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1  Einleitung

Schon immer war die Auseinandersetzung mit dem reproduktiven Verhalten der Menschen ein immens wichtiges Kriterium zur Bestimmung ökonomischer, soziologischer, politischer und kultureller Entwicklungen und Tendenzen, die wiederum ihrerseits, vor allem in der heutigen Zeit, weltweit das generative Verhalten mitbestimmen. Traditionelle Einstellungen und Verhaltensweisen zur Familienplanung und Geburtenregelung realisieren trotz steigender ökonomischer Zwänge in vielen Ländern der Welt noch immer die Familiengröße, das Sexualverhalten oder Auffassungen zur Schwangerschaftsverhütung. Politische Umsetzungen sozioökonomischer Vorgaben führten im bevölkerungsreichsten Land China zum Beispiel zu Änderungen im generativen Verhalten. So müssen chinesische Familien bis zu 15.000 Juan – das sind ca. 3000,- DM – „Strafe“ zahlen, wenn sie ein zweites Kind bekommen (ZHANG TING, 1998). Allerdings spielen auch hier regionale und damit soziokulturelle Besonderheiten eine entscheidende Rolle. So sind deutliche Unterschiede bei der Durchsetzung der Geburteneinschränkung zwischen der städtischen und der ländlichen Bevölkerung bekannt, was übrigens auch für Indien oder Länder in Afrika gilt.

Die unter anderem in China angewandte Methode zur Familienplanung wird als aggressiv–autoritär bezeichnet und orientiert sich an staatlich festgelegten Planzahlen. Im Gegensatz dazu steht die klassisch–passive Strategie, die auf Wunsch Gespräche zur Familienplanung anbietet. Die zur Zeit eher für die Industriestaaten zutreffende promotive Strategie zur Familienplanung versucht durch das Aufzeigen sozialer, ökonomischer und gesundheitlicher Vorteile das Bedürfnis an der Familienplanung zu wecken.

Diese global regionalen Unterschiede im generativen Verhalten sowie bestehende Wechselbeziehungen zwischen dem generativen Verhalten und differenzierten Sozialstrukturen lassen sich auf Länderebene, aber auch innerhalb dieser Länder – hier gelten Unterschiede zwischen ländlichen und städtischen Regionen – weiterverfolgen. Wie stark die ökonomischen Verhältnisse Einfluss nehmen und oft den Kinderwunsch zum Kostenfaktor werden lassen, beschreibt DIESFELD (1997) eindrucksvoll im Vergleich zwischen Agrar- und Industriegesellschaften.

In ländlichen Gebieten von Agrargesellschaften werden auch heute noch sehr viele Kinder geboren, da sie schon in sehr jungen Jahren mitarbeiten und so die Familie früh finanziell unterstützen können. Demgegenüber steht eine deutlich geringere Kinderzahl in den Städten. Bevor die Teilnahme am Familieneinkommen gewährleistet werden kann, geht meist eine lange Ausbildungszeit voraus. Dies gilt ebenfalls für die Industriegesellschaften, wenn auch auf einem anderen Niveau.

Mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ergab sich eine völlig neue gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Situation in Deutschland, besonders aber im Ostteil des Landes. Unter diesen neuen, auch sozial neuen Aspekten, bot sich die einmalige Chance, Veränderungen im generativen Verhalten von Frauen während und nach der „Wendezeit“ zu dokumentieren.

Auch in einer repräsentativen deutschen Großstadt wie Berlin, in der die verschiedensten politischen, wirtschaftlichen, multikulturellen und sozialen Bedürfnisse auf engem Raum existieren, bestehen regionale Unterschiede im generativen Verhalten, die auf Bezirksebene herauszuarbeiten und nachzuweisen sind. Hervorzuheben sei hier die Sonderstellung Berlins als ehemals geteilte Stadt.

In der ehemaligen DDR wurde seit den 70er Jahren verstärkt an der Analyse des Problems der rückläufigen Geburtenziffern und möglicher Einflussfaktoren auf das generative Verhalten gearbeitet.


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Die vorliegende Studie „Frau 90“ ist nicht allein die Fortführung dieser Analysen, sondern stellt die Veränderungen im gesamten sozialen Bereich und die damit verbundenen Zusammenhänge zur Familienplanung in den Ostbezirken Berlins zur „Wende“ dar, vergleicht statistische Erhebungen bis ins Jahr 1997 und gestattet einen Ausblick auf Tendenzen der nächsten Jahre.

Die in Deutschland abnehmenden Geburtenziffern, das gilt übrigens für alle Industriestaaten, sind nicht nur Ausdruck einer bewussten Entscheidung von Frauen beziehungsweise Paaren zu einer Ein- bis Zwei-Kind-Familie, sie zeigen auch deutlich sozioökonomische Entwicklungen und Tendenzen auf.

Wie wichtig sozialpolitische Maßnahmen für die Steigerung der Geburtenrate sind, wurde schon von FRITSCHE (1981) beschrieben. Sie wies nach, dass in der DDR im Zeitraum 1970 – 1979 infolge von Verbesserungen der sozioökonomischen Bedingungen je Frau in der fertilen Phase 0,1 Kind mehr geboren wurde.

So wie sich durch eine Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen eine geburtsstimulierende Wirkung erzielen lässt, „... kann sich dieser Prozess umkehren, wenn sich groß- und kleinräumig die Lebensbedingungen verschlechtern“ (DIESFELD, 1997, Seite 10). Er bezieht dies vor allem auf das Absinken der Zahl der Geburten in Zeiten, in denen Lebensbedingungen oder Überlebenschancen minimiert waren, also in Kriegszeiten. Darüber hinaus sollten jedoch auch wirtschaftliche Notsituationen nicht vernachlässigt werden, wie sie für viele Familien nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Wirtschaftssystems entstanden sind.

Eindrucksvoll stellt sich diese neue Situation der rückläufigen Geburtenraten in den Ländern Mittel- und Osteuropas dar. Während der Abwärtstrend in Westeuropa in der ersten Hälfte der 90er Jahre nicht signifikant war, konnte in den mittel- und osteuropäischen Ländern ein steiler Abfall beobachtet werden (GESUNDHEIT IN EUROPA, 1997; WHO, 1998). Vor allem in der Russischen Föderation zeigt sich ein Absinken der Zahl der Lebendgeborenen. Bis 1987 lag die Geburtenrate bei 16 - 17 Lebendgeburten pro 1000 Einwohner, 1996 hingegen nur noch bei knapp 9 Lebendgeburten pro 1000 Einwohner.

Inwiefern Sozialstrukturen auch innerhalb einer Großstadt Einfluss auf das generative Verhalten nehmen, wird in der vorliegenden Studie untersucht.

Die vorliegende Arbeit wird der Frage nachgehen, inwiefern Einstellungen und Verhaltensweisen der Frauen zu Familienplanung und Geburtenregelung auch zwischen den Wohnbezirken einer Stadt unterschiedlich sind, welche Ursachen dafür vorliegen und ob infolgedessen eine regionale Differenzierung bei der medizinischen Betreuung und der sozialen Beratung und Unterstützung erforderlich ist.

Mit den 3000 zufällig ausgewählten Probandinnen wurden rund 1 % der Ostberliner Frauen im Alter von 15 bis unter 45 Jahren in die Untersuchung einbezogen. Da rund 10 % ihre Teilnahme verweigerten und rund 20 % zum Zeitpunkt der Befragung verzogen waren, äußerten sich 2077 Frauen zu den Fragen der Studie.

Bei der Prüfung der Abhängigkeit der Familienplanung und des Kinderwunsches von der vorliegenden sozioökonomischen Situation der Frauen beziehungsweise der Paare wurde eine jeweilige Regionalanalyse erstellt.

Um die soziale Situation der Frau darzustellen, wurden Indikatoren wie Alter der Frau, Anzahl der geborenen Kinder, Familienstand, Bildungsgrad und Erwerbstätigkeit der Frau einbezogen.


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13.08.2004