von Münster, Thomas: Der Einfluss der Körperposition auf die zerebrale venöse Drainage. Eine duplexsonographische Untersuchung der Vena jugularis interna und Vena vertebralis

7

Kapitel 1. Einleitung

1.1 Problemstellung der vorliegenden Arbeit

Die V. jugularis interna gilt als das wichtigste Gefäß der zerebralen venösen Drainage (Wilson et al. 1972, Huber 1979). Ihr Anteil an der Drainage wird auf über 95% geschätzt (Baumgartner und Bollinger 1991). Aus anatomischer Sicht erscheint dies plausibel aufgrund ihres großen Gefäßkalibers, sowie ihrer Lage in Fortsetzung des Sinus sigmoideus (Lang 1991). Klinische Untersuchungsverfahren, wie die zerebrale Angiographie, Magnet-Resonanz-Tomographie-Angiographie (MRT-Angiographie) oder die Duplexsonographie der Halsgefäße unterstützen diese Hypothese. Mit diesen Verfahren, welche üblicherweise in Rückenlage durchgeführt werden, lässt sich die Drainage des Blutes über die V. jugularis interna anschaulich darstellen. Mehrere Studien verwenden den totalen jugulären Blutfluss (t-JBF), um Aussagen über den zerebralen Blutfluss (CBF) zu treffen. Studien zur Bestimmung des t-JBF wurden mit der Stickoxid-Methode, mit radioaktiv markierten Erythrozyten, der Thermodilutionstechnik und der Duplexsonographie durchgeführt (Shenkin et al. 1948, Nylin et al. 1961, Wilson und Halsey 1970, Wilson et al. 1972, Müller et al. 1988, Müller et al. 1990). Quantitative Untersuchungen am Menschen über den Einfluss der Körperposition auf die zerebrale venöse Drainage liegen nicht vor. Gezeigt werden konnten jedoch positions- und atemabhängigen Kaliberschwankungen der V. jugularis interna (Bazaral und Harlan 1981, Patra et al. 1988). Klinische Beobachtungen an Patienten nach radikaler Neck-Dissection gaben einen ersten Hinweis auf die Existenz kompetenter Kollateralen. Die radikale Neck-Dissection ist ein Routineeingriff in der Therapie maligner Prozesse der Halsweichteile und des Larynx. Dabei werden sowohl die V. jugularis interna, als auch die V. jugularis externa langstreckig reseziert. Auch eine bilaterale Neck-Dissection, welche in Bezug auf die venöse Drainage des Gehirns als besonders kritisch eingeschätzt werden muss, wird meist gut vertragen. Stauungsödeme im Gesichtsbereich bilden sich im Zeitraum von Tagen bis Wochen wieder zurück. (Gius und Grier 1950, Jones 1951, Sugarbaker und Wiley 1951, Schweizer und Leak 1952, Royster 1953, Moore 1969, McQuarrie et al. 1977). Auch klinische Beobachtungen weisen auf das Vorhandensein kompetenter Kollateralen hin. Eckenhoff berichtet, dass die V. jugularis interna intraoperativ in 30°-Oberkörperhochlagerung oft kollabiert sei und sich aus einem Katheter im Bulbus superior venae cava in dieser Position kein Blut aspirieren lasse (Eckenhoff 1966). Unterstützt wird diese Beobachtung durch die Untersuchungen von Patterson und Warren. Sie konnten zeigen, dass der Druck in der V. jugularis interna im Stehen bei den meisten Probanden negativ ist. (Patterson und Warren 1952). Als alternative Drainagewege kommen die ebenfalls longitudinal ausgerichteten Venen, V. jugularis externa, V. cervicalis profunda, das vertebrale Venensystem und der ihnen vorgeschaltete suboccipitale Venenplexus in Frage. Die anatomische Komplexität des extrajugulären Venensystems wurde bereits Anfang des 19. Jahrhunderts detailliert beschrieben (Bock 1823, Breschet 1828-1832). In der Folgezeit wurde ihm jedoch nur wenig Beachtung geschenkt. Das geringe Interesse an diesen Gefäßen spiegelt sich auch in der oftmals unzureichenden oder gar fehlenden Darstellung in anatomischen Abbildungen wieder (Batson 1957). Ein weiterer, wesentlicher Grund liegt sicher in der schlechten Darstellbarkeit dieser Gefäße in der konventionellen Karotis- und Vertebralisangiographie. Im Gegensatz dazu zeigt sich bei Patienten mit einer Obstruktion des jugularvenösen Drainageweges eine deutliche Kontrastmittelaufnahme des vertebralen Venensystems (Cook et al. 1958). Auch bei retrograder Injektion von Kontrastmittel in die V. jugularis interna und der transossären Venographie kommt das vertebrale Venensystem regelmäßig zur Darstellung (Backmund et al. 1971, Théron und Djindjian 1973, Hacker 1974). Trotzdem wurde das vertebrale Venensystem bislang kaum auf seine physiologische Bedeutung für die zerebrale venöse Drainage untersucht (Andeweg 1996). Weitere Hinweise auf die Drainagekapazität dieses Systems geben anatomische Arbeiten. Korrosionspräparate, angefertigt durch Ausguss der Gefäße mit Kunststoff, zeigen, dass die Querschnittsfläche des vertebralen Venensystems, in Höhe der Halswirbelsäule, größer ist, als die beider Vv. jugulares internae (Batson 1944). Eine Arbeit aus dem Jahr 1995 beschäftigt sich mit der retrograden Perfusion des Gehirns, wie sie bei Operationen am Aortenbogen angewandt wird. Bei retrograder Perfusion über die V. cava superior an Leichen, zeigte sich, dass der Hauptanteil des Blutes das Gehirn nicht wie angenommen über die V. jugularis interna sonder, über das vertebrale Venensystem erreicht (de Brux et al. 1995). Cowan und Thoresen konnten in einer Untersuchung an Neugeborenen, durch bilaterale Kompression der V. jugularis interna, einen signifikanten Flussanstieg in der V. vertebralis provozieren (Cowan und Thoresen 1983). Hinweise über die Lageabhängigkeit der zerebralvenösen Drainage für den Affen und den Menschen geben zwei weitere Arbeiten. In angiographischen Serien zeigt sich, dass die venöse Drainage in aufrechter Position


8

mehr über das vertebrale Venensystem als über die Vv. jugulares internae stattfindet (Epstein et al. 1970, Dilenge und Perey 1973). Ein wesentlicher Teil des vertebralen Venensystems sind die Vv. vertebrales. Hoffmann et al. untersuchten die V. vertebralis duplexsonographisch in horizontaler Rückenlage an 138 gesunden Probanden. In 70% der Fälle konnte die V. vertebralis duplexsonographisch dargestellt werden. Die mittlere systolische Flussgeschwindigkeit des Gefäßes lag bei 23,9 ± 12,3 cm/s (Hoffmann et al. 1999). Untersuchungen zur Lageabhängigkeit des Blutflusses der V. vertebralis liegen bislang nicht vor. Der Blutfluss in der V. jugularis interna ist in zwei Arbeiten in flacher Rückenlage untersucht worden (Müller et al. 1988, Müller et al. 1990). Im Gegensatz dazu gehört die duplexsonographische Untersuchung der hirnversorgenden Arterien zur neurologischen Routinediagnostik (Schöning et al. 1994, Schöning und Scheel 1996).

1.2 Ziel der Arbeit

Im Rahmen dieser Arbeit soll die Bedeutung der V. jugularis interna und der V. vertebralis für die zerebralvenöse Drainage in unterschiedlichen Körperpositionen untersucht werden. Dabei sind folgende Fragestellungen von besonderem Interesse:

Des weiteren soll der Blutfluss der hirnversorgenden Arterien erfasst werden, um den arteriellen zerebralen Blutflusses mit dem zerebralvenösen Blutfluss vergleichen zu können.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Fri Jan 24 17:06:57 2003