Anhang

Nachdruck des Originaltextes von Michaelis

LUCINA

Eine Zeitschrift

zur Vervollkommnung der Entbindungskunde.

Herausgegeben von D. Elias von Siebold,

Sechsten Bandes Erstes und Zweites Stück. Marburg, 1810

In der Kriegerschen Buchhandlung.

II.

Geburtsgeschichten.

Von Hrn. Dr. G. Ph. Michaelis zu Harburg.

Nur zu oft sieht sich der Geburtshelfer bei dem besten Willen außer Sta n de, besonders bei älteren Erstgebärenden oder bei jungen fetten Frauen, oder endlich bei überwiegender Größe des Kopfes und Breite der Schu l tern den Damm unverletzt zu erhalten. In einigen Fällen sieht man die Unmöglichkeit voraus und in diesen Fällen ist nach meinen Beobachtu n gen ein Schnitt in den Damm das sicherste Mittel um die völlige Durchre i ßung zu hindern, denn nie sah ich den Schnitt weiter einreißen. – Folge n der Fall leitete mich zuerst darauf, und bewieß so augenscheinlich, daß der Schnitt nicht weiter reißt, daß ich ihn einer Bekanntmachung werth halte.

Mad. B. eine Erstgebärende von starkem Körper, sehr vollblütig, hatte die 30 schon passirt, als sie schwanger ward. Sie bekam den 17. April 1799 Nachmittags um 4 Uhr Wehen. Bei dem weiten Becken sank der Kopf schnell in das kleine Becken, die Gebärmutter öffnete sich leicht und um halb 7 Uhr sprengte die Hebamme die Blase, welche stark vorgetrieben war, worauf der Kopf sogleich zum Einschneiden kam. Aber hierbei blieb es ohnerachtet der heftigsten Wehen, weil die weichen äußeren G e burtstheile ungemein eng und rigide waren. Da es nach drei Stunden noch eben so stand, so verlangte man meine Hülfe.

Ich fand die Kreissende in einem wahren Nothstuhl mit ganz gerader Le h ne, die dicht an der Wand stand mit sehr rothem Gesichte, sehr vollem schnellen Pulse und guten hinreichenden Wehen. Die Untersuchung zei g te mir den Kopf im Einschneiden mit einer sehr ansehnlichen Geschwulst. Diese Geschwulst ließ mich nicht gleich die Lage des Kopfes deutlich e r kennen, aber später zeigte es sich, daß die große Fontanelle vorlag und das Gesicht nach dem Kreuzbeine stand, also eine sehr normale Stellung. Der Damm war ungeheuer angespannt, rigide und bei der leisesten B e rührung sehr schmerzhaft. Aber demohngeachtet linderte selbst im w e henfreien Zustande eine Unterstützung die Schmerzen desselben. Die Oeffnung der äußeren weichen Geburtstheile fand ich von der hinteren Commissur bis unter den Schaambeinbogen keine zwei Zoll, und selbst bei den kräftigsten Wehen und bei meinem Bestreben den Damm, indem ich ihn unterstützte, zugleich zurück zu schieben und den Kopf heraus zu heben, erweiterte sich die Oeffnung eben so wenig allmählig, wie durch einen Riß. Alle Versuche den Damm durch fettige Sachen schlüpfriger und nachgiebiger zu machen, waren vergeblich. Ich wollte deshalb versuchen, durch zwei in den Mastdarm gebrachte Finger den Kopf heraus zu heben, aber wie sehr erstaunte ich, als ich statt im Mastdarm zu seyn die nakte Unterkinnlade des Kindes berührte. Ich untersuchte nun, wo ich war und fand am hinteren Theile des Perinäi einen Riß von wenigstens ¾ Zoll, hi n ter demselben den Mastdarm unverletzt. Ein Versuch den Kopf, auf den ich nun ungehindert wirken konnte, aus den Geburtstheilen durch eine Drehung um den Hinterkopf zu entwickeln, war wegen des Druck gegen die Schooßknochen für die Kreissende zu empfindlich.

Hier stand deshalb nichts bevor als eine völlige Durchreißung des Da m mes, der schon in einem beinahe dem Brande nahen Zustande war. Um diesen unangenehmen Fall zu verhüten, und um die schlimmen Folgen des schon so lang gedauerten Druckes zu vermeiden, sah ich nur ein Mi t tel, nämlich die Einschneidung des Dammes von vorne bis auf den Punkt, daß der Kopf ungehindert durch konnte. Dieß that ich sogleich mit dem Pottschen Bistouri ohne lange zu zögern, und nachdem ein Schnitt von ungefähr der Länge eines Zolles gemacht war, von dem die Kreissende kaum Empfindung hatte, ward sogleich der Kopf geboren, um dessen Hals die jedoch hinreichend lange Nabelschnur geschlungen war. Der Rumpf folgte sogleich nach, ohne daß der Damm weiter eingerissen wäre.

Zwischen dem Schnitt und dem hinteren Riß blieb noch eine Brücke von wenigstens einem Zoll Breite. Die Nachgeburt erfolgte bald und die En t bundene ward ohne weitere Zufälle zu Bette gebracht.

Das fernere Schiksal der Wöchnerinn und die Behandlung, da sie hier nicht mehr hergehören, will ich nur kurz anführen. Ich suchte den hinteren Riß durch streng beobachtete Reinlichkeit, wozu ich mich der Einsprü t zungen von Chamillenabsud durch die Scheide und des Abzapfens des Urins bediente, und durch stetes Aneinanderhalten der Schenkel, wobei für einen Geübten das Einbringen des Catheters nicht beschwerlicher ist, bald möglichst zu heilen. Die Heilung des gemachten Schnittes wollte ich aber bei der ungemeinen Enge der weichen Geburtstheile nicht befördern, weil bei einer künftigen Niederkunft die Narbe nur noch mehr Hindernisse gegeben haben würde. Als ich am 20. April die Beschaffenheit der G e burtstheile bei einer Seitenlage genauer untersuchte, zeigt mir der an mehreren Stellen an den großen Schaamlippen und dem Damme en t standene Brand, daß ich sicher nicht nöthig hatte eine Heilung des Schni t tes zu besorgen, und nur dafür sorgen mußte, die gerissene Wunde, die auch brandig war zu heilen. Auch fand ich bei dieser Untersuchung Koth ohne Wissen der Wöchnerinn abgegangen, ob sie gleich versichert hatte, sie könne die sie häufig quälenden Winde zurück halten. Ich verband die brandigen Stellen mit Zitronensaft, machte Einsprützungen von Chinad e coct mit Myrrhenauflösung und trennte am anderen Tage mehrere brand i ge Stellen mit dem Messer und der Scheere. Auch ließ ich ein Clystier g e ben, um den Stuhlgang zu befördern. Hierbei schien es, als wenn etwas vom Clystier aus der Oeffnung der Scheide wieder abflöße. Aber eine g e naue Untersuchung zeigte mir, daß keine Communication zwischen der Scheide und dem Mastdarm sich finde, und es ergab sich, daß bei dem Zusammen- und Zurückziehen des Mastdarms etwas durch den vor den Mastdarm kommenden Riß in die Scheide gelaufen sey. – Ich verband die brandigen Stellen nun mit Ung. de Styrace, Sp. terebinth. und Pulv. Cort. Peruv. worauf sich bis zum 25. April alles brandige abgesondert hatte. Der Riß war aber erst den 4. May völlig geheilt. Während dieser Zeit bekam die Wöchnerinn eine Pneumonie, die wiederholte Aderlässe erforderte. Schwanger ist sie seit der Zeit nicht wieder geworden.

Nachtrag.

Ich konnte nicht erwarten, als ich die Entbindungsgeschichte der Mad. B. zum Abdruck überschikte, daß sich nach zehn Jahren bei einer abermal i gen Schwangerschaft und Entbindung derselben eine Gelegenheit zu int e ressanten Bemerkungen darbieten würde, und daß die dort vorgeschlag e ne Methode, den Riß des Dammes durch einen Einschnitt desselben zu verhüten, an demselben Individuo, am welchen ich diese Operation zuerst machte, aufs neue würde bestätigt werden. Ich erwartete dieß um so w e niger, da mir bei einer vorgenommenen Untersuchung die weichen Theile diesmal kein Hinderniß bei der Geburt darzubieten schienen, und da sich auch bei so weit verbreiteten Brande, nach der ersten Entbindung, keine so vollkommende Heilung und Wiedervereinigung des Dammes erwarten ließ, wie sie sich bei dieser zweiten Entbindung zeigte.

Den 19. Febr. 1809 wurde ich nach 7 Uhr gerufen, als ich noch nicht au f gestanden war. Während dem Anziehen kam schon ein zweiter Bote und auf der Straße begegnete mir der Mann als dritter. Bey dem übrigens sehr weit gebaueten Becken durfte ich eine schnelle Entbindung mit Recht e r warten und hatte sie auch voraus gesagt, um so mehr, da auch das erste Mal mir die zu engen äußeren Geburtstheile die Entbindung verzögert ha t ten. Ich eilte deshalb und trat mit dem Schlag halb 8 Uhr in das Haus.

Die Wehen waren ziemlich heftig und bei einer Untersuchung fand ich den Kopf mit dem Hinterhaupte und den Scheitelbeinen etwas links schon in das kleine Becken herabgetreten, den Muttermund völlig zurückgezogen und die Häute noch ohne Wasser fest an den Kopf liegen, so daß ich im ersten Augenblick glaubte, die Wasser wären schon abgeflossen. Da die Wehen in sehr kurzen Zwischenräumen wieder kamen und die Geburt bei vorherigen gelinden Wehen schon so weit vorgeschritten war, so schlug ich den Stuhl auf, und ließ die Kreissende darauf Platz nehmen. Nach u n gefähr einer halben Stunde hatten sich die Wasser gestellt, und die Blase sprang, da die Häute sehr dünn waren, bey einem gelinden Druck mit dem Finger. Aber es war nur sehr wenig Wasser darin enthalten. Der Kopf stieg nun allmählig aber auf die normalste Weise, bis zu den äußeren G e burtstheilen herab und die selbst dann noch fortdaurende große Bewe g lichkeit des Kopfes, die große Weicheit der Knochen des Kopfes, die sehr großen Fontanellen duften mich einen ungehinderten Durchgang durch die weichen Theile hoffen lassen. Dieser sehr bewegliche Stand des Ko p fes, ob er sich gleichwohl nicht freiwillig zurückzog, der aber doch noch fortdauerte, als schon das Hinterhaupt aus den Geburtstheilen trat, konnte wohl eine Umschlingung argwöhnen lassen, vorzüglich da einige Wehen schnell mit Schmerzen aufhörten, aber ein großes Hindernis konnte sie bei der Geburt nicht abgeben, da der Kopf nie freiwillig zurück trat. Aber als nun selbst der Kopf bis an die Stelle heraus getreten war, die ich für die große Fontanelle hielt, leistete der Damm bei den heftigsten Wehen den größten Widerstand, ob ich gleich durch fettige Dinge auch den inn e ren Theil des Dammes schlüpfrig zu machen suchte, und die Geburt gieng nicht vorwärts. Bei längerer Dauer und stark andringenden Wehen konnte man einen Riß des Dammes, ohnerachtet der großen Weichheit des Ko p fes und seiner so schönen Stellung, mit Sicherheit voraussehen.

Ich untersuchte die Beschaffenheit des Dammes schon vorher genau. Merkwürdig war die so vollkommene Heilung und Vereinigung desselben, der so viel gelitten hatte, von hinten eingerissen, von vorne eingeschni t ten, und darauf brandig geworden war. Die gegenwärtige Weite des Scheideneinganges hätte man wirklich auch noch bei einer Erstgebäre n den für klein halten müssen, und dabei war der Damm dem Anschein nach in einem solchen Zustande der Integrität, der manchen bei einer flüchtigen Untersuchung und ohne die vorhergehenden Umstände zu ke n nen, verführen konnte, die Frau für eine Erstgebärende zu halten. Es hatte sich würklich etwas der hinteren Commissur ähnliches gebildet, welches noch auffallender bei dem Schnitt ward, den ich nachher zu machen g e nöthigt war. Der Damm hatte bis zum Orificio ani, als der Kopf in demse l ben stand, wenigstens noch die Breite von drittehalb Zoll, also immer eine widernatürliche Größe. Er war durchaus nicht schwielig, sondern dünn und nachgebend. Nur fühlte man bei genauem Zufühlen sowohl auf der inn e ren als äußeren Fläche, eine feine Narbe, die etwas links lief, die wah r scheinlich von dem so schön geheilten Schnitt herrührte, ohnerachtet ich damals die Heilung vorsätzlich nicht beförderte, ja sie durch eingebrachte Plümaceaus anfangs zu verhindern suchte, und bei den so durchaus wi d rigen Umständen, so trefflich geheilt war. Was für ein redender Beweis für meine Behauptung, daß der Schnitt das sicherste Mittel sey, das Durc h reißen des Damms zu verhüten und allen damit verbundenen Nachtheilen vorzubeugen. Ich kann deshalb allen meinen Collegen nicht dringend g e nug empfehlen, doch in jedem Falle, wo sie eine Geburt nicht ohne Ze r reißung des Dammes zu beendigen befürchten müssen, sogleich ihre Z u flucht zum Messer zu nehmen. Die wenigen Schmerzen stehen in gar ke i nem Verhältniß mit dem dadurch erhaltenen Vortheil, und können den Schmerzäußerungen der Kreissenden zu Folge, auch nicht mit den geli n desten Wehen verglichen werden, viel weniger einer heftigen, deren Zahl sogleich gemindert wird, da das Kind bald nach dem Schnitt geboren wird, und unterläßt man den Schnitt, so leidet die Frau an dem größeren Schmerz vom Durchreißen doch unfehlbar.

Da ich nun unter den angegebenen Umständen durchaus keinen Ausweg sahe, die Frau ohne Einreißung des Dammes zu entbinden, indem noch ein großer Theil der Scheitelbeine und die Stirn zu entwickeln war, und sich die weichen Knochen des Kindes, die schon eine völlige Spitze bild e ten, nicht noch mehr übereinander schieben konnten, auch das Uebere i nanderschieben hauptsächlich nur den kleinen Durchmesser vermindern konnte, so entschloß ich mich nach reiflicher Ueberlegung nochmals zum Schnitt, um den die Kreissende, schon vor einer halben Stunde, flehentlich gebeten hatte.

Ich machte den Schnitt mit dem geknöpften krummen Bistouri etwas über einen halben Zoll lang. Nach dem Schnitt zeigte sich die innere Haut wie eine Falte, die aber nicht so straff war, um mich befürchten zu lassen, daß sie ein Hinderniß abgeben würde. Aber durch diese Falte ward die Tä u schung, als habe ich eines der Schaamlippenbändchen durchschnitten noch größer. Bei der zweiten Wehe nach dem Schnitt kam nun der Kopf ohne alle weitere Verletzung der Frau durch die weichen Theile, und ihm folgten sogleich die Schultern. Der Nabelstrang war einmal um den Hals geschlungen aber lang genug, um demohngeachtet die völlige Entbindung des Kindes zu gestatten. Auch erfolgte weder vorher noch gleich darauf eine Blutung, die auf eine vorherige Trennung der Nachgeburt durch einen Zug an der Nabelschnur hätte schließen lassen. Die völlige Trennung der Nachgeburt erfolgte nach einer Viertelstunde und ich fand sie nach bee n digten Geschäfte der Reinigung des Kindes in der Scheide, und um halb 10 Uhr war das ganze Geburtsgeschäft vollendet und auch schon das Einhacken des Stuhls besorgt, so daß ich keine zwei Stunden bei der Kreissenden zubrachte, und ich meine Vorhersagung einer schnellen und glücklichen Geburt erfüllt sah. Wie sehr mich dieser glückliche Ausgang freuete, wird jeder leicht beurtheilen, der schon einmal selbst in der Lage gewesen ist, in einem seltenen Falle zu einer neuen Handlungsweise gre i fen zu müssen, und durch den glücklichen Erfolg, selbst an einem Subje k te zweimal, berechtigt wird, diese Methode anderen mit Vertrauen auf se i ne gute Sache zu empfehlen, und sie als ein sicheres Mittel in einem Falle zu empfehlen, dessen unglücklicher Ausgang so oft die Gesundheit und Ruhe einer Mutter, und das glückliche Band der Ehe stöhrte, und die höchsten sinnlichen Genüsse in die ekelhafteste Handlung verwandelte.


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19.10.2006