[Seite 7↓]

2  Regionale Unterschiede bei generativen Einstellungen und Verhaltensweisen

2.1 Globale regionale Unterschiede

In den letzten hundert Jahren erfuhr die Bevölkerungsentwicklung auf globaler Ebene eine dramatische Veränderung. Noch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts lebten zirka 1,6 Milliarden Menschen, während sich deren Zahl bis 1990 auf bereits 5,3 Milliarden Menschen erhöhte und nach Schätzungen der UNO im Jahr 2025 bereits die 8,5 Milliarden-Grenze überschreiten wird. Trotz dieser enormen Steigerung der globalen Bevölkerung stellt die Bevölkerungsentwicklung kein homogenes Bild dar. Während die Bevölkerungszahl in den industriell entwickelten Ländern stagniert beziehungsweise zurückgeht, wächst die Bevölkerung in den Entwicklungsländern der Welt rapide an. Die Folge sind demographische Veränderungen auf globaler Ebene (KHALATBARI, 1992).

„So wird die Bevölkerung Afrikas im Zeitraum 1950 - 2025 von 222 Millionen auf 1,6 Milliarden und die Bevölkerung des Subkontinents Indien (Indien, Pakistan, Bangladesh) von 433 Millionen ebenfalls auf 1,6 Milliarden ansteigen. Im gleichen Zeitraum wird die Bevölkerung Nigerias von 33 Millionen auf 338 Millionen, die Bevölkerung Äthiopiens von 16 auf 122 Millionen ansteigen.“ (KHALATBARI, 1992, S.15).

In diesen Ländern hat sich teilweise bis in die heutige Zeit eine „natürliche“ Geburtenentwicklung erhalten, die davon ausgeht, dass „... unsere Erde, wahlweise - Mutter Natur -, selbstverständlich für die Konsequenzen dieses natürlichen Verhaltens die Nahrung bereithalten wird (vgl. hierzu – Papa Papst Johannes Paul II. und – Mutter Teresa in mehreren Verlautbarungen)“ (ZIEBELL; SCHMERL; QUEISSER, 1992, S.36). Bedenkt man, dass, laut ZIEBELL, Mitte der 80er Jahre Untersuchungen der UNO in 38 von 88 Ländern der dritten Welt ein Verbot jeglicher Geburtenkontrolle ergaben, sind soziale und ökonomische Einbrüche in diesen Ländern vorprogrammiert.

Somit unterstützen Ideologien, politische und gesellschaftliche Sanktionen, die eine Geburtenkontrolle kriminalisieren oder in Theorie und Praxis schwangerschaftsverhütende Mittel und Methoden verweigern, weitere Bevölkerungsexplosionen in den bereits überbevölkerten Regionen unserer Erde.

Die industrielle Revolution und die folgende demographische Umwälzung in Europa vor 100 bis 200 Jahren war die Voraussetzung für die Entwicklung der heute industriell entwickelten Länder. Infolge der raschen industriellen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und medizinischen Entwicklung konnte entscheidend Einfluss auf die Sterblichkeit genommen werden. Durch die dementsprechende anhaltende Senkung der Sterberaten sowie dem daraus resultierenden rasanten Bevölkerungszuwachs stiegen einerseits die Bevölkerungszahlen, andererseits veränderten sich mit den sozioökonomischen Bedingungen auch die damit eng verbundenen reproduktiven Verhaltensweisen. Die Anzahl der geborenen Kinder reduzierte sich mit der Zeit, passte sich der gesunkenen Sterberate an und führte schließlich zu einer ausgewogenen Bevölkerungsentwicklung.

Zur Gewährleistung einer ausgeglichenen Bevölkerungsentwicklung müssten 100 Frauen 210 Kinder gebären (HETTLAGE, 1998). Bis 1965 war dieses Verhältnis gegeben. Mit dem Absinken des Fruchtbarkeitsniveaus, 1965 beginnend, konnten weder die USA noch Westeuropa dieses Reproduktionsniveau halten. Dieser Abwärtstrend hält auch jetzt noch an. Es ist nicht damit zu rechnen, dass dieses Defizit in der Reproduktion durch Wanderungsbewegungen, zum Beispiel durch Zuzug aus sozial schwachen Ländern, allein aufzuhalten ist. In den kommenden Jahren muss eher mit einem Absinken der Gesamtbevölkerungszahlen in den hochentwickelten industriellen Ländern gerechnet werden. Das trifft im speziellen Fall auch auf die zu erwartende Bevölkerungsentwicklung in Deutschland zu. Hieran dürfte auch [Seite 8↓]der Zuzug von Ausländerinnen im fertilen Alter nichts ändern, höchstens regionale Auswirkungen in einzelnen Städten oder Stadtteilen haben.

In der Abbildung 1 werden die Verhältniszahlen der Lebendgeborenen und Gestorbenen in ausgewählten Ländern graphisch dargestellt. Besonders auffallend ist die geringe Häufigkeit Lebendgeborener je 1000 Einwohner in Deutschland und Italien und die herausragende Häufigkeit Lebendgeborener je 1000 Einwohner in Irland.

Abb. 1: Geborene und Gestorbene je 1000 Einwohner 1996 in ausgewählten Ländern

(1) Ohne Totgeborene
Quelle: Statistisches Jahrbuch 1998 für das Ausland, Hrsg.: Statistisches Bundesamt, (METZLER/POESCHEL, 1998)

Die Annahme, dass sozioökonomische Aspekte die Familienplanung beeinflussen, wird sowohl in den hochindustrialisierten Ländern als auch in den Entwicklungsländern deutlich.

Insbesondere in den Entwicklungsländern „.... besteht zwischen der begrenzten Tragfähigkeit des unterentwickelten sozialökonomischen Milieus und der Bevölkerungsdynamik ein tiefer Widerspruch“ (KHALATBARI, 1992, S.20). Die in den Ländern der dritten Welt vorhandenen wirtschaftlichen Zwänge, bedingt durch schlechteste sozialökonomische Voraussetzungen sowie verheerende Naturkatastrophen (Dürren, Überschwemmungen, Insekten u. v. m.), führen zu weiteren Einschränkungen. Hohe Kinderzahlen sollen hierbei einen „sozialen Knock out“ verhindern. Damit wird zum Beispiel die Kinderarbeit in Entwicklungsländern, aber auch in Schwellenländern, auf nicht absehbare Zeit erhalten bleiben.

Mit dem daraus resultierenden Bevölkerungszuwachs (vor allem in ländlichen Gebieten) verschlechtern sich die sozialökonomischen Verhältnisse weiter.

Traditionelle Verhaltensweisen in den Entwicklungsländern verhindern vor allem in den ländlichen Gebieten die Umsetzung einer der jeweiligen Region angepassten Familienplanung. Das fehlende Wissen um schwangerschaftsverhütende Methoden und deren Anwendung trägt ebenfalls dazu bei, dass eine unkontrollierte Reproduktion mit einer starken Zunahme der Bevölkerung realisiert wird. Infolge einer hohen natürlichen Vermehrungsrate in den ländlichen Gebieten der Entwicklungsländer nimmt der Abzug in städtische Gebiete rasant zu, wodurch sich wiederum die sozialen Gegebenheiten in den Städten und damit auch das reproduktive Verhalten verändern, teilweise verschärfen (z. B. Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit ...).


[Seite 9↓]

In „THE ECONOMIST“ von 1991 wurden in Form von Weltranglisten statistische Erhebungen zu den höchsten und niedrigsten Geburtenziffern und Fruchtbarkeitsraten ausgewählter Länder erstellt. Auch hier fällt sofort der gravierende Unterschied zwischen den industriell entwickelten Ländern und den Entwicklungsländern auf. Die Liste der höchsten Geburtenziffern wurde 1990 von fast ausschließlich afrikanischen Ländern, an der Spitze Kenia (53,9) und Malawi (53,0) angeführt. Aber auch Länder im asiatischen und mittelamerikanischen Raum wiesen Geburtenziffern über 40 Lebendgeborene je 1000 Einwohner auf. Dementsprechend niedrig fielen die Ergebnisse für die entwickelten Länder aus. Hier lagen die Geburtenziffern zwischen 10,4 in Deutschland und 18,9 in Uruguay, die höchsten Werte wurden für den europäischen Raum für Irland (18,1) und die ehemalige UdSSR (18,4) ermittelt (BUTLER in: THE ECONOMIST, die Welt in Zahlen, 1991, S. 20-21).

Die Altersstruktur der Bevölkerung sowie die Fruchtbarkeitsrate beeinflussen die Geburtenrate, die bei einem hohen Anteil an Frauen im gebärfähigen Alter ansteigen kann.

Die höchsten Fruchtbarkeitsraten wurden erwartungsgemäß in den Entwicklungsländern ermittelt. In Rwanda betrug die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau 8,29, in Kenia 8,12, in arabischen Ländern wie Oman, Jordanien oder Saudi-Arabien 7,17. Demgegenüber stehen die in den entwickelten Ländern der Welt ermittelten Fruchtbarkeitsraten zwischen 1,38 in Deutschland und 2,44 in Puerto Rico (BUTLER, 1991).

Von besonderem Interesse sind die beobachteten und zu erwartenden Veränderungen der Fruchtbarkeit in den Entwicklungsländern und industriell entwickelten Ländern, die in Tabelle 1 zur Darstellung kommen.

Bei Betrachtung der zusammengefassten Geburtenziffern in Tabelle 1 fällt ein genereller Rückgang der Geburten in den Entwicklungsländern wie auch in den industriell entwickelten Ländern in den letzten Jahrzehnten auf. Besonders hoch ist der Rückgang in wirtschaftlich schwachen Ländern wie Algerien, Tunesien oder Jamaika. Gründe hierfür könnten in der zunehmenden Touristikindustrie, die in vielen Entwicklungsländern eine wesentliche Rolle im finanzökonomischen Bereich spielt, zu suchen sein, und die damit für einen erheblichen Teil der Bevölkerung einen sozialen Aufschwung bedeutet.

Darüber hinaus haben sicher in vielen Ländern die aggressiv-autoritären Familienplanungen das Absinken der Geburtenziffer beschleunigt. Hierfür stehen Länder wie Bangladesh, China, Indonesien, Korea und Thailand.

Demgegenüber stehen die industriell entwickelten Länder, deren zusammengefasste Geburtenziffern schon in den 70er Jahren weit unter denen der Entwicklungsländer von heute lagen und sich bis in die jetzige Zeit weiter verringert haben. Bis auf Schweden, wo ein Anstieg der zusammengefassten Geburtenziffer von 1,89 (1970) auf 2,10 (1995) prognostiziert wird, unterliegt der übrige Teil der industriell entwickelten Länder einem weiteren Abwärtstrend. Dabei zeigen Deutschland, Italien, Spanien und Griechenland die zur Zeit geringsten Geburtenziffern. Die Geburtenziffern der restlichen Länder der industriell entwickelten Welt bestätigen die Tatsache, dass eine ausgeglichene Bevölkerungsentwicklung nicht mehr gewährleistet ist (STATISTISCHES JAHRBUCH FÜR DAS AUSLAND 1998).

Trotz einer sinkenden Fertilitätsrate, zum Beispiel in Großbritannien von 2,95 im Jahre 1964 auf 1,75 1994 geborene Kinder pro Frauenleben (SOCIAL TRENDS 26, 1996), erachten die meisten Frauen beziehungsweise Paare in den industriell entwickelten Ländern zwei Kinder als ideale Kinderzahl.


[Seite 10↓]

Tab. 1: Zusammengefasste Geburtenziffer in ausgewählten Ländern Angaben der Vereinten Nationen, mittlere Variante; Revision 1994

Land

Insgesamt

Land

Insgesamt

1970/75 D

1980/85 D

1995/2000 D

1970/75 D

1980/85 D

1995/2000 D

Anzahl

Anzahl

Europa

 

Amerika

 

Deutschland

1,64

1,46

1,30

Argentinien

3,15

3,15

2,58

Belgien

1,94

1,59

1,71

Brasilien

4,70

3,65

2,65

Dänemark

1,97

1,43

1,70

Costa Rica

4,33

3,50

2,95

Estland

2,15

2,08

1,61

Jamaika

5,00

3,55

2,10

Finnland

1,62

1,69

1,92

Kanada

1,97

1,66

1,93

Frankreich

2,31

1,87

1,74

Kolumbien

4,66

3,51

2,48

Griechenland

2,32

1,96

1,40

Mexiko

6,37

4,30

2,80

Großbrit. (1)

2,04

1,80

1,81

Panama

4,93

3,51

2,63

Italien

2,28

1,55

1,27

Paraguay

5,65

4,79

3,92

Lettland

2,00

2,00

1,64

USA

2,02

1,82

2,08

Litauen

2,31

2,03

1,83

Asien

   

Niederlande

1,97

1,51

1,61

Afghanistan

7,14

6,90

6,37

Polen

2,25

2,33

1,88

Bangladesh

7,02

6,15

3,90

Portugal

2,76

1,99

1,55

China (2)

4,76

2,50

1,95

Rumänien

2,63

2,22

1,50

Indien

5,43

4,47

3,42

Russ.Föd.

1,98

1,99

1,53

Indonesien

5,10

4,06

2,63

Schweden

1,89

1,64

2,10

Japan

2,07

1,76

1,50

Spanien

2,89

1,86

1,23

Korea,Dem.VR.

5,70

2,77

2,23

Türkei

5,04

4,10

3,04

Korea,Rep

4,11

2,40

1,80

Afrika

   

Pakistan

7,00

7,00

5,59

Ägypten

5,53

5,06

3,44

Philippinen

5,50

4,74

3,57

Algerien

7,38

6,35

3,41

Thailand

5,01

2,96

2,10

Kamerun

6,30

6,35

5,30

Australien u. Ozeanien

   

Kenia

8,12

7,50

5,76

Australien (3)

2,53

1,93

1,87

Nigeria

6,45

6,45

5.97

Neuseeland

2,79

1,95

2,10

Südafrika

5,49

4,78

3,81

    

Tunesien

6,15

4,88

2,75

    

Uganda

6,90

7,00

6,72

    

(1)Großbritannien und Nordirland
(2)Ohne Angaben für Hongkong
(3)Einschl. der Angaben für die Weihnachts-, Kokos- und Norfolk-Inseln
Datenquelle: Statistisches Jahrbuch für das Ausland 1998, Hrsg.: Statistisches Bundesamt, METZLER / POESCHEL

Tabelle 2 zeigt, dass der Wunsch nach Kindern in allen Ländern besteht. Allerdings können zwischen den untersuchten Ländern Unterschiede in der als ideal erachteten Kinderzahl nachgewiesen werden. So gibt ein großer Teil der Befragten in Irland, Philippinen, Israel und Japan drei oder mehr Kinder als gewünschte Kinderzahl unter idealen Voraussetzungen an, während beispielsweise in Deutschland, Tschechien, Bulgarien und Großbritannien 2 Kinder als ideale Kinderzahl angesehen werden.

Bei der Feststellung dieser global regionalen Unterschiede im reproduktiven Verhalten stellt sich die Frage, [Seite 11↓]ob sozioökonomische Strukturbesonderheiten auch innerhalb von Ländern, Städten bis hin zu Stadtteilen innerhalb einer Großstadt zu Unterschieden bei der Familienplanung und dem Wunsch nach Kindern führen.

Tab. 2: Ideale Kinderzahl in verschiedenen Ländern (Daten des ISSP,1994)

 

Kein Kind

1 Kind

2 Kinder

3 Kinder

4 Kinder

Australien

0,2

1,1

46,8

25,2

11,4

Deutschland (West)

0,8

5,0

66,7

19,0

3,4

Deutschland (Ost)

0,5

9,8

75,8

10,5

0,9

Großbritannien

0,5

1,6

69,0

14,7

5,6

Nordirland

0

1,1

41,9

24,3

21,9

USA

0,8

2,3

54,1

20,4

11,0

Österreich

0,5

5,2

68,3

20,0

2,9

Ungarn

0,5

4,7

55,9

32,3

2,7

IItalien

0,4

4,5

66,6

25,0

2,2

Irland

0,2

0,7

29,4

29,6

28,8

Niederlande

2,1

2,1

53,4

29,2

10,1

Norwegen

0,1

0,5

45,0

39,5

6,9

Schweden

0

0,6

58,3

25,9

5,1

Tschech. Republik

0,7

10,6

67,2

18,8

1,6

Slovenien

0,9

3,9

58,2

30,1

4,4

Polen

0

1,7

47,3

30,2

6,2

Bulgarien

4,9

7,1

65,9

19,2

2,6

Rußland

0

9,4

61,0

23,2

2,5

Neuseeland

0,8

1,1

47,5

24,6

10,1

Kanada

0,3

1,7

46,8

21,4

7,4

Philippinen

0

0,8

19,1

46,8

23,5

Israel

0,1

0,7

15,9

40,8

29,8

Japan

0

0,7

37,0

56,4

4,3

Spanien

0

5,6

57,8

23,8

4,3

Die Angaben stellen den jeweiligen Anteil (in %) derjenigen dar, die eine bestimmte Kinderzahl für ideal halten. In die Betrachtung mit einbezogen wurden dabei nur bis zu vier Kinder, da in den wenigsten Fällen fünf oder mehr Kinder gewünscht werden.
Quelle: R. HETTLAGE, Familienreport 1998, C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1998, S. 136

2.2 Deutschland - Vergleich nach Bundesländern

Auch innerhalb Deutschlands sind regionale Unterschiede im generativen Verhalten zu beobachten. Diese beziehen sich sowohl auf die Vorstellungen zur idealen oder individuell gewünschte Kinderzahl (MEYER, 1986; FRAUEN IN DEUTSCHLAND, 1993) und die Zeitpunkte der Verwirklichung im Leben der Frau (FRAUEN IN DEUTSCHLAND, 1993; GESUNDHEITSWESEN IM UMBRUCH, 1994) wie auch auf die praktizierte Verhütung von zeitlich oder permanent unerwünschten Schwangerschaften (BEGENAU; HELFFERICH, 1997).

Im DATENREPORT 1997, herausgegeben vom Statistischen Bundesamt unter Federführung der Bundeszentrale für politische Bildung, wird belegt, dass sich in der Zunahme der städtischen Haushalte, die im Durchschnitt kleiner sind als die in ländlichen Gemeinden, in Deutschland auch gegenwärtig noch ein kontinuierlicher Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft verdeutlicht (DATENREPORT, 1997).


[Seite 12↓]

Diese abweichenden Einstellungen und Verhaltensweisen zur Familiengründung, Familiengröße und Regelung der biologisch bedingten Fruchtbarkeit sind vorrangig auf unterschiedliche Sozialisationsprozesse in Ost- und Westdeutschland in Abhängigkeit von den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen zurückzuführen. So kommen BEGENAU und HELFFERICH anhand von Untersuchungen zum generativen Verhalten von Frauen in den alten und neuen Bundesländern zu dem Schluss, dass die Frage „Kinder oder keine?“ von Frauen im Osten anders beantwortet oder gestaltet wird als von Frauen im Westen und „... dass bei allen Gemeinsamkeiten doch von zwei unterschiedlichen reproduktiven ‚Gesundheiten‘ gesprochen werden kann“ (BEGENAU; HELFFERICH, 1997, S. 57).

Darüber hinaus sind in den alten und neuen Bundesländern weitere Unterschiede und Gemeinsamkeiten im generativen Verhalten bei Frauen und Paaren in ländlichen oder städtischen Regionen zu beobachten (MEYER, 1986; WENDT, 1986; FRITSCHE; WOLK, 1990), wobei die Ursachen dafür im Bildungsgrad, den Arten der Erwerbstätigkeit und den jeweiligen Lebensformen zu suchen sein dürften (FRAUEN IN DEUTSCHLAND, 1993; LÖHR, 1991; LÖHR, 1992). MEYER schreibt dazu im Ergebnis von repräsentativen Studien zu Bedürfnissen, Wertorientierungen sowie der Einstellung zu Kindern in der ehemaligen DDR, dass diese bei Bauern deutlich stärker ausgeprägt sind als bei den sonstigen sozialen Gruppierungen. Arbeiter und Angestellte haben ein geringeres Bedürfnis nach Kindern sowie eine geringer ausgeprägte Wertorientierung und Einstellung zu Kindern; von ihnen werden weniger Kinder gewünscht und geboren. Angehörige der Intelligenz haben zwar eine hohe Wertorientierung und Einstellung zu Kindern, jedoch wirkt sich ein deutlich höherer Anspruch auf eine Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Mutterschaft hemmend auf die Verwirklichung ihres Kinderwunsches aus (MEYER, 1986).

Zur Beurteilung regionaler Unterschiede hinsichtlich der Entscheidung der Frauen und Paare zu einem (weiteren) Kind anhand von publizierten Dokumentationen können die jeweiligen Geburtenhäufigkeiten genutzt werden. Ergänzend dazu geben die gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche einen guten Einblick in regionale Besonderheiten bei den Verhaltensweisen der Frauen nach einer ungeplant eingetretenen Schwangerschaft hinsichtlich ihres Entschlusses zum Austragen oder Abbruch der bestehenden Schwangerschaft.

2.2.1 Regionale Unterschiede bei der Geburtenentwicklung

1997 wurden in Deutschland 810.070 Kinder lebend geboren, davon in den neuen Bundesländern 98.484 und im früheren Bundesgebiet 711.586. Bezogen auf die jeweiligen Bevölkerungszahlen entsprechen die Häufigkeiten in Deutschland 9,9 je 1000 Einwohner, in Ostdeutschland einschließlich Berlin-Ost 6,4 und in Westdeutschland 10,7. Bereits daraus wird ersichtlich, dass auch gegenwärtig noch gravierende Unterschiede hinsichtlich der Entscheidung zur Geburt eines (weiteren) Kindes in Ost und West bestehen. Diese haben sich seit Anfang der 90er Jahre (1990: Ostdeutschland 11,1 und Westdeutschland 11,5 je 1000 Einwohner) bis Mitte der 90er Jahre zu Ungunsten der Geburt von Kindern in den neuen Bundesländern deutlich verstärkt (Tab. 3).

Wird als spezifischere Bezugsgröße die Anzahl der Frauen im gebärfähigen Alter gewählt, verdeutlicht sich besonders anschaulich der sprunghafte Geburtenrückgang nach der „Wende“ in den neuen Bundesländern. So wurden 1989 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR noch 58,2 Lebendgeborene je 1000 Frauen im gebärfähigen Alter registriert, vergleichsweise dazu im früheren Bundesgebiet 51,6 je 1000, 1995 hingegen nur noch 26,0 Lebendgeborene je 1000 Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren in den neuen Bundesländern und Berlin-Ost bei etwa konstanten relativen Häufigkeiten von 49,2 je 1000 Frauen in den alten Bundesländern (Tab. 3).


[Seite 13↓]

Tab. 3: Geburtenentwicklung in Deutschland

 

Lebendgeborene

Kalender-

jahr

Absolut

je 1000

Einwohner

Je 1000

Frauen

15<45 Jahre

Zusammen-

%-Anteil

%-Anteil

gefaßte Ge-

nichtehelich

Ausländ.

burtenziffer 1)

Lebendgeb.

Lebendgeb.

 

Deutschland

1991

830019

10,4

 

1332

15,1

10,9

1992

809114

10,0

47,4

1292

14,9

12,4

1993

798447

9,8

46,7

1278

14,8

12,9

1994

769603

9,5

45,1

1243

15,4

13,1

1995

765221

9,4

44,8

1249

16,1

13,0

1996

796013

9,7

.

1316

17,0

13,3

1997 2)

810070

9,9

  

18.0

 
 

Früheres Bundesgebiet

1991

722250

11,3

52,9

1422

11,1

12,4

1992

720794

11,1

52,1

1402

11,6

13,6

1993

717915

11,0

51,8

1393

11,9

14,0

1994

690905

10,5

49,9

1347

12,4

14,2

1995

681374

10,3

49,2

1339

12,9

14,3

1996

702688

10,5

 

1396

13,7

14,7

1997 2)

711586

10,7

 

.

14,3

 
 

Neue Länder und Berlin – Ost

1991

107769

6,8

33,1

977

41,7

1,2

1992

88320

5,6

27,3

830

41,8

2,4

1993

80532

5,1

25,0

775

41,1

3,1

1994

78698

5,1

24,4

772

41,4

3,1

1995

83847

5,4

26,0

838

41,8

3,0

1996

93325

6,0

 

948

42,4

3,0

1997 ²)

98484

6,4

  

44,1

 

1)Summe der altersspezifischen Geburtenziffern. Sie gibt an , wieviel Kinder 1000 Frauen im Laufe ihres Lebens zur Welt bringen würden, wenn die gegenwärtigen Geburtenverhältnisse konstant blieben.
2)vorläufiges Ergebnis
Datenquellen: Statistische Jahrbücher der Bundesrepublik Deutschland 1993 bis 1997;
Hrsg.: Statistisches Bundesamt; METZLER/POESCHEL 1993 bis 1997;
Wirtschaft und Statistik, statistische Monatszahlen; Hrsg.: Statistisches Bundesamt 1993 bis 1998


[Seite 14↓]

Die Unterschiede hinsichtlich der Entscheidung der Frauen und Paare zur Geburt eines (weiteren) Kindes in Ost- und Westdeutschland sowie deren Veränderung sind anhand der „zusammengefassten Geburtenziffer“ am besten beurteilbar. Ermittelt als Summe der altersspezifischen Geburtenziffern gibt diese an, wie viele Kinder 1000 Frauen im Laufe ihres Lebens zur Welt bringen würden, wenn die gegenwärtigen Geburtenverhältnisse konstant blieben.

Abbildung 2 veranschaulicht die Häufigkeit von Geburten im Laufe ihres Lebens je 1000 Frauen in beiden Teilen Deutschlands seit Mitte der 80er Jahre. Offensichtlich wird, dass bis einschließlich 1989 trotz Fristenlösung beim Schwangerschaftsabbruch in der ehemaligen DDR mehr Kinder je Frau geboren wurden als im früheren Bundesgebiet. Ab 1991 verminderte sich in den neuen Bundesländern einschließlich Berlin-Ost der Entschluss zur Geburt gravierend und erreichte mit nur 772 Kindern je 1000 Frauen 1994 seinen tiefsten Stand. Unter den Geburtenverhältnissen des Jahres 1996 würden je 1000 ostdeutschen Frauen 948 Kinder im Laufe ihres Lebens geboren werden; für 1997 kann geschätzt werden, dass sich dieser Wert auf etwa 1000 erhöht. Damit liegt jedoch die realisierte Kinderzahl je Frau in den neuen Bundesländern auch acht Jahre nach der „Wende“ noch deutlich niedriger als in den alten Bundesländern mit 1395 je 1000 Frauen (Tab. 3), und es erscheint fraglich, ob diese zum Teil zeitlich hinausgeschobenen Geburten in den Folgejahren verwirklicht werden.

Die regionalen Unterschiede hinsichtlich des Entschlusses zur Geburt eines (weiteren) Kindes werden auch beim Vergleich der Geburtenhäufigkeit in den einzelnen Bundesländern deutlich. So werden, bezogen auf 1000 Einwohner, in Baden-Württemberg und Bayern die meisten Kinder geboren und in den neuen Bundesländern die wenigsten (Tab. 4). Verfolgt man die Entwicklung in den 90er Jahren wird offensichtlich, dass bis 1995 in den alten Bundesländern ein kontinuierlicher Rückgang der Anzahl der Lebendgeborenen je 1000 Einwohner erfolgte, in den neuen Bundesländern 1994 der tiefste Stand erreicht war, und ab 1995 ein Anstieg zu beobachten ist, der sich auch in den Folgejahren fortsetzen dürfte.

Aus der Entwicklung wird deutlich, dass Mitte der 90er Jahre ein generatives Verhalten in den neuen Bundesländern zu beobachten ist, womit durch die Geburt von Kindern, bezogen auf die Einwohnerzahl nur rund die Hälfte der entsprechenden Werte in den alten Bundesländern erreicht wird und eine drastische Deformierung der Alterspyramide mit wirtschaftlichen und sozialen, aber auch kulturellen und familiären Folgen absehbar ist.

Im Gegensatz zu Studien, die einen höheren Kinderwunsch und/oder eine größere relative Geburtenhäufigkeit in ländlichen Regionen nachweisen konnten (WENDT, 1986; SPEIGNER, 1988), ist auffällig, dass sich Mitte der 90er Jahre die Häufigkeit von geborenen Kindern, bezogen auf die Einwohnerzahl, in den neuen Bundesländern nur unwesentlich unterscheidet. Während beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern im Jahre 1991 mit 7,1 Lebendgeborenen je 1000 Einwohner noch deutlich mehr Kinder geboren wurden als in den anderen ostdeutschen Bundesländern, ist 1995 die Geburtenhäufigkeit in diesem Bundesland vergleichbar der anderer neuer Bundesländer (Tab. 4). Neben der Änderung von Einstellungen zur Geburt von Kindern könnte für den Rückgang der absoluten Zahl der Lebendgeborenen in Mecklenburg-Vorpommern von 13.635 im Jahre 1991 auf 9.878 in 1995 eine zunehmende Überalterung der Bevölkerung durch Abwanderung von Paaren im fertilen Alter aus der Region ausschlaggebend sein. Publizierte Angaben, die einen Bezug auf die Frauen im gebärfähigen Alter in den einzelnen Bundesländern erlauben, liegen zur Klärung dieser Fragestellung nicht vor.


[Seite 15↓]

Abb. 2: Zusammengefasste Geburtenziffer im Früheren Bundesgebiet und im
Gebiet der Neuen Länder und Berlin-Ost , 1985 bis 1996

Tab. 4: Geburtenentwicklung nach Bundesländern, 1991 bis 1995

 

Lebendgeborene

Bundesländer

Absolut

je 1000 Einwohner

 

1995

1995

1994

1993

1992

1991

Baden-Württemberg

112459

10,9

11,1

11,6

11,8

11,9

Bayern

125995

10,5

10,8

11,3

11,4

11,7

Berlin

28648

8,3

8,2

8,3

8,6

8,9

Brandenburg

3494

5,3

4,9

4,8

5,3

6,7

Bremen

6429

9,5

9,2

9,7

9,8

9,9

Hamburg

15872

9,3

9,5

9,6

9,8

9,9

Hessen

59858

10,0

10,1

10,4

10,4

10,6

Meckl.-Vorpommern

9878

5,4

4,9

5,1

5,8

7,1

Niedersachsen

80994

10,5

10,6

11,1

11,1

11,2

Nordrhein-Westfalen

182393

10,2

10,5

11,0

11,2

11,4

Rheinland-Pfalz

39684

10,0

10,3

10,8

11,1

11,2

Saarland

9727

9,0

9,3

9,8

10,1

10,3

Sachsen

24004

5,2

4,9

5,1

5,4

6,6

Sachsen-Anhalt

14568

5,3

5,2

5,2

5,8

6,8

Schleswig-Holstein

27430

10,1

10,2

10,7

10,8

11,0

Thüringen

13788

5,5

5,0

5,2

5,7

6,7

Deutschland

65221

9,4

9,5

9,8

10,4

104

Datenquellen : Statistische Jahrbücher der Bundesrepublik Deutschland 1993 bis 1997
Hrsg.: Statistisches Bundesamt; METZLER / POESCHEL 1993 bis 1997


[Seite 16↓]

Erwartungsgemäß bestehen hinsichtlich der Häufigkeit von geborenen Kindern nach dem Alter der Mutter gravierende Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern. In Abbildung 3 sind die Lebendgeborenen je 1000 Frauen des entsprechenden Alters im Jahre 1995 in Ost und West veranschaulicht. Dabei wird deutlich, dass in den neuen Bundesländern in allen Altersjahren - mit Ausnahme der 22- bis unter 25jährigen Frauen - die Entscheidung zur Geburt eines (weiteren) Kindes seltener getroffen wird als in den alten Bundesländern.

Abb. 3: Altersspezifische Geburtenziffern im Früheren Bundesgebiet und im
Gebiet der Neuen Länder und Berlin-Ost , 1989 und 1995

Datenquellen : Statistische Jahrbücher der Bundesrepublik Deutschland , 1991 und 1997

Weiterhin bestehen nach wie vor deutliche Unterschiede in Ost und West hinsichtlich der Altersverteilung der Frauen bei der Geburt von Kindern. Zwar hat sich in den neuen Bundesländern im Beobachtungszeitraum das Alter der Mütter um rund zwei Jahre erhöht, jedoch auch bei den Frauen in den alten Bundesländern weiter in höhere Altersjahre verlagert (Abb. 3). In Ostdeutschland wurden 1995 am häufigsten Kinder von Frauen geboren, die 24 - 27 Jahre alt waren, in Westdeutschland von den 28- bis 31jährigen. Die Erhöhung des Gebäralters von 1989 bis 1995 in den neuen Bundesländern (1989: Alter mit der höchsten Fruchtbarkeit 22 - 25 Jahre), als Ausdruck der Verschiebung von Geburtsterminen ist jedoch nicht begleitet von höheren altersspezifischen Geburtenziffern bei älteren Frauen. Diese liegen Mitte der 90er Jahre in sämtlichen Altersjahren niedriger als im Jahre 1989. Aus den Ergebnissen kann gefolgert werden, dass die infolge der wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen der „Wende“ zu beobachtende Minderung des individuellen Entschlusses der Frauen und Paare zur Geburt eines (weiteren) Kindes zu einer dauerhaften Verringerung der Kinderzahl von Frauen im hochfertilen Alter in den neuen Bundesländern führt. 1996 betrug das durchschnittliche Alter der Mütter bei der Geburt der Kinder in Deutschland 29,05 Jahre, im früheren Bundesgebiet 29,26 und lag in den neuen Bundesländern mit 27,48 um fast zwei Jahre niedriger. In Ostdeutschland wurden die meisten Kinder von 25- bis unter 30jährigen Frauen geboren, in Westdeutschland von 30- bis unter 35jährigen (SOMMER, 1998).

Auch beim Familienstand der Mutter bei Geburt des Kindes sind nach wie vor gravierende Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland zu beobachten (Tab. 3). 1997 wurden in den neuen Ländern und Berlin-Ost 44,1 % der Kinder von Müttern geboren, die zum Zeitpunkt der Geburt (noch) nicht verheiratet waren, in den alten Bundesländern betrug dieser Anteil hingegen nur 14,3 %.

Ausschlaggebend hierfür dürften die jeweiligen unterschiedlichen Sozialisationsprozesse in der ehemaligen [Seite 17↓]DDR und in der früheren Bundesrepublik auf die Vorstellungen der Frauen und Paare zur Familiengründung sein. Der seit Ende der 70er Jahre in der DDR zu beobachtende sprunghafte Anstieg der nicht-ehelichen Geburten verdeutlicht nach LÖHR eine zunehmende Lockerung des Zusammenhangs zwischen Eheschließung, Elternschaft und Zusammenleben, insbesondere bei den jüngeren Geburtsjahrgängen (LÖHR, 1992).

Betrachtet man die Veränderung der Häufigkeit von nichtehelich Lebendgeborenen in den letzten zehn Jahren in den beiden Teilen Deutschlands, wird offensichtlich, dass sich auch in den alten Bundesländern der Entschluss der Frauen, ein Kind ohne „Trauschein“ zu bekommen, erhöht hat (Abb. 4). Während noch Ende der 80er Jahre der Anteil von nichtehelich geborenen Kindern in Westdeutschland bei rund 10 % lag, werden gegenwärtig bereits rund 14 % aller Lebendgeborenen von Müttern zur Welt gebracht, die nicht verheiratet sind (1997: 14,1 %).

In der ehemaligen DDR wurden in den 80er Jahren rund ein Drittel der Kinder von unverheirateten Frauen geboren, bei den Erstgeborenen betrug der Anteil nichtehelicher Kinder rund 50 % (FRITSCHE; SPEIGNER, 1992). Anfang der 90er Jahre erhöhte sich der Anteil der Mütter, die unverheiratet ein Kind zur Welt brachten, deutlich und stieg auf über 40 %. Gegenwärtig werden in Ostdeutschland rund 44 % der Kinder (1997: 14,3 %) nichtehelich geboren. Als eine der Begründungen für diese drastische Erhöhung des Anteils nichtehelich Geborener nach der „Wende“ kann der mit dem Geburtenrückgang verbundene relative Anstieg von Erstgeborenen angesehen werden (FRITSCHE; HOELTZ, 1994).

Abb. 4: Prozentualer Anteil nichtehelich Lebendgeborener im früheren
Bundesgebiet und im Gebiet der Neuen Länder einschließlich Berlin-Ost,
1985 bis 1997


[Seite 18↓]

Tab. 5: Nichtehelich Lebendgeborene nach Bundesländern , 1991 bis 1995

Bundesländer

Nichtehelich Lebendgeborene

 

Absolut

je 1000 Lebendgeborene

 

1995

1995

1994

1993

1992

1991

Baden-Württemberg

12250

10,9

10,6

10,1

10,0

9,3

Bayern

15115

12,0

11,8

11,5

11,1

10,7

Berlin

8920

31,1

30,4

30,0

29,2

29,8

Brandenburg

5856

43,4

43,8

43,4

43,7

43,4

Bremen

1528

23,8

23,0

20,3

20,8

20,9

Hamburg

3585

22,6

22,1

21,4

21,3

20,6

Hessen

7183

12,0

11,5

11,2

10,8

10,6

Meckl.-Vorpommern

4477

45,3

45,0

44,9

45,4

45,1

Niedersachsen

11406

14,1

13,2

12,8

12,2

11,6

Nordrhein-Westfalen

21308

11,7

11,2

10,6

10,4

10,0

Rheinland-Pfalz

4322

10,9

10,6

9,8

9,8

9,0

Saarland

1277

13,1

12,7

11,5

11,2

10,3

Sachsen

9292

38,7

38,0

37,6

38,9

39,0

Sachsen-Anhalt

6450

44,3

43,4

43,7

44,2

43,5

Schleswig-Holstein

4687

17,1

16,2

15,1

15,0

14,4

Thüringen

5220

37,9

37,4

36,3

36,9

37,4

Deutschland

122876

16,1

15,4

14,8

14,9

15,1

Datenquellen : Statistische Jahrbücher der Bundesrepublik Deutschland, 1993 bis 1997
Hrsg.: Statistisches Bundesamt; METZLER / POESCHEL 1993 bis 1997

Tabelle 5 verdeutlicht die Veränderung der relativen Häufigkeit der Geburt nichtehelicher Kinder in den einzelnen Bundesländern seit Anfang der 90er Jahre. Dabei zeigt sich - neben den gravierenden Unterschieden in östlichen und westlichen Bundesländern - in allen alten Bundesländern eine Erhöhung der Anteile nichtehelich geborener Kinder, die im Zeitraum von 1991 bis 1995 zwischen 10 % (Hamburg) und 27 % (Saarland) beträgt.

In den neuen Bundesländern ist hingegen seit Anfang der 90er Jahre eine Konstanz der relativen Häufigkeit von nichtehelich geborenen Kindern zu beobachten. Die Entscheidung, auch ohne vorangegangene Eheschließung ein Kind zu bekommen, wird jedoch von den Frauen und Paaren um das Drei- bis Vierfache häufiger getroffen als in den alten Bundesländern.

In beiden Teilen Deutschlands sind regionale Unterschiede hinsichtlich der Anteile nichtehelich Lebendgeborener in den einzelnen Bundesländern zu beobachten. So werden in den alten Bundesländern (1995) besonders selten in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz (jeweils 10,9 %), in Nordrhein-Westfalen (11,7 %) sowie in Bayern und Hessen (jeweils 12,0 %) Kinder nichtehelich geboren, während diese Anteile in Bremen (23,8 %) und Hamburg (22,6 %) deutlich höher liegen. In den neuen Bundesländern ist der Anteil von nichtehelich Lebendgeborenen in Thüringen mit 37,9 % (1995) am niedrigsten, gefolgt von Sachsen mit 38,7 %; besonders hoch ist dieser in Mecklenburg-Vorpommern (1995: 45,3 %).

Die Rangfolge der Bundesländer hinsichtlich ihrer Anteile von nichtehelich geborenen Kindern ist im wesentlichen stabil. Ursächlich dafür dürften - neben dem Einfluss religiös geprägter Einstellungen und Verhaltensweisen - die Akzeptanz oder Diskriminierung der ledigen Mutter durch ihr soziales Umfeld sowie die Möglichkeiten, auch ohne eheliche Sanktionierung und wirtschaftliche Absicherung ein Kind bekommen [Seite 19↓]zu können, sein. Diese regionalen Besonderheiten sind längerfristig geprägt und in besonderem Maße mit den Wirtschaftsstrukturen und Lebensweisen der Menschen verknüpft.

In der ehemaligen DDR wurden insbesondere in ländlichen Regionen und in Großstädten häufiger Kinder nichtehelich geboren. 1989 lag der Anteil nichtehelich Lebendgeborener u. a. in den Bezirken Rostock (34,6 %), Schwerin (34,8 %) und Neubrandenburg (35,0 %) über DDR-Durchschnitt (33,6 %). Die größte relative Häufigkeit war mit 39,0 % im ehemaligen Ostberlin zu beobachten, gefolgt von 38,4 % in Leipzig-Stadt (berechnet aus LEBENGEBORENENSTATISTIK 1989).

Deutliche Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern sind weiterhin bei der Kinderzahl der Frauen und Familien zu beobachten. In der ehemaligen DDR war insbesondere der Anteil der Frauen, die im Laufe ihres Lebens kein Kind geboren haben, deutlich geringer als im früheren Bundesgebiet und lag bei den Geburtsjahrgängen, die ihre fertile Periode abgeschlossen hatten, bei nur rund 10 % (FRITSCHE, 1981).

Ergebnisse des Mikrozensus vom Mai 1992 verdeutlichen, dass der Anteil der Kinderlosen in Ehen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften bis zum Alter der Frau von 44 Jahren in den westlichen Bundesländern gravierend höher als in den östlichen Bundesländern ist. 16,2 % der verheirateten Frauen im Alter von 30 bis 34 Jahren sind kinderlos im Vergleich zu nur 3,9 % dieser Altersgruppe in Ostdeutschland. Diese Differenzen verstärken sich noch bei Betrachtung der nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Hier haben rund zwei Drittel der 30- bis 34jährigen Frauen im früheren Bundesgebiet kein Kind (68,6 %) im Vergleich zu nur 11,7 % der Frauen in den neuen Bundesländern (NIEMEYER, 1994).

Die durchschnittliche Kinderzahl der Befragten, bezogen auf alle Ehepaare bzw. nichteheliche Lebensgemeinschaften mit oder ohne im Haushalt lebende Kinder, ist bei den 30- bis 44jährigen Frauen, die verheiratet sind, in Ost und West ebenfalls unterschiedlich. Während bei den Befragten in den neuen Bundesländern der höchste Durchschnittswert mit 1,83 bei Frauen im Alter von 30 bis 34 Jahren zu beobachten ist und sich infolge des jüngeren Gebäralters der Frau die Anzahl der im Haushalt lebenden Kinder bei den 35- bis 44jährigen bereits vermindert hat (1,58), erhöht sich die durchschnittliche Kinderzahl in den alten Bundesländern von 1,58 bei den verheirateten Frauen im Alter von 30 bis 34 Jahren auf 1,64 bei den 35- bis 44jährigen. Ostdeutsche Frauen, die in nichtehelichen Lebensgemeinschaften leben, haben zwar eine geringere durchschnittliche Kinderzahl (1,57 bei den 30- bis 34jährigen Befragten) als Verheiratete, jedoch deutlich häufiger Kinder geboren als Frauen in nichtehelichen Lebensgemeinschaften in Westdeutschland mit 0,47 Kind bei den 30- bis 34jährigen und 0,67 bei den 35- bis 44jährigen Befragten (NIEMEYER, 1994).

Diese Unterschiede werden durch eine im Auftrag des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung 1992 durchgeführte Studie bei rund 10.000 Männern und Frauen im Alter von 20 bis 39 Jahren in Ost- und Westdeutschland bestätigt. Die bereits vorhandene Kinderzahl beträgt dabei bei den Frauen in den neuen Bundesländern im Durchschnitt 1,4, bei den Frauen in den alten Bundesländern hingegen nur 1,0. Im Alter von 35 bis 39 Jahren sind nur rund 6 % der ostdeutschen Frauen kinderlos, hingegen etwa 18 % der westdeutschen Befragten. Bei Frauen, die Kinder haben, steht in beiden Teilen Deutschlands die Zwei-Kinder-Familie an erster Stelle, gefolgt von nur einem Kind und drei bzw. mehr Kindern (POHL, 1995).

Wird versucht, die Veränderung der Kinderzahl in Ost und West seit Anfang der 90er Jahre anhand der Geburtenentwicklung zu beurteilen, müssen sich die Aussagen auf die ehelich geborenen Kinder begrenzen. Durch das statistische Bundesamt werden nur die Lebendgeborenen nach der Geborenenfolge in der jetzigen Ehe unter Berücksichtigung der legitimierten Kinder ausgewiesen. Damit ist eine Charakterisierung von rund 86 % der geborenen Kinder in den alten Bundesländern, jedoch nur rund
58 % in den neuen Bundesländern möglich.

In Tabelle 6 sind die jeweiligen Anteile der Geborenen verheirateter Mütter nach der Ordnungszahl der [Seite 20↓]Geburt dargestellt. Der hohe Anteil von Mehrgeborenen (1995: 57 %) in Ostdeutschland dürfte damit begründbar sein, dass erste Kinder häufig vorehelich geboren werden. 1989 betrug der Anteil nichtehelich Geborener bei ersten Kindern rund 50 % (FRITSCHE; SPEIGNER, 1992). Darüber hinaus ist für die zukünftigen Strukturen der Ehen und Familien der gravierende Geburtenrückgang in den neuen Bundesländern seit Anfang der 90er Jahre bedeutsam, welcher nach Auffassung von SOMMER (1994) erst im Jahre 2005 zu einer Angleichung des generativen Verhaltens der Frauen und Paare an das Niveau und die Strukturen des früheren Bundesgebiets hinsichtlich der Kinderzahl durch Geburt führen wird.

Tab. 6: Prozentuale Verteilung ehelich Lebendgeborener nach der Geborenenfolge in der jetzigen Ehe,
früheres Bundesgebiet und Neue Länder einschließlich Berlin-Ost, 1991 bis 1995

Kalenderjahr

Insgesamt

Nach der Geborenenfolge in der Ehe (1)

  

1.Kind

2.Kind

3.Kind

4.Kind

5.Kind

6.u.f.Kind

Neue Länder einschließlich Berlin-Ost

1991

100

48,9

35,9

9,7

3,2

1,2

1,0

1992

100

40,1

40,1

12,4

4,2

1,8

1,5

1993

100

40,3

40,3

12,1

4,2

1,7

1,4

1994

100

42,1

38,6

12,1

4,2

1,6

1,4

1995

100

43,0

38,7

11,5

3,9

1,5

1,3

  

früheres Bundesgebiet

1991

100

47,9

35,0

12,0

3,3

1,0

0,8

1992

100

47,4

35,3

12,0

3,4

1,1

0,8

1993

100

46,8

36,2

11,8

3,3

1,0

0,9

1994

100

47,4

35,8

11,7

3,3

1,0

0,8

1995

100

46,9

36,5

11,7

3,2

1,0

0,8

(1) Einschließlich legitimierter Kinder
Datenquellen : Statistische Jahrbücher der Bundesrepublik Deutschland , 1993 bis 1997

Gegenwärtig bestehen noch gravierende Unterschiede hinsichtlich des Anteils von ausländischenLebendgeborenen in Ost- und Westdeutschland (Tab. 3). Während in den alten Bundesländern seit Anfang der 90er Jahre ein kontinuierlicher Anstieg von 12,4 % im Jahre 1991 auf 14,7 % (1996) zu beobachten ist, stagniert der Anteil in den neuen Bundesländern einschließlich Berlin-Ost seit 1993 bei rund 3 % (1996: 3 %). Da ausländische Familien im Durchschnitt eine größere Kinderzahl haben als deutsche Frauen und Paare (SOMMER, 1998), werden regionale Unterschiede bei der Geburtenentwicklung durch die Bevölkerungsstruktur nach der Nationalität beeinflusst. Am Beispiel des Landes Berlin werden diese Fragen unter Punkt 2.3 differenzierter untersucht.

Regionale Unterschiede im generativen Verhalten zwischen Ost- und Westdeutschland, geprägt durch unterschiedliche Sozialisationsprozesse und verstärkt durch die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen von Lebensinhalten und –bedingungen nach der „Wende“ sowie zwischen den einzelnen Bundesländern reflektieren sich neben der Geburtenentwicklung in besonderem Maße in der Inanspruchnahme von vorzeitigen Schwangerschaftsabbrüchen, um eine geplant und unerwünscht eingetretene Schwangerschaft nicht austragen zu müssen. Diesen Inhalten wird im folgenden Kapitel nachgegangen.


[Seite 21↓]

2.2.2  Regionale Unterschiede beim Schwangerschaftsabbruch

Während die Registrierung der Geburten eine eindeutige Zuordnung nach dem Wohnsitz der Mutter erlaubt und alle Lebend- und Totgeborenen standesamtlich registriert werden, unterliegen die dokumentierten Häufigkeiten der Inanspruchnahme von Schwangerschaftsabbrüchen mehreren Einschränkungen, die bei der Interpretation der Ergebnisse, insbesondere unter regionalen Gesichtspunkten, zu berücksichtigen sind.

Zum einen muss für einen Zeitreihenvergleich beachtet werden, welche rechtlichen Regelungen als Voraussetzung für den Abbruch einer Schwangerschaft auf Wunsch der Frau Gültigkeit hatten oder haben.

In der DDR galt seit dem GESETZ über die UNTERBRECHUNG DER SCHWANGERSCHAFT vom 19. März 1972 eine "Fristenlösung", die es straffrei ermöglichte, auf Wunsch der Frau innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen in einer stationären Einrichtung die Schwangerschaft durch Fachärzte für Gynäkologie abbrechen zu lassen. Ein Strafrechtsbestand war nur außerhalb dieser Rechtsbestimmungen gegeben.

Im früheren Bundesgebiet wurde die anfängliche "Fristenlösung" zum Schwangerschaftsabbruch, die den im § 218 StGB seit 1881 geregelten Rechtszustand, wonach jeder Schwangerschaftsabbruch mit Strafe bedroht war, modifizierte, durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 27. Februar 1975 für verfassungswidrig erklärt und mit Wirkung vom 22. Juni 1976 eine "Indikationsregelung" in Kraft gesetzt (5. STRAFRECHTSÄNDERUNGSGESETZ, BGBl. I, S. 1213). Danach galt eine Regelung, wonach ein Abbruch für den Arzt unter konkreten Bedingungen straffrei war. So bestand zum einen vor diesem Eingriff - neben der Einwilligung der Schwangeren - eine Beratungspflicht der Frau zu sozialen Hilfen und möglichen medizinischen Folgen sowie eine Bestätigung des beratenden Arztes einer allgemein-medizinischen oder psychiatrischen Indikation, einer eugenischen Indikation, einer ethischen (kriminologischen) Indikation oder einer sonstigen schweren Notlage der Schwangeren als Begründung für den Abbruch, die bei zwischenzeitlichen Modifikationen bis 1995 Gültigkeit behielt. Damit war ein Schwangerschaftsabbruch nach Bestätigung der vorgenannten Indikationen erlaubt (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1976; KOCH, 1988; LORENZ, 1992).

Mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 1995 und dem SCHWANGEREN- und FAMILIENÄNDERUNGSGESETZ vom 21.08.1995 bestehen jetzt einheitliche rechtliche Regelungen für die Möglichkeit zur Inanspruchnahme des Abbruchs bei einer individuell unerwünschten Schwangerschaft. Danach ist, unter der Voraussetzung einer vorherigen Schwangerenkonfliktberatung, der Eingriff auch ohne medizinische oder kriminologische Indikationen für die Frau und den durchführenden Arzt in stationären oder ambulanten Einrichtungen straffrei, obwohl der Abbruch nach wie vor einen Strafrechtsbestand darstellt (KLINKHAMMER, 1995).

Zum zweiten ist für die Analyse von besonderer Bedeutung, ob regionale Unterschiede hinsichtlich der Zugänglichkeit von Beratungsstellen und dem Erhalt von "Beratungsscheinen" bestehen, und welche Möglichkeiten zur Durchsetzung des Wunsches, die bestehende unerwünschte Schwangerschaft nicht austragen zu müssen, die Frauen und Paare nutzen wollen und können. Beispielhaft sei in diesem Zusammenhang auf den "PAPSTBRIEF" und die "BISCHOFSERKLÄRUNG" von 1997 (KLINKHAMMER, 1998) verwiesen, die die bereits zuvor bestehende Benachteiligung von Frauen mit katholischer Konfession vorwiegend in Süddeutschland hinsichtlich einer Indikationsbestätigung und bei der Suche nach einer den Abbruch durchführenden Einrichtung oder Arzt noch verstärken können (KLINKHAMMER, 1997). Infolgedessen war im früheren Bundesgebiet ein "Abbruchtourismus" zu beobachten, der insbesondere in den 70er Jahren zu einer verstärkten Durchführung von Eingriffen bei deutschen Frauen in den Niederlanden und England führte. Nach Angaben von MUNDAY wurden beispielsweise in England im Jahre 1972 17.531 deutsche Frauen mit Schwangerschaftsabbruch offiziell [Seite 22↓]registriert (MUNDAY, 1991); die Anzahl der praktizierten Abbrüche dürfte noch deutlich höher liegen. Darüber hinaus war auch innerhalb von Westdeutschland eine Überhöhung von Abbrüchen im norddeutschen Raum, insbesondere in den Bundesländern Bremen und Hamburg zu beobachten (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1989), die auf einen innerstaatlichen Tourismus von hilfesuchenden Frauen mit Abbruchswunsch vorwiegend aus dem süddeutschen Raum zurückgeführt werden kann.

Basierend auf den jeweiligen rechtlichen Bestimmungen und den individuell praktizierten "Lösungswegen" unerwünschte Schwangerschaften nicht austragen zu müssen, sind die registrierten Häufigkeiten von Schwangerschaftsabbrüchen unvollständig (KOCH, 1992; SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1996). Damit eng verbunden ist der Modus der Erfassung von Schwangerschaftsabbrüchen und die Aussagefähigkeit der jeweiligen Dokumentationen zur Beurteilung von Veränderungen der Inanspruchnahme einer Abruptio als Methode der "korrektiven" Geburtenregelung sowie von regionalen Unterschieden in den Einstellungen und Verhaltensweisen von Frauen und Paaren nach einer unerwünscht eingetretenen Schwangerschaft (FRITSCHE, 1983; KOCH, 1992).

In der ehemaligen DDR wurden alle legalen Schwangerschaftsabbrüche über die Dokumentation der stationären Behandlungsfälle erfasst und nach dem Alter der Frau sowie Komplikationen in Verbindung mit dem Eingriff und dem Wohnort der Frau (nach Bezirken) periodisch als "Vertrauliche Dienstsache" dokumentiert, jedoch nicht publiziert. Bis einschließlich 1989 kann von einer praktisch vollständigen Erfassung aller induzierten vorzeitigen Schwangerschaftsbeendigungen ausgegangen werden (FRITSCHE; HOELTZ, 1994). Nach der "Wende" und der Einheit Deutschlands wurde die Erfassung von Schwangerschaftsabbrüchen in den neuen Bundesländern in unterschiedlicher Weise vorgenommen, eine verbindliche Rechtsvorschrift zur Meldung bestand in diesem Teil Deutschlands bis zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 4. August 1992 (BvQ 16, 17/92) nicht. In diesem Urteil wurde daher die für die alten Bundesländer getroffene Regelung vorläufig für anwendbar erklärt (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1996).

In den alten Bundesländern bestand bis 1995 eine Meldepflicht von Abbrüchen, die in ambulanten oder stationären medizinischen Einrichtungen vorgenommen wurden, der jedoch nur in ungenügender Weise nachgekommen wurde (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1995; VON BAROSS, 1996). Für die 70er Jahre wird pro Jahr von 100.000 bis 400.000 nichtregistrierten Abtreibungen im In- und Ausland ausgegangen (LOCHMÜLLER, 1972; HENNING, 1984; BRÄUTIGAM; GRIMES, 1984), und in den 80er Jahren rechnet man mit einer Dunkelziffer von 100.000 bis 200.000 Fällen pro Jahr, die entweder nicht gemeldet oder illegal in Deutschland bzw. im Ausland vorgenommen wurden (KOCH, 1992; GANTE, 1993; SEIDEL, 1994; SÜFKE, 1995).

Parallel zu dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zum Schwangerschaftsabbruch und dem Schwangeren- und Familienänderungsgesetz (SFHÄndG vom 21.08.1995) wurden die rechtlichen Grundlagen für eine einheitliche Dokumentation von Schwangerschaftsabbrüchen in Gesamtdeutschland geschaffen und die Modalitäten zur Erfassung legaler Abbrüche verbessert. Die zuvor bestehende gesetzliche Auskunftspflicht bei Anonymität der meldenden Einrichtung oder des behandelnden Arztes wurde aufgehoben und mit Wirkung vom 01.01.1996 durch eine Pflicht zur Auskunft der Inhaber von Arztpraxen bzw. Leitern von Krankenhäusern unter Angabe der Anschrift der ambulanten oder stationären Einrichtungen ersetzt. Trotz dieses Hilfsmerkmals zur Kontrolle der Meldedisziplin geht jedoch das Statistische Bundesamt auch nach dieser Neuregelung von einem Meldedefizit aus (SCHWANGERSCHAFTS-ABBRÜCHE 1996).

Die nachfolgend dokumentierten Häufigkeiten einer Inanspruchnahme von Schwangerschaftsabbrüchen zur [Seite 23↓]"nachträglichen" Familienplanung, differenziert nach Ost- und Westdeutschland sowie nach Bundesländern, sind hinsichtlich der absoluten und relativen Häufigkeiten unter Berücksichtigung der vorgenannten Unterschiede bei der Gesetzgebung und der Erfassung kritisch zu werten. Dem Statistischen Bundesamt ist jedoch zuzustimmen, dass strukturelle Verteilungen der Frauen mit Schwangerschaftsabbruch davon im Wesentlichen unberührt bleiben (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1991).

1996 wurden von den in Deutschland vorgenommenen Schwangerschaftsabbrüchen 130.899 Fälle dem Statistischen Bundesamt gemeldet. Das entspricht 76 Eingriffen je 1000 Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren. Infolge der Verbesserung der Meldedisziplin und -kontrolle hat sich die absolute Häufigkeit von 1995 zu 1996 um 32.962 Behandlungsfälle bzw. um 33,7 % erhöht (Tab. 7).

Die Steigerung der registrierten Schwangerschaftsabbrüche 1996 ist im Vergleich zum Vorjahr in Ostdeutschland geringer (22,3 %) als in Westdeutschland (37,4 %). Bei gleichen Rechtsvorschriften sowie einheitlichen Meldeformalitäten könnten die Unterschiede zwischen den beiden Teilen Deutschlands bei der Erhöhung der Anzahl von Schwangerschaftsabbrüchen durch eine verstärkte Inanspruchnahme legalerAbbrüche in Deutschland durch Frauen in den alten Bundesländern mitbedingt sein.

Tab. 7: Gemeldete Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland, 1989 bis 1997

Jahr

Deutschland insg.

Früheres Bundesgebiet

Gebiet der ehem. DDR

absolut

je 10000 Frauen

15 b.u.45 Jahre

absolut

je 10000 Frauen

15 b.u.45 Jahre

Absolut

je 10000 Frauen

15 b.u.45 Jahre

1989

149169

 

75297

56

73899

215

1990

145267

 

78808

59

66459 (2)

 

1991

124377

 

74571

56

49806 (3)

 

1992

118609

 

74856

55

43753 (3)

 

1993

111236

65

79060 (1)

 

32176 (3)

 

1994

103586

60

77379 (1)

 

26207 (3)

 

1995

97937

57

73798 (1)

 

24139 (3)

 

1996

130899

76

101383 (1)

 

29516 (3)

 

1997

130890

77

103407 (1)

 

27483 (3)

 

(1 )einschließlich Land Berlin
(2) ab 4. Quartal ohne Berlin-Ost
(3) ohne Berlin-Ost

Datenquelle: Schwangerschaftsabbrüche, Gesundheitswesen, Fachserie 12, Reihe 3.
Hrsg.: Statistisches Bundesamt (METZLER / POESCHEL, 1978 bis 1998)

1997 ist die Anzahl der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche mit 130.890 für Deutschland insgesamt konstant geblieben, im früheren Bundesgebiet wurden nach dem Ort des Eingriffs 103.407, in den neuen Bundesländern 27.483 Behandlungsfälle gemeldet (Tab.7). Insbesondere im ersten und zweiten Quartal war die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche mit rund 34.000 pro Quartal sehr hoch; im vierten Quartal mit rund 30.000 deutlich niedriger (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1997).

Es kann davon ausgegangen werden, dass in Deutschland gegenwärtig mindestens 7,7 Abbrüche je 1000 Frauen jährlich (1997) vorgenommen werden, was einer durchschnittlichen Häufigkeit von 231 Eingriffen [Seite 24↓]bei unerwünschten Schwangerschaften je 1000 Frauen im Laufe ihres Lebens entsprechen würde (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1997). Da auch nach veränderten Modalitäten zur Registrierung mit einer Untererfassung der gemeldeten Abbrüche zu rechnen ist (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1996), kann geschätzt werden, dass im Durchschnitt jede vierte Frau einen oder mehrere Schwangerschaftsabbrüche erlebt. Die damit verbundenen physischen und psychischen Folgen für die Frau (FRITSCHE, 1983; WOLF, 1990 (a); SIEDENTOPF, 1992) sowie die Problematik des Schutzes des ungeborenen Lebens (GRUBER, 1992; HASSELFELD, 1992; KOCH, 1994; KLINKHAMMER, 1996; KLINKHAMMER, 1999) belegen eindringlich die Notwendigkeit zur Verbesserung der Prävention bei fehlendem Wunsch nach einem (weiteren) Kind (KOCH, 1988).

Unter regionalen Aspekten ist der Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland von besonderem Interesse. 1989 wurden im früheren Bundesgebiet nur 75.297 Schwangerschaftsabbrüche gemeldet, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR 73.899. Bezogen auf die Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren betrug die relative Häufigkeit in Ostdeutschland nahezu das Vierfache (215 je 10.000 Frauen) der dokumentierten Inanspruchnahme in Westdeutschland (56 je 10.000 Frauen). Neben der Untererfassung von Frauen mit Schwangerschaftsabbruch in den alten Bundesländern durch die Indikationsregelung und vorhandene Meldedefizite dürften in den neuen Bundesländern auch Mängel bei der Schwangerschaftsverhütung, u. a. die fehlende Möglichkeit zur Sterilisation (EIN KIND – KEIN KIND, 1994), eine Rolle gespielt haben. Von 1991 bis 1997 hat sich die Anzahl der registrierten Schwangerschaftsabbrüche in Ostdeutschland auf 55 % vermindert, in Westdeutschland hingegen auf 139 % erhöht.

Bei der Relation zwischen dem Entschluss zur Geburt eines Kindes und dem Abbruch einer ungewollt eingetretenen Schwangerschaft wird jedoch offensichtlich, dass sich in Ostdeutschland - trotz Rückgang der absoluten und relativen Häufigkeiten von Schwangerschaftsabbrüchen - die Entscheidung zum Austragen einer bestehenden Schwangerschaft Anfang der 90er Jahre vermindert hat (Abb. 5).

Abb. 5: Gemeldete Schwangerschaftsabbrüche je 1000 Lebendgeborene in Ost- und
Westdeutschland, 1989 bis 1997

Auch gegenwärtig ist die Häufigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen in Bezug auf die Anzahl der geborenen Kinder in den alten Bundesländern deutlich günstiger als in den neuen Bundesländern. Es ist davon auszugehen, dass hierfür nicht nur Unterschiede bei der Registrierung der Schwangerschaftsabbrüche der Grund sind, sondern bestehende Differenzen bei der Einstellung der Frauen und Paare hinsichtlich des Austragens von ungeplant eingetretenen Schwangerschaften, verstärkt durch objektiv und subjektiv reflektierte ungünstigere Lebensbedingungen in Ostdeutschland sowie eine verstärkte Inanspruchnahme des Schwangerschaftsabbruchs als Methode der Geburtenregelung, entscheidend sein dürften.


[Seite 25↓]

Wird die Häufigkeit der Inanspruchnahme einer Abruptio in Abhängigkeit von dem Alter der Abbrechenden, von vorangegangenen Schwangerschaften, der Anzahl der bereits geborenen Kinder sowie dem Familienstand der Frauen analysiert, zeigen sich nach wie vor deutliche Unterschiede zwischen Ost und West im Inanspruchnahmeverhalten der Abruptio zur "Korrektur" einer missglückten Familienplanung.

Alter der Abbrechenden

Etwa die Hälfte der Frauen mit Schwangerschaftsabbruch ist im Alter von 25 bis 34 Jahren (1997: 49,0 %), den Altersgruppen mit der höchsten relativen Häufigkeit von Geburten. Rund ein Viertel der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche werden auf Wunsch von Frauen durchgeführt, die unter 25 Jahre alt sind (1997: 28,5 %) und zumeist den Wunsch nach einem (weiteren) Kind, jedoch zu einem späteren Zeitpunkt, haben. Der Anteil Jugendlicher im Alter von unter 18 Jahren ist mit 4,0 % von insgesamt (1997) zwar gering, jedoch mit 441 Eingriffen bei Mädchen im Alter von unter 15 Jahren und 4.853 Abbrüchen bei 15- bis 17jährigen nach wie vor ein medizinisches und soziales Problem. Abbrechende im Alter von 35 und mehr Jahren (1997: 22,4 % von insgesamt) haben zumeist ihren Kinderwunsch erfüllt und streben mit dem Schwangerschaftsabbruch eine Begrenzung ihrer Kinderzahl an (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1997).

Die Verteilung der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche nach dem Alter der Frau lässt keine gravierenden Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern erkennen. Auffällig ist allerdings, dass der Anteil der unter 18jährigen an den Abbrechenden insgesamt in Ostdeutschland höher (1997: 4,7 %) als in Westdeutschland (1997: 3,9 %) ist, jedoch Frauen im Alter von 18 bis unter 25 Jahren in den alten Bundesländern ein größeres Gewicht an den Abbrechenden insgesamt haben (1997: 25,7 %) als in den neuen Bundesländern (1997: 20,0 %). Weiterhin ist der Anteil der Abbrechenden, die bereits 30 Jahre und älter sind, mit 50,6 % in Ostdeutschland höher als mit 45,7 % in Westdeutschland (Tab. 8).


[Seite 26↓]

Tab. 8: Prozentuale Verteilung von Schwangerschaftsabbrüchen nach dem Alter der Frau,
Deutschland 1996 und 1997

Jahr

Deutschland insgesamt
Alter von... bis unter... Jahren

 

Unter 15 J.

15 - 18 J.

18 - 25 J.

25 – 30 J.

30 - 35 J.

35 – 40 J.

40 - 45 J.

45 – 55 J.

1996

0,3

3,3

24,1

25,6

24,5

15,9

5,7

0,5

1997

0,3

3,7

24,5

24,7

24,3

16,2

5,7

0,5

 

Früheres Bundesgebiet (1) u. (2)
Alter von... bis unter... Jahren

Unter 15 J.

15 - 18 J.

18 - 25 J.

25 - 30 J.

30 - 35 J.

35 – 40 J.

40 - 45 J.

45 – 55 J.

1996 (3)

0,2

3,2

25,5

25,6

23,9

16,6

5,6

0,5

1997 (3)

0,3

3,6

25,7

24,7

23,8

15,8

5,6

0,5

Jahr

Gebiet der ehemaligen DDR (1) u. (2)
Alter von... bis unter... Jahren

Unter 15 J.

15 - 18 J.

18 - 25 J.

25 - 30 J.

30 - 35 J.

35 - 40 J.

40 - 45 J.

45 – 55 J.

1996 (4)

0,4

3,7

19,5

25,5

26,8

17,2

6,3

0,5

1997 (4)

0,6

4,1

20,0

24,8

26,1

17,6

6,3

0,6

1) ohne Alter „unbekannt“
2) eigene Berechnungen
3) einschließlich Berlin-Ost
4) ohne Berlin-Ost

Datenquellen: Schwangerschaftsabbrüche, Gesundheitswesen, Fachserie 12, Reihe 3.
Hrsg.: Statistisches Bundesamt, METZLER / POESCHEL 1994 – 1998

Wird die Häufigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen auf die Anzahl der Frauen im Alter von 15 bis unter 45 Jahren bezogen, werden deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern offensichtlich. Nach wie vor ist - mit Ausnahme von Bremen, Hamburg und Berlin - in den neuen Bundesländern eine höhere Inanspruchnahme des Schwangerschaftsabbruchs zur "Korrektur" einer mangelhaften Schwangerschaftsverhütung zu beobachten (Abb. 6).

Die aus einem "innerdeutschen Abtreibungstourismus" bedingten Abweichungen bei den in der Dokumentation des Statistischen Bundesamtes ausgewiesenen Relationen zwischen den in den jeweiligen Bundesländern vorgenommenen Eingriffen und der Anzahl der Frauen im gebärfähigen Alter des jeweiligen Bundeslandes (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1996) sind für die beobachteten regionalen Unterschiede von untergeordneter Bedeutung. Wird die Anzahl der vorgenommenen Eingriffe nach dem Ort des Wohnsitzes der Frau gruppiert und auf die jeweiligen Frauen im gebärfähigen Alter des Bundeslandes bezogen (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1997), bestätigen sich im wesentlichen die regionalen Unterschiede (Abb. 6).


[Seite 27↓]

Abb. 6: Gemeldete Schwangerschaftsabbrüche je 10.000 Frauen im gebärfähigen Alter nach
Bundesländern, Deutschland 1997 (nach dem Land des Wohnsitzes der Frau)

1997 wurden in Deutschland 7,7 Schwangerschaftsabbrüche je 1000 Frauen im Alter von 15 bis unter 45 Jahren registriert. Die niedrigste relative Häufigkeit ist 1997 in Rheinland-Pfalz (5,8 je 1000) zu beobachten, gefolgt von Bayern (5,9 je 1000), dem Saarland (5,9 je 1000) und Niedersachsen (6,0 je 1000). In den neuen Bundesländern werden jährlich fast doppelt so viele Schwangerschaftsabbrüche je 1000 Frauen im gebärfähigen Alter registriert (1997: Sachsen-Anhalt 10,5; Thüringen 10,1; Brandenburg 10,0; Mecklenburg-Vorpommern 9,4; Sachsen 8,3). Die höchste relative Häufigkeit von Abbrüchen, bezogen auf den Wohnsitz der Frau, ist 1997 für das Land Berlin mit 15,6 Eingriffen je 1000 Frauen im Alter von 15 bis unter 45 Jahren der Wohnbevölkerung dokumentiert, gefolgt von Bremen mit 11,7 je 1000. Hierfür dürfte ein spezifisches Inanspruchnahmeverhalten in Ballungszentren (FRITSCHE; WOLK, 1990) von Bedeutung sein. Die Häufigkeit von reproduktiven Verlusten in Deutschland, insbesondere durch den Schwangerschaftsabbruch, ist in Städten deutlich höher als in ländlichen Gebieten, wobei der Anteil der Frauen mit Abbruch einer bestehenden Schwangerschaft bei den unter 25jährigen Frauen in städtischen Gebieten mehr als doppelt so hoch ist wie in ländlichen Regionen (NEUMANN et al., 1994).

Familienstand der Abbrechenden

Der Familienstand der Frau spielt für die Entscheidung, eine unerwünscht eingetretene Schwangerschaft abbrechen zu lassen, insbesondere dann eine Rolle, wenn die Akzeptanz der Geburt eines nichtehelichen Kindes im persönlichen Umfeld gering ist (FRITSCHE, 1978). Darüber hinaus sind die objektiven Voraussetzungen und die konkrete individuelle Lebenssituation sowie deren subjektive Wertung entscheidend für den Ausgang ungeplant eingetretener Schwangerschaften (FRITSCHE, 1990; HENNING, G.; HENNING, M., 1992; NEUMANN, 1992).

In den neuen Bundesländern wurden 1996 43,1 % der Schwangerschaften bei Frauen abgebrochen, die nicht verheiratet waren; in den alten Bundesländern hingegen 49,0 % der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche. 1997 haben sich die Verteilungen der Abbrechenden nach dem Familienstand in Ost- und Westdeutschland weiter angenähert, sind jedoch nach wie vor unterschiedlich. In den alten Bundesländern einschließlich des Landes Berlin sind fast die Hälfte der Abbrechenden (1997: 48,7 %) nicht verheiratet, in den neuen Bundesländern ist dieser Anteil mit 44,7 % (1997) deutlich geringer (Tab. 9).


[Seite 28↓]

Ursächlich für die bestehenden Unterschiede dürften Einstellungen und Verhaltensweisen von Frauen und Paaren in Ostdeutschland sein, auch ohne „Trauschein“ ein Kind austragen zu wollen. Den größten Anteil bei Abbrechenden, die nicht verheiratet sind, haben ledige Frauen. 1997 wurden in den alten Bundesländern 43.661 Frauen (86,8 % von den Unverheirateten insgesamt) registriert, die zum Zeitpunkt des Eingriffes ledig waren, in den neuen Bundesländern 10.011 (81,6 % von den Unverheirateten insgesamt).

Deutliche Unterschiede sind hinsichtlich der Verteilung der Frauen mit Schwangerschaftsabbruch nach dem Familienstand in den Bundesländern zu beobachten, die eine eindeutige Zuordnung im Ost-West-Vergleich erlauben. Der Anteil lediger Frauen mit Schwangerschaftsabbruch in den neuen Bundesländern ist niedriger, die Unterschiede in den alten Bundesländern sind jedoch groß (Abb. 7).

In Ostdeutschland sind reichlich ein Drittel der Frauen mit Schwangerschaftsabbruch ledig. Der höchste Anteil Lediger – bezogen auf das Bundesland mit Wohnsitz der Frau – ist 1997 mit 38,1 % in Sachsen-Anhalt registriert, der niedrigste mit 35,0 % in Sachsen. In Westdeutschland dominiert 1997 mit 53,0 % nach wie vor Bremen hinsichtlich des Anteils lediger Abruptiones, gefolgt von Hamburg (48,9 %). Für das Land Berlin wurden 1997 vom Statistischen Bundesamt 46,1 % der Abbrüche bei Frauen erfasst, die zum Zeitpunkt des Eingriffs ledig waren. Die geringsten Anteile lediger Frauen mit Schwangerschaftsabbruch sind 1997 mit 39,2 % in Rheinland-Pfalz zu beobachten, etwas mehr als die höchsten Anteile in den neuen Bundesländern.

Bei etwa konstanter Relation von verheirateten und nichtverheirateten Abbrechenden in den alten Bundesländern in den 90er Jahren, haben sich in den neuen Bundesländern die relativen Häufigkeiten von Frauen mit Schwangerschaftsabbruch, die ledig bzw. nicht verheiratet sind, erhöht (Tab. 9).


[Seite 29↓]

Tab. 9: Prozentuale Verteilung gemeldeter Schwangerschaftsabbrüche nach dem Familienstand der Frau, Deutschland 1993 bis 1997

Jahr

Ledig

Verheiratet

Verwitwet

Geschieden

Unbekannt

Deutschland insgesamt

1993

39,4

53,0

0,5

6,5

0,7

1994

36,3

51,9

0,5

6,3

1,8

1995

39,8

51,8

0,5

6,6

1,3

1996

40,6

52,3

0,6

6,4

 

1997

41,0

52,2

0,5

6,3

 

Früheres Bundesgebiet (1)

1993 (2)

42,9

50,5

0,4

5,5

0,7

1994 (2)

42,1

49,9

0,4

5,6

2,1

1995 (2)

41,9

50,3

0,5

5,9

1,4

1996 (2)

42,4

51,0

0,6

6,2

 

1997(2)

42,2

51,3

0,5

5,9

 

Neue Bundesländer ohne Berlin-Ost (1)

1993

30,7

59,3

0,6

8,7

0,7

1994

32,2

57,1

0,7

8,5

0,9

1995

33,5

56,2

0,7

8,7

0,9

1996

34,6

56,9

0,6

7,9

 

1997

36,4

55,3

0,6

7,6

 

(1) eigene Berechnungen
(2)einschließlich Berlin-Ost

Datenquellen : Schwangerschaftsabbrüche, Gesundheitswesen, Fachserie 12, Reihe 3
Hrsg.: Statistisches Bundesamt. METZLER / POESCHEL, 1993 - 1998

Vorangegangene Schwangerschaften

Es ist unbestritten, dass der Abbruch einer Schwangerschaft mit Komplikationen für folgende Schwangerschaften verbunden sein kann, insbesondere durch Eileiterverklebungen, Extrauteringraviditäten, Zervixinsuffizienzen mit Spätaborten (DIETZ, 1983; WOLF, 1990 (b)) sowie gehäuften Frühgeburten mit untergewichtigen Kindern (KREIBICH; EHRIG, 1978; BERNAU; NACHTIGALL, 1983).

Bei den dem Statistischen Bundesamt für das Kalenderjahr 1997 gemeldeten Schwangerschaftsabbrüchen sind in 1.476 Fällen Komplikationen dokumentiert worden, darunter 64 Uterusperforationen und 27 Salpingitiden (4,3 % bzw. 1,8 % der Komplikationen). Bei 352 Fällen (23,8 % der Komplikationen) wurden Nachblutungen ausgewiesen (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1997).


[Seite 30↓]

Abb. 7: Prozentanteil lediger Frauen mit Schwangerschaftsabbruch nach Bundesländern,
Deutschland 1997 (nach dem Land des Wohnsitzes der Frau)

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass insbesondere bei Frauen, die ihren Kinderwunsch noch nicht erfüllt haben, der Abbruch einer bestehenden Schwangerschaft mit Komplikationen bei späteren Schwangerschaften und Geburten verbunden sein kann. Besonderes Augenmerk hinsichtlich Beratung und Art des Eingriffs ist hierbei auf die Frauen zu richten, die eine erste Schwangerschaft abbrechen lassen bzw. die noch kein Kind geboren haben (KREIBICH; LUDWIG, 1980; SCHOTT et al., 1982; BERNAU; NACHTIGALL, 1983; WOLF, 1990 (a)).

1995 wurden in Deutschland von den gemeldeten Schwangerschaftsabbrüchen 30,6 % bei Frauen vorgenommen, die ihre erste Schwangerschaft abbrechen ließen, in 21,1 % der Fälle wurde eine zweite Schwangerschaft abgebrochen, und 48,4 % der Frauen kamen zum Abbruch einer dritten oder weiteren Schwangerschaft (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1995). Mit der Veränderung der Dokumentation 1996 werden diese Inhalte nicht mehr ausgewiesen.

Unter der Fragestellung regionaler Unterschiede im generativen Verhalten zwischen Frauen mit Schwangerschaftsabbruch in Ost- und Westdeutschland ist dieser Inhalt von besonderem Interesse. Während in den neuen Bundesländern zumeist eine zweite oder weitere Schwangerschaft abgebrochen wird (1995: 84,0 % der Eingriffe), sind es in den alten Bundesländern 35,4 % (1995) der Behandlungsfälle mit Abbruch einer ersten Schwangerschaft (Tab. 10).

Differenziert nach Bundesländern verdeutlichen sich die nach wie vor bestehenden gravierenden Unterschiede zwischen Ost und West hinsichtlich der Entscheidung, eine unerwünscht eingetretene erste Schwangerschaft abbrechen zu lassen (Abb. 8). Der niedrigste Anteil wurde 1995 mit 14,3 % in Mecklenburg-Vorpommern registriert, gefolgt von 14,6 % in Brandenburg und 15,4 % in Sachsen-Anhalt; die höchsten Anteile mit 54,3 % in Bremen, 44,4 % in Hessen und 35,1 % in Schleswig-Holstein.

Vorangegangene Lebendgeborene

Bei mehr als einem Drittel der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche haben die Frauen vor diesem Eingriff noch kein Kind lebendgeboren (1997: 36,3 %), 25,2 % haben zuvor ein Kind, 26,5 % zwei Kinder, 8,7 % drei Kinder und 3,4 % bereits vier und mehr Kinder zur Welt gebracht (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1997). Erwartungsgemäß sind die Abbrechenden im Alter bis unter 20 Jahren zumeist kinderlos (1997: 90,1 %). Auffällig ist der hohe Anteil Kinderloser bei den Frauen im Alter von 25 bis unter 30 (34,8 %) und 30 bis unter 35 Jahren (20,5 %). Von den Abbrechenden mit 35 Jahren und älter haben 11,4 % kein Kind lebendgeboren. Es darf erwartet werden, dass diese Frauen zumeist kinderlos bleiben wollen.


[Seite 31↓]

Tab. 10: Prozentuale Verteilung der Schwangerschaftsabbrüche nach der Anzahl der
vorangegangenen Schwangerschaften, Deutschland 1980 bis 1995

Jahr

Vorangegangene Schwangerschaften

insg.

0

1

2

3

4

5 u. mehr

 

Deutschland insgesamt

1993

29,6

20,5

22,9

14,2

6,9

5,9

100

1994

31,6

20,5

22,3

13,2

6,6

5,8

100

1995

30,6

21,1

22,5

13,5

6,8

5,6

100

 

Früheres Bundesgebiet

1980

39,3

17,1

19,4

11,7

6,1

6,4

100

1985

38,4

20,9

19,8

11,0

5,3

4,7

100

1990

44,0

19,6

18,3

9,7

4,5

4

100

1991

41,6

19,5

18,7

10,6

5

4,6

100

1992

36,3

20,6

20,9

11,6

5,5

5

100

1993 (1)(2)

35,5

20,8

21,1

12,1

5,5

5

100

1994 (1)(2)

37,1

20,6

20,5

11,5

5,4

5

100

1995 (1)(2)

35,4

21,3

20,7

11,8

5,9

5

100

Neue Bundesländer ohne Berlin-Ost

1993 (1)

15,1

19,9

27,3

19,4

10,2

8,1

100

1994 (1)

15,4

20,5

27,7

18,3

9,8

8,2

100

1995 (1)

16,0

20,4

27,8

18,7

9,6

7,5

100

(1 )eigene Berechnungen
(2) einschließlich Berlin-Ost

Datenquellen: Schwangerschaftsabbrüche, Gesundheitswesen, Fachserie 12, Reihe 3.
Hrsg.: Statistisches Bundesamt, METZLER / POESCHEL, 1994 bis 1996

Wird die Anzahl der vorangegangenen Lebendgeborenen bei Schwangeren, die ihre bestehende Schwangerschaft abbrechen lassen, unter regionalen Gesichtspunkten betrachtet, zeigen sich bei den gemeldeten Schwangerschaftsabbrüchen große Unterschiede zwischen den Bundesländern in Ost- und Westdeutschland (Abb. 9).

In Deutschland haben mehr als 10 % der Frauen (1997: 12,1%), die ihre bestehende Schwangerschaft abbrechen lassen, vor diesem Eingriff bereits drei und mehr Kinder geboren. Im Ost-West-Vergleich werden auch hierbei deutliche Unterschiede in den Bundesländern offensichtlich. Während in Westdeutschland die Anteile der Abbrechenden mit drei und mehr Kindern bei nur etwa 10 % liegen, betragen diese in Ostdeutschland mehr als 12 %. Bezogen auf den Wohnsitz der Frauen wurden 1997 in Mecklenburg-Vorpommern 15,0 % der Schwangerschaften von Frauen abgebrochen, die bereits mindestens drei Kinder geboren hatten; in Sachsen-Anhalt waren es 13,9 % der Abbrechenden, gefolgt von Frauen in Brandenburg (12,0 %), Sachsen (11,9 %) und Thüringen (11,7 %).


[Seite 32↓]

Abb. 8: Prozentanteil von Frauen mit Abbruch der ersten Schwangerschaft nach Bundesländern,
Deutschland 1995 (nach dem Ort des Eingriffes)

Abb. 9: Prozentanteil kinderloser Frauen mit Abbruch der Schwangerschaft nach Bundesländern, Deutschland 1997 (nach dem Land des Wohnsitzes der Frau)

Die unterschiedlichen Verteilungen von Frauen mit Schwangerschaftsabbruch nach der Anzahl vorangegangener Schwangerschaften und Geburten, die auch noch rund neun Jahre nach der "Wende" beobachtet werden können, sind Ausdruck spezifischer Sozialisationsprozesse, die sich in Einstellungen und Verhaltensweisen zur Familienplanung widerspiegeln. Während ostdeutsche Frauen mit Kinderwunsch ungeplant eingetretene Schwangerschaften - auch ohne "Trauschein" - häufiger austragen als westdeutsche Frauen, und der Schwangerschaftsabbruch verstärkt als Methode zur Begrenzung der Kinderzahl genutzt wird, steht bei westdeutschen Frauen mit Schwangerschaftsabbruch die Verschiebung der Familiengründung im Vordergrund (FRITSCHE; WOLK, 1990). Diese generativen Verhaltensweisen, die auch schon in den 70er und 80er Jahren in der DDR beobachtet werden konnten, wo weniger als ein Viertel der befragten Frauen mit Schwangerschaftsabbruch kinderlos waren (HENNING et al., 1991), sind damit auch gegenwärtig noch dominierend für das Verhalten der Frauen und Paare nach einer unerwünscht eingetretenen Schwangerschaft.


[Seite 33↓]

Tab. 11: Ort des Eingriffs und Wohnsitz der Frauen mit Schwangerschaftsabbruch nach Bundesländern, Deutschland 1996 und 1997

Bundesland

insg.

Eingriffe

Eingriffe bei Frauen des Wohnlandes

  

Frauen mit

Wohnsitz

Überschuß/Defizit

  

im Bundesland

Vorgenommene Eingriffe zu

Eingriffen bei Frauen mit Wohnsitz

im Wohnland

in anderen

Bundesländern

   

n

in %

in %

In %

Baden-Württ.

14588

14654

-66

-0,1

95,1

4,9

Bayern

14414

14768

-354

-2,4

95,4

4,6

Berlin

12156

11741

415

3,5

99,3

0,7

Brandenburg

5100

5401

-301

-5,6

91,9

8,1

Bremen

3145

1599

1546

96,7

98,5

1,5

Hamburg

4270

3657

613

16,8

98,6

1,4

Hessen

11477

10078

1399

13,9

97,8

2,2

Meckl.-Vorp.

3647

3675

-28

-0,8

97,5

2,5

Niedersachs.

7927

9651

-1724

-17,9

76,8

23,2

Nordrhein-W.

27150

27220

-70

-0,3

97,7

2,3

Rheinland-Pf.

3259

4706

-1447

-30,7

65,3

34,7

Saarland

1857

1287

570

44,3

98,5

1,5

Sachsen

7627

7507

120

1,6

99,1

0,9

Sachsen-Anh.

5779

5822

-43

-0,7

97,7

2,3

Schl.-Holst.

3164

3476

-312

-9,0

88,6

11,4

Thüringen

5330

5205

125

2,4

97,5

2,5

Ausland

 

443

 

0,0

 

100,0

Deutschland

Insgesamt

130890

130890

  

93,9

6,1

Datenquelle :Schwangerschaftsabbrüche 1997
Hrsg.: Statistisches Bundesamt, METZLER / POESCHEL, 1998

Mit der neuen Dokumentation der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche wird durch das Statistische Bundesamt - neben einer Differenzierung nach Bundesländern, in denen die Eingriffe durchgeführt wurden - ab 1996 auch der Wohnsitz der Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen lassen, nach Bundesländern ausgewiesen (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1996). In Tabelle 11 sind die Häufigkeiten der Schwangerschaftsabbrüche nach dem Ort des Eingriffs sowie dem Wohnort der abbrechenden Frauen aufgelistet.

Der überwiegende Teil der Frauen (1997: 93,9 %) lässt im eigenen Bundesland den Abbruch durchführen. Entgegen den Erwartungen trifft das auch für Süddeutschland zu. 95,4 % der Frauen, die in Bayern ihren Hauptwohnsitz haben, haben 1997 ihre unerwünschte Schwangerschaft auch in Bayern abbrechen lassen können; in Baden-Württemberg betrug dieser Anteil 95,1 % (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1997).


[Seite 34↓]

Neben Unterschieden in der Zugänglichkeit für die Erlangung eines "Beratungsscheins" als Voraussetzung für den Eingriff und ambulanter oder stationärer medizinischer Einrichtungen für die Durchführung des Abbruchs (VON BAROSS, 1996), dürften auch regionale Besonderheiten für die Diskrepanzen zwischen Wohnort und Abbruchsort von Bedeutung sein. Während beispielsweise 1997 99,1 % der in Sachsen bzw. 99,9 % der in Berlin lebenden Frauen auch in Sachsen oder Berlin ihre Schwangerschaft abbrechen wollten und konnten, betrug dieser Anteil bei den Abbrechenden in Rheinland-Pfalz nur 65,3 % und in Niedersachsen 76,8 %. Bei den letztgenannten Bundesländern ist auffällig, dass die Anzahl der durchgeführten Eingriffe deutlich unter der Anzahl der Frauen mit Abbruch liegt, die in diesen Ländern leben (Rheinland-Pfalz: 69,3 %; Niedersachsen: 82,1 %).

Bundesländer, die deutlich mehr Eingriffe durchführen als der Anzahl von Frauen mit Schwangerschaftsabbruch des eigenen Bundeslandes entsprechend wäre, sind nach Bremen (1997: 197 %) das Saarland (144 %), Hamburg (117 %) und Hessen (114 %). Das Land Berlin (104 %), Thüringen (102 %) und Sachsen (102 %) versorgen nur geringfügig mehr Patientinnen mit Schwangerschaftsabbruch als die Anzahl der Abbrechenden des eigenen Bundeslandes.

Auf die Situation in Berlin hinsichtlich der Inanspruchnahme von Schwangerschaftsabbrüchen zur "Korrektur" einer mangelhaften Schwangerschaftsverhütung und Unterschiede im generativen Verhalten der Frauen im Ost- und Westteil der Stadt wird im folgenden Kapitel näher eingegangen.

2.3 Regionale Unterschiede im Land Berlin

2.3.1 Bevölkerungsstruktur und -entwicklung

Ende 1989 waren in den Stadtgrenzen von Berlin melderechtlich 3.413.263 Einwohner registriert, davon 1.279.212 Personen im Ostteil der Stadt und 2.124.051 im Westteil. Mit dem Jahresende 1990 erhöhte sich die Anzahl der mit Hauptwohnung in Berlin gemeldeten Personen auf 3.433.124 Personen bei einem Rückgang im Ostteil auf 1.275.726 und einem Anstieg im Westteil auf 2.157.398 Personen (MELDERECHTLICH REGISTRIERTE EINWOHNER IN BERLIN, BERLINER STATISTIK 1993). Gegenwärtig leben - ermittelt über die fortgeschrittene Bevölkerung per Jahresende - 3.458.723 Menschen im Land Berlin (1996), davon 1.296.665 in Ostberlin und 2.162.098 in Westberlin (Tab. 12). Durch verminderten Zuzug sowie Wanderungsbewegungen ins Umland hat sich die Einwohnerzahl seit Mitte der 80er Jahre in beiden Stadtteilen deutlich verringert (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1996).

Der Anteil der Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren ist in Berlin-Ost auch gegenwärtig mit 22,7 % (1996) noch höher als in Berlin-West (21,6 %), wobei sich in den 90er Jahren die Relationen in Ostberlin hinsichtlich des Bevölkerungsteils, der für den Erhalt der natürlichen Reproduktion potentiell in Frage kommt, nicht wesentlich verändert haben (1993: 22,5 %). Der höhere Anteil von Frauen im gebärfähigen Alter in Ostberlin ist, trotz verstärkter Abwanderung dieser Bevölkerungsgruppe (WANDERUNGEN BERLIN, BERLINER STATISTIK 1996), bedingt durch die geburtenstarken Jahrgänge in den 80er Jahren (STATISTISCHES JAHRBUCH BERLIN (OST) 1990).

Ende 1990 lebten in Berlin 315.578 Ausländer, was einem Bevölkerungsanteil von 9,2 % entsprach (BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG UND BEVÖLKERUNGSSTAND, BERLINER STATISTIK 1993). Bis 1996 hat sich, bezogen auf die durchschnittliche Bevölkerung, dieser Anteil mit 430.458 Personen auf 12,4 % erhöht (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1996).

Das durchschnittliche Alter der Ausländer ist niedriger als das der Deutschen. Dementsprechend ist der [Seite 35↓]Anteil von Frauen im gebärfähigen Alter bei Ausländerinnen höher als bei deutschen Frauen. Gegenwärtig sind rund ein Viertel der in Berlin lebenden Ausländerinnen im gebärfähigen Alter (1996: 25,6 %), bei den Deutschen hingegen nur etwa ein Fünftel (1996: 21,4 %). Von den Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren sind (1996) 85,5 % Deutsche und 14,5 % Ausländerinnen. Diese Relation hat sich in den 90er Jahren deutlich verändert. 1993 betrug bei den Frauen im gebärfähigen Alter der Anteil von Ausländerinnen noch 13,3 % (Tab. 12).

Tab. 12: Wohnbevölkerung und Frauen im fertilen Alter, Land Berlin 1993 bis 1997

Kalenderjahr

Fortgeschriebene Bevölke-

rung per Jahresende

Weibliche durchschnittliche Bevölkerung im Alter von 15 bis unter 45 Jahren

Berlin

Ost

West

Berlin

Berlin - Ost

Berlin - West

insg.

Deutsche

Ausländ.

insg.

Deutsche

Ausländ.

insg.

Deutsche

Ausländ.

1993 (1)

3475392

1298918

2176474

767857

665419

102457

292718

281399

11319

475139

384010

91129

1994 (1)

3472009

1301011

2170998

768924

662579

106394

295232

281952

13321

473688

380632

93083

1995 (1)

3471418

1301107

2170311

765047

657034

107876

295349

280684

14599

469699

376346

93261

1996 (1)

3458763

1296665

2162098

761068

650649

110368

294929

278679

16202

466141

371968

94148

1997 (2)

3425759

1286031

2139728

753835

642746

111060

294008

276753

17244

459837

366003

93813

Bezirke

1996

Fortgeschriebene Bevölke-

rung per Jahresende

Weibliche durchschnittliche Bevölkerung im Alter von 15 bis unter 45 Jahren

insgesamt

insgesamt

Deutsche

Ausländerinnen

Berlin - Ost

1296665

294929

278679

16202

Friedrichshain

105801

25418

23283

2139

Hellersdorf

136025

35569

34842

725

Hohenschönh.

118122

30375

28998

1373

Köpenick

110115

20191

19391

785

Lichtenberg

166438

32709

29992

2712

Marzahn

155843

40908

39389

1515

Mitte

78288

18178

16219

1963

Pankow

114140

24180

23024

1148

Prenzl.Berg

141874

35343

32816

2521

Treptow

109466

20647

19757

882

Weißensee

60553

11451

10996

452

Berlin - West

2162098

466141

371968

94148

Charlottenburg

179921

39302

30866

8451

Kreuzberg

153680

40327

27637

12692

Neukölln

312918

68654

53046

15604

Reinickendorf

252923

48434

42408

6022

Schöneberg

152647

37043

28462

8583

Spandau

224874

44726

37231

7496

Steglitz

192247

39942

34866

5067

Tempelhof

191555

37920

32976

4931

Tiergarten

92052

22622

16432

6186

Wedding

167102

38791

26874

11922

Wilmersdorf

142392

29970

25158

4818

Zehlendorf

99787

18410

16024

2373

Datenquellen: (1) Jahresgesundheitsberichte 1994 bis 1996; Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales
(2) Mitteilungen des Statistischen Landesamtes Berlin


[Seite 36↓]

Der historischen Entwicklung entsprechend sind im Ostteil der Stadt nur 5,5 % (1996) der Frauen zwischen 15 und 45 Jahren Ausländerinnen. Zwar hat sich dieser Anteil in den 90er Jahren nahezu verdoppelt (1993: 3,9 %), beträgt jedoch im Jahre 1996 nur etwa ein Viertel im Vergleich zum Westteil der Stadt mit 20,2 % Ausländerinnen (Tab. 12).

Damit ist gegenwärtig die Integration ausländischer Bürger sowie die Geburtenentwicklung mit den daraus resultierenden Anforderungen an die medizinische und soziale Betreuung und Erziehung noch vordergründig eine Aufgabenstellung in den westlichen Bezirken, dürften sich jedoch zunehmend auch als Problem für die östlichen Bezirke von Berlin stellen. Bekanntermaßen ist im Westteil der Stadt der Ausländeranteil in Kreuzberg und Wedding besonders hoch. Fast ein Drittel der Frauen im gebärfähigen Alter sind Ausländerinnen (1996: Kreuzberg 31,5 %; Wedding 30,7 %). An dritter Stelle der Rangfolge steht mit 27,3 % (1996) Tiergarten.

Überraschend ist, dass sich die Ansiedlung von ausländischen Frauen und Familien im Ostteil der Stadt ebenfalls vorrangig auf die zentrumsnahen Bezirke konzentriert. Mit 10,8 % (1996) steht der Bezirk Mitte hinsichtlich des Anteils von Ausländerinnen an den Frauen im Alter zwischen 15 bis 45 Jahren an der Spitze, gefolgt von Friedrichshain mit 8,4 %, Lichtenberg mit 8,3 % und Prenzlauer Berg mit 7,1 %. In den Randbezirken wie Hellersdorf (2,0 %), Marzahn (3,7 %), Weißensee (3,9 %), Köpenick (3,9 %) und Hohenschönhausen (4,6 %) sind ausländische Frauen im gebärfähigen Alter nach wie vor die Ausnahme (Tab. 12).

1996 wurden von Frauen mit Hauptwohnsitz in Berlin 30.068 Kinder geboren, davon 29.905 Lebendgeborene und 163 Totgeborene mit einem Geburtsgewicht von 500 und mehr Gramm. Bezogen auf die Einwohnerzahl entspricht das einer Lebendgeborenenziffer von 8,6 je 1000 Einwohner (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1996). Im Ostteil der Stadt liegen die Lebendgeborenenziffern - trotz einem leichten Anstieg ab Mitte der 90er Jahre - seit 1991 deutlich niedriger als in den westlichen Bezirken. 1996 wurden in Berlin-Ost 6,7 Lebendgeborene je 1000 Einwohner registriert, in Berlin-West 9,8. Ursächlich hierfür sind veränderte Lebensbedingungen nach der "Wende", die sich nach wie vor im generativen Verhalten ostdeutscher, und damit auch Ostberliner Frauen und Familien widerspiegeln (vgl. u. a. LÖHR, 1992; FRAUEN IN DEUTSCHLAND, 1993; STÖRTZBACH, 1993-94; POHL, 1995; HAMMES, 1995; DORBRITZ; FLEISCHHACKER, 1995; BEGENAU; HELFFERICH, 1997). Darüber hinaus dürfte für die beobachteten Differenzen auch der geringere Anteil ausländischer Bürger im Ostteil von Bedeutung sein. So sind die allgemeinen Fruchtbarkeitsziffern bei ausländischen Frauen fast um die Hälfte höher als bei deutschen Frauen (Tab. 13).


[Seite 37↓]

Tab. 13: Bevölkerungsentwicklung, Land Berlin 1989 bis 1997

Kalender-

jahr

Lebendgeborene

Geburten -(+) bzw.

Sterbeüberschuß (-)

 

Anzahl

 

je 1000 Einw.

je 1000 Frauen 15 bis unter 45 J.

 

insgesamt

Deutsche

Ausländer

insgesamt

insgesamt

Deutsche

Ausländer

insgesamt

Deutsche

Ausländer

Berlin

          

1993 (1)

28724

22760

5964

8,3

37,4

32,4

69,9

-12549

-17993

5444

1994 (1)

28503

22274

6229

8,2

37,1

31,6

70,8

-12235

-17913

5678

1995 (1)

28648

22785

5863

8,3

37,4

32,3

68,8

-10597

-15991

5314

1996 (1)

29905

23847

6058

8,6

39,3

34,1

70,1

-8194

-13620

5426

1997 (2)

.......

.......

.......

.......

40,3

35,3

68,9

.......

.......

.......

Berlin-O.

          

1989 (1)

16937

  

13,2

58,4

  

3542

  

1990 (1)

15446

  

12,1

54,4

  

1672

  

1991 (1)

8712

8481

231

6,8

30,5

30,2

42,4

-5052

-5240

188

1992 (1)

7779

7399

380

6,0

26,9

26,1

54,1

-5218

-5541

323

1993 (1)

7522

6937

585

5,8

25,7

24,4

58,4

-4932

-5475

543

1994 (1)

7586

6913

673

5,8

25,7

24,1

59,1

-4561

-5172

611

1995 (1)

8115

7390

725

6,2

27,5

25,6

63,2

-3193

-3865

672

1996 (1)

8674

7877

797

6,7

29,4

27,5

62,6

-2710

-3422

712

1997 (2)

.......

.......

.......

.......

31,2

29,3

61,5

.......

.......

.......

Berlin-W.

          

1989 (1)

21159

15952

5207

10,1

47,0

33,3

73,7

-8886

-13648

4762

1990 (1)

22150

16694

5456

10,3

47,8

.......

.......

-8142

-13133

4991

1991 (1)

21850

16406

5444

10,1

46,4

39,9

76,3

-8404

-12949

4909

1992 (1)

21888

16321

5567

10,1

46,1

39,6

74,8

-7119

-12158

5039

1993 (1)

21202

15823

5379

9,8

44,6

38,3

71,3

-7617

-12518

4901

1994 (1)

20917

15361

5556

9,6

44,2

37,2

68,8

-7674

-12741

5067

1995 (1)

20533

15395

5138

9,5

43,7

37,3

69,6

-7404

-12046

4642

1996 (1)

21231

15907

5261

9,8

45,5

39,0

71,4

-5484

-10198

4714

1997 (2)

.......

.......

.......

.......

46,1

39,9

70,3

.......

.......

.......

Datenquellen: (1) Jahresgesundheitsberichte 1994 bis 1996; Hrsg.: Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales
(2) Mitteilungen des Statistischen Landesamtes Berlin

Die natürliche Bevölkerungsbewegung ist in Berlin durch einen Gestorbenenüberschuss gekennzeichnet, der im Westteil - trotz der höheren Lebendgeborenenziffer - größer (1996: 0,25 % der Wohnbevölkerung) als im Ostteil (1996: 0,21 %) ist (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1996). Ursächlich hierfür ist der höhere Anteil von Personen im Alter von 65 Jahren und mehr (1996: West 15,0 %; Ost 11,5 %) und insbesondere von Hochbetagten im Alter von 80 und mehr Jahren (1996: West 4,9 %; Ost: 3,0 %).

Wird die Differenz aus Lebendgeborenen und Gestorbenen nach der Staatsangehörigkeit betrachtet, zeigt sich, dass die in Berlin-West bestehende negative Bilanz in den 90er Jahren ohne die ausländischen Mitbürger noch gravierender ausgeprägt wäre. 1996 betrug die negative natürliche Bilanz bei Deutschen 10.198 Personen, bei Ausländern hingegen konnte eine positive Bilanz von 4.714 Personen beobachtet werden. In Berlin-Ost dokumentiert sich erst seit 1991 ein Gestorbenenüberschuss. 1996 wurden 2.710 Kinder weniger geboren als Personen verstarben. Ursächlich hierfür ist der drastische Geburtenrückgang ab 1991. Aufgrund des geringen Anteils ausländischer Bürger, die gegenwärtig im Ostteil leben, ist die positive Bilanz der Ausländer (1996: 712 Personen) von bisher geringem Gewicht für die Verringerung insgesamt; die Anzahl der deutschen Einwohner hat sich im Kalenderjahr 1996 durch die natürliche [Seite 38↓]Bevölkerungsentwicklung um 3.422 Personen vermindert (Tab. 13).

2.3.2 Generatives Verhalten

Zwischen dem Ost- und Westteil Berlins bestanden zur Zeit der "Wende" und der Wiedervereinigung Deutschlands gravierende Unterschiede im generativen Verhalten der Frauen und Paare. Auch in den 90er Jahren sind nach wie vor die durch unterschiedliche Sozialisationsprozesse geprägten Einstellungen und Verhaltensweisen zur Geburtenregelung beim Ost-West-Vergleich typisch, jedoch ist - wie auch zwischen Ost- und Westdeutschland - eine Angleichung zu beobachten (HERMANN; HIESTERMANN, 1995; JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1996).

Werden als Kriterien für die Beurteilung des generativen Verhaltens vorrangig wiederum der Entschluss zur Geburt eines Kindes sowie die Häufigkeit von Abbrüchen individuell unerwünschter Schwangerschaften betrachtet, zeigt sich für Berlin folgendes Bild:

Die Anzahl der geborenen Kinder war im Jahr der "Wende" in Ostberlin mit 16.937 Lebendgeborenen nahezu doppelt so hoch wie gegenwärtig (1996: 8.674). In Westberlin ist die Anzahl der geborenen Kinder in diesem Zeitraum nahezu konstant geblieben (Tab. 13). Ursächlich dafür ist nicht eine Verringerung der Frauen im gebärfähigen Alter im Ostteil der Stadt, sondern eine geringere Bereitschaft zur Geburt eines ersten und insbesondere zweiter und weiterer Kinder unter den veränderten wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen nach der Wiedervereinigung (HERMANN; HIESTERMANN, 1995). 1989 wurden von je 1000 Ostberliner Frauen im gebärfähigen Alter 58,2 Kinder geboren, von den Westberlinerinnen hingegen nur 47,0 (Tabelle 13). Der tiefste Stand wurde für Ostberlin mit jeweils 25,7 Lebendgeborenen je 1000 Frauen im gebärfähigen Alter in den Jahren 1993 und 1994 erreicht. Wie in Abbildung 10 ersichtlich wird, ist seit 1995 ein leichter Anstieg erfolgt, wobei jedoch im Jahre 1997 erst 53,6 % des Fruchtbarkeitsniveaus von 1989 und 67,7 % des Wertes von westberliner Frauen erreicht werden.

Neben der veränderten Lebenssituation ist ursächlich dafür eine kontinuierliche Annäherung zwischen Ost- und Westberlin hinsichtlich des Alters der Frau bei der Geburt von Kindern. Die höchsten altersspezifischen Geburtenziffern waren zur Zeit der "Wende" in Ostberlin bei den 23- bis unter 25jährigen Frauen zu beobachten (STATISTISCHES JAHRBUCH BERLIN (OST) 1990). Bis 1997 hat sich das Alter mit der höchsten Fruchtbarkeit um vier Jahre auf 27 Jahre erhöht und ist vergleichbar dem der westberliner Frauen. Von diesen werden gegenwärtig mit 83,2 je 1000 Frauen (1997) ebenfalls am häufigsten Kinder von Müttern im Alter von 27 Jahren geboren (MITTEILUNGEN DES LANDESAMTES BERLIN).


[Seite 39↓]

Abb. 10: Allgemeine Fruchtbarkeitsziffern, Land Berlin 1989 bis 1970

Abb. 11: Altersspezifische Geburtenziffern, Berlin-Ost und Berlin-West 1989 und 1997

Aus Abbildung 11 wird jedoch deutlich, dass in allen Altersjahren der Frauen im gebärfähigen Alter die relative Häufigkeit der Geburt von Kindern im Ostteil der Stadt noch niedriger ist als im Westteil. Zwar hat sich die relative Geburtenhäufigkeit bei den Frauen im Alter von 30 Jahren und mehr im Vergleich zu 1989 in Berlin-Ost erhöht, nach wie vor werden jedoch in den Ostberliner Bezirken insbesondere von den über 32jährigen Frauen nur etwa halb so häufig Kinder geboren als in den westberliner Bezirken.

Für die gegenwärtige und zukünftige Geburtenentwicklung in Berlin sowie für die weitere Annäherung des generativen Verhaltens hinsichtlich des Entschlusses zur Geburt von Kindern in den beiden Teilen der
Stadt dürfte die Relation von deutschen und ausländischen Frauen im gebärfähigen Alter von Bedeutung sein. Auch gegenwärtig ist bei Ausländerinnen in Berlin nahezu eine doppelt so hohe Fruchtbarkeit zu [Seite 40↓]beobachten wie bei deutschen Frauen. 1997 wurden in Berlin 68,9 Lebendgeborene je 1000 ausländische Frauen im gebärfähigen Alter registriert bei nur 35,3 lebendgeborenen Kindern je 1000 deutscher Frauen (Tab. 13). Die Unterschiede in der Häufigkeit von Geburten zwischen Deutschen und Ausländerinnen sind im Westteil der Stadt noch stärker ausgeprägt als im Ostteil (Abb. 12).

Abb. 12: Allgemeine Fruchtbarkeitsziffern bei Deutschen und Ausländerinnen,
Berlin-Ost und Berlin-West 1993 bis 1997

Das Alter mit der höchsten Fruchtbarkeit liegt bei Ausländerinnen deutlich niedriger als bei deutschen Frauen. 1997 wurden je 1000 Ausländerinnen im Alter von 21 bis 26 Jahren mehr als 100 Lebendgeborene registriert, bei den deutschen Frauen wurden mit rund 70 je 1000 die höchsten Werte im Alter von 27 bis 28 Jahren beobachtet (MITTEILUNGEN DES STATISTISCHEN LANDESAMTES BERLIN). Da sich das generative Verhalten der ausländischen Frauen in den 90er Jahren nicht wesentlich geändert hat, dürfte der jeweilige Anteil von Ausländerinnen die zukünftige Geburtenentwicklung in den beiden Teilen Berlins sowie auch in den Berliner Bezirken maßgeblich beeinflussen.

Der überwiegende Teil der Kinder wird von Frauen geboren, die zum Zeitpunkt der Geburt verheiratet sind. In Berlin ist der Anteil der Kinder, die von nicht verheirateten Müttern geboren werden, höher als in den westlichen, jedoch deutlich niedriger als in den östlichen Bundesländern. Ursächlich hierfür sind unterschiedliche Sozialisationsprozesse, die auch gegenwärtig noch Ost und West hinsichtlich der Entscheidung der Frauen und Paare zu einem Kind auch ohne "Trauschein" differenzieren (vgl. Punkt 2.2.1). 1989 wurden im Ostteil Berlins 39,5 % der Kinder von unverheirateten Müttern geboren (STATISTISCHES JAHRBUCH BERLIN (OST) 1990); im Westteil betrug dieser Anteil 20,5 % (STATISTISCHES JAHRBUCH BERLIN 1990). Gegenwärtig sind im Land Berlin rund ein Drittel der geborenen Kinder (1997: 33,7 % der von Frauen zwischen 15 und 45 Jahren Lebendgeborenen) nichtehelich (MITTEILUNGEN DES STATISTISCHEN LANDESAMTES BERLIN). Dieser Anteil hat sich in den 90er [Seite 41↓]Jahren erhöht (1991: 29,8 %).

Frauen mit nichtdeutscher Staatsbürgerschaft bekommen wesentlich seltener Kinder, ohne verheiratet zu sein. Gegenwärtig (1997) beträgt der Anteil nichtehelicher Lebendgeborener bei diesen Frauen in Berlin nur 13,8 % und hat sich seit Mitte der 90er Jahre nicht verändert (1995: 13,9 %). Im Gegensatz dazu hat sich bei deutschen Frauen in nur zwei Jahren der Anteil nichtehelich geborener Kinder von 37,2 % (1995) auf 40,4 % (1997) deutlich erhöht (MITTEILUNGEN DES STATISTISCHEN LANDESAMTES BERLIN).

Bei der Untersuchung des generativen Verhaltens in Abhängigkeit von Familienstand und Staatsangehörigkeit ist von besonderem Interesse, welche durchschnittliche Kinderzahl von den verschiedenen Frauengruppen geboren würden, wenn die gegenwärtig zu beobachtenden Fruchtbarkeitsverhältnisse für deren gesamte Fertilitätsperiode (15 bis unter 45 Jahren) Geltung hätten. Diese zusammengefasste Geburtenziffer - hier ermittelt durch Multiplikation der allgemeinen Fruchtbarkeitsziffern mit 30 Fertilitätsjahren - macht gravierende Unterschiede hinsichtlich der Entscheidung zu Kindern offensichtlich, die für 1997 in Tab. 14 aufgelistet sind.

Tab. 14: Allgemeine Fruchtbarkeitsziffern und durchschnittliche Kinderzahl im Laufe
des Lebens je 1000 Frauen, Land Berlin 1997

1997

Lebendgeborene

je 1000 Frauen

zw.15 u. 45 Jahren

Durchschnittl.Kinderzahl

je 1000 Frauen

im Laufe ihres Lebens (1)

Berlin insgesamt

Berlin – Ost

Berlin – West

40,3

31,2

46,1

1209

935

1383

Deutsche Berlin insgesamt

Deutsche Berlin – Ost

Deutsche Berlin – West

35,3

29,3

39,9

1060

878

1197

Ausländerinnen Berlin insg.

Ausländerinnen Berlin – Ost

Ausländerinnen Berlin - West

68,9

61,5

70,3

2068

1846

2109

Verheiratete Berlin insg.

Verheiratete Deutsche

Verheiratete Ausländer

66,2

53,5

129,3

1985

1604

3880

Nichtverheiratete Berlin insg.

Nichtverheiratete Deutsche

Nichtverheiratete Ausländer

22,7

23,5

17,6

682

706

527

(1) Berechnet durch Multiplikation der allgemeinen Fruchtbarkeitsziffern mit 30 Fertilitätsjahren
Datenquellen : Mitteilungen des Statistischen Landesamtes Berlin


[Seite 42↓]

Dabei zeigt sich folgendes:

Die relative Häufigkeit der Geburt von Kindern zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Berliner Bezirken. Gemessen an den allgemeinen Fruchtbarkeitsziffern werden die meisten Kinder in Wedding und Kreuzberg geboren, gefolgt von Neukölln (Tab. 15), bedingt durch den hohen Anteil von ausländischen Bürgern in diesen Bezirken.

Tab. 15: Allgemeine Fruchtbarkeitsziffern (1) im Land Berlin nach Bezirken, 1989 bis 1997

 

1989 (2)

1991 (3)

1993 (4)

1995 (5)

1997 (6)

Berlin–West

Insgesamt

 

46,4

44,6

43,7

46,1

Tiergarten

 

47,4

42,4

42,5

42,1

Wedding

 

58,7

52,3

49,4

55,5

Kreuzberg

 

56,7

53,6

51,0

54,1

Charlottenburg

 

41,0

40,3

39,8

43,6

Spandau

 

45,2

41,9

44,4

44,1

Wilmersdorf

 

38,2

35,9

36,5

37,6

Zehlendorf

 

40,9

38,0

39,4

42,3

Schöneberg

 

45,8

43,1

40,4

42,2

Steglitz

 

42,5

43,4

39,3

41,6

Tempelhof

 

41,8

43,2

40,4

45,7

Neukölln

 

49,4

49,0

49,8

50,6

Reinickendorf

 

43,9

43,0

42,0

45,3


[Seite 43↓]

 

1989 (2)

1991 (3)

1993 (4)

1995 (5)

1997 (6)

Berlin – Ost
Insgesamt

58,2

30,5

25,7

27,5

31,2

Mitte

57,6

32,4

28,3

31,8

33,2

Prenzl.Berg

63,0

33,8

28,9

31,3

33,1

Friedrichshain

69,1

36,9

28,6

31,8

33,9

Treptow

60,0

35,1

29,2

29,6

34,8

Köpenick

53,7

31,0

24,6

27,6

31,0

Lichtenberg

47,6

26,3

23,8

26,7

32,9

Weißensee

54,8

35,3

26,4

34,3

35,8

Pankow

50,9

29,6

25,2

29,7

40,2

Marzahn

42,9

20,5

17,8

19,2

22,6

Hohenschönh.

64,3

26,5

21,1

24,0

26,3

Hellersdorf

93,7

39,1

33,4

27,1

27,9

Berlin insg.

 

40,4

37,4

37,4

40,3

Quellen : 1 Lebendgeborene je 1000 Frauen zwischen 15 und unter 45 Jahren
2 Lebendgeborenenstatistik der DDR 1989, Hrsg.: Stat. Amt der DDR, Berlin 1990, S.141
3 Jahresgesundheitsbericht 1992, S..364
4 Jahresgesundheitsbericht 1994, S. 248
5 Jahresgesundheitsbericht 1995, S. 278
6 Jahresgesundheitsbericht 1997, S. 266

Mit einer Fruchtbarkeit von 55,5 Lebendgeborenen je 1000 Frauen im gebärfähigen Alter 1997 in Wedding, 54,1 in Kreuzberg und 50,6 in Neukölln heben sich diese Bezirke deutlich von den anderen Bezirken im Westteil der Stadt ab. Die Anfang der 90er Jahre im Bezirk Tiergarten zu beobachtende hohe Fruchtbarkeit hat sich hingegen deutlich verringert. Die niedrigsten allgemeinen Fruchtbarkeitsziffern in Berlin-West sind in den 90er Jahren im Bezirk Wilmersdorf (1997: 37,6) zu beobachten. Diese regionalen Unterschiede in der Fruchtbarkeit sind verknüpft mit unterschiedlichen Sozialstrukturen und
-bedingungen, spezifischen Problemlösungen bei der medizinischen Betreuung und sozialen Fürsorge.

„Soziale Ungleichheit und soziale Unterschiede haben entscheidenden Einfluss auf die gesundheitliche Lage der Menschen, die Nachfrage nach Gesundheits- und Sozialleistungen sowie nach Angeboten der Gesundheitsfürsorge und Gesundheitsförderung“ (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1997, S. 24). In die seit 1991 für das Land Berlin durchgeführten Sozialstrukturberechnungen nach Regionen werden Ergebnisse der demographischen und Haushaltsstruktur, des Einkommens und der Erwerbstätigkeit, der Bildung und des Gesundheitszustandes aus der Bevölkerungsfortschreibung und dem jährlich durchgeführten Mikrozensus einbezogen. Dabei zeigt sich, dass in den zentralen und zentrumsnahen Bezirken die größten sozialen Belastungen bestehen (HERMANN et al., 1997), charakterisiert durch eine hohe Arbeitslosenquote, einen hohen Anteil von Sozialhilfeempfängern, Alleinerziehenden, eine niedrige Lebenserwartung und vergleichsweise geringe Einkommen. Der Bezirk Kreuzberg hat den niedrigsten Index (1997), gefolgt von Tiergarten und Wedding. In den östlichen Bezirken ist Friedrichshain und Prenzlauer Berg überdurchschnittlich belastet, u. a. auch dadurch, dass der Anteil der nichtehelich geborenen Kinder im Bezirk Prenzlauer Berg (1997) mit 57 % und Friedrichshain (1997) mit 54 % höher als der Anteil von Kindern, die ehelich geboren werden (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1997).


[Seite 44↓]

Zur Zeit der "Wende" waren die Fruchtbarkeitsziffern im Ostteil der Stadt in nahezu allen Bezirken höher als im Westteil (Tab. 15). Bis Mitte der 90er Jahre haben sich diese etwa auf die Hälfte vermindert. Mit dem geringfügigen Anstieg in den letzten Jahren wird jedoch bisher (1997) nur im Bezirk Pankow eine Geburtlichkeit von 40,2 je 1000 Frauen im gebärfähigen Alter erreicht, ein Reproduktionsniveau, welches etwa den Bezirken Wilmersdorf und Steglitz entspricht. Ein Grund hierfür könnte die verstärkte Zuwanderung von Frauen und Familien aus dem Westteil der Stadt in diesen Bezirk sein (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1997).

Abbildung 13 veranschaulicht die Veränderung des generativen Verhaltens innerhalb von neun Jahren in den Ostberliner Bezirken.

Abb. 13: Allgemeine Fruchtbarkeitsziffern im Land Berlin und Berlin-Ost nach Bezirken, 1989 und 1997

Das Fruchtbarkeitsniveau hat sich in den östlichen Bezirken von 1989 bis Mitte der 90er Jahre mehr als halbiert und erreicht gegenwärtig (1997), trotz eines allgemeinen Anstiegs seit Mitte der 90er Jahre, in den meisten Bezirken weniger als zwei Drittel des Wertes von 1989. Bezirke, in denen die relative Geburtenhäufigkeit besonders gering ist, sind Marzahn (1997: 22,6 je 1000 Frauen), Hohenschönhausen (26,3) und Hellersdorf (27,9). Hier werden pro Kalenderjahr je 1000 Frauen im gebärfähigen Alter weniger als 30 Kinder geboren (Tab. 15; Abb. 13). Der stärkste Rückgang der allgemeinen Fruchtbarkeitsziffern erfolgte bis 1997 in den Bezirken Hellersdorf auf 30 % des Wertes von 1989, gefolgt von Hohenschönhausen (41 %), Friedrichshain (49 %) und Marzahn (53 %).

Von der Senatsverwaltung für Gesundheit Berlin werden die im Land Berlin erfolgten und gemeldeten Fehlgeburten, Geburten sowie Schwangerschaftsabbrüche registriert und im Jahresgesundheitsbericht [Seite 45↓]veröffentlicht. Die dokumentierten Daten zeigen durch das "Ereignisprinzip" bei der Geburtenentwicklung Abweichungen von den Angaben des Statistischen Landesamtes, wo die Zuordnung nach dem Hauptwohnsitz der Mutter erfolgt.

Tab. 16: Entbindungen und Schwangerschaftsabbrüche, Land Berlin 1990 bis 1997 (Ereignisprinzip)

Jahr

Entbindungen

Schwangerschafts-

abbrüche

Entbindungen

Je 10.000 Frauen.

15 – unter 45 J

Abbrüche

je 10.000 Frauen

15 – unter 45 J

Entbindungen je

Schwangersch.-abbrüche

Schwangersch.-abbrüche je

1000 Entbin-dungen

 

Berlin-insgesamt

1990

37103

18371

496,2

246,0

2,0

495,1

1991

30502

16312

403,1

215,9

1,9

534,8

1992

29537

15695

386,7

205,5

1,9

531,4

1993

28661

13967

373,2

181,9

2,1

487,3

1994

28812

12785

374,7

166,3

2,3

443,7

1995

29168

13539

381,3

177,0

2,2

464,2

1996

30814

13972

404,9.

183,6

2,2

453,4.

1997

 

14304

 

189,7

  
 

Berlin-West

1990

21971

11104

473,7

239,4

2,0

505,4

1991

21566

10188

458,0

216,3

2,1

472,4

1992

21798

10591

459,2

223,1

2,1

485,9

1993

21313

9734

448,4

204,8

2,2

456,7

1994

21241

8683

448,4

183,3

2,4

408,8

1995

21301

9386

453,5

199,8

2,3

440,6

1996

22584

9658

484,5

207,2

2,3.

427,6.

1997

 

9626

 

209,3

  
 

Berlin-Ost

1990

15132

7267

532,8

255,9

2,1

480,2

1991

8936

6124

312,7

214,3

1,5

685,3

1992

7739

5104

267,7

176,6

1,5

659,5

1993

7348

4233

251,0

144,6

1,7

576,1

1994

7571

4102

256,4

138,9

1,8

541,8

1995

7867

4153

266,4

140,6

1,9

527,9

1996

8230

4314

279,1.

146,3

1,9

524,2.

1997

 

4678

 

159,1

  

Datenquellen: Jahresgesundheitsberichte der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales

1995 wurden in Berlin 29.168 Entbindungen vorgenommen, davon 21.301 im Westteil und 7.867 im Ostteil der Stadt (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1996). Durch die Inanspruchnahme medizinischer Einrichtungen in Berlin von Frauen aus dem Umland bzw. von Frauen ohne Hauptwohnsitz in Berlin ist die Anzahl der Entbindungen um rund 2 % höher als die Anzahl der Lebendgeborenen; in Berlin-Ost um rund 3 %, in Berlin-West um rund 1 %. Der Rückgang der Entbindungen bis Mitte der 90er Jahre um rund 20 % ist [Seite 46↓]vorrangig auf eine Verminderung der Entbindungen im Ostteil der Stadt zurückzuführen, die sich seit 1990 praktisch halbiert hat (Tab. 16).

Die Anzahl der der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1996) ist mit 13.539 Eingriffen (1995) etwa ein Drittel höher als die vom Statistischen Bundesamt (1995: 8616 Fälle) ausgewiesene Häufigkeit (Tab. 16). Diese in den 90er Jahren zu beobachtende Diskrepanz ist auf eine mangelnde Meldedisziplin an die zentrale Erfassungsstelle zurückzuführen (FRITSCHE; POTTHOFF, 1992; HERMANN; HIESTERMANN, 1995; SCVHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1996). Mit der Neuregelung der Meldeordnung und -kontrolle haben sich die Differenzen der durch Bund und Länder erfassten Schwangerschaftsabbrüche vermindert. 1997 wurden der Senatsverwaltung Berlin 14.304 Abbrüche gemeldet (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1997), dem Statistischen Bundesamt 12.156 Behandlungsfälle (SCHWANGERSCHAFTSABBRÜCHE 1997). Nach wie vor ist jedoch, wie praktische Erfahrungen zeigen, von einem Meldedefizit, auch auf Landesebene, auszugehen.

Zur Beurteilung der Qualität der praktizierten Familienplanung und Geburtenregelung ist die Relation zwischen Geburten und Schwangerschaftsabbrüchen von besonderem Interesse. Unter der Annahme einer vollständigen Erfassung der Anzahl geborener Kinder sowie der induzierten vorzeitigen Schwangerschaftsbeendigungen ermöglichen diese Indexgrößen Aussagen über die Wirksamkeit der Anwendung von Methoden zur Vermeidung unerwünschter Schwangerschaften (FRITSCHE; HOELTZ, 1994). In Tabelle 16 sind die Kennziffern "Entbindungen je Schwangerschaftsabbruch" und Schwangerschaftsabbrüche je 1000 Entbindungen" auf der Grundlage des "Ereignisprinzips" für das Land Berlin sowie den Ost- und Westteil der Stadt ausgewiesen. 1995 kamen - eine vollständige Erfassung der Abbrüche vorausgesetzt - in Berlin insgesamt 2,2 Entbindungen auf einen Schwangerschaftsabbruch. Mit 2,3 Entbindungen je Abbruch ist die Situation im Westteil der Stadt deutlich günstiger als im Ostteil (1995: 1,9). Zwar sind die absoluten und relativen Häufigkeiten von Schwangerschaftsabbrüchen im Vergleich zu 1990 in Berlin-Ost deutlicher rückläufig als in Berlin-West, der Ausgang von eingetretenen Schwangerschaften durch Abbruch ist jedoch nach wie vor häufiger zu beobachten als in Berlin-West. Abbildung 14 veranschaulicht anhand der Kennziffer "Schwangerschaftsabbrüche je 1000 Entbindungen" die Entwicklung in den beiden Teilen der Stadt seit Mitte der 80er Jahre.

Auffällig ist die deutlich günstigere Situation hinsichtlich einer Entscheidung der Frauen und Paare zum Austragen einer bestehenden Schwangerschaft bis Ende der 80er Jahre im Ostteil der Stadt. Während 1989 in Berlin-West 521 Abbrüche je 1000 Entbindungen erfasst wurden, waren es in Berlin-Ost nur 461 je 1000 Lebendgeborene. Diese Unterschiede dürften noch größer sein, da in Ostberlin bis Ende der 80er Jahre über die Krankenblattdokumentation eine praktisch 100%ige Erfassung der Schwangerschaftsabbrüche erfolgte, in Westberlin hingegen von einer Untererfassung auszugehen ist. Nach einer sprunghaften Verschlechterung der Relation Abbrüche zu Geburten Anfang der 90er Jahre im Ostteil der Stadt auf 685 Eingriffe je 1000 Entbindungen (1991) hat sich seit Mitte der 90er Jahre ein Verhältnis von rund einem Abbruch je zwei geborene Kinder herausgebildet. Auch gegenwärtig ist die Relation "Schwangerschaftsabbrüche je 1000 Entbindungen" im Ostteil der Stadt noch ungünstiger als im Westteil. 1997 wurden in Ostberlin 524 Abbrüche je 1000 registriert, in Westberlin hingegen nur 428 je 1000 (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1997).

In Berlin wurden für das Kalenderjahr 1997 4.326 Fehlgeburten (57,4 je 10.000 Frauen im Alter von 15 bis unter 45 Jahren) erfasst (ohne die von Hebammen und Entbindungspflegern gemeldeten Ereignisse). Die meisten Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten, ließen sich in Krankenhäusern (68 %) behandeln, die übrigen suchten eine Arztpraxis auf. Die höchste Fehlgeburtenrate ist bei Frauen im Alter von 25 bis 29 Jahren zu beobachten, wobei in Berlin-Ost in allen Altersgruppen 1997 die relative Häufigkeit von Fehlgeburten [Seite 47↓]niedriger liegt als in Berlin-West (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1997). Unabhängig davon, dass bei den gemeldeten Fehlgeburten eine Untererfassung vorliegen dürfte, ist die Häufigkeit nicht induzierter vorzeitiger Schwangerschaftsbeendigungen infolge zumeist medizinischer Ursachen um ein wesentliches niedriger als der seitens der Frauen und Paare gewünschte Abbruch intakter Schwangerschaften wegen erfülltem Kinderwunsch und/oder sozialen Probleme.

Abb. 14: Schwangerschaftsabbrüche je 1000 Entbindungen bzw. Lebendgeborene (1), (2),
Land Berlin 1985 bis 1996

(1) Quelle: „JAHRESGESUNDHEITSBERICHT“, Senatsverwaltung für Gesundheit, 1989 – 1999 (Ereignisprinzip)
(2) Berechnungen aus Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche je 1000 Lebendgeborene in Berlin–Ost 1985 - 1989

Entsprechend den gesetzlichen Regelungen stellt die Schwangerenkonfliktberatung und die Bestätigung dieser Konsultation eine Voraussetzung für einen straffreien Abbruch einer unerwünscht eingetretenen Schwangerschaft dar. Im Land Berlin wurden 1997 15.660 Beratungsgespräche durch städtische Beratungsstellen, Beratungsstellen in gemeinnütziger Trägerschaft sowie in dafür legitimierten Arztpraxen durchgeführt. Im Vergleich zu den Vorjahren hat sich die Anzahl der Ratsuchenden erhöht (1995: 14.434). Mehr als die Hälfte der deutschen Frauen (55 %) und über 70 % der Ausländerinnen hatten zum Zeitpunkt der Schwangerenkonfliktberatung bereits ein oder mehrere Kinder geboren. Als Begründungen für den gewünschten Abbruch werden von den Frauen vorrangig wirtschaftliche, gefolgt von partnerschaftlichen und familiären Problemen sowie von Schwierigkeiten bei der Ausbildung oder der Erwerbstätigkeit durch die Geburt eines (weiteren) Kindes angegeben (JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1997).


[Seite 48↓]

2.3.3  Charakteristik der Bezirke Ost - Berlins

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands fanden auch die insgesamt 23 Bezirke Berlins (11 östliche und 12 westliche) wieder zueinander.

Die Stadtgrenzen Gesamt-Berlins haben Ende 1989 eine Ausdehnung von 229 km und umgeben eine Gesamtfläche von 883 km². Davon entfallen 480 km² auf Berlin-West und 403 km² auf Berlin-Ost.

Am 31.12.1989 waren in Gesamt-Berlin 3.413.263 Einwohner melderechtlich registriert, darunter 316.000 Ausländer (BERLINER BEZIRKE – STAT. TASCHENBUCH 1990).

37.596 Lebendgeborenen stehen 44.066 Gestorbene insgesamt gegenüber. Der Anteil nichtdeutscher Lebendgeborener betrug 1990 14,6 % in Gesamt-Berlin (statistische Erfassung dieser Angabe für Berlin-Ost ab 03.10.1990 ).

Der folgenden Beschreibung der Bezirke im Ostteil der Stadt liegen statistische Angaben des Landesamtes Berlin (BERLINER BEZIRKE – STAT. TASCHENBUCH 1990), des STATISTISCHEN JAHRBUCHES 1991 bis 1997, des JAHRESGESUNDHEITSBERICHTES 1997 der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales sowie Angaben aus „BERLIN ´90 – DAS JAHR IM RÜCKBLICK zu Grunde.

Friedrichshain

Der im Berliner Zentrum gelegene Stadtbezirk Friedrichshain verdankt seinen Namen dem Park Friedrichshain, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt wurde. Das Gebiet des Bezirkes bestand noch bis in das vorige Jahrhundert hinein aus Wiesen und Äckern. Zu Friedrichshain gehört einer der am frühesten besiedelten Ortsteile Berlins, die Halbinsel Stralau.

Bei der Gründung Groß-Berlins im Jahr 1920 wurde Friedrichshain als 5. Verwaltungsbezirk eingemeindet.

Der Stadtbezirk ist mit seiner Gesamtfläche von 9,8 km² der kleinste Berliner Bezirk. Davon entfallen 0,8 km² auf Wasser und das bedeutet Platz 2 nach Köpenick (19,2 km²) in Bezug auf die Ostberliner Wasserfläche.

In Friedrichshain lag Ende 1989 die Einwohnerzahl bei 109.830 (52.091 männliche und 57.739 weibliche Einwohner), die Bevölkerungsdichte beträgt 11.207 Einwohner je km². Damit hat der Bezirk die zweitgrößte Bevölkerungsdichte nach Prenzlauer Berg.

In Friedrichshain entfielen von 7,7 km² bebauter Fläche 3,6 km² auf Wohnfläche. Von den rund 67.000 Wohnungen wurden etwa zwei Drittel vor 1946 gebaut, woraus auch der geringste Ausstattungsgrad (9 % ohne Innentoilette, 27 % ohne Bad bzw. Dusche) aller Berliner Bezirke resultierte.

Der Bezirk verfügte über 39 Kinderkrippen und 58 Kindergärten.

Die Erholungsfläche betrug 1,1 km².

In den folgenden Jahren verringerte sich die Einwohnerzahl im Friedrichshain von 1990 mit 107.844 Einwohnern bis 1996 auf 105.801 Einwohner. Ende 1997 sank die Einwohnerzahl auf 103.743. Betrachtet man hingegen die Entwicklung des Zuzuges von Ausländern, so konnte ein Anstieg von 1.100 (1990) auf 8.113 (1996) registriert werden.

Während sich die Zahl der vorhandenen Wohnungen bis 1996 (67.129) kaum verändert hat, wurde der Ausstattungsgrad deutlich verbessert. Allerdings bedarf ein Teil der Wohnungen im Bezirk Friedrichshain trotz dieser Entwicklung (6,1 % Wohnungen ohne WC und 4,2 % ohne Bad) einer weiteren Sanierung.

Die Zahl der Kindertagesstätten, hier sollen vor allem die Kinderkrippen und Kindergärten hervorgehoben [Seite 49↓]werden, wurde erweitert. 1996 existierten 45 Kinderkrippen und 95 Kindergärten.

Hellersdorf

Nachdem Hellersdorf zunächst bei der Gründung Groß-Berlins als Ortsteil in den Bezirk Lichtenberg einging, wurde Hellersdorf am 01.06.1986 eigenständig. Heute gehören auch Kaulsdorf und Mahlsdorf dazu.

Der Bezirk hat eine Gesamtfläche von 28,1 km². Von den 21,9 km² bebauter Fläche sind 18,1 km² Wohnfläche. Drei Viertel der rund 46.000 Wohnungen wurden nach 1970 erstellt. Dennoch verfügten 2 % nicht über eine Innentoilette, 4 % weder über ein Bad noch eine Dusche.

Die Einwohnerzahl betrug Ende 1989 109.464 (53.032 männliche und 56.432 weibliche Einwohner), die Bevölkerungsdichte lag bei 3.896 Einwohnern je km².

Der Bezirk verfügte über 46 Kinderkrippen und 67 Kindergärten.

Die Erholungsfläche beträgt 2,7 km².

Zwischen 1990 und 1996 stieg die Einwohnerzahl von 120.912 auf 136.025 Einwohner in Hellersdorf an. 1997 sank die Einwohnerzahl auf 133.144 Einwohner leicht ab. Dabei dürfte die Verdreifachung des Ausländeranteils von 1.169 (1990) auf 3.500 (1996) eine eher untergeordnete Rolle spielen.

Die Zahl der Wohnungen erhöhte sich bis 1996 um mehr als 11.000 auf insgesamt 55.554 Wohnungen. Nicht zuletzt durch den Neubau von Wohnungen verbesserte sich der Ausstattungsgrad aller Wohnungen im Bezirk. 1996 wiesen lediglich 0,4 % kein WC und 0,7 % kein Bad aus.

Mit Zunahme der Bevölkerungszahl nahmen ebenfalls die Unterbringungsmöglichkeiten von Kindern in Kindertagesstätten zu. So stieg die Zahl der Kinderkrippen bis 1996 auf 67 und die der Kindergärten verdoppelte sich sogar (138).

Hohenschönhausen

1920 wurde der Bezirk zunächst in das neugegründete Groß-Berlin eingemeindet. Erst 1985 erfolgte durch die Ausgliederung der vormals zum Bezirk Weißensee gehörenden Ortsteile Falkenberg, Malchow, Wartenberg und Hohenschönhausen ein eigenständiger Verwaltungsbezirk.

Der zweitjüngste Berliner Bezirk hat eine Gesamtfläche von 26,0 km². Die davon mit 14,9 km² bebaute Fläche enthält 7,0 km² Wohnfläche. Gut drei Fünftel der rund 47.000 Wohnungen wurden 1971 und später gebaut. Entsprechend hoch ist der Ausstattungsgrad. Über 98 % der Wohnungen verfügten über Innentoilette, Bad und Dusche.

Die Bevölkerungsdichte beträgt 4.541 Einwohner je km². Von der Ende 1989 ermittelten Bevölkerungszahl von 118.056 entfielen 57.939 auf die männliche und 60.117 auf die weibliche Bevölkerung.

Hohenschönhausen verfügte über 45 Kinderkrippen und 69 Kindergärten.

Die Erholungsfläche beträgt 3,1 km².

Die Einwohnerzahl im Bezirk Hohenschönhausen blieb, mit leichten Schwankungen seit 1990 (118.355), nahezu konstant. Trotz der Wanderungsbewegungen aus dem Bezirk heraus konnte diese Konstanz durch den Zuzug von Ausländern (1990: 2.372 auf 1996: 6.296 ) ausgeglichen werden. Bis Ende 1997 ist ein leichter Rückgang der Bevölkerung auf 115.459 Einwohner nachweisbar.

1996 ist der Wohnungsbestand auf 49.743 Wohnungen angestiegen. In 0,1 - 0,3 % des gesamten Wohnungsbestandes fehlen entweder ein WC bzw. ein Bad.

Bis 1996 erfolgte ein Ausbau von Kindertagesstätten. So wurden 65 Kinderkrippen und 138 Kindergärten [Seite 50↓]registriert.

Lichtenberg

1907 erhielt Lichtenberg Stadtrecht. 1920 wurde die Stadt Lichtenberg mit den Landgemeinden Friedrichsfelde, Kaulsdorf, Mahlsdorf und Marzahn sowie den Gutsbesitzen Biesdorf und Hellersdorf zusammengefasst und 17. Verwaltungsbezirk des neugegründeten Groß-Berlin. Nach der Bildung der eigenständigen Bezirke Marzahn und Hellersdorf zählen heute nur noch die Ortsteile Friedrichsfelde, Karlshorst und Rummelsburg zu Lichtenberg.

Die Gesamtfläche betrug 26,4 km². 8,7 km² der insgesamt 19,6 km² bebauter Fläche ist Wohnfläche.

In Lichtenberg gab es Ende 1989 rund 80.000 Wohnungen, von denen etwa die Hälfte zwischen 1946 und 1970 gebaut wurden. Über 98 % sind mit einer Innentoilette, über 95 % mit Bad oder Dusche ausgestattet.

Im Stadtbezirk bestand eine Bevölkerungsdichte von 6.526 Einwohnern je km² bei einer Bevölkerung von 172.277. Davon waren 82.734 männliche und 89.543 weibliche Einwohner.

Lichtenberg ist der Bezirk, in dem die meisten Ausländer in Berlin-Ost lebten. Ihr Anteil an den Einwohnern betrug 4 %.

Im Stadtbezirk gab es 52 Kinderkrippen und 82 Kindergärten.

Die Erholungsfläche umfaßte ein Gebiet von 5,0 km².

Die Erfassung der Bevölkerungszahl in Lichtenberg zeigt eine eher abnehmende Tendenz. 1990 lebten 167.362, 1996 nur noch 166.438 gemeldete Einwohner im Bezirk. Auffallend hierbei ist die steigende Zahl von zugewanderten Ausländern (1996: 15.451); im Ostteil der Stadt der mit Abstand höchste Ausländeranteil. Bis Ende 1997 sank die Einwohnerzahl auf 163.153.

1996 wurden 84.047 Wohnungen registriert. Lediglich 0,8 % der Wohnsubstanz verfügte nicht über ein WC und 1,2 % wies kein Bad auf.

Der Anteil an Kindertagesstätten stieg bis 1996 an. So wurden 67 Kinderkrippen und 148 Kindergärten registriert.

Treptow

Treptow und seine Ortsteile Plänterwald, Baumschulenweg, Johannisthal, Niederschöneweide, Adlershof, Altglienicke und Bohnsdorf waren ursprünglich ein Waldgebiet, das die Stadt Cölln 1261 als Geschenk von MARKGRAF OTTO III. erhielt.

„Trepkow“ wurde vermutlich erstmals 1586 als kleine Fischereisiedlung genannt und entwickelte sich während der folgenden zwei Jahrhunderte zu einem Vorwerk, in dem Bier und Wein ausgeschenkt wurden.

Treptow und seine vorgenannten sieben Ortsteile wurden 1920 in das neugegründete Groß-Berlin als 15. Verwaltungsbezirk eingemeindet.

Der Stadtbezirk hat eine Gesamtfläche von 40,6 km². Von den 26,2 km² bebauter Fläche entfallen 14,6 km² auf Wohnfläche.

In Treptow gab es Ende 1989 rund 52.000 Wohnungen, von denen gut zwei Drittel im Zeitraum von 1919 bis 1970 erstellt wurden. Fast 96 % verfügten über eine Innentoilette, über 91 % haben ein Bad oder eine Dusche.

Die Bevölkerungsdichte im Stadtbezirk Treptow betrug 2.530 Einwohner je km².

Ende 1989 rekrutierte sich die Bevölkerung von 102.704 Einwohnern aus 47.869 Männern und 54.835 [Seite 51↓]Frauen.

Treptow verfügte über 27 Kinderkrippen und 57 Kindergärten.

Die Erholungsfläche betrug 6,6 km².

Die Bevölkerung stieg bis 1996 auf 109.466 Einwohner an, Ende 1997 waren es 111.368, der Anteil an Ausländern stieg ebenfalls. Waren es 1990 noch 453, so stieg deren Zahl 1996 auf 4.782 an.

Der Wohnungsbestand wurde auf 56.327 Wohnungen ausgeweitet. Lediglich in 3,2 % der registrierten Wohnungen fehlen WC beziehungsweise ein Bad.

Der Bezirk verfügte 1996 über 54 Kinderkrippen und 128 Kindergärten.

Köpenick

Köpenick erhielt 1239 das Stadtrecht und kam zu Brandenburg. Das 1904 fertiggestellte Rathaus wurde durch die „Köpenickiade“ des Schuhmachers Wilhelm Voigt weltbekannt.

1920 wurde Köpenick zum 16. Verwaltungsbezirk des neugegründeten Groß-Berlin. Der Bezirk setzt sich aus den 10 Ortsteilen Friedrichshagen, Grünau, Köpenick, Müggelheim, Oberschöneweide, Rahnsdorf, Schmöckwitz, Spindlersfeld, Wendenschloß und Wilhelmshagen zusammen.

Die Gesamtfläche des größten Stadtbezirkes in Berlin-Ost beträgt 127,3 km².

Etwa die Hälfte der Bezirksfläche ist mit Wald bedeckt, gut ein Siebentel entfällt auf Wasser. Damit ist Köpenick der wald- und wasserreichste aller Berliner Bezirke.

Von den 30,3 km² bebauter Fläche entfielen 17,5 km² auf Wohnfläche. Köpenick enthielt überwiegend alte Wohnsubstanz. Über 56 % der rund 56.500 Wohnungen wurden vor 1946 gebaut. 6 % verfügten nicht über eine Innentoilette, 10 % hatten weder Bad noch Dusche.

Die Bevölkerungsdichte lag mit 874 Einwohnern je km² deutlich unter der durchschnittlichen Bevölkerungsdichte (3.172 Einwohner je km²). Die Bevölkerung betrug Ende 1989 111.304, darunter 53.346 Männer und 60.268 Frauen.

In Köpenick gab es 31 Kinderkrippen und 59 Kindergärten.

Der Stadtbezirk verfügte über eine Erholungsfläche von 7,9 km².

Im Zeitraum 1990 bis 1996 blieb die Bevölkerungszahl in etwa konstant.

1996 wurden 110.115 Einwohner registriert, Ende 1997 112.238, darunter 4.081 Ausländer, deren Zahl seit 1990 (572) angestiegen ist.

Bis 1996 stieg die Zahl der Wohnungen um zirka 1000 Wohnungen auf 57.645 an. 2,3 % dieser Wohnungen wiesen kein WC auf. Ein Bad fehlte in 4,4 %.

Köpenick verfügte 1996 über 34 Kinderkrippen und 89 Kindergärten.

Mitte

Um 1230 wurden auf der südlichen Seite der Spree die Siedlung Cölln und am nördlichen Spreeufer die Siedlung Berlin gegründet. Im Gründungsraum dieser beiden mittelalterlichen Siedlungen liegt der Bezirk Mitte, der 1920 als erster Verwaltungsbezirk Bestandteil des neugegründeten Groß-Berlin wurde.

Eine kleinere Gesamtfläche als Mitte (10,7 km²) hat im Ostteil der Stadt lediglich Friedrichshain.

Von den 8,9 km² bebauter Fläche entfielen 3,2 km² auf die Wohnfläche. Das Alter der Bausubstanz, fast die Hälfte der rund 45.000 Wohnungen stammt aus der Zeit vor 1919, macht sich natürlich im Ausstattungsgrad [Seite 52↓]bemerkbar. 9 % hatten keine Innentoilette, 13 % verfügten weder über Bad noch Dusche.

Bei einer Bevölkerungsdichte von 7.379 Einwohnern je km² und einer Bevölkerung von 78.952 war der Bezirk Mitte Ende 1989 nach Prenzlauer Berg und Friedrichshain der drittstärkste besiedelte Bezirk in Berlin-Ost. In Mitte lebten 37.412 Männer und 41.940 Frauen.

Der Bezirk verfügte über 33 Kinderkrippen und 52 Kindergärten.

Die Erholungsfläche betrug 1,1 km².

Wie in Köpenick wurde der Wohnbestand um 1000 Wohnungen auf 46.184 erweitert. Allerdings fällt der noch immer schlechte Ausstattungsgrad der bestehenden Wohnsubstanz auf. In 4,8 % der Haushalte fehlte ein WC und in 5,9 % fehlte ein Bad.

Die Erfassung der Bevölkerung in Mitte blieb von der Zahl relativ konstant. Ende 1997 lebten 76.721 Einwohner in Mitte. Allerdings ergaben sich Veränderungen in der Zusammensetzung. Die Zahl der Ausländer stieg von 1990 (1.602) auf 8.249 an. Dies weist auf Wanderungsbewegungen deutscher und nichtdeutscher Bevölkerungsanteile hin.

Im Bezirk bestanden 1996 52 Kinderkrippen und 102 Kindergärten.

Pankow

Pankow ging 1920 als 19. Verwaltungsbezirk in das neugegründete Groß-Berlin ein. Der Bezirk wird von der Panke, dem rechten Zufluss der Spree in Berlin, durchflossen. Zu Pankow gehören die Ortsteile Blankenfelde, Buch, Buchholz, Niederschönhausen, Rosenthal und Wilhelmsruh. Die Ortsteile Heinersdorf, Blankenburg und Karow wurden Weißensee angegliedert. In Niederschönhausen, einem Villenort mit Schloß, hatte einst die Gemahlin Friedrichs des Großen ihren Wohnsitz.

Mit einer Gesamtfläche von 61,9 km² ist Pankow der zweitgrößte Stadtbezirk nach Köpenick. Rund ein Fünftel der Fläche ist mit Wald bedeckt.

Die bebaute Fläche betrug 22,9 km², wovon 12,7 km² auf die Wohnfläche entfielen. Pankow konnte rund 55.000 Wohnungen aufweisen. Knapp zwei Drittel wurden vor 1946 gebaut. Der Ausstattungsgrad der Wohnungen war hoch. 97 % hatten ein Innentoilette, 92 % verfügten über ein Bad oder Dusche.

Die Bevölkerungsdichte lag bei 1.760 Einwohnern je km². Im Stadtbezirk lebten 50.346 Männer und 58.584 Frauen. Die Bevölkerungszahl lag 1989 bei 108.930 Einwohnern.

Pankow verfügte über 34 Kinderkrippen und 73 Kindergärten.

Die Erholungsfläche betrug 8,9 km² .

In Pankow konnte eine Ausweitung der Wohnungszahl auf 60.440 Wohnungen erreicht werden. Da lediglich in 1,2 % der Wohnungen ein WC sowie in 0,7 % ein Bad fehlen, ist der Ausstattungsgrad im Vergleich mit den übrigen Bezirken relativ hoch.

Die Bevölkerungszahl stieg von 1996 mit 114.140 Einwohnern auf 118.212 Ende 1997 an. Der Ausländeranteil erhöhte sich von 1.129 (1990) auf 4.977 Mitbürger.

Pankow verfügte 1996 über 49 Kinderkrippen sowie 101 Kindergärten.


[Seite 53↓]

Prenzlauer Berg

Der Bezirk ist nach einer kleinen Anhöhe am Südrand des Gebietes benannt, über die eine von Händlern im Mittelalter benutzte Straße nach Prenzlau führte. Damals gehörte Prenzlauer Berg gebietsmäßig zur kaum besiedelten Berliner Feldmark und war überwiegend Weide- und Ackerland. Windmühlen und Weinhänge bestimmten bis in das 19. Jahrhundert hinein das Landschaftsbild.

Prenzlauer Berg wurde 1920 durch preußisches Gesetz als 4. Verwaltungsbezirk in das neugegründete Groß-Berlin eingemeindet.

Mit 10,9 km² Gesamtfläche gehört Prenzlauer Berg zu den flächenmäßig kleinsten Stadtbezirken. Von den 9,3 km² bebauter Fläche entfielen 5,1 km² auf Wohnfläche.

Es gab rund 91.000 Wohnungen. Gut vier Fünftel der Bausubstanz wurde vor 1946 erstellt. Dementsprechend fiel der Ausstattungsgrad der Wohnungen aus. Nur etwa 88 % waren mit einer Innentoilette und nur 75 % mit Bad oder Dusche ausgestattet.

Mit der geringen vorhandenen Wohnfläche war Prenzlauer Berg der Stadtbezirk mit der größten Bevölkerungsdichte (13.300 Einwohner je km²). Die Bevölkerungszahl betrug Ende 1989 144.971. Davon lebten 67.843 männliche und 77.128 weibliche Personen im Stadtbezirk .

Prenzlauer Berg verfügte über 55 Kinderkrippen und 82 Kindergärten.

Die Erholungsfläche erstreckte sich über 1,5 km².

Bei der Betrachtung der registrierten Wohnungen fällt ein Defizit von ca. 4.000 Wohnungen seit 1989 auf. 1996 wurden noch 86.883 Wohnungen erfasst. In 6,7 % fehlte ein WC und in 12,0 % fehlte ein Bad. Ursache für die Registrierung einer geringeren Wohnungszahl dürfte durch Abriss, Sanierungsmaßnahmen beziehungsweise Wohnungszusammenlegungen erklärbar sein.

Die Bevölkerung verringerte sich bis 1996 auf 141.874 Einwohner. Ende 1997 wurden nur noch 137.541 Einwohner registriert.

Stark angestiegen ist seit 1990 (946) die Zahl der ausländischen Mitbürger, so wurden 1996 bereits 9.225 Ausländer erfasst.

Die Zahl der Kindertagesstätten stieg wie in fast allen Ostberliner Bezirken stark an.

1996 verfügte der Prenzlauer Berg über 88 Kinderkrippen und 183 Kindergärten.

Weißensee

Weißensee wurde als 18. Verwaltungsbezirk 1920 in das neugegründete Groß-Berlin eingemeindet. Mit der Bildung des Bezirks Hohenschönhausen 1985 verlor Weißensee die Ortsteile Falkenberg, Hohenschönhausen, Malchow und Wartenberg.

Außer dem Ortsteil Weißensee, der den „Weißen See“ umgibt, besteht der Bezirk aus den Ortsteilen Blankenburg, Heinersdorf und Karow.

Der Stadtbezirk hat eine Gesamtfläche von 30,1 km². Davon entfielen 15,3 km² auf bebaute Fläche. Die Wohnfläche betrug 10,3 km².

Mit rund 27.000 Wohnungen belegte der Bezirk den letzten Rang in Gesamt-Berlin.

Mehr als zwei Drittel der Wohnungen wurden vor 1946 gebaut. Weißensee hatte damit nach Prenzlauer Berg die zweitälteste Bausubstanz aller Berliner Bezirke. Trotzdem war der Ausstattungsgrad relativ hoch. Rund 5 % hatten keine Innentoilette und 9 % hatten weder Bad noch Dusche.


[Seite 54↓]

Weißensee hatte eine Bevölkerungsdichte von 1.744 Einwohnern je km². Bei einer Bevölkerung von 52.484 lebten 24.499 Männer und 27.985 Frauen im Stadtbezirk.

Weißensee verfügte über 15 Kinderkrippen und 27 Kindergärten.

Die Erholungsfläche betrug 5,6 km².

Weißensee hatte bis 1996 den Wohnungsbestand auf 32.494 Wohnungen erhöht.

Auch auf dem Sanierungssektor konnte eine Verbesserung der Wohnsubstanz erzielt werden.

Nur noch 1,3 % der Wohnungen fehlte ein WC und 3,2 % ein Bad.

Die Bevölkerungszahl stieg bis 1996 auf 60.553 Einwohner an, Ende 1997 betrug sie 65.883. Bei einem eher geringem Anstieg des Ausländeranteils von 686 (1990) auf 2.278 (1996) ist von einer zunehmenden Besiedlung von Weißensee auszugehen.

Der Bezirk verfügte 1996 über 24 Kinderkrippen und 66 Kindergärten.

Marzahn

Marzahn ist Berlins drittjüngster Bezirk. Bei der Gründung Groß-Berlins 1920 wurde Marzahn zunächst in den Bezirk Lichtenberg eingemeindet. Erst 1979 wurde Marzahn im Zuge der Errichtung von Neubaukomplexen eigenständig. Zum Bezirk gehören die Ortsteile Biesdorf und Friedrichsfelde-Ost.

Die Gesamtfläche des Bezirkes umfasst 31,5 km². 11,7 km² der 24 km² bebauten Fläche waren als Wohnfläche ausgewiesen. Von den 65.000 Wohnungen verfügten Ende 1989 über 99 % über Innentoilette, Bad oder Dusche. Rund 91 % der bestehenden Wohnungen sind nach 1970 gebaut worden.

Die Bevölkerungsdichte in Marzahn belief sich Ende 1989 auf 5.404 Einwohner je km² bei einer Bevölkerung von 170.240 (82.947 Männer und 87.293 Frauen). Mit einem Ausländeranteil von 2,3 % lag Marzahn an zweiter Stelle in Berlin-Ost nach Lichtenberg.

Marzahn verfügte über 61 Kinderkrippen und 71 Kindergärten.

Die Erholungsfläche betrug 4,5 km².

Der Wohnungsbestand in Marzahn blieb in der Zeit bis 1996 relativ konstant. So wurden 65.935 Wohnungen erfasst. Dementsprechend hoch ist auch der Ausstattungsgrad der vorhandenen Wohnungen. Nur in 0,1 % fehlte ein WC und in 0,2 % fehlte ein Bad.

Besonders auffällig ist der erhebliche Bevölkerungsverlust. Waren 1990 noch 167.371 Einwohner registriert, so sank deren Zahl bis 1996 auf 155.843 und bis Ende 1997 auf 148.569 Einwohner. Daran konnte auch der eher geringe Zuzug von Ausländern statistisch nichts ändern. Die Zahl ausländischer Mitbürger stieg von 1990 mit 3.985 bis 1996 auf 5.282 an.

Interessant ist ebenfalls, dass in Marzahn ein Verlust von 20 Kinderkrippen auf insgesamt 41 festgestellt wurde. Die Zahl der Kindergärten stieg auf 90 an.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
13.08.2004