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11  Diskussion und Schlussfolgerungen

In der vorliegenden Arbeit wurde anhand einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe von rund einem Prozent der Ostberliner Frauen im Alter von 15 bis unter 45 Jahren untersucht, ob in Abhängigkeit vom Wohnbezirk der Frauen Unterschiede im generativen Verhalten bestehen, die als Hinweise für eine Verbesserung der medizinischen Vorsorge und der sozialen Fürsorge für Frauen und Familien bei der Familienplanung und Geburtenregelung genutzt werden können.

Entsprechend der jeweiligen bezirklichen Altersstrukturen wurde auf der Grundlage des Einwohnerdatenspeichers eine Bruttostichprobe von 3000 Personen gezogen, von denen die Erhebungsbelege von 2077 Frauen den Ergebnissen zugrunde liegen, was einer Beteiligung von rund 70 % entspricht. Die Untersuchung wurde anhand eines getesteten Bogens als Hausbefragung von Ärztinnen und Ärzten vorgenommen. Rund 10 % der Probandinnen verweigerten direkt oder indirekt eine Teilnahme, rund 20 % waren unter der angegebenen Adresse nicht (mehr) erreichbar. Die Erhebung wurde ab September 1990 – einschließlich der Nacherfassung – Juni 1991 durchgeführt. Die rechentechnische Bearbeitung und statistische Prüfung der Ergebnisse erfolgte mit der Software SPSS / PC+ bei einem Signifikanzniveau von 5 %.

Damit wurde die nach der „Wende“ bestehende Chance, Auffassungen und Verhaltensweisen ostdeutscher Frauen zu Kinderwunsch, Familienplanung und Kontrazeption sowie zum Schwangerschaftsabbruch erfassen zu können, genutzt, was als Bevölkerungsbefragung nur in Ausnahmen und zu begrenzten Inhalten (vgl. u. a. PINTHER, 1983; SPEIGNER, 1988) möglich war, so dass solche Inhalte auf klinische Erhebungen (vgl. u. a. FRITSCHE, 1983; HENNING, 1984; HENNING, Gert; HENNING, Marion, 1992) beschränkt blieben.

Ausgangspunkt dieser Studie war die GRUNDHYPOTHESE, dass Einstellungen und Verhaltensweisen von Frauen zu Familienplanung und Geburtenregelung nicht nur international und auch national zwischen den Bundesländern Deutschlands unterschiedlich sind, sondern auch innerhalb einer Großstadt eine regionale Differenz besteht, die eine spezifische medizinische Betreuung und soziale Beratung und Unterstützung erforderlich macht.

Entsprechend der regionalen Gliederung Ostberlins in 11 (Stadt-) Bezirke wurde untersucht, ob und in welcher Weise sich die Auffassungen, Meinungen und Verhaltensweisen der dort lebenden Frauen hinsichtlich der von ihnen gewünschten Kinderzahl und eines (weiteren) Kinderwunsches, der Argumente für einen fehlenden (aktuellen) Kinderwunsch, der Kenntnis, Einstellung und praktizierten Kontrazeption, bereits vorangegangener Schwangerschaftsabbrüche und der Meinung zum Abbruch sowie zum Beginn und der Häufigkeit sexueller Kontakte unterscheiden.

Bei fast allen diesen inhaltlichen Bereichen sind Unterschiede nach dem Wohnsitz der Frau zu erkennen, die mit einem Signifikanzniveau von 5 % Irrtumswahrscheinlichkeit statistisch gesichert werden konnten (vgl. Tab. VII bis XXII und XXVII im Anhang). Damit konnte die Grundhypothese, dass auch innerhalb einer großstädtischen Population regionale Unterschiede im generativen Verhalten bei Frauen und Paaren bestehen, bestätigt werden.

Keine statistisch gesicherten Differenzen wurden bei den Begründungen der Frauen, sich zu alt für ein (weiteres) Kind zu fühlen (19,05 %), schlechte Partnerschaftsbeziehungen zu haben (22,96 %) sowie einer noch bestehenden Ausbildung (10,19 %) festgestellt. Auch bei der Nutzung des Kondoms und des Coitus interruptus sowie den Gründen für das Absetzen der „Pille“ sind die Irrtumswahrscheinlichkeiten deutlich über dem 5 %-Niveau (34,30 %; 84,18 %; 37,55 %).


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Aus den Ergebnissen wird offensichtlich, dass die Vorstellungen zur individuell gewünschten Kinderzahl und den Begründungen für einen fehlenden aktuellen Kinderwunsch zwischen den Ostberliner Bezirken deutlich divergieren. In Abhängigkeit von der gewünschten Kinderzahl und der Anzahl bereits geborener Kinder ist jedoch in allen Ostberliner Bezirken festzustellen, dass der Wunsch nach (weiteren) Kindern der zentrale Einflussfaktor für die generativen Verhaltensweisen ist, was in Übereinstimmung mit Studienergebnissen und Auffassungen (u. a. von BRETZ et al., 1990; POHL, 1990; LÖHR 1991; SCHNEEWIND et al., 1992; FRITZSCHE und SPEIGNER, 1992; FRAUEN IN DEUTSCHLAND, 1993; HOLZER und MÜNZ, 1996) steht.

Obwohl sich nur 5,4 % der von uns befragten Frauen unter ihren konkreten Lebensbedingungen k e i n Kind wünschten, waren 28,2 % zum Zeitpunkt der Untersuchung noch kinderlos. Dieser hohe Anteil bisher kinderloser Frauen zeigt erwartungsgemäß einen deutlichen Zusammenhang mit dem Alter der Befragten. Während von den unter 20jährigen nur 3,1 % bereits ein oder mehrere Kinder geboren hatten, waren es bei den 40jährigen und älteren Frauen 90,4 %. Damit bestätigen unsere Ergebnisse Untersuchungen von FRITSCHE (1981), LÖHR (1992) und FRAUEN IN DEUTSCHLAND (1993), wonach unter den Voraussetzungen einer gesellschaftlichen Förderung von Schwangerschaft, Geburt und Kinderbetreuung der Anteil individuell gewollter oder unerwünschter Kinderlosigkeit mit Beendigung der fertilen Periode nur rund 10 % beträgt.

30,2 % unserer Befragten wünschten sich e i n Kind und 32,0 % der Frauen hatten bereits ein Kind geboren. Im Alter von 40 – 45 Jahren betrug der Anteil der Frauen mit nur einem Kind 32,3 %. Der Wunsch nach z w e i Kindern wurde am häufigsten geäußert (56,1 %), jedoch bis zum Zeitpunkt der Befragung hatten lediglich 32,6 % aller Frauen zwei Kinder geboren, in der Altersgruppe der 40jährigen und älteren Befragten 44,1 %. Die Meinung, sich d r e i oder mehr Kinder zu wünschen bzw. gewünscht zu haben, wurde nur von 8,3 % der Frauen geäußert, jedoch hatten bis zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits 7,2 % der Probandinnen drei oder mehr Kinder geboren; bei den 40jährigen und älteren Frauen war der Anteil mit 14,0 % besonders hoch.

Beim Vergleich mit Studien zum Kinderwunsch in den westlichen Bundesländern ist auffällig, dass sich in unseren Ergebnissen eine größere Homogenität hinsichtlich der Vorstellungen zur gewünschten Kinderzahl widerspiegelt, und gleichzeitig die Diskrepanz zwischen gewünschter und realisierter Kinderzahl deutlich niedriger ist. Zwar wurde Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre in beiden Teilen Deutschlands von Frauen im gebärfähigen Alter der Wunsch nach zwei Kindern am häufigsten angegeben, jedoch in den westlichen Bundesländern war und ist der Anteil derjenigen Befragten, die sich keine oder drei und mehr Kinder für ihr persönliches Leben wünschen bzw. als ideal erachten, deutlich höher als in den neuen Bundesländern (POHL, 1990; LÖHR, 1991; LÖHR, 1992; FRAUEN IN DEUTSCHLAND, 1993; INFRATEST EPIDEMIOLOGIE und GESUNDHEITSFORSCHUNG, 1994; POHL, 1995).

Von besonderem Interesse sind regionale Unterschiede hinsichtlich der Verwirklichung individueller Vorstellungen zur angestrebten Familiengröße durch die Geburt von Kindern. Während in Westdeutschland bei Befragten im Alter von 40 bis 44 Jahren die realisierte Kinderzahl deutlich unter der gewünschten Kinderzahl liegt (LÖHR, 1991), ist sie bei unseren Ergebnissen in dieser Altersgruppe nahezu identisch (gewünscht: durchschnittlich 1,68; realisiert: 1,63). Nach LÖHR besteht in dieser Altersgruppe und bei den 45- bis 55jährigen westdeutschen Frauen und Männern die höchste Übereinstimmung zwischen Kinderwunsch und Realisierung bei einem Kind, gefolgt von zwei Kindern. Bei einem Wunsch nach drei oder vier und mehr Kindern liegt die letztlich realisierte Kinderzahl im Durchschnitt deutlich niedriger (LÖHR, 1991). In den Ergebnissen vergleichbarer methodischer Untersuchungsansätze in West- und Ostdeutschland wird offensichtlich, dass die Frauen in den neuen Bundesländern mit Abschluss ihrer reproduktiven Phase durchschnittlich mehr Kinder geboren haben (FRITSCHE, 1981; HOFFMANN et al., [Seite 108↓]1990) als in den alten Bundesländern (BRETZ, et al., 1990; HÖHN, 1990), was vorrangig auf eine zeitigere und häufigere Eheschließung sowie einen geringeren Anteil von kinderlosen Frauen im Vergleich zum früheren Bundesgebiet (NAVE-HERZ, 1988; HÖHN, 1990; BERTRAM, 1992; SCHWARZ 1996) zurückzuführen ist.

Ursächlich hierfür dürfte der frühzeitige Beginn von Mutter- / Elternschaft in der ehemaligen DDR sein. Im Jahre 1989 wurden am häufigsten Kinder von Frauen im Alter von 24 Jahren geboren, im früheren Bundesgebiet von den 28jährigen Frauen (STATISTISCHES JAHRBUCH 1992) und nahezu 90 % aller Kinder wurden von Frauen im Alter bis zu 30 Jahren zur Welt gebracht (FRITSCHE; SPEIGNER, 1992) im Vergleich zu 68,5 % (1989) in den alten Bundesländern (STATISTISCHES JAHRBUCH 1992). In Ostdeutschland hatten etwa 50 % der Frauen bis zum Alter von 22 Jahren mindestens ein Kind geboren und mehr als die Hälfte bis Ende des 31. Lebensjahres mindestens zwei Kinder (KEISER, 1992). 82 % der 1990/91 befragten Frauen und Männer im Alter von 14 bis 55 Jahren in den neuen Bundesländern gaben an, Kinder zu haben; bei einer Studie in den alten Bundesländern (1988) waren es nur 63 % (LÖHR, 1991; KEISER, 1992). Basierend auf einer überwiegend familienorientierten Grundhaltung der Frauen und Männer in Ostdeutschland wurde die frühe Familiengründung und die Geburt von Kindern u. a. durch staatliche Geburtenförderung, arbeitsrechtliche Regelungen in Verbindung mit Mutterschaft und eine gesellschaftliche Absicherung der Kinderbetreuung ermöglicht (GYSI et al.,. 1990; FRITSCHE, 1990; KEISER, 1992 (a)), wodurch eine, wenn auch mit Problemen behaftete (DANNENBECK, 1992) Vereinbarkeit von Beruf und Familie erreicht wurde (GYSI et al., 1990; FRITSCHE; SPEIGNER, 1992).

Die TEILHYPOTHESEN, dass die gewünschte Kinderzahl und die Anzahl der geborenen Kinder nach dem Wohnsitz der Frau unterschiedlich sind, konnten bestätigt werden (Signifikanz 2,04 % und 0,00 %), vorrangig bedingt durch die jeweiligen bezirklichen Altersstrukturen der Frauen im gebärfähigen Alter.

Aus unseren Ergebnissen wird deutlich, dass die gewünschte Kinderzahl bei jungen Frauen niedriger als bei älteren Probandinnen ist. Am geringsten ist die konkret gewünschte Kinderzahl mit 1,51 im Durchschnitt bei den 20– bis 24jährigen, am höchsten mit 1,82 bei den 35– bis 39jährigen Befragten. Dementsprechend ist in Bezirken mit einem höheren Anteil von Frauen im Alter ab 30 Jahren die gewünschte, wie auch die realisierte, Kinderzahl größer.

Der Kinderwunsch ist keine statische Größe. Mit der Geburt von Kindern relativiert und konkretisiert sich die individuell gewünschte Kinderzahl, zum einen in der Weise, dass die Erfahrungen mit und nach der Geburt des ersten Kindes wesentlich für eine Entscheidung zu einem weiteren Kinde sind (SPICHALE, 1985; RUDOLF, 1988; GRINDEL; LORENZ, 1989; POHL, 1990; EXNER, 1996), zum anderen, dass es nach der Geburt primär nicht gewünschter Kinder oder nach einem Partnerwechsel zu einer Erhöhung der Wunschvorstellungen kommen kann (GEISSLER, 1978; MASPFUHL, 1982). Darüber hinaus verändert sich die individuell gewünschte Kinderzahl in Abhängigkeit vom Alter insbesondere bei Frauen ohne Geburt von Kindern (POHL, 1990; LÖHR, 1992). In unseren Ergebnissen zeigt sich, dass Frauen, die (noch) kein Kind geboren haben, mit 1,35 den geringsten durchschnittlichen Kinderwunsch haben. Wurden bereits drei oder mehr Kinder geboren, wird von den Befragten als konkret gewünschte Kinderzahl durchschnittlich 2,68 angegeben. Bei einer vergleichbaren Studie zum Kinderwunsch bei deutschen Frauen und Männern in Ost- und Westdeutschland (jeweils rund 5000 Befragte im Alter von 20 bis 39 Jahren), die 1992 durchgeführt wurde, wird offensichtlich, dass in der Altersgruppe der 35– bis 39jährigen Frauen in den neuen Bundesländern nur rund 5 % (noch) kein Kind geboren hatten, in den alten Bundesländern hingegen fast 20 %. Der Wunsch nach Geburt eines Kindes verhindert sich bei bisher kinderlosen Frauen mit steigendem Alter und liegt in der Altersgruppe der 35– bis 39jährigen Frauen in Ostdeutschland bei weniger als 10 %; in Westdeutschland bei rund 15 %. Der Wunsch nach einem weiteren Kind wird sowohl in den alten wie auch in den neuen Bundesländern von weniger als 5 % der 35– bis 39jährigen Müttern angegeben (POHL, 1995). [Seite 109↓]Daraus resultiert, dass sich bei einer frühen partnerschaftlichen Bindung und Eheschließung sowie einer frühzeitigen Geburt des ersten Kindes die Diskrepanz zwischen gewünschter und realisierter Kinderzahl vermindert, insbesondere dann, wenn der Wunsch nach Kindern mit der Befriedigung sonstiger Voraussetzungen und Bedürfnisse zur Familiengründung und zur Lebensgestaltung in Übereinstimmung gebracht werden kann.

Die sozialpolitischen Maßnahmen zur Förderung junger Familien und zur Unterstützung bei Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft Ende der 70er und in den 80er Jahren in der DDR haben die Entscheidung der Frauen und Paare zur frühzeitigen Geburt eines Kindes und zur Familiengründung erleichtert. Unter regionalen Gesichtspunkten ist hierbei besonders hervorzuheben, dass durch die Wohnraumvergabe in der DDR Familien mit Kindern bei Neubauwohnungen verstärkt berücksichtigt wurden, so dass in Bezirken mit einem großen Anteil von Plattenbauten ein höherer Anteil von Frauen mit Kindern, und insbesondere mit zwei und mehr Kindern (z. B. in Marzahn 50,0 %; Hellersdorf 47,6 %; Hohenschönhausen 43,6 %) lebte als in anderen Bezirken von Ostberlin (Durchschnitt 39,8 %).

Der aktuelle Kinderwunsch (innerhalb von ein bis zwei Jahren) und der spätere Kinderwunsch (nach mehr als zwei Jahre ein (weiteres) Kind bekommen zu wollen) zeigen erwartungsgemäß eine deutliche Abhängigkeit von der Anzahl bereits geborener Kinder, derart, dass mit steigender Kinderzahl der weitere Kinderwunsch deutlich vermindert und bei Müttern mit zwei und mehr Kindern auf Ausnahmen begrenzt ist. Unsere Ergebnisse stehen in Übereinstimmung mit Studien in den neuen Bundesländern, die Anfang der 90er Jahre durchgeführt wurden (LÖHR, 1992; INFRATEST EPIDEMIOLOGIE UND GESUNDHEITSFORSCHUNG, 1994; POHL, 1995; EXNER, 1996; RICHTER, 1996).

Unsere TEILHYPOTHESE, dass hinsichtlich des aktuellen sowie des späteren Kinderwunsches regionale Unterschiede nach dem Wohnsitz der Frau bestehen, konnte uneingeschränkt bestätigt werden (Signifikanzen 0,00 % und 0,00 %). Ursächlich hierfür ist die über die jeweiligen Altersstrukturen der Bezirke vermittelte Anzahl bereits geborener Kinder.

Der Wunsch nach Geburt eines (weiteren) Kindes ist besonders ausgeprägt in solchen Bezirken, in denen ein größerer Anteil von jüngeren, zumeist kinderlosen Frauen lebt. Zum Zeitpunkt der Untersuchung betrug der Anteil der Befragten im Alter von unter 25 Jahren bei einem durchschnittlichen Wert von 28,3 % in Ostberlin beispielsweise im Bezirk Pankow 38,5 %, in Friedrichshain 33,8 % und in Köpenick 31,8 %, hingegen in Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen unter 26 % (22,1 %; 25,2 %; 25,5 %). 40,4 % der im Bezirk Pankow lebenden Frauen hatten beispielsweise bis zum Zeitpunkt der Befragung noch kein Kind geboren, 29,5 % nur ein Kind. Im Bezirk Köpenick betrug der Anteil der (noch) Kinderlosen 32,9 % und der Frauen mit einem Kind 25,7 %. Der Anteil kinderloser Frauen bzw. von Frauen mit einem Kind im Bezirk Friedrichshain (29,7 % bzw. 34,5 %) entspricht in etwa dem Durchschnittswert von Ostberlin 1990/91 (28,2 % bzw. 32,0 %). Dem entgegen hatten Befragte aus dem Bezirk Marzahn deutlich seltener (noch) kein Kind (22,4 %) oder nur ein Kind (27,6 %) und 50 % der Befragten bereits zwei oder mehr Kinder geboren.

Verallgemeinernd ist festzustellen, dass in solchen Bezirken, in denen der Anteil von Frauen, die bereits zwei oder mehr Kinder geboren haben, hoch ist, seltener ein aktueller oder späterer Kinderwunsch geäußert wird. Auffällig ist darüber hinaus, dass mit 17,7 % der Befragten der Anteil von Frauen mit Angaben eines unbedingten späteren Kinderwunsches um ein Mehrfaches höher liegt als ein aktueller Wunsch (4,4 %) nach einem (weiteren) Kind. Offen bleibt jedoch, inwieweit diese Vorstellungen hinsichtlich der gewünschten Kinderzahl und Geburt von Kindern zu einem späteren Zeitpunkt erfüllbar sind bzw. verwirklicht werden, zumal einhellig die Auffassung vertreten wird, dass mit steigendem Alter der Frauen und Paare die Geburt von Kindern an Priorität für individuell angestrebte Lebensinhalte verliert (HOFFMANN, 1987; POHL, 1990; HENNING und HENNING, 1992; RICHTER, 1996; DIETL, 2001).


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Der Stellenwert verschiedener Lebensbereiche als Begründung für einen fehlenden Kinderwunsch ist unterschiedlich und differiert in Abhängigkeit von dem Alter, der Kinderzahl und den partnerschaftlichen Beziehungen und Formen des Zusammenlebens. In der vorliegenden Arbeit wurde die Bedeutsamkeit von Kindern, Partnerschaft, Beruf, finanziellen und Wohnverhältnissen, familiäre Belastung, Hobby und Freizeit, Kinderbetreuung, Gesundheit und Umwelt für den Wunsch nach einem (weiteren) Kind untersucht. Frauen mit Angabe eines aktuellen Kinderwunsches (einschließlich einer bestehenden Schwangerschaft mit dem Wunsch nach Austragung) wurden nicht einbezogen (n = 185; 8,9 % von insgesamt).

Die Rangfolge der Begründungen für einen fehlenden aktuellen Wunsch nach einem (weiteren) Kind macht offensichtlich, dass für mehr als die Hälfte der Befragten (51,3 %) ein bereits erfüllter Kinderwunsch von „großer Bedeutung“ ist und an erster Stelle der Argumente steht. Aus diesen Ergebnissen ist zu folgern, dass die von verschiedenen Autoren geäußerten Erwartungen von Nachholeffekten „verschobener“ Geburten in Folge der gesellschaftlichen Veränderungen in Ostdeutschland nach der „Wende“ den Geburtenrückgang in den neuen Ländern nicht kompensieren werden (DORBRITZ; FLEISCHHACKER, 1995; POHL, 1995; RICHTER, 1996; SCHWARZ, 1997).

Die TEILHYPOTHESE, dass hinsichtlich der Wertung eines bereits erfüllten Kinderwunsches als Argument gegen ein (weiteres) Kind regionale Unterschiede nach dem Wohnsitz der Frau bestehen, ist statistisch gesichert (Signifikanz 0,86 %).

Erwartungsgemäß wird diesem Argument insbesondere in den Bezirken häufig eine „große Bedeutung“ beigemessen, wo die Anzahl bereits geborener Kinder hoch ist, so beispielsweise in Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen. Auffällig sind hierbei die Befragten mit Wohnsitz Köpenick, wovon 67,6 % der Frauen dieser Begründung eine große Bedeutung beimessen, jedoch nur 67,1 % bereits ein oder mehrere Kinder geboren haben und sich 91,4 % dieser Befragten Kinder wünschen. Es ist anzunehmen, dass sich in dem allgemeinen Wunsch nach Kindern eine grundlegende Haltung der Frau zur Familie widerspiegelt, für die Begründung eines fehlenden aktuellen Kinderwunsches hingegen konkrete kurzfristige Orientierungen ausschlaggebend sind.

Auffällig sind hierbei besonders die Befragten mit Wohnsitz Köpenick, wovon 67,6 % der Frauen dieser Begründung eine „große Bedeutung“ beimessen, jedoch nur 67,1 % bereits ein oder mehrere Kinder geboren haben und sich 91,4 % dieser Befragten Kinder wünschen. Diese Differenzen mindern sich jedoch deutlich, wenn die Angaben zum späteren Kinderwunsch herangezogen werden. In den anderen Bezirken wird erwartungsgemäß diesem Argument insbesondere dann häufiger eine „große Bedeutung“ beigemessen, wenn die Anzahl der bereits geborenen Kinder hoch ist, so beispielsweise in Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen.

Die Begründung, sich zu jung für ein (weiteres) Kind zu fühlen, hat lediglich einen geringen Stellenwert für einen fehlenden aktuellen Kinderwunsch, überraschenderweise auch das Argument, sich zu alt zu fühlen. Nur jede zehnte Frau (10,8 %) misst ihrem jungen Alter eine „große Bedeutung“ dafür bei, aktuell kein Kind bekommen zu wollen, und nur etwa jede vierte der Befragten (28,2 %) meint, für ein (weiteres) Kind zu alt zu sein.

Die TEILHYPOTHESE einer regionalen Differenzierung der Bewertung des Alters als Argument gegen ein (weiteres) Kind konnte nur bei der Einschätzung „zu alt“ statistisch gesichert werden (Signifikanz 0,00 %).

Wiederum überraschen die Ergebnisse der Befragung in Köpenick. 50,7 % dieser Frauen messen dem Argument, sich zu alt für die Geburt eines (weiteren) Kindes zu fühlen, eine „große Bedeutung“ bei, jedoch ist der Anteil der 30jährigen und älteren Befragten mit 52,2 % nur geringfügig höher als bei den Probandinnen in Ostberlin insgesamt (49,3 %).


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An zweiter Stelle hinsichtlich der Argumentation gegen einen aktuellen Kinderwunsch wird von den Frauen einer möglichen Beeinträchtigung ihrer beruflichen Tätigkeit ein hoher Stellenwert für den Wunsch, in absehbarer Zeit kein (weiteres) Kind bekommen zu wollen, eingeräumt. Am häufigsten wird der Ängstigung dadurch, arbeitslos werden zu können bzw. bereits zu sein, eine „große Bedeutung“ dafür beigemessen, keinen aktuellen Kinderwunsch zu haben (37,9 %), gefolgt von möglicherweise erforderlichen Einschränkungen der Erwerbstätigkeit (25,7 %) und des beruflichen Vorankommens (19,0 %). Wie auch Ergebnisse aus vergleichbaren Studien zur Bedeutung der Berufstätigkeit für die Lebensgestaltung der Frauen in den östlichen Bundesländern zeigen (FRAUEN IN DEUTSCHLAND, 1993; STÖRZBACH, 1993/94; DORBRITZ; FLEISCHHACKER, 1995; RICHTER, 1996; DORBRITZ; SCHWARZ, 1996), ist der Wunsch nach Vereinbarkeit von Mutterschaft und Erwerbstätigkeit der Frau, auch nach Vollbeschäftigung, in den 90er Jahren in Ostdeutschland deutlich stärker ausgeprägt als in Westdeutschland. Das niedrigere berufliche Engagement westdeutscher Frauen verdeutlicht sich in dem geringeren Anteil erwerbstätiger Frauen und Mütter, einem häufigeren Interesse nach Teilzeitarbeit oder einer ausschließlichen Tätigkeit als Hausfrau zumeist mit, aber auch ohne Kinder (FRAUEN IN DEUTSCHLAND, 1993). Vergleichbare Folgerungen werden aus den Ergebnissen des Familiensurveys-Ost gezogen, die belegen, dass in den neuen Bundesländern der überwiegende Teil der Frauen sowohl Kinder haben, als auch einen Beruf ausüben wollen und sich häufiger bewusst für eine Vereinbarkeit und Mutterschaft und Erwerbstätigkeit entscheiden als Frauen in den alten Bundesländern (KEISER, 1992; DANNENBECK, 1992). Es ist jedoch anzunehmen, dass sich Frauen und Paare in Ostdeutschland bei Problemen bezüglich der Verwirklichung ihrer Lebensvorstellungen häufiger zugunsten der Erwerbstätigkeit entscheiden als Frauen in den alten Bundesländern, wofür auch die gegenwärtig zu beobachtende Geburtenentwicklung spricht. So wurden 1998 in Ostdeutschland (einschließlich Berlin-Ost) je 1000 Frauen, kumuliert über das gebärfähige Alter, nur 1086 Kinder lebend geboren (STATISTISCHES JAHRBUCH 2000), was im Durchschnitt etwa einem Kind je Frau während ihrer fruchtbaren Periode entspricht. Im Vergleich zu 1412 je 1000 Frauen im früheren Bundesgebiet.

Die TEILHYPOTHESEN, dass nach dem Wohnsitz der Frau Unterschiede der Bewertung möglicher beruflicher Einschränkungen durch die Geburt eines weiteren Kindes bestehen, konnten bestätigt werden (mögliche Arbeitslosigkeit: Signifikanz 0,18 %; Einschränkungen der Erwerbstätigkeit: Signifikanz 3,94 %; berufliches Vorankommen: Signifikanz 4,71 %).

Differenziert nach dem Wohnsitz der Befragten wurden in allen Ostberliner Bezirken von mehr als zwei Dritteln der Frauen im gebärfähigen Alter (70,6 %) Beruf und Familie als gleichermaßen bedeutsam für ihre Lebensgestaltung angesehen. In den Bezirken, wo Frauen überdurchschnittlich häufig eine vorrangige Berufsorientierung angegeben haben, wird einer vorhandenen oder möglichen Arbeitslosigkeit zumeist häufiger eine „große Bedeutung“ für einen fehlenden aktuellen Kinderwunsch beigemessen als in Bezirken mit einer stärkeren familiären Orientierung der Frauen. Für eine überdurchschnittliche berufliche Orientierung der Befragten sind die Bezirke Köpenick, Friedrichshain und Prenzlauer Berg typisch, für den Wunsch nach einer familienorientierteren Lebensgestaltung Weißensee und Pankow.

Die für Anfang der 90er Jahre in Berlin bestehende Differenzierung der sozialen Lage der Bezirke im ehemaligen Ost- und Westteil der Stadt (HERMANN; HIESTERMANN, 1995) ist auch Ende der 90er Jahre noch charakteristisch. Merkmale zur sozialen Lage lassen deutliche Unterschiede zwischen Berlin-West und Berlin–Ost erkennen. Nach wie vor ist das Bildungsniveau – gemessen an den erreichten Schul- und Ausbildungsabschlüssen – im Ostteil der Stadt deutlich höher als im Westteil, vorrangig durch einen geringeren Anteil von Personen mit Haupt- / Volksschulabschluss in Bezirken des ehemaligen Ostberlins (rund 10 %) im Vergleich zu Westberlin (rund 25 %). Hinsichtlich der beruflichen Ausbildung blieben 1999 deutlich mehr Erwerbstätige in Berlin-West ohne Abschluss (19 %) als in Berlin-Ost (12 %). Die größte [Seite 112↓]soziale Belastung weisen die zentralen und zentrumnahen Bezirke Kreuzberg, Wedding, Tiergarten, Friedrichshain und Neukölln auf, Bezirke mit einem hohen Anteil von Sozialhilfeempfängern, Ausländern, Personen mit geringem Einkommen, eine hohe Arbeitslosenquote usw. (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1998/99). Im Gegensatz dazu ist der Statusindex, vorrangig charakterisiert durch die Schul- und Ausbildungsabschlüsse sowie den Anteil junger Bevölkerung, in der östlichen Innenstadt besonders hoch. Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Mitte sind nach wie vor die statushöchsten Bezirke in Gesamtberlin (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1998/99). Ungenügende Einkommens- und/oder Wohnverhältnisse bzw. individuell als solche gewertete Bedingungen werden häufig als Begründung für das Fehlen eines aktuellen Wunsches nach einem (weiteren) Kind genannt. Dabei wird die „Messlatte“ dieser objektiven Voraussetzungen für die Geburt von Kindern von den Frauen und Paaren in den östlichen Teilen Deutschlands niedriger angelegt als in den westlichen Bundesländern. So sind beispielsweise die Vorstellungen schwangerer Frauen zu notwendigen Voraussetzungen der Wohnverhältnisse für die Geburt eines (weiteren) Kindes Ende der 80er Jahre in den alten Bundesländern hinsichtlich der Zimmer pro Person sowie der qm pro Person und der Wohnungsausstattung deutlich höher als Anfang der 90er Jahre in den neuen Bundesländen (INFRATEST EPIDEMIOLOGIE und GESUNDHEITSFORSCHUNG, 1994).

Die Einkommensverhältnisse als Voraussetzung für die Entscheidung zur Geburt eines (weiteren) Kindes haben nach der „Wende“ einen größeren Stellenwert für oder gegen den Wunsch nach einem Kind bekommen (INFRATEST und GESUNDHEITSFORSCHUNG, 1994; RICHTER, 1996; RUPPMANN; PÖHLER, 1996). Ursächlich hierfür dürften zum einen die explosionsartigen Möglichkeiten zur Befriedigung individueller Bedürfnisse mittels „Geld“ ein, zum anderen eine allgemeine Verunsicherung der materiellen Bewältigung von Anforderungen des täglichen Lebens bei Arbeitsplatzverlust, Krankheit und Wohnungsproblemen. Auch bei internationalen Studien wird offensichtlich, dass die materiellen Bedingungen als Voraussetzungen für den Wunsch nach Geburt eines (weiteren) Kindes von wesentlicher Bedeutung sind (HOLZER, MÜNZ, 1996).

Die TEILHYPOTHESEN, dass regionale Unterschiede im Ostteil Berlins hinsichtlich der Wertung individueller Einkommens- und Wohnverhältnisse als Begründung für einen fehlenden aktuellen Kinderwunsch bestehen, konnten bestätigt werden (finanzielle Einschränkungen: 0,00 %; finanziell nicht leisten können: 0,00 %; ungenügende Wohnbedingungen: 0,03 %).

Erwartungsgemäß verschlechtern sich die Einkommens- und Wohnungsindizien mit steigender Anzahl der im Haushalt lebenden Kinder (WEIDACHER, 1992 a; WEIDACHER; 1992 b; HERMANN; HIESTERMANN, 1995; JAHRESGESUNDHEITSBERICHT, 1997). Damit leben in Berlin insbesondere in Bezirken mit einem hohen Anteil von Familien mit drei und mehr Kindern die Menschen unter schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen als in Bezirken mit einer geringeren Kinderzahl. Diese Relationen sind nicht auf Ost-West-Unterschiede innerhalb des Landes Berlin zurückzuführen, sondern vorrangig durch eine (noch) bestehende höhere Geburtenrate der ausländischen Bevölkerung, vorwiegend der türkischen Frauen und Paare im Westteil der Stadt bedingt (vgl. dazu u. a. JAHRESGESUNDHEITSBERICHTE 1993 und 1998/99; SCHWARZ, 1996).

In den Ergebnissen unserer Studie, in welchem Maße innerhalb von Ostberlin individuell als ungenügend erachtete finanzielle Verhältnisse und/oder Wohnbedingungen für die Geburt eines (weiteren) Kindes regional von unterschiedlicher Bedeutung sind, waren Anfang der 90er Jahre insbesondere die Bezirke Köpenick, Prenzlauer Berg und Friedrichshain auffällig. Während für die Befragten in Köpenick der große Anteil Jugendlicher und junger Frauen von Bedeutung für ihre Bewertung sein kann, ist in den Bezirken Prenzlauer Berg und Friedrichshain zum einen die auch gegenwärtig noch bestehende ungünstige Sozial- und Wohnstruktur, insbesondere der hohe Anteil nichtverheirateter Frauen ausschlaggebend.


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Abschließend zum Stellenwert finanzieller Bedingungen als Voraussetzung für den aktuellen Wunsch nach einem (weiteren) Kind soll besonders betont werden, dass die Befragten in allen Ostberliner Bezirken den Inhalten „sich ein (weiteres) Kind nicht leisten zu können“ deutlich häufiger „eine große Bedeutung“ beigemessen haben (Durchschnitt: 22,1 %) als den Inhalten, durch die Geburt eines (weiteren) Kindes finanzielle Einschränkungen in Kauf nehmen zu müssen (Durchschnitt: 18,1 %).

Überraschend gering hat sich der Stellenwert möglicher Beeinträchtigungen von Hobbys oder der Einschränkung ihrer individuellen Unabhängigkeit für die Verneinung des Wunsches nach einem (weiteren) Kind erwiesen. Nur 2,6 % (Hobby) bzw. 14,6 % (Einschränkung der Unabhängigkeit) der Befragten messen diesen Argumenten eine „große Bedeutung“ dafür bei, sich aktuell kein (weiteres) Kind zu wünschen. Bei den Ergebnissen der Studie in Österreich sind diese Werte deutlich höher. So geben von den insgesamt befragten 20- bis 39jährigen 1500 Frauen und Männern 26,2 % an, dass die Aufgabe von Freizeitinteressen ein sehr wichtiger oder ziemlich wichtiger Grund sei, kein weiteres Kind zu wünschen und 26,2 % sehen einen dadurch verminderten Lebensgenuss als wesentlich für ihren fehlenden Kinderwunsch an. Am höchsten werden diese möglichen Beeinträchtigungen durch die Geburt eines (weiteren) Kindes von den Befragten angegeben, die noch kein bzw. nur ein Kind hatten (HOLZER; MÜNZ, 1996).

Die TEILHYPOTHESEN, dass regionale Unterschiede hinsichtlich der Bewertung der Argumente gegen einen aktuellen Kinderwunsch bei den Frauen in Abhängigkeit des Wohnsitzes bestehen, konnten sowohl für die Freizeitgestaltung (Signifikanz: 0,00 %) wie auch für Einschränkungen in der persönlichen Unabhängigkeit (Signifikanz: 0,00 %) bestätigt werden.

Im Gegensatz zu der Kinderwunschstudie in Österreich (HOLZER; MÜNZ, 1996) lassen sich jedoch in den jeweiligen Ostberliner Bezirken keine eindeutigen Zusammenhänge zwischen der Bedeutsamkeit von Hobby- und Freizeitgestaltung nach der Anzahl der bereits geborenen Kinder oder dem Alter der Befragten erkennen, was darin begründet sein kann, dass fast drei Viertel der von uns befragten Frauen (71,8 %) bereits ein oder mehrere Kinder geboren hatte. Beim Regionalvergleich wird offensichtlich, dass für die unterschiedlichen Einstellungen der Frauen vorrangig abweichende Formen von Lebensinhalten und
–gestaltung von Bedeutung sein dürften. So wird von den Befragten im Prenzlauer Berg und im Bezirk Friedrichshain deutlich häufiger diesen Inhalten eine „große Bedeutung“ beigemessen als beispielsweise in Hellersdorf oder Köpenick.

Die Anforderungen und Belastungen durch Kinder sowie die Vergrößerung dieser durch die Geburt eines weiteren Kindes werden häufig als Argumente gegen ein Kind genannt (HOLZER; MÜNZ, 1996; RICHTER, 1996). Insbesondere von Frauen, die parallel zu ihrer Mutterschaft erwerbstätig sind bzw. Auch nach der Geburt von Kindern weiterhin erwerbstätig bleiben wollen, stehen diese Begründungen für einen fehlenden Kinderwunsch im Vordergrund

Auch hierbei bestehen statistisch gesicherte Unterschiede hinsichtlich der Bewertung der Belastung durch die Befragten zwischen den Ostberliner Bezirken (Signifikanz:0,00 %), und die TEILHYPOTHESE konnte bestätigt werden.

Hierfür dürften, ebenso wie bei der Wertung gesundheitlicher Einschränkungen als Argument gegen ein (weiteres) Kind (Signifikanz: 1,84 %), zum einen das Alter der Frauen und die Anzahl bereits geborener Kinder von Bedeutung sein, so beispielsweise in Marzahn, möglicherweise jedoch auch eine geringere Entlastung durch gesellschaftliche Kinderbetreuung und/oder ein überdurchschnittliches Anspruchsniveau, beispielsweise in Köpenick.

Die praktizierte Schwangerschaftsverhütung und deren vielfältige Möglichkeiten bilden die Voraussetzung für eine gezielte Familienplanung. Grundlegend dafür ist allerdings eine rechtzeitige und ausreichende Information über die verschiedenen Methoden zur Schwangerschaftsverhütung. Dazu zählen deren [Seite 114↓]fachgerechte Anwendung genauso wie das Wissen über deren Wirksamkeit und Nebenwirkungen. In der vorliegenden Arbeit wurde untersucht, inwieweit Unterschiede in den einzelnen Berliner Bezirken Einfluss auf die Informationen, Haltung zur Verhütung und deren Durchführung haben.

Die genauere Untersuchung zeigte, dass regional signifikante Unterschiede in Hinblick auf die Realisierung von Schwangerschaftsverhütung sowie dessen vorbereitendem Informations- und Kenntnisstand bestehen.

Die TEILHYPOTHESE, dass signifikante Unterschiede bei der regionalen Untersuchung, inwiefern Frauen sich ausreichend zur Schwangerschaftsverhütung informiert fühlten existieren, konnte bestätigt werden (Signifikanz 0,25 %).

Im Gegensatz zu JONEN und KROSCHEL (1981) (71,3 %) gaben in der vorliegenden Studie 88,5 % der Befragten an, ausreichende Informationen zur Schwangerschaftsverhütung zu besitzen. Nur 11,5 % verneinten die Frage nach einem ausreichenden Kenntnisstand. Während in Köpenick der mit 1,8 % geringste Teil der Frauen mit unzureichender Information ermittelt wurde, lag dieser in Bezirken wie Prenzlauer Berg (17,1 %) oder Treptow (16,4 %) deutlich über dem Durchschnitt. EXNER (1996) wies nach, dass der Kenntnisstand mit zunehmendem Alter ebenfalls steigt. Für Treptow noch zutreffend, ergibt sich allerdings daraus für Köpenick keine Übereinstimmung, da der Anteil Jugendlicher und junger Frauen dort über dem Durchschnitt liegt. Im Gegensatz dazu fällt der hohe Anteil von Frauen in Köpenick auf, die erst nach dem ersten Intimverkehr ausreichend informiert waren. Diese Diskrepanz zwischen dem Kenntnisstand und dem Zeitpunkt der Information in Köpenick zeigt, dass eine schon in der Schule vermittelte, aber auch zurückhaltende Information und Aufklärung (GILLE, 1995) enorm an Bedeutung gewinnen muss, noch dazu immerhin fast 15 % der Befragten insgesamt erste genaue Kenntnisse zur Schwangerschaftsverhütung nach dem ersten Intimverkehr erfuhren. Noch gravierendere Folgen hatte diese Unkenntnis für insgesamt 7,6 % der Frauen, angeführt durch Mitte mit 11,9 %, die ihre ersten Informationen erst nach der ersten Schwangerschaft erhielten, abgesehen von Frauen, die einen ersten Intimverkehr auch mit dem Wunsch nach einer gewollten Schwangerschaft verbinden, zum Beispiel aus religiösen Gründen.

Dies ist um so wichtiger einzuschätzen, da sich auch die Kohabitarche durch eine Verlegung der körperlichen Reife in immer jüngere Altersgruppen verändert. FRITSCHE (1983) weist darauf hin, dass die Prägung von Verhaltensweisen zur Geburtenregulierung bereits in der Schul- bzw. Berufsausbildung gelegt wird, womit auch eine erste wichtige und frühzeitige Informationsquelle angesprochen wird.

Bei der Untersuchung der Informationsquellen wurden den Probandinnen verschiedene Antwortmöglichkeiten vorgegeben (siehe S. 87).

Die Auswertung der Informationsquellen wurde in Form einer Rangliste dargestellt und zeigt zwar deutliche Unterschiede in deren Bedeutsamkeit, lässt allerdings regional keine signifikanten Unterschiede erkennen.

So erfuhren die meisten Probandinnen, in allen Bezirken fast gleich, erste Informationen zur Schwangerschaftsverhütung durch Bücher (Rang 1) und nicht wie erwartet durch Kenntnisvermittlung in der Schule (Rang 5) oder die Eltern (Rang 2). Die Vermittlung von Kenntnissen zur Schwangerschaftsverhütung durch den Arzt nimmt Rang 3 ein (die Zahl der Arztkonsultationen erhöht sich laut JESKE (1997) mit zunehmender Kinderzahl), die durch Freunde und Bekannte (Rang 4). Informationen aus Rundfunk und Presse oder durch den Partner nehmen eine untergeordnete Rolle ein.

Dass Bücher allgemein den Rang 1 einnehmen, deutet erstens auf eine Überforderung von Eltern und Schule hin (GILLE, 1995) und dürfte zweitens in der zunehmenden, hier aber oftmals nur auf das Sexualleben reduzierten Flut von Zeitschriften und Büchern hinweisen. Bei einer gleichzeitigen Zunahme von Jugendsendungen, in denen Aufklärung und damit verbunden Kenntnisse zur Schwangerschaftsverhütung vermittelt werden, würde in einer heute durchgeführten Studie der Stellenwert von Rundfunk und Presse [Seite 115↓]wahrscheinlich höher einzustufen sein.

Hieraus ergeben sich meiner Meinung nach neue Perspektiven bei der Vermittlung von Wissen um schwangerschaftsverhütende Methoden und Maßnahmen, die nicht erst in der pubertären Phase beginnen sollte, sondern bereits bei 6-Klässlern erörtert werden könnte, was der jetzigen biologischen und sozialen vorgelagerten Reife und der sich daraus ergebenen sexuellen Neugier eher Tribut zollen würde. Hier sollte allerdings nicht die Rolle der Schule in den Vordergrund gerückt werden, sondern die aufklärende Arbeit im Elternhaus, da von ihr aus entscheidende persönlichkeitsprägende Impulse in der Sexualaufklärung Jugendlicher ausgehen (FRITSCHE und WOLK, 1990).

Die bestehenden regional signifikanten Unterschiede in der Meinung zur Erfordernis von Verhütung (Signifikanz 0,00 %) bestätigen die entsprechende TEILHYPOTHESE.

Hierbei wurde die Einstellung der Probandinnen untersucht, inwiefern sie der Meinung waren, dass Frauen mit Intimverkehr und fehlendem Kinderwunsch auch verhüten sollten.

Die Notwendigkeit einer Kontrazeption wurde insgesamt von 91,8 % der Befragten bestätigt. Ein erheblicher Teil von Frauen in Köpenick (17,5 %) hatte allerdings „keine Meinung“ und dementsprechend gering fiel hier auch der prozentuale Anteil der Frauen auf, die eine Kontrazeption bei fehlendem Kinderwunsch bejahen (81,3 %). Eine ausreichende Interpretation dieser Ergebnisse in Köpenick aufgrund sozialstruktureller Auffälligkeiten ist allerdings nicht nachzuweisen.

Im Gegensatz zu der Feststellung der Befragten, dass eine Kontrazeption bei Intimverkehr ohne Kinderwunsch erfolgen sollte, steht die Tatsache, dass lediglich 70,4 % auch eine Kontrazeption praktisch anwenden. Diese knapp 30 % Nichtanwenderinnen gaben hierfür verschiedene Gründe an. Auffällig ist die Tatsache, dass Bezirke mit der Antwort „keine Meinung“ zur Verhütung, diese auch nicht anwenden (Köpenick 62,3 %).

Die wichtigsten Gründe für die Nichtanwendung schwangerschaftsverhütender Methoden waren fehlender Intimverkehr, nicht vorhandene Partnerschaft und die Furcht vor Erkrankungen, die im Prenzlauer Berg den zweiten Rang einnahm, in den sonstigen Bezirken Rang 3.

Regional unterschiedliche Altersstrukturen dürften ursächlich für die Angabe von Gründen der Nichtanwendung kontrazeptiver Mittel und Methoden sein.

Es bestehen zwar keine regional signifikanten Unterschiede bei der Anwendung schwangerschaftsverhütender Mittel und Methoden allgemein, wohl aber bei der Untersuchung der einzelnen regional angewendeten kontrazeptiven Möglichkeiten.

Die praktizierte Verhütung bildet die wohl wichtigste Voraussetzung für eine gezielte und den jeweiligen Bedürfnissen angepasste Familienplanung.

Diese Annahme wird allein schon durch die Tatsache bestätigt, dass 70,4 % der Befragten regelmäßig eine Form der Kontrazeption anwenden. In der vorliegenden Studie waren die reversiblen Verhütungsmethoden von besonderem Interesse, so dass auf die Untersuchung von irreversiblen Möglichkeiten verzichtet wurde.

Bei der Befragung konnten die Frauen zwischen verschiedenen Verhütungsmitteln und Methoden wählen. Wie erwartet nutzt mit 45,5 % fast die Hälfte der Probandinnen die „Pille“.

Immerhin 10,4 % realisieren die Verhütung mittels Spirale und rund 5 % gaben an, ständig zur Verhütung ein Kondom und/oder die Kalendermethode zu nutzen. Die weiteren wählbaren Mittel und Methoden, dazu zählen der Coitus interruptus, chemische Mittel beziehungsweise das Diaphragma, spielten eine untergeordnete Rolle. Hier überraschte eher der enorm hohe Anteil der Frauen, die die zuletzt aufgezählten Mittel und Methoden noch nie zur Anwendung brachten (zwischen 75 % und über 98 %).


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Interessant ist, dass sich die in der vorliegenden Studie ermittelten prozentualen Angaben von Ostberliner Frauen zur Nutzung von Verhütungsmethoden durch eine deutschlandweite Studie an 1019 Frauen im fertilen Alter, im Juni 2001 in der Zeitschrift „Ärztliche Allgemeine“ veröffentlicht, bestätigen lassen. Dabei nimmt ebenfalls die „Pille“ mit 37 % den ersten Platz ein, die Spirale wurde von 10 % genutzt. Auffallend ist hier allerdings der hohe Anteil an Frauen, die mittels eines Kondoms (17 %) verhüten.

Regionale Unterschiede in der Anwendung der „Pille“ konnten eindeutig belegt werden. So wurde die Einnahme der „Pille“ von über der Hälfte der Frauen in den Bezirken Friedrichshain, Hellersdorf und Treptow angegeben. Äußerst gering fielen demgegenüber die Aussagen der Befragten in Köpenick (36,1 %) und in Weißensee (38,6 %) aus, wobei hier der ebenfalls hohe Anteil an Pillenabsetzern auffallend war, in Köpenick doppelt so viele wie im Durchschnitt (15,7 %). Eine plausible Erklärung konnte hierfür leider nicht ermittelt werden.

Auch die Anwendung der Spirale zeigt regionale Unterschiede zwischen den untersuchten Bezirken auf. So verhüten vor allem Frauen in Pankow (17,3 %), Mitte (14,4 %) und Marzahn (13,5 %) mittels eines Intrauterinpessars. Dies ist in den Bezirken Mitte und Marzahn sicher auf das höhere Durchschnittsalter zurückzuführen, was mit einem bereits erfüllten Kinderwunsch oder auch mit einer Pillenunverträglichkeit (zum Beispiel in Pankow mit einem größeren Teil junger Frauen) in Verbindung gebracht werden könnte.

Der Gebrauch von Kondomen wird von deren Anwendern nicht nur zur Verhütung ungewollter Schwangerschaften, sondern auch zum Schutz vor sexuell übertragbaren Erkrankungen genutzt. Da die Frage gezielt den Bereich der Verhütung anspricht und mit 4,5 % quittiert wurde, ist die Zahl der Anwender, die sich zusätzlich vor entsprechenden Krankheiten schützen wollen mit Sicherheit höher anzusetzen und entspricht wohl eher den 17 % der EMNID-Studie. Regional signifikante Unterschiede ließen sich nicht nachweisen.

Noch mehr als das Kondom wird die Kalendermethode mit durchschnittlich 5,1 % zur Vermeidung einer ungewollten Schwangerschaft genutzt. Signifikante Unterschiede in der regionalen Nutzung konnten nachgewiesen werden. Am häufigsten fand diese Methode in den Bezirken Prenzlauer Berg mit 8,6 % und Weißensee mit 8,6 % ständig Anwendung, im Friedrichshain mit 9,2 % oft Anwendung. Im Friedrichshain finden sich allerdings neben Köpenick auch die überdurchschnittlich hohen prozentualen Angaben dazu, nie die Kalendermethode angewendet zu haben. Am seltensten wird diese Aussage von Frauen in Lichtenberg unterstützt, was ursächlich auf soziale Differenzierungen in den Bezirken zurückzuführen ist und dementsprechend das kontrazeptive Verhalten prägt.

In Hinblick auf die verbleibenden Verhütungsmittel und Methoden waren keine statistischen Unterschiede zwischen den Bezirken zu sichern. Lediglich die Anwendung des Coitus interruptus wurde vermehrt im Prenzlauer Berg (10,2 % bei einem Durchschnitt von 7,1 %) beobachtet. Am geringsten der Anteil der Frauen in Weißensee mit 3,5 %, was aber bei der allgemeinen Unsicherheit dieser Methode zu erwarten war.

Die Untersuchung der Häufigkeit sexueller Kontakte ergab statistisch gesicherte regionale Unterschiede (Signifikanz 1,72 %) und bestätigt damit die TEILHYPOTHESE.

Der überwiegende Anteil der Probandinnen gab auf die Frage nach der Häufigkeit sexueller Kontakte an, mehrmals pro Woche Intimverkehr zu haben. Knapp ein Drittel der sexuell aktiven Frauen hat laut der Befragung einmal wöchentlich Intimverkehr. Im Ergebnis der Untersuchung regionaler Besonderheiten fielen hierbei besonders Bezirke mit einem hohen Anteil junger Frauen (bis unter 25 Jahre) auf. So fanden sich vor allem in Köpenick , Pankow und Weißensee überdurchschnittlich viele Frauen, die wöchentlich mehrmals sexuelle Kontakte pflegen. Wie zu erwarten, nimmt mit steigendem Alter auch die sexuelle Aktivität ab (EXNER, 1996). Diese Aussage kann regional zum Beispiel in Mitte bestätigt werden.


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Diese Ergebnisse machen eine hohe Verantwortlichkeit beider Partner für eine ausreichende Schwangerschaftsverhütung bei fehlendem Kinderwunsch erforderlich. Die hohe Frequenz sexueller Kontakte besonders junger Frauen sowie die Erkenntnis einer immer weiter vorverlagerten Kohabitarche dürften neben dem besonderen Augenmerk auf ausgewählte Bezirke wünschenswerte bezirksübergreifende Auswirkungen auf eine Verbesserung prophylaktischer Maßnahmen zur Schwangerschaftsverhütung bedeuten. Ein anzustrebendes Ziel sollte hierbei vor allem die weitere Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen sein.

Die Vorverlegung der Kohabitarche und die Zunahme der Häufigkeit von Sexualkontakten bei Jugendlichen und jungen Frauen, teilweise gekoppelt mit einem kurzfristigen Partnerwechsel, machen – neben dem Schutz vor Geschlechtskrankheiten – die Verhütung unerwünschter Schwangerschaften dringend erforderlich. Die rechtlichen Voraussetzungen für den Abbruch einer unerwünscht eingetretenen Schwangerschaft sind – nach einer Beratungspflicht – in Deutschland gegeben. Die Abruptio sollte jedoch eine Ausnahme sein und bleiben und nicht als Methode zur Familienplanung praktiziert werden. 1999 wurden in Deutschland von den 130.471 Schwangerschaftsabbrüchen 467 bei Mädchen unter 15 Jahren und 5266 bei Jugendlichen im Alter von 15 bis unter 18 Jahren vorgenommen, davon in Berlin 33 bzw. 454 Eingriffe (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1999).

Die Häufigkeit der Inanspruchnahme eines Schwangerschaftsabbruches ist mit 169,5 je 1000 Lebend- und Totgeborene für Deutschland insgesamt zwar rückläufig (Berlin: 380,0 je 1000), jedoch nach wie vor zu hoch (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1999).

Berlin belegte im gesamtdeutschen Maßstab 1998 mit 17,5 % aller Abbrüche bei Frauen im Alter zwischen 15 und unter 45 Jahren den ersten Platz (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT BERLIN 1998/99).

Gleichermaßen sind jedoch die Mutterschaft von minderjährigen jungen Frauen, zumeist ohne eine feste und dauerhafte Partnerschaft, inmitten von Schul- oder Berufsausbildung usw. sowohl für die Mutter und/oder ihren Partner wie auch für das geborene Kind keine günstigen Startbedingungen. Eine interessante Arbeit zu diesen Inhalten ist von GRINDEL und LORENZ (1989) verfasst worden, die die Sozialisationsprobleme sehr junger Mütter und die gesundheitliche Entwicklung deren Kinder aufzeigt. Mitte der 90er Jahre wurden in Deutschland rund 300 Kinder von Müttern geboren (1995: 327 Lebendgeborene), die zum Zeitpunkt der Geburt 15 Jahre als oder jünger waren; 4426 Lebendgeborene von Müttern unter 18 Jahren (STATISTISCHES JAHRBUCH 1997).

Neben den jugendlichen und jungen Frauen, die in besonderem Maße eine effektive Prävention von zeitlich unerwünschten Schwangerschaften durchführen sollten, sind es weiterhin die älteren Frauen, die zumeist keinen Wunsch nach einem weiteren Kind haben und eine entsprechende Beratung und medizinische Betreuung benötigen, um nicht ungewollt schwanger zu werden. 1999 haben in Deutschland 8247 Frauen im Alter von 40 Jahren und älter ihre ungewollt eingetretene Schwangerschaft abbrechen lassen; in Berlin 567 Frauen (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1999).

Die Befragung der Probandinnen in der vorliegenden Studie hatte zum Ergebnis, dass 27,6 % der Frauen bis zum Zeitpunkt der Erhebung bereits einen (22,2 %) oder mehrere (5,4 %) Schwangerschaftsabbrüche hatten.

Die TEILHYPOTHESE, dass bezirkliche Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeit von vorangegangenen Schwangerschaftsabbrüchen bestehen würden, konnte nicht bestätigt werden (Signifikanz: 26,05 %); gleichermaßen war eine statistische Sicherung von regionalen Unterschieden hinsichtlich anamnestischer Fehlgeburten (Signifikanz: 31,48 %) oder Totgeburten (Signifikanz: 5,15 %) nicht möglich.

Die Ergebnisse überraschen insofern, da die Anzahl bereits erfolgter Schwangerschaftsabbrüche zumeist proportional mit dem Alter der gebärfähigen Frauen zunimmt und die jeweiligen Häufigkeiten aus der [Seite 118↓]Quantität und Qualität der praktizierten Schwangerschaftsverhütung resultiert sowie durch die rechtlichen Regelungen für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch bestimmt werden. Diesen Inhalten sollte bei weiterführenden Untersuchungen besonders nachgegangen werden.

Abschließend sollen hier ausgewählte Schwerpunkte in den einzelnen Bezirken Ostberlins hervorgehoben werden .

Berlin ist seit dem 01.01.2001 kommunal durch die Zusammenlegung der 23 alten Bezirke zu zwölf neuen Bezirken aufgegliedert worden. Die bevölkerungsreichsten Bezirke Spandau, Neukölln und Reinickendorf blieben erhalten. Vier der neuen Bezirke entstanden durch die Zusammenlegung Ostberliner Verwaltungseinheiten, drei durch Zusammenlegung Westberliner Bezirke. Lediglich Mitte und Friedrichshain wurden bei der Neuaufgliederung mit Westberliner Bezirken zusammengefasst (Abb.34).

Abb. 34: Die zwölf Bezirke nach der Gebietsreform vom 01.01.2001 (Ostbezirke grau unterlegt):

Die Zahl der melderechtlich registrierten Einwohner Gesamt-Berlins hat sich seit dem 31.12.1989 mit 3.413.263 Einwohnern auf 3.384.499 Einwohner Ende November 2000 reduziert. Die größten bevölkerungsrelevanten Einbußen mussten die Ostbezirke hinnehmen. In Marzahn betrug der Verlust innerhalb eines Berichtsjahres (1997/98) 3,5 %. Die Ursachen hierfür dürften unter anderem in Wanderungsbewegungen der Berliner Bevölkerung in Richtung Berliner Umland zu suchen sein. Von besonderem Interesse ist die deutlich verminderte Bereitschaft von Frauen in Berlin, einen bestehenden Kinderwunsch zu realisieren. Glaubt man Prognosen des Statistischen Landesamtes Berlin im [Seite 119↓]Jahresgesundheitsbericht 1998/99, dann wird sich dieser Trend nicht nur in der deutschen, sondern auch in der bisher wachsenden ausländischen Bevölkerung fortsetzen, bei der 1997 und 1998 erstmalig eine Negativbilanz auffiel.

Im Gegensatz zu der beschriebenen Bevölkerungsfortschreibung nahm die Wohnungsfortschreibung in allen Bezirken, wenn auch in unterschiedlichem Maße, zu. Einzige Ausnahme bildet der Prenzlauer Berg mit einer negativen Wohnungsbilanz seit dem Jahre 1989. Diese Verringerung des Wohnbestandes könnte mit der Modernisierung und einer damit verbundenen Zusammenlegung kleinerer Wohnungen zumindest teilweise zu erklären sein. Die größten Veränderungen im Wohnungsbestand mit einer Zunahme von 13.000 Wohnungen konnten in Pankow und Hellersdorf, von 12.000 Wohnungen in Weißensee ermittelt werden.

Friedrichshain

Im Bezirk Friedrichshain war die Altersgruppe der 20- bis 29jährigen deutlich über-, die restlichen Altersgruppen unterrepräsentiert. Überdurchschnittlich viele Probandinnen gaben an, ledig in einer festen Partnerschaft zu leben. Diese Beobachtung spiegelt sich auch noch 1999 in einer niedrigen Zahl von Eheschließungen wieder. Auffallend war ein sehr hoher Anteil an Schulabgängern unter der 10. Klasse, was nur noch in Köpenick und Treptow übertroffen wurde. Die Untersuchung der Wohnbedingungen ergab einen besonders schlechten Wohnstandard. Ebenso fiel die finanzielle Unzufriedenheit der Befragten auf.

Die Frage nach einem späteren Kinderwunsch wurde im Bezirk Friedrichshain von überdurchschnittlich vielen Frauen bejaht. Bei der Auswertung von Gründen gegen ein beziehungsweise ein weiteres Kind wird vor allem der Verlust der bestehenden beruflichen Stellung, die Angst vor Arbeitslosigkeit und eine weitere Verschlechterung der finanziellen Situation angegeben. Auffällig hoch ist der Anteil der Frauen, die sich wegen des Fehlens einer festen Partnerschaft gegen ein beziehungsweise ein weiteres Kind entscheiden, obwohl der überwiegende Teil in festen Partnerschaftsbeziehungen lebt. Interessant ist auch die Tatsache, dass trotz der sehr schlechten Wohnbedingungen, diese keinen Einfluss auf die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, haben.

Die Untersuchung der Antworten zum Thema der Schwangerschaftsverhütung zeigt Auffälligkeiten in Bezug auf die Anwendung und die Informationsquellen. Besonders hoch war der Anteil der Befragten, der Informationen zur Schwangerschaftsverhütung durch die Schule erhielt. Betrachtet man die Angaben zur Anwendung schwangerschaftsverhütender Mittel und Methoden, finden vor allem die Pille und das Kondom Verwendung.

Das Kohabitarchealter liegt mit 16 Jahren unter dem Ostberliner Durchschnitt. Diese eher frühen sexuellen Kontakte beeinflussen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur die hohe Anzahl der Pillen- und Kondomanwender, sondern damit verbunden auch die sehr geringe Zahl der Schwangerschaftsabbrüche im Alter von 25 bis 34 Jahren. Allerdings besteht ein Übergewicht an Schwangerschaftsabbrüchen in der Altersgruppe der 35- bis 44jährigen.


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Hellersdorf

Knapp ein Drittel der Befragten repräsentiert die Altersgruppe der 25- bis 27jährigen. Alle übrigen Altersgruppen liegen unter den Bezirksdurchschnittswerten. Wie erwartet ist der Anteil verheirateter Frauen in Hellersdorf mit 61,7 % deutlich erhöht.

Bei der Untersuchung des bestehenden Beschäftigungsverhältnisses fällt der sehr hohe Anteil an Vollbeschäftigten auf. Gleichzeitig besteht interessanterweise bei sehr vielen befragten Frauen eher der Wunsch nach einer Teilzeitbeschäftigung.

Mit der Tatsache, dass drei Viertel der bestehenden Wohnungen nach 1970 gebaut wurden, kann der hohe Ausstattungsgrad und der damit verbundene Wohnstandard erklärt werden. Bei der Wohnungsvergabe in der Zeit der ehemaligen DDR spielten vor allem die Partnerschaftsform und die Zahl der vorhandenen Kinder eine entscheidende Rolle. Daraus erklärt sich der hohe Anteil von Probandinnen mit 2 und mehr Kindern in Hellersdorf.

Bemerkenswert sind die Gründe, die gegen ein beziehungsweise ein weiteres Kind sprechen. Trotz der großen Zahl Verheirateter ist die fehlende Harmonie in der Partnerschaft oft Grund für die Ablehnung eines beziehungsweise eines weiteren Kindes. Besonders auffällig ist allerdings, dass die Versorgung mit Krippenplätzen nicht gesichert zu sein scheint.

In den Ostberliner Bezirken steht das Gespräch über schwangerschaftsverhütende Mittel und Methoden mit den Eltern und/oder Verwandten an zweiter Stelle. Diese Möglichkeit, Informationen zur Schwangerschaftsverhütung zu erhalten, wurde von den meisten Frauen in Hellersdorf genutzt.

Unter den schwangerschaftsverhütenden Mitteln und Methoden liegt die Einnahme der Pille deutlich über dem Durchschnitt in Ostberlin. Dieses offensichtliche Verlangen nach Sicherheit wird auch in der Frage nach der Meinung und der Anwendung schwangerschaftsverhütender Mittel und Methoden bestätigt.

Hohenschönhausen

Im Bezirk Hohenschönhausen ist der Anteil der 25- bis 34jährigen deutlich überrepräsentiert. In Anbetracht der Tatsache, dass Hohenschönhausen - ähnlich dem Bezirk Hellersdorf - ein relativ neuer Bezirk ist, sind die häufigen Gemeinsamkeiten erklärbar.

Mit 61,7 % ist der Teil verheirateter Paare sehr hoch. Knapp drei Fünftel der insgesamt 47.000 Wohnungen sind Neubauwohnungen und nach 1971 gebaut worden. Diese begründen den angegebenen hohen Wohnungsstandard. Der Bestand erhöhte sich bis zum 31.12.1999 um ca. 5.500 Wohnungen. Wie schon in Hellersdorf ist auch in Hohenschönhausen die Zahl der Frauen mit dem Wunsch nach Vollbeschäftigung besonders gering. Der im Verhältnis zu den anderen untersuchten Bezirken festgestellte hohe Anteil an Teilzeitbeschäftigten bestätigt diese Einstellung.

Die geschichtliche Sozialstruktur im Bezirk Hohenschönhausen zeigt Parallelen zu der in Hellersdorf und bestätigt auch hier die über dem Durchschnitt liegende Realisierung des Kinderwunsches mit 2 und mehr Kindern. Die überragende Rolle bei der Entscheidung gegen ein beziehungsweise ein weiteres Kind wird durch nichtharmonische Partnerschaftsbeziehungen geprägt. Neben den Bezirken Lichtenberg und Weißensee fällt der überdurchschnittlich hohe Informationsstand über Mittel und Methoden der Schwangerschaftsverhütung schon vor der Kohabitarche auf. Besonders auffallend ist nicht nur der hohe Anteil Frauen, der sich durch Ärzte über die Möglichkeiten der Familienplanung informieren ließ, sondern auch ein deutlich unter dem Ostberliner Durchschnitt befindlicher Anteil von Frauen, die sich durch ihre Eltern oder Verwandte zu Informationen gelangten.


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Lichtenberg

Würde man den Bezirk Lichtenberg anhand seiner Altersstruktur definieren, so wäre er ein junger und gleichzeitig überalterter Bezirk, denn es werden besonders hohe Anteile an unter 20jährigen und über 40jährigen beobachtet. Die übrigen Altersstrukturen sind unter dem Durchschnitt angesiedelt. Auffällig ist der hohe Anteil an arbeitslosen Frauen in Lichtenberg. Dies spiegelt sich auch in der Angst vor einem Abbruch des beruflichen Werdeganges wieder und ist äußerst entscheidend dafür, sich gegen ein beziehungsweise ein weiteres Kind zu entscheiden.

Besonders hoch ist der Anteil der Probandinnen, die zu ersten Informationen der Schwangerschaftsverhütung bereits vor dem ersten Intimverkehr gelangten. Die Zahl der Pillenabsetzer ist neben dem hohen Anteil an Kondomnutzern deutlich überrepräsentiert. Dies könnte mit der großen Zahl der über 40jährigen erklärbar sein, bei denen kein Kinderwunsch mehr besteht.

Treptow

Die Altersverteilung in Treptow entspricht den Durchschnittswerten in Ostberlin. Bei der Untersuchung der Partnerschaftsformen fällt ein besonders hoher Anteil der eheähnlichen Beziehungen auf. Die Zahl der arbeitslosen Frauen liegt in Treptow über dem Durchschnitt und könnte mitverantwortlich für die Entscheidung vieler Frauen sein, sich für ein Leben als Hausfrau zu entscheiden. Nach Weißensee stellt der Bezirk Treptow den zweitgrößten Bestand an Hausfrauen. Ebenfalls lässt es die Vermutung zu, dass der vermehrte Wunsch nach Vollbeschäftigung ein Ergebnis der vorhandenen hohen Arbeitslosigkeit darstellt.

Neben Marzahn standen die Treptowerinnen besonders häufig der Frage nach einem beziehungsweise einem weiteren Kind ablehnend gegenüber, da sie zu alt dafür seien. Daneben gaben erwartungsgemäß die Arbeitslosigkeit sowie die Angst vor einer Einschränkung im beruflichen Vorankommen einen wesentlichen Ausschlag, sich gegen ein (weiteres) Kind zu entscheiden.

Das Wissen um die Möglichkeiten der Schwangerschaftsverhütung wird überdurchschnittlich häufig in der Familie, aber auch in der Schule vermittelt. Die Pillenanwender sind in Treptow deutlich überrepräsentiert.

Köpenick

In Köpenick ist die Gruppe der unter 20jährigen überrepräsentiert. Bei der weiteren Betrachtung der Altersstruktur fällt die geringe Anzahl der 20- bis 29jährigen auf. Obwohl der Wunsch nach Vollbeschäftigung in Köpenick deutlich erhöht ist, gab ein über dem Durchschnitt befindlicher Teil der Probandinnen der Familie den klaren Vortritt vor der beruflichen Entwicklung.

In Köpenick besteht bei einem überdurchschnittlich hohen Anteil der Frauen eine große Ablehnung gegen ein beziehungsweise ein weiteres Kind. Dieser Fakt findet nicht nur in der Zahl der geborenen Kinder seinen Niederschlag, sondern ist auch in der bestehenden Altersstruktur des Bezirkes begründet.

Die in Köpenick gemachten spezifizierten Aussagen, sich gegen ein beziehungsweise ein weiteres Kind zu entscheiden, sind besonders ausgeprägt. So spielen Gründe wie zum Beispiel keinen festen Partner zu haben, die Angst vor dem Abbruch der beruflichen Entwicklung bis hin zur Arbeitslosigkeit, die steigenden Belastungen oder bestehende schlechte Wohnbedingungen die entscheidende Rolle.

Dagegen ist die Aussage vieler Frauen, der Kinderwunsch sei bereits erfüllt, nicht mit der großen Zahl unter 20jähriger erklärbar. Über dem Ostberliner Durchschnitt liegt der Kenntnis- und Informationsstand über schwangerschaftsverhütende Mittel und Methoden. Auffallend ist der hohe Anteil der Probandinnen, die erste Informationen zur Schwangerschaftsverhütung durch Gespräche mit einem Arzt erhielten. Um so mehr verwundert es, dass trotzdem die Einstellung zur Notwendigkeit einer schwangerschaftsverhütenden Maßnahme bei fehlendem Kinderwunsch, wie auch deren praktische Umsetzung weit unter dem [Seite 122↓]Durchschnitt liegt. Dieses Ergebnis wird noch durch die besonders geringe Nutzung der „sicheren“ Pille und die hohe Anwendung „nicht sicherer“ Mittel wie dem Kondom unterstrichen. Die Verhütung venerischer Infektionen bei nachgewiesen häufigem Intimverkehr - mehrmals pro Woche - besitzt einen höheren Stellenwert als eine kontrollierte Familienplanung. Der hohe Anteil junger Frauen in Köpenick dürfte ebenfalls dafür verantwortlich sein, dass viele Frauen noch keinen Intimverkehr hatten.

Mitte

Im Gegensatz zu Köpenick überwiegt im Bezirk Mitte die Zahl der über 35jährigen (38 %). Die unter 20jährigen sind unterrepräsentiert. Neben Pankow weist auch der Bezirk Mitte einen erheblichen Anteil an Partnerschaften in Form von eheähnlichen Beziehungen auf. Auffallend groß ist der Teil der Befragten mit einem Hochschulabschluss, allerdings ist auch die Zahl der arbeitslosen Frauen stark erhöht.

Die Unzufriedenheit mit den Wohnbedingungen wird von sehr vielen Frauen in Mitte beklagt. Die Ursache dafür erklärt sich mit großer Wahrscheinlichkeit durch die alte Wohnsubstanz. Rund die Hälfte der Wohnungen stammt aus den Jahren vor 1919.

Entsprechend der vorhandenen Altersstruktur stehen die meisten Befragten der Frage nach einem beziehungsweise einem weiteren Kind ablehnend gegenüber. Daraus kann auch die Vielzahl der Probandinnen, die die Pille entweder ganz abgesetzt oder sich für die Spirale entschieden haben, abgeleitet werden.

Die Untersuchungen zur Schwangerschaftsverhütung zeigten, dass sehr viele Frauen ihre ersten Informationen dazu nach dem ersten Intimverkehr erlangten. Das ermittelte Kohabitarchealter liegt bei den Probandinnen besonders häufig im 14. Lebensjahr sowie oberhalb der 20 Jahresgrenze. Die Zahl der Probandinnen mit zwei und mehr Schwangerschaftsabbrüchen liegt bei den Frauen in Mitte doppelt so hoch wie der Durchschnitt in Ostberlin. In der Gruppe der 25- bis 34jährigen ist der Anteil an Schwangerschaftsabbrüchen besonders ausgeprägt.

Pankow

Im Bezirk Pankow dominieren die unter 25jährigen. Dieses Ergebnis könnte mitverantwortlich sein für die geringe Zahl der Ehen in Pankow, die deutlich unter dem Ostberliner Durchschnittswert angesiedelt ist. Auffällig ist ebenfalls der hohe Anteil der Probandinnen, der der beruflichen Entwicklung einen stärker ausgeprägten Stellenwert einräumt als der Familie.

Bei der Untersuchung fällt der überdurchschnittlich hohe Anteil der Frauen ohne Kind auf. Das wird durch die sehr niedrige gewünschte Kinderzahl (1,54) in Pankow bestätigt. Einem späteren Kinderwunsch stehen die Frauen allerdings positiv gegenüber. Des weiteren konnten keine regionalen Auffälligkeiten ermittelt werden.

Prenzlauer Berg

Im Bezirk Prenzlauer Berg findet sich eine Altersstruktur zugunsten der 20- bis 29jährigen, während die über 35jährigen in der Minderzahl vertreten sind. Mit einem Anteil von 46,6 % Ehen liegt der Bezirk auf dem letzten Platz der Ostberliner Bezirke. Der weitaus größere Teil der Frauen entscheidet sich für eheähnliche Beziehungen. Bei der Betrachtung des Bildungsgrades fällt der sehr hohe Anteil an Hochschulabsolventinnen auf.

Gut vier Fünftel der Wohnungen in Prenzlauer Berg wurden vor 1945 erbaut und entsprechen damit nicht mehr den heutigen Ansprüchen. Dies spiegelt sich in der Studie ebenfalls wider. Mit einer 1999 erhobenen Statistik fällt gegenüber 1989 ein Rückgang des Wohnungsbestandes um ca. 3000 Wohnungen auf.

Neben den Bezirken Pankow und Weißensee ist auch im Prenzlauer Berg der Anteil an kinderlosen Frauen [Seite 123↓]sehr hoch. Allerdings äußerte ein sehr großer Teil den Wunsch, später ihren Kinderwunsch zu erfüllen.

Die Gründe, sich gegen ein beziehungsweise ein weiteres Kind zu entscheiden, sind im Prenzlauer Berg vielgestaltig. Neben der Angabe ohne festen Partner zu leben, spielen vor allem die Gefährdung des beruflichen Werdeganges bis hin zur Arbeitslosigkeit sowie die bestehende schlechte finanzielle Situation eine wesentliche Rolle. Demgegenüber sprach sich ein eher geringer Teil der Probandinnen gegen ein Kind wegen schlechter Wohnbedingungen aus, was bei der vorhandenen Wohnsubstanz unverständlich ist. Bei einem in der Studie festgestellten eher dürftigen Kenntnisstand über die Möglichkeiten der Schwangerschaftsverhütung, fehlt einem sehr großen Teil der Befragten auch die Einstellung zur Notwendigkeit der Schwangerschaftsverhütung bei fehlendem Kinderwunsch. Die wenigsten Frauen holten erste Informationen vor dem ersten Intimverkehr ein. Ähnlich verhält es sich mit der Wahl der schwangerschaftsverhütenden Mittel und Methoden, bei denen auf die Nutzung einer sicheren Kontrazeption offensichtlich verzichtet wird. So konnten überdurchschnittlich viele Frauen ermittelt werden, die sich für das Kondom, die Kalender- und Temperaturmethode oder den Coitus interruptus entscheiden. Bei diesem relativ hohen Anteil der Probandinnen, die sich für diese unsicheren Methoden zur Schwangerschaftsverhütung entscheiden, ist die zu erwartende Prognose einer Häufung von Schwangerschaftsabbrüchen bestätigt worden. Davon sind fast alle Altersgruppen betroffen, vor allem Frauen zwischen 15 und 34 Jahren.

Das Kohabitarchealter liegt beim Gros der Befragten im Prenzlauer Berg zwischen 16 und 17 Jahren und ist somit überrepräsentiert.

Weißensee

In Weißensee wird ein besonders hoher Anteil an 20- bis 24jährigen ermittelt. Auffallend ist die Zahl der Frauen, die einen hohen Bildungsgrad aufweisen. Damit ist auch der Grad an hochqualifizierten Berufsabschlüssen zu erklären.

Bei der Untersuchung der gegenwärtigen und gewünschten Erwerbstätigkeit fiel die mit 8,5 % weit über dem Durchschnitt (1,8 %) liegende Zahl der Hausfrauen auf, aber auch deren besonderes Interesse an Heimarbeit oder freier Mitarbeit. Die finanzielle Situation wird von sehr vielen Frauen als schlecht eingeschätzt.

In Weißensee leben besonders viele Frauen ohne Kind, die aber ihren Kinderwunsch zu einem späteren Zeitpunkt realisieren möchten. Meist wird der fehlende Partner als Grund gegen ein beziehungsweise ein weiteres Kind angegeben.

Ein über dem Durchschnitt liegender Teil der Frauen gab an, Informationen zu schwangerschaftsverhütenden Mitteln und Methoden bereits vor dem ersten Intimverkehr erhalten zu haben. Hierbei wird der Aufklärung durch die Eltern sowie Rundfunk und Presse eine besondere Rolle eingeräumt. Bei dem hohen Informationsgrad der Probandinnen erstaunt allerdings die minimale Umsetzung in die Praxis und der hohe Anteil von Anwenderinnen der Kalendermethode. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche liegt in Weißensee weit über dem Ostberliner Durchschnitt. Besonders die Gruppen der 15- bis 24- und 35- bis 44jährigen fallen dabei auf.

Marzahn

Der Bezirk Marzahn wird altersstrukturell durch einen sehr hohen Anteil an 30- bis 39jährigen charakterisiert. Erwartungsgemäß ist neben Hellersdorf und Hohenschönhausen der Anteil an Ehen sehr hoch. Trotzdem die Vollbeschäftigung von besonders vielen Frauen als Beschäftigungsstand angegeben wird, ist der Wunsch danach eher die Seltenheit. Das Verlangen nach Teilzeitbeschäftigung ist in Marzahn am stärksten ausgeprägt. Bei über 90 % der Wohnungen handelt es sich um Bauten, die nach 1970 errichtet wurden. Damit ist auch der hohe Ausstattungsgrad sowie die damit verbundene Zufriedenheit des Großteils [Seite 124↓]der Befragten erklärbar.

Die vorhandene Kinderzahl liegt mit zwei und mehr geborenen Kindern deutlich über dem Ostberliner Durchschnitt. Der große Teil 30- bis 39jähriger ist wahrscheinlich mitverantwortlich, sich gegen ein beziehungsweise ein weiteres Kind zu entscheiden. Auch die überdurchschnittlich häufig genutzte Spirale als kontrazeptive Methode dürfte ihre Ursache in der bestehenden Altersstruktur haben.

Die in der vorliegenden Studie enthaltenen Angaben zum Zeitpunkt der Kohabitarche machen die allgemeine Tendenz einer Verlagerung in immer jüngere Altersgruppen offensichtlich. Während die zum Befragungszeitpunkt 40- bis 44 jährigen ein durchschnittliches Kohabitarchealter von 18,35 Jahren angaben, lag dieses bei den 15- bis 19jährigen bereits bei 16,07 Jahren (EXNER, 1996). Auch SCHOTT et al. (1982) ermittelten, dass etwa zwei Drittel zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr bereits erste sexuelle Erfahrungen gemacht hatten. Wie erwartet ergab auch die Ermittlung des Menarchezeitpunktes ein früheres Eintreten. Es konnte ein durchschnittliches Menarchealter von 13 Jahren festgestellt werden. Ein Drittel der Probandinnen gab an, bereits vor dem 13. Lebensjahr das erste Mal menstruiert zu haben. Bei der Auswertung des Kohabitarchealters innerhalb der einzelnen Ostberliner Bezirke zeigten sich deutliche Unterschiede. Frauen in Treptow, Friedrichshain und im Prenzlauer Berg hatten ihre Kohabitarche wesentlich häufiger vor dem 17. Lebensjahr als Frauen in Köpenick und Marzahn. Allerdings handelt es sich hier um eine bereinigte Aussage, da Frauen ohne Angabe beziehungsweise ohne bisherigen Intimverkehr nicht berücksichtigt wurden. Trotz dieser bezirklichen Differenzen waren Ursachen für die unterschiedlichen Kohabitarcheangaben nicht mit sozialstrukturellen Eigenheiten erklärbar. Allenfalls in Treptow und Friedrichshain könnte der höhere Anteil der Frauen mit einem niedrigeren Schul- beziehungsweise Berufsabschluss in Verbindung mit dem ermittelten frühen Kohabitarchealter gebracht werden.


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13.08.2004