Diskussion

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Im folgenden Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchung der deutschsprachigen Dissertationen zum Thema Episiotomie anhand der wissenschaftstheoretischen Hintergründe diskutiert.

5.1  Untersuchung der Forschungsergebnisse im Hinblick auf die eingeführten Begriffe

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Im Folgenden sollen die Denkstile der verschiedenen Zeiten voneinander abgegrenzt werden. Es galt zu analysieren, welche Probleme interessierten, welche Urteile als evident betrachtet wurden und welche Methoden als Erkenntnismittel angewandt wurden sowie welche Bezüge zur Zeitgeschichte gezogen werden können.

5.1.1  Zusammenfassung der Ergebnisse in Bezug auf die Denkstile

Wie in der Untersuchung der einzelnen Dissertationen gezeigt werden konnte, lassen sich in bestimmten Zeiträumen Schwerpunkte in der Fragestellung, Schwerpunkte in der formalen Gestaltung, typische methodische Herangehensweisen und auch bezeichnende Auslassungen in der Beschreibung feststellen. Eine der Möglichkeiten, diese Phänomene zu erklären, besteht in der Annahme verschiedener Denkstile, wie Fleck es nennt.

Bei der Untersuchung der Titel der Arbeiten konnte festgestellt werden, dass es einen Zeitraum am Beginn der Untersuchung gibt, der durch die inhaltliche Ausrichtung auf Dammverletzungen und Prophylaxe der Dammrisse gekennzeichnet ist. Es folgt ein mittlerer Zeitraum, in dem thematisch der Episiotomie und dem Vergleich zwischen ihr und dem Dammriss breiter Raum gewidmet ist. Schließlich gilt am Ende des Untersuchungszeitraums der Diskussion der Schnittrichtung und den zeitlich nachgeordneten Aspekten der Episiotomie das besondere Augenmerk. Es konnten zwei Zeiträume besonderer Häufigkeit von Publikationen zum Thema ausgemacht werden (von 1888 bis 1896 und von 1980 bis 1996) und drei Orte mit einem besonderen Interesse am Thema: Würzburg unter dem Direktorat von Scanzoni von Lichtenfels, Tübingen unter dem Direktorat von Hirsch sowie die Universität Göttingen ohne die Möglichkeit einer lehrerspezifischen Zuordnung. Die Veränderungen in der äußeren Form der untersuchten Arbeiten folgt der Entwicklung von allgemeinen Standards im wissenschaftlichen Arbeiten. Zu den Veränderungen zählen die Verwendung statistischer Methoden, die Zusammenstellung eines Literaturverzeichnisses und die Gliederung der Arbeit durch ein Inhaltsverzeichnis. Die Aussagen zur Geschichte der Episiotomie nehmen mit auffallender Häufigkeit auf die Geburtshelfer Michaelis und Ould Bezug. Weitergehende Recherchen und Nennungen bilden die Ausnahme. Die in den Arbeiten untersuchten allgemeinen Aspekte der Episiotomie umfassen die Themen Indikation, Argumente für einen Schnitt, Argumente dagegen und die Suche nach dem günstigsten Zeitpunkt des Schnittes. In den Arbeiten, die zu den Indikationen Stellung nehmen, lässt sich eine Entwicklung weg von der alleinigen Indikation „Missverhältnis“ feststellen. Die den Anfang des Untersuchungszeitraumes dominierende Indikation wird jedoch nicht durch eine andere ersetzt. Vielmehr persistieren im gesamten Untersuchungszeitraum sehr zahlreiche und verschiedenartige Indikationen neben der Indikation „Prophylaxe des Dammrisses“. Argumente für das Schneiden einer Episiotomie sind in den Arbeiten generell häufiger zu finden als Argumente dagegen. Es ist nicht möglich, einzelne Zeiträume für eine bestimmte Argumentation abzugrenzen. Die Argumente „Schnittwunden heilen besser“, „Dammrisse sind seltener“, „besserer Funktionserhalt der Geburtswege“ und „Beschleunigung der Geburt“ sind zeitlich parallel anzutreffen. Allein die neben- und untergeordneten Aspekte finden sich nach 1941 nicht mehr, was aber der untersuchungsspezifischen Einteilung geschuldet sein kann. Die Argumente gegen einen Schnitt lassen sich in die Kategorien „keine Verhütung des Dammrisses und Weiterreißen trotz Episiotomie“, „Verlängerung des Wochenbettes und Gefahr von Infektionen“ sowie „schlechterer Funktionserhalt der Geburtswege“ einteilen. Sie finden sich von Beginn des Untersuchungszeitraums bis 1927. Über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg werden jedoch generelle Zweifel an der Episiotomie geäußert. Die Suche nach dem günstigsten Zeitpunkt für den Schnitt wird bis 1941 geführt und dann ohne die Herausarbeitung einer Lösung verlassen.

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Details der Schnittführung werden ab 1927 so intensiv und breit diskutiert, dass dieser Punkt bis in die heutige Zeit als der Diskussionspunkt um die Episiotomie überhaupt gelten kann. In neuerer Zeit spielt die laterale Episiotomie jedoch eine zunehmend vernachlässigbare Rolle. Das Hauptaugenmerk gilt inzwischen der Debatte um die Vor- und Nachteile der mediolateralen und medianen Episiotomie. Nach der Analyse der theoretischen Grundlagen wurden die in den Arbeiten geäußerten praktischen Anwendungen zusammengetragen. Dabei ist festzustellen, dass zur Indikation der jeweiligen Klinik für den Schnitt einer Episiotomie in den Arbeiten bis 1911 und zwischen 1958 und 1993 keine Angaben zu finden waren. Die beiden damit abgegrenzten Zeiträume umschreiben zwei sehr unterschiedliche Zeiten: einmal den Abschnitt, in dem die Episiotomie eher ein akademisches denn ein praktisches Thema beschrieb und zum zweiten den Abschnitt, in dem die Episiotomie einer großen allgemeinen Akzeptanz unterlag und keiner Erklärung bedurfte. Die Praxis in der Klinik kann im Zeitraum zwischen 1941 und 1991 wohl am besten mit der folgenden Einstellung beschrieben werden: „Man sollte deshalb in Zweifelsfä l len lieber eine Episiotomie zuviel anlegen, als später mehr Frauen als nötig mit unschön verheilten Dammpartien entlassen zu müssen.“ (Reinhard; 1961). Die Häufigkeit der Anwendung wurde in die Kategorien restriktiv und liberal getrennt. In den Jahren 1980, 1985, 1991 und 1995 sind liberale Handhabungen der Episiotomie in der Klink beschrieben, in den Jahren 1923 und 1951 gibt es je eine restriktive Einstellung der Episiotomie gegenüber. Alle weiteren Arbeiten verzichten auf eine Angabe oder ordnen sich in den Bereich dazwischen ein. Die Praxis der Schnittführung ergibt entsprechend der theoretischen Debatte ein heterogenes Bild: Die Verwendung der medianen Episiotomie ist über den ganzen Untersuchungszeitraum verteilt, die laterale Episiotomie findet ab 1968 keine Anhänger mehr und der Zeitraum der Anwendung der mediolateralen Episiotomie in den untersuchten Arbeiten erstreckt sich von 1968 bis 1991. Die Technik der Schnittführung und die verwendeten Instrumente bilden bis 1949 die Grundlage einer breiten Debatte und finden später keine Erwähnung mehr. Die Abgrenzung des Zeitpunktes des Schnittes während der Wehe ist in der Beschreibung der Praxis in den Kliniken nicht zu finden. Eine erste Aussage zur Naht der Episiotomie ist 1913 nachzulesen. Von da an werden die Techniken und Materialien immer differenzierter und detailreicher dargestellt. Sie bilden die technischen Möglichkeiten der Moderne ab. Die am Ende des Fragerasters einsortierten generellen Einschätzungen der Autoren der untersuchten Arbeiten zur Episiotomie lesen sich höchst unterschiedlich und lassen auch keinen Rückschluss auf die in den Arbeiten tatsächlich untersuchten und gefundenen Sachverhalte zu.

5.1.2 Schlussfolgerungen in Bezug auf die Denkstile

Insgesamt wurde bei der Untersuchung der Arbeiten von einer Dreiteilung des Untersuchungszeitraums ausgegangen. Die drei postulierten Abschnitte unterscheiden sich in den Denkstilen und weisen charakteristische Merkmale auf. Es können Übergänge zwischen ihnen ausgemacht werden.

Der Beginn des Untersuchungszeitraums ist durch eine Suchbewegung in der akademischen Geburtshilfe gekennzeichnet. Die Fragen der Wissenschaftler betreffen den Rahmen der medizinisch notwendigen und nützlichen Interventionen. Auf die Episiotomie bezogen stellt sich die Frage nach dem generellen Nutzen des Eingriffs gegenüber einer abwartenden Haltung.

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Der darauffolgende Zeitabschnitt ist durch ein hohes Maß an technokratischem medizinischen Wissen gekennzeichnet. Die Frage nach dem Eingreifen oder Abwarten wurde zu Gunsten des Eingreifens entschieden, nun interessiert die Optimierung des Eingriffs in Bezug auf die technische Durchführung. In Zusammenhang mit der Episiotomie gewinnen die Themen Schnittrichtung, Narkosetechnik und die Nahtversorgung eine große Bedeutung.

Der dritte Zeitraum ist in den 1990er Jahren im Anbrechen und stellt individuelle Aspekte der Gebärenden und des Kindes in den Mittelpunkt. Wieder wird jede Geburt als einmaliges Ereignis wahrgenommen. Die Forscher versuchen in den Fragestellungen einen Kompromiss zwischen medizinisch notwendigem und individuell gewünschtem Handeln zu definieren.

5.1.3 Probleme

Die Probleme, die die Wissenschaftler einer Zeit interessieren und die sie erforschen sind einem vorgegebenen Themenkanon zuzuordnen. Sie sind zeitspezifisch und abhängig von den als anerkannt geltenden Theorien einer Zeit.

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Im Falle der Episiotomie spiegelt sich diese Auswahl an Problemen in der Wahl der Titel der Dissertationen wider: Entsprechend der Titelanalyse lässt sich ein Wandel des Problembewusstseins feststellen, angefangen bei der Suche nach einer wirksamen Prophylaxe des Dammrisses und der Dammverletzungen über die Suche nach der optimalen Schnittrichtung und dem Vergleich zwischen Dammschnitt und Dammriss hin zu zeitlich nachgeordneten Problemen wie Ergebnissen und Komplikationen des Schnittes sowie subjektivem Befinden der Frau unter und nach der Geburt. Der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, den die Forschenden für sich erhoben, wurde in der breiten Debatte der Probleme deutlich. An diesem wissenschaftlichen Disput konnte jeder, der in die Reihen der qualifizierten Teilnehmer aufgenommen wurde, teilhaben. Dementsprechend offenbart der Blick in Fachzeitschriften und Lehrbücher ebenjene Orientierung an den aufgezeigten Problemen. So lauten Themen der Artikel im ersten Drittel des Untersuchungszeitraums „Über die Dammunterstützung, so wie über das Einschneiden der hinteren Commissur des Geschlechstteiles, Behufs der Schützung des Mittelfleisches vor Einri s sen.“ (Weise, 1827), „Über die Erhaltung und Zerreissung des Dammes bei der Geburt“ (Schultze, 1858) oder „Über die Zweckmäßigkeit der einseitigen seitlichen Incision beim Dammschutzverfahren“ (Credé und Colpe, 1884). In diesen Schriften steht der Dammschutz, die Verhütung von Dammrissen und den Folgen im Mittelpunkt des Interesses. Das Abwarten und „der Natur ihren Lauf lassen“ ist dem Eingreifen und der Chirurgie gewichen. Allerdings sind die Ansichten noch unsicher und bedürfen der sorgfältigen argumentativen Begründung.

Im zweiten Drittel des Untersuchungszeitraums nehmen die Darstellung der optimalen Schnittrichtung und der Vergleich zwischen Dammschnitt und Dammriss einen breiten Raum der Debatte ein. Ähnlich finden sich diese Entwicklungen auch in der Fachliteratur: Die Artikel nennen sich beispielsweise „Unsere Erfahrungen mit der Episiotomie“ (Dörr, 1959), „Betrachtungen zum methodischen Vorgehen bei Episiotomie“ (Kräubig, 1962) oder „Mediane contra mediolaterale Episiotomie, ein Vergleich“ (Glasenapp, 1973).

Schließlich rücken im letzten Drittel des Untersuchungszeitraums die nachfolgenden Probleme ins Zentrum des Interesses. Ähnlich wie in den Titeln der Dissertationen werden auch in den Zeitschriftenartikeln andere Schwerpunkte als bisher gesetzt: „B e schwerden infolge Episiotomie“ (Wenderlein und Merkle, 1983) oder „Episiotomie und ihre Komplikationen“ (Hirsch, 1997) und lassen sich darüber hinaus weiterverfolgen: „Effektiv i tät der liberalen vs. restriktiven Episiotomie bei vaginaler Geburt hinsichtlich der Verme i dung von Harn- und Stuhlinkontinenz: eine systematische Übersicht.“ (Schlömer, Groß und Meyer, 2003).

5.1.4 Einsatz von Methoden als Erkenntnismittel und daraus abgeleitete evidente Urteile

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Während der in den Arbeiten so oft zitierte Text von Michaelis (Michaelis; 1810) allein auf den Wert der Beobachtung und deren genauer Darstellung in einer Fallgeschichte baut, versuchen später datierte wissenschaftliche Abhandlungen mit Zahlen und Faktenmaterial zu überzeugen. Welche Methoden dabei angewandt werden, wie eine Untersuchung konkret gestaltet und ausgewertet wird, unterliegt wiederum einer zeitlichen Abhängigkeit.

Im ersten Drittel des Untersuchungszeitraums werden kaum eigene statistische Erhebungen angeführt, oft zitieren die Autoren die Zahlen anerkannter Wissenschaftler der Zeit. Ab 1911 liegt aber den Doktorarbeiten eigenes Zahlenmaterial zu Grunde. Erste einfache statistische Auswertungen werden herangezogen, um den eigenen Argumenten ein solides Fundament zu geben. Eine methodisch begründete Auseinandersetzung mit verschiedenlautenden Argumenten mit Hilfe der Statistik wird jedoch erst im zweiten Abschnitt des Untersuchungszeitraums unternommen. Schließlich erlebt die Statistik im letzten Abschnitt des Untersuchungszeitraums eine Perfektionierung. Die Methoden der statistischen Erhebungen werden bis ins Detail auf die zu beantwortende Fragestellung zugeschnitten.

Wichtiger als die Frage nach dem Zahlenmaterial scheint aber die Frage nach den Erkenntnissen, die aus den geführten Diskussionen und dem Zahlenmaterial gewonnen werden. Michaelis genügt es 1810 seine Beobachtungen an einer Frau als gewichtiges Argument für das Schneiden der Episiotomie anzuführen. Seine Einzelbeobachtung und das nachfolgende positive Urteil über die Episiotomie ist evident. Ab 1911 wird der wissenschaftliche Wert einer einzelnen Beobachtung zunehmend in Frage gestellt, es wird nötig, die Beobachtungen zu vervielfältigen und eine erste Statistik zu entwickeln. Der Zeitraum zwischen 1950 und 1990 ist durch die Ausweitung dieser statistisch gestützten Argumentation gekennzeichnet. Eine sorgfältig erstellte Statistik gibt den Handlungsrahmen vor. Ein Urteil über Sinn und Zweck eines Eingriffs ist erst durch diese statistische Erhebung evident. Erst danach werden die Grenzen des Interpretationsrahmens, den diese Statistiken zulassen, langsam kritischer gesehen. Statistische Erhebungen werden detaillierter und methodisch vielfältiger angelegt und weiterhin als Entscheidungsgrundlage angeführt. Sie verlieren aber den Status des alleinigen Arguments, Wertvorstellungen und subjektive Empfindungen werden bei der Entscheidung zunehmend mit berücksichtigt. Ein Urteil über Sinn und Zweck eines Eingriffs bei einer Frau wird erst evident, wenn die durch sorgfältige statistische Erhebung gewonnenen Daten mit den individuellen Wertvorstellungen der Betroffenen und den praktischen Gegebenheiten abgeglichen und abgewogen wurden.

5.1.5 Grenzen der Untersuchung

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Während der Sichtung und Interpretation der Ergebnisse wurde versucht, eine für alle untersuchten Aspekte der Arbeit gültige Abgrenzung der Zeiträume zu formulieren. Dies ließ sich nicht realisieren. Die Diskussionslinien in Bezug auf die Episiotomie sind zu heterogen, als dass die aufgezeigten Entwicklungen synchron zu einander abgebildet werden könnten. Während die Titelanalyse eine Entwicklung hin zu nachgeordneten Aspekten der Episiotomie nahe legt, spiegelt sich dieses Postulat weder in der Auflistung der Indikationen, noch in der Häufigkeit in der Praxis der Kliniken, noch in der Differenzierung der Argumente gegen einen Schnitt wider. Die Abgrenzung einzelner zeitlicher Bereiche konnte nur für den jeweiligen Unterpunkt des Fragerasters erfolgen.

Da die vorliegende Arbeit allein eine qualitative Untersuchung der ausgewählten 39 Dissertationen zum Thema Episiotomie zum Forschungsgegenstand hatte, sind darüber hinaus interessierende Aussagen quantitativer Art nicht möglich.

5.2 Nähere Charakterisierung der Zeiträume

Anhand von drei Beispieltexten sollen die postulierten Zeiträume näher charakterisiert werden.

5.2.1  Zeitraum der vorsichtigen Prophylaxe

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Als Beispiel für den Zeitraum der vorsichtigen Prophylaxe soll im folgenden ein Text herangezogen werden, der in den untersuchten Dissertationen oft zitiert wurde. Er soll im Gegensatz dazu aber an dieser Stelle nicht in seiner Funktion als historisches Zeugnis über die Rezeptionsgeschichte der Episiotomie gelesen und analysiert werden, sondern vielmehr als wissenschaftsgeschichtliches Dokument der Erkenntnisfindung seiner Zeit.

5.2.1.1  Textanalyse einer Geburtsgeschichte des Dr. Gottfried Philipp Michaelis

In den meisten Texten zur Geschichte des Dammschnittes wird auf einen sonst unbekannten Harburger Arzt verwiesen: Dr. Gottfried Philipp Michaelis (nicht zu verwechseln mit seinem Sohn Gustav Adolf Michaelis, der von 1798 bis 1848 lebte und sich durch seine Schriften über das enge Becken verdient gemacht hat) (David; 1993 und Semm, 1980). Gottfried Philipp Michaelis war als praktischer Arzt und Geburtshelfer tätig (Semm, 1980). Er veröffentlichte 1810 in der entbindungskundlichen Zeitschrift „Lucina“ diesen von nun an immer wieder zitierten Text (Michaelis; 1810). Die Behandlung der Mad. B., die sich am 17. April 1799 zutrug und um einen Bericht einer zehn Jahre später stattfindenden Geburt bei der selben Patientin ergänzt wurde, bildet die erste von neunzehn „Geburtsgeschichten“.

Abbildung 11: Titelblatt des Artikels

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Diese Beschreibungen von einzelnen Geburten sind sehr unterschiedlich lang und ausführlich, gleichen sich aber in der Wirkung und den Ergebnissen. Bei zwei dieser neunzehn Geburten legte Michaelis einen Schnitt, in einem Fall starb die Mutter, in neun Fällen starb das Kind unter der Geburt und in zwei Fällen überlebten weder Mutter noch Kind die Ereignisse. Zum Vergleich eine weitaus günstigere, wenn auch nicht weniger erschreckende Statistik der Großherzoglichen Entbindungsanstalt zu Würzburg vom Jahre 1807: „Anzahl aller geborner Kinder betrug 99, unter diesen wurden theils todt geboren, theils starben nach der Geburt 16. Mütter starben 3.“(Siebold; 1810)Dabei ist zu bedenken, dass das Klientel der Entbindungsanstalten zu dieser Zeit mehrheitlich ledige, unbemittelte Erstgebärende der unteren Stände waren und daraus eine weit höhere Komplikationsrate abzuleiten ist (siehe dazu Seidel; 1998) als bei den privatärztlich von Michaelis betreuten Frauen. Aus diesem Vergleich heraus liegt die Vermutung nahe, dass Michaelis´ Ausführungen vor allem didaktische Zwecke erfüllen sollten und keinesfalls eine verhältnismäßige Abbildung der Vorkommnisse darstellten.

Das Medium der Veröffentlichung

Abbildung 12: Titelblatt der Zeitschrift „Lucina“

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Die Zeitschrift „Lucina“ erschien von 1802 bis 1810/1811 in Marburg. Der Name leitet sich von Lucine, der Patronin der Wöchnerinnen in der antiken römischen Mythologie, ab. Mit dem Untertitel: „Eine Zeitschrift zur Vervollkommnung der Entbindungskunde grenzt sie sich von der durch Friedrich Benjamin Osiander geprägten Entbindungskunst, die die operative Richtung der Geburtshilfe meint, ab. Einigen Bibliothekaren war dieser feine Unterschied nicht bewusst und sie katalogisierten die Lucina fälschlicherweise unter dem Stichwort Entbindungskunst.

Mit der Ausgabe 1813/1815 wurde der Titel geändert in: „Neues Archiv für Geburtshülfe, Frauenzimmer- und Kinderkrankheiten“ (Fortsetzungen: „Journal für Geburtshülfe, Frauenzimmer und Kinderkrankheiten“ 1.1813/15 – 6.1826, „Neues Journal für Geburtshülfe, Frauenzimmer- und Kinderkrankheiten“ 1=7.1827/28 – 11=17.1837/38, „Neue Zeitschrift für Geburtskunde“ 1.1834 –33.1852, „Monatsschrift für Geburtskunde und Frauenkrankheiten“ 1.1853 – 34.1869, „Archiv für Gynäkologie“ 1.1870 – 175.1944,2;176.1948/49 – 225.1978, „Archives of Gynecology“ 226.1978 – 240.1987). Die Entwicklung der Zeitschrift lässt sich weiterverfolgen bis zum „Archives of Gynecology and Obstetrics“ der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, als das sie seit 1987 erscheint. Es ist bemerkenswert, dass Michaelis seinen operativen Eingriff gerade in der nicht Osianderscher Operationsfreudigkeit zugewandten „Lucina“ veröffentlicht.

Herausgeber war Dr. Adam Elias von Siebold (1775 - 1828), Lehrer an der geburtshilflichen Klinik der Julius - Universität Würzburg und Mitglied einer Gelehrtenfamilie, die mit seinem Vater Carl Casper von Siebold (1737 - 1807), seinem Sohn Eduard Caspar Jakob von Siebold und ihm drei bekannte geburtshilflich tätige Ärzte hervorbrachte. Auch J. D. Busch gab eine Zeitschrift mit dem Namen „Lucina“ heraus, die jedoch nur unregelmäßig und in geringer Auflage erschien. Siebolds „Lucina“ erlangte die weitaus größere Bedeutung und ermöglichte eine intensivere und weiter gefächerte Kommunikation in geburtshilflichen Fragen, als sie die sonst üblichen Veröffentlichungen in allgemein-medizinischen oder naturwissenschaftlichen Zeitschriften erreichten.

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Die „Lucina“ wurde so zur wichtigsten geburtshilflichen Zeitschrift um die Jahrhundertwende (siehe dazu: Seidel; 1998).

Zeitliche Einordnung des Textes

1810 gedruckt, lässt sich diese Geburtsgeschichte zeitlich in die Epoche der Spätaufklärung einordnen. Kants Charakterisierung der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant;1974) wird teilweise auch an diesem Text deutlich. Der Autor schreibt in der Ich-Form, verzichtet auf eine Vorstellung seiner Person und seiner Tätigkeit und auf den Rückgriff auf medizinische Autoritäten, um seinen Anschauungen Nachdruck zu verleihen. Allein die Genauigkeit und Stimmigkeit seiner Beobachtungen sollen den Leser von seiner Meinung überzeugen. Eine solche Einordnung stößt jedoch schnell an Grenzen, die vor allem „... die gesteigerte Prominenz der Frage gegenüber der Antwort als Charakteristikum der Aufklärung und ihrer Auffassung von Erkenntnisgewinn und rationeller Organisation des Wissens ....“ betrifft (Buschmann; 2000): Der vorliegende Text legt gerade keinen Wert auf die Erörterung einer Frage, er verzichtet auf eine Diskussion der Erkenntnisse und folgt allein der Chronologie der Ereignisse. Die Veröffentlichung als solche ist eine „belehrende Tat“.

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Die Medizin dieser Zeit ist durch die Ablösung ganzheitlicher philosophischer Krankheits- und Therapiekonzepte durch naturwissenschaftliche Ansätze gekennzeichnet. An die Stelle verschiedenartiger Philosophien tritt strenger Rationalismus, der den Anspruch erhebt, alle natürlichen Phänomene erklären zu wollen.

Die deutsche klinische Geburtshilfe ist zu dieser Zeit ein relativ junges Fach, das mit dem von Johann Georg Roederer 1751 in Göttingen begonnenen klinischen Unterricht entscheidend weiterentwickelt wurde. Zwar gab es schon Anfang des 17. Jahrhunderts erste geburtshilflich tätige Ärzte und Chirurgen, doch erst mit Roederer wurde ein erster „Professor Medicinae exordinarius“ in der stark von der Aufklärung geprägten Stadt Göttingen berufen, um „in arte obstetricali“ zu dozieren (siehe J. Schlumbohm; 1999). Roederer war zur Zeit seiner Berufung gerade 25 Jahre alt, hatte in seiner Heimatstadt Straßburg Medizin studiert und anschließend auf einer Studienreise unter anderem in Paris im berühmten „Hôtel-Dieu“ Unterricht in Geburtshilfe bei einigen Hebammen genommen sowie in England bei William Smellie und William Hunter gelernt. „Roederer war sich dessen bewußt, daß seine Berufung auf das neu geschaffene Exordinariat für Geburtshilfe an der damals als modern angesehenen hannoverschen Landesuniversität nicht nur für seine Person, sondern auch für sein Fach einen außerordentlichen Zuwachs an Ansehen brachte. So gab er seiner Antrittvorlesung einen entschieden programmatischen Titel und Inhalt: ´De artis obstetriciae praestantia, quae omnino eruditum decet, quin imo requirit´ (Über den vorzüglichen Wert der Hebammenkunst- bzw. der Geburtshilfe-, die durchaus für einen Gelehrten schicklich ist, ja sogar einen solchen erfordert).“(Schlumbohm; 1999) Er nimmt damit Bezug auf den noch heute aktuellen Disput um die Macht und Eignung der (männlichen) akademischen Geburtshilfe und der (weiblichen) geburtshilflich tätigen Hebammen.

Die Zeit der Michaelis´schen Veröffentlichung ist durch die Auseinandersetzung der inzwischen etablierten gynäkologisch und geburtshilflich tätigen Universitätsärzte untereinander gekennzeichnet. Besonders heftig tobte der Kampf in Schriften zwischen den Verfechtern der „Geburtshilfe“ und der „Geburtskunst“ Die Vertreter der ersteren Richtung um Lucas Johann Boer bezogen sich auf englische Vorbilder und verhielten sich überwiegend abwartend, während sich die operativ-eingreifenden „Geburtskünstler“ um Friedrich Benjamin Osiander auf französische Autoriäten beriefen. Karl Sudhoff schreibt dazu: „L u cas Johann Boer (1751-1835) in Wien, der den expektativen Standpunkt betonte und das plumpe Instrumentarium vereinfachte und handlicher machte, während der Göttinger G e burtshelfer Friedrich Benjamin Osiander (1759-1822) zu Kunsthilfe zu rasch geneigt war.“ (Sudhoff; 1922) Ein Anhalt dafür, dass Michaelis trotz seiner blutigen Methode der Dammspaltung eher ein Anhänger der Boerschen Schule war, legt die Verwendung des Gebärhockers nahe, wie sie in Zeile 179 erwähnt ist. Ob das darin zu lesende „Einhacken“ dem Zusammenklappen desselben entspricht oder aber tatsächlich seine Zerstörung im physischen Sinne beschreibt, wird nicht deutlich. Unter dem wachsenden Einfluss der französischen Geburtshilfe verschwand dieser Gebärhocker bis 1840 ganz aus deutschen Gebäranstalten (Marita Metz-Becker; 1999).

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Der mit der Begründung einer eigenen akademischen Disziplin ausbrechende Kompetenzstreit zwischen Hebammen und geburtshilflich tätigen Ärzten um die Versorgung der Kreißenden war nicht entschieden. Dieser Streit, den man auch als die Auseinandersetzung zwischen universitärer Bildung einerseits und Erfahrungswissen und sozialer Kompetenz andererseits charakterisieren könnte, wurde und wird aufs Kontroverseste ausgetragen.

Inhalt und Form des Textes

Ein großes Problem, dem sich die Geburtshelfer gegenüber sahen, waren die Dammrisse, deren unangenehme Folgen Michaelis in seinem letzten Satz drastisch, wenn auch nur indirekt umschreibt (Zeile 181ff). Das im Text von Michaelis geschilderte Problem war damit definiert: die Verhütung des Dammrisses. Seine Lösung im geschilderten Falle besteht im Griff zum Messer, um den Damm zu spalten. Die damit zu einem glücklichen Ende gebrachte Entbindung und die später bei einer folgenden Geburt gesehene Narbe wertet Michaelis als Bestätigung. Er veröffentlicht seine Beobachtungen in einem Fachjournal und macht seine Erkenntnisse damit einem breiten Fachpublikum von Geburtshelfern zugänglich.

Schon zu Beginn des Textes wird eine Art Zusammenfassung vorweggenommen. Im Folgenden erfährt man die Geschichte des ersten von Michaelis durchgeführten Schnittes aus der Sicht des Geburtshelfers geschildert und in zeitliche Ordnung gebracht. Äußerlich davon abgesetzt, als Nachtrag gekennzeichnet, jedoch umfänglicher als die erste, findet sich eine weitere Geburtsgeschichte von der selben Patientin. Sie ist von der ersten durch einen Abstand von zehn Jahren getrennt und bestätigt sie inhaltlich. Beide Geburtsgeschichten wurden 1810/11 zusammen im sechsten Band der Lucina veröffentlicht und mit einem fachlich ergänzenden, inhaltlich bestätigenden Kommentar des Herausgebers versehen.

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Rein äußerlich ist Michaelis` Schilderung in die Form eines Briefes gefasst, den er an Kollegen schreibt. Der zu dieser Zeit nicht selten gewählte Titel „Geburtsgeschichte“ ist ohne Aussage über den Inhalt des Geschilderten. Michaelis` Beschreibungen entbehren jedoch im Gegensatz zu den anderen Veröffentlichungen in der „Lucina“ des selben Jahrgangs der breiten theoretischen Abhandlung über den gemachten operativen Eingriff, geben keine Auskunft über eventuelle Vorbilder oder Befürworter und fordern auch keine Stellungnahme des Lesers. Michaelis veröffentlicht allein seine Geburtsgeschichten und eine kurze Beschreibung seiner Erkenntnisse. In anderen Abhandlungen folgen diese Geschichten der theoretischen Darstellung eines Sachverhaltes und dienen der Bestätigung, hier sind sie davon losgelöst. Dabei geht diese Form der Veröffentlichung auf eine Kernfrage der Aufklärung in der Medizin des 18. Jahrhunderts zurück. Die Erörterungen sogenannter „Kasuistiken“ kennzeichneten den Aufbruch in die „moderne“ Medizin. „Ihre Fun k tion besteht offensichtlich in der Verbreitung empirischen Wissens auf der Basis vergle i chender Fallbeispiele“ (Geyer-Kordesch; 1990). Im eben zitierten Artikel ist auch der übliche Aufbau einer solchen Fallbeschreibung erläutert: „Einleitend werden Alter, Temper a ment, Krankheitssymptome, Verlauf der Krankheit und Auffälligkeiten angegeben. Danach folgt die Ätiologie und die Diagnose. Nach der Zusammenfassung des Falles, deren m e thodologisches Hauptmerkmal die empirische Aufzählung der Symptome beinhaltet, folgt eine ausführliche Besprechung des spezifischen Falles innerhalb des Kontextes des Krankheitstypus“ (Geyer-Kordesch;1990). Laut Geyer-Kordesch wird mit diesen Fallbeschreibungen eine explizite Abkehr von den Autoritäten des medizinischen Textkanons und des traditionellen medizinischen Unterrichts dokumentiert. Die Entdeckung der Pathognomie einer Krankheit wird zur maßgeblichen Forschungsaufgabe der Medizin. Als Beweis für ihre These führt Geyer-Kordesch das bemerkenswerte Fehlen von Zitaten medizinischer Autoritäten an. Ganze Bände von verschiedenen Fallbeispielen werden im 18. Jahrhundert veröffentlicht und offensichtlich auch von den Medizinern der Zeit gelesen. An diese Tradition der Kasuistiken knüpft nun Michaelis in seiner Veröffentlichung an. Er geht im Aufbau seines Artikels den klassischen Vorbildern nach, verzichtet aber auf die Bezugnahme auf ein theoretisches Wissensgebäude.

Einzelne Elemente des Textes

Nach einer kurzen zeitlichen Einordnung der Ereignisse und Charakterisierung der Schwangeren (Zeile 21f) wird den Lesenden mit der Beschreibung wichtiger physiologischer Parameter („mit sehr rothem Gesichte, sehr vollem schnellen Pulse und guten hi n reichenden Wehen“; Zeile 29f) der medizinisch relevante Zustand der Gebärenden vorgestellt und eine „sehr normale Stellung“ (Zeile 34) in Bezug auf die Geburt konstatiert. Damit ist die Situation umgrenzt. Durch die Wortwahl wird ebenso die angesprochene Leserschaft charakterisiert – die der genannten Zeitschrift entsprechend gebildeten Fachleute.

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Im folgenden Absatz beschreibt Michaelis, dass er alle zur damaligen Zeit üblichen Methoden zum Dammschutz versucht hat: „...und bei meinem Bestreben, den Damm, indem ich ihn unterstützte, zugleich zurück zu schieben und den Kopf herauszuheben, erweiterte sich die Öffnung eben so wenig allmählich wie durch einen Riß.“ „Alle Versuche, den Damm durch fettige Sachen schlüpfriger zu machen, waren vergeblich.“ „Ich wollte de s halb versuchen, durch zwei in den Mastdarm eingebrachte Finger den Kopf heraus zu heben“ (Zeile 41f). Am Ende der Beschreibung seiner vergeblichen Bemühungen konstatiert er: „Hier stand deshalb nichts bevor als eine völlige Durchreißung des Dammes“ (Zeile 51). Im folgenden Satz präsentiert er unvermittelt den Schnitt als die Lösung der ausweglosen Situation: „...sah ich nur ein Mittel, nämlich die Einschneidung des Dammes von vorne bis auf den Punkt, daß der Kopf ungehindert durch konnte“ (Zeile 54).

Der hier nun recht genau beschriebene Schnitt war den Lesenden am Beginn des Textes zwar schon angekündigt, es gibt jedoch keine logische Verknüpfung zwischen dem Scheitern der herkömmlichen Dammschutzverfahren und der Anwendung einer bis dahin ungebräuchlichen operativen Methode. Michaelis liefert in seinem Text keinen Hinweis auf den Ursprung seiner Idee zum Dammschnitt und auch anhand der dem Text zugrunde gelegten zeitlichen Abfolge der Ereignisse kann man kaum von einem reflektierten, abwägenden Verhalten sprechen. Der eigentliche Geburtsverlauf wird in den folgenden drei Sätzen nur noch ganz kurz ergänzt. In der Dramatik des Textes ist der Höhepunkt mit dem Setzen des Schnittes erreicht.

Im Weiteren scheint Michaelis die Kritik seiner Leser vorwegnehmen zu wollen und gibt ausführlich Auskunft über die nun folgende Wundbehandlung. Mit dem Satz: „Ich suchte den hinteren Riß durch streng beobachtete Reinlichkeit, wozu ich mich der Einspritzung von Chamillenabsud durch die Scheide und des Abzapfens des Urins bediente, und durch stetes Aneinanderhalten der Schenkel, wobei für einen Geübten das Einbringen des C a thethers nicht beschwerlicher ist, bald möglichst zu heilen“ (Zeile 65ff),sucht er den Konsens mit seinen Lesern. Aber schon im darauffolgenden Textabschnitt überrascht er mit der Bemerkung: „Die Heilung des gemachten Schnittes wollte ich aber bei der ungeme i nen Enge der weichen Geburtstheile nicht befördern, weil bei einer künftigen Niederkunft die Narbe nur noch mehr Hindernisse gegeben haben würde“ (Zeile 68ff). Diese Textstelle verwundert, da Michaelis sein Handeln erstmals nicht vom Hier und Jetzt, sondern von zukünftigen Ereignissen bestimmen lässt. Michaelis fährt in der Beschreibung der Wundbehandlung fort, wobei seine Bemühungen offensichtlich erfolglos sind, denn er schreibt: „...zeigt mir der an mehreren Stellen an den großen Schamlippen und dem Damme en t standene Brand“ (Zeile 73).Michaelis entschließt sich zur Behandlung mit „Ung.de Styr a ce, Sp. Terebinth. und Pulv. Cort. Peruv.“, das heißt zur anerkannten Behandlung von Schnittwunden mit Balsam und Spiritus.

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Weiter teilt er ausführlich seine Untersuchungsergebnisse an der Wöchnerin mit, die das Vorhandensein einer Verbindung zwischen Scheide und Mastdarm vermuten lassen. Diese Vermutung wird dann in Zeile 82f entschieden zurückgewiesen. Dieser Zusammenhang ist in den Aufzeichnungen des Michaelis so wichtig, weil die offene Verbindung zwischen Darmende und Vagina eine der gefürchtetsten, damals schwerwiegenden Geburtsschäden darstellt. Eine solche Fistel bedeutete für die betroffenen Frauen unter lebenslanger Stuhlinkontinenz zu leiden. Wenn Michaelis zwar das Kind mit seinem Dammschnitt schneller entbindet, aber die Mutter nicht wirksam vor dem vollständigen Dammriss und seinen gefürchteten Folgen schützen könnte, dann wäre ein wesentliches Argument für diesen Schnitt verloren.

Zum Nachtrag (Zeile 91 - 188)

Dieser Nachtrag ist rein zeitlich durch einen Abstand von zehn Jahren von der ersten beschriebenen Entbindung getrennt. Inhaltlich erfährt der Leser wenig Neues. Er hat allein die Funktion der Bestätigung der Aussagen des ersten Textes. Deshalb wird nur kurz darauf eingegangen.

Drei Punkte sind an dieser weiteren Geburtsgeschichte bemerkenswert: Zum Einen die Beschreibung des nach der Incision bei der letzten Geburt geheilten Dammes nebst der darüber geäußerten Verwunderung des Autors (vgl. Zeile 133ff), die erstmals als handelnde und entscheidende Person aktiv werdende Frau, die um den Schnitt bittet (vgl. Zeile 166) und die fehlende Beschreibung des weiteren Verlaufs. Der Leser erhält keine Informationen über die anschließende Wundheilung, über mögliche Nachbehandlungen und Ergebnisse einer eventuellen Untersuchung, obwohl Michaelis selbst so großen Wert auf das gute Resultat des letzten Schnittes legt. Im Gegensatz dazu wird wortreich (vgl. Zeilen 181ff) über die Freude des Geburtshelfers über die sowohl selbst getroffene als auch selbst erfüllte Prophezeiung einer schnellen und glücklichen Geburt berichtet, verbunden mit der Empfehlung des von ihm durchgeführten Eingriffs.

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Michaelis beendet diese Geburtsgeschichte mit der bereits erwähnten drastischen Schilderung der Folgen eines vollständigen Dammrisses. Damit wird dem geburtshilflich tätigen Leser der damaligen Zeit noch einmal die Bedeutung des Eingriffs in Erinnerung gerufen, aber auch ein Abschluss gefunden, der an den gesellschaftlichen Auftrag der Geburtshilfe mahnt: nämlich „Gesundheit und Ruhe der Mutter“ zu gewährleisten, das „glüc k liche Band der Ehe“ zu stärken und „die höchsten sinnlichen Genüsse“ zu erhalten (Zeile 186ff).

Merkmale des Textes in Bezug auf den „Zeitraum der vorsichtigen Prophylaxe“

1 Denkstil

Der Text des Michaelis ist dem Zeitraum der vorsichtigen Prophylaxe zuzuordnen. Er beschreibt einen Eingriff, der sich erst nach seiner Veröffentlichung als praktikabel und anerkannt erweisen wird. Er berichtet einem interessierten Fachpublikum in einer entsprechenden Fachzeitschrift von seinen klinischen Erfahrungen.

Sein Hauptinteresse gilt in der klinischen Arbeit und in seinem Aufsatz der Prophylaxe des Dammrisses und den damit verbundenen Komplikationen. Seine Ausführungen fußen auf jahrelanger praktischer Erfahrung und dem genauen Wissen um das übliche Vorgehen in seiner Zeit. Er setzt dieses Wissen auch bei seinen Lesern voraus und verzichtet auf weitergehende Erläuterungen zu seinen Entscheidungen.

↓120

Die genaue klinische Beobachtung und präzise Weitergabe seiner Beobachtungen machen die Evidenz der Entscheidung aus und empfehlen selbiges Vorgehen seinen Kollegen.

Eine Untermauerung mit statistischem Material und mit weiterführender Literatur ist zu Erlangung von Akzeptanz und Anerkennung nicht nötig.

2 Probleme

Michaelis will den totalen Dammriss und die damit verbundenen Komplikationen bei seiner Patientin verhindern. Um dieses Ziel zu erreichen verfolgt er erst alle in seiner Zeit üblichen Maßnahmen um zu konstatieren, dass sie allesamt erfolglos scheinen. Dann legt er den Schnitt und kann sich in der weiteren Betreuung der Frau vom Fortschritt der Wundheilung überzeugen. Er hat keine andere Zielrichtung als die seiner ebenso klinisch praktizierenden Kollegen, wendet aber bewusst ein neues Verfahren an und findet sich durch seinen Erfolg in der Anwendung bestätigt.

3 Einsatz von Methoden als Erkenntnismittel und daraus abgeleitete evidente Urteile

↓121

Die einzige verwendete Methode dieses Aufsatzes ist die genaue Beobachtung. Auf diese Beobachtung, deren Auswertung und Diskussion stützt sich der gesamte Entscheidungsprozess. Dem Leser werden alle für Michaelis und seine Zeit wichtigen klinischen Parameter und Befunde während des Geburtsverlaufes vermittelt, er kann an der Beobachtung quasi durch das Auge des Michaelis teilnehmen. Auf die Präzision der Michaelis´schen Beobachtung und Auffassung wird das gesamte Gebäude der klinischen Beurteilung des Falles aufgebaut. Darin liegt die in heutigen Augen bestechende Aussagekraft dieses wissenschaftlichen Werkes.

5.2.2 Zeitraum des optimistischen Aktionismus

Als Beispiel für den Zeitraum des optimistischen Aktionismus soll im folgenden ein Text herangezogen werden, der in den untersuchten Dissertationen ebenfalls oft zitiert wurde und die zeittypische Debatte schon im Titel umgrenzt.

5.2.2.1 Textanalyse eines Artikels von Glosemeier und Stockhausen

Medium der Veröffentlichung

Der vorliegende Artikel mit dem Titel „Mediolaterale Episiotomie oder mediane Episiotomie?“ (Glosemeier/ Stockhausen; 1978) wurde in der Zeitschrift für Geburtshilfe und Frauenheilkunde, verlegt vom Georg Thieme Verlag Stuttgart, veröffentlicht. Die Zeitschrift ist das wissenschaftliche Organ der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe wurde 1885 unter dem Vorsitz von W.A. Freund in Straßburg gegründet und hat heute ihren Sitz in Berlin.

Zeitliche Einordnung des Textes

↓122

Die Ausführungen der Autoren erschienen im Jahr 1978. Somit fällt diese Arbeit in den mittleren Untersuchungszeitraum.

Inhalt und Form des Textes

Der Text bietet einen Vergleich der Komplikationen nach mediolateraler und medianer Episiotomie in der Rheinischen Landesfrauenklinik Wuppertal. In der Einleitung erfährt der Leser, dass nach dem Studium der amerikanischen Literatur und dem eindeutigen Trend seit 1950 hin zur medianen Episiotomie auch in der Rheinischen Landesfrauenklinik ab 1972 überwiegend die mediane Episiotomie angewendet wurde. Anlass für die rückwirkende Auswertung des Vorgangs ist zum einen das relativ große vorhandene Zahlenmaterial zum anderen die Beobachtung der steigenden Anzahl von Dammrissen III°. Beide Episiotomieformen werden kritisch gegenübergestellt und in Bezug auf deren Wundheilungsstörungen verglichen. Der Artikel ist in sachlicher akademischer Sprache verfasst, übersichtlich gegliedert und fachsprachlich formuliert.

Einzelne Elemente des Textes

Der Text weist die typische und bewährte Gliederung in Einleitung, Methodik, Ergebnisse und Diskussion auf. Das fachinteressierte Publikum kann schnell und routiniert auf die Essenz der gegebenen Informationen zurückgreifen, diese diskutieren und selbst zu einer Einschätzung gelangen.

↓123

In der Einleitung werden der aktuelle Forschungsstand, die Geschichte und die Motive der Arbeit dargelegt. Es folgt eine Darstellung der angewandten Methodik, die sich in diesem Artikel auf die Beschreibung der verwendeten Nahttechniken beschränkt. Über die Formen des statistischen Vergleichs der beiden Schnitttechniken ist nichts zu erfahren.

In einem separaten Absatz werden sehr übersichtlich und nachvollziehbar die Ergebnisse der Studie dargelegt. Sie werden gegliedert in vier getrennt abgehandelte Formen der Wundheilungsstörungen (Wunddehiszenzen, die eine Sekundärnaht erforderten, Sphinkterinsuffizienzen, Rektumscheidenfisteln und arterielle Nachblutungen). Insgesamt kommt der Artikel auf der Grundlage der vorliegenden Zahlen zu dem Schluss, dass die Anwendung der medialen Episiotomie und die Verfeierung der Nahttechnik die Frequenz der Sekundärnähte gesenkt hat.

Dieses Ergebnis wird in der Diskussion weiter ausgeführt. Schließlich formulieren die Autoren abschließend sieben Vorteile der medialen gegenüber der mediolateralen Episiotomie:

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„1. Die anatomisch korrekte Durchführung und Versorgung fallen leichter.

2. Es wird weniger Gewebe durchtrennt.

3. Die Gefahr von ausgedehnten Scheidenrissen etwa nach Forzepsentbindungen wird vermindert.

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4. Es liegen symmetrische Zugverhältnisse an den Wundrändern vor.

5. Die Abheilung ist eindeutig günstiger.

6. Die kosmetischen Spätresultate sind besser.

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7. Die Belästigung der Patientin im Wochenbett ist deutlich geringer.“ (Glosemeyer/ Stockhausen, 1978)

Der Artikel endet in der Globaleinschätzung der Autoren: „Eine Bevorzugung der medi a nen Episiotomie gegenüber der mediolateralen Schnittform scheint uns somit sinnvoll.“ (Glosemeyer/ Stockhausen, 1978)

Merkmale des Textes in Bezug auf den „Zeitraum des optimistischen Aktionismus“

1 Denkstil

Der Artikel ist dem „Zeitraum des optimistischen Aktionismus“ zuzuordnen. Die Episiotomie ebenso wie die Entbindung in der Klinik und die allgemeine Medikalisierung der Vorgänge rund um Schwangerschaft und Geburt sind unumstritten und werden im vorliegenden Artikel nicht erwähnt.

2 Probleme

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Die Autoren versuchen im Artikel den klinikinternen Wandel von der Anwendung einer Episiotomieform hin zu einer anderen und das damit in Zusammenhang gebrachte häufigere Auftreten von Komplikationen durch eine wissenschaftliche Untersuchung zu begleiten. Das Hauptaugenmerk des Schriftstücks liegt in der Erläuterung der möglichen Optimierung des insgesamt akzeptierten und vielseitig eingesetzten Verfahrens.

Aus dem vorliegenden Zahlenmaterial ergibt sich eine Episiotomierate von insgesamt 63,8 %, die aber keiner näheren Beschreibung unterliegt.

3 Einsatz von Methoden als Erkenntnismittel und daraus abgeleitete evidente Urteile

Wie im Michaelis-Text, so steht auch hier eine exakte klinische Beobachtung am Anfang des Forschungsinteresses. Es ist aufgefallen, dass nachdem häufiger eine mediale Episiotomie durchgeführt wurde, auch häufiger ein Dammriss III° aufgetreten ist. Diese Beobachtung wurde durch nachträgliche Auswertung des vorhandenen Datenmaterials verifiziert. Die klinische Beobachtung allein reicht in diesem Falle als Erkenntnismittel nicht mehr aus, sie muss durch die Verwendung von statistischem Material als evident klassifiziert werden.

5.2.3 Zeitraum der individuellen Abwägung

↓128

Zur Illustration und näheren Charakterisierung des Zeitraums der individuellen Abwägung soll der Artikel von Schlömer/ Groß/ Meyer: „Effektivität der liberalen vs. der restriktiven Episiotomie bei vaginaler Geburt hinsichtlich der Vermeidung von Harn- und Stuhlinkontinenz: eine systematische Übersicht“ (Schlömer/ Groß/ Meyer; 2003), herangezogen werden.

5.2.3.1 Textanalyse des Artikels von Schlömer, Groß und Meyer

Medium der Veröffentlichung

Diese systematische Übersicht erschien in der Wiener Medizinischen Wochenschrift (WMW). Die Wiener Medizinische Wochenschrift erscheint seit 1888 und wird bei Springer verlegt. Sie ist eng verbunden mit der Gesellschaft der Ärzte in Wien, die 1839 gegründet als traditionsreichste medizinische Gesellschaft Österreichs gilt. Die Zeitschrift ist interdisziplinär angelegt und möchte wissenschaftliche Erkenntnisse für den praktischen ärztlichen Einsatz nutzbar machen. Die Artikel erscheinen in deutscher und englischer Sprache und haben eine europäische Leser- und Autorenschaft.

Zeitliche Einordnung des Textes

Das Jahr der Veröffentlichung wird mit 2003 angegeben. Er ist somit jünger als die zur Analyse herangezogenen Dissertationen und repräsentiert den letzten Zeitraum der Untersuchung.

Inhalt und Form des Textes

↓129

Der Text weist die schon bekannte Gliederung in Einleitung, Methoden, Ergebnisse und Diskussion auf. Dem Artikel vorangestellt ist eine Synopsis in deutscher und englischer Sprache. Der ausführliche Übersichtsartikel stellt die Veröffentlichung einer Zusammenfassung einer Dissertation dar. Die Komplexität des dargestellten Sachverhalts fasst der Titel zusammen: Nachvollzogen werden soll die Effektivität des häufigen oder weniger häufigen Gebrauchs der Episiotomie bei der Prophylaxe der Harn- und Stuhlinkontinenz. Demnach steht ein der direkten Anwendung der Episiotomie nachgeordneter Sachverhalt -nämlich die Harn- und Stuhlinkontinenz- im Mittelpunkt des Interesses. Im Gegensatz zur vorher analysierten Arbeit werden nicht zwei miteinander konkurrierende Formen der Durchführung der Episiotomie (median versus mediolateral) verglichen, sondern zwei Formen des Umgangs mit der Anwendung der Episiotomie (liberal versus restriktiv).

Einzelne Elemente des Textes

In der Einleitung des Artikels wird ausführlich zur Geschichte des Eingriffs selbst, zur Indikation und zur aktuellen Literatur Stellung genommen. Anschließend erschließt sich dem Leser im Abschnitt über die Methodik das ausgewählte Vorgehen und die Auswahl der in die Untersuchung einbezogenen Studien. Im Kapitel Ergebnisse werden die gefundenen Daten bewertet und zusammengefasst. Die ausführliche Diskussion stellt die gefundenen Ergebnisse in den klinischen Zusammenhang und erlaubt den Rückgriff auf die eingangs im Text zitierten Indikationen für eine Episiotomie. Die Arbeit kommt insgesamt zu dem Schluss, dass eine in der WHO Resolution formulierte Abschaffung der routinemäßigen Episiotomie unbedingt zu befürworten ist und ein gänzlicher Verzicht auf die Intervention Episiotomie zu prüfen wäre.

Merkmale des Textes in Bezug auf den „Zeitraum der individuellen Abwägung“

1 Denkstil

Der vorliegende Text ist in den „Zeitraum der individuellen Abwägung“ einzuordnen. Nicht mehr die Überlegungen der vorsichtigen Prophylaxe des totalen Dammrisses und seiner Komplikationen, auch nicht die Vervollkommnung der Operationstechniken, sondern der Zweifel am Sinn der Intervention selbst und den postulierten vorteilhaften nachgeordneten Aspekten steht im Zentrum des Interesses.

2 Probleme

↓130

Der Artikel erläutert ausführlich die zeittypische Sachlage in der Indikation, Anwendung und Debatte der Episiotomie. Nicht die Folgen von totalen Dammrissen, Wundheilungsstörungen oder die verschiedenen Formen der Episiotomie werden verglichen, sondern die Literatur in Bezug zu einer durch die Anwendung der Episiotomie angeblich zu vermeidende Harn- und Stuhlinkontinenz.

3 Einsatz von Methoden als Erkenntnismittel und daraus abgeleitete evidente Urteile

Die untersuchte Arbeit hat ebenso wie die vorangegangenen Schriften eine klinische Beobachtung zum Ausgangspunkt: Hier die Vermutung eines erhöhten Auftretens von Harn- und Stuhlinkontinenz nach einer Episiotomie. Die hier als Beispiel für den Zeitraum der individuellen Abwägung herangezogene Arbeit erhebt anders als ihr Vorgänger kein Zahlenmaterial, sondern wertet bereits in anderen Studien veröffentlichtes Datenmaterial erneut aus. Für diese Auswertung werden detaillierte statistische Kriterien formuliert und angewandt, so dass das Ergebnis letztlich erheblich an Aussagekraft gegenüber einer Einzelstudie gewinnt. Dieses globale Ergebnis muss schließlich wieder in den klinischen Zusammenhang gesetzt und von dort aus interpretiert werden, um eine für alle Beteiligte befriedigende und den wissenschaftlichen Maßstäben genügende Entscheidung zu treffen.


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19.10.2006