3 Methodik

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Die vorliegende Arbeit möchte die Episiotomie in der akademischen Diskussion darstellen. Es wird eine Analyse deutschsprachiger Doktorarbeiten vorgenommen und mit einem Zeitraum zwischen 1885 und 1996 umrissen.

3.1  Allgemeine Bemerkungen zur Methodik

In der praktischen Durchführung der Arbeit diente als Findmittel das Gesamtverzeichnis Deutscher Hochschulschriften. Es erscheint seit 1885 und enthält seit 1903 ein Register zur Suche nach Stichworten. Die Jahre 1885 bis 1903 wurden nachträglich mit einem Register versehen. Da die Universitätsbibliothek der Humboldt- Universität im Laufe der Jahre eine der umfangreichsten Sammlungen deutscher Hochschulschriften angelegt hat, war es möglich, den größten Teil der im Gesamtverzeichnis Deutscher Hochschulschriften eingetragenen Dissertationen vor Ort in Augenschein zu nehmen. Die beachtliche und forschungswürdige Sammlung von Hochschulschriften wurde jedoch in den letzten Jahren nicht fortgeführt. Da auch die Universitätsbibliothek der Humboldt- Universität im zweiten Weltkrieg Bücherverluste hinnehmen musste, ist es ein glücklicher Umstand, dass keine der gesuchten Arbeiten davon betroffen war.

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Die verschiedenen Register des Gesamtverzeichnisse Deutscher Hochschulschriften wurden bis 1996 nach den Stichworten „Dammschnitt“ und „Episiotomie“ durchsucht. Das eigentliche Forschungsinteresse galt dem Dammschnitt, es war aber davon auszugehen, dass in einzelnen Schriften der Titel nicht unmittelbar Aufschluss über den Inhalt der Arbeit gibt. Aus diesem Grund wurden sowohl die Synonyme -Dammschnitt und Episiotomie-, als auch alle in Zusammenhang stehende Begriffe (Dammriss, Dammschutz, Dammverletzung, Dammruptur und Dammschäden) als Suchbegriffe bearbeitet. Diese im Suchprozess mit einbezogenen Arbeiten wurden weiter im Prozess der Sortierung anhand von Kriterien untersucht und gegebenenfalls aussortiert. Ziel dieser breiten Suche war die möglichst vollständige Erfassung von Arbeiten im Zentrum des Forschungsinteresses.

Alle infolge der umfangreichen Suche gefundenen Dissertationen wurden nach den im Folgenden vorzustellenden Kriterien sortiert. Die verbliebenen 39 Arbeiten wurden nach vorgegebenen Fragen untersucht, um sie vergleichbar zu machen. Im Literaturverzeichnis befindet sich eine Liste der Primärliteratur.

3.2 Dissertationen als lebendiger Spiegel der akademischen Debatte

Diese vorliegende Arbeit beschränkt die Analyse bewusst auf die Hochschulschriften als einem sehr lebendigen Spiegel der jeweils aktuellen akademischen Auseinandersetzung und klinischen Praxis. Hochschulschriften sind in ihrer Intention, Argumentation und Rezeption weniger behäbig als Lehrbücher. Sie liegen jedoch, anders als der wissenschaftliche Vortrag, innerhalb des Wirkungskreises des geschriebenen Wortes und folgen der anerkannten Reglementierung in Ausdruck und Form. Es wird postuliert, dass alle Arbeiten einem wissenschaftsgeschichtlichen Zeitgeschmack unterliegen und diesen auch widerspiegeln.

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Der Begriff Dissertation leitet sich von dem lateinischen Verb „dissertare“ ab, das heißt „sich mit einem Thema auseinandersetzen“. Laut Kluges Etymologischem Wörterbuch wurde der Begriff 1527 von Philipp Melanchthon und in der Folge von anderen Humanisten als Bezeichnung einer gelehrten Abhandlung gebraucht (Kluge; 1967), späterhin wurde er für die zu Disputationszwecken entstandenen Schriften geläufig und seit Ende des 18. Jahrhunderts dann ausschließlich in seiner heutigen Bedeutung als Kennzeichnung einer Doktorschrift verwendet. Im 19. Jahrhundert setzte sich in Deutschland der Begriff „Inauguraldissertation“ durch, ein Begriff, der sich schon seit dem 17. Jahrhundert nachweisen lässt. Inauguratio stammt aus der lateinischen Sprache, ist in seiner Etymologie umstritten, bedeutet in späterer Zeit soviel wie „feierliche Übertragung eines Amtes, hier: feierliche Verleihung der Doktorwürde.“ (Kluge; 1967)

Die Disputation fand ursprünglich in der lateinischen Sprache statt, sollte doch der Prüfling nicht nur seine inhaltliche Vorbereitung sondern auch seine rhetorische und sprachliche Eignung beweisen. Die später in Vorbereitung der Disputation erstellten Schriftstücke waren ebenfalls in Latein verfasst. „Der Wandel der wissenschaftlichen Umgangs- und Unterrichtssprache setzte bezüglich der Dissertationen in der Zeit der Spätaufklärung ein, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weitgehend vollzogen und ist seit 1936 durch Erlass des Reichswissenschaftsministers, der für das gesamte deutsche Reich die deutsche Sprache für Dissertation und Doktordiplom vorschrieb, zu einem endgültigen Abschluss gekommen.“ (Allweiss; 1979)

Für diese Arbeit lässt sich aus dem oben Zusammengetragenen schlussfolgern, dass die Erfüllung des Kriteriums der deutschen Sprache für die zur Untersuchung herangezogenen Dissertationen keine nur zeitliche Einordnung bedeutet, sondern eine geistesgeschichtliche Einordnung der frühen Arbeiten vornimmt. Damit sind die in deutscher Sprache verfassten frühen Arbeiten über die Episiotomie der Epoche der Spätaufklärung zugeordnet und müssen im Kontext der damit verbundenen Eigenheiten wissenschaftlichen Arbeitens betrachtet werden.

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Auch der Funktionswandel der Dissertation selbst spielt eine Rolle.

Am Beginn des Untersuchungszeitraums hat sich der Wandel von einer mündlichen hin zu einer schriftlichen Leistung vollzogen. Dieser Vorgang wird durch das Kriterium der Einschränkung der Untersuchung nur auf Dissertationsschriften repräsentiert. Dem aufmerksamen Leser werden beim Blättern in älteren Originalen die letzten Seiten aufgefallen sein: sie enthalten eine Liste von meist ein bis vier Thesen aus ganz unterschiedlichen medizinischen Fachbereichen, die meist nichts mit dem Inhalt der eigentlichen Arbeit zu tun haben. Dies sind die Reste der Disputation, die der Prüfling mit seinen schriftlichen Stellungnahmen dokumentierte und die bis ins 18. Jahrhundert als die eigentlich erbrachte und zu bewertende Leistung betrachtet wurde.

Dem Bedeutungswandel der Dissertation als Medium der akademischen Debatte gerecht zu werden, ist weit weniger einfach zu gewährleisten. Der große Untersuchungszeitraum umfasst eine Zeit der Blüte des Dissertationswesens in der Funktion des wissenschaftlichen Austauschs und einen Zeitraum, in dem diese Rolle zunehmend den Zeitschriftenartikeln zuteil wird. Diese Tatsache spiegelt sich auch in den Literaturverzeichnissen den untersuchten Arbeiten wieder. Während zu Beginn des Untersuchungszeitraums hauptsächlich Lehrbücher und andere Dissertationen zitiert werden, sind das im zweiten Teil des Untersuchungszeitraums überwiegend Zeitschriftenartikel. Hinter nicht wenigen dieser Zeitschriftenartikel verbergen sich dann wieder Dissertationen, aber es wird dennoch deutlich, dass Streitgespräche und Debatten unter Akademikern hauptsächlich in den Fachorganen der jeweiligen Professionen ausgetragen werden und nicht mehr über die Publikation von Dissertationen selbst.

3.3  Kriterien für die Auswahl der Dissertationen

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Der Suche nach Bewertungs- und Vergleichskriterien ging die Eingrenzung des Forschungsinteresses voraus. Ziel der Arbeit sollte eine Darstellung der Diskussionslinien um die Episiotomie sein. Als Forschungsgegenstand wurden die zu diesem Thema erschienen Dissertationen in deutscher Sprache gewählt. Dementsprechend galt es, formale und inhaltliche Kriterien aufzustellen, die erfüllt sein mussten, um eine sinnvolle Darstellung der Entwicklungen und Argumente zu ermöglichen.

Zu den formalen Gemeinsamkeiten, die eine Vergleichbarkeit gewährleisten sollten, zählten:

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Insgesamt wurden nach diesem Auswahlprozess 39 Arbeiten in die Untersuchung einbezogen.

3.4 Der Aufbau des Fragerasters

Anders als bei der Suche nach Auswahlkriterien, die ein möglichst hohes Maß an Gleichheit der gewählten Titel erreichen will, sollten die Vergleichskriterien die Verschiedenheiten in Diskussion und Forschung aufzeigen. Hierzu war es zum einen nötig, die Diskussionslinien um die Episiotomie zu analysieren und besonders umstrittene Punkte herauszuarbeiten, wozu dann die Einschätzungen der Dissertationen verglichen werden können. Zum anderen galt es eine Festlegung zu treffen, welche nebenläufigen Daten ebenso aufzuzeichnen sind, damit dargestellt werden kann, in welchen zeitlichen, theoretischen und klinischen Kontexten eine gefundene Argumentation geführt wird.

Die Analyse der Fachdiskussion um die Episiotomie ergab, dass die Kontroversen um Indikation, Zeitpunkt des Schnittes und die Schnittrichtung einen breiten Raum einnehmen. Demnach wurden eben diese Punkte in das Untersuchungsschema aufgenommen.

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Nach einer Sortierung der genannten Aspekte wurde das folgende, aus sieben Kategorien bestehende Auswertungsschema zur Grundlage des Vergleichs zwischen den ausgewählten Arbeiten:

  1. Allgemeines zur Arbeit,
  2. Aussage zur Geschichte der Episiotomie,
  3. Diskussion der Indikation, der Argumente für und gegen eine Episiotomie sowie des Zeitpunktes des Schnittes,
  4. Diskussion der Schnittrichtung,
  5. Praxis in der Klinik des jeweiligen Autors,
  6. Einschätzung der Episiotomie aus Sicht des Autors der untersuchten Arbeit,
  7. Spezielle Aspekte ausgewählter Arbeiten.

Unter der Kategorie „Allgemeines zur Arbeit“ wurden die Aussagen zu Titel der Arbeit, Jahr der Veröffentlichung, Ort des Erscheinens, eventuelle Nennung des betreuenden Hochschullehrers, Verwendung von eigenen statistischen Erhebungen sowie äußere Merkmale wie das Vorhandensein eines Literaturverzeichnisses und eines Inhaltsverzeichnisses aufgezeichnet. An dieser Stelle sind formal verschiedene Kategorien von Eigenschaften einer Arbeit zusammengefasst. Während das Jahr der Veröffentlichung kein vom Promovenden gewähltes Datum darstellt, ist die Wahl von Thema, betreuendem Hochschullehrer oder Ort der Veröffentlichung schon eine bewusste oder zumindest prägende Entscheidung sowohl des Auftraggebers als auch des Auftragnehmers. Die Verwendung von eigenen statistischen Erhebungen, einem Inhalts- und Literaturverzeichnis stellen eine Mischung aus zeitlichen und individuellen Determinanten dar. Die saubere Trennung in historisch bedingte Zusammenhänge und individuelle Entscheidungsspielräume ist methodisch nicht möglich. Die Untersuchung dieser formalen Kriterien einer Arbeit ermöglichen jedoch das Aufzeigen von gegenseitigen Bedingtheiten.

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Das Vergleichskriterium der in den Arbeiten getroffenen Aussagen zur Geschichte der Episiotomie soll den Vorgang der Historisierung von Ereignissen deutlich machen. Den Aussagen zur Rezeptionsgeschichte des Dammschnittes wurde ein solches Augenmerk gewidmet, weil besonders deutlich wissenschaftsgeschichtliche Zusammenhänge darzustellen sind. Dass das Aufzeichnen von Kontinuitäten eine geschichtlich relativ neue Methode ist, um die eigene Sicht der Welt argumentativ zu untermauern, soll an diesem Beispiel gezeigt werden.

Das Kriterium der Diskussion der Indikationen der Episiotomie, der Argumente für und gegen den Dammschnitt sowie der Meinungen zum optimalen Zeitpunkt für das „Zerschneiden des Gewebes“ stellt die wichtigsten Diskussionslinien um den Eingriff zusammen. Um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wurden diese Aussagen der Arbeiten sehr umfangreich den einzelnen Begriffen und Kategorien zugeordnet.

Da die Diskussion der Schnittrichtung die mit Abstand längste und kontroverseste Debatte umschreibt, wurde den Argumenten hier ein eigenes Kriterium zugestanden. Die Diskussionslinien behandeln die mediane, laterale und mediolaterale Schnittrichtung. Dementsprechend wurden die Argumente sortiert nach Argumenten für und gegen die jeweilige Schnittrichtung.

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Das fünfte Kriterium fragt nach der Aussage zur Praxis der Kliniken, in denen die Autoren der Arbeiten zum Zeitpunkt der Forschungsarbeiten tätig waren. Nicht in allen Dissertationen ist dazu eine Angabe zu finden. Wichtig war dieses Kriterium jedoch, da es eine Einordnung eventueller Forschungsinteressen oder Differenzen zwischen theoretischen und praktischen Erfahrungen der Promovenden ermöglichen sollte.

Die Sammlung der Gesamteinschätzungen der Autoren und Autorinnen stellt ein Panorama verschiedener Forschungs- und Weltsichten dar. An dieser Stelle erfolgt inhaltlich die Abkehr vom Forschungsinhalt der untersuchten Arbeiten hin zur Frage nach der Überzeugungskraft der Forschungsergebnisse, nach den persönlichen Anschauungen und Prägungen sowie den allgemeinen Konsequenzen der Untersuchungen.

Um auch den vorgestellten Kategorien nicht zuzuordnende Ergebnisse und Besonderheiten der Arbeiten darzustellen, sammelt die letzte Kategorie die Eindrücke beim Lesen der untersuchten Dissertationen. Hier finden Aussagen über Wortwahl, Schreibstil und andere subtile Merkmale ihren Platz. Formal sind sie den individuellen Kategorien zuzuordnen.

3.5 Wissenschaftstheoretische Anmerkungen

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Ziel der Untersuchung sollte die Darstellung der historischen Bedingtheiten von wissenschaftlicher Forschung sein. Um dies zu belegen, ist es notwendig der genauen Untersuchung der Forschungsgegenstände auch die Darlegung der wissenschaftstheoretischen Hintergründe an die Seite zu stellen. Aus diesem Grund wird der Methodik ein Werk des polnischen Serologen Ludwik Fleck beigestellt und dessen Erkenntnisse im Weiteren als Diskussionsgrundlage der Ergebnisse verwendet.

3.5.1  Ludwik Flecks Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv

Das Buch trägt den Titel: „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tats a che. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv“. Geschrieben hat es Fleck Ende der zwanziger Jahre, die Erstausgabe erschien jedoch erst 1935 (Fleck; 1999).

Fleck bearbeitet darin zwei Themenkomplexe: Zum einen eine Fallstudie aus der Medizingeschichte, nämlich die Entwicklung des Syphilisbegriffes, und zum zweiten die Untersuchung der daraus entstehenden erkenntnistheoretischen Folgerungen.

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Zunächst einige Begriffe, die Fleck in seinem Werk voranstellt: So postuliert er das Vorhandensein eines „Denkkollektivs“, das er als soziale Einheit der Gemeinschaft der Wissenschaftler eines Faches definiert und den „Denkstil“ als die denkmäßige Voraussetzung, auf der ein Kollektiv sein Wissensgebäude aufbaut.

Des weiteren gibt es nach Fleck zwei Typen von „Beobachtungen“: einmal das unklare anfängliche Schauen und dann das entwickelte unmittelbare Gestaltsehen. Dabei wird die Disposition für gerichtetes Wahrnehmen mit der Preisgabe, Heterogenes wahrnehmen zu können, erkauft. Es kann keine Ebene geben, von der aus ein bestimmter Denkstil gegenüber anderen als wertvoller ausgezeichnet werden könnte. Was als Wissen definiert wird, fällt je nach Denkstil verschieden aus. Ludwik Fleck hebt damit den historischen Charakter des Wissens hervor. Theorien können nur im Rahmen eines „ausgebauten und geschlossenen Meinungssystems“ passend oder unpassend genannt werden. Aus dieser holistischen Position heraus wird die Angemessenheit des Redens von Wahrheit und Falschheit zugunsten der „Systemfähigkeit“ zurückgewiesen.

Seinem Buch nach gibt es charakteristische Phasen der Entwicklung einer wissenschaftlichen Theorie: zuerst eine „Epoche der Klassizität“ einer Theorie, wo nur exakt hineinpassende Tatsachen gesehen werden, und danach die „Epoche der Komplikationen“, in der die Ausnahmen ins Bewusstsein treten. Mit „Gewöhnung“ meint Fleck schließlich den allmählichen Erwerb jener „Erfahrenheit“, die als Komponente seines pragmatischen Wissenschaftsbegriffs unerlässlich ist. Diese Erfahrungen, die jeder Novize machen muss, stellen ein unverwechselbar individuelles und insofern „irrationales, logisch nicht legit i mierbares Element“ (Fleck; 1999) des Wissens dar. Aus diesem Grund kann Fleck zusammenfassend formulieren:

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Das Wissen war zu allen Zeiten für die Ansichten jeweiliger Teilnehmer systemfähig, b e wiesen, anwendbar, evident. Alle fremden Systeme waren für sie widersprechend, unb e wiesen, nicht anwendbar, phantastisch oder mystisch.“ (Fleck; 1999).

3.5.2 Leben und Werk Ludwik Flecks

Ludwik Fleck kann als ein umfassend und ruhelos tätiger Mensch beschrieben werden. 1896 als Sohn jüdisch-polnischer Eltern geboren, promoviert er nach seinem Studium in der Allgemeinmedizin, um anschließend als Assistent bei Prof. Rudolf Weigl im Forschungslaboratorium für Infektionskrankheiten in Przemysl zu arbeiten. 1921 folgt Fleck seinem Direktor nach Lemberg, 1923 wird er selbst Direktor des bakteriologisch-chemischen Labors der Abteilung für Innere Medizin des Allgemeinen Krankenhauses in Lemberg. Neben seiner intensiven Forschungstätigkeit auf bakteriologischem Gebiet veröffentlicht er 1929 einen ersten erkenntnistheoretischen Beitrag unter dem Titel „Zur Krise der `Wirklichkeit´“. 1935 erscheint dann im Benno Schwabe Verlag seine Monographie „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv.“ Es folgen in den Jahren 1935/1936 und 1937/1938 die Werke „Über die wissenschaftliche Beobachtung und die Wahrnehmung im allgemeinen“ und „Das Problem einer Theorie des Erkennens“ sowie ein heftiger Disput mit der Philosophin und Logikerin Izidora Dambska zur Frage, ob „die intersubjektive Ähnlichkeit der sinnlichen Eindrücke eine unersetzliche Voraussetzung der Wissenschaften ist.“ Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wird er zusammen mit seiner Familie 1941 ins jüdische Ghetto der Stadt Lemberg deportiert und von dort in die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. Er überlebt die Lager, da er an der für die Nationalsozialisten wichtigen Fleckfieberforschung beteiligt ist. 1945 kehrt er nach Polen zurück, habilitiert sich 1946 bei Prof. Ludwik Hirschfeld in Wrocław über die Exanthinreaktion bei Fleckfieber und schreibt einen Aufsatz über die wissenschaftliche Arbeit im KZ unter dem Titel „Wissenschaftsth e oretische Probleme“. Des weiteren erscheinen „Schauen, sehen, wissen“ und „In der Fr a ge ärztlicher Experimente am Menschen“. 1950 erhält er eine ordentliche Professur für Mikrobiologie an der Universität Lublin, 1952 wird er Direktor der Abteilung für Mikrobiologie und Immunologie des Instituts „Mutter und Kind“ in Warschau, bevor er 1957 nach Israel emigriert und dort Direktor des „Department of Experimental Pathology“ am „Israel Institut for Biological Research“ in Ness Ziona wird. 1961 verstirbt Ludwik Fleck in Ness Ziona an einem Herzinfarkt (vgl.: Schlünder/ Tammen/ Graf/ Mutter/ Hesper; 2002).

3.5.3 Einordnung von Ludwik Fleck in die wissenschaftstheoretische Forschung

Nun könnte man die wissenschaftstheoretischen Schriften Ludwik Flecks als die Arbeiten eines einsamen Vordenkers darstellen, „dessen eigene Denkgemeinschaft paradoxerwe i se erst nach seinem Tod entstand.“ (Schlünder/ Tammen/ Graf/ Mutter/ Hesper; 2002). Wenn man jedoch im Sinne Thomas S. Kuhns (Kuhn; 1967/1976) annimmt, dass eine Zeit zwar durch sie dominierende Paradigmen eines Wissenschaftszweigs charakterisiert ist, aber in den lebendigen und diskursiven Austausch mit ebenfalls vorhandenen anderen Paradigmen tritt, dann lohnt es, Fleck in der ihn umgebenden wissenschaftstheoretischen Landschaft darzustellen. Das Dilemma der Wissenschaftsgeschichte wird demnach aufgelöst: „Vielleicht entwickelt sich die Wissenschaft doch nicht aufgrund der Anhäufung einzelner Entdeckungen und Erfindungen. Gleichzeitig sehen sich dieselben Historiker wachsenden Schwierigkeiten gegenüber, wenn sie zwischen dem ´wissenschaftlichen´ Bestandteil vergangener Beobachtungen und Anschauungen und dem, was ihre Vorgä n ger so schnell mit ´Irrtum und Aberglauben´ bezeichnen, unterscheiden sollen.“ (Kuhn; 1967/1976).

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Flecks Werk „Die Entstehung einer wissenschaftlichen Tatsache“ wurde im selben Jahr publiziert, in dem Karl R. Popper seine „Logik der Forschung“ veröffentlichte und Edmund Husserl seine Gedanken „Zur Krisis der europäischen Wissenschaften“ in Vorträgen öffentlich machte (vgl.: Heintz; 1993). Fleck wendet sich in seinen Arbeiten bewusst gegen den sogenannten „Wiener Kreis“, der den Begriff des logischen Positivismus postuliert hatte. In ihm fanden sich Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler Anfang der 1920er Jahre um Moritz Schlick zusammen. Sie entwickelten eine Wissenschaftstheorie, die „die Möglichkeiten strenger empirischer Überprüfbarkeit von wissenschaftlichen Sätzen voraussetzte.“ (Neumann; 1989). Demnach bilden nicht Erfahrungen und Dinge sondern Aussagen die Wissenschaften ab (vgl.: Seiffert/ Radnitzky; 1992). „Dem hält Fleck entgegen, dass bereits die Bildung von Begriffen ihre Geschichte hat und damit ku l turhistorischen Bedingungen unterliegt (...) Begriffe haben vielmehr ihre geschichtliche Entwicklung, in der sich ihre Bedeutung verändert; das heißt, bereits der Begriff ist das Ergebnis geistiger Tätigkeit, die unter bestimmten historischen und sozialen Vorausse t zungen getan wird. Gleichzeitig ist ein Begriff nie konkret; er geht als allgemeiner Begriff stets über den gegebenen Gegenstand hinaus. Indem er nicht nur dies oder jenes sagt, sondern auf viele Gegenstände anwendbar ist, ist sein Sagen immer schon Interpretation des empirisch Gegebenen.“ (Neumann; 1989).

Die Kritik Flecks an den Theorien des Wiener Kreises lassen sich als methodologische Einwände charakterisieren und wurden ähnlich auch von anderen vorgebracht. Wir sehen Einzeltatsachen „immer schon im Lichte von Theorien“ schrieb Popper in seiner Logik der Forschung (vgl.: Seiffert/ Radnitzky; 1992). Paul K. Feyerabend verschärfte die These noch mit seiner Auffassung vom notwendigen Theorien-Pluralismus.

Trotz der Ähnlichkeiten dieser Positionen ist Ludwik Fleck nicht eindeutig einer wissenschaftstheoretischen Strömung zuzuordnen. Weder gehört er dem kritischen Rationalismus an wie Karl Popper oder Imre Lakatos, noch vertritt er die Positionen des wissenschaftlichen Relativismus mit seinem Hauptvertreter Paul Feyerabend. Im Gegensatz zu diesen Philosophen ist er Zeit seines Lebens ein philosophierender Naturwissenschaftler geblieben.

3.5.4 Begründung für die weitere Verwendung seiner Thesen

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Warum nun sind Flecks Gedanken so interessant in Bezug auf die Untersuchung der Dissertationen und ihrer Darstellung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um die Episiotomie? Ludwik Fleck gelang sehr überzeugend die Konstruktion des historisch- sozialen Kontextes naturwissenschaftlicher Forschung. Er schuf erstmals eine tragfähige Grundlage wechselseitiger Beziehungen von Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte. Durch seine Gedanken erhielt die Wissenschaftstheorie eine praxisorientierte Bedeutung und die Wissenschaftsgeschichte den völlig neuen Auftrag der Rekonstruktion von forschungsrelevanten Kontexten und Dialogen zwischen konträren Paradigmen. Aufgrund dieser Eigenschaften eignen sich Flecks Theorien gut zur Darstellung der Zusammenhänge um die Episiotomie. In den vergangenen Jahren wurde sein Gedankengebäude recht häufig in Zusammenhang mit ähnlichen Forschungsvorhaben zitiert. Beispielsweise bezieht sich Markus Herrmann in seinem Werk „Schlafapnoe als Krankheitsko n strukt: die Mechanisierung und Medikalisierung des Schlafes“ (Herrmann; 1997) auf Ludwik Fleck. Ebenso verfährt Hans-Jörg Rheinberger in seiner Darstellung „Experimenta l systeme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas“ (Rheinberger; 2001) oder Bettina Heintz in ihrem Werk „Die Herrschaft der Regel. Zur Grundlagengeschichte des Computers.“ (Heintz; 1993).

3.5.5 Konkretisierung des Fleck´schen Systems in Bezug auf das Forschungsfeld

Wenn Fleck ein Denkkollektiv postuliert, so ist auch von einem Denkkollektiv der Geburtshelfer und Gynäkologen auszugehen. Die Angehörigen dieser Profession werden zur sozialen Einheit der Wissenschaftler, die die Erkenntnis von der Frauenheilkunde und Geburtshilfe hervorbringen, ordnen, publizieren und über Angehörige des eigenen Denkkollektivs und deren Forschungsergebnisse urteilen und befinden. Diese soziale Einheit bezieht sich gleich einem Organismus aufeinander, jeder Teil hat eine Funktion und ist doch nicht allein existent. Die Denkkollektive bringen nicht allein Forschungsergebnisse, sondern auch die zu Grunde liegenden jeweiligen eigenen Standards und Wertvorstellungen hervor.

Die kognitiven Voraussetzungen, auf denen ein Kollektiv sein Wissens- und Forschungsgebäude aufbaut, nennt Fleck Denkstil. Demnach kann man vom Denkstil der Gynäkologen und Geburtshelfer sprechen. Da diese Denkstile aber zeitabhängig sind, sind Kategorisierungen von Denkstilen nur mit Einbeziehung der jeweiligen Epoche und ihrer Eigenheiten sinnvoll. Die Wissenschaft der Geburtshilfe und Gynäkologie ist somit durch zwei Faktoren charakterisiert: den Denkstil und das Denkkollektiv. Anders ausgedrückt: Von den historischen Umständen und den forschenden Individuen hängt die Wissensentwicklung eines Fachgebietes ab.

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Wenn Fleck zwei Typen von Beobachtungen, einmal das unklare anfängliche Schauen und dann das entwickelte unmittelbare Gestaltsehen einführt, dann hilft dies bei der Einordnung von scheinbar irrationalen Forschungsergebnissen. Später ist oft unklar, wie und weshalb den Forschenden einer bestimmten Generation die Lösung eines Problems nicht auffällt, wenn sie doch so einfach und naheliegend scheint. Warum waren einige Geburtshelfer im 19. Jahrhundert nicht in der Lage, sich die Hände zu waschen und ihre Patientinnen so vor dem sicheren Tod durch Kindbettfieber zu bewahren? In Flecks Theorie waren diese Ärzte in einem Gedanken- und Wissensgebäude beheimatet, das keinen Platz für eine Theorie von den Mikroorganismen, ihren Übertragungswegen und der modernen Antisepsis hatte. Ein Denkstil, der der praktischen Lösung des Händewaschens und -desinfizierens im Wege stand. Dabei kann im Sinne Flecks die Miasmatheorie nicht gegen die Theorie von den Erregern antreten. Keine von beiden ist prinzipiell falsch, eine jede hat in einem bestimmten Zusammenhang ihre Berechtigung. Fatal war allein die praktische Konsequenz, die den behandelten Frauen drohte: der Tod. Die Anhänger der Miasmatheorie waren nicht mehr in der Lage, die Vielschichtigkeit des Problems wahrzunehmen, zu analysieren und daraus konsequent eine Lösung zu erarbeiten. Es wird immer nur ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit wahrgenommen und erforscht. Die dazu benutzten Theorien und Gedankengebäude sind in ihrer Geschichtlichkeit verankert und ergeben so auch immer nur einen Ausschnitt aus der Fülle der möglichen Problemlösungen. Damit begründet sich der historische Charakter des Wissens. Die Rede von Wahrheit und Irrtum muss demnach zugunsten der Systemfähigkeit zurückgewiesen werden. Die Systemfähigkeit einer Theorie besitzt aber ebenfalls eine zeitliche Komponente. Eine Theorie, die 1847 fortschrittlich und wissenschaftlich korrekt Problemlösungen anbot, kann dies 2005 meist nicht mehr leisten. Die Eigendynamik, der eine wissenschaftliche Idee, ein Theoriegebäude unterliegt, beschreibt Fleck mit den Begriffen der beiden Epochen einer Theorie.

Am Beispiel des Kindbettfiebers in der Geburtshilfe lassen sich diese beiden Epochen einer wissenschaftlichen Theorie erläutern. Die bis dahin systemimmanente Miasmatheorie hatte eine Epoche der Klassizität hinter sich gelassen, in der sie allgemein anerkannt und unumstritten war. Sie erklärte Teile der interessierenden Wissenschaftswelt des 19. Jahrhunderts und bot Problemlösungen an. Die in den Krankenhäusern grassierende Kindbettfieberepidemie war damit jedoch nicht zu erklären. Die aus dieser Theorie abgeleiteten Lösungen führten nicht zum Erfolg bei der Eindämmung der Krankheit. Damit war die Epoche der Komplikationen eingeleitet: Die Theorie stieß an ihre Erklärungsgrenzen, die Ausnahmen traten einigen Ärzten ins Bewusstsein. Aus dieser Skepsis und dem daraus resultierenden kritischen Blick war die Entwicklung einer neuen Theorie, eines neuen Denkstiles möglich.

Zur Annerkennung eines neuen Denkstils scheint manchmal jedoch ein Generationenwechsel innerhalb der Forschenden nötig zu sein. Der Grund dafür liegt in der außerordentlichen Prägung, die die Forschenden durch eine bestimmte Art zu denken erfahren haben. Fleck nennt dies die Gewöhnung, unter der er den Erwerb der Erfahrenheit meint, die nötig ist, um einen pragmatischen Wissenschaftsbegriff zu erlangen. Da dieses Element der Forschung irrational, nicht logisch legitimierbar ist, ist ihm auch nicht mit Argumenten und Logik beizukommen, wenn ein Denkstil durch einen anderen abgelöst wird. Diese bittere Erfahrung musste auch Ignaz Philipp Semmelweis machen, als seine Kollegen trotz großer Erfolge im Kampf gegen das Kindbettfieber gegen seine Theorien und Forschungsergebnisse polemisierten.

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Zusammenfassend lässt sich postulieren, dass auch die Gynäkologie und Geburtshilfe durch soziale Interakteure und zeitgeschichtliche Tendenzen in ihrer Forschungsgeschichte beeinflusst wurde, auch wenn die Auswirkungen auf die betroffenen Frauen nicht immer so drastisch und die Kausalitäten sehr selten so eindeutig sind.

Dies bedeutet in der praktischen Konsequenz allen historischen Arbeitens, dass es zum Verständnis der Zusammenhänge unerlässlich ist, die Interakteure und ihre Zeit zu identifizieren und die gegenseitigen Abhängigkeiten zu benennen.


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19.10.2006