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10  Schwangerschaftsabbruch

In der ehemaligen DDR wurde die Entscheidung über das Austragen einer Schwangerschaft oder den vorzeitigen Schwangerschaftsabbruch mit dem GESETZ ÜBER DIE UNTERBRECHUNG DER SCHWANGERSCHAFT vom 19.März 1972 den betreffenden Frauen übertragen. Damit wurde allen Frauen per Gesetz neben den prophylaktischen Mitteln und Methoden zur Verhütung unerwünschter Schwangerschaften eine weitere Möglichkeit bei Versagen beziehungsweise nicht entsprechender Nutzung von Verhütungsmitteln zur Geburtenregelung gegeben.

10.1 Vorangegangene Schwangerschaftsabbrüche, Fehl- und Totgeburten

In der vorliegenden Studie gaben 72,4 % der Befragten an, bisher noch keinen Schwangerschaftsabbruch gehabt zu haben. Von den Frauen mit Inanspruchnahme des Schwangerschaftsabbruchs zur Geburtenregelung (n=570) hatte der überwiegende Teil (80,0 %) bisher einen Abbruch, jedoch 20,0 % der Frauen bereits zwei oder mehr vorzeitige Beendigungen einer Schwangerschaft durch Abruptio. Nur 8 Frauen verweigerten die Angabe zu dieser Fragestellung (Tab. XXII).

Mögliche Unterschiede zwischen den Bezirken konnten statistisch nicht gesichert werden. Auffällig sind jedoch die deutlich höheren Anteile von Frauen mit mehrmaligen Abbrüchen in den Bezirken Mitte (11,9%), Weißensee (8,4 %) und 8,2 % in Friedrichshain (Tab. XXII).

Von den Befragten hatten 13,9 % bereits eine oder mehrere Fehlgeburten. 4 Frauen haben dazu keine Angaben gemacht. Zwischen den Bezirken sind keine signifikanten Unterschiede nachzuweisen (Tab. XXII).

27 Frauen hatten bereits eine oder mehrere Totgeburten, was einer relativen Häufigkeit von 1,3 % entspricht. 9 Frauen haben sich dazu nicht geäußert. Mit Ausnahme von Köpenick (4,2 %; n=7) begrenzt sich dieses Ereignis auf Einzelfälle. Unterschiede zwischen den Bezirken sind statistisch nicht zu sichern (Tab. XXII).

10.2 Vorangegangene Schwangerschaftsabbrüche und Alter der Frauen

Zur Untersuchung regionaler Auffälligkeiten in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche und dem Alter der Frauen mittels dreidimensionaler Analysen wurde das Alter der Probandinnen nach drei Altersgruppen aggregiert:

Die Inanspruchnahme von Schwangerschaftsabbrüchen wurde unterteilt in:

Erwartungsgemäß erhöht sich mit steigendem Lebensalter der Frau der Anteil der Probandinnen, die bereits einen oder mehrere Schwangerschaften abgebrochen haben. Während es bei den unter 25jährigen Frauen „nur“ 9,9 % sind, haben von den 25- bis 34jährigen fast ein Drittel der Befragten (31,8 %) ein- oder mehrmalig den Schwangerschaftsabbruch als Methode zur Geburtenregelung genutzt, von den Frauen ab 35 Jahren 38,5 % (Tab. XXIII).

Die zwischen den Bezirken vorhandenen Unterschiede konnten bei einem Signifikanzniveau von 0,01 % hinsichtlich des komplexen Einflusses von Wohnsitz und Alter der Frau statistisch gesichert werden. Allerdings wird der Haupteffekt nicht durch den Wohnsitz, sondern ausschließlich durch die Altersstruktur [Seite 102↓]der Befragten charakterisiert (Tab. XXIII).

Jugendliche und junge Frauen, die bis zum Alter von unter 25 Jahren bereits einen oder mehrere Abbrüche hatten, sind insbesondere in den Bezirken Prenzlauer Berg (20,8 %), Pankow (13,3 %) und Lichtenberg (13,2 %) überrepräsentiert. In den Bezirken Marzahn (2,9 %), Weißensee (4,5 %) und Hellersdorf (4,8 %) liegt die relative Häufigkeit deutlich unter dem Durchschnittswert (9,9 %) von Berlin-Ost.

Vorangegangene Schwangerschaftsabbrüche sind bei Frauen der Wohnbevölkerung im Alter von 25 bis 34 Jahren besonders häufig bei den Probandinnen der Bezirke Prenzlauer Berg (39,1 %) und Mitte (38,3 %) zu beobachten; deutlich unter dem Durchschnittswert von 31,8 % liegen in dieser Altersgruppe die Bezirke Friedrichshain (24,6 %), Lichtenberg (27,2 %) und Köpenick (27,6 %).

Die relativen Häufigkeiten von Frauen im Alter von 35 und mehr Jahren, die im Laufe ihrer generativen Anamnese bereits einen oder mehrere Schwangerschaftsabbrüche hatten (n=238), zeigen bei der Untersuchung nach dem Wohnsitz gravierende Abweichungen vom Durchschnittswert (38,5 %), die jedoch möglicherweise auch in der geringen Anzahl der Probandinnen begründet sein können (Tab. XXIII). Abb. 32 veranschaulicht, dass im Bezirk Weißensee mit 66,7 % von Frauen mit anamnestischen Schwangerschaftsabbruch der Anteil fast doppelt so hoch ist wie in Berlin-Ost insgesamt, gefolgt von Friedrichshain mit 53,1 %. Hingegen haben Frauen dieser Altersgruppe, die in den Bezirken Pankow (26,5 %), Köpenick (30,4 %) und Treptow (31,6 %) leben, deutlich seltener den Schwangerschaftsabbruch als Methode der „nachträglichen“ Familienplanung angewandt.

Abb. 32: Frauen mit einer oder mehreren Schwangerschaftsabbrüchen in der Anamnese bei 35- bis 44jährigen Befragten nach dem Wohnsitz, Studie Frau ´90


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10.3  Vorangegangene Schwangerschaftsabbrüche und Kontrazeption

Zur Untersuchung der Fragestellung, ob es in Abhängigkeit vom Wohnsitz der Frau regionale Unterschiede in der praktizierten Kontrazeption bei Frauen, die bereits einen oder mehrere Schwangerschaftsabbrüche hatten, gibt, wurden die Nutzung der „Pille“, des Intrauterinpessars sowie die Kalendermethode/Temperaturmessung jeweils in der dreidimensionalen Verteilung untersucht.

Bei den zweidimensionalen Verteilungen dieser Verhütungsmethoden in Verbindung mit vorangegangenen Schwangerschaftsabbrüchen konnten jeweils signifikante Zusammenhänge nachgewiesen werden.

Bei den Frauen ohne bisherigen Schwangerschaftsabbruch ist der Anteil derjenigen, die die „Pille“ ständig zur Kontrazeption nutzen, mit 47,6 % höher als bei denjenigen, die bereits einen oder mehrere Abbrüche hatten (40,2 %). Besonders gravierend sind die Unterschiede bei Probandinnen, die die „Pille“ abgesetzt haben. Während von den Frauen ohne bisherigen Abbruch nur 30,4 % hormonelle Kontrazeptiva nicht mehr zur Verhütung nutzen, sind es bei Frauen mit Abbruch in der Anamnese fast die Hälfte der Befragten (Tab. XXIV; Abb. 33).

Im Gegensatz zur Nutzung hormoneller Kontrazeptiva ist die Verhütung mittels Intrauterinpessar bei Frauen mit vorangegangenem Schwangerschaftsabbruch signifikant häufiger zu beobachten. 15,7 % der Befragten mit bereits einem oder mehreren Abbrüchen nutzen ständig die „Spirale“ zur Schwangerschaftsverhütung und nur 75,3 % dieser Frauen haben (noch) keine Erfahrung damit. Im Vergleich dazu ist der Anteil der ständigen Anwenderinnen bei Frauen ohne Abbruch mit 8,3 % deutlich niedriger und 87,5 % der Befragten haben diese Methode noch nie praktiziert (Tab. XXV; Abb. 33).

Es darf angenommen werden, dass – neben dem Alter der Frau – eine vermutete oder vorhandene Pillen-unverträglichkeit zum Absetzen der hormonalen Kontrazeption und zum Eintritt von unerwünschten Schwangerschaften geführt hat, die, insbesondere nach beendetem Kinderwunsch, abgebrochen wurden. Da die Möglichkeit der irreversiblen Kontrazeption durch Sterilisation in der DDR nur in Ausnahmefällen möglich war, wurde von diesen Frauen verstärkt das Intrauterinpessar zur Verhütung genutzt.

Neben der Anwendung dieser Mittel mit einem hohen Sicherheitsgrad wurde die Kalendermethode/Temperaturmessung als eine weniger sichere Methode zur Schwangerschaftsverhütung bei Frauen ohne einen bisherigen Schwangerschaftsabbruch und bei Frauen mit bereits einem oder mehreren Abbrüchen untersucht. Dabei zeigt es sich, dass diejenigen, die bereits Abbrucherfahrungen haben, häufiger mittels dieser Methode ständig oder oft verhüten (11,7 %) als Frauen ohne einen bisherigen Abbruch mit 8,9 % (Tab. XXVI; Abb. 33).

Bei der regionalen Analyse hinsichtlich der Nutzung der „Pille“ und vorangegangenen Schwangerschaftsabbrüchen zeigen sich zwar wechselseitige Beziehungen, die bei einem Signifikanzniveau von 0,1 % statistisch gesichert werden konnten, der Haupteffekt ist jedoch vorrangig durch den Zusammenhang zwischen vorangegangenen Schwangerschaftsabbrüchen und der Anwendung von hormonellen Kontrazeptiva bedingt (Tab. XXIV). Auffällig ist, dass in Bezirken, in denen Frauen ohne Abbruch in der Anamnese überdurchschnittlich häufig die „Pille“ zur Verhütung nutzen, auch Frauen mit einem oder mehreren Abbrüchen als „Pillennutzerinnen“ überrepräsentiert sind. Beispielhaft sollen hierfür die Bezirke Friedrichshain, Treptow und Hellersdorf genannt werden. Lediglich in Köpenick ist der Anteil der Frauen, die ständig die „Pille“ als Verhütungsmittel nutzen, bei den Befragten mit bereits vorangegangenen Abbrüchen höher (47,5 %) als bei Frauen ohne bisherigen Abbruch (32,5 %); im Bezirk Mitte ist nicht nur der Anteil von Frauen mit ständiger „Pillennnutzung“ bei Frauen mit vorangegangenen Schwangerschaftsabbrüchen am niedrigsten (23,7 %), sondern auch die relative Häufigkeit von Absetzerinnen (65,8 %) bei diesen Frauen am höchsten (Tab. XXIV).


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Abb. 33: Praktizierte Verhütungsmethoden nach vorangegangenen Schwangerschaftsabbrüchen,
Studie Frau ´90

Die Zusammenhänge zwischen der Anwendung der „Spirale“, vorangegangenen Schwangerschaftsabbrüchen und dem Wohnsitz der Frau konnten bei einem Signifikanzniveau von 0,01 % statistisch gesichert werden. Im Gegensatz zur „Pillennutzung“ sind die wechselseitigen Beziehungen nicht nur durch vorangegangene Schwangerschaftsabbrüche und die Regelmäßigkeit der praktizierten Methode bedingt, sondern stellen sich statistisch gesichert auch nach dem Wohnsitz der Frau dar.

Auffällig sind insbesondere die hohen Anteile bei Frauen, die bereits einen oder mehrere Abbrüche hatten, in den Bezirken Pankow (29,7 %), Mitte (23,9 %) und Treptow (23,3 %), wobei – mit Ausnahme von Treptow (3,2 %) – in Pankow (13,6 %) und Mitte (10,0 %) von Frauen ohne bisherigen Schwangerschaftsabbruch ebenfalls überdurchschnittlich häufig (Durchschnitt: 8,3 %) das IUD als ständiges Verhütungsmittel angewandt wurde (Tab. XXV).

Die Kalendermethode/Temperaturmessung wird – wie bereits beschrieben – von Frauen mit vorangegangenen Schwangerschaftsabbrüchen häufiger ständig oder oft als Kontrazeptionsmethode betrieben als von Frauen ohne einen bisherigen Abbruch. Auch hier zeigen sich bei der Regionalanalyse statistisch zu sichernde Unterschiede zwischen den Bezirken, die sowohl auf einen Zusammenhang mit vorangegangenen Abbrüchen, wie auch auf eine regionale Differenzierung nach dem Wohnsitz der Frau zurückgeführt werden können (Tab. XXVI).

Bei einer durchschnittlichen Anwendung dieser Methode zur regelmäßigen Schwangerschaftsverhütung von 8,9 % bei Frauen ohne bisherigen Abbruch und 11,7 % bei Frauen mit bereits einem oder mehreren Abbrüchen sind insbesondere die Bezirke Prenzlauer Berg und Friedrichshain auffällig. Frauen mit Wohnsitz in diesen Regionen – sowohl ohne als auch mit bereits erfolgtem Abbruch – versuchen überdurchschnittlich häufig ständig oder oft, mittels dieser Methode einer zeitlich oder permanent unerwünschten Schwangerschaft vorzubeugen (Prenzlauer Berg: 13,1 % und 16,9 %; Friedrichshain: 13,0 % und 12,9 %). Die relative Häufigkeit einer regelmäßigen Anwendung der Kalendermethode/Temperaturmessung von Frauen mit vorangegangenen Schwangerschaftsabbrüchen ist bei den Befragten in Weißensee mit 17,4 % am höchsten, wobei dabei jedoch zu berücksichtigen ist, dass die Anzahl der Frauen mit n=4 nur gering ist.

Auffällig ist jedoch, dass der Anteil der Befragten, die bereits einen oder mehrere Abbrüche hatten, in den [Seite 105↓]Bezirken, wo die Frauen regelmäßig mit dieser unsicheren Methode versuchen, unerwünschten Schwangerschaften vorzubeugen, überdurchschnittlich hoch ist. Besonders hervorzuheben sind hierbei die Bezirke Weißensee, Prenzlauer Berg, Mitte und Marzahn (vgl. Tab. XXII und XXVI).

10.4 Meinung zum Schwangerschaftsabbruch

Für die Beantwortung der Frage, mit welchen rechtlichen Regelungen für einen legalen Schwangerschaftsabbruch sich die Frauen vorwiegend identifizieren, waren folgende Zuordnungsmöglichkeiten vorgegeben:

„Ich bin der Meinung, dass:

erweitert.


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