denis entdeckt. Das Relief, später nach seinem Entdecker Crosby-Relief genannt, diente zuletzt als Deckplatte eines Sarkophags, wobei die skulptural ausgearbeitete Seite nach unten gekehrt war.

Auf dem Relief werden unter Arkaden stehend die zwölf Apostel, in der Mitte Petrus und Paulus, dargestellt (Abb.125). Ein ornamental-vegetabiles Band faßt die Komposition rundherum ein und zeichnet damit das Längsrechteck des Steins nach.510

Im Gesamtaufbau entsprechen sich der Türsturz von Sangüesa und das Crosby-Relief weitgehend. Und auch im Detail finden sich Gemeinsamkeiten. Der bartlos als jugendlich charakterisierte Johannes, den in Saint-Denis eine Inschrift im Bogenrund bezeichnet, ist dort wie in Sangüesa an dritter Stelle von links plaziert (Abb.123). Dies ist umso bemerkenswerter als die Zusammenstellung und Reihenfolge der Apostel in den erhaltenen Darstellungen offensichtlich keiner Gesetzmäßigkeit unterliegt, sondern stark variiert. Petrus hält auf dem Relief aus Saint-Denis ebenfalls den ihn auszeichnenden, überdimensional großen Schlüssel, der auch hier die links begrenzende Säule überschneidet. Die Hand des nach links verweisenden Apostel rechts außen (Matthias) und die Schriftrollen der Apostel Matthäus (5. von rechts) und Philippus (3. von rechts) überschneiden ebenso die begrenzenden Säulen; ein kompositionelles Detail, das auch auf dem Türsturz in Sangüesa mehrfach eingesetzt wird. Der vierte Apostel von links, Simon, greift auf dem französischen Relief seinen Umhang, legt ihn über den Körper und vor die Säule. Etwas verhaltener zeigt der dritte Apostel von rechts (TÜ11) in Sangüesa dasselbe - sicherlich ganz bewußt gewählte - Motiv. Die nur durch diese Bewegung zu motivierende Linie des Mantels ist notwendig, um die durch die Apostelfiguren und die Säulen mehrfach wiederholte Vertikalbewegung aufzubrechen.511

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Eine weitere Parallele zwischen den Figuren aus Saint-Denis und denen aus Sangüesa betrifft die Körperproportionen. Das Verhältnis des Kopfes zum Körper der Apostel in Sangüesa (1 : 3,5) entspricht beinahe dem der Jünger des Crosby-Reliefs. Die Proportionen mit großem Kopf auf dem vergleichsweise kurzen Körper sind in Saint-Denis (1 : 4) noch ausgeprägter. Die französischen Figuren sind anatomisch stimmiger und feiner gearbeitet als die Apostel aus Sangüesa mit ihren unnatürlich breiten Schultern und den sich stark verjüngenden Unterkörpern.

Das Crosby-Relief wirkt, besonders im Vergleich zu dem Sangüesaner Türsturz, wohlproportioniert und ausgewogen. Die Komposition des Türsturzes aus Sangüesa gerät dagegen an einer Stelle aus dem Gleichgewicht und verliert insgesamt an Stabilität. Die Gottesmutter mit dem Kind nimmt mit ihrem weit ausladenden Thron mehr Platz ein als die Apostel und als ihr unter dem Bogen "zusteht". Die sie umfassende Arkade wird in die Breite gezogen, in der Folge muß die begrenzende Säule weichen und steht schief. Dieses Ungleichgewicht wird in der rechts folgenden Apostelfigur dann aufgefangen, indem diese in den verbleibenden, nach unten hin schmaler werdenden Raum eingepaßt ist.512

Die Einzelbeschreibungen (vgl. Katalog I, Türsturz) zeigen die individuelle Charakterisierung der Apostel des Sangüesaner Türsturzes in Kleidung, Bart-, Haargestaltung, Gesten und Bewegungen. Auch die sie rahmenden Säulen und Kapitelle sind unterschiedlich gearbeitet. Keine Säule gleicht der anderen, kein Kapitell entspricht dem nächsten. Dennoch bilden die Apostel eine Einheit und der architektonische Rahmen faßt sie zusätzlich als Gruppe zusammen. Ihre Bewegungen und individuellen Merkmale sind insgesamt verhalten und stören nicht den Gruppencharakter. Eben dieses Spannungsverhältnis zwischen der Individualität bei gleichzeitiger Betonung der Einheit, das den Sangüesaner Türsturz auszeichnet, ist auch bestimmendes Merkmal des Crosby-Reliefs. Das geschickte Austarieren zwischen individueller Gestaltung der einzelnen Apostel und der Darstellung des Apostelkollegiums als Ganzem charakterisiert den Türsturz von Sangüesa ebenso wie das Crosby-Relief aus Saint-Denis. Auch auf dem französischen Relief gleicht kein Apostel dem anderen. Der eine hat lockige Haare, dem anderen wachsen wulstartige Strähnen in die Stirn. Obwohl sie alle die gleichen Kleidungsstücke vorführen - eine knöchellange Tunika, unter der eng anliegende gefältelte Ärmel zu sehen sind, und einen langen, locker über den Schultern hängenden Mantel - trägt jeder Apostel sein Gewand auf eine andere Weise. Und doch bilden die Jünger - stärker noch als in Sangüesa - eine Einheit. Dieser Eindruck einer geschlossenen Gruppe, einer "overall unity", wie Crosby es nennt,513 ergibt sich u.a. durch den harmonischen Aufbau der Darstellung, dessen Elemente einem exakt durchdachten Verhältnis der Einzelteile zueinander folgen. Als verbindendes Element kommt ein das gesamte Relief einfassendes ornamentales Band hinzu.514 Die zwölf Apostel sind also eine zusammengehörende Gruppe. Sie sind außerdem aber auch zu zweit oder zu dritt einander zugeordnet, wenden sich wie im Gespräch ihrem Begleiter zu. Die Jünger bilden kleine Untergruppen, ohne daß die Einheit des Ganzen gestört wäre.515 So wenden sich auch in Sangüesa einige Apostel einander zu.

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Als Besonderheit des Sangüesaner Türsturzes ist die Hinzufügung der Gottesmutter mit dem Kind anzumerken. Auf dem Crosby-Relief aus Saint-Denis fehlt zwar die zentrale Marienfigur, doch sind hier die beiden Apostelfürsten, Petrus und Paulus, als zentrale Figuren betont. Sie stehen in der Mitte der Jünger, sind durch die Blickrichtung aufeinander bezogen und als kleine Gruppe innerhalb der Reihe herausgestellt. Petrus wird zudem durch den überdimensional großen Schlüssel hervorgehoben, Paulus durch seinen besonders großen Kopf.

Für die Ausgestaltung des Sangüesaner Türsturzes läßt sich kein direktes Vorbild finden. Doch legen mehrere Übereinstimmungen die Kenntnis des Crosby-Reliefs und des Türsturzes der Chartreser Kathedrale nahe. Sowohl die architektonische Einbindung als auch die Darstellung der zwölf Apostel unter Arkaden gehen auf die französischen Vorbilder zurück. Die Vermittlung des bis dato auf der Halbinsel offenbar unbekannten Elements eines figürlich gestalteten Türsturzes nach Spanien erfolgte vermutlich über Sangüesa. Dennoch hat sich der Türsturz in Spanien offenbar nicht durchgesetzt.

III.4 Das Obere Apostolado und die Fassade von Notre-Dame-la-Grande, Poitiers

Die Fassade Santa Marías ist zweigeteilt; in den kompakten unteren Portalkörper von etwa zwei Drittel der Gesamthöhe, der mit vielen kleinen, dicht an dicht gesetzten Skulpturen überzogen ist, und das obere Drittel, das sogenannte Obere Apostolado (Abb.609). Das Obere Apostolado sitzt den unteren Zwei-Dritteln der Fassade beinahe wie ein Fremdkörper auf, schließt das Portal nach oben hin ab und gibt ihm einen kompositorischen Rahmen. Es wird durch zwei große Bogenreihen klar gegliedert, unter denen einzelne, im Vergleich zu den Skulpturen des unteren Portalteils riesengroße Skulpturen stehen. In der Mitte der oberen Arkadenreihe ist ein Rechteck ausgespart, in dem eine große und vier kleine Skulpturen versetzt sind. Christus thront inmitten der Apostel, begleitet von zwei Engeln und den Wesen des apokalyptischen Viergestirns.

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Die Verbindung von Skulptur, Ornament und Architektur, wie sie das Obere Apostolado Sangüesas mit den beiden Reihen von vorgeblendeten Arkaden vorgibt, ist in dieser Weise innerhalb der Fassaden Spaniens einmalig.516 In Westfrankreich, speziell im Poitou und dem Angoumois sind dagegen mehrere Kirchen zu finden, deren hochrechteckige Fassaden durch vorgeblendete Arkaden und Säulen einen klar vorgegebenen Rahmen erhalten, in den Skulpturen eingesetzt sind.517 Als Beispiele seien die großen Schauwände von Saint-Pierre, Angoulême,518 und Notre-Dame-la-Grande, Poitiers (Abb.608) genannt.519

Die zwischen zwei turmartigen Elementen eingespannte Westfassade der ehemaligen Kollegiatskirche Notre-Dame-la-Grande von Poitiers (Vienne) gehört als Ganzes einem anderen Fassadentypus an als das Portal von Sangüesa (Abb.608, 609)520 - der untere Teil nimmt mit drei großen Arkaden Bezug auf die Mehrschiffigkeit, ohne mit den Achsen der Schiffe dahinter zu korrespondieren -, doch zeigen sich deutliche Parallelen im oberen Fassadenteil.

Das "Obergeschoß" der Fassade von Poitiers ist in zwei Arkadenregister unterteilt. Unter den Bögen, die in der oberen Reihe wie in Sangüesa auf Doppelsäulen mit dazugehörigem Doppelsäulenkapitell aufsitzen, und den Arkaden, die in der unteren Reihe durch einzelne Säulen getrennt sind, befinden sich wie in Sangüesa großformatige Einzelskulpturen (Abb.610, 611). Die Mitte der doppelten Bogenreihen wird durch ein riesiges, über beide Reihen reichendes Fenster durchbrochen, so daß oben auf jeder Seite drei und unten auf jeder Seite vier Arkaden mit den dazugehörigen Skulpturen vorhanden sind. In Sangüesa wird nur die Mitte der oberen Bogenreihe durch das Querrechteck mit der Maiestas Domini und den apokalyptischen Wesen durchbrochen. Die Skulpturen des oberen Registers in Poitiers stellen die Apostel, Heilige und Personen des Alten Testaments dar, in der unteren Reihe sitzen je vier Apostel. Die Männer stehen bzw. sitzen wie die Sangüesaner Apostel unabhängig von den sie umgebenden Säulen und Bögen vor dem Fassadenhintergrund in der Nische, die durch den Bogen gebildet wird. An beiden Fassaden wird die durch Blendarkaden und Gesimse bezeichnete Gliederung strikt eingehalten.521

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Nachdem mit Poitiers ein denkbares Vorbild für das in Spanien unbekannte Element des Sangüesaner Apostolados benannt wurde, stellt sich die Frage, ob der Fassadenabschluß Santa Marías in Spanien die Gestaltung nachfolgender Portale beeinflußte.

Einen möglichen Entwicklungsstrang zeigen die Portale mehrerer Kirchen der Provinz Palencia. Das prominenteste Beispiel ist das Portal der Santiagokirche von Carrión de los Condes (Abb.616, 617).522 Über dem unteren Teil der Fassade, bestehend aus einer mit 22 radial angeordneten Einzelfiguren gestalteten Archivolte und zwei Kapitellen im Gewände, entwickelt sich ein Fries aus zwölf großformatigen Einzelskulpturen, die von Baldachinen mit einer durchbrochenen Turmarchitektur bekrönt werden. Im Zentrum thront Christus, umgeben von den vier apokalyptischen Wesen. Das Größenverhältnis der im Vergleich zu den Archivoltenfiguren riesigen Apostel kommt dem der Einzelfiguren aus Sangüesa nahe. Die Aufnahme Christi und des Tetramorph entspricht dem Sangüesaner Portalteil ebenso wie die friesartige Anordnung der Jünger. Aus der dominierenden Arkadengliederung Sangüesas ist in Carrión eine lockere Reihe von fast filigran wirkenden Baldachinen geworden. Die Arkaden sind als durchbrochene Architekturaufbauten gearbeitet, unter denen die Figuren frei stehen.523

In der Region Palencia gibt es mehrere sehr ähnliche Apostolados.524 Am nächsten kommt dem Portalabschluß aus Carrión derjenige von San Pedro, Moarves. Moarves ist kein Einzelfall und so kann Shipley die von dem Carrioner Fries ausgehende Wirkung anhand seiner Rezeption in Palencia bis Ende des 14.Jhs. verfolgen. Das Fassadenelement aus Carrión findet sich ähnlich in Zorita del Páramo, Traspeña, Pisón de Castrejón, Ciudad Rodrigo (Kathedrale) sowie an den Kirchen von Villasirga, Santo Sepulcro, Estella und Olite (Burgkirche Santa María).

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Der Fries Carrións (und der verwandter Fassaden) kann in mehrerer Hinsicht als Weiterführung des Oberen Apostolados von Sangüesa gesehen werden. Außer der Reduktion auf eine Arkadenreihe und der komplizierteren Ausgestaltung der Bögen als kleine Turmaufbauten ist v.a. eine fortschreitende Entwicklung der Räumlichkeit der Figuren zu beobachten. Die Skulpturen stehen vor der Fläche und bewegen sich unabhängiger von dem sie überfangenden Bogen.525

III.5 Die verschiedenen Fassaden- und Portallösungen Nordspaniens

Einordnung der Fassade Santa Marías

Die Frage nach dem Weg der Ausbreitung der Bauplastik in und an der Architektur steht im Zentrum zahlreicher Untersuchungen über die frühen Beispiele romanischer Skulptur Spaniens.526 Horst Bredekamp hat in mehreren Arbeiten diesen Weg nachgezeichnet und die verschiedenen Stadien der Ausweitung figuraler Plastik innerhalb und außerhalb des Kirchenraumes vor und um 1100527 vom figürlichen Kapitell bis zum Tympanon aufgezeigt.528 Er erklärt die entscheidenden Innovationsschübe der skulpturalen Besiedlung des Außenbaus aus der Ikonographie des Bösen heraus.529 Der Höhepunkt der Belegung des Außenbaus mit Skulptur ist in San Martín, Frómista, erreicht, wo 406 Skulpturen, Konsolfiguren wie Fensterkapitelle und Kapitelle im Innern den gesamten Bau überziehen.530 In der skulpturalen Ausarbeitung des Tympanons sieht Bredekamp die letzte systematische Stufe dieser Entwicklung erreicht.531 Möglicherweise als erstes skulptural ausgestaltetes Tympanon nennt er die Puerta del Cordero von San Isidoro, León.532 "Was zuvor in isolierter Form nur teilweise zum Programm verknüpft in Kapitellen entwickelt worden war, wird nun in nachvollziehbare Programme gebunden."533 Die Architektur wird zur Bildfläche, in die ein ablesbares Programm eingetragen werden kann. Sie wird zum Träger einer erzählend, narrativ sich entwickelnden Bildsprache. Nun kann, so Bredekamp, die Ausbreitung der Relieffelder über die gesamte Fassade erfolgen. Die symbiotische Verbindung von Architektur und Skulptur ist erreicht, "(...) von nun an verändern sich die Verhältnisse zwischen Architektur und Skulptur nur mehr quantitativ (...)."534

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Die große Fläche eines Portals oder einer Fassade steht damit zur skulpturalen Ausgestaltung zur Verfügung. Doch wie wurde diese Aufgabe, die Rupprecht/ Hirmer als "das große, die Geschichte der europäischen Monumentalkunst auf Jahrhunderte hinaus bestimmende Ereignis"535 nannten, gelöst. Wird die Fläche einfach zunehmend mit Skulptur bedeckt oder folgt die Belegung mit Reliefs und Kapitellen bestimmten Ordnungsprinzipien und Regelmäßigkeiten.

Vor dem Hintergrund der Frage nach der Stellung der Sangüesaner Fassade innerhalb der erhaltenen Portale und Fassaden Nordspaniens ist zu untersuchen, welche Gestaltungsmöglichkeiten genutzt wurden, um die Fläche zu füllen, sie zu organisieren. Wie hat sich die Fassadengestaltung in Nordspanien entwickelt und wo steht das Sangüesaner Portal in diesem Entwicklungsprozeß.536

Nach der Durchsicht der erhaltenen Portale lassen sich verschiedene Lösungsmöglichkeiten, unterschiedliche Typen feststellen, die nicht unbedingt eine chronologische (Weiter-) Entwicklung repräsentieren, sondern z.T. eher einem Nebeneinander entsprechen (s. Anhang IV).537

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Die reduzierteste skulpturale Gestaltung der Portale konzentriert sich auf das Tympanon. Das Seitenportal von San Salvador, Leyre, (Abb.619) und das Portal von San Adrián de Vadoluengo, seien stellvertretend für die einfachste Lösung der Portalgestaltung angeführt. Nicht das gesamte Bogenfeld ist ausgestaltet, sondern allein ein Zeichen, das Chrismon, ist in das Tympanon mehr eingeritzt als skulptiert.538 Hinzu kommen zwei bis drei zumeist vegetabile Kapitelle im Gewände, in deren Blattwerk vereinzelt Tiere und Menschen sitzen. Die Archivolten sind als schlichte Rundstäbe gebildet.

Auf den Tympana der Kathedrale von Jaca (Abb.620), der Kirche San Felices in Uncastillo (Abb.624) und der kleinen Kirche von Aguilar de Codés (Abb.621) wird das einfache Zeichen (Chrismon) um figürliche Darstellungen, Tiere und Engel, erweitert. Auf den Kapitellen im Gewände sind hier mehrfigurige Szenen gearbeitet. Die Archivolten sind weiterhin schlicht belassen.

Neben dem um Beifiguren erweiterten Zeichen finden sich verschiedene mehrfigurige Tympanongestaltungen. So wird in den Bogenfeldern der beiden Portale von San Miguel in Biota die Epiphanie (Abb.388) und die Seelenwägung (Abb.652) als bewegte, mehrfigurige Szene dargestellt. Die Kapitelle bilden z.T. kleine narrative Zyklen oder sind als Gegensatzpaare inhaltlich aufeinander bezogen. An dem Südportal der Santiagokirche von Agüero (Abb.363) kommen sechs Konsolfiguren hinzu. Hier belegen bereits acht figürlich gestaltete Kapitelle das Gewände.539

↓228

Die Puerta del Perdón von San Isidoro in León (Abb.615) führt vor, wie die skulptural besiedelte Fläche durch seitlich eingelassene figürliche Reliefs erweitert wird. Hochformatige Reliefs, die die Apostel Petrus und Paulus zeigen, sind seitlich der auch hier als einfache Rundstäbe gebildeten Archivolten in die Wand eingelassen. Die Reliefs sind quasi aus dem Rahmen getreten und beanspruchen so die erhöhte Aufmerksamkeit. An dem zweiten Portal San Isidoros, der Puerta del Cordero, sind zu den beiden Seitenreliefs, auf denen der hl. Isidor und der hl. Pelagius (Pelayo) dargestellt werden, mehrere Reliefs in den Zwickeln gekommen, die u.a. die Tierkreiszeichen darstellen (Abb.598). Die Tympanongestaltung - das Bogenfeld besteht aus vier Einzelplatten - ist mit zahlreichen Akteuren und mehreren nebeneinander dargestellten Szenen weit komplizierter gestaltet als die bislang genannten Beispiele. Die in León in den Zwickeln plazierten Reliefs sind an dem Portal von San Martín, Artaiz (Abb.640), als Metopen zwischen ebenfalls figürlich gearbeitete Konsolfiguren gewandert.540 Kugeln, Zick-Zacklinien und einfachste Verzierungen belegen die Archivoltenrundstäbe.

Das stark mutilierte Portal der Burgkirche von Loarre (Abb.655) hatte offenbar eine Variante ausgebildet, bei der nicht einzelne kleine Reliefs über dem Archivoltenrundstab eingelassen wurden, sondern ein großer Relieffries. Der Relieffries, der vermutlich die Maiestas Domini, die vier Wesen des Tetramorph, zwei Engel und auf jeder Seite vier bis fünf Menschen mit Tüchern oder Wellenbändern zeigte, zieht sich auf ganzer Breite über das Bogenrund.541

Die Fassade von Santa María del Camino aus Carrión de los Condes (Palencia) zeigt ebenfalls einen erzählenden Fries, der hier jedoch nicht unmittelbar über dem Bogenrund ansetzt, sondern als oberer Abschluß des hochrechteckigen Portals konzipiert ist (Abb.614). Die Einzelfiguren betonen durch ihre Ausrichtung - sie reiten oder schreiten nach links - die Länge des Frieses. Als Erweiterung der skulpturalen Belegung der Fläche sind in Santa María del Camino auch die Archivolten figürlich gestaltet. 37 fein ausgearbeitete Einzelfiguren sind radial auf den Archivolten angeordnet. Vier Kapitelle im Gewände und Metopen zwischen neun Konsolfiguren sowie Reliefs an den begrenzenden Pfeilern vervollständigen das Ensemble. Das Portal hat kein Tympanon.542

↓229

In der Santiagokirche von Carrión de los Condes wurde ebenso auf das Tympanon verzichtet und die Bauplastik auf die Archivolten mit 22 radial postierten Figuren konzentriert.543 Hinzukommen zwei Gewändekapitelle und eine mit einem Engel ausgestaltete Säule. Oberhalb der Archivolten bilden zwölf unter Arkaden stehende große Apostelfiguren und die zentrale Figur der Maiestas Domini einen Fries.544

Die Archivolten eignen sich hervorragend als Träger von Skulptur und die Steinmetze scheinen besonders im Archivoltenbereich Beweise ihrer Phantasie und ihres Könnens gegeben zu haben. Die Einzelfiguren werden zumeist, wie in Carrión gesehen, radial angeordnet. In Sangüesa - innerhalb spanischer Kirchen eine Ausnahme - sind sie dagegen longitudinal plaziert. An den Fassaden von San Esteban in Sos del Rey Católico, von San Miguel in Estella und San Salvador in Ejea de los Caballeros (Nordportal) sind sie zu mehrfigurigen Szenen erweitert. Die Portale von Santa María (Abb.446)545 und San Miguel, Uncastillo (Abb.507), sowie das Portal der Ermita in Echano (Abb.511) führen eine besondere Variante vor. Hier wird der Rundstab als Tisch genutzt, hinter dem die Figuren sitzen.546 In San Pantaleón de Losa sind die Archivoltenfiguren hinter dem Rundstab "gefangen", aus dem nur ihre Gesichter und Füße hervorschauen (Abb.530). Auf ein Tympanon wurde bei diesen Portalen verzichtet, so daß die ganze Aufmerksamkeit auf den Archivolten liegt.547

Neben diesen Beispielen einer stückweisen Belegung der zur Verfügung stehenden Fläche mit Skulptur stehen die Portale, bei denen die gesamte Fläche und alle Portalteile mit Skulpturen teppichartig überzogen sind. Die Ausgestaltung der Fläche mit Skulptur erhält hier eine ganz neue Qualität.

↓230

Zu dieser Gruppe zählen die Portale von Santa María, Sangüesa (Abb.21), San Miguel, Estella (Abb.634) und San Esteban in Sos del Rey Católico (Abb.302) sowie das Westportal der Klosterkirche von Leyre (Abb.653). Die Portale von Sangüesa und Leyre bilden ein Hochrechteck,548 die von Estella und Sos sind dagegen längs gerichtet. Das Tympanon, drei bis fünf Archivolten sowie die Gewändekapitelle sind bei diesen Portalen figürlich gestaltet. In Sos und Sangüesa kommen im Gewände Skulpturen an den Säulen hinzu, in Sos werden zwischen diesen Gewändefiguren sogar noch mehrere kleine Skulpturen übereinander hinzugefügt (Schaubild 7). In allen vier Portalen wurden zudem mehrere Skulpturen spolienhaft in die Zwickel eingelassen bzw. in Estella zu kleinen Tympana neben den Archivolten ergänzt. Das Portal aus Estella zeigt außerdem vier große Reliefs rechts und links des Gewändes (Schaubild 9).

Alle diese Portale gehen in Teilbereichen auf eine Änderung bzw. eine Erweiterung des konzipierten Ursprungsportals zurück. Skulpturen aus anderen Zusammenhängen wurden - einem gewissen Ordnungs- und Gliederungsprinzip folgend - eingefügt. Das wohl bekannteste Beispiel einer zum großen Teil aus Skulpturen unterschiedlicher Herkunft zusammengestellten Fassade ist die Puerta de las Platerías der Kathedrale von Santiago de Compostela, bei der sogar die beiden Tympana aus verschiedenen Versatzstücken gebildet sind.549

Die Entwicklung der Belegung der Fassade mit Skulptur und deren Organisation gipfelt in dem Pórtico de la Gloria der Kathedrale von Santiago de Compostela. Der Pórtico stellt die umfangreichste und kongruenteste Portalanlage über eine gewaltige Breite und drei Eingänge dar. Nicht nur die gesamte Fläche der Eingangswand ist belegt, sondern die Skulpturen greifen auf die gegenüberliegende Seite über (Schaubild 8).550

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Der Pórtico de la Gloria ist nicht nur die umfangreichste skulptural gestaltete Skulpturenwand, sondern vermutlich auch die komplexeste. Im Unterschied zu den durch einen mehr oder weniger zufällig vorhandenen Skulpturenbestand geprägten Fassaden - wie derjenigen von Leyre, Sangüesa und der Puerta de las Platerías -, folgt der Pórtico konsequent einem Konzept. Die Westportalanlage der Kathedrale von Santiago de Compostela ist der Höhepunkt dieser formalen Entwicklung. Auch in ikonographischer Hinsicht ist der Pórtico als Kulmination einer Entwicklung anzusehen. In der Portalanlage Santiagos gipfelt die Darstellung der an den Fassaden thematisierten Inhalte, wie im folgenden Kapitel zu zeigen sein wird (Kap.VI.3).


Fußnoten und Endnoten

487  Vgl. Kap.VI.2. Zur mehrfach in der Literatur angemerkten Rekonstruktion eines zweiten Tetramorph aus vier Zwickelfiguren vgl. Katalog I, LZ3.

488  Darin sind sich alle Autoren bis auf Biurrún y Sótil (1936, S.394 ff.) einig. Er ignoriert die aufgezeigten Hinweise, die eindeutig für eine Umgestaltung sprechen, und geht von einem in einem Durchgang realisierten Bauplan aus. Entsprechend meint er, ein das ganze Portal umfassendes ikonographisches Programm erkennen zu können. Für ihn stehen alle Portalteile in engem Zusammenhang mit dem Jüngsten Gericht des Tympanons. Der Autor schreibt jedem Detail eine symbolische Bedeutung zu, bis hin zu den Dreipaßverzierungen des Turmfensters, in denen er die Trinität versinnbildlicht sehen will. Er trennt den komplexen Skulpturenbestand schlicht in eine "gute" und eine "böse Seite". Auf der rechten Portalseite seien nur Tugenden, auf der linken nur Laster dargestellt. Biurrún scheint dabei zu übersehen, daß links auch "positive Figuren" wie ein Engel (LZ10) und rechts "negative Figuren" wie Mischwesen (RZ2-RZ4) gezeigt werden. Zur Interpretation eines möglichen Programms bestimmter Fassadenteile vgl. Kap.VI.1.

489  Einen vergleichbaren Mittelpfeiler mit Trumeaufigur zeigen der Pórtico de la Gloria der Kathedrale von Santiago de Compostela (am Trumeau der hl. Jakobus, vgl. Kap.II.2.3.a) und das Westportal von San Vicente in Avila (am Trumeau Christus, vgl. Kap.II.2.2.e, Abb.328). Am Westportal der Klosterkirche San Salvador in Leyre teilt ebenfalls ein Trumeaupfeiler den Eingang, trägt hier jedoch keine Figur (Abb.653).

490  Bei vergleichbaren Portalen wird ebenfalls meistens der Kirchenpatron oder Christus am Trumeau abgebildet (z.B. Saint-Loup-de-Naud, Abb.281).

491  Die Archivoltensteine sind aufgrund der sie seitlich begrenzenden Ornamente und der Krümmung (Steinschnitt) nicht beliebig versetzbar, so daß Veränderungen nur in dem vorgegebenen Rahmen möglich waren. Uranga/ Iñiguez (1973, Bd.1,3, S.219) weisen darauf hin, daß die Asymmetrien in der gesamten Fassade bei halbrund geführten Archivolten nicht so stark ins Auge fallen würden wie bei dem (nachträglich) angespitzen Bogen, u.a. da zwischen dem oberen Bogenrund und dem horizontalen Abschluß zum Oberen Apostolado hin mehr Platz vorhanden wäre. Erst durch das Anspitzen des Archivoltenbogens, der dadurch gleichzeitig höher wird, entfiel dieser Zwischenraum und wird die Asymmetrie deutlich sichtbar.

492  Vgl. Kap.VI.1 und zur Interpretation König Salomos als Präfiguration Christi Katalog I, S.35; Kap.VI.1, S.194.

493  Uranga/ Iñiguez (1973, Bd.1,3, S.15) und Labeaga Mendiola (1993, S.196) gehen ebenfalls davon aus, daß sich an dieser Stelle ursprünglich ein anderes Tympanon befunden haben muß, das später durch das heute vorhandene Bogenfeld ersetzt worden ist, bzw. zumindest ein anderes Mittelfeld vorgesehen war. Es ist außerdem zu überlegen, ob die Mittelplatte ursprünglich für die Zusammenstellung mit diesen Seitenplatten konzipiert war (Abb.22). Sie schließt nicht genau an den durch die linke Seitenplatte angegebenen Bogen an. Die Seitenplatten wurden sicherlich nicht nachträglich beschnitten, da die darauf dargestellten kleinen Figuren mit Mühe und mithilfe ungewöhnlicher Haltungen in den vorgegebenen Platz eingepaßt worden sind und diesen bis in die letzte Ecke ausfüllen. Für eine ursprünglich andere Plazierung des Tympanons - die beiden Seitenplatten zusammen und eventuell davon unabhängig die Mittelplatte - spricht auch die Motivzusammenstellung von Tympanon, Türsturz und Gewände. Innerhalb des Gesamtprogramms der Fassade und in Analogie zu erhaltenen Beispielen müßten die Skulpturen des Türsturzes inhaltlich durch eine Darstellung der Maiestas Domini mit den vier apokalyptischen Wesen ergänzt werden (vgl. Kap.VI.1.).

494  Vgl. Kap.III.2 und 3.

495  Nur mehrfigurige Szenen werden an einigen Portalen longitudinal angebracht (Sos, Estella).

496  In Saint-Loup-de-Naud ist wie in Sangüesa die Muttergottes in den Kreis der Jünger aufgenommen.

497  Die zwölf Apostel sind in Saint-Julien, Le Mans, und in Bourges in einer ähnlichen Weise friesartig nebeneinander aufgereiht, von Arkaden eingefaßt. Die Darstellungen unterscheiden sich lediglich in der Haltung der Apostel - sitzend, stehend, ruhig, bewegt - und in ihrer Ausstattung - nimbiert, nicht nimbiert, mit einer Kopfbedeckung oder ohne. Zur Herleitung des Motivs, vgl. Crosby 1972, S.15-16.

498  Problematisch ist die unmittelbare Nähe des hypothetischen Westportals zu dem in nur wenigen Metern Entfernung verlaufenden Fluß. An dieser Stelle kann weder ein Kirchplatz noch ein größerer Zugang geplant gewesen sein, und das Gebäude war durch die Nähe zum Fluß immer wieder von Überschwemmungen bedroht. Theoretisch ist auch eine Plazierung des rekonstruierten zweiten Portals an der Nordwand Santa Marías denkbar. Es sind verschiedene Beispiele eines Portals im Norden bekannt, wenn die Westseite aufgrund besonderer Gegebenheiten nicht geeignet erschien (z.B. Estella, San Miguel).

499  Sauers "Symbolik des Kirchengebäudes" (1964) darf wohl immer noch als grundlegende Arbeit zu dem Thema gelten.

500  Die These von ursprünglich zwei Portalen, deren Skulpturen in dem Südportal zusammengefügt wurden, teilen Uranga/ Iñiguez (1973, Bd.1,3, S.15), Azcárate (1975, S.143-144) und García Gainza u.a. (1992, C.M.N., Bd.4,2, S.371). Jedoch macht keiner der Autoren einen konkreten Rekonstruktionsvorschlag.

501  Aus anderen Bauvorhaben ist bekannt, daß die Werkstätten häufig Skulpturen vorproduzierten, weiterzogen, um an einem anderen Projekt zu arbeiten und dann wieder zurückkehrten und an dem ersten Ort weiterarbeiteten (vgl. Bredekamp 1989/90).

502  Vgl. Kap.II.4.1.

503  Vgl. Tyrrell 1958.

504  Vgl. Kap.II.2.3.b, Anm.98.

505  Vgl. Sauerländer 1984 (kunststück), S.31.

506  Priest 1923, S.28; Sauerländer 1984 (kunststück), S.32.

507  Sauerländer 1984 (kunststück), S.32.

508  Vgl. Katalog I, Türsturz, S.7.

509  Vgl. zur Erweiterung des Apostelkollegiums um die Muttergottes mit dem Kind und die inhaltlichen Bezüge auf das im Tympanon dargestellte Jüngste Gericht Kap.VI.1. Als Vergleichsbeispiel aus Frankreich sei auf den Türsturz von Saint-Loup-de-Naud verwiesen, auf dem Maria ebenfalls den Ehrenplatz in der Mitte der Apostel einnimmt, ihr aber nur vier Jünger auf jeder Seite beigegeben sind (Abb.281). Vgl. die Ausführungen zu Saint-Loup-de-Naud Kap.II.2.1.c. Die Figur der Maria setzt sich hier nicht nur durch ihre Größe von den um mehr als einen Kopf kleineren Aposteln ab, sondern ist dem Türsturz in Verlängerung des Trumeaus vorgeblendet und wird durch diese Position in der Mittelachse des Portals hervorgehoben. Ihr Kopf durchbricht den Architekturfries, der die Apostelreihe nach oben abschließt.

510  Die Frage nach der ursprünglichen Bestimmung des Crosby-Reliefs ist nicht gänzlich geklärt. Die aufgrund des Motivs und des Formats naheliegende Funktion als Türsturz scheidet aus, da auch die Seitenkanten der Platte bearbeitet sind. Bei der jetzigen Aufstellung in der Chapelle Sainte-Ozanne im Chorumgang der Abteikirche hat man sich für eine Verwendung als Altarretabel entschieden. Sauerländer (1970, S.71) gibt jedoch zu bedenken, daß man auf einem Retabel im Zentrum der Platte eine christologische Darstellung erwarten würde. Das Ornamentband deute auf die Weiterführung des Reliefs durch ein anschließendes Teil. Crosby (1972, S.16-17) vermutet in dem Relief ursprünglich eine Seitenwand des Grabes von Abt Suger. Nach einem Planwechsel, der ein kostbareres Material für den Sarkophag vorsah, sei die Platte nicht beendet - Einzelformen sind z.T. in der Bosse stehengeblieben - und später, vermutlich im 13.Jh., zum Sarkophagdeckel umfunktioniert worden. Sauerländer (1970, S.71) wendet dagegen ein, daß es schwer fällt, vergleichbare Beispiele für eine Darstellung des Apostelkollegiums im 12.Jh. als Seitenwand eines Sarkophags zu finden und schließt: "Die Frage der ursprünglichen Bestimmung des Relief Crosby bleibt also vorerst unbeantwortbar." Die Datierungsfrage wird dagegen weitgehend einheitlich gelöst. Sauerländer (1970, S.71) setzt das Relief vor 1151 an, dem Todesjahr von Abt Suger. Crosby (1972, S.24) präzisiert die Datierung auf zwischen 1141 und 1143.

511  So bemerkt Crosby (1972, S.48), daß die Geste in Saint-Denis keine Bewegung bedeutet, sondern eingesetzt wurde, "to enhance rhythmical relations between the figures." Dasselbe gilt für die Figuren auf dem Türsturz von Sangüesa. Crosby verweist auf eine Gewändefigur aus Saint-Denis, die ihren Mantel in eben dieser Weise vor den Körper hält (rechtes Portal Westfassade, die Figur ist nur in einer Zeichnung von Montfaucon überliefert, abgebildet bei Sauerländer 1970, S.65).

512  Crosby (1972, S.65) verweist auf einen weiteren Aspekt. Jedes Relief mit den unter Arkaden stehenden Aposteln - ob in Sangüesa, Saint-Denis, Chartres oder Le Mans - illustriert eine bestimmte Auffassung der Figur zu der sie umfassenden Arkade. Die Verbindung von der Figur zur Arkade ist unterschiedlich eng. Crosby sieht eine Entwicklung von der frühchristlich antiken Auffassung, nach der sich die Figur frei unter dem Bogen bewegen kann, bis hin zu der "romanischen Auffassung", nach der der Bogen die Figur eng umfaßt, bis er beinahe mit ihr verschmilzt. So unterscheidet sich die Darstellung auf frühchristlichen Sarkophagen grundlegend von derjenigen des 12.Jhs. Die antike oder klassische Art der Darstellung zeigt die Arkaden als ein dekoratives Rahmenwerk, in dem sich die Figuren frei bewegen. Focillon prägte dafür den Begriff "homme-arcade". (Crosby 1972, S.42: "Defined by Henri Focillon as the "hommes arcade", this praticular relationship demonstrates a fundamental principle of Romanesque sculpture - the role of the frame as a controlling factor in the organization of design.") In späteren spanischen Darstellungen löst sich diese Verbindung dann wieder auf und die Figur steht unabhängig von dem sie umgebenden architektonischen Rahmen (z.B. Carrión, Moarves, Abb.616, 617), vgl. Kap.III.5. Der Türsturz von Sangüesa kann als Zwischenglied in diesem Entwicklungsprozeß angesehen werden.

513  Crosby 1972, S.48.

514  Ebda., Appendix 2. Die kompositionelle Betonung der Figuren als Gruppe, als Einheit, ist die bildliche Umsetzung der Vorstellung der Apostel als Körperschaft, die die christliche Kirche darstellt. So werden die zwölf Apostel im Matthäusevangelium als innerer Kreis direkt auf die zwölf Stämme Israels bezogen. Eine Darstellung der Apostel muß entsprechend trotz der Individualität der Einzelpersonen auch immer deren Einheit vermitteln. Indem die Jünger im Gespräch oder zusammengefaßt in Gruppen "in disputatione" gezeigt sind, werden sie in eine bis zur Antike zurückgehende Tradition gesetzt und es wird damit die grundlegende Funktion der Apostel als Lehrer der Menschheit betont (Crosby 1972, S.52). Dieses auf dem Türsturz von Sangüesa und dem Crosby-Relief aus Saint-Denis bewußt verhalten gezeigte Gespräch der Jünger gerät auf vergleichbaren Darstellungen (z.B. auf dem Türsturz des Westportals von Saint-Denis, Abb.103) zu einem in bewegte Gesten übersetzten Diskutieren (Sauerländer 1984 (kunststück), S.31).

515  Ebda., S.48: "Such rhythmical accents (...) reveal (...) the deliberate intention of creating both close relations between smaller groups of figures and overall unity as well. This concept of the interrelationship of parts to the whole (...)."

516  Auf wenige Arkaden reduziert und ohne Skulpturen darunter, findet sich ein ähnliches Element an der Puerta del Perdon, San Isidoro, in León (Abb.615). Drei vorgeblendete Bögen überspannen über dem eigentlichen Portal aus Tympanon, Kapitellen und Seitenreliefs mehrere Doppelsäulen. Unter den Bögen stehen keine Skulpturen, wenn auch die beiden seitlichen Arkaden die Versetzung einer Skulptur erlaubten. Der mittlere Bogen überfängt ein Fenster. Eine ähnliche Auffassung der Fassadengliederung durch vorgeblendete Elemente zeigt die Westfassade von Santo Domingo in Soria (abgebildet in Palol/ Hirmer 1991, Abb.227). Die große querrechteckige Fassade wird durch zwei übereinander geordnete Bogenreihen strukturiert, unter denen jedoch ebenfalls keine Skulpturen stehen. Die Bauplastik konzentriert sich hier auf die Archivolten und die Kapitelle im Gewände.

517  Mendell (1940, S.177) definiert diesen Fassadentypus folgendermaßen: "The facade of the West is conceived as a monumental screen, the field for a highly developed decoration of which the arcade is the keynote and which is basically a framework for sculpture."

518  Rupprecht/ Hirmer 1984, Abb.68ff.

519  Vgl. außerdem die Fassaden von Anzay-le-Rideau (Indre-et-Loire), Ruffec (Charente) und Pérignac (Charente-Inférieure).

520  Vgl. zu Notre-Dame-la-Grande, Poitiers: Aubert 1946, S.133; Crozet 1948, S.152ff.; Crozet/ Labande-Mailfert 1957, S.64ff.; Messerer 1959, S.46ff.; ders. 1964, S.136; Mézoughi 1977, S.125ff. Die Westfassade von Poitiers wird weitgehend übereinstimmend auf Mitte des 12.Jhs. datiert.

521 

Die Parallele zwischen dem Fassadenabschluß Sangüesas und Poitiers bemerken King 1920, S.236; Porter 1923, Bd.1, S.254; Shipley 1927, S.14. Milton Weber 1959, S.154. Parallelen bestehen außerdem zu der Fassade von Pérignac (Mendell 1940, Abb.91, 92).

Während die Gliederung und die gesamte Organisation des oberen Fassadenabschlusses Santa Marías nach Frankreich weist (Poitiers), bleibt der Stil der Skulpturen des Oberen Apostolados jedoch auf Spanien, genauer auf Aragón und Navarra, begrenzt. Die Skulpturen des Oberen Apostolados können der Werkstatt des sogenannten Meisters von San Juan de la Peña zugeschrieben werden (vgl. Kap.II.4.1.). In dessen großem Oeuvre gibt es jedoch keine vergleichbaren Anlagen wie das Obere Apostolado Santa Marías, noch Hinweise auf Beeinflussungen durch die französische Bauplastik.

Ohne mögliche Bezüge im einzelnen verfolgen zu können, sei als Anregung für weiterführende Arbeiten auf Parallelen zwischen der Gestaltung des Oberen Apostolados aus Sangüesa und der Organisation einiger Antependien, Sarkophagwände, und Schreine verwiesen. So wird z.B. die Frontseite der Arca Santa aus Oviedo (Abb.612) ähnlich wie das Obere Apostolado durch zwei übereinander verlaufende Arkadenregister mit eingestellten Skulpturen organisiert (vgl. Kat. Ausst. New York 1993, Nr.124). Die Apostel flankieren den Gottessohn, der hier in einer von Engeln gehaltenen Mandorla thront. Wenn auf der Arca Santa auch keine Doppelsäulen, sondern einfache Säulen gewählt wurden und die zentrale Gestalt Christi die beiden Bogenreihen durchbricht, erinnert die generelle Anlage doch an das Obere Apostolado Sangüesas und ähnliche Fassadengliederungen in Frankreich (vgl. zu einem möglichen Bezug zwischen der Gestaltung von Altarantependien und Fassaden Rupprecht/ Hirmer 1984, S.93 sowie Sauerländer 1966). Auf einem katalanischen Antependium (Abb.613) ist ebenfalls ein zweifaches Register übereinandergeordnet, unter dem die Apostel stehen. Wie in Sangüesa wird Christus, dessen Gestalt auch hier beide Arkadenreihen durchbricht, von den vier apokalyptischen Wesen begleitet. Man hat sich die im kleinen vorgegebene Gliederung - bis auf die zentrale Figur - lediglich in monumentalem Maßstab an Fassaden vergrößert vorzustellen. (In dem großen Format der Fassade wäre eine derartige Gliederung über zwei Arkadenreihen nicht möglich bzw. würde mit einer entsprechend riesigen Christusfigur die Proportionen stören. Indem man das zentrale Rechteck in Sangüesa auf die obere Arkadenreihe beschränkt hat, sind in der unteren Reihe zwei Arkaden hinzugekommen, so daß den zwölf Aposteln zwei Engel beigefügt werden konnten.) Zu möglichen Verbindungen zwischen der Monumentalskulptur und bestimmten Objekten der Kleinkunst (Metall- wie Elfenbeinarbeiten und Buchmalerei) vgl. die Ausführungen in Kap.II.4. und im Katalog IV, S.179.

522  Auf die Verbindung von Sangüesa und Carrión macht Milton Weber (1959, S.153) aufmerksam. Vgl. zur Santiagokirche aus Carrión de los Condes: Shipley 1927; García Guinea 1961; Moralejo Alvarez 1973 Esculturas; Angermann 1986. Angermann (1986, S.12) gibt die verschiedenen Datierungsvorschläge für die Santiagokirche wieder (von 1165-1200) und kommt selbst auf eine Datierung auf kurz vor 1188.

523  In dem Element der durchbrochenen Architekturaufbauten zwischen und über den Arkaden kommt der Fries aus Carrión dem berühmten Altarantependium aus Santo Domingo de Silos nahe (abgebildet in Palol/ Hirmer 1991, Abb.165; vgl. Kat. Ausst. New York 1993, Nr.134; 2. Hälfte 12.Jh.). Die Parallelen sind so eindeutig, daß der Fries als direkte Übersetzung des Reliquiars auf die Fassade gelesen werden kann.

524  Offenbar handelt es sich hier um eine regionale Beschränkung dieser Fassadengestaltung. Alle Beispiele sind in Shipley 1927 abgebildet.

525 

Vgl. Crosbys Aussagen zur Entwicklung des Verhältnisses der Figuren zu den sie umgebenden Arkaden, Kap.III.3., Anm.26. In der Literatur werden verschiedene Thesen zur Herleitung des Carrioner Frieses und seiner Nachfolgewerke diskutiert, keiner der Autoren geht jedoch auf die mögliche Verbindung mit dem Sangüesaner Apostolado ein.

Angermann (1986) lehnt die mehrfach postulierte Herleitung des Carrioner Frieses von Portalen Westfrankreichs ab und sieht eine Vorform in den Reliefs der zweiten Kirche aus Carrión, Santa María del Camino (Abb.614): "Die Orientierung an der bereits vor Ort durchgeführten Lösung läßt eine nochmalige Rezeption süd-westfranzösischer Portale unnötig erscheinen. An Santa María selbst waren diese Vorgaben durch den Fries bereits erweitert worden." Die von Angermann gezogene Entwicklungslinie überzeugt jedoch nicht, da der Fries Santa Marías auf die charakteristische Arkadeneinfassung verzichtet. Der Relieffries Santa Marías, Carrión, geht vielmehr auf die nebeneinander plazierten Reliefs zurück wie sie etwa in San Isidoro, León, zu sehen sind (Abb.598). Vgl. Kap.III.5.

Auch Shipleys (1927, S.14) Herleitungsversuche überzeugen nicht. Die Autorin verweist auf die friesartig als oberer Fassadenabschluß geordneten Apostel der Fassade von Santa María, Ripoll (abgebildet in Durliat 1962 Hispania, Abb.62), die jedoch nicht von Arkaden überfangen werden. Außerdem meint sie, einen Apostelfries an der Puerta de las Platerías in Santiago de Compostela rekonstruieren zu können, den sie als mögliches Vorbild für Carrión nennt.

526  Vgl. Kap.I.3.1.

527  Bredekamp 1989/90, S.191.

528  Am ausführlichsten hat Bredekamp seine Überlegungen in zwei Vorlesungen an der Hamburger Universität und der Berliner Humboldt-Universität dargelegt. Er hat der Verf. freundlicherweise das bislang in dieser Form unveröffentlichte Manuskript der Hamburger Vorlesung zur Verfügung gestellt, auf das sich die folgenden Ausführungen beziehen.

529  Dieser Aspekt wird in mehreren Arbeiten Bredekamps zur spanischen Romanik ausgeführt, vgl. Bredekamp 1989, 1998/90, 1992 und 1994.

530  Bredekamp 1989, S.221.

531  Ders. 1989/90, S.190.

532  Ebda., S.190, 191 und S.190 "Wann das Tympanon erstmals für figürliche Plastik genutzt wurde, ist offen. Das Portal del Cordero an San Isidoro von León könnte das erste gewesen sein, aber Sicherheit ist hier nicht zu gewinnen."

533  Bredekamp 1989/90, S.186.

534  "(...) kategorial aber ist mit der Bedeckung des Bogenfelds über dem Portal eine letzte Schwelle überschritten." Bredekamp 1989/90, S.191.

535  Rupprecht/ Hirmer 1984, S.22, 24.

536  Es gibt m.W. bislang keine Arbeit, die dieser Frage nachgeht.

537  In den schematisierten Darstellungen der Portale wird versucht, die im folgenden ausgeführte Entwicklung optisch umzusetzen und zusammenzufassen. Schwarz markiert sind die skulptural belegten Teile des Portals bzw. der Fassade.

538  Zu dem Christusmonogramm, dem Chrismon, vgl. Kap.VI.2., S.199.

539  Es werden jeweils zwei bis drei Beispiele eines Portaltypus angegeben, denen sich in jedem Fall jedoch weitere hinzufügen ließen.

540  Eventuell waren die Zwickelreliefs der Puerta del Cordero aus León ursprünglich genau so als Metopen zwischen Konsolsteine gesetzt (so Bredekamp 1989/90, S.181). Zu San Martín, Artaiz, vgl. Kap.VI.2., S.207.

541  Vgl. Kap.VI.2., S.211.

542  Es gibt mehrere Portale, die kein Tympanon haben und bei denen sich die skulpturale Ausgestaltung auf die Archivolten konzentriert (z.B. Uncastillo, Santa María; in Frankreich v.a. im Poitou und in der Saintonge).

543  Die Kirchen der sogenannten Burgosgruppe (Moradillo de Sedano u.a.) zeigen ebenfalls kunstvoll mit radial angebrachten Einzelfiguren ausgestaltete Archivolten, z.T. figürliche Gewändekapitelle und großartige Tympanonkonstruktionen. Der Rest der Wand ist jedoch nicht mit Skulpturen belegt. Die Bauplastik beschränkt sich auf Tympanon, Archivolten und Kapitelle. Vgl. Kap.II.7., Anm.160.

544  Vgl. die Ausführungen zu dem Carrioner Fries im vorherigen Kapitel.

545  In Santa María, Uncastillo, kommen die aus León bekannten hochformatigen Reliefs hinzu, die hier nicht seitlich, sondern über dem Archivoltenbogen in die Wand eingelassen wurden (Abb.444).

546  Ähnlich auch am nördlichen Portal des Pórtico de la Gloria in Santiago de Compostela (Abb.528) und der Kathedrale von Toro (Abb.529).

547  Einen gesonderten Typus islamischer Prägung bilden die Portale der Kirchen von Cirauquí (Durliat 1962 Hispania, Abb.125), der Santiagokirche in Puente la Reina, Santa María in Zamora (Palol/ Hirmer 1991, Abb.179) und San Pedro de la Rúa in Estella aus. Sie haben kein Tympanon und zeichnen sich durch überwiegend ornamental gestaltete Vielpaßbögen, sogenannte arcos lobulados aus.

548  Sowohl in der hochrechteckigen Form als auch in der Belegung der Zwickel mit Einzelreliefs sowie dem Trumeaupfeiler kommt das Westportal der Klosterkirche von Leyre dem Sangüesaner Südportal - so wie es rekonstruiert werden kann (Kap.III.1) - am nächsten.

549  Durliat 1990, Abb.349. Das Portal der Klosterkirche von Ripoll (Katalonien) ist ebenfalls auf der gesamten Breite mit Skulpturen belegt, zeigt jedoch eine ganz andere Auffassung der Flächenorganisation (Durliat 1962 Hispania, Abb.62; vgl. Kap.II.2.3.c.). Die Reliefs sind hier in horizontal verlaufenden Friesen angeordnet. Hinzu kommen Figuren an den Innenwänden des eigentlichen Eingangs.

550  Vgl. Kap.II.2.3.a.



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10.08.2006