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4  Methodik

4.1 Stichprobe und Erhebungsmethode

Mittels des Einwohnerdatenspeichers wurde im Mai 1990 eine nach Alter und Wohnsitz der Frau repräsentative Stichprobe von 3.000 Probandinnen in Berlin-Ost gezogen.

Als Auswahlkriterien für die Stichprobenwahl waren vorgegeben:

Aus inhaltlichen Gründen wurde die Befragung auf Frauen begrenzt, die im „statistisch“ fertilen Alter waren. Der Hauptwohnsitz wurde als Auswahlkriterium gewählt, um die nur zeitweilig in Berlin lebenden Frauen (z. B. Studentinnen) nicht überproportional in die Studie einzubeziehen.

Die polizeiliche Meldepflicht in der DDR, die auch im wesentlichen für die Übergangsperiode nach der „Wende“ als gegeben angesehen werden kann, ermöglichte eine repräsentative Stichprobenwahl entsprechend der Bevölkerungsstrukturen in den jeweiligen Bezirken von Berlin-Ost im Jahre 1990. Mit den 3.000 zufällig ausgewählten Probandinnen wurden rund 1 % der Ostberliner Frauen im Alter von 15 bis unter 45 Jahren in die Untersuchung einbezogen.

Die Befragung erfolgte durch Ärztinnen und Ärzte, welche die Frauen zu Hause aufsuchten, um sie bei der Übergabe des Fragebogens zu einer Teilnahme an der Studie zu motivieren. Die Ausfüllung des Fragebogens wurde durch die Frau vorgenommen, so dass eine Einflussnahme durch den Interviewer weitgehend ausgeschlossen werden konnte. Die Ärztinnen bzw. Ärzte standen den Frauen jedoch für inhaltliche Fragestellungen und Problemdiskussionen zur Verfügung und überprüften bei der Rückgabe die Vollständigkeit der Angaben zu den erfragten Inhalten.

Rund 10 % der in die Stichprobe einbezogenen Frauen verweigerten ihre Teilnahme an der Untersuchung.

Rund 20 % der Frauen waren verzogen bzw. unter der angegebenen Adresse aus der Stichprobenwahl des Einwohnerdatenspeichers vom Mai 1990 nicht auffindbar. Für einen Teil der verzogenen Frauen konnte ihre neue Adresse ausfindig gemacht und diese Probandinnen, lebend in Berlin-Ost, in die Untersuchung einbezogen werden (n=69). Für einen weiteren Teil konnten Ersatzpersonen, die alters- und wohnsitzgleich waren, für die Erhebung gewonnen werden (n=175).

Insgesamt wurden 2.089 Frauen befragt, was einer Beteiligungsrate von rund 70 % entspricht. Die Haupterfassung erfolgte von September 1990 bis Februar 1991; die Nacherfassung wurde im Juni 1991 abgeschlossen. Parallel zur Zunahme der sozialen Verunsicherung der Menschen in den neuen Bundesländern und Berlin-Ost verringerte sich die Bereitschaft der Frauen zur Teilnahme an der Untersuchung.

Durch den persönlichen Kontakt mit den befragten Frauen und die fachliche Kompetenz der Interviewer war die Teilnahmebereitschaft der Probandinnen und die Qualität der ausgefüllten Erhebungsbelege sehr hoch. Von den 2.089 erfassten Biogrammen konnten 2.077 in die Analyse einbezogen werden, davon 2.076 Probandinnen mit zuordenbarem regionalen Wohnsitz.

4.2 Inhalte der Befragung

Der Erhebungsbeleg „Studie Frau ’90“ (siehe Anlage) zur Prüfung der Abhängigkeit der Familienplanung und des Kinderwunsches von der Lebenssituation der Frauen und Familien beinhaltet folgende [Seite 59↓]Schwerpunkte:

Sexualverhalten und Haltung der Frauen zum Schwangerschaftsabbruch.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werden Ergebnisse zum generativen Verhalten der Frauen, differenziert nach dem Hauptwohnsitz der Frau innerhalb von Berlin-Ost, bezüglich abweichender regionaler Verteilungen und bezirklicher Besonderheiten geprüft.

Zur Auswertung kommen folgende inhaltliche Bereiche:

Anzahl der bereits geborenen Kinder und bestehende Schwangerschaften zum Zeitpunkt der Befragung (Aggregation der Fragen 20 und 21, Fragen 48 bis 50)

Gewünschte Kinderzahl der Frauen unter konkreten Lebensbedingungen (Frage 14)

Aktueller und/oder späterer Kinderwunsch (Fragen 17 und 19)

Argumente für fehlenden (aktuellen) Kinderwunsch (Frage 18)

Kinderwunsch erfüllt

Alter der Frau

Partnerbeziehungen

Ausbildung und berufliche Entwicklung

Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit

Kinderbetreuung

Wohn- und Einkommensverhältnisse

Belastung und Gesundheit

Lebensgestaltung

Kontrazeption

Kenntnis und Zeitpunkt der Information über Verhütung (Fragen 45 und 47)

Meinung zur und Anwendung von Verhütung (Fragen 42 und 43)

Praktizierte Verhütung (Frage 55)

Gründe für Nichteinnahme der „Pille“ (Fragen 56 und 57)

Entscheidung über Absetzung der „Pille“ (Frage 58)

Sexuelle Kontakte

Kohabitarche (Frage 32)

Häufigkeit von Intimverkehr (Frage 60)

Schwangerschaftsabbruch

Vorangegangene Schwangerschaftsabbrüche (Frage 36)

Meinung der Frauen zu rechtlichen Regelungen für einen legalen Abbruch (Frage 61)


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Zur Prüfung sozialer Determinanten als Einflussfaktoren auf mögliche Unterschiede in den Verteilungen generativer Einstellungen und Verhaltensweisen zwischen den Wohnbezirken wurden die Probandinnen der jeweiligen Region gruppiert:

nach dem ALTER der Frau:

in 10-Jahresgruppen (15-24, 25-34, 35-44 Jahre),

mit Schwerpunkt auf Jugendliche und junge Frauen (15-19, 20-24, 25-44)

nach der Anzahl der bereits geborenen KINDER:
(Aggregation der Fragen 20 und 21) in

kein Kind

ein Kind

zwei Kinder

drei und mehr Kinder

nach dem FAMILIENSTAND:
(Aggregation der Frage 6) in

ledig

verheiratet

geschieden, verwitwet

nach dem beruflichen BILDUNGSABSCHLUSS der Frau:
(Aggregation der Frage 68) in

keinen Berufsabschluss (Un- und Angelernte, Teilfacharbeiter)

Facharbeiterabschluss

Meister- oder Fachschulabschluss

Hochschulabschluss

noch in Ausbildung

nach der ERWERBSTÄTIGKEIT der Frau:
(Frage 69) in

vollzeitbeschäftigt

teilzeitbeschäftigt

z. Z. arbeitslos

z. Z. Hausfrau

noch in Ausbildung.

Das Alter der Frau wurde aus ihrem Geburtsdatum und dem Datum der Ausfüllung des Erhebungsbeleges ermittelt. Die Verteilung der Frauen nach Altersgruppen ist in Tabelle 17 ersichtlich. Auf eine kohortenspezifische Analyse nach Geburtsjahren der Frauen wurde wegen der geringen Besetzung der Kalenderjahrgänge (zumeist unter 100 Probandinnen) bewusst verzichtet. Die Altersstruktur der Probandinnen, die an der Studie teilgenommen habend, entspricht im wesentlichen der Verteilung der Frauen im gebärfähigen Alter 1990 in Berlin-Ost.

Die wechselseitige Untersuchung zwischen generativem Verhalten und Anzahl der Kinder konzentriert sich auf die von den Frauen lebendgeborenen Kinder.


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Tab. 17: Absolute und relative Verteilung der weiblichen Bevölkerung zwischen 15 und 44 Jahren in der DDR, Berlin-Ost und der Studie Frau ´90

Alter

(in vollendeten

Jahren)

Weibliche Bevölkerung

DDR per 31.12.1989 (1)

Berlin-Ost (2)

Studie Frau ´90 (3)

Absolut in

1000 Frauen

in %

Absolut in

1000 Frauen

in %

Absolut

in %

15 – 19

478,0

14,2

32,3

11,4

229

11,1

20 – 24

596,9

17,7

52,2

18,4

356

17,2

25 – 29

672,2

20,0

63,7

22,4

467

22,5

30 – 34

611,3

18,2

51,4

18,1

404

19,5

35 – 39

601,1

17,9

48,2

17,0

348

16,7

40 – 44

404,6

12,0

36,2

12,7

272

13,1

Insgesamt

3.364,1

100

284,0

100

2076

100

Quellen: (1) Der Bundesminister für Gesundheit, DATEN DES GESUNDHEITSWESENS, Ausgabe 1991
(2) Senatsverwaltung für Gesundheit, JAHRESGESUNDHEITSBERICHT 1991, Berlin 1992
(3)STUDIE FRAU ´90: Bevölkerungsrepräsentative Erhebung 1990/91, Berlin Ost

4.3 Auswertung und statistische Sicherung der Ergebnisse

Nach einer inhaltlichen und formalen Kontrolle der Originalbelege wurden die Daten in einen Personal-Computer eingegeben und eine Datenbank unter Berücksichtigung des Hauptwohnsitzes der Frau erstellt.

Der Datensatz umfasst 2.076 Frauen mit 203 Variablen (einschließlich der Systemvariablen).

Die rechentechnische Bearbeitung und statistische Sicherung der Ergebnisse erfolgte mit der Software SPSS/PC+.

Neben den einfachen Häufigkeitsverteilungen der Frauen hinsichtlich der erfragten Inhalte zum generativen Verhalten und zur sozialen Situation der Probandinnen werden zwei- und dreidimensionale Verteilungen hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen Kinderwunsch und Familienplanung, kontrazeptiver Einstellungen und Verhaltensweisen sowie zur gynäkologisch/geburtshilflichen Anamnese und dem Sexualverhalten nach der Wohnregion der Frau erstellt und statistisch geprüft. Für ausgewählte Fragestellungen werden Verteilungen generativer Einstellungen und Verhaltensweisen nach Bezirken und sozialstrukturellen Merkmalen der Frau im Tabellenanhang ausgewiesen.

Die regionale Gliederung von Berlin-Ost zum Zeitpunkt der bevölkerungsrepräsentativen Erhebung beinhaltete 11 Stadtbezirke:

Friedrichshain

(FH)

Hellersdorf

(HD)

Hohenschönhausen

(HSH)

Köpenick

(KÖ)

Lichtenberg

(LB)

Marzahn

(MZ)

Mitte

(MI)

Pankow

(PK)

Prenzlauer Berg

(PB)

Treptow

(TR)

Weißensee

(WS)


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Insbesondere bei Tabellen und Abbildungen werden zur Dokumentation der regionalen Ergebnisse die jeweiligen Kürzel verwendet.

In die statistische Prüfung wurden Frauen ohne Angabe bzw. Frauen, für die die jeweilige Fragestellung nicht zutreffend war, nicht einbezogen.

Hinsichtlich der meisten Inhalte der vorliegenden Arbeit werden die jeweiligen Wohnbezirke sowie die sozialstrukturellen Merkmale der Frau als unabhängige Variable und die jeweiligen Einstellungen und Verhaltensweisen zu Schwangerschaft und Geburt als abhängige Variable betrachtet.

Für die Ermittlung signifikanter Unterschiede und Zusammenhänge wird eine Irrtumswahrscheinlichkeit von 5 % zugrunde gelegt. Die statistische Prüfung der zweidimensionalen Verteilungen erfolgt mittels Chi²-Test, die der dreidimensionalen Verteilungen auf der Grundlage der Varianzanalyse.

Der tabellarische Ergebnisnachweis ist als Anhang beigefügt. Im Textteil werden bei der Darstellung der Ergebnisse vorwiegend prozentuale Häufigkeiten ausgewiesen und durch Graphiken veranschaulicht. Die Prozentangaben sind auf eine Stelle nach dem Komma gerundet. Ergebnisse, die nur auf einer geringen absoluten Häufigkeit basieren, werden besonders hervorgehoben.


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13.08.2004