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12  Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit hat Veränderungen im generativen Verhalten von Ostberliner Frauen während der Wendezeit, bezogen auf sozialstrukturelle Besonderheiten und Unterschiede in den einzelnen Ostberliner Bezirken untersucht und nachgewiesen. Darüber hinaus wurde die Möglichkeit wahrgenommen, einen Verlauf über fast 10 Jahre darzustellen und Veränderungen aufzuzeigen.

Die Auswertung der Ergebnisse auf Bezirksebene zeigt deutliche und statistisch gesicherte Unterschiede im generativen Verhalten und macht tendenzielle Entwicklungen der Familienplanung offensichtlich. Auch die Bezirksreform vom 01.01.2001 hat durch die Zusammenlegung von reinen Ostberliner Bezirken und nur 2 Ostberliner Bezirken mit Westberliner Bezirken keine wesentlichen Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des generativen Verhaltens Ostberliner Frauen.

Zur Prüfung der Abhängigkeit der Familienplanung und des Kinderwunsches von sozialen Lebenssituationen in den einzelnen Ostberliner Bezirken in den Jahren der Wende 1990/91 wurde eine standardisierte Befragung bei 2076 Probandinnen mit zuordenbaren regionalem Wohnsitz durchgeführt. Durch das selbständige Ausfüllen des Fragebogens durch die an der Studie teilnehmenden Frauen wurde eine direkte Einflussnahme durch den Interviewer weitgehend vermieden. Alle beobachteten Ereignisse wurden mit der Software SPSS/PC+ rechentechnisch bearbeitet und statistisch geprüft. Das Signifikanzniveau liegt bei 5 %.

Mit der Studie konnte die Annahme bestätigt werden, dass Einstellungen und Verhaltensweisen der Frauen aufgrund verschiedener sozioökonomischer Voraussetzungen regional das generative Verhalten beeinflussen. Diese Tatsache muss unausweichlich zu einer neu zu überdenkenden und verbesserten regionalen Differenzierung bei Fragen der medizinischen und sozialen Betreuung führen.

Oberste Priorität muss es sein, und das konnte die vorliegende Arbeit bestätigen, bessere Voraussetzungen für einen Kinderwunsch zu schaffen, materielle Anreize zu geben, informative und vor allem eine familienorientierte Beratung und bedarfsweise Begleitung junger Familien mit einem bereits realisierten Kinderwunsch umzusetzen. Hier leistet zum Beispiel der „Arbeitskreis Neue Erziehung e. V.“ durch das Versenden von Briefen an junge Familien mit Ratschlägen zur Erziehung bis zum 8. Lebensjahr schon jetzt gute Unterstützung. Von besonderem Interesse ist und bleibt natürlich die Zeit bis zur Realisierung eines Kinderwunsches, die damit verbundenen individuellen Voraussetzungen der Frauen und ihrer Partner sowie die sozioökonomischen Gegebenheiten, die auch in einer Großstadt wie Berlin deutliche Unterschiede auf Bezirksebene aufweisen.

Wesentlichen Einfluss auf des generative Verhalten, einen aktuellen oder späteren Kinderwunsch sowie die Schwangerschaftsverhütung und den Schwangerschaftsabbruch, hatten für die Probandinnen vor allem das Alter, die bereits abgeschlossene Familienplanung, die Zahl der geborenen Kinder als auch die Partnerschaftsformen.

Auffallend ist der hohe Anteil junger Frauen mit einer hohen Frequenz sexueller Kontakte, allerdings ohne eine Schwangerschaft anzustreben. Dies bestätigt die meiner Meinung nach in Deutschland vollständig umgesetzte sexuelle Emanzipation der Frauen, wodurch die Realisierung eines Kinderwunsches immer weiter in Richtung einer alleinigen Entscheidung durch die Frau polarisiert wird. So wird nicht nur der größte Teil der Verhütung durch die Frauen abgedeckt, sondern auch der Umgang mit nicht gewollten Schwangerschaften. Eine damit verbundene möglicherweise notwendig werdende Durchführung der Abruptio wird fast ausschließlich durch die Frau entschieden. Von enormer Wichtigkeit ist die Umsetzung vorhandener bzw. zu verbessernder sozialer Strukturen in Form speziell auf die Wünsche deutscher bzw. ausländischer Frauen ausgerichteter unterstützender Maßnahmen [Seite 126↓]für eine günstigere Ausgangssituation im Hinblick auf deren generatives Verhalten.

Zur Beurteilung regionaler Besonderheiten im reproduktiven Verhalten der untersuchten Frauen spielt die Kontrazeption als auch das Abbruchverhalten bestehender Schwangerschaften eine entscheidende Rolle. In der vorliegenden Studie gab knapp ein Drittel der Frauen an, sich einem (22,1 %) bzw. zwei oder mehreren (5,3 %) Schwangerschaftsabbrüchen unterzogen zu haben. Dieses Abbruchverhalten korreliert mit einer oft sehr späten Information über kontrazeptive Möglichkeiten sowie deren Anwendung und muss Grund genug sein, das Wissen um eine gezielte Geburtenregulierung zu intensivieren und je nach regionalen Bedürfnissen umzusetzen. Die Zahl der Probandinnen, die weniger sichere Verhütungsmethoden in Anspruch nehmen, gilt es auch weiterhin über sehr viel effizientere Möglichkeiten und Methoden der Kontrazeption zu informieren und deren Anwendung stärker anzubieten. Dieses Umdenken würde automatisch zu einer Reduzierung von Schwangerschaftsabbrüchen führen und die ewigen Diskussionen über Indikations- oder Beratungsregelungen zugunsten der Frauen und im Sinne einer vernünftig praktizierten Familienplanung entscheiden.

Das angestrebte Ziel muss hierbei die Schwangerschaft bei Wunsch, eine den individuellen und gesellschaftlichen Verhältnissen angepasste Kinderzahl sowie eine damit einhergehende erhöhte Bereitschaft, sich über Schwangerschaftsverhütung frühestmöglich, auch schon in der Schule, zu informieren und später auch durchzuführen, sein. Dabei sollte großer Wert auf die Verhütung durch junge Frauen bereits vor der Schwangerschaft gelegt werden. Frauen, die bereits ihren Kinderwunsch realisiert haben und kein weiteres Kind aus Altersgründen bekommen möchten, sollten ebenfalls intensiv auch in Gesprächen mit Ärzten auf Möglichkeiten einer Kontrazeption bis hin zur Sterilisation hingewiesen werden.


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13.08.2004