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1  Sprachliche Informationsverarbeitung, Genus und Aphasie

1.1 Überblick

Jeder einzelne der drei genannten Forschungsbereiche gibt unzählige Rätsel auf und bringt zugleich ebenso viele, zum Teil konträre Lösungsvorschläge und Modellkonzeptionen hervor. Warum ist es sinnvoll, gleich drei umfassende Fragenkomplexe an den Anfang dieser Arbeit zu stellen und was hat der eine mit den anderen zu tun?

Ein Blick auf die Objekte in unserer täglichen Umgebung läßt uns durchaus deren Vielfalt und deren unterschiedlich komplexe Strukturen erkennen. Auch bei unserer sprachlichen Umwelt handelt es sich um eine heterogene und facettenreiche Reizwelt. Allerdings ist unsere Wahrnehmung aufgrund des hohen Grades an Automatizität, mit der wir Sprache verstehen und produzieren, nur wenig für die Vielgestaltigkeit sprachlicher Strukturen sensibel. Lediglich in Streßsituationen, oder in Situationen, die ein hohes Maß an Konzentration und Aufmerksamkeit erfordern, sowie in Momenten geistiger und körperlicher Erschöpfung mögen wir wohl spüren, daß Sprachproduktion mit einem Verbrauch von Energie verbunden ist. Während uns die Formulierung eines Satzes gelingt, fällt uns im nächsten Moment ein Wort nicht ein, oder wir konstruieren Satzanfänge, die wir nicht in der Lage sind zu vervollständigen. Es scheint folglich sprachliche Einheiten zu geben, deren Produktion mit einem geringen Verarbeitungsaufwand gelingt und die selbst in Belastungssituationen selten von Versprechern betroffen sind. Andere sprachliche Strukturen scheinen einen höheren Verarbeitungsaufwand zu erfordern.

Es ist unter anderem Gegenstand der Sprachverarbeitungsforschung zu untersuchen, inwieweit die unterschiedliche Komplexität sprachlicher Einheiten Einfluß auf deren Verarbeitung nimmt und Ursache für einen unterschiedlich hohen Verarbeitungsaufwand ist. Die vorliegende Arbeit schließt sich der Annahme an, daß sich sprachliche Strukturen aufgrund ihrer unterschiedlichen Komplexität in ihrer Verarbeitung unterscheiden.

Anhand der grammatischen Kategorie Genus im Deutschen soll der Zusammenhang von Komplexität sprachlicher Einheiten und Verarbeitungsaufwand verdeutlicht werden.

Der nicht linguistisch überformte Blick bleibt in den häufigsten Fällen vermutlich blind für das Phänomen des grammatischen Geschlechts der eigenen Sprache. Anders verhält es sich beim Erlernen einer Fremdsprache. Ein viel zitierter, besonders „hoffnungsloser“ Fall soll an dieser Stelle als Beispiel dienen:

A person who has not studied German can form no idea of what a perplexing language it is ... Every noun has a gender, and there is no sense or system in the distribution; so the gender of each must be [Seite 8↓]learned separately and by heart. There is no other way. To do this, one has to have a memory like a memorandum book. In German, a young lady has no sex, while a turnip has. Think what overwrought reverence that shows for the turnip, and what callous disrespect for the girl. (Mark Twain, 2000, S. 24)

Ähnliche, extrem anomalistische1 Positionen finden sich selbst im linguistischen Lager:

There seems to be no practical criterion by which the gender of a noun in German, French, or Latin could be determined. (Bloomfield, 1933, S. 280)

The classification is arbitrary. No underlying rationale can be guessed at. The presence of such systems in a human cognitive system constitutes by itself excellent testimony to the occasional nonsensibleness of the species. Not only was this system devised by humans but generation after generation of children peacably relearns it. (Maratsos, 1979, S. 235)

Die Arbeiten von Köpcke und Zubin versuchen allerdings zu zeigen, daß die Zuweisung des Genus im Deutschen keineswegs derartig anomal ist wie oben dargestellt.

Im Deutschen existieren zwischen Nomen und ihrer jeweiligen Genuszuweisung Korrelationen, die stark genug sind, um für den Sprecher des Deutschen als Basis für seine Hypothesenbildung bezüglich der korrekten Genuszuweisung dienen zu können. (Köpcke, Zubin, 1984, S. 28)

Laut Köpcke und Zubin2 lassen sich phonologische, semantische sowie morphologische Regeln der Genuszuweisung formulieren. Allerdings unterscheiden sich diese Regeln in ihrer Zuverlässigkeit, mit der sie auf ein bestimmtes Genus verweisen. Beispielsweise bewirken die Suffixe –chen und –lein zuverlässig die Zuweisung des Genus Neutrum. Einsilbige Nomen hingegen sind nur mit einer 60%igen Zuverlässigkeit maskulin (das Knie vs. der Baum). Andere Nomen haben keinerlei formale Indikatoren, auf deren Grundlage die Bildung von Zuweisungsregeln möglich wäre (z.B. Kompaß, Elend, Paradies). Die unterschiedliche Komplexität läßt sich hier zum einen an der formalen Transparenz des Genus am Nomen festmachen, zum anderen daran, daß die Nomen verschieden zuverlässige Hinweise auf ihr Genus enthalten. Eine grundlegende Annahme dieser Arbeit ist, daß diese unterschiedlich zuverlässigen Strukturen mit einem unterschiedlich hohen Aufwand bei der Verarbeitung verknüpft sind.

Das grammatische Geschlecht des Nomens wird im Deutschen unter anderem durch den d-Artikel (der, die, das) extern markiert. Muß Genus in Form des d-Artikels zugewiesen werden, sollte der Verarbeitungsaufwand für Nomen mit einem transparenten und zuverlässigen [Seite 9↓]Genusindikator geringer sein als für Nomen, die keinen zuverlässigen Hinweis auf ihr Genus enthalten.

Während gesunde Erwachsene bei der Artikelzuweisung keine Fehler machen, von dialektalen Varianten einmal abgesehen, ist sowohl für Kinder als auch für Nicht-Muttersprachler, die Deutsch als Fremdsprache erwerben, der Erwerb der d-Artikel, mit einem hohen Lernaufwand verbunden. Warum ein Nomen wie Tisch maskulines Genus erhält, Weib und Kind hingegen Neutrum, scheint wenig plausibel.3 Ähnlich wie Kinder und Lerner des Deutschen als Fremdsprache haben auch Aphasiker zum Teil größte Mühe, einem Nomen den seinem Genus gemäßen d-Artikel zuzuweisen. Da wir annehmen, daß bei Beeinträchtigungen des Sprachvermögens durch physische Schädigungen des Hirns (Aphasien) der während der Sprachverarbeitung entstehende Aufwand pathologisch erhöht ist, sollten sprachliche Strukturen, die bereits während der gesunden Sprachverarbeitung einen hohen Verarbeitungsaufwand erfordern, besonders störanfällig sein. Demzufolge sollte Genuszuweisung im Fall von Nomen ohne formale Indikatoren störanfälliger sein als im Fall von Nomen, die einen zuverlässigen Indikator für ihr Genus enthalten (vgl der Kompaß vs. das Bäum-chen).

Drei grundlegende Annahmen, die uns im folgenden begleiten werden, sollen an dieser Stelle zusammenfassend noch einmal genannt werden.

  1. Sprachliche Einheiten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Komplexität.
  2. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Komplexität erfordern sie in ihrer Verarbeitung einen unterschiedlich hohen Verarbeitungsaufwand, was am Beispiel der grammatischen Kategorie Genus im Deutschen verdeutlicht werden kann.
  3. Im Fall von Aphasien wird davon ausgegangen, daß der Aufwand der Sprachverarbeitung pathologisch erhöht ist. Dies sollte Auswirkungen auf die sprachlichen Leistungen bei der Genuszuweisung haben. Die Genuszuweisung zu Nomen mit wenig zuverlässigen Genusindikatoren sollte besonders störanfällig sein.

Anliegen dieser Arbeit ist die empirische Überprüfung des Einflusses der formalen Genustransparenz auf den Verarbeitungsaufwand während der Genuszuweisung bei gesunden und aphasischen Sprechern.

Neben der Darlegung der Untersuchungsergebnisse wird in theoretische Fragestellungen eingeführt. Gegenstand der folgenden zwei Abschnitte ist es, wichtige Probleme der Aphasie- [Seite 10↓]und Genusforschung zu nennen sowie zu verdeutlichen, welche Punkte in der vorliegenden Arbeit Berücksichtigung finden werden.

1.2 Genus

Die Explikation von Regeln, auf deren Basis Genuszuweisung und somit die Zuordnung der Substantive einer Sprache zu verschiedenen Klassen erfolgt, nimmt eine zentrale Stellung im Rahmen der linguistischen Genusforschung ein. Die genusmarkierenden Sprachen der Welt unterscheiden sich hierbei sowohl in der Anzahl der markierten Genera4 als auch in der Art und Weise, wie Genus markiert wird und demzufolge in der Art der Regeln, die der Genuszuweisung zugrunde liegen.

Im Zusammenhang mit den Prinzipien der Genuszuweisung stellt sich auch die Frage nach der Basis der Zuweisung von Genus zu Fremd- und Lehnwörtern. Bezüglich des Deutschen liegen dazu bisher nur wenige Arbeiten vor.5 Auf die Erkenntnisse dieser Studien soll in Kapitel 2 verwiesen werden, da sie für die Explikation der Zuweisungsregeln zu einheimischen Nomen von Bedeutung sein können.

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt für das Verständnis der Funktionsweise des Genussystems einer Sprache ist das Studium des Genuserwerbs - sowohl während des Erst- als auch während des Zweitspracherwerbs. Es liegen Studien zum Genuserwerb im Deutschen vor, die belegen, daß Kinder während des Erstspracherwerbs bestimmte Regeln früher erwerben als andere, zur Übergeneralisierung eines Genus neigen und generell lange (bis zum Alter von 5 bis 6 Jahren) Fehler bei der Zuweisung des entsprechenden d-Artikels machen. Dies kann als Hinweis auf die unterschiedliche Komplexität und den damit verbundenen Verarbeitungsaufwand der Kategorie Genus interpretiert werden (Mills, 1986; Wegener, 1995a, b).

Ebenfalls von Bedeutung sind Beobachtungen zum Erwerb von Deutsch als Fremdsprache. Profitieren Lerner, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, von den postulierten Regeln der Genuszuweisung und haben diese demzufolge psychische Relevanz? Oder sind sie vor allem als linguistisches Beschreibungsinventar zu interpretieren?6 Einem Lerner wie Mark Twain wäre dann wohl nicht geholfen.

Fragen der Genuszuweisung zu einheimischen Nomen, zu Fremd- und Lehnwörtern sowie des [Seite 11↓]Genuserwerbs im Erst- und Zweitspracherwerb sollen unter der Überschrift Linguistik und Genus zusammengefaßt und im Kapitel 2 diskutiert werden.7

Von dem genannten Problemkomplex ist ein weiterer abzugrenzen, der als Psycholinguistik und Genus bezeichnet werden soll. Was verbirgt sich dahinter?

Verschiedene psycholinguistische Modelle konkurrieren um die Beschreibung der Speicherung von Genusinformation sowie um die Analyse der Prozesse während des Abrufs des jeweiligen Genus in der Sprachproduktion.

Zum einen wird die Auffassung vertreten, daß es Zuweisungsregeln gibt, auf deren Grundlage Genus berechnet wird. In diesem Zusammenhang sind die bereits erwähnten Zuweisungsregeln und ihre psychologische Realität zu diskutieren.

Alternativ dazu existiert die Annahme, Genus sei lexikalisch gespeichert. Jedes Nomen ist fest mit seinem jeweiligen Genus verdrahtet, was einen automatisierten Abruf ermöglicht. Letztlich sind hybride Modelle denkbar, die sowohl Berechnung als auch automatischen Abruf auf der Basis von lexikalischer Speicherung annehmen. Vertreter dieser Auffassungen werden in Kapitel 2 und 3 vorgestellt. In diesem Zusammenhang werden empirische Studien erläutert, die versuchen, Evidenzen für die Richtigkeit der jeweiligen Modellvorstellung zu erbringen. Dieser Kontext ist Voraussetzung für das Verständnis des in Kapitel 4 beschriebenen Reaktionszeitexperimentes mit gesunden Sprechern des Deutschen.

Von zentraler Bedeutung für die Interpretation unserer empirischen Studien ist die von Levelt (1989) vorgeschlagene Teilung des mentalen Lexikons in zwei Ebenen – in die Lemma- und Lexem-Ebene.8 Diese Zweiteilung ist eine gegenwärtig weitgehend akzeptierte Auffassung9, die durch zahlreiche Studien und durch Ergebnisse aus der Versprecherforschung (vgl. Levelt, 1989; Fromkin, 1973; Roelofs 1992, 1996, 1997, Dell, 1986, 1990, Dell et al., 1992; Garrett, 1980) empirisch belegt ist. Gemäß Levelt (1989) wird angenommen, daß auf der Lemma-Ebene semantische und syntaktische Informationen einer lexikalischen Einheit gespeichert sind10, während die Lexem-Ebene formale (phonologische) Informationen repräsentiert.11

Kontrovers diskutiert wird allerdings, wie sich der Austausch von Informationen zwischen den [Seite 12↓]Ebenen während der Sprachproduktion gestaltet. Zum einen existiert die Auffassung, daß Informationen während der Sprachproduktion lediglich in eine Richtung weitergegeben werden, und zwar von der Lemma- zur Lexem-Ebene. Dieses Faktum ist repräsentativ für den hierarchisch seriellen Charakter dieser Modelle (Levelt, 1989). Andere Modelle nehmen eine Interaktion zwischen Lemma- und Lexem-Ebene an (Dell, 1986), d.h. auf der Lexem-Ebene gespeicherte Informationen können während des Produktionsprozesses auf die Lemma-Ebene und dort ablaufende Prozesse zurückwirken.

Erinnern wir uns an die Kategorie Genus. Es wurde darauf verwiesen, daß es formale (phonologische und morphologische) Kriterien gibt, auf deren Grundlage sich Regeln für die Genuszuweisung im Deutschen formulieren lassen und die sich in ihrer Zuverlässigkeit unterscheiden. Genannt wurden morphologische Indikatoren wie die Suffixe chen , - lein, die zuverlässig auf neutrales Genus verweisen (das Häuschen, das Küchlein). Weiterhin zu nennen sind Ableitungssuffixe wie heit, -keit, -ung , die immer auf Femininum hinweisen (die Freiheit, die Kostbarkeit, die Umleitung).12 Ein phonologisches Indiz für feminines Genus ist beispielsweise finales e (die Zunge, die Stange, die Kurve), allerdings gibt es zu dieser Regel Ausnahmen, wie die Beispiele das Auge und der Käse zeigen. Es wurde behauptet, daß die unterschiedliche Zuverlässigkeit, mit der die Genusindikatoren auf das jeweilige Genus verweisen, Ursache für einen unterschiedlich hohen Verarbeitungsaufwand bei der Genuszuweisung ist (Grundannahme b).

Während die genannten formalen Indikatoren laut Levelt (1989) zu den Informationen gehören, die auf der Lexem-Ebene gespeichert sind, ist Genus als syntaktische Information auf der Lemma-Ebene repräsentiert. Schließt man wie hierarchisch serielle Modelle aus, daß eine Interaktion zwischen Lexem- und Lemma-Ebene stattfindet, sollten formale Genusindikatoren keinerlei Auswirkungen auf den Abruf von Genusinformation haben.

Die These, derzufolge die unterschiedliche Zuverlässigkeit von Genusindikatoren Einfluß auf die Genuszuweisung bei gesunden und aphasischen Sprechern hat (Grundannahmen b und c), ist demnach nur im Kontext von Modellen plausibel, die eine Interaktion von Lexem- und Lemma-Ebene zulassen.

Gegenstand des dritten Kapitels ist es, in die unterschiedlichen theoretischen Annahmen psycholinguistischer Modelle der Sprachproduktion einzuführen und Vorhersagen bezüglich des Einflusses formaler Genusindikatoren auf den Abruf von Genusinformation abzuleiten.


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1.3 Aphasie

Innerhalb der Aphasieforschung werden vor allem zwei Problemkreise kontrovers diskutiert. Zum einen handelt es sich um das Bestreben, die Vielzahl aphasischer Symptome zu beschreiben und zu klassifizieren, zum anderen um die Explikation der Natur der den Symptomen zugrundeliegenden Defizite. Beide Fragestellungen stehen demnach in unmittelbarem Zusammenhang. Welcher Art eine Störung ist, kann erst dann benannt werden, wenn Klarheit über die Symptome der jeweiligen Störung besteht. Diese Klarheit scheint nicht erreichbar zu sein. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Störung sprachlicher Fähigkeiten nach physischer Schädigung des adulten Hirns hat zu einer Vielzahl von Klassifikationen geführt (ca. 78 Subkategorien13), die die breite Variation der Symptome erfassen sollen. Daß nur wenige Klassifikationen über Sprachgrenzen hinweg akzeptiert sind – vor allem die Broca- und die Wernicke-Aphasie - deutet auf die Schwierigkeiten hin, mit denen die moderne Aphasieforschung konfrontiert ist.

Das Festhalten an der Existenz klar abgrenzbarer aphasischer Störungsbilder kann den großen interindividuellen Unterschieden zwischen den einzelnen Patienten eines Aphasietyps nicht Rechnung tragen, d.h. Patienten haben bestimmte Symptome gemeinsam und werden deshalb einer Kategorie zugeordnet, zeigen aber in manchen Leistungen große Unterschiede. Dies kann sogar zu Überlappungen der Störungsbilder führen. Bereits Kleist berichtet von „Mischfällen“.14 Diese Situation deutet darauf hin, daß die Symptome noch nicht ausreichend

spezifisch sind, so daß eine klare Zuordnung von Symptomen und Aphasietypen unmöglich ist. Agrammatismus15 und Paragrammatismus16 werden in der Literatur häufig als Kernsymptome der Broca- und der Wernicke-Aphasie genannt.17 Da Patienten mit reinem A- bzw. Paragrammatismus eher die Ausnahme als die Regel sind, wurden manche Forscher zu extremen Positionen veranlaßt:

... we propose that categories of this sort [clinical categories in general, and agrammatism in particular] serve no useful function and ought to be dispensed with in this [neurolinguistic and cognitive neuropsychological] research. (Badecker, Carammazza, 1986, S. 277)


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The aphasia syndrome categories are ‚unreal‘ in the sense that one cannot delineate for each category an ‚essence‘ or idealized pattern which is invariant and hence shared by all members of the group. (Schwartz, 1984, S. 5)

Einen anderen Weg beschreiten Wissenschaftler wie Bates, MacWhinney, 1989 u.a. Sie gehen zunächst von einem syndrom-unspezifischen18 Verhalten aphasischer Sprecher/Hörer aus, um gezielt nach den Kernsymptomen der jeweiligen Aphasieform zu suchen. Auf diese Weise soll zur Explikation der kognitiven Defizite, die Ursache der vielfältigen aphasischen Symptome sind, beigetragen werden.

Lange Zeit dominierten Theorien, die den Aphasietypen zentrale Defizite19 zuschrieben. Geradezu klassisch sind das für die Broca-Aphasie angenommene syntaktische Defizit sowie das semantische im Fall der Wernicke-Aphasie. Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte führten allerdings dazu, die Bedingungen zu fokussieren, unter denen Aphasiker Schwierigkeiten bei der Verarbeitung sprachlicher Informationen haben. Dabei verlagert sich die Aufmerksamkeit von der zentralen Störung einzelner Module wie Syntax und Lexikon auf die an der sprachlichen Informationsverarbeitung beteiligten Prozesse.

Im folgenden sollen einige Forschungsergebnisse genannt werden, die Anlaß zu diesem Paradigmenwechsel gaben.

Instabilität des sprachlichen Verhaltens

Shallice (1988) stellt bei der Betrachtung des Symptomenkomplexes Dyslexie20 fest, daß kritische Variablen, die sich auf den Prozeß des Lesens auswirken, bislang wenig berücksichtigt wurden. Ob ein Wort gelesen werden kann, hängt auch von der Natur des

Wortes ab. Ein kritischer Faktor, für den die Untersuchungen von Shallice Evidenzen liefern, ist „imageability“ – ein Wort, das gut vorstellbar ist, ist mit höherer Wahrscheinlichkeit lesbar (Bsp.: Tomate vs. Konzentration).

Seiner Auffassung nach deutet das auf eine Prozessualisierungsstörung hin. Ein zentrales Defizit sollte mit einer stabilen Unfähigkeit beim Zugriff auf ein Wort einhergehen. Wird der Zugriff [Seite 15↓]jedoch durch bestimmte Faktoren begünstigt oder gehemmt, kann eine zentrale Störung des jeweiligen sprachlichen Moduls ausgeschlossen werden.

Ein weiteres Beispiel für die Instabilität sprachlicher Leistungen ist die Tatsache, daß Broca-Aphasiker in der Spontansprache zum Telegrammstil21 tendieren und in gelenkten Äußerungskontexten durchaus zum Gebrauch von Funktionswörtern und Flexionsformen fähig sind. In Grammatikalitätsbeurteilungen sind vor allem Agrammatiker für Verletzungen grammatischer Regularitäten sensibel (DeBleser, Luzzatti, 1994; Wulfeck, Bates, 1991; Friederici, Wessels, Emmorey, Bellugi, 1992; Guyard, Duval-Gombert, Le Bot, 1990).

Ähnlich wie Shallice schließen die Autoren von den empirischen Evidenzen auf eine Prozessualisierungsstörung und nehmen von einem zentralen syntaktischen Defizit Abstand.

... it seems fair to conclude that many aspects of grammatical knowledge are retained in agrammatic Broca`s aphasia. The well-known symptoms that these patients display in their expressive language and in some receptive tasks must reflect deficits in the processes that utilize this knowledge. (Wulfeck, Bates, 1991, S. 259)

Auch diese Untersuchungen verdeutlichen, daß Fehlerkategorien nicht homogen und die Elemente der geschlossenen Klasse22 nicht in gleichem Ausmaß störanfällig sind (Bayer, DeBleser, Dronsek, 1987).

Daß die korrekte Produktion grammatischer Morpheme von bestimmten Faktoren abhängt, zeigten bereits die Untersuchungen Friedericis zur Produktion von Präpositionen im Deutschen (Friederici, 1981, 1982). Da Präpositionen im Deutschen unterschiedliche funktionale Rollen haben, sind sie mit unterschiedlichem Verarbeitungsaufwand verbunden.

  1. semantische Information (Lokalisation) – Peter steht auf dem Stuhl
  2. obligatorisch (vom Verb subkategorisiert) – Peter hofft auf den Sommer

Die Ergebnisse zeigten, daß Broca-Aphasiker weniger Schwierigkeiten bei der Produktion von Präpositionen mit semantischem Gehalt hatten, während diese bei Wernicke-Aphasikern größere Probleme auslösten.


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Aphasische Symptome verändern sich in Abhängigkeit von strukturellen Besonderheiten der Einzelsprache

Sprachvergleichende Studien aphasischer Phänomene gaben ebenfalls Anlaß dazu, die Ursachen aphasischer Symptome neu zu überdenken. Untersuchungen des sprachlichen Verhaltens aphasischer Sprecher in stärker flektierenden Sprachen zeigten (Grodzinsky, 1984), daß Theorien, die der Broca-Aphasie eine zentrale Störung der Elemente der geschlossenen Klasse (syntaktisches Defizit) zuschrieben, nicht länger haltbar waren. Broca-Aphasiker können für Flexionsmorpheme sensibel bleiben und zu Substitutionsfehlern neigen, wenn das Auslassen von Flexionsmorphemen aufgrund der Struktur der Sprache nicht möglich ist. Im Hebräischen entspricht der Stamm <sml> dem deutschen Lexem <Kleid>, mit dem Unterschied, daß der erstere nicht frei, sondern nur in seiner flektierten Form auftreten kann. Die entsprechende Form im Singular lautet <simla>, die pluralische <smalot>.23 Die Struktur der Sprache macht ein Auslassen der Flexionsmorpheme, wie es für die Broca-Aphasie als symptomatisch formuliert wurde, unmöglich.24

Agrammatische Symptome bei Gesunden

Die Relevanz der Berücksichtigung von Verarbeitungsstörungen für die Explikation aphasischer Syndrome wird durch eine Untersuchung von Blackwell und Bates weiter verdeutlicht. Es konnte gezeigt werden, daß agrammatische Symptome in Sprachgesunden unter besonderen Streßbedingungen erzeugt werden können.

We propose that the selective vulnerability of grammatical morphemes in receptive processing may be the result of decrements in overall processing capacity, and not the result of a selective lesion. (Blackwell, Bates, 1995, S. 228)

... we are certainly not saying that all language deficits in the aphasias are due to global resource diminution, as clearly the data do show different subtypes that cannot all be linked to a unitary resource. ... While the data show that there are certainly some impairments that appear to be unique to either Broca`s or Wernicke`s, there are also others that have been traditionally ascribed to these syndromes alone, and often to the specific tissue sites involved, which in fact may be explicable by more general mechanisms. Therefore, one of the goals of current research should be to distinguish those aspects of agrammatism that really are unique to agrammatism from those aspects that might be found in a variety of disorders or even, as we have seen, in normals .(ebd., S. 244, eigene Hervorhebung)


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Der Fokus der Aphasieforschung richtet sich in zunehmendem Maße auf die Mechanismen der Sprachverarbeitung. Ziel bleibt die Explikation der Kernsymptome der Aphasieformen. Um zu diesen vorzudringen, müssen Prozessualisierungsstörungen25, die globalerer Natur sind und selbst in gesunden Sprechern auftreten können, abgegrenzt werden.

1.4 Ordnen, Vereinfachen, „Verdaulichmachen“

Jede Wissenschaft ist unter anderem ein Ordnen, ein Vereinfachen, ein Verdaulichmachen des Unverdaulichen für den Geist. (Hesse, 1977, S. 180)

Die für diese Arbeit relevanten Probleme aus den Forschungsbereichen Genus und Aphasie sollen an dieser Stelle zusammengefaßt werden. Unter der Überschrift Linguistik und Genus soll im Kapitel 2 diskutiert werden, auf der Basis welcher Regeln einheimischen Nomen sowie Fremd- und Lehnwörtern Genus zugewiesen wird und wie der Erwerb des Kategoriensystems Genus im Deutschen während des Erst- und Zweitspracherwerbs verläuft. Daten aus diesen Teilbereichen der linguistischen Genusforschung sollen die unterschiedliche

Zuverlässigkeit von Genuszuweisungsregeln sowie den Zusammenhang von Zuverlässigkeit und Verarbeitungsaufwand verdeutlichen.

Das Kapitel 3 Psycholinguistik und Genus greift die Frage nach der Art der Speicherung von Genus im mentalen Lexikon auf und führt in grundlegende Annahmen von Modellen der Sprachproduktion ein, um Vorhersagen bezüglich des Einflusses von formaler Genustransparenz auf den Abruf von Genusinformation ableiten zu können.

Das in Kapitel 4 beschriebene Reaktionszeitexperiment prüft, inwieweit sich Unterschiede im Verarbeitungsaufwand sprachlicher Einheiten in einer Genuszuweisungsaufgabe bei Gesunden nachweisen lassen.

Gegenstand des Kapitels 5 sind vor allem drei Fragen. Was sind die Kernsymptome aphasischer Störungen? Welcher Natur sind die zugrundeliegenden Defizite? Welche Relevanz haben Aphasieklassifikationen? Die Beantwortung dieser Fragen liefert die Grundlage für Vorhersagen bezüglich des Verhaltens aphasischer Probanden in der von uns durchgeführten Studie.

Die klinische Studie, die das Kapitel 6 darstellt, prüft, inwieweit die Komplexität der Kategorie [Seite 18↓]Genus Einfluß auf die Sprachverarbeitung aphasischer Probanden in einer Genuszuweisungsaufgabe hat.

Kapitel 7 diskutiert die Ergebnisse der in Kapitel 4 und 6 beschriebenen Studien im Zusammenhang und liefert Anregungen für mögliche Folgestudien.


Fußnoten und Endnoten

1 Zur Gegenüberstellung analogistischer (Genus und Sexus korrelieren) und anomalistischer (Genus ist arbiträr) Positionen vgl. Zubin, Köpcke, 1986.

2 Köpcke, 1982; Köpcke, Zubin, 1983; Zubin, Köpcke, 1981.

3 „Genusverstöße kommen [...] in der Grundschule auch bei deutschen Kindern noch vor.“ Wegener, 1995, S. 59, vgl. auch Mills, 1986.

4 In den Bantu-Sprachen schwankt die Zahl der Genera zwischen 10 und 20 (Corbett, 1991); vgl. Lakoff, 1987 zur Explikation des Klassifikationssystems im Dyirbal.

5 Vgl. Gregor, 1983 zum Genus englischer Lehnwörter; siehe auch Fries, einger.

6 Dieselbe Frage stellt sich natürlich auch im Zusammenhang mit dem Erstspracherwerb.

7 Erst- und Zweitspracherwerb stellen dabei eher eine Schnittstelle zwischen Linguistik und Psycholinguistik dar. Vor allem die Diskussion um die psychische Realität von Genuszuweisungsregeln leitet direkt zum Themenkomlex Psycholinguistik und Genus über.

8 Der Begriff ‚Lemma‘ geht zurück auf Kempen, Huijbers, 1983.

9 Vgl. Caramazza, 1997; Caramazza, Miozzo, 1998 zum Verzicht auf die Zweiteilung des mentalen Lexikons.

10 In neueren Arbeiten (Levelt, Roelofs, Meyer, 1999) wird davon ausgegangen, daß auf der Lemma-Ebene ausschließlich syntaktische und keine semantische Information gespeichert ist.

11 „This nonphonological part of an item’s lexical information will be called the item’s lemma information...So, when we say that a speaker has retrieved a lemma, we mean that the speaker has acquired access to those aspects of a word’s syntactic environment.“ Levelt, 1989, S. 6

12 Nomen, die einen formalen Genusindikator aufweisen, sollen im weiteren Verlauf als transparent bezeichnet werden; Nomen wie Amboß, Elend, Antlitz hingegen sind für Genus intransparent .

13 Vgl. Lesser, 1978.

14 Vgl. Kleist, 1914.

15 Nach Kussmaul (1910) Unvermögen, die Wörter grammatisch zu formen und syntaktisch im Satz zu ordnen.

16 Nach Kleist (1914) ist die Fähigkeit zur Bildung von Wortfolgen nicht aufgehoben; allerdings werden Wendungen und Sätze oft falsch gewählt und der sprachliche Ausdruck schwillt zu verworrenen Satzungeheuern auf.

17 Vgl. eine ausführliche Darstellung in Kapitel 5.

18 Es wird zunächst angenommen, zwischen den Aphasietypen seien keine Unterschiede vorhanden. Dieser Ansatz soll helfen, die den Aphasiesyndromen gemeinsamen Symptome zu erkennen und die tatsächlich spezifischen herauszufiltern.

19 Zentrales Defizit meint hier die Störung deklarativer Wissenskomponenten, d.h. Wissensrepräsentationen in Form von Faktendarstellungen. In Abgrenzung dazu werden Prozessualisierungsstörungen angenommen, d. h. Störungen von Wissensrepräsentationen in Form von Prozeduren, Handlungsanweisungen zur Anwendung von Wissen (vgl. Städtler, 1998). Dieser Dichotomie wird auch häufig mit den Begriffen Kompetenz- und Performanzstörung entsprochen. Vgl. auch Weigl, Bierwisch, 1970.

20 Lese-Leistungsschwäche (Pschyrembel, 1982). Vielfalt von Problemen beim Lesen und Buchstabieren, die nicht aus anderen kognitiven oder perzeptuellen Behinderungen (zu geringe Intelligenz, Sehbehinderung usw.) resultiert (Dijkstra, Kempen, 1993).

21 Der Agrammatismus wird häufig metaphorisch als Telegrammstil bezeichnet. Damit wird vor allem die starke Dominanz von Inhaltswörtern in der Äußerung betont.

22 Die Anzahl der Elemente der geschlossenen Klasse ist im Lexikon einer jeweiligen Sprache festgelegt (z.B. Artikel, Konjunktionen, Pronomen). Dieser Klasse werden auch die gebundenen grammatischen Morpheme (Flexionsmorpheme) zugeordnet.

23 Beispiel nach Grodzinsky, 1984, S. 102.

24 „... there are languages where for structural reasons, certain kinds of closed-class items cannot be omitted from agrammatic speech.“ Grodzinsky, 1984, S. 100. „As Hebrew has the richest morphology of the languages I discuss here, it demonstrates most strinkingly that words appear in the patient’s speech in a fully inflected form ...“ Grodzinsky, 1984, S. 104; vgl. auch die sprachvergleichenden Studien von Menn, Obler, 1989.

25 Kapitel 5 liefert eine ausführliche Darstellung von für Broca- und Wernicke-Aphasie postulierten Defiziten, sowohl zentrale Störungen als auch Prozessualisierungsstörungen.



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15.09.2004