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3  ERGEBNISSE

Im Rahmen der ersten klinischen Anwendung des oben beschriebenen hybriden Leberunterstützungssystems wurden acht Patienten behandelt. Alle Patienten wurden nach der Behandlung transplantiert und konnten aus dem Krankenhaus entlassen werden. Ziel dieser klinischen Studie war es, Informationen über die Verträglichkeit und Wirksamkeit des Systems zu erlangen. Alle Patienten befanden sich im akuten Leberversagen und waren für eine Lebertransplantation gelistet. Es sollten Informationen über die biochemische Funktion der zur Therapie verwendeten Zellkulturen gesammelt werden. Tabelle 11 gibt allgemeine Informationen zu den behandelten Patienten. Tabelle 12 gibt Auskunft über die zur Anwendung gekommenen Bioreaktoren. Bei dem ersten behandelten Patienten kamen zwei unterschiedliche Bioreaktoren zum Einsatz. Beginnend mit der Behandlung des zweiten Patienten wurde ein System der Probenentnahme und Datenerhebung entwickelt, das Bilanzierungen für den Stoffwechsel der eingesetzten Bioreaktoren erlaubt. Die Datenerhebung bei Behandlung des ersten Patienten war ungenügend. Die Probenentnahme in Bioreaktoren und Patient erfolgte nicht gleichzeitig; Wechsel zwischen den eingesetzten Bioreaktoren und häufige Therapieunterbrechungen lassen eine Bilanzierung nicht sinnvoll erscheinen. Die zur Behandlung des ersten Patienten eingesetzten Bioreaktoren werden bei nachfolgenden Bilanzierungen nicht berücksichtigt. Die Behandlung des ersten Patienten diente unter anderem der Entwicklung einer geeigneten Datenerhebung. Die klinische Anwendung des Systems erfolgte mit Genehmigung der Ethikkommission, der Senatsstelle für Gesundheit und des Landesamtes für Arbeitsschutz und technische Sicherheit. Die Behandlung erfolgte mit dem Einverständnis der gesetzlichen Vertreter der Patienten.


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Tabelle 11: Allgemeine Patientendaten

 

Alter

Geschl.

Ätiologie des ALV

Klassifik. ALV

Behandlugsende

Patient 1

45

f

medikamenteninduziert

akut

LTx

Patient 2

20

f

unbekannt

akut

LTx

Patient 3

58

f

medikamenteninduziert

subakut

LTx

Patient 4

31

f

unbekannt

hyperakut

LTx

Patient 5

27

f

unbekannt

akut

LTx

Patient 6

32

m

Hepatitis B

akut nach chronisch

LTx

Patient 7

33

f

Hepatitis B

akut

LTx

Patient 8

49

f

Hepatitis B

akut

LTx

Tabelle 12: Bioreaktordaten

 

Therapie-dauer [h]

Masse des Spendertieres [kg]

Masse der Zellkultur [g]

mittlerer Filtratfluß [ml/min]

Alter der Zellkultur [d]

Bioreaktor 1 a 2

7

23

235

36

14

Bioreaktor 1 b

22

18

193

52

7

Bioreaktor 2

24

12

193

37

8

Bioreaktor 3

18

14

257

40

0,3

Bioreaktor 4

29

15

214

19

0,25

Bioreaktor 5

38

19

428

33

2

Bioreaktor 6

38

16

353

24

2

Bioreaktor 7

19,5

19

375

29

12

Bioreaktor 8

6,5

18

171

32

1

Mittelwert

22

17

267

34

5,2


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3.1  Ammoniumstoffwechsel

Abb. 5: Ammoniumspiegel der Patienten während der Therapie; gestrichelte Linie: Therapieende bzw. –unterbrechung; Therapiebeginn bei Zeitpunkt 0.

Abb. 5 zeigt den Verlauf der Ammoniumspiegel während der Therapie und wenige Stunden nach Beendigung der Therapie (gestrichelte Linie: nach Beendigung der Therapie bzw. Therapieunterbrechung). Aus der Abbildung geht hervor, daß alle Patienten einen erhöhten, deutlich über dem Normalbereich liegenden Ammoniumspiegel aufweisen. Ein Absinken des Spiegels im Verlauf der Therapie ist lediglich bei Patient 2 zu verzeichnen, der im Anschluß an die Therapie sogar vorübergehend den Normalbereich erreichte. Relativ konstant blieb der Ammoniumspiegel während der Therapie bei den Patienten 6 und 8. Bei allen übrigen wurde ein weiterer Anstieg der Ammoniumkonzentration im Plasma im Verlauf der Therapie nicht verhindert.


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Abb. 6: Ammoniumplasmaspiegel in Patient 6 und Bioreaktor 6; berechnete Ammoniumaufnahme durch den Bioreaktor (graue Balken); gestrichelte Linie: Therapieunterbrechung.

Abb. 6 zeigt den Konzentrationsverlauf von Ammonium im Plasma von Patient 6 entnommen aus einer Kubitalvene (blaue Linie) und nach Durchlaufen des Bioreaktors (rote Linie) während der Therapie (gestrichelte Linie: Therapieunterbrechung). Patient 6 dient einer exemplarischen Verlaufsbetrachtung, weil hier die längste Behandlungsdauer erreicht wurde. Die Linien der Konzentrationsverläufe bewegen sich gleichsinnig, das heißt, die Konzentrationsänderungen des Patienten sind bei guter Durchmischung auch im Bioreaktor nachzuvollziehen. Nach Durchlaufen des Bioreaktors ist der Ammoniumplasmaspiegel auf niedrigerem Niveau. Diese Konzentrationsdifferenz wird durch eine kontinuierliche Stoffwechselleistung des Bioreaktors aufrechterhalten. Das Plasma wurde mit einer Ammoniumkonzentration von 94 bis maximal 236 µmol/l in den Bioreaktor geleitet und mit einer Konzentration von 43 bis 126 µmol dem Patienten zurückgeführt. Während des langen Behandlungsintervalls von Stunde 8 bis 32 wurde der Ammoniumspiegel im Bioreaktor auf physiologische Werte von ca. 50 µmol/l gesenkt. Mit Hilfe der unter 2.16 beschrieben Formel U = F(C B -C P) wird die Nettoaufnahme (graue Balken) bezogen auf ein Zeitintervall von einer Stunde berechnet. Die Filtrationsrate bei Patient 6 betrug [Seite 50↓]zwischen 15 und 35 ml/min, die errechnete Netto-Ammoniumaufnahme zwischen 59 und 257 µmol/h.

Abb. 7: Ammoniumaufnahme und -freisetzung durch die Bioreaktoren; gestrichelte Linie: Therapieunterbrechung

Die Werte auf Abb. 7 zeigen die Nettoaufnahme (positive Werte) beziehungsweise Freisetzung (negative Werte) der Bioreaktoren von Ammonium pro Stunde und Gramm Zellen. Dazu wurde die Nettobilanz nach der in 2.16 genannten Formel, wie oben ausführlich für Patient 6 beschrieben, berechnet und auf die Zellmasse des Lebergewebes im Bioreaktor bezogen, um Werte mehrerer Bioreaktoren untereinander vergleichbar zu machen. Bei fünf Patienten war der Ammoniumspiegel nach Durchlaufen des Bioreaktors erniedrigt, das heißt, daß eine Ammoniumaufnahme durch die Bioreaktoren stattfand. Bei zwei Patienten war der Ammoniumspiegel nach Durchlaufen des Bioreaktors erhöht, es geschah also eine Nettofreisetzung durch die Bioreaktoren.


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3.2  Glutaminstoffwechsel

Abb. 8: Verlauf der Glutaminspiegel der Patienten während der Therapie; gestrichelte Linien: Therapieende bzw. -unterbrechung; Therapiebeginn bei Zeitpunkt 0.

Abb. 8 zeigt, daß die Glutaminspiegel der Patienten 7 und 8 im Normalbereich liegen, die Patienten 2 und 3 einen leicht erhöhten Spiegel haben und die Patienten 1, 4, 5 und 6 einen extrem erhöhten Glutaminspiegel über den gesamten Therapieverlauf aufweisen. Glutamin ist Intermediärprodukt im Stickstoffwechsel. In den übrigen Geweben wird Glutamin zur Ammoniumentgiftung aus Glutamat und Ammonium synthetisiert und zur Leber transportiert. Dort ist es Substrat für die Harnstoffsynthese. Wenn die Harnstoffsynthese ausfällt, kann es zum Anstau von Glutamin im Plasma kommen.


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Abb. 9: Glutaminaufnahme/-freisetzung der Bioreaktoren

Die Bioreaktoren zeigen häufiger eine Glutaminaufnahme (positive Werte). Nur Bioreaktor 3 zeigt eine kontinuierliche Glutaminfreisetzung. Der Stickstoff aus Glutamin kann für die Bioreaktoren als Substrat für die Harnstoffsynthese verwendet werden. Anschließend kann über die Glutaminsynthetase aus dem anfallenden Glutamat und freiem Ammonium wieder Glutamin hergestellt werden. Das Freisetzen von Glutamin kann durch gute Funktion der Glutaminsynthetase erklärt werden. Bei Patient 3 geht die Nettosynthese von Glutamin mit den höchsten Werten in der Ammoniumelimination einher.


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3.3  Harnstoffwechsel

Abb. 10: Verlauf der Harnstoffspiegel aller Patienten während der Therapie; gestrichelte Linien: Therapieende bzw. -unterbrechung; Therapiebeginn bei Zeitpunkt 0.

Bei Patient 2 fällt ein sehr starker Anstieg der Harnstoffkonzentration während der Therapie auf, der auf einsetzendes Nierenversagen zurückzuführen ist. Ein Teil des Harnstoffs, der nicht mehr eliminiert werden konnte, stammte aus dem Bioreaktor. Es wäre aber falsch, die Stoffwechselaktivität des Bioreaktors an diesem Anstieg zu messen. Hier wird deutlich, daß in einem multifaktoriellen Zusammenhang das Gegenüberstellen einzelner Parameter vor und nach der Therapie wenig hilfreich zur Beurteilung der Funktion von LUS ist. Da die Konzentration von Patient 2 stark von der der anderen abweicht, wird die gleiche Tabelle ohne diesen Patienten gezeigt.


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Abb.10 a: Verlauf der Harnstoffspiegel aller Patienten außer Patient 2 während der Therapie; Patient 2 hatte auf Grund einer vorbestehenden renalen Erkrankung hohe Plasmaharnstoffkonzentrationen, so daß durch Weglassen eine übersichtlichere Darstellung der Y-Achse ermöglicht wird. Therapiebeginn bei Zeitpunkt 0; gestrichelte Linie: Therapieende bzw Therapieunterbrechung.

Patienten 1, 3, 7 und 8 verzeichnen einen Anstieg der Harnstoffkonzentration während der Therapie. Bei den übrigen Patienten blieb die Konzentration im Verlauf der Therapie konstant. Alle Patienten außer Patient 6 befinden sich unterhalb des Referenzbereichs, wie es für Patienten im akuten Leberversagen typisch ist. Patient 1 und 3 bewegen sich während der Therapie in den Referenzbereich. Wie alle Stoffe, die im menschlichen Plasma enthalten sind, wurde auch Harnstoff den Patienten durch FFP-Konserven zugeführt (siehe Abb. 16), folglich wurden die erniedrigten Spiegel durch die FFP-Konserven dem Normalbereich angenähert. Weiterhin haben die Patienten durch die Restfunktion der eigenen Leber eine endogene Synthese. Um die Harnstoffkonzentration der Patienten zu bewerten, muß man gleichzeitig die Nierenfunktion betrachten.


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Abb. 11: Creatininspiegel aller Patienten während der Therapie; Therapiebeginn bei Zeitpunkt 0; gestrichelte Linie: Therapieende bzw. -unterbrechung.

Der Verlauf des Creatininspiegels von Patient 2 bestätigt das mit der Therapie einsetzende Nierenversagen und erklärt ausreichend die überschießende Harnstoffkonzentration. Alle übrigen Patienten hatten eine gute Nierenfunktion.

Für den Patienten 6 erfolgt exemplarisch die Darstellung des Konzentrationsverlaufs von Patient, Bioreaktor und Nettofreisetzung in einem Diagramm.


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Abb. 12: Harnstoffplasmaspiegel in Patient 6 und Bioreaktor 6; graue Balken: Harnstoffliberation durch den Bioreaktor; gestrichelte Linie: Therapieunterbrechung

Abb. 13 zeigt, daß die Plasma-Harnstoffkonzentration nach Durchfließen des Bioreaktors während der Therapie durchgehend höher war als im Patienten. Daraus wird eine Nettofreisetzung von Harnstoff durch den Bioreaktor abgeleitet. Bei guter Durchmischung während der Therapie gleicht sich die Konzentration im Bioreaktor immer wieder der des Patienten an. Bei einer Unterbrechung der Therapie (gestrichelte Linie) und des Stoffaustausches zwischen Bioreaktor und Patient ist zu erkennen, daß die Harnstoffkonzentration im Bioreaktor bei kontinuierlicher Produktion sofort einem höheren Niveau zustrebt. Der parallele Verlauf der Kurven ist unterbrochen. Bei erneuter Aufnahme der Therapie nähert sich die Konzentrationskurve wieder der des Patienten an, bleibt aber parallel dazu oberhalb verlaufend.


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Abb. 13: Harnstoffaufnahme/-freisetzung der Bioreaktoren während der Therapie

Abb. 14 zeigt, daß die Harnstoffkonzentration im Plasma der Patienten 2 bis 7 zu jedem Meßzeitpunkt nach Durchlaufen des Bioreaktors gleich hoch oder höher war, das heißt, daß in dem Bilanzierungsmodell die Harnstoffbilanz der Bioreaktoren negativ war. Ausnahme bildet Patient 8, bei dem nach Durchlaufen des Bioreaktors eine niedrigere Plasma-Harnstoff-Konzentration gemessen wurde. Mögliche Erklärungen hierfür sind eine unzureichende Durchmischung des Systems sowie die mangelnde Zahl von Meßpunkten bei dieser Anwendung. Harnstoff ist ein Indikator für die biochemische Syntheseleistung des Bioreaktors.

3.4 Liberation porcinen Albumins

Porcines Albumin ist ein vom humanen Albumin unterscheidbares Protein, das im Plasma der Patienten aufgrund der Therapie nachweisbar ist. Porcines Albumin ist deswegen ein spezifischer Parameter für die Synthesefunktion des Bioreaktors. Die Bestimmung von porcinem Albumin erfolgte mittels ELISA retrospektiv aus zuvor kryokonservierten Proben in den Tagen und Wochen im Anschluß an die Therapie. Sie dient daher nicht einer Verlaufskontrolle der Behandlung, sondern einer nachträglichen Kontrolle der Syntheseleistung.


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Abb. 14: Schweinealbumin-Plasmakonzentration der Patienten

Abb. 15 zeigt die Schweinealbumin-Konzentration im Patientenplasma im Verlauf der Therapie und im Anschluß (gestrichelte Linie). Ein deutlicher Anstieg der Schweinealbumin-Konzentration im Patientenplasma zu Beginn der Therapie wurde bei den Patienten 1, 2, 5, 6, 8 verzeichnet. Nach Therapieende (bei Patient 6 ebenfalls während der Therapieunterbrechung, gestrichelte Linie) sank die Schweinealbumin-Konzentration bei den Patienten 4, 5, 6, 7 rasch ab. Der höchste Plasmaspiegel von 72 mg/dl und daher die beste Syntheseleistung wurde bei der Behandlung von Patient 6 erzielt. Bei den Patienten 3 und 7 wurden Leerwerte im Bereich von 20 mg/dl vor Therapiebeginn gemessen, die im Verlauf der Therapie nicht wesentlich überschritten wurden. Bei diesen Patienten bleibt also fraglich, ob porcines Albumin synthetisiert wurde. Die mangelnde Validität der Meßmethode wird deutlich. Für die Patienten 1 und 4 liegen keine Werte vor Therapiebeginn vor.


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3.5  Glucosestoffwechsel

3.5.1 Glucosespiegel der Patienten

Abb. 15: Glucosespiegel der Patienten während der Therapie; gestrichelte Linie: Therapieende bzw. –unterbrechung; Therapiebeginn bei Zeitpunkt 0.

Abb. 16 zeigt den Glucosespiegel der Patienten im Verlauf der Therapie und einige Stunden im Anschluß an die Therapie (gestrichelte Linie). Auffällig ist, daß alle Patienten, die im akuten Leberversagen dazu neigen, hypoglykämisch zu werden, überkorrigiert wurden und sich in hyperglykämischer Stoffwechsellage befanden. Lediglich Patient 6 konnte, mit Ausnahme des Therapieintervalls von Stunde 8 bis 12, konstant an der oberen Grenze des Referenzbereichs für Glucose gehalten werden. Die meisten Patienten bewegten sich im deutlich hyperglykämischen Bereich der Nierenschwelle von Glucose (ca. 10 bis 11 mmol/l). Die Patienten 2 und 4 erlebten während der Therapie Stoffwechselentgleisungen mit hyperglykämischen Spitzen von über 15 mmol/l bei Patient 2 im Therapieintervall von Stunde 2 bis 10 und bei Patient 4 im Intervall von Stunde 16 bis zum Therapieende bei Stunde 28. Patient 4 erlitt eine Blutzuckerspitze von über 25 mmol/l zu Therapiezeitpunkt 16 Stunden. Die kontinuierliche Glucoseinfusion wurde bei diesem Meßwert für zwei Stunden unterbrochen und im Anschluß von 39 auf 28 mmol/h reduziert, im Zeitintervall von Stunde 21 bis 24 erneut unterbrochen (siehe Tabelle 12). Die Insulinzufuhr [Seite 60↓]wurde zu diesem Meßzeitpunkt von 5 auf 8 I.U./h erhöht und wurde im weiteren Verlauf der Therapie auf bis zu 20 I.U./h gesteigert. Dem abrupten Absinken des Glucosespiegels wurde wegen der Gefahr der Hirndrucksteigerung immer wieder gegengesteuert, so daß sich eine Wellenbewegung mit hohen Ausschlägen ergab. Trotz aller Maßnahmen ist es nicht gelungen, den Patienten nach diesen Stoffwechselentgleisungen während der Therapie in die Nähe des normoglykämischen Bereichs zu bringen. Erst im Anschluß an die Therapie war ein weiterer Rückgang des Glucosespiegels möglich. Der Glucosespiegel der Patienten wurde im wesentlichen durch die kontinuierliche Glucoseinfusion und gegebenenfalls durch die gleichzeitige Infusion von Insulin gesteuert.

3.5.2 Begleitmedikation mit Einfluß auf den Glucosespiegel des Patienten

Glucoseinfusion

Patienten in akutem Leberversagen haben eine erniedrigte Gluconeogenese, daher benötigen sie Glucoseinfusionen.

Tabelle 13: Glucoseinfusion

 

Therapiezeit

Glucoseinfusion in mmol/h

Patient 1

Std. 2-15 und 17-34

44

Patient 2

Std. 1-23

78

Patient 3

Std. 1-18

44

Patient 4

Std. 1-10

Std. 11-14

Std. 17-20 und 25-27

22

39

28

Patient 5

Std. 1-36

39

Patient 6

Std. 1-32

Std. 33-45

39

58

Patient 7

Std. 1-20

67

Patient 8

Std. 1-7

67

Die Patienten 2, 4 und 5 erhielten darüber hinaus Insulininfusionen, um den zu stark korrigierten Blutglucosespiegel wieder zu senken, obwohl Patienten in akutem Leberversagen zu einer Hyperinsulinämie neigen, da das Peptidhormon vermindert durch die Leber abgebaut wird. [Seite 61↓]Tendenziell wurden die Patienten zu stark mit Glucose infundiert und in eine hyperglykämische Stoffwechsellage gebracht (siehe Abb. 16).

Noradrenalin

Die diabetogene Komedikation von Adrenalin und Dopamin bei einzelnen Patienten hatte einen weiterhin erhöhenden Einfluß auf den Glucosespiegel. Die Patienten 5 und 6 erhielten während der Therapie Noradrenalin. Die Patienten 1-4 und 7-8 benötigten keine Katecholamine.

Tabelle 14: Noradrenalingabe bei Patient 5 und 6

Patient

Dosis [mg]

Therapieintervall [h]

5

0,05

3-27

 

0,04

28-31

 

0,03

32-33

 

0,02

34-36

6

0,2

4-6 und 9-10

 

0,1

3 und 7-8 und 11-12

 

0,05

13-14

Fresh Frozen Plasma Konserven

Alle Patienten erhielten im Rahmen der Leberunterstützungstherapie, je nach Bedarf, in unregelmäßigen Abständen FFP-Konserven (siehe Abb. 16).


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Abb. 16: Fresh Frozen Plasma

Tabelle 15 zeigt die Aufnahme von FFP-Konserven insgesamt.

Tabelle 15: Gabe von FFP-Konserven

 

Anzahl von FFP-Konserven

Patient 1

8

Patient 2

9

Patient 3

9

Patient 4

17

Patient 5

13

Patient 6

6

Patient 7

10

Patient 8

0

Eine Konserve enhält ca. 300 ml FFP. Die wiederholte Gabe von FFP-Konserven bewirkte ein Absinken des Glucosespiegels in Richtung Normoglykämie. Entsprechende Verschiebungen in Richtung Normalbereich fanden für alle Stoffe durch die Gabe von FFP-Konserven statt.


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3.5.3  Glucosestoffwechsel des Bioreaktors

Die Betrachtung der Nettofreisetzung beziehungsweise Aufnahme von Glucose durch den Bioreaktor dient der Überprüfung der Stoffwechselaktivität des Bioreaktors. Die Glucosekonzentration ist als Parameter schnell verfügbar, reagiert schnell auf Stoffwechselveränderungen und gibt Auskunft über den Energiestoffwechsel des Bioreaktors.

Abb. 17: Glucosefreisetzung/-aufnahme durch die Bioreaktoren während der Therapie

Der Bioreaktor kann sowohl Gluconeogenese leisten als auch Glucose aufnehmen und als Energiesubstrat verwenden. Positive Werte bedeuten, wie bei allen Bilanzierungen, Nettoaufnahme (positive Bilanz) des Bioreaktors, negative Werte Nettofreisetzung (negative Bilanz) des Bioreaktors. Da die Glucoseplasmaspiegel starke Schwankungen während der Therapie durchmachten, können Verzerrungen in der Berechnung der Nettofreisetzung des Bioreaktors (wie in Kapitel 2.16 beschrieben) entstehen. Die Kurven der errechneten Freisetzung bzw. Aufnahme des Bioreaktors zeigen ein uneinheitliches Bild, dennoch war tendenziell eine Nettofreisetzung festzustellen, das heißt, der Glucoseplasmaspiegel war nach Durchlaufen des Bioreaktors höher, als zu gleichem Zeitpunkt am Patienten gemessen. Für mehrere Patienten zeigen die Kurven einen Wechsel von Glucoseaufnahme und -freisetzung. Bei Patient 4 wurden zwei Meßpunkte unmittelbar nach kleinen (ca. einstündigen) Therapieunterbrechungen an den [Seite 64↓]Zeitpunkten Stunde 3 und 15 nicht bewertet, um eine ausreichende Durchmischung nach Wiederanschluß zu gewährleisten. Die höchste gemessene Glucoseaufnahme der Bioreaktoren von fast 10 µmol/h/g Zellen trifft bei Patient 4 zu Zeitpunkt 17 genau mit der hyperglykämischen Stoffwechselentgleisung des Patienten zusammen. Hohe Glucose- und Insulinspiegel bewirken in Lebergewebe eine anabole Stoffwechsellage, den Aufbau von Glycogen.

Abb. 18: Glucoseplasmaspiegel von Patient 6 und Bioreaktor 6; graue Balken: berechnete Glucosefreisetzung durch den Bioreaktor; gestrichelte Linie: Therapieunterbrechung

Patient 6 zeigt bei sehr konstantem Glucoseplasmaspiegel des Patienten im Verlauf der (mit 45 Stunden), längsten Therapie eine sehr konstante Glucosefreisetzung des Bioreaktors. Durch die zeitliche Konstanz der Plasmaspiegel sind Verzerrungen durch eine verzögerte Durchmischung ausgeschlossen. Die Daten deuten auf eine gute Stoffwechselleistung des Bioreaktors während der Therapie hin.

3.6  Laktat

Eine Durchsicht der Ergebnisse des Laktatstoffwechsels ergab keinen Hinweis auf eine Beeinflussung des Parameters durch die Bioreaktoren. Die Werte, gemessen in Patient und Bioreaktor, bewegten sich gleichsinnig und zeigten keine wesentlichen Konzentrationsdifferenzen, so daß hier auf eine Bilanzierung verzichtet wurde. Bei einigen Patienten lagen die Werte wechselnd geringfügig höher oder tiefer als im Bioreaktor.


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Abb. 19: Laktatplasmaspiegel von Patient 1 und Bioreaktor 1 (Normalbereich 0,63-2,44 mmol/l)


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Abb. 20: Laktatplasmaspiegel Patient 2 und Bioreaktor 2 (Normalbereich 0,63-2,44 mmol/l)

Abb. 21: Laktatplasmaspiegel von Patient 3 und Bioreaktor 3 (Normalbereich 0,63-2,44 mmol/l)


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Abb. 22: Laktatplasmaspiegel von Patient 4 und Bioreaktor 4 (Normalbereich 0,63-2,44 mmol/l)
a = Konzentrationsdifferenz am Zeitpunkt 2 Stunden
b = zeitliche Verzögerung durch Durchmischungsverhältnisse im Bioreaktor von ca. 2 Stunden

Bei Patient 4 sind die Konzentrationsdifferenzen auf ein Artefakt zurückzuführen, hervorgerufen durch verzögerte Durchmischung bei steilen Konzentrationsänderungen; daher möchte ich an dieser Stelle einige Beobachtungen zur Durchmischung des Systems anstellen. Man beachte, daß der Anstieg der Laktatkonzentration in den ersten 5 Stunden der Behandlung im Bioreaktor ca. 800% beträgt. Die Skalierung der Ordinate ist anders gewählt als bei den anderen Patienten, so daß die Steilheit optisch nur zum Teil zur Geltung kommt. Wenn man bei diesem Konzentrationsverlauf den Bioreaktor mit einer zeitlichen Verzögerung von zwei Stunden aufträgt, sieht man, daß keine wesentlichen Konzentrationsdifferenzen bestehen.


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Abb. 23: Laktatspiegel Bioreaktor um 2 Std. verzögert und Patient 4 (Normalbereich 0,63-2,44 mmol/l)


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Abb. 24: Laktatplasmaspiegel Patient 5 und Bioreaktor 5 (Normalbereich 0,63-2,44 mmol/l)

Abb. 25: Laktatplasmaspiegel Patient 6 und Bioreaktor 6 (Normalbereich 0,63-2,44 mmol/l)


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Abb. 26: Laktatplasmaspiegel von Patient 7 und Bioreaktor 7 (Normalbereich 0,63-2,44 mmol/l)

Abb. 27: Laktatplasmaspiegel Patient 8 und Bioreaktor 8 (Normalbereich 0,63-2,44 mmol/l)


Fußnoten und Endnoten

2 Bei der Behandlung des ersten Patienten kamen zwei verschiedene Bioreaktoren zum Einsatz.



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21.01.2005