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6  Kinderzahl und Kinderwunsch

6.1 Anzahl der geborenen Kinder und bestehende Schwangerschaften

Für das generative Verhalten der Frauen und Paare ist, neben dem Alter der Frauen, die Anzahl der bereits geborenen Kinder von besonderer Bedeutung. So mindert sich erwartungsgemäß mit zunehmender Kinderzahl der Wunsch und die Entscheidung zur Geburt eines weiteren Kindes (GEISSLER, 1978; HENNING, Gert; HENNING, Marion, 1992; POHL, 1995; EXNER, 1996; HOLZER; MÜNZ 1996).

Rund ein Viertel unserer Probandinnen war zum Zeitpunkt der Befragung kinderlos (28,2 %), jeweils ein Drittel hatten bereits ein (32,0 %) oder zwei Kinder (32,6 %) geboren. Der Anteil der Frauen, die bereits drei oder mehr Kinder hatten, lag mit 7,2 % deutlich unter Ergebnissen repräsentativer Bevölkerungsstudien in den 80er Jahren in der DDR (SPEIGNER, 1988; HOFFMANN et al., 1990; GYSI 1993). Hierfür dürften regionale Unterschiede im generativen Verhalten bezüglich der gewünschten und realisierten Kinderzahl ursächlich sein.

Beim Vergleich der realisierten Kinderzahl der Frauen nach Bezirken im Ostteil Berlins (Tab. VI) werden ebenfalls signifikante Differenzen offensichtlich, derart, dass Frauen in Wohngebieten mit einem hohen Anteil an mehrgeschossigen Wohnungsbauten einschließlich Zentralheizung und guter sanitärer Ausstattung deutlich häufiger zwei und mehr Kinder geboren haben als Frauen in Regionen mit einem hohen Anteil von nicht rekonstruierter Altbausubstanz. Der Anteil der Frauen, die bereits drei und mehr Kinder geboren haben, liegt mit 11,9 % in Marzahn am höchsten; 50,0 % dieser Frauen hatten zum Zeitpunkt der Befragung bereits zwei und mehr Kinder geboren. 47,6 % der Probandinnen in Hellersdorf und 43,6 % der Befragten in Hohenschönhausen hatten mindestens zwei Kinder, hingegen waren es zum Zeitpunkt der Befragung nur weniger als ein Drittel der Frauen in den Bezirken Treptow (30,5 %) und Pankow (30,1 %). Auffällig ist, dass in den Bezirken Lichtenberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg die jeweiligen Anteile von Frauen mit zwei und mehr Kindern deutlich unterrepräsentiert sind (34,0 %, 35,8 % und 35,1 %), was nicht allein aus der Altersstruktur der Befragten in den Regionen begründbar erscheint (Abb. 20).

Abb. 20: Anteil von Frauen mit zwei und mehr geborenen Kindern nach dem Wohnsitz
Studie Frauen´90


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Ein mögliches Argument für den hohen Anteil von Mehrkinderfamilien in Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen ist in der unter DDR-Verhältnissen praktizierten Vergabe von Wohnraum zu sehen, wodurch Familien mit Kindern bei neuerbauten Wohnungen begünstigt wurden; für Marzahn dürfte darüber hinaus auch die Altersstruktur der Befragten (37,5 % der Frauen 35 Jahre und älter) von Bedeutung sein. Der hohe Anteil von kinderlosen Frauen (Tab. VI) in den Bezirken Pankow (40,4 %), Weißensee (35,2 %), Köpenick (32,9 %), Prenzlauer Berg (32,3 %) und Mitte (32,2 %) kann jedoch nur teilweise auf altersstrukturelle Unterschiede, insbesondere für Köpenick, zurückgeführt werden.

Zum Zeitpunkt der Befragung waren 2,7 % der Frauen (n=56) schwanger. Von diesen 56 Frauen hatten 45,6 % (n=26) die bestehende Schwangerschaft für diesen Zeitpunkt geplant, bei 77,4 % (n=41) war das werdende Kind willkommen. 52,8 % der Frauen (n=28) hatten wegen bestehendem Kinderwunsch bewusst auf eine Schwangerschaftsverhütung verzichtet, bei 16,7 % (n=9) war diese trotz Verhütung eingetreten und 30,2 % (n=16) hatten keine Verhütung zur Vermeidung einer primär ungewünschten Schwangerschaft praktiziert.

Zum Zeitpunkt der Befragung bestand die Schwangerschaft bei 34,0 % der Befragten (n=18) weniger als 13 Wochen, bei 66,0 % länger als 13 Wochen (n=35). Der überwiegende Teil der Frauen wollte die bestehende Schwangerschaft austragen (85,5 %, n=47); 14,5 % der Schwangeren (n=8) beabsichtigten, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen.

Eine Differenzierung der bestehenden Schwangerschaften nach dem Wohnsitz der Frau ergibt aufgrund der geringen Häufigkeiten keine signifikanten Zusammenhänge. Auffällig ist jedoch, dass im Bezirk Prenzlauer Berg der Anteil der Schwangeren mit 52,0 % (n=13) überdurchschnittlich hoch ist.

Hinsichtlich der Planung der bestehenden Schwangerschaft und der Entscheidung für oder gegen das Austragen des werdenden Kindes bestehen zwar Unterschiede zwischen den Bezirken, die sich jedoch statistisch nicht sichern lassen. So haben beispielsweise Frauen in Köpenick zu 83,3 % (n=5) ihre Schwangerschaft geplant und das Kind ist ihnen willkommen, hingegen sind in Prenzlauer Berg nur 38,5 % (n=5) der Schwangerschaften primär gewünscht gewesen und nur von 61,5 % (n=8) der Frauen wird das Kind als willkommen angesehen. Während in Köpenick alle Frauen (n=6) ihre bestehende Schwangerschaft austragen wollen, 5 Frauen mit bewusster Absetzung der Kontrazeption und 1 Frau, die „aus Versehen“ schwanger wurde, haben in Prenzlauer Berg nur 46,2 % der Frauen (n=6) der Verhütung wegen aktuellem Kinderwunsch beendet und 30,8 % der Befragten (n=4) wollen diese unerwünscht eingetretene Schwangerschaft abbrechen lassen.

6.2 Gewünschte Kinderzahl der Frau

Die quantitative Ausprägung des Kinderwunsches, gemessen an der gewünschten Kinderzahl, kann, modifiziert durch aktuelle und/oder voraussehbare Lebenssituationen, als entscheidender Faktor für generative Verhaltensweisen angesehen werden. So wird beispielsweise aus verschiedenen Untersuchungen offensichtlich, dass bei einem bestehenden Wunsch nach einem (weiteren) Kind Frauen und Paare es häufiger „darauf ankommen lassen“ und eine ungeplant eingetretene Schwangerschaft begrüßen und austragen als Frauen, die sich primär kein oder nur ein Kind wünschen (INFRATEST EPIDEMIOLOGIE UND GESUNDHEITSFORSCHUNG, 1994). Gleichermaßen ist bis zu zwei Kindern eine deutliche Abhängigkeit der realisierten Kinderzahl von der Anzahl der gewünschten Kinder feststellbar, ab drei und mehr geborenen Kindern besteht hingegen häufiger eine „Übererfüllung“ der primär gewünschten Kinderzahl (GEISSLER, 1976; EXNER, 1996).

In vorliegender Studie haben wir erfragt, wie viele Kinder sich die Frau unter ihren konkreten Lebensbedingungen für ihre Familie wünscht. Dieser reale Kinderwunsch stellt einen engeren Bezug zur [Seite 76↓]Lebenssituation her als die Vorstellungen zur Kinderzahl unter idealen Voraussetzungen (FRITSCHE, 1990).

Der Wunsch nach Kinderlosigkeit liegt mit 5,4 % in Berlin-Ost deutlich höher als in vergleichbaren Studien in Ostdeutschland in den 80er und Beginn der 90er Jahre (HOFFMANN et al., 1990; FRITSCHE; SPEIGNER, 1992; MENNING, 1993). Der Anteil der erwünschten Kinderlosigkeit ist jedoch deutlich niedriger als in den alten Bundesländern (LÖHR, 1991; LÖHR, 1992; FRAUEN IN DEUTSCHLAND, 1993; POHL, 1995). Der überwiegende Teil der Frauen wünschen sich zwei Kinder (56,1 %), rund ein Drittel favorisieren eine Ein-Kind-Familie und nur 8,3 % wünschen sich drei oder mehr Kinder (Tab. VII).

Zwischen den Ostberliner Bezirken bestehen signifikante Unterschiede hinsichtlich ihres Kinderwunsches, derart, dass die durchschnittlich gewünschte Kinderzahl in Regionen mit einem großen Anteil an neuerbauten Wohnungen überdurchschnittlich hoch ist (Marzahn: 1,81; Hellersdorf: 1,74; Hohenschönhausen: 1,72) und in den zentralen Bezirken mit einem hohen Anteil von nichtrekonstruierten Altbauwohnungen deutlich niedriger liegt (Prenzlauer Berg: 1.64; Friedrichshain und Mitte: 1,67). Der besonders geringe Durchschnittswert der gewünschten Kinderzahl in den Bezirken Pankow (1,54) und Köpenick (1,59) kann auf die Altersstruktur der Befragten zurückgeführt werden. Jüngere Frauen geben häufiger den Wunsch nach Kinderlosigkeit oder nur einem Kind an als ältere, was für die Unterschiede hinsichtlich der Verteilung der Frauen nach der von Ihnen gewünschten Kinderzahl nicht ohne Bedeutung sein dürfte. So wünschen sich fast die Hälfte der Frauen im gebärfähigen Alter, die in Köpenick oder Pankow leben, kein oder nur ein Kind; in den Bezirken Marzahn, Hellersdorf oder Hohenschönhausen hingegen nur rund ein Drittel (Tab. VII; Abb. 21).

Abb. 21: Anteil von Frauen mit Wunsch nach keinem oder nur einem Kind nach dem Wohnsitz
Studie Frauen´90

6.3 Aktueller und späterer Kinderwunsch

Die hierzu befragten Frauen hatten zum Erfassungszeitraum im Durchschnitt bereits 1,19 Kinder geboren, die von ihnen gewünschte Kinderzahl betrug durchschnittlich 1,69. Unter Berücksichtigung bereits bestehender Schwangerschaften und der Entscheidung der Frau hinsichtlich Abbruch oder Geburt des werdenden Kindes besteht eine Differenz zwischen der gewünschten und realisierten Kinderzahl von durchschnittlich rund 0,5 Kind je Frau. Erwartungsgemäß ist dieser Unterschied bei jüngeren Frauen und bei Frauen ohne Kinder und mit einem Kind deutlich höher als bei Frauen, die bereits zwei Kinder geboren haben. Hier liegt die höchste Übereinstimmung zwischen gewünschter und realisierter Kinderzahl vor. [Seite 77↓]Frauen, die bereits drei oder mehr Kinder geboren haben, liegen im Durchschnitt in ihrer realisierten Kinderzahl bereits höher als in der primär von ihnen gewünschten Kinderzahl. Dementsprechend ist sowohl der aktuelle wie auch der spätere Kinderwunsch bei Frauen mit zwei und mehr Kindern sowie bei älteren Frauen deutlich geringer.

In unserer Untersuchung haben wir die Frauen gefragt: „Wollen Sie jetzt oder im nächsten Jahr ein (weiteres) Kind haben?“ und die Ergebnisse als „aktuellen Kinderwunsch“ ausgewiesen.

Nur 8,8 % der Probandinnen bestätigten einen aktuellen Kinderwunsch, eingeschlossen diejenigen Frauen, die eine bereits bestehende Schwangerschaft austragen wollten. Der überwiegende Teil der Befragten (89,5 %) sprach sich gegen den Wunsch nach einem (weiteren) Kind in nächster Zeit aus, 1,7 % der Frauen war es „egal“ (Tab. VIII).

Zwischen den Vorstellungen der Frauen hinsichtlich der Geburt von Kindern und ihrem Wohnsitz bestehen signifikante Zusammenhänge mit einer statistischen Sicherheit von 0,01 %. Ursächlich hierfür dürften zum einen die jeweiligen Strukturen der Befragten nach Alter und Anzahl der bereits geborenen Kinder sein. Während sich in Marzahn und Hohenschönhausen nur weniger als 5 % innerhalb des nächsten Jahres ein Kind wünschen, sind es in Köpenick 16,8 %, in Pankow 9,6 % und in Treptow 9,4 %. Zum anderen ist jedoch auffällig, dass insbesondere bei Frauen im Bezirk Prenzlauer Berg der aktuelle Kinderwunsch mit 16,4 % besonders hoch ist, was aus der Struktur der Probandinnen nach Alter und Kinderzahl nicht erklärt werden kann (Tab. VIII; Abb. 22).

Abb. 22: Anteil von Frauen mit aktuellem und späteren Kinderwunsch nach dem Wohnsitz
Studie Frauen `90

Der Wunsch nach Geburt eines (weiteren) Kindes zu einem späteren Zeitpunkt wird von den Befragten erwartungsgemäß häufiger bestätigt (21,2 % mit „ja, unbedingt“ und 10,7 % mit „mehr ja als nein“) als die Vorstellungen, innerhalb eines Jahres sich zur Geburt eines weiteren Kindes zu entscheiden (Tab. VIII). Dieser „spätere Kinderwunsch“ mindert sich jedoch ebenfalls mit zunehmendem Alter der Frau und steigender Anzahl der von ihr bereits geborenen Kinder (vgl. EXNER, 1996).

Die signifikanten Unterschiede hinsichtlich eines späteren Kinderwunsches der Frauen in den einzelnen Bezirken sind weniger gravierend als beim aktuellen Kinderwunsch, in der Tendenz jedoch vergleichbar (Tab. VIII). Frauen in Bezirken mit einem hohen Anteil an neuerbauten Wohnungen haben, zumeist infolge ihrer bereits größeren vorhandenen Kinderzahl, seltener den Wunsch nach einem (weiteren) Kind zu einem späteren Zeitpunkt (Hellersdorf: 24,6 %; Marzahn: 25,1 %, Hohenschönhausen: 26,9 %). Besonders häufig wird ein späterer Kinderwunsch von Frauen in den Bezirken Weißensee (47,2 %), Prenzlauer Berg (41,2 %), Pankow (39,8 %) und Friedrichshain (37,8 %) angegeben (Abb. 22), wobei, mit Ausnahme von Pankow, die [Seite 78↓]Anzahl der bereits geborenen Kinder bei Frauen dieser Bezirke nur geringfügig unter den Durchschnittswerten liegt (Tab. VI).

Offen bleibt hierbei, da es sich um eine Querschnittsstudie handelt, inwieweit diese Wunschvorstellungen der Frauen hinsichtlich der Geburt eines (weiteren) Kindes seit dem Befragungszeitraum verwirklicht werden konnten und wurden. Die Geburtenentwicklung der 90er Jahre in den neuen Bundesländern spricht für ein gravierendes „Hinausschieben“ der Entscheidung zu einem (weiteren) Kind, welches bekanntermaßen häufig mit dem Verzicht auf Schwangerschaft und Geburt von Kindern verbunden ist (MEHLAN; FALKENTHAL, 1963; KURZ-SCHERF; WINKLER, 1994; DORBRITZ; FLEISCHHACKER, 1995; HOLZER; MÜNZ, 1996).


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13.08.2004