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9  Sexuelle Kontakte

9.1 Kohabitarche

In der vorliegenden Studie wurden die Frauen nach ihrem Alter bei der ersten Regelblutung sowie dem ersten Intimverkehr gefragt.

Bei allen Befragten war bereits die Menarche eingetreten, am häufigsten im Alter von 13 Jahren (28,5 %). Drei Frauen haben dazu keine Angaben gemacht. Rund ein Drittel der Probandinnen (37,9 %) hatten ihre erste Regelblutung vor dem 13. Lebensjahr, rund zwei Drittel (66,3 %) vor dem 14. Lebensjahr; bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres war bei 89,5 % die Menarche erfolgt.

Das frühe Eintreten der Menarche hat einen entscheidenden Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung und die Kohabitarche. Entsprechend der Stichprobenwahl von Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren hatte ein Teil der Befragten (6,2 %; n=129) noch keinen Intimverkehr. Darüber hinaus wurde von 5,7 % der Frauen (n=118) angegeben, sich nicht an ihr Alter beim ersten Intimverkehr erinnern zu können; 2 Frauen machten hierzu keine Angaben. Werden diese Probandinnen nicht berücksichtigt, ergibt sich ein durchschnittliches Kohabitarchealter von 17,33 Jahren. Da die Gruppe der Frauen, die beim ersten Intimverkehr 20 Jahre oder älter waren, nur mit dem Multiplikationsfaktor 20 bei der Durchschnittsberechnung berücksichtigt wurden, dürfte das durchschnittliche Kohabitarchealter von Frauen im gebärfähigen Alter einer großstädtischen Population Anfang der 90er Jahre bei 17,5 bis 18 Jahren liegen. Fast ein Drittel der Befragten mit Altersangabe (28,9 %) hatten vor ihrem 17. Lebensjahr bereits Intimverkehr und mehr als die Hälfte (56,4 %) vor ihrem 18. Lebensjahr. Bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres hatten bereits 79,4 % ihre Kohabitarche. Am häufigsten wurden erste sexuelle Beziehungen im Alter von 17 bis unter 18 Jahren (28,4 %) aufgenommen.

Zwischen den Bezirken bestehen deutliche Unterschiede in den Verteilungen nach dem Alter bei Kohabitarche und den Angaben „weiß nicht“ sowie „noch nie Intimverkehr“ (Tab. XX). Auffällig ist hierbei, dass bei einem Durchschnittswert von 5,7 % der Befragten, die angeben, sich nicht mehr an ihr Alter erinnern zu können, dieser Anteil in Köpenick mit 21,1 % nahezu das Vierfache beträgt, gefolgt von 7,0 % in Treptow. Mit jeweils 3,4 % ist diese Zuordnung bei Frauen im Friedrichshain und Mitte am niedrigsten. Der Anteil der Befragten, die noch nie Intimverkehr hatten, ist in Weißensee (9,9 %) und Köpenick (9,6 %) deutlich höher als der Durchschnittswert (6,2 %); in Hellersdorf (3,6 %), Friedrichshain (4,1 %) und Mitte (4,2 %) deutlich niedriger. Für Köpenick, Hellersdorf und Mitte dürfte die Altersstruktur der Befragten hierfür von Bedeutung sein.

Werden die Frauen ohne Angabe eines Alters bei Kohabitarche sowie die Befragten ohne bisherigen Intimverkehr ausgeklammert, zeigt sich im Bezirksvergleich folgendes Bild (Tab. XX): Frauen, die in den Bezirken Friedrichshain, Treptow und Weißensee wohnhaft sind, hatten deutlich häufiger ihre Kohabitarche vor dem 17. Lebensjahr als Frauen in Köpenick und Marzahn (Abb. 30).

Bis zum Alter von 17 vollendeten Lebensjahren hatten rund die Hälfte der Frauen bereits einen ersten oder mehrfachen Intimverkehr. Am häufigsten wird dieser Sachverhalt – bei einem durchschnittlichen Wert von 56,4 % - von Frauen in Treptow (69,7 %), Friedrichshain (64,2 %), Prenzlauer Berg (63,2 %) und Weißensee (60,0 %) angegeben, am seltensten mit 44,3 % von den Befragten in Köpenick, wobei dabei möglicherweise der hohe Anteil von Frauen, die sich nicht an ihr Alter bei der Kohabitarche erinnern wollten oder konnten, von Einfluss sein dürfte.

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Abb. 30: Anteil der Frauen mit Kohabitarche vor dem 17. Lebensjahr nach dem Wohnsitz,
Studie Frau ´90

9.2 Häufigkeit von Intimkontakten

So, wie die vorhandenen Möglichkeiten einer relativ sicheren Kontrazeption das Kohabitarchealter beeinflussen, wird auch die Häufigkeit sexueller Kontakte davon mitbestimmt. Hier spielen die Verhütung einer nichtgewollten Schwangerschaft und die Angst vor venerischen Erkrankungen eine entscheidende Rolle.

Den an der Studie teilnehmenden Frauen wurden auf die Frage nach der Häufigkeit des Intimverkehrs folgende Antwortmöglichkeiten angeboten:

Mehr als ein Drittel der Frauen im Alter von 15 bis unter 45 Jahren (35,9 %) hat mehrfach pro Woche Intimverkehr, etwa ein Viertel (23,2 %) einmal pro Woche. 15,7 % der Befragten haben angegeben, etwa einmal pro Monat und 3,2 % noch seltener intime Beziehungen zu haben. 15,2 % der Frauen im gebärfähigen Alter haben noch keinen bzw. nicht mehr Intimverkehr (Tab. XXI).

Zwischen den Bezirken bestehen deutliche Unterschiede, die bei einem Signifikanzniveau von 5 % statistisch gesichert werden konnten. Besonders auffällig ist hierbei, dass hinsichtlich eines mehrmaligen Intimverkehrs pro Woche die Bezirke Köpenick (53,9 %) und Pankow (43,6 %) deutlich über dem Durchschnittswert liegen, die Bezirke Lichtenberg (29,1 %), Hellersdorf (30,6 %) und Marzahn (30,9 %) wesentlich darunter. Weiterhin ist auffällig, dass der Anteil der Frauen, die (noch) keinen Intimverkehr haben, in den Bezirken Treptow (19,5 %) und Köpenick (18,0 %) überdurchschnittlich hoch ist, im Bezirk [Seite 100↓]Friedrichshain (12,2 %) jedoch deutlich unter dem Durchschnitt liegt (Tab. XXI).

Eine mögliche Erklärung für die bezirklichen Unterschiede in der Häufigkeit von Intimverkehr könnten die jeweiligen Altersstrukturen der Befragten sein. So konnte bei der gleichen Studie von EXNER (1996) nachgewiesen werden, dass die Häufigkeit des Intimverkehrs bei unter 20jährigen eher gering, bei den 20- bis 30jährigen am höchsten ist, und die sexuellen Kontakte mit zunehmendem Alter abnehmen.

Werden nur die sexuell aktiven Frauen in die Untersuchung einbezogen, ergibt sich folgendes Bild: Von den 1746 Probandinnen (84,1 % der insgesamt Befragten) haben mehr als zwei Drittel (69,7 %) ein oder mehrmals pro Woche Intimverkehr und rund jede achte Frau (11,8 %) nur einmal pro Monat oder seltener (Tab. XXI a). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer unterschiedlichen Prävention zur Vermeidung von zeitlich oder permanent unerwünschten Schwangerschaften.

Beim Vergleich der Häufigkeit von Frauen mit Intimverkehr zwischen den Bezirken wird offensichtlich, dass in Köpenick nahezu zwei Drittel dieser Probandinnen (65,7 %) mehrmals pro Woche sexuelle Beziehungen haben, gefolgt von Pankow (51,1 %) und Weißensee (49,2 %), und damit bei diesen Frauen die Wahrscheinlichkeit, unerwünscht schwanger zu werden, deutlich höher ist als beispielsweise in den Bezirken Mitte (39,6 %) und mit 35,7 % in Marzahn (Tab. XXI a; Abb. 31).

Abb. 31: Häufigkeit von Intimverkehr bei sexuell aktiven Frauen in Berlin-Ost und in ausgewählten Bezirken, Studie Frau ´90


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13.08.2004