Zusammenfassung

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Dieser Untersuchung liegt eine qualitative Analyse von 39 Dissertationen im Fach Gynäkologie und Geburtshilfe zu Grunde, die im Zeitraum zwischen 1885 und 1996 an deutschen Hochschulen und Universitäten zum Thema Episiotomie und Dammschnitt veröffentlicht wurden.

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Die Doktorarbeiten wurden anhand eines Fragerasters untersucht und die Ergebnisse in Tabellenformaten zusammengefasst. Es ist festzustellen, dass eine Entwicklung weg von den Indikationen „Missverhältnis“ und „Prophylaxe des Dammrisses“ hin zu sehr zahlreichen und verschiedenartigen Indikationen stattgefunden hat. Details der Schnittführung werden ab 1927 so intensiv und breit diskutiert, dass dieser Punkt bis in die heutige Zeit als der Diskussionspunkt um die Episiotomie überhaupt gelten kann. Zur Indikation der jeweiligen Klinik für den Schnitt einer Episiotomie ist in den Arbeiten bis 1911 und zwischen 1958 und 1993 keine Angabe zu finden. Die beiden Zeiträume umschreiben zwei sehr unterschiedliche Zeiten: einmal den Abschnitt, in dem die Episiotomie eher ein akademisches denn ein praktisches Thema beschrieb und zum zweiten den Abschnitt, in der die Episiotomie einer großen allgemeinen Akzeptanz und breiten Anwendung unterlag und keiner Erklärung bedurfte. In den 1970er bis 1990er Jahren wird eine liberale Handhabung der Episiotomie in der Klinik beschrieben. Die Praxis der Schnittführung ergibt ein ebenso heterogenes Bild: Die Verwendung der medianen Episiotomie ist über den ganzen Untersuchungszeitraum verteilt, die laterale Episiotomie findet ab Ende der 1960er Jahre keine Anhänger mehr und der Zeitraum der Anwendung der mediolateralen Episiotomie in den untersuchten Arbeiten erstreckt sich von 1968 bis 1991.

Die Diskussion und Interpretation der Ergebnisse erfolgte nach den von Fleck postulierten Annahmen von Denkstilen, Denkkollektiven und systemimmanenten Fragestellungen der Forschenden. Ausgehend davon wurde der Untersuchungszeitraum in drei Abschnitte unterschiedlicher wissenschaftlicher Prägungen unterteilt. Der Beginn des Untersuchungszeitraums ist durch eine Suchbewegung in der akademischen Geburtshilfe gekennzeichnet. Die Fragen der Wissenschaftler betreffen den Rahmen der medizinisch notwendigen und nützlichen Interventionen. Auf die Episiotomie bezogen stellt sich die Frage nach dem generellen Nutzen des Eingriffs gegenüber einer abwartenden Haltung.

Der darauffolgende Zeitabschnitt ist durch ein hohes Maß an technokratischem medizinischen Wissen gekennzeichnet. Die Frage nach dem Eingreifen oder Abwarten wurde zugunsten des Eingreifens entschieden, nun interessiert die Optimierung des Eingriffs in Bezug auf die technische Durchführung. In Zusammenhang mit der Episiotomie werden die Schnittrichtung, die Narkosetechniken und die Nahtversorgung breit diskutiert.

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Der dritte Zeitraum ist gerade im Anbrechen und stellt individuelle Aspekte der Gebärenden und des Kindes in den Mittelpunkt. Jede Geburt wird als einmaliges Ereignis wahrgenommen. Die Forscher versuchen in den Fragestellungen einen Kompromiss zwischen medizinisch notwendigem und individuell gewünschtem Handeln zu definieren.

Während der Sichtung und Interpretation der Ergebnisse wurde versucht, eine für alle untersuchten Aspekte der Arbeit gültige Abgrenzung der Zeiträume zu formulieren. Dies ließ sich nicht realisieren. Die Abgrenzung einzelner zeitlicher Bereiche konnte nur für den jeweiligen Unterpunkt des Fragerasters erfolgen.

Die Forschungsgegenstände, Forschungsergebnisse und auch die Interpretation der Ergebnisse sind zeitabhängig. Eine jede Arbeit muss im Kontext ihrer Entstehungsgeschichte betrachtet werden. Somit ist jeder Forschende in zweierlei Hinsicht ein Abhängiger: Er produziert die Wissenslandschaft seiner Zeit, aber er reproduziert sie auch.


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19.10.2006