IV  DATIERUNGSVORSCHLÄGE, VERSUCH EINER RELATIVEN CHRONOLOGIE

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Bauplastik aus fünf Jahrzehnten in einer Kirche vereint

Nach dem stilistischen Vergleich der Bauplastik Sangüesas mit Skulpturenkomplexen, die z.T. durch Weihedokumente oder Inschriften fest zu datieren sind, lassen sich sowohl die Kapitelle im Innern als auch die Skulpturen des Portals genauer datieren. Für die Bauplastik Santa Marías ergibt sich folgende Chronologie.

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Der älteste Teil Santa Marías umfaßt den Apsidenbereich mit den Mittel- sowie Seitenapsiden, dem anschließenden Pfeilerpaar sowie der nördlichen Außenwand auf der Länge des ersten Jochs.551 Anhaltspunkt für die Datierung dieses Bauteils ist das Schenkungsdokument von Alfonso el Batallador aus dem Jahr 1131, in dem der König seine Palastkirche dem Johanniterorden übergibt.552 Damit sind die Apsiden Santa Marías, Sangüesa, auf vor 1131 zu datieren. Sie entstanden vermutlich um 1110 oder in den 20er Jahren des 12.Jhs.553 Stilistische und motivische Bezüge, sowohl der Bauplastik in dem genannten Bereich (Stilgruppe E) als auch Parallelen in der Architektur, zu der Kathedrale von Jaca, den Kirchen von León, Frómista, Loarre und Toulouse (vgl. Kap.II.6), die auf das letzte Drittel des 11.Jhs. zu datieren sind, bestätigen diese frühe Datierung der Bauplastik im Apsidenbereich.554

In den Apsiden befinden sich neben den Kapitellen dieser frühen Phase (Stilgruppe E) einige Skulpturen, die in Abhängigkeit zur Werkgruppe aus Uncastillo (Santa María) entstanden sind (Stilgruppe D). Dazu zählen u.a. die aufgrund ihrer ausdrucksstarken Formensprache besonders einprägsamen Kapitelle, die die Enthauptung des Johannes und den Tanz der Salome (IAe, Abb.428-431), die Avaritia (IAc, Abb.424) sowie die Flucht nach Ägypten (Iah, Abb.435-437) darstellen. Zur großen Werkgruppe um Uncastillo zählt u.a. die auf um 1156 fest datierte Bauplastik der Kirche San Martín in San Martín de Unx (vgl. Kap.II.5.). Entsprechend können die Sangüesaner Skulpturen der Stilgruppe D auf um 1156 datiert werden.555

Die zahlenmäßig größte Skulpturengruppe, die sowohl Kapitelle im Innern (z.B. IL18b Ritt der Könige, Abb.45) als auch den größten Teil der Portalplastik umfaßt, als Stilgruppe A benannt, stammt von der Hand des Meisters der Sarkophagreliefs aus Nájera. Er kann mit dem namentlich bekannten Hauptmeister Sangüesas, Leodegarius, gleichgesetzt werden (vgl. Kap.II.1.1.b). Der Sarkophag der Doña Blanca von Nájera ist aufgrund der Sterbedaten der Königin sowie des Auftraggebers, des Königs, auf 1156/ 1158 zu datieren.556 Die in demselben Stil gearbeitete Skulpturengruppe aus Sangüesa (Stilgruppe A) ist entsprechend auf um 1156/ 1158 anzusetzen.557

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Innerhalb der Skulpturen Sangüesas, die der Stilgruppe um den "Meister von San Juan de la Peña" zugeschrieben werden (Stilgruppe C, Kap.II.4), muß zwischen den Kapitellen im Langhaus (z.B. IL13, Abb.393) und den Flachreliefs des Portals unterschieden werden (Oberes Apostolado, Zwickelreliefs). Die Vergleichskomplexe des sogenannten Meisters von San Juan de la Peña, v.a. die Bauplastik der Santiagokirche in Agüero und die Kreuzgangkapitelle des Klosters San Juan de la Peña geben - der Datierung Crozets folgend (vgl. Kap.II.4, Anm.2) - die Zeitspanne von 1145 bis 1175 vor. Im Zusammenhang mit den Kapitellen der anderen Stilgruppen im Innern Santa Marías (A, D, E), die auf vor 1131 bis um 1156/58 zu datieren sind, liegt die Datierung der Kapitelle der Stilgruppe C in die 40er/ 50er Jahre nahe. Die Portalreliefs sind dagegen später entstanden (s.u.).

Somit befinden sich in der Apsis und im Langhaus Santa Marías Skulpturen der ersten Phase (Stilgruppe E, vor 1131) neben Kapitellen, die in den 40er und 50er Jahren gearbeitet wurden (Stilgruppe A, 1156/58; Stilgruppe C, 1140/50er; Stilgruppe D, um 1156).

Die Datierung der Gewändefiguren Santa Marías (Stilgruppe B) läßt sich durch drei Anhaltspunkte präzisieren. Die Säulenfiguren aus der Apsis der Kirche San Martín, Uncastillo, bieten die engste Stilparallele zu den Apostelfiguren vom Gewände Sangüesas, die so weit geht, daß die Säulenfiguren als direkte Kopie der Sangüesaner Gewändefiguren anzusprechen sind. Sie sind somit nach den Sangüesaner Marien und Apostel entstanden. Da die Apostel aus San Martín, Uncastillo, durch eine Inschrift und ein Weihedokument auf das Jahr 1179 zu datieren sind,558 wurden die Sangüesaner Gewändefiguren vor 1179 gearbeitet. Der zweite Bezugspunkt für die Datierung der Gewändefiguren Sangüesas sind die vier erhaltenen Skulpturen des Grabmals von Saint-Lazare in Autun. Sie sind zwischen 1170 und 1189 entstanden.559 Den dritten Anhaltspunkt bilden auch für diese Stilgruppe die Sarkophagreliefs von Nájera (1156-1158). Der im Sarkophag formulierte Stil bestimmte nicht nur die Gewändefiguren (Stilgruppe B), sondern auch die Skulpturen der Stilgruppe A (vgl. Kap.II.3).

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Somit ergibt sich für die Sangüesaner Marien und Apostel am Gewände eine mögliche Entstehungszeit nach 1156/58 (Nájera) und vor 1179 (San Martín, Uncastillo, und Grab des hl.Lazarus, Autun).560 Die in der Analyse aufgezeigten Stilparallelen zu den Gewändefiguren des Chartreser Königsportals (1145-1155) sowie zu der Gewändefigur aus Avallon (1160) legen eine Datierung in das vorletzte Jahrzehnt dieser Zeitspanne nahe, um 1160-1170.561

Das Portal Santa Marías läßt sich entsprechend durch die gesicherten Datierungen der Vergleichsbeispiele in folgende "Zeitschichten" zerlegen (Anhang V):562 Der Hauptteil des Portals bis zu den abschließenden Zwickelreliefs (Stilgruppe A und B im Schaubild rot und orange markiert) entstand nach 1156. Die Gewändefiguren sind auf um 1160/70 zu datieren. Das Obere Apostolado sowie der obere Abschluß der Zwickel (Stilgruppe C blau markiert) ist etwa ein Jahrzehnt später, 1170/80, anzusetzen. Der sogenannte Meister von San Juan de la Peña war also vermutlich zweimal in Sangüesa. In den 40er/ 50er Jahren fertigte er die Kapitelle für das Langhaus an und ca. 20 Jahre später arbeitete er - oder sein Nachfolger - die Portalreliefs. Mit dem oberen Abschluß könnte auch die Änderung des Gewändes (Verschiebung der Trumeaufigur ins linke Gewände, Hinzufügung der sechsten Gewändefigur rechts)563 erfolgt sein. Die Zusammenstellung des Portals erfolgte also vermutlich um 1170/80.564


Fußnoten und Endnoten

551  Die Teile aus dieser Bauphase sind im Grundriß 2 schwarz markiert.

552  "(...) Similiter dono ibi ecclesiam Beate Marie que est intrus in meo corral que est in capite de illo Burgo Novo de Sangossa." (vgl. Kap.I.1.4.).

553  Dieser Teil der Kirche entspricht der ehemaligen Palastkirche Alfonsos, die zur Gemeinde- und Pilgerkirche wurde.

554 

Die Argumente für die Datierung der einzelnen Komplexe werden im Kap.II.6 wiedergegeben.

In der Literatur herrscht weitgehend Einigkeit über die frühe Datierung des Apsidenbereichs mit den dort gearbeiteten Kapitellen. Ebenso wird von den meisten Autoren die These der stilistischen Abhängigkeit von der Jaqueser Bauplastik vertreten. Die anderen Bezugsobjekte (León, Frómista etc.) werden zumeist jedoch nicht erwähnt. Eine Ausnahme bildet Iches (1971), die keine Ähnlichkeit zu den Jaqueser Skulpturen sehen zu können glaubt, aber dennoch die in dem Dokument vorgegebene frühe Datierung für den Apsidenbereich übernimmt. Auch Milton Weber (1959, S.142) spricht sich für eine frühe Datierung um 1132 aus. Milton Webers Zusammenstellung der ihrer Meinung nach zu dieser Zeitphase gehörenden Kapitelle überzeugt jedoch wegen der stilistischen Heterogenität nicht. Die Autorin faßt Kapitelle der Stilgruppen A, D und E, ungeachtet der eindeutig differierenden Stilausprägungen, zusammen. Sie kennt offensichtlich das Bezugssystem der Skulpturen San Martíns aus Unx sowie Santa Marías aus Uncastillo nicht, die eine gesonderte Zuschreibung bestimmter Kapitelle notwendig machen.

Ebenfalls unverständlich ist die späte Datierung von Biurrun y Sótil (1936, S.392ff.). Der Autor geht - entgegen allen Anzeichen verschiedener Stillagen innerhalb der Bauplastik und ungeachtet der Hinweise in der Architektur - von einem in einem Durchgang Anfang des 13.Jhs. errichteten Bau aus. Auch das Portal sei in einem Bauvorgang Anfang des 13.Jhs. entstanden.

555  So auch Uranga/ Iñiguez 1973, Bd.1,3, S.11.

556  Vgl. Kap.II.1.1.b.

557  Als Bezugskomplex für die Sarkophagplastik von Nájera stellte sich (Kap.II.3) die Bauplastik der Kathedrale, Saint-Lazare, Autun, heraus. Sie ist auf 1125-1135 zu datieren und somit als stilgebender Komplex für die Najareser Reliefs denkbar.

558  Vgl. Kap.II.2.2.a.

559  Vgl. Kap.II.2.1.d.

560  Leodegarius bzw. seine Werkstatt hat entsprechend zuerst den Sarkophag von Nájera, dann die Skulpturen der Stilgruppen A und B in Sangüesa (unterer und mittlerer Portalteil, einige Langhauskapitelle) und zuletzt die Apsidenskulpturen in San Martín, Uncastillo, geschaffen.

561  Uranga/ Iñiguez und Melero Moneo (1992) kommen ebenso auf dieselbe Entstehungszeit der Gewändefiguren zwischen 1160 und 1180 (Uranga/ Iñiguez: 1160-1180; Melero Moneo: 1170er). Alle vor 1963/64 veröffentlichten Arbeiten kannten die erst 1964 durch de Egry bekannt gewordenen Säulenfiguren von San Martín, Uncastillo, noch nicht, die durch die Inschrift von 1179 einen entscheidenden Datierungshinweis geben. Und so datiert Milton Weber (1959, S.144) die Gewändefiguren Santa Marías drei Jahrzehnte später auf um 1200. Beachtlicherweise kommt Porter - ohne die Sarkophagreliefs von Nájera oder die Säulenfiguren Uncastillos zu kennen - allein anhand der Schenkungsurkunde (1131) und der Bezüge zu Chartres und Burgund als Entstehungszeit der Sangüesaner Gewändefiguren auf die Zeitspanne nach 1132 und vor 1170.

562  Die Zeitschichten - den Stilgruppen entsprechend - sind im Schaubild farbig markiert.

563  Vgl. Kap.III.1.

564  So auch Uranga/ Iñiguez 1973, Bd.1,3, S.23). Patton (1994 Peña, S.172) und Melero Moneo (1992, S.18) datieren die Skulpturen des Oberen Apostolados und damit den oberen Abschluß des Portals später. Patton geht davon aus, daß die Skulpturen nach 1170, vermutlich zwischen 1180 und 1200 gearbeitet worden seien. Melero Moneo unterscheidet zwischen den Reliefs des Oberen Apostolados, die sie ohne Angabe von Gründen auf Anfang des 13.Jhs. datiert, und den Zwickelreliefs, die laut Melero Moneo weder von Leodegarius noch von dem "Meister von San Juan de la Peña" stammen, auf die ersten Jahre des 13.Jhs. Welche Skulpturen die Autorin damit meint, ist nicht ersichtlich.



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10.08.2006