Einleitung

1.1  Allgemeine Einleitung

↓1

Geburt und Tod sind die beiden Ereignisse, die ein Menschenleben umschließen. Die Geburt ist damit ein Vorgang, der sowohl eine große gesellschaftliche als auch persönliche Bedeutung erlangt. Diese doppelte Gestalt wird immer wieder von neuem thematisiert: das Kind als Garant für das Fortbestehen der Gesellschaft und das Kind als Individuum; die Frau als Mensch mit reproduktiven Fähigkeiten und die Frau als fühlendes und denkendes Wesen; die Geburt als gesellschaftliche Notwendigkeit und die Geburt als emotionales Erlebnis.

Geschichte ist die Aufzeichnung und Interpretation von Veränderungen, so auch die Geschichte der Geburtshilfe: Im Mittelalter stellten die Geburt und alle damit zusammenhängenden Vorgänge reine Frauenangelegenheiten dar. Somit wurden auch nur Frauen mit der Hilfe unter der Geburt betraut. Die gesellschaftlichen Institutionen versuchten werteorientiert einzugreifen, indem Hebammenordnungen erlassen wurden. Später wuchs das Interesse auch der männlichen Heilkundigen an diesem Thema und die ersten ärztlichen Geburtshelfer versahen ihren Dienst. Schließlich wurde die Geburtshilfe in den Kanon der ordentlichen Lehrfächer an den medizinischen Fakultäten aufgenommen. Ebenso erfuhr der Vorgang der Geburt eine Aufnahme in die Institution Krankenhaus, es wurden eigene „Kreißsäle“ eingerichtet, in denen die Frauen unter der Geburt medizinisch betreut werden konnten. Die Hausgeburtshilfe wich dem Streben nach Sicherheit und Planbarkeit. In der postmodernen Gesellschaft rücken die Bedürfnisse und Ansichten der einzelnen Frau mehr ins Bewusstsein. Somit sind auch die Möglichkeiten der Gestaltung des Geburtsvorganges vielfältiger geworden.

Der skizzierte Wandel ist jedoch nicht nur an den äußeren Gegebenheiten abzulesen, sondern auch in der inhaltlichen Ausrichtung der Geburtshilfe wiederzufinden. Unter den einfachen und begrenzten Mitteln der mittelalterlichen Hausgeburtshilfe spielte der Erhalt des mütterlichen Lebens die herausragende Rolle. Je vielfältiger und wirksamer medizinisches Eingreifen möglich war, um so mehr richtete sich das Augenmerk auch auf das Überleben des Kindes. In der postmodernen Geburtshilfe nun kann auch Rücksicht auf die individuellen Bedürfnisse von Mutter und Kind genommen werden. Eine zerstückelnde Operation des Kindes zur Rettung der Mutter ist heute beispielsweise kaum noch akzeptabel. Umgekehrt wäre ein Wunschkaiserschnitt im ausgehenden 18. Jahrhundert weder dem Geburtshelfer noch der entbindenden Frau vorstellbar gewesen. So lassen sich viele Beispiele für revolutionäre Neuerungen und wieder verlassene Behandlungsmethoden finden. Immer muss nach dem gesellschaftlichen und medizinischen Kontext der jeweiligen Methode gefragt werden. Anders sind Entwicklungen und Veränderungen nicht verständlich.

↓2

Ein Eingriff, der auch in der heutigen Zeit sehr häufig angewandt wird, gleichzeitig aber Thema einer kontroversen wissenschaftlichen Debatte ist, ist die Episiotomie. Die Diskussion ist dabei so alt wie der Eingriff selbst. Auseinandersetzungen wurden auf allen Ebenen geführt. Beteiligt an der Diskussion sind im Falle des Dammschnittes nicht nur die Operateure, sondern auch die Hebammen und mehr und mehr die entbindenden Frauen selbst. Zudem haben sich im Lauf der Jahre die Rahmenbedingungen der Operation gewandelt. Es hat sich nicht nur die Geburtshilfe als eigenes Fachgebiet etabliert, sondern es wurden solch entscheidende Faktoren wie Antibiotika, esorbierbares Nahtmaterial und die Entbindung in einer Klinik eingeführt. All dies fließt in die Debatte um das Für und Wider und das Wie dieses Schnittes ein.

Ziel dieser Dissertation ist es nun, eine Seite dieser Debatte - nämlich den Diskurs in medizinischen Dissertationen - darzustellen und zu analysieren. Diese Analyse beschränkt sich bewusst auf die Hochschulschriften als einen sehr lebendigen Spiegel der jeweils aktuellen akademischen Auseinandersetzung und klinischen Praxis. Hochschulschriften sind in ihrer Intention, Argumentation und Rezeption weniger behäbig als Lehrbücher. Sie liegen jedoch, anders als der wissenschaftliche Vortrag, innerhalb des Wirkungskreises des geschriebenen Wortes und folgen der anerkannten Reglementierung in Ausdruck und Form. Es wird postuliert, dass alle Arbeiten einem wissenschaftsgeschichtlichen Zeitgeschmack unterliegen und diesen auch widerspiegeln.

Zur Auswahl der Arbeiten wurde im Katalog der Hochschulschriften nach den Themen Dammschnitt, Dammriss und Episiotomie im Zeitraum von 1886 bis 1996 gesucht. Von allen gefundenen Dissertationen wurden 39 Schriften zur näheren Untersuchung ausgewählt. Diese Arbeiten wurden in einem vorher entwickelten Vergleichsverfahren nach einzelnen Kriterien untersucht. Die Ergebnisse dieses Vergleichs sind im Kapitel 4 zusammengetragen.

↓3

Da viele der in den Arbeiten vorgenommenen Interpretationen der Ergebnisse nicht ohne Hintergrundwissen verständlich werden und einer Einordnung bedürfen, sind der Diskussion Anmerkungen über drei beispielhafte wissenschaftliche Texte unterschiedlicher Zeitepochen angefügt. Es ergibt sich ein vielfältiges Bild von Diskussionslinien in Bezug auf die Episiotomie und ihre Anwendung.

Es kann nachgewiesen werden, dass diskursgeschichtlich wichtige Zusammenhänge nicht immer auch die gleiche wissenschaftstheoretische Bedeutung erlangen. Medizingeschichte ist somit immer auch wissenschaftliche Rezeptionsgeschichte. Die vorliegende Arbeit belegt, dass der zeitgeschichtliche Hintergrund bei der Interpretation der Ergebnisse einer wissenschaftlichen Arbeit relevant ist.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
19.10.2006