1 Einleitung

1.1 Problemlage

▼ 1 

Die Notwendigkeit einer verhaltensorientierten Fortbildung in der Polizei wurde in der Bundesrepublik Deutschland bereits in den 60er/70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erkannt, da sich in dieser Zeit sowohl die Anforderungen an den Polizeidienst als auch das Berufsbild des Polizeibeamten wandelten. In den einzelnen Bundesländern wurden unterschiedliche Fortbildungsformen entwickelt, die den Polizeibeamten eine höhere Kompetenz beim Umgang mit dem Bürger - insbesondere auf dem Gebiet der Kommunikation - bringen sollten. Weiterer Fortbildungsbedarf ergab sich aus den gestiegenen Anforderungen an den Polizeidienst in dieser Zeit, wie z.B. der wachsenden Bedrohung durch den Terrorismus. Diese neuen Bedingungen verlangten nach einer Erweiterung der Fähigkeiten und Fertigkeiten auf dem Gebiet der Taktik und Eigensicherung und nach einem sicheren, rechtlich korrekten Umgang mit der Schusswaffe. Unter den erschwerten dienstlichen Bedingungen erschien auch ein Training auf dem Gebiet der Stressbewältigung sinnvoll. Ein Programm, das alle diese Elemente vereinte, wurde zu Beginn der 80er Jahre von der Polizei Nordrhein-Westfalens in Zusammenarbeit mit dem Max-Plank-Institut für Psychiatrie unter dem Namen „Integrierte Fortbildung“ entwickelt und eingeführt. Dieses Konzept wurde zu Beginn der 90er Jahre im damals neu geschaffenen Land Brandenburg übernommen. Dabei war der Integrierten Fortbildung die Aufgabe zugedacht, Eigenschaften und Handlungsmuster herauszubilden und weiter zu festigen, die es ermöglichen, bei der Erfüllung des gesetzlichen Auftrages:

Zielgruppe der Seminare sind alle Polizeivollzugsbediensteten des mittleren und gehobenen Dienstes, die zu einer regelmäßigen Teilnahme verpflichtet sind. Im Idealfall nimmt jeder dieser Beamten einmal im Jahr an einem vier- bis fünftägigen Seminar und an vier Tagesseminaren teil. Zur Erfüllung dieser Aufgabe stehen in sechs Trainingsstützpunkten im Land ca. einhundert Trainer zur Verfügung. Die fachliche Anleitung der IF-Trainer erfolgt durch Lehrtrainer, die der Fachhochschule der Polizei in Basdorf angegliedert sind.

▼ 2 

Die Integrierte Fortbildung ist die wichtigste Form der dezentralen Fortbildung der Polizei des Landes Brandenburg, da sie alle im Außendienst tätigen Polizeibeamten regelmäßig erfasst, während die anderen Bereiche der verhaltensorientierten Fortbildung nur mit wenigen Seminaren für einen jeweils recht kleinen Teilnehmerkreis wirksam werden. Sie stellt den einzigen Bereich der verhaltensorientierten Fortbildung der Brandenburger Polizei dar, der nicht zentral an der Fachhochschule der Polizei, sondern dezentral bei den einzelnen Behörden und Einrichtungen angesiedelt ist. Als Instrument zur landesweiten Änderung von Verhaltensweisen der Polizeibeamten kommt somit nur die Integrierte Fortbildung in Frage.

In den 90er Jahren veränderten sich erneut das Berufsbild des Polizeibeamten und die Rahmenbedingungen des Polizeidienstes. Die Polizei war nun größeren Sparzwängen ausgesetzt. Es wurden aber auch Forderungen nach einer größeren Bürgernähe laut. Der größeren Bürgernähe stand jedoch ein gestiegenes Gefährdungspotenzial gegenüber (vgl. KfN 2002). Somit stand die Polizei vor dem Problem, mehrere sich widersprechende Aufgaben lösen zu müssen. Um den Sparzwängen Rechnung zu tragen, musste sie mit weniger Personal und materiellen Ressourcen einem erhöhten Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung gerecht werden, also mehr leisten als zuvor. Dies sollte so „zivil“ wie möglich, also unter größter Bürgernähe erfolgen. Dabei musste jedoch einem erhöhten Bedarf nach Eigensicherung Rechnung getragen werden. Diese konträren Anforderungen führten in mehreren Bundesländern zur Initiierung von Projekten wie dem TQM, zur Entwicklung von Leitbildern des Polizeibeamten, oder - wo auch dass nicht mehr ausreichte, wie z.B. in Berlin und Brandenburg - zu einer grundlegenden Polizeistrukturreform. Im Land Brandenburg war der organisatorisch-administrative Teil dieser Reform zum 1. Juli 2002 in wesentlichen Zügen abgeschlossen. Die Ziele der Polizeistrukturreform waren:

▼ 3 

Erfahrungsgemäß dauert die Umsetzung derartiger Reformprozesse durch alle Ebenen einer Organisation hindurch fünf bis zehn Jahre. Sowohl die veränderten äußeren Bedingungen als auch die Umsetzung der Ziele der Polizeistrukturreform im Land Brandenburg erfordern weitgehende Verhaltensänderungen der Polizeibeamten auf allen Hierarchieebenen. Verhaltensänderungen, die auf ein bestimmtes Ziel gerichtet sind, ergeben sich aber nicht im Selbstlauf, sondern können nur durch Fortbildungsmaßnahmen erreicht werden. Die Notwendigkeit, Verhaltensänderungen bei den Polizeibeamten zu erreichen, geht jedoch einher mit einer drastisch verschärften Finanzlage, sodass die Frage nach einer erhöhten Effektivität der Fortbildung in den Vordergrund rückt. Der Zwang zur Einsparung führt zu Kürzungen im Bereich der Fortbildung, sodass auch dort mit weniger Mitteln und weniger Beschäftigten mehr geleistet werden muss. In diesem Zusammenhang verringert sich auch zwangsläufig die Zahl der Beamten, die an Fortbildungsmaßnahmen teilnehmen dürfen. Damit steht auch die Integrierte Fortbildung vor der doppelten Herausforderung, mit weniger Kollegen, weniger Mitteln und weniger Seminarteilnehmern, mehr leisten zu müssen, nämlich – zusätzlich zu den bisherigen Aufgaben - ein neues Anforderungsprofil des Polizeibeamten durchsetzen zu helfen.

Parallel zu den gestiegenen Anforderungen, die eigentlich einen höheren Fortbildungsbedarf implizierten, ließ das Interesse an der Integrierten Fortbildung Ende der 90er Jahre und in den Jahren 2000 bis 2003 rapide nach. Sowohl die dienstlichen Leiter als auch die Zielgruppe selbst zeigten immer weniger Interesse an diesen Fortbildungsveranstaltungen, sodass es selbst bei guten materiellen Voraussetzungen immer schwieriger wurde, genügend Teilnehmer für die ausgeschriebenen Lehrgänge zu finden. Die Probleme wurden zwar erkannt, aber es gab kein wissenschaftlich fundiertes Herangehen bei der Suche nach Lösungen, sondern es kam in den einzelnen Trainingsstützpunkten zu immer größeren Abweichungen vom ursprünglichen, verhaltensorientierten Konzept der Integrierten Fortbildung. Faktisch entstanden mehrere schutzbereichsspezifische Fortbildungskonzepte, die sich im Wesentlichen an den aktuellen Interessen der Schutzbereichsleiter und den persönlichen Neigungen der Trainer orientieren. Eine landesweite Durchsetzung von Verhaltensänderungen, wie sie zur vollständigen Umsetzung der Ziele der Polizeistrukturreform nötig ist, kann auf diesem Wege aber nicht erreicht werden.

Veränderungsbedarf am Konzept der Integrierten Fortbildung ergibt sich auch daraus, dass dieses Konzept auf dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand vom Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts beruht. Gerade in den letzten zehn Jahren wurden aber grundlegende Erkenntnisse auf dem Gebiet der Neurophysiologie gewonnen, die sich stark auf die Lerntheorie und die Stresstheorie auswirkten. Einen ebenso umfangreichen Erkenntnisgewinn gab es auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung. Somit ist eine Überarbeitung des Konzeptes der Integrierten Fortbildung nicht nur aus Sicht der gewachsenen Anforderungen an die Polizeibeamten erforderlich, sondern es muss auch der heutige Erkenntnisstand zur pädagogischen Einflussnahme auf das Verhalten von Erwachsenen berücksichtigt werden.

1.2 Zielstellung

▼ 4 

Bisher setze sich die Integrierte Fortbildung aus einzelnen Fachsegmenten zusammen, die alle auf unterschiedlichen theoretischen Modellen beruhten. Ziel der Arbeit ist es - ausgehend von der neurobiologisch begründeten Kognitions- und der konstruktivistischen Lerntheorie - ein Modell für die Integrierte Fortbildung zu entwickeln, das auf einer einheitlichen theoretischen Grundlage beruht. Diese Arbeit soll weiterhin die Probleme erklären, die in den letzten Jahren in der Integrierten Fortbildung auftraten und Wege zu ihrer Lösung zeigen. Die Integrierte Fortbildung soll damit soweit zukunftssicher gemacht werden können, dass sie auch den wesentlich höheren Anforderungen nach der Polizeistrukturreform gerecht werden und die Umsetzung der Ziele der Polizeistrukturreform im verhaltensorientierten Bereich unterstützen kann. Ausgehend von den veränderten Bedingungen des Polizeidienstes, den Zielen der Polizeistrukturreform und dem daraus resultierenden neuen Anforderungsprofil an den Polizeibeamten soll untersucht werden, welches erziehungswissenschaftliche Instrumentarium heute zur Verfügung steht, um eine verhaltensorientierte Fortbildung für Polizeibeamte zu gestalten, die den gegenwärtigen Anforderungen gerecht wird.

In dieser Arbeit sollen allgemeingültige Bedingungen für Verhaltensänderungen im Erwachsenenalter untersucht und realistische Möglichkeiten aufgezeigt werden, derartige Verhaltensänderungen auch in der pädagogischen Praxis zu erreichen. Dabei sollen zwei Schwerpunkte betrachtet werden:

  1. Möglichkeiten, über Verhaltensänderungen Reformprozesse zu unterstützen.
  2. Möglichkeiten der Änderung von Handlungsabläufen, für die bereits verfestigte Handlungsmuster bestehen und die auch unter extremen Stressbedingungen beherrscht werden müssen.

▼ 5 

Diese beiden Bereiche sollen unter verschiedenen theoretischen und praktischen Aspekten getrennt bearbeitet, dann aber wieder in einem einheitlichen Konzept vereint werden. Als praktisches Beispiel für eine verhaltensorientierte Fortbildung von Erwachsenen, in der diese beiden Schwerpunkte eine Rolle spielen, wird in dieser Arbeit ein Konzept für die Integrierte Fortbildung entwickelt werden, das

  1. den realen Fortbildungsbedarf nach der Polizeistrukturreform im Land Brandenburg und die veränderten Bedingungen seit Beginn der 90er Jahre berücksichtigt,
  2. von den gegebenen ökonomischen Rahmenbedingungen - wie den zur Verfügung stehenden Trainern und der vorhandenen Ausstattung - ausgeht,
  3. die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Gebiet der Soziologie, der Lernpsychologie und der Erwachsenenbildung berücksichtigt und
  4. sowohl den Anforderungen der Polizeiführung als auch den Bedürfnissen der Polizeibeamten mit überwiegender Außendiensttätigkeit gerecht wird, indem es hilft, sowohl die Ziele der Polizeistrukturreform umzusetzen, als auch den realen Fortbildungsbedarf der Polizeibeamten abzudecken.

Dieses Programm soll evaluierbar und damit mit dem bisherigen Modell der Integrierten Fortbildung vergleichbar sein.

▼ 6 

Auch wenn das in dieser Arbeit entwickelte Programm zur Unterstützung einer Maßnahme der politisch-administrativen Reorganisation konkret auf die Polizeistrukturreform im Land Brandenburg zugeschnitten ist, so soll es doch – in seinen wesentlichen Zügen – auch auf andere Landespolizeien übertragbar sein. Wesentliche Teile der Arbeit sollen sich in Bereichen umsetzen lassen, in denen Erwachsene innerhalb einer hierarchisch organisierten Struktur zu einer Änderung althergebrachter Verhaltensweisen veranlasst werden sollen.

Die Erkenntnisse zum zweiten Schwerpunkt dieser Arbeit - also zu den Möglichkeiten der Änderung von Handlungsabläufen, die unter extremen Stressbedingungen beherrscht werden müssen – sollen sich ebenfalls in anderen Organisationen nutzen lassen. Sinnvoll wäre eine Umsetzung des hier vorgestellten Konzeptes also auch in der Fortbildung von Feuerwehrleuten, Militärangehörigen, Lehrern, Erziehern oder vom Personal in Krankenhäusern, wo sowohl eine hierarchische Organisationsstruktur vorherrscht als auch Handeln unter hohem Stress nötig ist. Einzelne Aspekte sollen aber auch - unabhängig vom Gesamtkonzept - für verschiedene Fortbildungsmaßnahmen der Erwachsenenbildung nutzbar sein, in denen es entweder um die Unterstützung und Begleitung von Reorganisationsmaßnahmen oder aber um die Änderung von eingeschliffenen Verhaltensweisen bei Erwachsenen geht.

1.3 Wissenschaftliche Fragestellung

Die Änderung von eingeschliffenen Verhaltensweisen erweist sich gerade in der Erwachsenenbildung als sehr schwierig. Diese Arbeit setzt sich deshalb unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten - aber mit starkem Praxisbezug – mit folgenden Fragen auseinander:

▼ 7 

1.4 Die Polizeiforschung in Deutschland

Diese Arbeit stützt sich in wesentlichen Teilen auf Literatur zur empirischen Polizeiforschung. Nach Ohlemacher und Liebl kann als empirische Polizeiforschung „jede im weiteren Sinne sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Polizei gelten, die basierend auf der Methodologie und Methodik empirischer Sozialforschung theoretisch inspiriert und methodisch kontrolliert Daten erhebt, analysiert und/oder interpretiert.“ (Ohlemacher, Liebl 2000, S. 7 f.) Diese Definition ist stark soziologisch orientiert, im Rahmen der Polizeiforschung gibt es aber auch Studien, die sich mit Problemen der Polizei unter psychologischen, rechtlichen und historischen Aspekten auseinandersetzen, dabei jedoch sehr unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze verfolgen.

Ein wissenschaftliches Interesse an der Polizei bildete sich erst mit der politischen Bewusstseinsöffnung in Deutschland Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre heraus. Diese Zeit war durch eine Radikalisierung politischer Überzeugungen und einer materiellen Aufrüstung der Polizei gekennzeichnet. Solange die Rolle der Polizei als „Friedensbewahrer“ noch nicht in Frage gestellt wurde, beschränkte sich das wissenschaftliche Interesse der Polizeiforschung im Wesentlichen auf die Verfahrensweise der Polizei und die damit verbundenen Handlungsspielräume. Im weiteren Verlauf der politischen Auseinandersetzung zeigte sich jedoch, dass der Einsatz von Polizei in den politischen Kämpfen die direkte Auseinandersetzung zwischen Politikern und politisch Andersdenkender so gut wie unmöglich machte. Erst im Laufe der folgenden Jahre konnten diese politischen Kämpfe auf die institutionelle Ebene verlagert werden, wo nach langjährigen Verfahren ein neuer politischer Konsens erreicht wurde. In dieser Zeit entwickelte sich insgesamt ein größeres Interesse an der wissenschaftlichen Analyse gesellschaftlicher Strukturen - auch der Institution Polizei. Dabei sollten die Strukturen der Institution aufgezeigt und ihre gesellschaftliche Funktion als Machterhaltungsorgan offen gelegt werden. (Savelsberg 1995, S. 96 f.)

▼ 8 

In der Entwicklung der deutschen Polizeiforschung lassen sich nach Ohlemacher und Liebl drei Phasen unterscheiden:

  1. Bis Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre existierte eine empirische sozialwissenschaftliche Forschung die Polizei. Diese entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer Forschung die Polizei. In dieser Phase wurden empirische Studien zur Polizei in der Regel von polizeiangestellten Sozialwissenschaftlern bzw. Kriminologen durchgeführt oder es wurden Forschungsaufträge an polizeiinterne Wissenschaftler vergeben. Das vorrangige Ziel dieser Forschungen war meist die Optimierung der Verbrechensbekämpfung.
  2. Im Laufe der späten achtziger und verstärkt in den neunziger Jahren etablierte sich eine neue empirische Polizeiforschung, die zumeist mit qualitativen Methoden und externer Finanzierung wieder Forschung die Polizei betrieb. Parallel dazu entwickelte sich innerhalb der Ausbildungs- und Forschungsinstitutionen der Polizei, besonders an den Fachhochschulen und kriminologischen Forschungsstellen, eine institutionskritische Forschung, bei der beispielsweise die Arbeitszufriedenheit der Polizistinnen und Polizisten untersucht wurde. Es wurden auch Forschungsaufträge der Polizei zu polizeikritischen Themen, wie z.B. die Untersuchung fremdenfeindlicher Übergriffe, vergeben. (vgl. Ohlemacher, Liebl 2000, S. 7 f.)
  3. Ende der 90er Jahre hatte sich eine empirische Polizeiforschung herausgebildet, deren Methoden vielfältiger geworden waren und bei der der Anteil der Forschungen die Polizei verstärkt wurde. Diese blieb aber im Vergleich zu anderen kriminologischen Forschungsgebieten weiterhin schwach ausgeprägt. Es begann eine Phase der integrativen Polizeiforschung »in, für über« die Polizei. (Ohlemacher, Liebl 2000, S. 10). Die Vielfalt der Arbeiten stieg dabei zwar an, sodass man Ende der 90er Jahre durchaus von dem Beginn einer sich institutionalisierenden Forschung über die Polizei sprechen konnte. Es fehlten aber weiterhin eine ausgereifte Theorie und eine finanz- und personalstarke Forschung außerhalb der Polizei. Es gelang in dieser Phase auch nicht, das „Fundament einer neuerlichen, wenn möglich repräsentativen Bestandsaufnahme der Polizei“ zu schaffen. (Ohlemacher, Bosold, Pfeiffer 2000, S. 224)

Die im Rahmen dieser Arbeit genutzte deutschsprachige Literatur zur empirischen Polizeiforschung soll im Folgenden kurz charakterisiert werden. In diese Aufstellung wurden auch einige Artikel und Bücher aufgenommen, die zwar nicht im vollen Maße den - soziologisch orientierten - Kriterien der oben zitierten Definition gerecht werden, die aber der Polizeiforschung im weitren Sinne zuzurechnen sind und wichtige Impulse für diese Arbeit lieferten. Grundsätzlich sind die hier aufgeführten Kategorien nicht als starr aufzufassen, sondern es sind auch immer Mischformen möglich. Auch können einzelne Studien mehreren Kategorien zugeordnet werden. Die Zuordnung der einzelnen Arbeiten erfolgte hier jeweils zu den dominanten Kategorien. Dabei wurde nicht jede Quelle auf allen möglichen Unterscheidungsebenen betrachtet, sondern nur in den relevanten Fällen - also dort, wo spezifische Kenntnisse zu den Autoren der Studie, ihrer Zielstellungen bzw. ihrer Methodik für das bessere Verständnis des folgenden Textes wichtig sind.

▼ 9 

Die in dieser Arbeit genutzte Literatur zur Polizeiforschung im Allgemeinen und zur empirischen Polizeiforschung im Besonderen lässt sich auf drei Ebenen unterscheiden:

  1. nach den Autoren, Herausgebern bzw. Auftraggebern der Studie,
  2. nach der Zielstellung und
  3. nach der zu Grunde liegenden Forschungsmethode.

Auf der ersten Ebene kann man zwischen internen und externen Studien unterscheiden. Interne Studien stammen von Einrichtungen der Polizei bzw. wurden im Auftrag der Polizei durchgeführt. Hier sind besonders die Polizei-Führungsakademie (PFA) in Münster (Jäger 1983, Jäger 1985, Jäger 1988, Jäger 1989, Jäger 1994, Kahmann u.a. 1991, Kniesel 1987, Murck 1989, Murck 1992, Murck, Schmalzl 1992, Trum 1989, PFA 1984, Wempe, Heß 1999), das Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KfN) (KfN 2002) und das Bundeskriminalamt (BKA) (Ahlf 1997, Sessar, Baumann, Müller 1980) zu nennen. Zu dieser Gruppe gehören aber auch Diplomarbeiten und andere Forschungsprojekte der verschiedenen Bildungseinrichtungen der Polizei (Dohm 1997, Gremmler 1991, Holling, Schmale, Brummel 1991, Holling 1989, Holling 1994, Kunisch 2000, Wagner-Haase 1995, Wagner-Haase 1995a, Wagner-Haase 1995b, Blin 2000, Falk 2000, Wanderer, Thieme 1992, Weiß 1992, Zentraler Psychologischer Dienst 1988). Wichtige Impulse für diese Arbeit lieferten die Studien wie von Prof. Dr. Max Hermanutz von der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen (Buchmann, Hermanutz 1991, Hermanutz 2004, Hermanutz u.a. 2000), Prof. Dr. Karlhans Liebl – Professor für Kriminologie an der Fachhochschule für Polizei Sachsen, Dr. Thomas Ohlemacher – wissenschaftlicher Mitarbeiter am KfN (Korell, Liebel 2000, Ohlemacher, Bosold, Pfeiffer 2000, Ohlemacher, Liebl 2000, Ohlemacher, Rüger, Schacht u.a. 2003) und dem Polizeipsychologen Uwe Füllgrabe vom Bildungsinstitut der Polizei Niedersachsen (Füllgrabe 2002).

▼ 10 

Den internen Studien stehen externe Studien zur Polizei gegenüber. Diese wurden nicht von der Polizei in Auftrag gegeben und sind auch nicht an einer polizeilichen Einrichtung entstanden. Dazu zählen Diplomarbeiten (Schmid 1995), Dissertationen (Behr 2000, Stührmann 1965, Winter 1998) und andere Forschungsvorhaben öffentlicher Fachhochschulen, Hochschulen und Universitäten sowie unabhängiger Forschungsinstitute (Bornewasser 2000, Mucha 2002, Weidmann 2001). Wichtiges Material zur Organisationsentwicklung lieferten die Untersuchung von Dr. Hans-W. Savelsberg - Dozent für Managementlehre, Soziologie und Politik an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen - in der Erfahrungen dargelegt werden, die bei der Umstrukturierung der Polizei in Nordrhein-Westfahlen gewonnen wurden (Savelsberg 1995) und die von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie von Lange und Schenk (Lange, Schenk 2004).

Einige Untersuchungen lassen sich nur schwer den externen und internen Studien zuordnen, sondern sie nehmen eine Zwischenstellung ein. Hier sind in erster Line Untersuchungen zu nennen, die von Organisationen oder Einrichtungen durchgeführt wurden, denen zwar vorrangig Polizeibeamte angehören, deren Ziele aber nicht mit der offiziellen Line der Polizeiführung übereinstimmen. Dazu gehören Untersuchungen der Gewerkschaft der Polizei (GdP) (GdP 2002), von Zusammenschlüssen kritischer Polizeibeamter (Autorenkollektiv 1972, Gössner, Neß 1996) oder einzelner Polizeibeamter (Dohm 1997). Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle der Soziologe Rafael Behr, der als ehemaliger Polizeibeamter in Bezug auf die Polizei sowohl über eine Innen- als auch eine Außensicht verfügt (Behr 1993, Behr 2000, Behr 2000a). Auch Prof. Dr. jur habil Thomas Feltes (Feltes 1990, Feltes 1997) wechselte in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zwischen polizeilichen und zivilen Forschungseinrichtungen. Gegenwärtig ist an er der Ruhr-Universität Bochum Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie.

Auf der zweiten Ebene lassen sich die Studien nach ihrer Zielstellung unterscheiden.

▼ 11 

  1. Studien mit einem konkreten Praxisbezug Dabei handelt es sich meist um polizeiinterne Studien. Diese sollen ganz bestimmte Entwicklungsprozesse innerhalb der Polizei untersuchen, um aus diesen Ergebnissen praktische Maßnahmen ableiten zu können. Die Studien werden also mit dem Ziel ins Leben gerufen, auf ihrer Grundlage bestimmte Aspekte der Polizeiarbeit zu verändern. Da sie von der Polizeiführung selbst initiiert werden, besteht auch meist die Bereitschaft, ihre Ergebnisse in der Praxis zu berücksichtigen. Studien mit einem konkreten Praxisbezug nehmen einen großen Raum in der empirischen Polizeiforschung ein. Für diese Arbeit waren jene Studien interessant, die sich mit der Polizei als Ganzem oder mit Maßnahmen der Strukturentwicklung befassten (Ahlf 1997, Feltes 1997, Jacobs, Runde u.a. 2004, Ohlemacher, Bosold, Pfeiffer 2000, Polizei Brandenburg 2002, Wanderer, Thieme 1992). Als grundlegend erwiesen sich auch die bereits weiter oben genannten Studien der PFA, des KfN und die statistischen Erhebungen zu Angriffen auf Polizeibeamte im Land Brandenburg (MIBb 2004a), die dem konkreten Ziel ins Leben gerufen wurden, Möglichkeiten zu finden, die Sicherheit der Polizeibeamten zu erhöhen. Eine wichtige Grundlage dieser Arbeit waren auch Studien zur Evaluierung von Fortbildungsmaßnahmen in der Polizei (FH der Polizei Sachsen-Anhalt 2003, Gremmler 1991, HLPS "Carl Severing" 1994, Holling 1989, Holling, Schmale, Brummel 1991, Kunisch 2000).
  2. Studien aus rein wissenschaftlichem Interesse. Dabei handelt es sich meist um externe Studien. Polizeifremde Soziologen beschränken sich in ihren Forschungen meist nicht auf einzelne Aspekte der Polizeiarbeit, sondern betrachten die Polizei in ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Diese Arbeiten können auch stark polizeikritisch sein. So löste das Erscheinen der Bücher von Lautmann, Feest und Blankenburg (Lautmann, Feest 1971, Blankenburg, Feest 1972) innerhalb der Polizei tiefe Vorbehalte gegenüber externen Forschern aus, die es in den folgenden Jahren zu überwinden galt. Eine externe Studie, die ebenfalls stark kritische Züge trägt und die – obwohl sie eher journalistischen als wissenschaftlichen Kriterien gerecht wird - wichtige Impulse für diese Arbeit lieferte, stammt von Gössner und Neß (Gössner, Neß 1996). Bei wissenschaftlichen Studien zu selbst gewählten Fragestellungen im Zusammenhang mit der Polizei, die ohne einen konkreten Auftrag zur Veränderung der polizeilichen Praxis erfolgen, handelt es sich oft um Diplomarbeiten (Schmid 1995) und Dissertationen, (Behr 2000, Stührmann 1965, Winter 1998). Die wichtigste soziologische Untersuchung zum Polizeialltag und den Strategien, Zielen und Strukturen des polizeilichen Handelns im deutschsprachigen Raum stammt von Girtler (Girtler 1980). Girtler machte seine Untersuchungen jedoch bei der Wiener Polizei, sodass sich ihre Ergebnisse nicht unmittelbar auf deutsche Verhältnisse übertragen lassen. Leider existiert in Deutschland noch keine Untersuchung, die dieser Arbeit vergleichbar wäre. Aber auch in Deutschland nehmen Studien zu, welche die interne Prozesse bzw. die Außenwirkung der Polizei unter soziologischen Aspekten betrachten. (Feltes 1990, Korfes 1997, Weidmann 2001, Mucha 2002, Schneider 2000, Winter 1998). Derartige empirische Studien werden heute meist von der Polizeiführung unterstützt. Da diese Studien aber nicht direkt im Auftrag der Polizei erfolgen, ist eine konkrete Umsetzung von Vorschlägen zur Verbesserung der Polizeiarbeit, die sich aus diesen Studien ergeben, in der Regel nicht vorgesehen und – aufgrund der in der Organisation Polizei vorherrschende Strukturen – meist auch nicht möglich.
  3. Kriminologische Studien, in denen in erster Linie Täter und Opfer von Straftaten, bzw. die Verteilung von delinquentem Verhalten untersucht werden. (Kerner 1997) In diesen Studien steht zwar nicht die Polizei selbst im Mittelpunkt der Betrachtung, aus ihnen lassen sich aber ebenfalls Schlussfolgerungen für die Polizeiarbeit ziehen. Auch kriminologische Studien können mit einem ganz konkreten Praxisbezug ins Leben gerufen werden. Hier kann es also Überschneidungen mit den unter a) genannten Studien geben. Kriminologische Studien bilden gegenwärtig einen Schwerpunkt in der empirischen Polizeiforschung. Für diese Dissertation waren in erster Linie kriminologische Studien relevant, in denen Polizeibeamte als Opfer (Stührmann 1965, Sessar, Baumann, Müller 1980) oder als Täter (Gössner, Neß 1996) untersucht wurden.
  4. Studien, in denen die Polizei aus historischer Sichtbetrachtet wird (Busch 1998, z.T. Winter 1998). Derartige Studien bilden eine wichtige Grundlage dieser Arbeit.
  5. Studien, in denen rechtliche Aspekte im Fordergrund der Betrachtung stehen. Im Rahmen dieser Dissertation spielten derartige Untersuchungen keine Rolle.

Auf der dritten Ebene, nach der ihnen zu Grunde liegenden Forschungsmethode, lassen sich Arbeiten unterscheiden, denen

  1. eigene Datenerhebungen (Gremmler 1991, Holling, Schmale, Brummel 1991, Holling 1989, Holling 1994, Maibach 1996, Mucha 2002, Kunisch 2000, Wagner-Haase 1995, Wagner-Haase 1995a, Wagner-Haase 1995b, Blin 2000, Falk 2000, GdP 2002, Jäger 1983, Jäger 1985, Jäger 1988, Jäger 1989, Jäger 1994, Jacobs, Runde u.a. 2004, MIBb 2004a, Lange, Schenk 2004, Ohlemacher, Bosold, Pfeiffer 2000, PFA 1984, Polizei Brandenburg 2002, Schmid 1995, Sessar, Baumann, Müller 1980, Stührmann 1965, Wanderer, Thieme 1992, Weidmann 2001, Weiß 1992),
  2. Sekundäranalysen (Ahlf 1997, Bornewasser 2000, Dohm 1997, Feltes 1990, Feltes 1997, Gössner, Neß 1996, Kerner 1997, Korfes 1997, Lange, Schenk 2004, Murck 1989, Murck 1992, Murck, Schmalzl 1992, Schneider 2000, Winter 1998) oder
  3. teilnehmende Beobachtung (Behr 1993, Behr 2000, Behr 2000a, Lange, Schenk 2004)

▼ 12 

zugrunde liegen.

1.5 Beschreibung des Methodischen Vorgehens

Grundlegende Methode dieser Arbeit ist die Sekundäranalyse statistischer Quellen und der Literatur zu den einzelnen Themenbereichen. Ausgewertet wurden eine Vielzahl von Studien aus den Bereichen Soziologie - hier besonders der empirischen Polizeiforschung, der Neurophysiologie, der Psychologie – hier besonders der Lernpsychologie und der Stresstheorie, sowie der Erziehungswissenschaften – hier besonders aus dem Bereich der Erwachsenenbildung. Ausgewertet wurde auch umfangreiche Literatur zur Organisationsentwicklung. Einen Schwerpunkt der Arbeit bildet die Analyse empirischen Materials, hier besonders von Daten, die innerhalb der Polizei zwar erfasst, aber noch nicht für Fortbildungszwecke genutzt werden. Weiterhin konnten vom Autor polizeiinterne statistische Materialien und Schriftstücke ausgewertet werden, die der Öffentlichkeit nicht unmittelbar zugänglich sind. Es wurden aber auch Quellen ausgewertet, die sich kritisch mit der Polizei an sich bzw. mit der Polizeistrukturreform auseinandersetzen. Aus der Sekundäranalyse heraus wurden praxisorientierte Schlussfolgerungen für die Organisationsentwicklung gezogen und eine pädagogische Perspektive entwickelt.

Weiterhin war der Autor im gesamten Zeitraum des Reformprozesses als Lehrtrainer der Integrierten Fortbildung an der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg tätig. Somit bediente er sich auch der Methode der „teilnehmenden Beobachtung“. Das verminderte zwar seine „objektive“ Sicht eines neutralen Beobachters, ermöglichte ihm aber einen tieferen Einblick in die internen Abläufe dieses Prozesses, der einem externen Beobachter bei einer geschlossenen Organisation wie der Polizei grundsätzlich verwehrt geblieben wäre. Auch war es dem Autor so möglich, alle in dieser Arbeit vorgestellten Methoden unmittelbar in der Praxis auf ihre Zweckmäßigkeit hin zu überprüfen und bestimmte Vorschläge zur Umgestaltung der Integrierten Fortbildung bereits zu realisieren.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
XDiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
25.04.2006