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4  Wieviel kostet die Verarbeitung deutscher Substantive?

4.1 Der Einfluß morphologischer Genustranparenz auf den Abruf vonGenusinformation durch gesunde Sprecher

Das Deutsche markiert das grammatische Geschlecht des Nomens durch den d-Artikel (der, die, das). Es wird angenommen, daß die Zuweisung von Genus zu dem entsprechenden Nomen unter anderem auf der Grundlage von morphologischen Regeln erfolgt. Beispielsweise wird Diminutiva auf chen, -lein immer Neutrum zugewiesen, Abstrakta auf –heit, -keit , etc. immer Femininum. Andere Nomen scheinen keine Genustransparenz zu haben (Komma, Amboß, Jugend, Fossil).

Ungeklärt ist, inwieweit gesunde Sprecher Gebrauch von diesen Regularitäten machen oder Genus lexikalisch abrufen, ohne Berücksichtigung von Genustransparenz. Der Annahme, daß Genus lexikalisch abgerufen werden kann, liegt die Modellvorstellung zugrunde, Genus sei im mentalen Lexikon gespeichert.

Daten aus dem Französischen und Italienischen (vgl. Bates et al., 1995, Desrochers, Paivio, 1990) zeigen, daß Sprecher in einer Genusidentifikationsaufgabe von der phonologischen Transparenz der Stimuli profitieren. Für das Deutsche liegen lediglich Daten aus dem Spracherwerb1 und aus Simulationen mit konnektionistischen Netzen2 vor. Die Spracherwerbsdaten lassen vermuten, daß die Validität formaler Genusindikatoren Einfluß auf die Sprachverarbeitung haben. Kinder scheinen von zuverlässigen Genusindikatoren Gebrauch zu machen und das entsprechende Genus früher zu erwerben als im Falle widersprüchlicher Indikatoren oder in den Fällen, die keine Genusindikatoren aufweisen. Auch die Simulationen mit Hilfe konnektionistischer Netze verdeutlichen, daß Genus auf der Basis formaler Genusindikatoren erworben und zugewiesen werden kann. Allerdings blieben von uns als intransparent bezeichnete Wörter dabei unberücksichtigt.

Am Ende des zweiten Kapitels hatten wir die Vermutung formuliert, daß die Unterschiede in der Verarbeitung von transparenten und intransparenten Nomen besonders groß und folglich besonders gut meßbar sein sollten, wenn die Validität der Genusindikatoren bzw. Genus-Cues in einer Bedingung gegen 100% und in der anderen Bedingung gegen 0% geht. In die Berechnung von Validität gehen Faktoren wie Erhältlichkeit, Zuverlässigkeit und Transparenz ein. Entsprechend dieser Kriterien haben wir für die im folgenden beschriebene Untersuchung [Seite 129↓]sprachliches Material gewählt, das entweder besonders zuverlässige und transparente Genus-Cues enthält, oder dessen Genus nicht formal transparent ist.

Schwierigkeiten ergaben sich bei der Wahl eines geeigneten Untersuchungsdesigns. Wie wir

im Zusammenhang mit den von Bates et al. (1995) und Desrochers, Paivio (1990)

durchgeführten Studien diskutiert haben, lassen die verwendeten Designs keine eindeutigen Schlußfolgerungen über Prozesse während der Sprachproduktion zu. Wir hatten mehrere Kriterien genannt, die in zukünftigen Untersuchungen Berücksichtigung finden sollten. Zum einen sollte eine Trennung von Prozessen der Sprachproduktion und Perzeption erreicht werden, indem die Aufgabe entweder ausschließlich Produktionsprozesse oder ausschließlich Perzeptionsprozesse stimuliert. Da für uns Produktionsprozesse von primärem Interesse sind, waren wir bestrebt, eine reine Sprachproduktionsaufgabe zu formulieren. Diese sollte des weiteren den Zugriff auf Genusinformation erdorderlich machen, ohne dabei wie in den Genusidentifikationsaufgaben von Bates et al. und Desrochers, Paivio zu weit von einer natürlichsprachlichen Situation entfernt zu sein. Damit es sich um eine genuine Sprachproduktionsaufgabe handelt, sollten alle während der Sprachproduktion durchlaufenen Ebenen angesprochen werden (konzeptuelle Ebene, Lemma- und Lexem-Ebene, Artikulation). Uns ist es nicht gelungen, all diese Kriterien zu berücksichtigen. Die Ursachen dafür liegen vor allem in der Natur des verwendeten sprachlichen Materials. Bei den Nomen, die über einen zuverlässigen und transparenten Indikator für Genus verfügen, handelt es sich im Deutschen zu einem Großteil um Abstrakta, Gattungsbegriffe oder Kollektiva (Frei-heit, Ge-tränk, Ge-äst), die sich nicht als Abbildungen darbieten lassen. Die Verwendung eines Bildbenennungsparadigmas war somit nicht möglich.

Andere Überlegungen wie beispielsweise die Darbietung der Zielwörter als englischsprachige Stimuli, die durch die Versuchsperson zu übersetzen sind, erwiesen sich ebenfalls als ungeeignet. Letzlich entschieden wir uns dafür, die Zielwörter als visuelle Stimuli graphemisch darzubieten. Das Kriterium der Trennung von Perzeptions- und Produktionsprozessen wurde folglich nicht erfüllt. Da aber die Datenlage bezüglich unserer Fragestellung sehr begrenzt ist, hielten wir es für sinnvoll zu prüfen, inwieweit aus einem visuell dargebotenen Wort Genusinformation schneller extrahiert werden kann, wenn das Wort transparent ist, als wenn es intransparent ist. Den Zugriff auf Genusinformation realisierten wir mit der Aufgabenstellung, das dargebotene Wort so schnell wie möglich mit seinem entsprechenden d-Artikel (der, die, das) im Singular zu wiederholen.3 [Seite 130↓]Anders als in den beschriebenen Genusidentifikationsaufgaben von Bates et al. und Desrochers, Paivio wurde nicht nur die Klassifikation des Genus verlangt, sondern die Produktion einer Nominalphrase bestehend aus Determinierer und Nomen. Mit dieser Form des Genusabrufs sollte eine Annäherung an die natürlichen Produktionsprozesse erreicht werden.

Aufgrund der visuellen Darbietung der Wörter konnte der Zugriff zur konzeptuellen Ebene nicht gewährleistet werden. Auch die Aufgabenstellung machte diesen Zugriff nicht erforderlich. Lediglich der Zugriff zur Lemma-Ebene und zu der dort gespeicherten Genus-Information war durch die Aufgabe, das Wort mit seinem d-Artikel zu wiederholen, sichergestellt. Da für uns die zwischen Lemma- und Lexem-Ebene ablaufenden Prozesse von besonderem Interesse sind, hielten wir das Untersuchungsdesign trotz seiner Mängel für geeignet, den Einfluß formaler Genusindikatoren auf den Abruf von Genusinformation zu prüfen.

Ziel des im folgenden beschriebenen Experimentes ist die Überprüfung des Einflusses morphologischer Genusindikatoren auf den Abruf von Genusinformation in einer Genuszuweisungsaufgabe. Wir nehmen an, daß die unterschiedliche Vorhersagekraft der morphologischen Transparenz die Geschwindigkeit, mit der der d-Artikel dem Nomen zugewiesen wird, beeinflußt. Demzufolge erwarten wir kürzere Reaktionszeiten für die Gruppe der Nomen mit transparenten und zuverlässigen Genusindikatoren als für die Gruppe der intransparenten Nomen.

4.2 Methode

Probanden

An der Untersuchung nahmen 16 Studenten verschiedener Fachbereiche teil. Der Altersdurchschnitt lag bei 28 Jahren. Alle Teilnehmer waren deutsche Muttersprachler. Vier der Versuchsteilnehmer waren männlich, zwölf waren weiblich. Für die Teilnahme am Experiment wurden die Versuchspersonen bezahlt.

Material

Insgesamt wurden 72 zwei- oder mehrsilbige Wörter verwendet. Für 36 der 72 Nomen ließ sich das entsprechende Genus auf der Basis eines morphologischen Genus-Cues mit hoher Wahrscheinlichkeit korrekt vorhersagen (transparente Bedingung). Bei den Genus-Cues handelte [Seite 131↓]es sich vor allem um Derivationssuffixe und Verkleinerungen sowie um das Morphem Ge-, das im Anlaut eines Nomens häufig mit neutralem Genus verknüpft ist. Tabelle 1 zeigt die Zusammensetzung der Liste der transparenten Stimuli.4

Tabelle 1: Transparente Stimuli

8 Maskulina

8 Feminina

8 Neutra

4 –ling (Sprößling)

4 –er (Leuchter)

4 –eur (Monteur)

4 –ung (Scheidung)

4 –heit (Klugheit)

4 –ei (Heuchelei)

4 –chen (Äffchen)

4 –nis (Hindernis)

4 Ge- (Gebäck)

Die andere Hälfte der 72 Stimuli umfaßte Nomen, für die sich keine Vorhersagen hinsichtlich ihres Genus auf der Basis von Genus-Cues treffen ließen (intransparente Bedingung). Zwölf der intransparenten Wörter waren Neutra, 13 Maskulina und 11 Feminina.5 Es erwies sich dabei als sehr schwierig, Nomen ohne Genus-Cues zu finden. Viele deutsche Nomen sind mit wenig zuverlässigen bzw. mehrdeutigen Cues verknüpft. Das Pseudosuffix –el beispielsweise kann auf alle drei Genera verweisen (das Kab-el, die Schüss-el, der Schlüss-el). Solche Fälle sollten in die Untersuchung nicht einbezogen werden.6 Möglicherweise ist dies nur zum Teil gelungen, da zum Beispiel die Nomen Rheuma, Komma, Trauma sowie Harmonika in die Liste der intransparenten Wörter aufgenommen worden. Der Auslaut –a kann in diesen Fällen als Genus-Cue aufgefaßt werden, der jedoch nicht zuverlässig mit einem Genus verknüpft ist. In allen anderen Fällen dieser Bedingung sollte keine formale Genustransparenz vorliegen. Da die Anzahl der intransparenten Nomen im Deutschen sehr begrenzt ist, ließen sich die Gruppen der transparenten und intransparenten Wörter hinsichtlich ihrer Buchstabenanzahl und Gebrauchshäufigkeit nur schwer kontrollieren. Tabelle 2 zeigt die durchschnittlichen Buchstabenzahlen und Frequenzen in den beiden Bedingungen.


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Tabelle 2: Mittlere Buchstabenanzahl und Frequenz der Stimuli in der transparenten und intransparenten Bedingung

 

transparente Wörter

intransparente Wörter

Buchstabenanzahl

Frequenz (nach CELEX7)

7,4

40,4

6,4

200,5

Um zu prüfen, inwieweit sich die beiden Gruppen von Wörtern bereits aufgrund ihrer unterschiedlichen Länge und Frequenz in der Verarbeitung unterscheiden, wurde das Design um eine Kontrollbedingung erweitert. Wie auch in der Experimentalbedingung wurden die Wörter visuell dargeboten und sollten dann von der Versuchsperson so schnell wie möglich gelesen werden. Denkbar wäre, daß sich die beiden Gruppen von Wörtern bereits in dieser Bedingung in ihren Reaktionszeiten unterscheiden. Im Vergleich mit der Experimentalbedingung sollte trotzallem der Einfluß des Faktors Transparenz meßbar sein, wenn die Faktoren Aufgabenstellung und Transparenz interagieren. Jede Versuchsperson nahm an der Experimental- und Kontrollbedingung teil. Insgesamt wurde sie folglich mit 144 Stimuli konfrontiert, mit 72 in der Experimentalbedingung und mit denselben 72 in der Kontrollbedingung.

Die Stimuli wurden auf einem von der Versuchsperson 50 cm weit entfernten Computerbildschirm als weiße Buchstaben auf schwarzem Untergrund dargeboten. Der initiale Buchstabe eines Nomens war eine Majuskel, alle folgenden Buchstaben waren Minuskeln. Die Darbietung der Stimuli sowie die Messung der Reaktionszeiten wurde durch das System ERTS8 gesteuert. Die Reaktionszeiten wurden mit Hilfe eines internen Voice Keys gemessen. Zur Aufzeichnung der sprachlichen Reaktion mußten die Versuchspersonen in ein vor ihnen positioniertes Mikrofon sprechen. Bei gelungener Messung durch den Voice Key sendete der Computer einen Sinuston, der zusammen mit der sprachlichen Reaktion der Versuchsperson auf einen Tonträger aufgezeichnet wurde.

Durchführung

Die Versuchspersonen hatten zum einen die Aufgabe die ihnen visuell dargebotenen Nomen mit ihrem bestimmten Artikel (der, die, das) im Singular zu wiederholen (Experimentalbedingung). [Seite 133↓]Zum anderen sollten die gleichen Wörter in einem zweiten Durchgang gelesen werden (Kontrollbedingung).

Das Experiment wurde in einem abgeschlossenen ruhigen Raum durchgeführt. Jede Versuchsperson wurde zuerst mit der Experimentalbedingung und im Anschluß daran mit der Kontrollbedingung konfrontiert. Sowohl vor der Experimental- als auch vor der Kontrollbedingung wurde ein Übungsblock mit 24 Stimuli9 dargeboten. Die Experimental- und Kontrollbedingung wurden jeweils in zwei Blöcke mit je 36 Reizen unterteilt, die über die Versuchspersonen ausbalanciert waren. Nach den Übungsblöcken sowie nach jedem Block der Experimental- und Kontrollbedingung konnten die Versuchspersonen Pausen machen. Die Darbietung der Reize erfolgte in randomisierter Reihenfolge.

Nach Darbietung der Instruktion begann ein experimenteller Durchgang mit einem für 600 ms gelöschten Bildschirm, dann erschien ein Fixationskreuzes für 1000 ms, dem der Stimulus folgte. Letzterer wurde 300 ms lang gezeigt. Mit Darbietung des Reizwortes setzte die Messung der Reaktionszeit ein. Die Reaktion hatte innerhalb eines Intervals von 2000 ms zu erfolgen. Spätestens dann begann ein neuer experimenteller Durchgang. Erfolgte die sprachliche Reaktion innerhalb eines kürzeren Zeitraums, begann der nächste experimentelle Durchgang, nachdem die Reaktionszeit gemessen war.

4.3 Ergebnisse

Reaktionszeiten

Nachdem sämtliche Messungen mit Hilfe eines Speech Editors korrigiert waren, konnte die Auswertung der Meßwerte erfolgen. Die Korrektur der Messungen war notwendig, da der Voice Key oftmals erst bei Äußerung der zweiten Silbe triggerte. In 29 Fällen triggerte der Voice Key nicht, diese Werte wurden aus der weiteren Analyse ausgeschlossen.

Die mittleren Reaktionszeiten wurden mittels Varianzanalyse mit Meßwiederholung bezüglich des zweistufigen Faktors Transparenz (transparente vs. intransparente Wörter; F1) sowie der Interaktionen von Versuchsperson und Transparenz (F2), Aufgabe (Experimental- vs. Kontrollbedingung) und Transparenz (F3) sowie Versuchsperson, Aufgabe und Transparenz (F4) geprüft. Als Signifikanzniveau wurde p< .05 festgelegt.10


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In der Experimentalbedingung unterschieden sich die Reaktionszeiten zwischen den Gruppen der intransparenten und transparenten Wörter nicht (429 ms vs. 431 ms in intransparenter bzw. transparenter Bedingung). Ein mögliches Verschwinden des Effektes durch unterschiedliche Lesezeiten der transparenten und intransparenten Wörter kann durch die Kontrollbedingung ausgeschlossen werden. Auch in dieser Bedingung unterschieden sich die Verarbeitungszeiten intransparenter und transparenter Wörter nicht (325 ms vs. 320 ms in intransparenter bzw. transparenter Bedingung). Zwischen der Verarbeitung transparenter und intransparenter Wörter in den dargestellten Aufgaben gibt es folglich keinen zeitlichen Unterschied ( vgl. Tab. 3).

Tabelle 3: Mittlere Reaktionszeiten für transparente und intransparente Wörter in Experimental- und Kontrollbedingung

 

transparente Wörter

intransparente Wörter

Experimentalbedingung

431 ms

429 ms

Kontrollbedingung

320 ms

325 ms

Anders als vorhergesagt beeinflußt der Faktor Transparenz die Reaktionszeiten der Versuchspersonen nicht. Weder für den Faktor Transparenz (F1= .177, p= .674), noch für die Interaktionen zwischen Versuchspersonen und Transparenz (F2= .889, p= .577), zwischen Aufgabe und Transparenz (F3= .774, p= .379) sowie zwischen Versuchspersonen, Aufgabe und Transparenz (F4= .716, p= .77) zeigen sich signifikante Effekte.

Fehler

Die Zahl der fehlerhaften Zuweisungen des d-Artikels waren sehr gering. Insgesamt machten die 16 Versuchspersonen nur 13 Zuweisungsfehler. Aufgrund der geringen Anzahl der Fehler wurden diese keiner statistischen Analyse unterzogen. Sie sollen hier jedoch kurz beschrieben werden. Von den 13 fehlerhaften Zuweisungen fallen sechs auf Fehler im Numerus, d.h. der d-Artikel wurde nicht wie in der Instruktion gefordert im Singular, sondern im Plural zugewiesen. Die Pluralzuweisungen verteilen sich auf die zwei Stimuli Weber und Glöckchen, die aufgrund ihrer Semantik eine starke pluralische Assoziation bewirken. Bei den anderen sieben Fehlern [Seite 135↓]handelt es sich um echte Genusfehler, wobei sich die Anzahl der Fehler zwischen transparenter und intransparenter Bedingung unterscheidet. In der transparenten Bedingung wurden zwei Genusfehler (die Wagnis, die Friseur), in der intransparenten Bedingung fünf Genusfehler (das Kakao, der Trauma, das Pokal, das Harmonika, das Tabak) beobachtet. Wie bereits erwähnt, sind die Fehlerzahlen zu gering, um statistisch überprüfte Effekte abzuleiten. Trotzdem deutet die beobachtete Verteilung der Fehler möglicherweise daraufhin, daß intransparente Wörter unter Zeitdruck fehleranfälliger sind als transparente. Gleichzeitig wird die Frage aufgeworfen, inwieweit Fehler ein geeigneteres Maß sind, um einen Transparenzeffekt zu messen.

Da mit dem hier verwendeten Design keine Reaktionszeitunterschiede zwischen transparenten und intransparenten Wörtern gemessen werden konnten, wäre für künftige Studien zu überdenken, inwieweit sich eine Genuszuweisungsaufgabe unter Streß eignet, den Einfluß formaler Genustransparenz zu prüfen. Bates et al. verweisen darauf, daß die schwachen Elemente die ersten sind, die nicht mehr funktionieren, wenn das Verarbeitungssystem unter Streß gerät.

Weak elements should be the first to break down when the language processing system is under stress – any form of stress. (Bates, Wulfeck, Friederici, 1987, S. 29)

Mit dieser Annahme korreliert die in diesem Experiment beobachtete Verteilung der Genuszuweisungsfehler über die transparente und intransparente Bedingung. Eine Überprüfung des Zusammenhangs von Fehleranfälligkeit und Transparenz in Streßsituationen scheint uns lohnenswert.

4.4 Diskussion

Ziel des Experimentes war die Überprüfung des Einflusses der morphologischen Genustransparenz auf den Abruf von Genusinformation durch gesunde Sprecher des Deutschen.

Die Ergebnisse dieses Experimentes zeigen, daß deutschsprachige Erwachsene in der beschriebenen Aufgabe nicht von morphologischer Genustransparenz profitieren. Im Sinne der besprochenen Modelle der Speicherung und Verarbeitung von Genus spricht dieses Resultat dafür, daß Sprecher des Deutschen Genus bei der Produktion von einfachen Nominalphrasen nicht regelbasiert zuweisen, sondern auf lexikalisch gespeicherte Information zurückgreifen. Unsere Ergebnisse unterscheiden sich folglich von denen, die mit Hilfe einer Genusidentifikationsaufgabe im Französischen und Italienischen erhoben wurden. Das kann zwei Ursachen haben. Zum einen bewirkt eine Genusidentifikationsaufgabe möglicherweise bewußte [Seite 136↓]Verarbeitung von Genus11, die in dieser Weise in der natürlichen Sprachproduktion nicht auftritt. Andererseits ist es denkbar, daß es sprachspezifische Unterschiede in der Verarbeitung von Genus gibt. Während die Anzahl zuverlässiger Form-Genus-Korrelationen im Italienischen und Französischen sehr hoch ist, gibt es im Deutschen nur sehr wenige Genus-Cues, die zuverlässig mit ihrem Genus verknüpft sind. Dies könnte dazu führen, daß Sprecher des Deutschen lernen, sich nicht auf formale Genus-Cues zu verlassen, um Fehler zu vermeiden. Eine solche Interpretation schließt jedoch nicht aus, daß deutsche Sprecher auch über die Strategie der Berechnung von Genus verfügen. Sie steht im Einklang mit hybriden Modellvorstellungen, die annehmen, Sprecher verfügen sowohl über lexikalisch gespeicherte Genusinformation als auch über Berechnungsmechanismen auf der Basis von Genus-Cues . Diese beiden Strategien operieren allerdings nicht parallel, sondern im Regelfall findet Genuszuweisung durch lexikalischen Abruf statt. Diesen Regelfall haben wir mit unserer Versuchsanordnung bestätigt. Unsere Ergebnisse ließen sich folglich nicht mit einem hybriden Modell vereinbaren, daß das parallele Nebeneinanderwirken von lexikalischem Abruf und Berechnung annimmt.

Vom Regelfall abweichende Situationen wie zum Beispiel das bewußte Verarbeiten von Genus in einer Genusidentifikationsaufgabe oder die Zuweisung von Genus zu Fremd- und Lehnwörtern könnten die Berechnung von Genus mit Hilfe von Genusindikatoren bewirken. Die von uns beobachtete Verteilung der Genusfehler über die transparente und intransparente Bedingung deutet darauf hin, daß möglicherweise auch Streßsituationen die Zuhilfenahme von Genus-Cues bei der Genuszuweisung auslösen. Unter diesen Bedingungen entstünde ein Nachteil für die Wörter, die über keine oder nur unzuverlässige Cues verfügen. Ihnen wird Genus möglicherweise weniger häufig korrekt zugewiesen. Diese These zu prüfen, wäre der sich an die dargestellte Studie anschließende Arbeitsschritt, der allerdings zukünftigen Forschungsprojekten vorbehalten bleibt.

4.5 Zusammenfassung

In einer Genuszuweisungsaufgabe konnten wir keinen Einfluß der morphologischen Transparenz des Genus auf die Geschwindigkeit des Abrufs des bestimmten Artikels messen. Die laut Grundannahme b erwarteten Verarbeitungsunterschiede zwischen transparenten und intransparenten Wörtern wurden nicht gezeigt. Die Ergebnisse sprechen für Modelle, die eine [Seite 137↓]lexikalische Speicherung von Genus annehmen. Unabhängig von der phonologischen bzw. morphologischen Form des Nomens wird Genus aus dem mentalen Lexikon abgerufen und in der Äußerung beispielsweise durch den bestimmten Artikel markiert. Allerdings sind die Daten ebenfalls mit Modellen vereinbar, die für den Regelfall lexikalische Zuweisung von Genus annehmen, aber auch die Möglichkeit der Berechnung von Genus über Genusindikatoren berücksichtigen. Weitere Studien müssen prüfen, unter welchen Bedingungen die letztgenannte Strategie verwendet wird.

Der folgende Teil der Arbeit wendet sich der Überprüfung der Grundannahme c zu, derzufolge angenommen wird, daß der Aufwand der Sprachverarbeitung durch Aphasie pathologisch erhöht ist und Wörter ohne Genusindikatoren größere Probleme bei der Genuszuweisung bereiten als Wörter mit zuverlässigen Genusindikatoren. Bevor wir uns der zu diesem Problem durchgeführten Studie zuwenden, soll das folgende Kapitel in grundlegende Fragen der Aphasieforschung einführen.


Fußnoten und Endnoten

1 Vgl. Mills, 1986 sowie Wegener, 1995a.

2 MacWhinney, 1989 und Taraban et al., 1989.

3 Im Zusammenhang mit der Leseaufgabe von Desrochers und Paivio (1990) bzw. der Wortwiederholungsaufgabe von Bates et al. (1995) wurde erwähnt, daß diese Aufgaben möglicherweise keinen Zugriff zur Lemma-Ebene stimulieren. Darauf verweist auch Roelofs (1992): „...a word can be read aloud without explicitly selecting the word’s lemma.“ Roelofs, 1992, S. 115. Die von uns gewählte Aufgabe, den bestimmten Artikel des gezeigten Wortes zusammen mit dem Wort zu produzieren, sollte den Zugriff zur Lemma-Ebene sichern.

4 Die vollständige Liste aller Stimuli befindet sich in Anhang A.

5 Um innerhalb der Gruppe der intransparenten Wörter die Unterschiede hinsichtlich der Buchstabenanzahl zu reduzieren, wurde das feminine Nomen Diät durch das maskuline Nomen Atlas ersetzt. Dadurch ergibt sich die Abweichung von der gleichmäßigen Verteilung über die drei Genera.

6 Ziel war es, die Validität der Cues in dieser Bedingung gegen 0% gehen zu lassen. Wir versuchten dieses Ziel durch völlige formale Intransparenz zu realisieren.

7 Celex Lexical Database (1995). Die verwendeten Frequenzen repräsentieren die Vorkommenshäufigkeit des betreffenden Wortes im Mannheimer Corpus mit insgesamt 6 000 000 Einträgen.

8 Experimental Run Time System.

9 Im Übungsblock wurden 12 verschiedene Nomen in randomisierter Reihenfolge dargeboten und wiederholt.

10 Mit Hilfe statistischer Verfahren, die auf das jeweilige Datenniveau abgestimmt sind, kann geprüft werden, inwieweit die Irrtumswahrscheinlichkeit kleiner als ein bestimmtes Signifikanzniveau (hier .05 = 5%) ist. Korreliert der in der Varianzanalyse errechnete F-Wert mit einer Wahrscheinlichkeit p, die unter der 5%-Grenze liegt, können wir die alternativ zu unserer Forschungshypothese formulierte Nullhypothese zurückweisen und unsere Hypothese verifizieren. Die Wahrscheinlichkeit, daß wir uns dabei irren, d.h. die Nullhypothese fälschlicherweise zurückweisen, ist kleiner als 5%. Liegt der Wert von p über dem Signifikanzniveau, gilt die Nullhypothese.

11 Die bewußte Verarbeitung von Genus löst möglicherweise die Zuhilfenahme zusätzlicher Strategien wie Berechnung von Genus über Cues aus.



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15.09.2004