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5  Perspektiven der Aphasieforschung

5.1 Einführung

Im folgenden Kapitel wollen wir unsere Problemstellung erweitern. Während uns bislang Prozesse der Sprachverarbeitung im gesunden Sprachverarbeitungssystem interessierten, wenden wir uns nun der Frage zu, inwieweit die dargestellte Komplexität der Kategorie Genus Einfluß auf aphasische Sprachverarbeitung hat. Da es sich bei Aphasie nicht um ein einheitliches Störungsbild handelt, sondern im Verlauf der Forschung eine Vielzahl aphasischer Syndrome beschrieben wurde, wollen wir uns in unseren Betrachtungen auf die beiden bekanntesten Störungsbilder1 – Broca- und Wernicke-Aphasie - beschränken. Wir müssen unsere Problemstellung folglich noch weiter präzisieren. Es stellt sich nicht nur die Frage, inwieweit aphasische Sprecher durch unterschiedlich valide Form-Genus-Korrelationen in einer Genuszuweisungsaufgabe beeinflußt werden. Wir müssen zusätzlich fragen, ob sich Broca- und Wernicke-Aphasiker dabei unterscheiden. In unseren einführenden Bemerkungen zur Aphasieforschung am Anfang dieser Arbeit haben wir bereits angedeutet, daß diese Frage nicht trivial ist und sich nicht ohne Berücksichtigung zahlreicher Studien zu den Störungsbildern der Broca- und Wernicke-Aphasie beantworten läßt. Obwohl in der Aphasieforschung und im Klinikalltag mit Aphasieklassifikationen operiert wird, die die Möglichkeit einer klaren Unterscheidung zwischen den einzelnen Syndromen suggerieren, machen Ergebnisse der letzten Jahrzehnte der Aphasieforschung deutlich, daß sich Störungsbilder überlappen können. Viele der zur Beschreibung der Aphasieformen aufgeführten Symptome sind nicht ausreichend spezifisch, sondern treffen auf mehrere aphasische Syndrome zu.

Zunächst sollen die Kernsymptome von Broca- und Wernicke-Aphasie diskutiert werden. Im engen Zusammenhang mit den Kernsymptomen stehen die den Störungsbildern zugrundeliegenden Defizite. Um Vorhersagen bezüglich unserer Frage nach dem Einfluß unterschiedlich valider Form-Genus-Korrelationen auf das sprachliche Verhalten aphasischer Sprecher treffen zu können, sind grundlegende Annahmen zu den möglichen Störungsursachen von Broca- und Wernicke-Aphasie zusammenzutragen. Wie zu zeigen sein wird, stehen diese Annahmen vor dem Hintergrund von bereits diskutierten Sprachverarbeitungsmodellen. Symbolverarbeitende Modelle treffen hinsichtlich der Natur aphasischer Störungen andere Aussagen als konnektionistische Modelle.


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Nachdem verschiedene Theorien über die Natur der Defizite von Broca- und Wernicke-Aphasie im Kontext ihrer jeweiligen Sprachverarbeitungsmodelle besprochen wurden, sollen einige wenige empirische Daten, die zur Verarbeitung der Kategorie Genus durch aphasische Sprecher vorliegen, vorgestellt werden. Den Abschluß dieses Kapitels bildet die Diskussion zur Relevanz von Aphasieklassifikationen, zum einen für das Verständnis des gestörten Sprachverarbeitungssystems, zum anderen für die Modellierung von gesunder Sprachverarbeitung.

5.2 Klassifikationen und Kernsymptome

In order to understand the world and function in it, we have to categorize, in ways that make sense to us, the things and experiences that we encounter. (Lakoff, Johnson, 1980, S. 162)

Die ersten Bemühungen, Ordnung in die Welt sprachpathologischer Phänomene zu bringen, gehen auf den französischen Chirurgen Pierre Paul Broca (1824 bis 1880) und den deutschen Neurologen Carl Wernicke (1848 bis 1905) zurück.

1861 beschreibt Broca den Fall eines Patienten, dessen produktive sprachliche Fähigkeiten am Ende seiner Krankheit auf die Silbe tan reduziert waren. Die Obduktion des Schädels nach dem Tod des Patienten legte eine Läsion im Stirnlappen der linken Hemisphäre, in der Nähe des primären motorischen Cortex frei, in dem Areal also, das heute allgemein als Sprach- oder Broca-Zentrum bekannt ist. Broca selbst bezeichnete die beobachtete sprachliche Störung als Aphemia, die er mit erhaltenem Sprachverstehen und vorrangig mit einer expressiven Fehlfunktion von Sprache umschrieb. Eine Präzisierung der Symptomatik nahm 1877 Kussmaul vor. Mit Agrammatismus beschreibt er das Unvermögen, die Wörter grammatisch zu formen und syntaktisch im Satz zu ordnen.2

Carl Wernicke stellt 1876 eine von Broca’s Aphemia verschiedene Aphasieform vor. Wernicke beschreibt einen Patienten mit einer Läsion im linken Schläfenlappen, in der Nähe des primären auditiven Cortex, der vor dem Tod fähig war, Sprache zu produzieren aber nicht zu verstehen. Aus diesem Grund nennt er diese Form der Aphasie sensorische Aphasie und grenzt sie von der Aphemia, die er als motorische Aphasie bezeichnet, ab.

Kleist beobachtet, daß Patienten mit Läsionen in dem von Wernicke bezeichneten Areal ebenfalls [Seite 140↓]expressive Fehlfunktionen aufweisen, die sich allerdings deutlich von denen der motorischen Aphasie bzw. des Agrammatismus unterscheiden. Als paragrammatisch bezeichnet er Sprache, wenn die Fähigkeit zur Bildung von Wortfolgen nicht aufgehoben ist, Wendungen und Sätze aber häufig falsch gewählt werden und der sprachliche Ausdruck zu verworrenen Satzungeheuern anschwillt.3

Wie die folgenden Darstellungen der Broca- und Wernicke-Aphasie in Fach- und Lehrbüchern zeigen, werden A- und Paragrammatismus noch heute zu den Kernsymptomen der Broca- bzw. der Wernicke-Aphasie gezählt.4

Lutz (1996) charakterisiert die Broca-Aphasie mit einer verlangsamten, unflüssigen, agrammatischen und telegrammstilartigen Sprache.5 Kandel, Jessell, Schwartz (1996) nennen die ungrammatische Telegrammsprache als symptomatisch für die Broca-Aphasie.6 Dijkstra, Kempen (1993)schreiben, daß für die Broca-Aphasie der Verlust der syntaktischen Struktur der Äußerungen charakteristisch ist und nur einfache Konstruktionen erhalten bleiben (Agrammatismus).7 In Crystal (1995) heißt es, nur kurze Sätze, die auf Telegrammstil reduziert sind, werden produziert, ohne Gebrauch des normalen Prozesses der grammatischen Konstruktion.8 Mit Agrammatismus, einfachen Satzstrukturen und dem Fehlen von Funktionswörtern umschreibt Leuninger (1989) die Broca-Aphasie.9

Diese Darstellungen verdeutlichen, daß die Broca-Aphasie bis heute vor allem mit einer expressiven Störung verbunden und neben anderen Charakteristika durch agrammatische Symptome beschrieben wird. Darauf, daß diese Art der Darstellung stark vereinfacht und undifferenziert ist, wird im weiteren noch einzugehen sein. Wenden wir uns zunächst jedoch Beschreibungen der Wernicke-Aphasie zu.

Wie der Agrammatismus in der einführenden Literatur als symptomatisch für die Broca-Aphasie genannt wird, so gilt der Paragrammatismus immer noch als eines der Kernsymptome der Wernicke-Aphasie. In Lutz (1996) wird der Paragrammatismus, d.h. das Ineinanderschachteln von Wörtern, Satzteilen und Sätzen, zu den Leitsymptomen der Wernicke-Aphasie gezählt.10 Kandel, Jessell, Schwartz (1996) beschreiben die für Wernicke-Aphasiker typische Sprachproduktion als überschäumend, wobei die übermäßige Fülle wenig Inhalt vermittelt, [Seite 141↓]Silben an Wörter angehängt und zusätzliche Wörter in Sätze eingebaut werden.11 Dijkstra, Kempen (1993) verweisen darauf, daß in den sprachlichen Äußerungen von Patienten mit Wernicke-Aphasie Fehler im Zusammenhang mit Funktionswörtern und Flexion (Paragrammatismus) auftreten.12 Leuninger (1989) ordnet der Wernicke-Aphasie ebenfalls das Symptom des Paragrammatismus zu, der sich vor allem in Verdopplungen und Verschränkungen von Sätzen und Satzteilen manifestiert.13

Diese exemplarisch genannten Darstellungen von Broca- und Wernicke-Aphasie sollen zeigen, daß zumindest in der einführenden Literatur versucht wird, einen Eindruck von Systematizität zu vermitteln. Zu diesem Zweck greift man gern auf die Symptomenkomplexe des A- und Paragrammatismus zurück und ordnet sie der entsprechenden Aphasieform als Kernsymptom zu. Aber bereits Kleist berichtet von sogenannten „Mischfällen“, d.h. von Patienten, die nicht ausschließlich agrammatische bzw. paragrammatische Fehler machen. Und auch die neuere Forschung zeigt, daß weder die Broca-Aphasie zuverlässig mit Agrammatismus noch die Wernicke-Aphasie mit Paragrammatismus korreliert. Unterschiedliche Faktoren wie beispielsweise die Art der Aufgabenstellung, die strukturellen Eigenschaften der jeweiligen Sprache sowie die für die Verarbeitung zur Verfügung stehende Zeit können die sprachlichen Leistungen der Aphasiker beeinflussen und die Symptomatik des Störungsbildes verändern.

Arbeiten wie die von Höhle (1995) zeigen, daß sich die sprachlichen Leistungen von Broca- und Wernicke-Aphasikern in Aufgaben zur Produktion von flektierten Nominal- und Verbalphrasen nicht klar unterscheiden lassen.14 Wir müssen uns folglich fragen, inwieweit es überhaupt sinnvoll ist, aphasische Syndrome zu klassifizieren. Die Diskussion dieser Fragestellung wollen wir allerdings an das Ende dieses Kapitels stellen. Auf den folgenden Seiten wenden wir uns unterschiedlichen Versuchen zu, Broca- und Wernicke-Aphasie bzw. A- und Paragrammatismus mit Hilfe der Natur der zugrundeliegenden Defizite zu beschreiben. Indirekt spielt dabei die Frage nach der Berechtigung von Aphasieklassifikationen doch eine Rolle. Denn möglicherweise stehen hinter den sich überlappenden Symptomen unterschiedliche Defizite, die eine [Seite 142↓]Unterscheidung der Aphasieformen rechtfertigen würden. Ebenso besteht die Möglichkeit, daß sich unterschiedliche Symptome auf ein gemeinsames Defizit zurückführen lassen, was die Relevanz der Klassifikationen wiederum in Frage stellt.

Während wir uns bislang mit wichtigen Symptomen aphasischer Störungen beschäftigten, gilt es nun, zu den Ursachen dieser Symptome vorzudringen.

5.3 Störungsursachen

Die Ursachen bzw. die Theorien darüber, welcher Natur das Defizit der Broca- oder Wernicke-Aphasie ist, können nicht losgelöst von Modellen der Sprachverarbeitung betrachtet werden. Während ein symbolverarbeitendes Modell15, das zwischen Verarbeitungsmodulen für semantische, syntaktische und phonologische Informationen unterscheidet, selektive Ausfälle dieser Module vorhersagt, muß ein konnektionistisches Modell16, das weder verschiedene Formen der Wissensrepräsentation, noch unterschiedliche Verarbeitungsmechanismen für verschiedene Wissensinhalte annimmt, auf andere Erklärungsansätze für selektive Ausfälle zurückgreifen.

Im folgenden sollen zunächst einige wichtige modulare Defizite zur Erklärung des A- und Paragrammatismus zusammengetragen werden.

5.3.1 Symbolverarbeitende Modelle und modulare Defizite

Die Forschung hat vor allem zur Erklärung des Agrammatismus zahlreiche Theorien hervorgebracht, während der Paragrammatismus erst im letzten Jahrzehnt stärker in den Vordergrund gerückt ist.17 Die zur Erklärung des A- und Paragrammatismus vorgeschlagenen modularen Defizite teilen Implikationen über die Natur des Sprachverarbeitungssystems.

Agrammatische und paragrammatische Symptome auf die selektive Störung einzelner Verarbeitungskomponenten (Semantik, Syntax, Phonologie) zurückzuführen, impliziert, daß das Sprachverarbeitungssystem aus derartigen, in sich abgeschlossenen Subsystemen (Modulen) [Seite 143↓]besteht. Diese Auffassung von der modularen Organisation unseres Sprachverarbeitungssystems geht vor allem auf Fodor (1983) zurück und entspricht seiner Maxime „specialized systems for specialized tasks“ (Fodor, 1983, 52 ). Aufgrund der Autonomie-Hypothese, derzufolge es zwischen den Subsystemen des Sprachverarbeitungssystems keine inhaltlichen Überlappungen gibt18, ist es möglich anzunehmen, daß spezifische Wissensinhalte bzw. für deren Verarbeitung zuständige Module selektiv gestört sein können.

There seems to be general agreement that the agnosias and aphasias constitute patterned failures of functioning – i.e., they cannot be explained by mere quantitative decrements in global, horizontal capacities like memory, attention, or problem-solving. (Fodor, 1983, S. 99)

We argue that the patterns of selective preservation and loss observed in brain-damaged subjects provide support for, at the very least, gross modularity: for the distinctness of linguistic processing from cognitive processes generally, and, within the language system itself, for the distinctness of lexical, syntactic, and semantic computations. (Linebarger, 1990, S. 55)

Wie Linebarger (1990) betont, geht mit der Annahme des selektiven Ausfalls eines Subsystems die Vorstellung einher, daß andere Verarbeitungskomponenten von dem Ausfall dieses Subsystems unbeeinträchtigt bleiben. Folglich wird das beobachtbare Verhalten der neurologischen Patienten als direkte Widerspieglung der ungeschädigten Komponenten des Sprachverarbeitungssystems interpretiert.

... we must assume ... that the performance of brain-injured patients reflects fairly straightforwardly the normal system minus the impaired subcomponent(s). (Linebarger, 1990, S. 56)

Da es durchaus denkbar ist, daß der Ausfall eines Subsystems Einfluß auf die Funktionsweise anderer erhaltener Subsysteme hat, ist es in der Forschung keinesfalls unumstritten, von den beobachteten Symptomen auf die zugrundeliegenden Defizite zu schließen.19

Bei der Darstellung der Theorien zu modularen Störungsursachen ist zwischen zentralen modularen Defiziten zu unterscheiden und solchen, die Verarbeitungsprozesse betreffen. Von zentralen Defiziten sprechen wir, wenn die Störung in einem an der Sprachverarbeitung [Seite 144↓]beteiligten Modul lokalisiert wird. Dabei kann es sich um linguistische Module wie Syntax, Semantik oder Phonologie handeln oder auch um Module allgemein kognitiver Art, die aber ebenfalls an der Sprachverarbeitung beteiligt sind, wie Kontrollsysteme oder Gedächtnis. Um Verarbeitungsstörungen handelt es sich, wenn angenommen wird, daß die Mechanismen, die den Transfer von Informationen von einem Modul zum anderen steuern, in ihrer Funktionsweise beeinträchtigt sind.

5.3.1.1 Zentrale Defizite

Wie bereits angedeutet, ist die Anzahl der Theorien, die sich der Beschreibung und Erklärung des Agrammatismus widmen, weitaus größer als die Anzahl derer, die sich für den Paragrammatismus interessieren. Verbleiben wir aus diesem Grund zunächst beim Agrammatismus und einigen ihm zugeschriebenen zentralen Defiziten.

Agrammatismus

Frühe Erklärungsansätze schrieben dem Agrammatismus ein zentrales syntaktisches Defizit zu (von Stockert, Bader, 1976; Zurif, Caramazza, 1976; Berndt, Caramazza, 1980) und dehnten somit die von Broca ursprünglich als expressive Fehlfunktion aufgefaßte Störung auf die Ebene der Sprachperzeption aus. Anlaß dafür war, daß Broca-Aphasiker Schwierigkeiten beim Verstehen von Sätzen zeigten, deren Verarbeitung von der Interpretation grammatischer Morpheme abhängt. Zwischen Sätzen wie He showed her baby pictures und He showed her the baby pictures 20 zu differenzieren, ist Broca-Aphasikern häufig nicht möglich.21 Es wurde die Schlußfolgerung gezogen, daß die auf der Ebene der Sprachproduktion deutlich wahrnehmbare syntaktische Störung auch alle anderen sprachlichen Verarbeitungsebenen beeinträchtigt. Die Ursache der Störung kann folglich nur im syntaktischen Verarbeitungsmodul liegen.

Im weiteren Verlauf der Forschung hat die These vom zentralen syntaktischen Defizit verschiedene Spezifizierungen erfahren. Die „closed-class-theory“ des Agrammtismus (Bradley, Garrett, Zurif, 1980; Bradley, Garrett, 1983; Garrett, 1982; Caplan, 1991) stellt den Versuch dar, die zentrale Syntaxstörung auf eine morphologische Störung zu reduzieren. Es wird angenommen, Agrammatiker hätten vor allem bei der Verarbeitung von Elementen der geschlossenen Klasse Probleme.22


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All these data – linguistic, psycholinguistic, and aphasiological - provide potent justification for postulating a disorder that affects the production of free standing function words and inflectional morphemes, which we shall call ‚agrammatism‘. (Caplan, 1991, S. 277)

Der Ort der Störung verschiebt sich durch diese Annahme vom syntaktischen Modul zum Lexikon. Ist der Zugriff auf Elemente der geschlossenen Klasse gestört, handelt es sich um ein lexikalisches Problem. Die Annahme der selektiven Störung der Elemente der geschlossenen Klasse setzt voraus, daß im Lexikon eine getrennte Speicherung von Elementen der geschlossenen und der offenen Klasse vorliegt.23 Hier deutet sich an, welche Schwierigkeiten sich für Erklärungsansätze ergeben, die auf modulare Defizite zurückgreifen. Sie sind gezwungen immer spezifischere Subsysteme zu postulieren, um den selektiven Ausfällen, die beobachtet werden, Rechnung zu tragen.24

Des weiteren erwähnt werden soll die von Kean (1977, 1979) vorgeschlagene Theorie, derzufolge Agrammatismus auf ein phonologisches Defizit zurückzuführen ist. Grammatische Funktionswörter werden dann ausgelassen, wenn sie nicht Akzent- oder Intonationsträger sind. Es zeigte sich, daß dieser Erklärungsansatz vor allem für Sprachen mit reicherer Flexionsmorphologie als der des Englischen nicht zutrifft.25

Werfen wir nun einen Blick auf einige Annahmen zu zentralen Störungsursachen des Paragrammatismus.

Paragrammatismus

Auch für den Paragrammatismus wurde ein syntaktisches Defizit vorgeschlagen, das sich als Verlust des Wissens über Phrasenstrukturregeln manifestiert (Butterworth, Howard, 1987).26

Da Wortfindungsstörungen, semantische und phonematische Paraphasien27 sowie [Seite 146↓]Neologismenbildungen symptomatisch für die Wernicke-Aphasie sind, wird ihr häufig auch ein lexikalisches Defizit zugrunde gelegt (Butterworth, 1979; Newcombe, Oldfield, Wingfield, 1965). Es sind jedoch nicht wie im Fall der Broca-Aphasie die Elemente der geschlossenen Klasse, sondern die der offenen Klasse, deren Abruf aus dem Lexikon nicht fehlerfrei funktioniert. Dies kann sich in Substitutionsfehlern sowie in phonematischen und semantischen Paraphasien äußern.28

Wie DeBleser und Bayer (1993) anmerken, wurde im Zusammenhang mit dem Paragrammatismus bzw. der Wernicke-Aphasie immer wieder der Versuch unternommen, Störungsursachen außerhalb der linguistischen Verarbeitungsmodule zu lokalisieren. Es wurde beispielsweise vorgeschlagen, daß es sich um ein Monitoring-Problem handeln könnte. Das von Levelt (1989) entwickelte Sprachverarbeitungsmodell sieht vor, daß sowohl Sprachverstehen als auch Eigenkontrolle durch ein internes Überwachungssystem gesteuert werden. Selbstkorrekturen während des Sprechens oder noch bevor es überhaupt zur Artikulation eines Fehlers kommt, werden durch dieses Überwachungssystem ermöglicht. Vorstellbar wäre, daß bei Wernicke-Aphasie genau dieses System ausfällt, was dazu führt, daß die Sprache der Patienten „außer Kontrolle“ gerät und die bekannten Symptome der überschießenden, unverständlichen Sprache sowie massive Sprachverstehensprobleme auftreten. Zunächst erscheint ein solcher Ansatz sehr plausibel. Allerdings können Butterworth et al. (1990) zeigen, daß Patienten mit besonders schlechtem Sprachverstehen nicht notwendig besonders paragrammatisch sind. Eine solche Korrelation wäre gemäß der Theorie zu erwarten, da sich die Monitoring-Störung gleichermaßen auf Sprachverstehen und Fehlerüberwachung auswirken sollte.

Butterworth, Howard (1987) schlagen vor, daß es für jedes Modul im Sprachprozessor ein separates Kontrollsystem gibt. Auf Kosten der Komplexität des Sprachverarbeitungssystems, können die beobachteten Dissoziationen zwischen Sprachverstehensdefiziten und Fehlerüberwachung durch Ausfälle separater Kontrollsysteme erklärt werden.

Bei den dargestellten Theorien handelt es sich um Ansätze, die die Ursachen agrammatischer und paragrammatischer Symptome auf zentrale Störungen zurückführen. Es wird angenommen, daß ein spezifisches Modul von der Störung selektiv betroffen ist und sich in der Folge die genannten [Seite 147↓]agrammatischen bzw. paragrammatischen Symptome zeigen. Während der Darstellung der Theorien sind bereits einige Probleme und Einwände deutlich geworden. Immer wieder werden Dissoziationen beobachtet, die sich mit dem generellen Ausfall eines Moduls, beispielsweise des syntaktischen Moduls, oder mit dem Ausfall der Elemente der geschlossenen Klasse im Fall des Agrammatismus bzw. dem Ausfall der Elemente der offenen Klasse im Fall des Paragrammatismus nicht vereinbaren lassen. Unterschiedliche Studien zeigen beispielsweise, daß Broca-Aphasiker sensibel für Grammatikalitätsverletzungen sind (Linebarger, 1990; Wulfeck, Bates, 1991; Friederici et al., 1992), was bei einem generellen syntaktischen Defizit nicht zu erwarten wäre. Des weiteren spricht die Tatsache, daß Agrammatismus nicht notwendig mit der Beeinträchtigung der Sprachperzeption gekoppelt (Kolk et al., 1985; Miceli et al., 1983) ist, gegen ein zentrales syntaktisches Defizit. In der Einleitung wurde auf die Arbeiten von Friederici (1981, 1982) verwiesen, die zeigen, daß die Leistungen agrammatischer Probanden hinsichtlich der Produktion von Präpositionen nicht stabil sind. Weder fallen die Präpositionen konsequent aus, noch sind sie stabil erhalten. Dies läßt sich mit der „closed-class-theory“ nicht vereinbaren, derzufolge Präpositionen als Elemente der geschlossenen Klasse generell ausfallen sollten. Studien unterschiedlicher Art liefern Belege für die Variabilität aphasischer Symptome sowie für die Überlappung aphasischer Kategorien (Miceli et al., 1989; Höhle, 1995). Sind Broca- und Wernicke-Aphasie tatsächlich Folge der Störung unterschiedlicher Module im Sprachverarbeitungssystem und spiegelt das Verhalten der neurologischen Patienten, wie Linebarger (1990) annimmt, das gesunde System abzüglich der gestörten Komponenten wider, sollten sich die Symptome der beiden Kategorien nicht überlappen.

Ebenfalls verwiesen werden soll an dieser Stelle auf die Arbeit von Blackwell, Bates (1995), die zeigt, daß agrammatische Symptome auch bei Gesunden erzeugt werden können, ohne daß eine zentrale Störung innerhalb des Sprachverarbeitungssystems vorliegt.

Aufgrund dieser Befunde schlug die Forschung eine andere Richtung ein. Man wendete sich in zunehmendem Maße Verarbeitungsprozessen zu, die zwischen den abgeschlossenen Modulen vermitteln und nahm Abstand davon, aphasische Störungen auf zentrale Defizite zurückzuführen.

... the module is not destroyed, it just works abnormally ... (Zurif, Swinney, Garrett, 1990, S. 134)

... any explanation invoking a selective impairment of a linguistic component is doomed to failure ... (Jakubowicz, Goldblum, 1995, S. 264)

Caramazza beispielsweise distanziert sich von dem von ihm vorgeschlagenen zentralen syntaktischen Defizit zur Erklärung des Agrammatismus bzw. der Broca-Asphasie. Neue [Seite 148↓]Positionen werden auch hinsichtlich der Klassifikationen von Aphasien bezogen. Aufgrund der Überlappungen der Symptome zwischen den Kategorien, wenden sich viele Forscher verstärkt der Frage zu, inwieweit den unterschiedlichen Syndromen, in unserem Fall der Broca- und der Wernicke-Aphasie, tatsächlich unterschiedliche Störungsursachen zugrundeliegen. Viel Aufschlußreiches verspricht man sich in diesem Zusammenhang von sprachvergleichenden Studien (Bates, Wulfeck, MacWhinney, 1991; Wulfeck, Bates, Capasso, 1991; Bates, Friederici, Wulfeck, 1987; Obler, Menn, 1988; Menn, 1989), deren Ergebnisse möglicherweise ein klareres Bild von der Symptomatik der jeweiligen Aphasieform entstehen lassen können. Auf diesem Wege erhofft man sich eine Annäherung an die Kernsymptome der Broca- und Wernicke-Aphasie, nach denen zu suchen in den Augen mancher Forscher (Blackwell, Bates, 1995), zentrales Bestreben der neueren Aphasieforschung sein sollte.

Andere, wie Caramazza, halten den Versuch, aphasische Syndrome zu klassifizieren, generell für wenig aufschlußreich und vertreten die Auffassung, nur die Einzelfallbetrachtung wäre fruchtbringend für die neurolinguistische Forschung. Zu betonen ist, daß sich die vertretenen Positionen in Abhängigkeit von den Zielsetzungen der Forschungsgruppen unterscheiden. Während die einen vom gesunden System auf das gestörte Sprachverarbeitungssystem blicken, um die Fülle der Symptome mit Hilfe dessen, was über gesunde Sprachverarbeitung bekannt ist, zu systematisieren (Bates, Friederici, Wulfeck, 198729), ist die Perspektive anderer von den Aphasien auf die gesunde Sprachverarbeitung gerichtet (Garrett, 1992; Nickels, 1995; Ellis, Miller, Sin, 1983; Caramazza, Hillis, 198930). Vorrangiges Ziel letztgenannter Autoren ist die Erklärung gesunder Sprachverarbeitung auf der Basis empirischer Daten aus der Aphasieforschung.

Im folgenden wollen wir uns den für Agrammatismus und Paragrammatismus vorgeschlagenen Störungsursachen auf der Ebene der Verarbeitungsprozesse zuwenden. Hervorzuheben ist, daß diesen Erklärungsmodellen ebenfalls, wie im Fall der zentralen Defizite, modulare Modellvorstellungen bezüglich unseres Sprachverarbeitungssystems bzw. unserer Kognition allgemein zugrundeliegen. Als wir im Kapitel 3 grundlegende Prinzipien konnektionistischer, nichtmodularer Modelle erläuterten, haben wir darauf verwiesen, daß derartige Modelle weder [Seite 149↓]separate Speicherung von verschiedenen Wissensinhalten noch unterschiedliche Verarbeitungsmechanismen für unterschiedliche Informationsebenen des Inputs annehmen. Hierarchisch serielle Modelle hingegen gehen davon aus, daß sprachliche Information in einzelne Teilinformationen, wie semantische, phonologische, syntaktische Informationen, zerlegt wird. Erst diese Teilinformationen können dann von separaten Verarbeitungsmechanismen weiterverarbeitet werden. Konnektionistische Modelle lehnen eine solche Zerlegung der Information in Teilinformationen sowie eine getrennte Verarbeitung ab. Bevor wir uns mit einem Erklärungsansatz aphasischer Störungen beschäftigen, hinter dem eine konnektionistische Modellvorstellung steht, betrachten wir zunächst nochmals modulare Defizite, nun im Bereich der Verarbeitungsprozesse.

5.3.1.2 Verarbeitungslimitierungen

Wie im vorangegangenen Abschnitt betrachten wir zunächst dem Agrammatismus zugeschriebene Störungsursachen und wenden uns dann dem Paragrammatismus zu. Dabei ist zwischen Verarbeitungsstörungen im Sprachverarbeitungssystem und zwischen Verarbeitungsstörungen allgemein kognitiver Natur, wie zum Beispiel Gedächtnislimitierungen, zu unterscheiden. Verarbeitungsstörungen im Sprachprozessor können Prozesse der Produktion oder Perzeption betreffen.

Agrammatismus

Die im folgenden genannten Erklärungsansätze lokalisieren agrammatische Defizite im Sprachprozessor.

Sprachverstehen

Grodzinsky (1984, 1986, 1990) unternimmt den Versuch, das gestörte Sprachverstehen agrammatischer Patienten mit Hilfe der Rektions- und Bindungstheorie von Chomsky (1982) zu erklären. Grundannahme seiner „trace deletion hypothesis“ ist, daß Agrammatiker während der Sprachperzeption nur eine unvollständige mentale Repräsentation der syntaktischen Struktur eines Satzes erstellen. Die Form dieser mentalen Struktur entspricht der von Chomsky vorgeschlagenen Oberflächenstruktur31 eines Satzes. Gemäß dieser Theorie können die [Seite 150↓]Endknoten der Oberflächenstruktur entweder lexikalisch spezifiziert sein, beispielsweise durch ein Nomen, ein Verb oder ein Adjektiv, sie können aber auch lexikalisch unspezifiziert sein. Letzterer Fall liegt zum Beispiel vor, wenn ein Endknoten mit einer Spur (Trace) besetzt ist. Eine solche Spur entsteht durch die Bewegung eines Elementes an eine andere Position in der Satzstruktur, wie beispielsweise bei der Passivierung eines Aktivsatzes ([IP This story i [I‘ was [VP believed ti by everyone]]]32). Der Auffassung Grodzinskys zufolge sind Spuren in der agrammatischen Satzstruktur gelöscht bzw. können während des Sprachverstehens nicht erstellt werden. Die Folge sind Probleme bei der Interpretation dieser Satzstrukturen. Die Löschung der Spur in unserem Beispielsatz würde dazu führen, daß dem Subjekt des Passivsatzes keine bzw. eine inkorrekte thematische Rolle zugewiesen wird. Es wäre denkbar, daß eine Rollenzuweisung auf der Basis der Wortfolge vorgenommen wird. Dies hätte die Zuweisung der Rolle des Agens anstelle der des Patiens zur Folge. Da fragwürdig ist, inwieweit die von Chomsky vorgeschlagene Baumstruktur tatsächlich unserer mentalen Repräsentation eines Satzes entspricht, muß auch die psychische Realität der Theorie Grodzinskys angezweifelt werden.

Shankweiler et al. (1989) sehen die Ursachen für das gestörte Sprachverstehen agrammatischer Patienten in der eingeschränkten Verarbeitung syntaktischen Wissens. Ähnlich äußern sich Haarmann und Kolk (1994), die agrammatisches Sprachverstehen ebenfalls auf eine pathologische Einschränkung der syntaktischen Parsing-Kapazität33 zurückführen, was einen schnelleren Verfall syntaktischer Informationen zur Folge hat als im gesunden Sprachverstehenssystem.

Etwas anders stellen sich Linebarger et al. (1983) die Ursachen des agrammatischen Sprachverstehens vor. Es wird angenommen, daß eine syntaktische Analyse stattfindet, aber nachfolgende semantische Interpretationen nicht durchgeführt werden können.

... the locus of the agrammatic comprehension impairment is not a failure to retrieve syntactic structure, on-line or off-line; rather, it may reflect an inability to build on this early syntactic analysis. (Linebarger, 1990, S. 116)

Jakubowicz et al. (1995) sehen die Ursachen agrammatischen Sprachverstehens in der [Seite 151↓]Einschränkung der Verarbeitungskapazität, die dem Sprachverstehenssystem zur Verfügung steht.

Die genannten Erklärungsansätze stellen lediglich eine Auswahl aus der Anzahl der Studien dar, die sich mit den Störungsursachen agrammatischen Sprachverstehens im Bereich der Verarbeitungsprozesse auseinandersetzen. Für die agrammatische Sprachproduktion sollen nur zwei ausgewählte Erklärungsversuche genannt werden.

Sprachproduktion

Die Theorien von Heeschen (1985) und Kolk et al. (1985) sehen agrammatische Symptome im strategischen Verhalten aphasischer Sprecher begründet. Heeschen (1985) nimmt an, daß Agrammatismus aufgrund von Vermeidung entsteht. Er betont, daß Agrammatismus „gelernt“ werden muß, d.h. die Patienten lernen wahrzunehmen, welche Probleme während der Sprachproduktion entstehen und gehen in der Konsequenz dazu über, problematische Elemente auszulassen, um Fehler zu vermeiden.

... they expect to perform badly and thus they do. (Heeschen, 1985, S. 237)

Studien zeigen, daß Agrammatiker in gezielten Aufgabenstellungen hingegen durchaus in der Lage sind, vollständige Sätze zu produzieren. Beispielsweise spricht die Arbeit von Hofstede und Kolk (1994) für die Abhängigkeit agrammatischer Sprachproduktion von der Aufgabenstellung. Die Tatsache, daß die Auslassungsrate grammatischer Morpheme im freien Interview höher ist als in Bildbeschreibungsaufgaben, deutet auf unterschiedliche Strategien der Agrammatiker hin.34

Desweiteren nimmt Heeschen (1985) keine unterschiedlichen Störungsursachen für Agrammatismus und Paragrammatismus an. Die unterschiedlichen Symptome werden als Ausdruck der verschiedenen Strategien der Patienten aufgefaßt. Agrammatiker neigen dazu, aufwendige Elemente zu vermeiden, Paragrammatiker hingegen weichen möglichen Fehlerquellen nicht aus, was sich in der Spontansprache mit einer größeren Anzahl von [Seite 152↓]Substitutionsfehlern äußert.

... the deficit itself could be absolutely the same, and it is only the reactions of the patients to this deficit which create different types of spontaneous speech ... (Heeschen, 1985, S. 21)

Die Natur des Defizits wird auf fehlerhafte syntaktische Verarbeitung zurückgeführt.

Auch Kolk et al. (1985) führen die Symptomatik des Agrammatismus auf strategisches Verhalten der Patienten zurück. Es wird angenommen, daß die Prozesse der Sprachproduktion im gestörten System zeitlich verzögert ablaufen. Die Verwendung des Telegrammstils ist Reaktion auf diese zeitlich verzögerten Verarbeitungsprozesse. Da auch Gesunde zur Produktion des Telegrammstils fähig sind35, interpretieren die Autoren das Verhalten der Agrammatiker als Hinweis darauf, daß mit Hilfe des sprachlichen Wissens, das von der Störung nicht betroffen ist, eine Anpassung an das gestörte System möglich ist.

Generelle kognitive Verarbeitungsprozesse

Letztlich soll auf eine Studie verwiesen werden, die agrammatische Sprache auf die Störung allgemein kognitiver Verarbeitungsprozesse zurückführt. Caplan und Hildebrandt (1988) halten eine generelle Einschränkung der Gedächtniskapazität für die Ursache des Agrammatismus.

Paragrammatismus

Betrachten wir im folgenden Störungsursachen des Paragrammatismus, die in Verarbeitungsprozessen lokalisiert sind. Wiederum sollen nur einige Theorien genannt werden. Wir differenzieren auch hier zwischen gestörten Verarbeitungsprozessen im Sprachprozessor, wobei nochmals zwischen Perzeption und Produktion unterschieden werden muß.

Sprachverstehen

Das gestörte Sprachverstehen von Patienten mit Wernicke-Aphasie sehen Jakubowicz, Goldblum (1995) in der Limitierung der Verarbeitungskapazität, die dem Sprachprozessor zur Verfügung steht, begründet. Da die Autoren agrammatisches Sprachverstehen auf dieselbe Weise erläutern, versuchen sie, den Unterschieden zwischen agrammatischem und paragrammatischem Sprachverstehen mit dem unterschiedlichen Grad der Störung gerecht zu werden. Sie nehmen an, daß die Störung im Fall der Broca-Aphasie weniger stark ausgeprägt ist als im Fall der Wernicke-[Seite 153↓]Aphasie.36

Im Zusammenhang mit zentralen Defiziten wurden Theorien genannt, die die Wernicke-Aphasie auf Ausfälle des internen Überwachungsystems bzw. auf Ausfälle von Kontrollsystemen, die einzelnen Modulen des Sprachprozessors angegliedert sind, zurückführen. Denkbar wäre, daß es sich nicht um Ausfälle dieser Kontrollinstanzen handelt, sondern um eine Einschränkung ihrer Kapazität bzw. um die Einschränkung der diese Instanzen steuernden Mechanismen, wodurch sich die Natur des Defizits von einer zentralen Störung zu einer Prozeßstörung verschiebt.

Sprachproduktion

Ellis, Miller, Sin (1983) halten den gestörten Abruf phonologischer Spezifizierungen von Wörtern für den Hintergrund paragrammatischer Sprachproduktion. Am Beispiel der sprachlichen Äußerungen eines Wernicke-Aphasikers zeigen sie, daß der Erfolg des lexikalischen Abrufs durch die Gebrauchshäufigkeit eines Wortes beeinflußbar ist, nicht aber durch die Zugehörigkeit eines Wortes zur offenen oder zur geschlossenen Klasse. Ob ein Wort Element der offenen oder geschlossenen Klasse ist, sollte als syntaktische Information im mentalen Lexikon gespeichert sein. Da die Manipulation dieser Information keinen Einfluß auf die Sprachproduktion des Wernicke-Aphasikers hat, halten die Autoren den Zugriff auf diesen Teil des Lexikons für ungestört. Den beobachteten Frequenzeffekt lokalisieren sie auf einer tieferliegenden Ebene, dem sogenannten „speech output lexicon“. Es ist der Zugriff auf diesen Teil des Lexikons, der nach Meinung der Autoren eingeschränkt ist.

Zusammenfassung

Fassen wir an dieser Stelle zusammen und rekapitulieren wir die Fragen, die uns im Zusammenhang mit der Aphasieforschung besonders interessieren. Zum einen handelt es sich um die Frage, inwieweit Broca- und Wernicke-Aphasiker beim Zugriff auf Genusinformation von unterschiedlich validen Form-Genus-Korrelationen beeinflußt werden. Zum anderen müssen wir fragen, ob sich Broca- und Wernicke-Aphasiker in ihrem sprachlichen Verhalten in einer Genuszuweisungsaufgabe unterscheiden.

Welche Vorhersagen sind auf der Basis der genannten Erklärungsansätze von Broca- und Wernicke-Aphasie zu treffen? Ein zentrales Defizit impliziert den Ausfall eines sprachlichen Moduls. Demzufolge ist nicht zu erwarten, daß Eigenschaften sprachlicher Einheiten Einfluß auf [Seite 154↓]das Leistungsprofil aphasischer Patienten haben. Elemente der geschlossenen Klasse können entweder problemlos aus dem mentalen Lexikon abgerufen werden oder der Zugriff auf diesen Teil des Lexikons ist gestört.

Etwas anders verhält es sich, legt man aphasischen Syndromen Verarbeitungslimitierungen zugrunde. Wie wir versucht haben zu zeigen, suchen diese Erklärungsansätze die Ursachen nicht ausschließlich im Sprachverarbeitungssystem, sondern berücksichtigen Faktoren der sprachlichen Umwelt, zum Beispiel einzelsprachliche Besonderheiten, Aufgabenstellung, und Gebrauchshäufigkeit sowie subjektive Faktoren wie strategisches Verhalten der Patienten.

Unsere Annahme, daß sich deutsche Nomen aufgrund ihrer formalen Genustransparenz in ihrer Verarbeitung unterscheiden, kann in die Reihe solcher Faktoren eingeordnet werden. Ist die Funktionsweise von Sprachverarbeitungsmechanismen durch Aphasie gestört, scheinen Faktoren wie Aufgabenstellung, Gebrauchshäufigkeit eines Wortes etc. einen stärkeren Einfluß auf das sprachliche Verhalten auszuüben als im gesunden System. Ein Einfluß der unterschiedlichen Validität von Form-Genus-Korrelationen wäre folglich denkbar.

Erinnern wir uns an die in der Einleitung formulierte Grundannahme c. Wir haben postuliert, daß der Aufwand der Verarbeitung durch Aphasie pathologisch erhöht ist. Wir nehmen an, daß dies einen größeren Einfluß von unterschiedlich validen Form-Genus-Korrelationen auf die Verarbeitung zur Folge hat als im gesunden System. Eine solche These läßt sich mit zentralen Defiziten als Störungsursachen von Aphasie nicht vereinbaren. Wir vertreten folglich die Auffassung, daß aphasischen Störungen Limitierungen von Verarbeitungsprozessen zugrundeliegen.

Zu klären bleibt, inwieweit zu erwarten ist, daß sich Broca- und Wernicke-Aphasiker in ihren Leistungen bezüglich des Abrufs von Genusinformation unterscheiden?

Viele der genannten Theorien betreffen entweder nur den Agrammatismus oder ausschließlich den Paragrammatismus und gehen von unterschiedlichen Störungsursachen für beide aphasische Syndrome aus. Im Sinne dieser Auffassung sollten sich Leistungsunterschiede zwischen den Aphasikergruppen in einer Genuszuweisungsaufgabe zeigen.

Bislang wurden zwei Ansätze genannt, die Alternativen zu der Auffassung darstellen, daß sich die Ursachen von Broca- und Wernicke-Aphasie unterscheiden. Sowohl Jakubowicz, Goldblum (1995) als auch Heeschen (1985) verweisen darauf, daß sich die Störungsursachen nicht notwendig unterscheiden müssen, nur weil an der sprachlichen Oberfläche verschiedene Symptome wahrnehmbar sind. Sie legen beiden Syndromen gleiche Störungsursachen zugrunde und begründen die unterschiedliche Symptomatik mit Unterschieden im Grad der Störung im einen Fall bzw. unterschiedlichen Strategien von Broca- und Wernicke-Aphasikern im anderen [Seite 155↓]Fall. Ein solcher Ansatz läßt sich einerseits gut mit Daten vereinbaren, die zeigen, daß sich die Leistungsprofile von Broca- und Wernicke-Aphasikern unter bestimmten Bedingungen nicht unterscheiden sowie mit sogenannten Mischfällen, d.h. Patienten, die Symptomatiken beider Störungsbilder aufweisen. Da es andererseits eine Fülle von Daten gibt, die große Leistungsunterschiede und Dissoziationen zwischen den Patientengruppen belegen, ist dieser Ansatz umstritten. In Bezug auf unsere Fragestellung läßt er zwei Vorhersagen zu. Der unterschiedliche Grad der Störung bzw. unterschiedliche Strategien von Broca- und Wernicke-Aphasikern bewirken möglicherweise Unterschiede in den Leistungen der beiden Gruppen. Andererseits wäre es möglich, daß es aufgrund der gemeinsamen Natur der Störung keine Leistungsunterschiede zwischen den Gruppen in einer Genuszuweisungsaufgabe gibt.

5.3.2 Konnektionismus und Aphasie

Im folgenden wollen wir uns einem konnektionistischen Modell, dem Competition Model , zuwenden und grundlegende Annahmen dieses Modells hinsichtlich der Erklärung aphasischer Störungen diskutieren. Von besonderem Interesse ist die Frage, wie ein konnektionistisches Modell selektiven sprachlichen Ausfällen Rechnung trägt, ohne auf modulare Konzepte der Kognition bzw. des Sprachverarbeitungssystems zurückzugreifen.

Wie in vorangegangenen Kapiteln ausgeführt wurde, korreliert unsere Auffassung von der unterschiedlichen Komplexität der Kategorie Genus mit den Modellkonzeptionen Cue Validity und Cue Cost.37 Wie gezeigt werden soll, sind es diese Konzepte, die zur Erklärung aphasischer Störungen herangezogen werden und die es ermöglichen, auf separate Module der Sprachverarbeitung zu verzichten. Es ist zu prüfen, inwieweit vor dem Hintergrund der theoretischen Positionen des Competition Models eine Konkretisierung unserer Vorhersagen bezüglich des Einflusses unterschiedlich valider Form-Genus-Korrelationen auf die Genuszuweisung durch aphasische Probanden möglich ist.

Die zweite uns interessierende Frage nach den Gruppenunterschieden zwischen Broca- und Wernicke-Aphasie soll ebenfalls wieder aufgegriffen werden. Zu diesem Zwecke sind die im [Seite 156↓]Rahmen des Modells vertretenen Auffassungen bezüglich der Unterschiede zwischen aphasischen Syndromen darzustellen.

5.3.2.1  Cue Validity, Cue Cost und Aphasie

Anders als symbolverarbeitende, modulare Modelle nehmen konnektionistische Modelle keine unterschiedlichen Verarbeitungsinstanzen für verschiedene sprachliche Informationen an.

Different kinds of linguistic information (phonological, lexical, morphological, syntactic) are represented together in a common format ... (Bates, Wulfeck, MacWhinney, 1991, S. 127)

Eine solche Auffassung von der Architektur unseres Sprachverarbeitungssystems schließt die Möglichkeit zentraler Defizite von vornherein aus. Da für die syntaktische Verarbeitung kein separates syntaktisches Modul angenommen wird, kann dieses nicht durch neurologische Erkrankung selektiv gestört sein. Gleiches gilt für andere Module des Sprachprozessors.

Aphasische Störungen können im Rahmen dieser Modelle folglich nur als Verarbeitungsstörungen aufgefaßt werden. Das uns bereits bekannte Competition Model, das als Vertreter konnektionistischer Modelle in diesem Zusammenhang diskutiert werden soll, faßt Aphasie als Prozessualisierungsstörung auf, die vor allem die Verarbeitung der Elemente der geschlossenen Klasse betrifft.

... there is some reason to believe that the linguistic processes applied by aphasics are relatively normal. Our findings are most compatible with a theory of aphasia in which normal structures and processes are operating under some form of noise – a relatively nonspecific deficit that might have a greater impact on some „noise-sensitive“ domains of linguistic knowledge and/or processing. (Wulfeck, Bates, 1991, S. 268)

Bei der Besprechung von Theorien, die den Agrammatismus auf zentrale Defizite zurückführen, hatten wir die „closed class theory“ genannt. In ihrer ursprünglichen Form schreibt diese Theorie den Elementen der offenen und der geschlossenen Klasse separate Lexika zu, die bei Aphasie selektiv ausfallen können. Diese Form der Theorie ließe sich mit konnektionistischen Modellvorstellungen nicht vereinbaren, da konnektionistische Modelle keine separaten Speicherformen für unterschiedliche sprachliche Informationen annehmen.

In fact, we think it is useful to handle all lexical items (closed- and open-class, bound and free) within a single lexicon ... (Bates, Wulfeck, 1989, S. 351)

Es stellt sich die Frage, wie sich Unterschiede in der Verarbeitung von Elementen der geschlossenen und der offenen Klasse begründen lassen, ohne dabei von spezifischen [Seite 157↓]Verarbeitungsmechanismen bzw. separaten Speichern auszugehen.

... it is not immediately obvious how such a heavily interactionist model can account for double dissociations between major components of language. (Bates, Wulfeck, 1989, S. 334)

Zur Begründung der besonders hohen Störanfälligkeit der Flexionsmorphologie greift das Competition Model auf die Konzepte Cue Validity und Cue Cost zurück. Ist die Validität der Verknüpfung zwischen einer sprachlichen Form und einer bestimmten Funktion sehr gering, steigt der Verarbeitungsaufwand im gestörten Sprachverarbeitungssystem drastisch an.

Weak elements should be the first to break down when the language processing system is under stress – any form of stress. (Bates, Friederici, Wulfeck, 1987, S. 29)

... in aphasic syndromes cue validity could prove to be a useful predictor of relative postinsult cue strengths within a given class of morphology. (Smith, Bates, 1987, S. 13)

Der Aufwand der Verarbeitung wird des weiteren durch die sogenannten Cue Cost Faktoren beeinflußt. Selbst wenn die Validität einer Regel sehr hoch ist, wie beispielsweise die Validität der Diminutivregel bei der Genuszuweisung, kann der Zugriff auf dieses Regelwissen durch Verarbeitungskosten gestört sein.

The syndrome-specific effects of brain damage are based primarily on aspects of cue cost, and presumably reflect some decomposition of the processing mechanisms that absorb these costs. (Bates, Wulfeck, 1989, S. 336)

Im folgenden soll diskutiert werden, welche Cue Cost Faktoren Einfluß auf die Sprachverarbeitung nehmen und wie mit Hilfe dieser Faktoren Unterschiede in der Verarbeitung von Elementen der geschlossenen und offenen Klasse erklärt werden können.

Es wird eine Reihe von Parametern, sogenannte Item Access Properties (Zugriffseigenschaften)vorgeschlagen, deren Ausrichtung für die Elemente der offenen und geschlossenen Klasse komplementär ist.

Closed- and open-class items differ along a number of processing parameters that could explain the double dissociations reported in the aphasia literature. (Bates, Wulfeck, 1989, S. 360)

Diese Zugriffseigenschaften erhöhen oder senken die Wahrscheinlichkeit, mit der ein lexikalisches Item abgerufen bzw. erkannt wird und gehören in die Gruppe der die Verarbeitung beeinflussenden Cue Cost Faktoren.


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Zugriffseigenschaften

Neben dem an anderer Stelle bereits besprochenen Cue Cost Faktor Wahrnehmbarkeit (Perceivability) werden artikulatorischer Aufwand, semantische Faktoren, Frequenz, Anspruch an das Kurzzeitgedächtnis (Assignability), Verwechselbarkeit sowie morphosyntaktischer Kontext als Zugriffseigenschaften genannt.

Wahrnehmbarkeit

Die Wahrnehmbarkeit einer sprachlichen Einheit wird unter anderem durch Faktoren wie Silbenzahl, Akzent und Vokaleigenschaften beeinflußt. Da Elemente der geschlossenen Klasse im Satz selten Akzent tragen, sind sie für Aphasiker möglicherweise weniger gut wahrnehmbar als Inhaltswörter. Die Anzahl der Silben, die im Fall der Funktionswörter und Flexionsmorpheme häufig geringer ist als im Fall der Inhaltswörter kann ebenfalls dazu beitragen, daß Elemente der geschlossenen Klasse weniger gut wahrnehmbar sind.

Artikulatorischer Aufwand

Die gleichen Faktoren können die Artikulation beeinflussen, wobei die Effekte auf Elemente der offenen und geschlossenen Klasse entgegengesetzt zu denen während der Perzeption sind. Ein Morphem mit mehreren Silben und einem starken Vokal ist gut wahrnehmbar, erfordert aber mehr artikulatorische Arbeit, während ein kurzes, hochfrequentes Morphem leicht zu artikulieren, aber schwerer wahrzunehmen ist.

Semantische Faktoren

Semantische Faktoren sollten die Verarbeitung der Elemente der offenen Klasse begünstigen, da diese häufiger in ein propositionales Netz38 eingebettet sind, das vorstellbare Informationen enthält. Allerdings variiert der Grad der Vorstellbarkeit sowohl innerhalb der Gruppe der Inhaltswörter als auch innerhalb der Gruppe der Flexionsmorpheme und Funktionswörter. Innerhalb der ersten Gruppe sollten Abstrakta schwerer zu verarbeiten sein als Konkreta. Wie wir am Beispiel der Untersuchungen Friedericis (1981, 1982) gesehen haben, gibt es innerhalb der zweiten Gruppe beispielsweise Unterschiede in der Verarbeitung von Präpositionen. Sind diese mit lokalen Informationen verknüpft (Peter steht auf dem Stuhl), können sie von Broca-[Seite 159↓]Aphasikern leichter verarbeitet werden als in den Fällen, in denen sie durch das Verb subkategorisiert werden (Peter hofft auf den Sommer).

Frequenz

Ein weiterer Kostenfaktor ist die Gebrauchshäufigkeit der Elemente der offenen und der geschlossenen Klasse. Aufgrund der höheren Frequenz der Flexionsmorpheme und Funktionswörter, sollten sie einen Verarbeitungsvorteil gegenüber Inhaltswörtern haben. Da die empirischen Daten aus der Aphasieforschung zeigen, daß die Elemente der geschlossenen Klasse insgesamt störanfälliger als Inhaltswörter sind, scheint dieser Frequenzeffekt durch das Wirken anderer Kostenfaktoren aufgehoben bzw. stark reduziert zu sein.

Anspruch an das Kurzzeitgedächtnis

Inwieweit beeinfluß der Anspruch an das Kurzzeitgedächtnis (Assignability ) sprachliche Informationsverarbeitung? Zur Herstellung von Kongruenz (z.B. Subjekt-Verb-Kongruenz oder Genuskongruenz) ist es häufig erforderlich, Informationen über mehrere sprachliche Einheiten hinweg im Kurzzeitgedächtnis zu speichern. Wie die Studie von Schriefers und van Kampen (1993) am Beispiel der Numerus-Kongruenz zwischen Subjekt und Verb zeigt, können selbst bei Gesunden Kongruenzfehler auftreten, wenn Subjekt und Verb nicht direkt aufeinanderfolgen. Anstelle mit dem Numerus des Subjekts zu kongruieren, kongruiert das Verb mit dem Numerus eines näher stehenden Nomens (obwohl die Versuchsperson weiß, was in diesen Situationen wichtig sind ...).39 Da angenommen wird, daß sich Hirnläsionen negativ auf die Gedächtnisspanne auswirken, sollte die Herstellung von Kongruenz über längere Distanzen hinweg im Fall aphasischer Störungen mit höheren Kosten verbunden und folglich besonders störanfällig sein.40

The amount of memory required for integration is relatively low when attachments between units can be made locally ... Memory load increases when integration must be delayed until more information is received. (Bates, MacWhinney, 1989, S. 58)

If the processing system is under stress ... topological cues or cues that are low in assignability may become so costly to handle that they are abandoned despite their information value. (Bates, MacWhinney, 1989, S. 59)


[Seite 160↓]

Da Kongruenz durch Elemente der geschlossenen Klasse hergestellt wird, sind es diese, die aufgrund des erhöhten Verarbeitungsaufwandes fehlerhaft realisiert oder ausgelassen werden.

Verwechselbarkeit

Der Faktor Verwechselbarkeit beeinträchtigt ebenfalls vor allem die Elemente der geschlossenen Klasse. Dies läßt sich am Beispiel der Kategorie Genus im Deutschen verdeutlichen. Um das Genus eines deutschen Nomens zu markieren, kann beispielsweise einer der drei d-Artikel zugewiesen werden. Da sich die drei Artikel der, die, das in ihrer phonologischen Struktur ähneln, ist es denkbar, daß sie schwerer zu verarbeiten sind als Inhaltswörter, die sich phonologisch deutlich unterscheiden (wie beispielsweise Tisch, Frau, Bett).

Morphosyntaktischer Kontext

Abschließend ist der Einfluß des morphosyntaktischen Kontextes auf Sprachverarbeitungsprozesse zu nennen. Neben den bisher diskutierten Zugriffseigenschaften, die als paradigmatische Faktoren bezeichnet werden, beeinflussen auch syntagmatische Faktoren den Zugriff auf sprachliche Einheiten. Der Einfluß syntagmatischer Faktoren bezieht sich auf Restringierungen durch die Phrase, den Satz und den Diskurskontext. Es wird angenommen, daß im Fall von Aphasie das Wissen über die syntaktische Struktur eines Satzes bzw. einer Phrase erhalten ist, da Fehler wie die Plazierung einer Verbalflexion an ein Nomen bzw. einer Nominalflexion an ein Verb bisher nicht berichtet wurden. Auch Fehler in der Wortfolge von Inhalts- und Funktionswort (Tisch der) treten nicht auf. Folglich ist anzunehmen, daß der morphosyntaktische Kontext positiven Einfluß auf die Verarbeitung der Elemente der geschlossenen Klasse hat.

Zusammenfassend ist festzuhalten, daß semantische Faktoren, Wahrnehmbarkeit und Anforderungen an das Kurzzeitgedächtnis die Verarbeitung von Elementen der offenen Klasse positiv beeinflussen, während die Verarbeitung der Elemente der geschlossenen Klasse durch die Faktoren Frequenz und morphosyntaktischer Kontext positiv beeinflußt werden.

In short, the various factors that constrain lexical retrieval have almost diametrically opposite effects on closed- versus open-class items. Given this distribution, dissociations between these two sets are not surprising – even if they are, as we maintain, both housed within a single, unified lexicon. (Bates, Wulfeck, 1989, S. 370)

Der selektive Ausfall bzw. die selektive Beeinträchtigung der Verarbeitung von Elementen der [Seite 161↓]geschlossenen Klasse muß nicht durch die Störung eines separaten Speichers für diese Elemente erklärt werden. Die entgegengesetzte Ausrichtung der Parameter, die Einfluß auf die Verarbeitung von Elementen der offenen und geschlossenen Klasse nehmen, kann zur Erklärung von Verarbeitungsunterschieden herangezogen werden.

It is possible that all vocabulary items are represented together in the same lexicon, and subjected to the same set of item access processes. However, because open and closed items are differentially responsive to the array of factors that influence access or retrieval, they behave quite differently in real-time processing. (Bates, Wulfeck, 1989, S. 353)

Neben diesen sprachlichen Parametern nennen die Autoren andere Faktoren, die von Bedeutung für Sprachverarbeitung sein können. Dazu zählen die zeitliche Planung sowie kompensatorische Strategien, die der Patient entwickelt, um mit seiner aphasischen Störung umzugehen.41 Die Erklärung der Unterschiede in der Verarbeitung von Elementen der offenen und geschlossenen Klasse mit Hilfe von Cue Cost Faktoren macht die Annahme von

separaten Verarbeitungsinstanzen für diese Elemente überflüssig.42

We do not have to postulate separate modules for each item type, or disconnections in the wires running from one component to another. (Bates, Wulfeck, 1989, S. 330)

... the finding that closed class items are vulnerable in aphasia might reflect nothing more than a break in the „weak link in the chain“. (Bates, Wulfeck, 1989, S. 334)

Zu betrachten bleibt, inwieweit die dargestellten Annahmen Relevanz für unsere Fragestellung haben. Uns interessiert, ob die unterschiedliche Validität von Genuszuweisungsregeln Einfluß auf das sprachliche Verhalten aphasischer Probanden in einer Genuszuweisungsaufgabe hat. Zunächst ist gemäß dem Modell anzunehmen, daß die bestimmten Artikel, mit deren Hilfe Genus am Nomen markiert werden kann, als Elemente der geschlossenen Klasse generell störanfällig sind. Das Konzept der Cue Validity räumt allerdings die Möglichkeit ein, daß der Zugriff auf den jeweiligen Artikel erleichtert wird, wenn das Genus des Nomens durch einen validen Cue (Reiz) am Nomen markiert ist. Einige empirische Daten aus dem Spracherwerb und dem Erwerb von Deutsch als Fremdsprache sprechen dafür, daß beispielsweise Diminutivsuffixe sowie die Suffixe heit, -keit, -ung valide Indikatoren für das jeweilige Genus des Nomens darstellen. Den [Seite 162↓]Annahmen des Competition Models zufolge sollten solche validen Cues auch im Fall der Beeinträchtigung des Sprachverarbeitungssystems durch Aphasie von Vorteil für den Abruf von Genusinformation sein („... in aphasic syndromes cue validity could prove to be a useful predictor of relative postinsult cue strengths within a given class of morphology.“ Smith, Bates, 1987, 13). Pseudosuffixe wie –el, -e, -en, -er , die mit einer geringeren Validität auf ein bestimmtes Genus verweisen, sollten den Abruf von Genusinformation nicht oder in nur geringem Maße unterstützen. Am stärksten eingeschränkt sollte der Abruf von Genusinformation sein, wenn das Nomen keinerlei zuverlässigen Markierer für Genus aufweist. Zusätzliche Einschränkungen während der Genuszuweisung entstehen durch Cue Cost Faktoren wie Frequenz, Anforderung an das Kurzzeitgedächtnis oder Wahrnehmbarkeit. Diese Faktoren sollten sowohl auf die Verarbeitung der bestimmten Artikel als auch auf die Verarbeitung der Diminutiv- und Ableitungssuffixe Einfluß haben.

Im folgenden wenden wir uns der Frage nach den Leistungsunterschieden zwischen Broca- und Wernicke-Aphasie zu und diskutieren in diesem Zusammenhang relevante Positionen des Competition Models .

5.3.2.2 Der syndromunspezifische Ansatz

Da Ergebnisse sprachübergreifender Untersuchungen zeigen, daß Flexionsmorpheme und Funktionswörter sowohl in der Sprachproduktion als auch in der Perzeption selektiv am stärksten betroffen sind und zwar in jedem aphasischen Syndrom, distanziert sich das Competition Model von sogenannten syndrom-dominante Modellen, die große Unterschiede im sprachlichen Verhalten zwischen den Patientengruppen vorhersagen. Im Unterschied dazu versteht sich das Competition Model als sprach-dominantes Modell, das strukturelle Besonderheiten der Einzelsprache berücksichtig und geringe Unterschiede in der Natur der Störung zwischen den aphasischen Syndromen annimmt.

Indeed, our results to date suggest that the morphological errors produced by aphasic patients are quite similar. (Bates, Wulfeck, 1989, S. 370)

The selective vulnerability of morphology described above is apperently not restricted to agrammatic Broca’s aphasics. We have observed equivalent morphological deficits in the expressive language of fluent Wernicke’s aphasics ... (Bates, Wulfeck, MacWhinney, 1991, S. 124)

Die geringen Unterschiede zwischen den Patientengruppen werden auf das Wirken der im vorangegangenen Abschnitt dargestellten Cue Cost Faktoren zurückgeführt. Hohe [Seite 163↓]Verarbeitungskosten, die, wie gezeigt wurde, vor allem die Elemente der geschlossenen Klasse betreffen, schränken die Verarbeitung dieser Elemente in jeder Aphasieform und auch bei Gesunden ein, deren Sprachprozessor unter Stress operiert. Auf die Studie von Blackwell, Bates (1995), die agrammatische Symptome bei gesunden Sprechern induziert, war in diesem Zusammenhang bereits verwiesen worden.43

Classes of linguistic information that are high in cue cost will be selectively impaired in all forms of aphasia; the same pattern of selective sparing and impairment may result from different forms of brain damage and/or from global processing limitations in subjects who are neurologically intact. That is, hard things should be hard for every one within a particular language; differences are a matter of degree ... the Competition Model contains no principles that would predict a systematic qualitative difference between patient groups (e.g., Broca’s versus Wernicke’s aphasia). (Bates, Wulfeck, MacWhinney, 1991, S. 128)

Hence, a finding that both Broca’s aphasics and fluent anomic had a selective impairment in their ability to process closed class cues would be taken as evidence for a general non-syndrom-dependent vulnerability of closed class morphology, regardless of a difference in the degree of impairment. (Smith, Bates, 1987, S. 13, eigene Hervorhebung)

Es wird angenommen, daß sich Broca- und Wernicke-Aphasiker in ihrem sprachlichen Verhalten unterscheiden können, daß diese Unterschiede jedoch nicht mit verschiedenen Störungsursachen, sondern mit Unterschieden im Grad der Störung zu begründen sind.

Für unsere Frage, inwieweit sich Broca- und Wernicke-Aphasiker in ihrem sprachlichen Verhalten in einer Genuszuweisungsaufgabe unterscheiden, ergeben sich folgende Vorhersagen.

Für Genus intransparente Wörter sind in beiden Aphasikergruppen störanfälliger als Wörter mit einer morphologischen Markierung, die zuverlässig auf das entsprechende Genus verweist, da die Verarbeitungskosten für intransparente Wörter laut Modellannahmen höher sind als für transparente Wörter. Beide Aphasikergruppen sollten von diesen höheren Verarbeitungskosten beeinflußt sein, unabhängig davon, ob sich die Gruppen im Grad der Störung unterscheiden. Es wird erwartet, daß sich das Muster der Ergebnisse deckt, wobei Wernicke-Aphasiker möglicherweise eine geringere Fehlerrate aufweisen könnten. In beiden Gruppen sollte sich demzufolge ein Transparenzeffekt zeigen, d.h. es werden bei der Genuszuweisung zu intransparenten Wörtern mehr Fehler erwartet als bei der Genuszuweisung zu transparenten [Seite 164↓]Wörtern.

Bevor wir uns unserer Studie mit ihren Ergebnissen zuwenden, wollen wir uns zunächst einige Untersuchungen anschauen, in denen unter anderem die Verarbeitung von Genus durch Broca- und Wernicke-Aphasiker Gegenstand ist. Den Abschluß des Kapitels bildet die Diskussion um die Relevanz von Aphasieklassifikationen für die neuro- und psycholinguistische Forschung.

5.4 Aphasie und Genuszuweisung

Keine der im folgenden dargestellten Untersuchungen wurde vor dem theoretischen Hintergrund des Competition Models durchgeführt. Konzepte wie Cue Cost bzw. Cue Validity werden demzufolge nicht explizit genannt. Trotzallem sprechen die Daten dafür, daß die unterschiedliche Validität von Genuszuweisungsregeln, die Anforderung an das Kurzzeitgedächtnis bei der Herstellung von Genuskongruenz sowie die Wahrnehmbarkeit von genusanzeigenden Cues Einfluß auf aphasische Sprachverarbeitung haben können. Drei der vorzustellenden Studien wurden mit französischsprachigen Aphasikern durchgeführt (Jarema, Friederici, 1994; Jakubowicz, Goldblum, 1995; Guyard et al., 1990), nur eine liefert Evidenzen bezüglich der Genuszuweisung durch deutschsprachige Aphasiker (DeBleser, Bayer, 1988).

Des weiteren gilt es zu betrachten, inwieweit sich Broca- und Wernicke-Aphasiker in ihrem Verhalten unterscheiden. Da Jarema, Friederici (1994) und DeBleser, Bayer (1988) ihre Untersuchungen ausschließlich mit agrammatischen Probanden durchführten, können wir in diesem Zusammenhang lediglich auf die zwei verbleibenden Studien von Jakubowicz, Goldblum (1995) und Guyard et al. (1990) zurückgreifen. Wie zu zeigen sein wird, kommen die Studien nicht zu einem einheitliche Ergebnis hinsichtlich der Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten zwischen Broca- und Wernicke-Aphasikern.

Wenden wir uns zunächst dem ersten Aspekt, dem Einfluß unterschiedlicher Cue Cost Faktoren sowie dem Einfluß der Validität von Genuszuweisungsregeln auf das sprachliche Verhalten aphasischer Probanden in verschiedenen Aufgaben zu.

DeBleser, Bayer (1988) überprüfen, inwieweit drei deutschsprachige agrammatische Probanden über Fähigkeiten verfügen, Genus zuzuweisen sowie Genuszuweisungen zu beurteilen. Zu diesem Zweck lassen sie zum einen Abbildungen von Objekten mit bestimmtem Artikel und Nomen benennen. Des weiteren müssen die konkreten Nomen der Bildbenennungsaufgabe und 30 weitere, abstrakte Nomen in einer Wortwiederholungsaufgabe mit dem entsprechenden [Seite 165↓]bestimmten Artikel wiederholt werden.

Zusätzlich sollen 120 Substantivgruppen, bestehend aus bestimmtem Artikel und Nomen, von denen die Hälfte fehlerhaft bezüglich der Genuszuweisung ist, auf Grammatikalität geprüft werden.

Ähnliche Aufgaben werden mit Komposita und Ableitungen durchgeführt. Ein Teil der Komposita setzt sich aus Pseudokomposita wie Sterngans oder Hautglas zusammen. Zur Überprüfung der Grammatikalität wird jedes Kompositum mit jedem der drei definiten Artikel dargeboten.

Zusätzlich werden den Probanden auch gleiche Anzahlen von realen Ableitungen und Nichtwortableitungen wie Stippung, Mielheit, Salmist, Luppner, Rühlerin dargeboten, die mit dem entsprechenden bestimmten Artikel zu wiederholen sind. Letztlich wird die Fähigkeit, Genuskongruenz herzustellen, überprüft, indem die Probanden die konkreten Nomen der Bildbenennungsaufgabe in komplexere Phrasen mit indefinitem Artikel und Adjektiv einbetten müssen.

Die Autoren interpretieren die Gesamtergebnisse als Hinweise darauf, daß Genusinformation aus dem Lexikon abgerufen werden kann, und zwar sowohl während des Sprachverstehens als auch während der Sprachproduktion. Es zeigt sich, daß Genusinformation kreativ für die Herstellung von Kongruenz in erweiterten Nominalphrasen genutzt wird. Das folgende Ergebnis ist für uns von besonderem Interesse. Sowohl im letzten Glied von Kompositabildungen gespeicherte Genusinformation als auch das durch Ableitungsmorpheme angezeigte Genus kann für die Genuszuweisung genutzt werden. Einige der Ableitungen auf die Suffixe -ist, -ner, -in sind fast völlig frei von Fehlern, auch in Nichtwortableitungen wie Salmist, Luppner, Rühlerin . Die letztgenannten Beobachtungen lassen sich mit den Konzepten Cue Validity und Cue Cost gut vereinbaren. Sie sprechen dafür, daß es sich bei den genannten Suffixen um Genuscues mit einer hohen Validität handelt, die gut wahrnehmbar sind und selbst im durch Aphasie beeinträchtigten Sprachverarbeitungssystem zu einer korrekten Genuszuweisung führen.

Evidenzen aus dem Französischen liefert die Untersuchung von Jarema und Friederici (1994) mit fünf französischsprachigen Agrammatikern. Die Probanden haben in dieser Studie die Aufgabe, ihnen vorgelesenen Sätzen eine entsprechende Abbildung zuzuordnen. Auf diese Weise soll das Verstehen von Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätzen überprüft werden, vor allem die Verarbeitung des am Objekt markierten Genus. Das sprachliche Material setzt sich aus Satzpaaren zusammen, die ein homophones, sich hinsichtlich Genus jedoch unterscheidendes Objekt enthalten.

(a) Le soldat quitte le poste. (Der Soldat verläßt den Posten.)


[Seite 166↓]

(b) Le soldat quitte la poste. (Der Soldat verläßt das Postamt.)

Neben diesem Typ, in dem die Objektposition mit einer einfachen Nominalphrase besetzt ist, wurden Satzpaare mit Pronomen-Objekten gebildet.

(c) Le soldat le quitte. (Der Soldat verläßt ihn/den Posten.)

(d) Le soldat la quitte. (Der Soldat verläßt sie/die Post.)

Zusätzlich wurde der Faktor natürliches Geschlecht am Objekt manipuliert. Während das Genus der Objekte in den Satzbeispielen a)-d) grammatisch determiniert ist, kann das Genus der Objekte in e)-h) mit Hilfe des natürlichen Geschlechtsprinzips abgeleitet werden.

(e) L’infirmière sert le pensionnaire. (Die Krankenschwester versorgt den Rentner.)

(f) L’infirmière sert la pensionnaire. (Die Krankenschwester versorgt die Rentnerin.)

(g) L’infirmière le sert. (Die Krankenschwester versorgt ihn/den Rentner.)

(h) L’infirmière la sert. (Die Krankenschwester versorgt sie/die Rentnerin.)

Nachdem ein Satz vorgelesen wurde, war eine von zwei dargebotenen Abbildungen auszuwählen, die mit dem Satz korrelierte. Das Ablenkerbild entsprach dem jeweils anderen Satz des Paares und zeigte folglich ein im Genus inkorrektes Objekt.

Uns sollen hier vor allem die Ergebnisse der Pronomenbedingung interessieren. Alle fünf Patienten zeigten bessere Sprachverstehensleistungen, wenn das Genus des Pronomens durch das natürliche Geschlechtsprinzip determiniert war (vgl. Beispiele g) und h)) als im Vergleich zu Sätzen, in denen es sich um grammatisch determiniertes Genus handelte wie in c) und d).

... agrammatic Broca’s aphasics are particularly impaired in processsing pronouns when gender marking is based on grammatical gender but not when based on natural gender. (Jarema, Friederici, 1994, S. 690)

Anders verhielt es sich, wenn das Objekt eine einfache Nominalphrase war. Der Faktor natürliches Geschlecht hatte dann keinen Einfluß auf das Sprachverstehen der Probanden. Es zeigten sich keine Unterschiede in der Verarbeitung von Sätzen des Typs a) und b) und solchen vom Typ e) und f).

Die Ergebnisse der Pronomenbedingung unterstreichen die Bedeutung des natürlichen [Seite 167↓]Geschlechtsprinzips. Wie wir in Kapitel 2 darstellten, spielt dieses Prnzips auch während des natürlichen Erstspracherwerbs eine große Rolle und wird von Kindern früh für die Genuszuweisung genutzt. Auch dieses Ergebnis interpretieren wir als Hinweis darauf, daß die Validität von Regeln Einfluß auf die Sprachverarbeitung hat. Im Sinne des Competition Models nehmen wir an, daß es sich bei dem natürlichen Geschlechtsprinzip um eine Regel mit hoher Validität handelt, deren Wirksamkeit nur wenig durch den pathologisch erhöhten Verarbeitungsaufwand im aphasischen Sprachverarbeitungssystem minimiert wird.

Eine solche Interpretation legt allerdings nahe, daß auch in der Bedingung, in der die Objektposition mit einer einfachen Nominalphrase besetzt ist (NP-Bedingung), ein Vorteil der Objekte mit natürlich determiniertem Genus (Beispiele e) und f)) gegenüber solchen mit grammatisch determiniertem Genus (Sätze a) und b)) auftreten sollte. Möglicherweise wird dieser difizile Unterschied in der Verarbeitung von grammatisch und natürlich determiniertem Genus nur in der mit höherem Verarbeitungsaufwand verbundenen Pronomen-Bedingung meßbar. Anders als in der NP-Bedingung, muß in der Pronomen-Bedingung die Referenz zu dem entsprechenden Nomen hergestellt werden, bevor eine Entscheidung über die mit dem Satz korrelierende Abbildung und somit eine Identifikation des Genus erfolgen kann.

Bei den im folgenden zu diskutierenden Studien handelt es sich um Gruppenstudien, die sowohl das sprachliche Verhalten von Agrammatikern bzw. Broca-Aphasikern als auch das von Paragrammatikern bzw. Wernicke-Aphasikern untersuchen.

Jakubowicz und Goldblum (1995) konfrontieren zehn flüssige französischsprachige sowie zehn nichtflüssige französischsprachige Aphasiker mit einer Bild-Zuordnungsaufgabe.44 Ähnlich wie in der Untersuchung von Jarema und Friederici (1994) sollten auditiv dargebotene Sätze entsprechenden Abbildungen, die mit dem Subjekt und Objekt des Satzes korrelierten, zugeordnet werden. Den Probanden wurden insgesamt drei Abbildungen gezeigt, von denen zwei jeweils Subjekt und Objekt des Satzes repräsentierten. Das dritte Bild war ein Ablenkerbild mit dem inkorrekten Genus des Subjektes. Lautete der Satz beispielsweise La journaliste prend la lettre zeigten die Abbildungen eine Journalistin, einen Journalisten und einen Brief. Die Abbildungen der Journalistin und des Briefes würden in diesem Fall den Zielbildern entsprechen. Innerhalb der Sätze wurden mehrere Faktoren variiert.45 Zum einen erschien die grammatische Markierung des Genus entweder am Funktionswort, zum Beispiel am bestimmten Artikel (a) oder [Seite 168↓]am Inhaltswort, d.h. am Subjektnomen (b). Außerdem konnte Genus innerhalb der Nominalphrase, entweder am Artikel46 oder am Nomen (a, b) oder außerhalb dieser markiert sein, z.B. am Adjektiv (c).

  1. La locataire prend le courrier. (Die Bewohnerin nimmt die Post.)
    Le locataire prend le courrier. (Der Bewohner nimmt die Post.)
  2. L’avocate donne la lettre. (Die Anwältin übergibt den Brief.)
    L’avocat donne la lettre. (Der Anwalt übergibt den Brief.)
  3. L’acrobate était gentille. (Die Akrobatin war freundlich.)
    L’acrobate était gentil. (Der Akrobat war freundlich.)

Die Autoren erwarteten, daß die Leistungen in Bedingung c) stärker beeinträchtigt sind als in den Bedingungen a) und b), da in c) höhere Anforderungen an das Kurzzeitgedächtnis gestellt werden. Erst nach der Verarbeitung mehrerer sprachlicher Einheiten (Verb, Adjektiv) kann das Genus des Subjektes identifiziert und für die Wahl der entsprechenden Abbildungen genutzt werden. Im Rahmen des Competition Model entspricht der hier manipulierte Faktor dem Cue Cost Faktor Assignability (Anforderung an das Kurzzeitgedächtnis).

Die Ergebnisse bestätigen die Vorhersagen. Genusmarkierungen außerhalb der Nominalphrase sind insgesamt für beide Patientengruppen schwerer zu verarbeiten als solche innerhalb der Nominalphrase. Dieses Resultat wird damit begründet, daß bei Markierung von Genus außerhalb der Nominalphrase ein höherer Verarbeitungsaufwand entsteht.

As for the effect of marking appearing within or outside NP, a possible way to account for it is to relate it to processing load .... onlocal marking (outside NP) may be more difficult because it demands that an inference be made across two major constituents. (Jakubowicz, Goldblum, 1995, S. 259)

Das Verhalten von flüssigen und nichtflüssigen Aphasikern ist jedoch nicht völlig identisch. Nichtflüssige Probanden machen mehr Fehler als flüssige Aphasiker, wenn Genus an Inhaltswörtern markiert ist, und zwar sowohl innerhalb der Nominalphrase (am Nomen) als auch außerhalb (am Adjektiv). Folglich sind nichtflüssige Aphasiker in ihrer Sensibilität für Genusmarkierungen durch zwei Faktoren beeinflußt: zum einen durch die Genusmarkierung [Seite 169↓]innerhalb oder außerhalb der Nominalphrase, zum anderen durch die Markierung am Funktions- oder am Inhaltswort.

Flüssige Aphasiker haben bei der Verarbeitung von Genusmarkierungen außerhalb der Nominalphrase Probleme. Ihre Leistungen sind jedoch nicht davon beeinflußt, ob Genus an einem Funktions- oder Inhaltswort markiert ist. Ihnen bereitet allerdings insbesondere die Verarbeitung von semantischem Genus Schwierigkeiten

Anders als in der Studie von Jarema und Friederici (1994), in der gezeigt wurde, daß das natürliche Geschlechtsprinzip von Vorteil für die Verarbeitung ist, werden in der Studie von Jakubowicz und Goldblum (1995) zusätzliche Verarbeitungskosten durch den Faktor natürliches Geschlecht verursacht. Dies wird allerdings nur bei flüssigen Probanden beobachtet. Da diese Gruppe in der Studie von Jarema, Friederici (1994) nicht untersucht wurde, stehen die Ergebnisse der beiden Studien nicht im Widerspruch zueinander.

Jakubowicz, Goldblum nehmen einen höheren Verarbeitungsaufwand für Nomen an, deren Genus durch das natürliche Geschlechtsprinzip determiniert ist.47

Nach Auffassung der Autoren lassen sich die Beobachtungen insgesamt mit der Annahme vereinbaren, daß sowohl das Syndrom der Broca- als auch das der Wernicke-Aphasie auf eine Limitierung der Verarbeitungskapaziät zurückgeführt werden kann. Unerklärt bleibt allerdings, warum sich der Einfluß des natürlichen Geschlechts nur in der Gruppe der Wernicke-Aphasiker zeigt.48

These results are consistent with the view that for both nonfluent and fluent aphasics, the functional locus of their impairment lies on a reduction in the computational resources available to the language processor, which is more severe in the former than in the latter group. (Jakubowicz, Goldblum, 1995, S. 242)

Festzuhalten ist, daß die Ergebnisse für den Einfluß des Cue Cost Faktors Assignability (Anforderung an das Kurzzeitgedächtnis) sprechen und zwar in beiden Aphasikergruppen. Dies [Seite 170↓]entspricht den Vorhersagen des Competition Models, das eine syndromunspezifische Erhöhung von Verarbeitungskosten im Fall von Aphasie annimmt.

Wenden wir uns abschließend der Studie mit französischsprachigen Aphasikern von Guyard et al. (1990) zu, deren Ergebnisse auf das Wirken des Cue Cost Faktors Wahrnehmbarkeit hindeuten, was sich allerdings nur für die Gruppe der Agrammatiker zeigen läßt.

Genus kann im Französischen am Artikel, am Nominalstamm oder durch Ableitungssuffixe wie eur, -euse markiert werden. Mit Hilfe einer Genuszuweisungsaufgabe überprüfen die Autoren, inwieweit agrammatische und paragrammatische Probanden für die Markierung des Genus durch zuverlässige Suffixe sensibel sind. Den Probanden werden drei Listen mit Nomen präsentiert, denen der entsprechende bestimmte Artikel zugeordnet werden soll. Die erste Liste enthielt Nomina, die sich hinsichtlich des genusanzeigenden Suffixes (entweder nur - eur oder nur - euse) nicht unterschieden. Agrammatiker ordnen den Nomen dieser Liste den Artikel per Zufall zu. Die Relevanz des Suffixes für die Wahl des Genus wird nicht erkannt. Die zweite Liste enthielt sowohl Nomen, die auf eur auslauteten als auch auf euse auslautende. Die Präsentation der Suffixe in Opposition (vendeur – vendeuse; controleur – controleuse) bewirkte, daß die Patienten den Artikel ohne Fehler zuordnen. Dies deutet darauf hin, daß die Darbietung der Oppositionspaare die Wahrnehmbarkeit des Suffixes als Genusmarkierer erleichterte. Anschließend wurde nochmals die erste Liste dargeboten. Da die Agrammatiker durch die zweite Liste für die Relevanz der Suffixes sensibilisiert waren, zeigten sie gute Leistungen bei der Zuordnung des Artikels.

Andere Aufgabenstellungen machten deutlich, daß im Fall von Agrammatismus Oppositionen pathologisch verstärkt zu sein scheinen. Agrammatiker akzeptierten ihnen dargebotene künstliche Oppositionspaare aufgrund ihrer Opposition.

Thus, agrammatic patients still may oppose morphological sets... but do not control the limits of these sets, by lack of segmental analysis ... (Guyard et al., 1990, S. 136)

Paragrammatiker hingegen scheinen die Fähigkeit, zwischen sich ausschließenden Paradigmen zu differenzieren, verloren zu haben.

We also observed that paragrammatic patients do not oppose the masculine noun paradigm to the feminine noun paradigm. Everything is possible, no matter which stem may admit the determinant ‚le‘ or ‚la‘. These determinants are interchangeable, as their substitution is no longer a significant limit. There are numerous confusions and nothing is stable. (Guyard et al., 1990, S. 133)


[Seite 171↓]

... paragrammatic patients have this internal variation network, but they are its victims: Everything may vary, without limit. The opposition between mutually exclusive paradigms has disappeared ... (Guyard et al., 1990, S. 136)

Insgesamt sprechen die Daten dieser Studie dafür, daß Agrammatiker besser als Paragrammatiker in der Lage sind, eigene Fehler zu erkennen. Agrammatiker sind sich in Genuszuweisungsaufgaben der Tatsache bewußt, daß nur eine Artikelform korrekt sein kann.

... they were able to indicate the mutual contradictory answers. They did not know if it was ‚le foulard‘ or ‚la foulard‘, but they were sure that it had to be one or the other. (Guyard et al., 1990, S. 116)

Im Unterschied dazu halten Paragrammatiker sowohl die eine als auch die andere Form für korrekt. Der Faktor Wahrnehmbarkeit hat dieser Untersuchung zufolge unterschiedlichen Einfluß auf agrammatische und paragrammatische Sprachverarbeitung. Agrammatiker müssen durch die Darbietung von Nomen mit genusanzeigenden Suffixen in Opposition (vend-eur vs. vend-euse) erst für die Funktion dieser Suffixe als Genusindikator sensibilisiert werden. Paragrammatiker profitieren nicht von der Wahrnehmbarkeit der Suffixe, auch nicht wenn diese in Opposition dargeboten werden, sondern halten häufig sowohl maskuline als auch feminine Genuszuweisung für korrekt.

Die Ergebnisse aller genannten Studien deuten darauf hin, daß unterschiedliche Faktoren den Zugriff auf Genusinformation beeinflussen können. Aus diesem Grund halten wir es für angemessen zu prüfen, inwieweit die unterschiedliche Validität von Form-Genus-Korrelationen im Deutschen Einfluß auf Prozesse während der Genuszuweisung durch Aphasiker hat. Hinsichtlich der Frage nach den Gruppenunterschieden zwischen Broca- und Wernicke-Aphasikern liefern die Studien kein einheitliches Bild. Jakubowicz, Goldblum (1995) finden einen Einfluß des Kostenfaktors Assignability auf beide Patientengruppen, Guyard et al. (1990) zeigen, daß die Manipulation des Faktors Wahrnehmbarkeit lediglich von Einfluß auf das sprachliche Verhalten von agrammatischen Probanden ist.

Im weiteren wollen wir uns an den Beobachtungen von Jakubowicz und Goldblum (1995) sowie am syndromunspezifischen Ansatz des Competition Models orientieren und nehmen an, daß Broca- und Wernicke-Aphasiker gleichermaßen von Genustransparenz in einer Genuszuweisungsaufgabe profitieren bzw. daß in beiden Gruppen für Genus intransparente Nomen fehleranfälliger sind. Diese Vorhersage gilt es anhand der von uns erhobenen Daten, die in Kapitel 6 dargestellt sind, zu verfizieren bzw. zu falsifizieren. Zunächst soll sie uns jedoch zurück zu der Diskussion über die Relevanz von Aphasieklassifikationen führen.


[Seite 172↓]

Haben die Kategorien der Broca- und Wernicke-Aphasie überhaupt noch eine Bedeutung, wenn sie sich, wie manche annehmen, auf ein gemeinsames Defizit reduzieren lassen, das lediglich an der Oberfläche zu unterschiedlichen Symptomen führt? Andere empfinden die traditionellen Klassifikationen aufgrund der Vielfalt der individuellen Ausprägungen der Syndrome als Behinderung für die Forschung. Einen kurzen Einblick in diese Debatte soll der folgende Abschnitt ermöglichen.

5.5 Zur Relevanz von Aphasieklassifikationen

Es wurde bereits erwähnt, daß sich die Intentionen der Auseinandersetzung mit aphasischen Phänomenen unterscheiden. Wir wollen zwischen zwei grundlegenden Perspektiven differenzieren. Einerseits ist es möglich, aphasische Syndrome vor dem Hintergrund des gesunden Sprachverarbeitungssystems zu betrachten und sich über Modifikationen des gesunden Systems den Störungsursachen aphasischer Syndrome anzunähern. Repräsentativ für diese Perspektive ist beispielsweise die Studie von Dell et al. (1997b), die durch Variation einzelner Parameter im gesunden Sprachverarbeitungsmodell aphasische Fehler erfolgreich simuliert. Zu nennen ist des weiteren das Competition Model, das durch die Spezifizierung von Item Access Properties (Zugriffseigenschaften) versucht, aphasisches Fehlverhalten im Rahmen eines allgemeinen Sprachverarbeitungsmodells zu erklären.

Andererseits widmet sich ein Großteil der Forschung aphasischen Phänomenen mit der Absicht, Rückschlüsse auf die Funktionsweise des gesunden Sprachverarbeitungssystems zu ziehen. Im folgenden zitierte Vertreter dieser Perspektive sind beispielsweise Badecker, Caramazza (1985, 1986)49, Miceli et al. (1989), Ellis et al. (1983). Häufig werden auch beide Perspektiven eingenommen. Die Autoren des Competition Models modifizieren nicht nur das von ihnen entworfene Modell der gesunden Sprachverarbeitung, um aphasischen Daten gerecht zu werden, sondern greifen gleichermaßen auf Daten aus der Aphasieforschung zurück, um Modellkonzepte zu belegen.

Aufgrund der sich unterscheidenden Ansprüche, die sich hinter den genannten Perspektiven verbergen, entweder Verallgemeinerungen über das gesunde oder über das gestörte Sprachverarbeitungssystem zu treffen, überrascht es nicht, daß die Meinungen bezüglich der Relevanz von Aphasiekategorien wie Broca- und Wernicke-Aphasie bzw. Agrammatismus und [Seite 173↓]Paragrammatismus divergieren.

Zunächst soll die Relevanz der gebräuchlichen Aphasiekategorien aus der Perspektive diskutiert werden, die auf das gestörte System gerichtet ist.

5.5.1 Aphasieklassifikationen und gestörtes Sprachverarbeitungssystem

Wie wir in den vorangegangenen Abschnitten mehrfach aus unterschiedlichen Studien erfahren haben, sind die klassischen Aphasiekategorien, Broca- und Wernicke-Aphasie, nicht homogen. Das sprachliche Verhalten von Aphasikern innerhalb einer Kategorie kann stark variieren, weiterhin können Patienten Symptome zeigen, die sie sowohl der einen als auch der anderen Kategorie zugehörig machen. Schwartz (1984) nennt das die „polytype“ Struktur der Kategorien.

The important point about such polytypic structures is that, like the family resemblance categories of modern psychology, members need not share any single attribute, nor any pattern of attributes. ... any particular attribute may be represented in more than one category. (Schwartz, 1984, S. 6)

Aufgrund dieser „polytypen“ Struktur sowie der Tatsache, daß die Symptomatik eines einzelnen Sprechers nicht notwendig stabil ist, können Broca- und Wernicke-Aphasie (und alle anderen Kategorien) nicht als strikte Kategorien mit klaren Grenzen aufgefaßt werden.

Schwartz (1984) betont, daß folglich die Verallgemeinerungen, die zulässig sind, stark restringiert sind. Werden bestimmte sprachliche Ausfälle in einer Gruppe von Broca-Aphasikern beobachtet, können wir nicht zuverlässig darauf schließen, daß andere Aphasiker derselben Kategorie die gleichen Symptome zeigen. Desweiteren können wir nicht ausschließen, daß sich die beobachteten Ausfälle auch bei Wernicke-Aphasikern zeigen.

Such is the nature of polytypic categories that particular features overlap category boundaries. (Schwartz, 1984, S. 7)

Trotz der starken Eingeschränktheit der Verallgemeinerungen, die auf der Grundlage von „polytypen“ Kategorien getroffen werden können, hält Schwartz (1984) diese Kategorien für die Betrachtung aphasischer Phänomene nicht für irrelevant. Sie schlägt vor, die Kategorien weiter zu öffnen. Dies soll durch die Einbeziehung individueller Parameter der einzelnen Patienten wie Läsionsort, Alter des Patienten, Krankheitsgeschichte oder seit dem Schlaganfall verstrichene Zeit erfolgen. Von der aphasischen Kategorie könnte dann auf den einen oder anderen individuellen Parameter geschlossen werden, beispielsweise darauf, wo der Läsionsort im Fall [Seite 174↓]von Broca- bzw. Wernicke-Aphasie zu erwarten ist. Weitere Generalisierungen, die von den klassischen Kategorien abgeleitet werden können, sind der Auffassung Schwartz zufolge andere mit der jeweiligen Sprachstörung gekoppelte Defizite, wie zum Beispiel die Halbseitenlähmung rechts im Fall der Broca-Aphasie. Auch zu diesen Verallgemeinerungen gibt es allerdings Ausnahmen.

Am Beispiel der Kategorie des Agrammatismus versucht Caplan (1991), die Berechtigung dieser Kategorie herauszuarbeiten. Anders als Schwartz (1984), die die heterogene bzw. „polytype“ Struktur aphasischer Kategorien betont, zeigt Caplan (1991), inwieweit der Agrammatismus eine kohärente Kategorie ist. Eine Aphasiekategorie ist seiner Meinung nach dann kohärent, wenn ihr ein Defizit im Sprachprozessor zugewiesen werden kann. Im Fall des Agrammatismus handelt es sich ihm zufolge um die Störung der Elemente der geschlossenen Klasse.

All these data – linguistic, psycholinguistic, and aphasiological – provide potent justification for postulating a disorder that affects the production of free standing function words and inflectional morphemes, which we shall call „agrammatism“. (Caplan, 1991, S. 277)

Die Variabilität der Leistungen einzelner Agrammatiker bezüglich der Produktion von Elementen der geschlossenen Klasse reflektiert der Auffassung Caplans zufolge Störungen auf unterschiedlichen Verarbeitungsstufen.

It is entirely possible that overt agrammatism reflects impairments of different processing stages in different patients. (Caplan, 1991, S. 279)

Ähnlich wie Schwartz (1984), die auf den offenen Charakter der Kategorien hinweist, kommt auch Caplan (1991) zu dem Schluß, daß es sich bei der Kategorie des Agrammatismus um eine „weite“ (broad) Kategorie handelt. Dies wird nicht als Widerspruch zu der Tatsache empfunden, daß die Kategorie gleichzeitig als kohärent bezeichnet wird.

Broad categories are not necessarily incoherent from a theoretical point of view. (Caplan, 1991, S. 280)

Trotzdessen räumt Caplan ein, daß sich die Kategorie als Grundlage für Verallgemeinerungen für viele Forschungszwecke nicht eignet. Andererseits erlaubt sie Vorhersagen über Störungen von Sprachverarbeitungsprozessen, die speziell die Elemente der geschlossenen Klasse betreffen.

Such a broad category would likely be inadequate for many research purposes, although one can well imagine both research and clinical settings in which knowing that a patient did or did not have agrammatism would be very useful. (Caplan, 1991, S. 280)


[Seite 175↓]

... the term [agrammatism] is not theoretically meaningless, but can be taken to refer to the collection of deficits affecting language processing operations responsible for the production of a specified vocabulary set. (Caplan, 1991, S. 280)

Caplan (1991) verweist auch auf den klinischen Kontext, in dem es von Vorteil ist, einen Patienten als agrammatisch auszuweisen. Wir sind ebenfalls der Überzeugung, daß trotz aller Unschärfen und Überlappungen, die die Aphasieklassifikationen mitsichführen, Ärzte und Therapeuten von diesen Kategorien profitieren, da ihnen eine erste Orientierung bezüglich der Defizite des Patienten ermöglicht wird.

Andere Forschergruppen wie die um Elizabeth Bates nehmen die „polytype“ Struktur der klassischen Kategorien zum Anlaß, nach Symptomen zu suchen, die spezifisch für nur eine Kategorie sind.

Therefore, one of the goals of current research should be to distinguish those aspects of agrammatism that really are unique to agrammatism from those aspects that might be found in a variety of disorders or even...in normals. (Blackwell, Bates, 1995, S. 244)

Wie Lakoff und Johnson (1980) anmerken, zeichnen sich Kategorien dadurch aus, daß sie bestimmte Eigenschaften besonders hervorheben, andere in ihrer Bedeutsamkeit herabsetzen oder gänzlich verbergen.

A categorization is a natural way of identifying a kind of object or experience by highlighting certain properties, downplaying others, and hiding still others. (Lakoff, Johnson, 1980, S. 163)

Folglich ist der Weg zu den Kernsymptomen sicher auch über die Gewichtung der Bedeutsamkeit einzelner Symptome zu suchen. Zu prüfen ist, inwieweit Symptome, die nicht nur in einer Aphasiekategorie auftreten, tatsächlich in der gleichen Ausprägung für mehrere Kategorien charakteristisch sind. Beispielsweise vertritt die Forschergruppe um Elizabeth Bates die Auffassung, daß die Elemente der geschlossenen Klasse generell in allen Aphasieformen besonders störanfällig sind. Dies schließt nicht aus, daß es hinsichtlich der Ausprägung der Störanfälligkeit Unterschiede zwischen den Aphasieformen gibt. Denken wir an die Kategorie Genus, die im Deutschen unter anderem mit Hilfe von Elementen der geschlossenen Klasse wie Artikeln oder Flexionsmorphemen markiert werden kann. Wie wir gezeigt haben, gibt es Unterschiede hinsichtlich der Zuverlässigkeit von Genuszuweisungsregeln. Es wäre beispielsweise möglich, daß Aphasiker verschiedener Kategorien Fehler bei der Genuszuweisung machen, sich aber Unterschiede hinsichtlich der Sensibilität für die Zuverlässigkeit von [Seite 176↓]Zuweisungsregeln zeigen.50 Genau dieser Frage sind wir mit unserer Studie, die im nächsten Kapitel beschrieben ist, nachgegangen.

Während die bislang dargestellten Positionen Aphasieklassifikationen im Rahmen der Untersuchung des gestörten Sprachverarbeitungssystems eine Bedeutung zuweisen, stellen die folgenden Ansätze die Kategorisierung aphasischer Syndrome in Frage. Die „polytype“ Struktur der Kategorien bzw. die Abwesenheit von Kernsymptomen wird als Grund dafür angeführt, auf derartige Klassifikationen zu verzichten.

The aphasia syndrome categories are „unreal“ in the sense that one cannot delineate for each catgory an ‚essence‘ or idealized pattern which is invariant and hence shared by all members of the group. (Schwartz, 1984, S. 5)

Diese Auffassung wird auch von Miceli et al. (1989) vertreten.

... the observed heterogeneity in the production of grammatical morphemes among putatively agrammatic patients renders the clinical category of agrammatism, and by extension all other clinical categories from the classical classification scheme ... to more recent classificatory attempts ... theoretically useless. (Miceli, Silveri, Romani, Caramazza, 1989, S. 447)

Auf ähnliche Weise äußern sich Badecker und Caramazza (1985) bezüglich des Agrammatismus. Die Variabilität agrammatischen Verhaltens macht diese Kategorie zu einer subjektiven Kategorie, auf deren Basis keinerlei Generalisierungen über die sprachlichen Fähigkeiten der Patienten zulässig sind.

If agrammatism is merely a subjective category ... , then claims regarding the linguistic abilities of agrammatics are intrinsically arbitrary. (Badecker, Caramazza, 1985, S. 115)

Die von den genannten Autoren vorgeschlagene Alternative besteht darin, aphasische Störungen ausschließlich mit Hilfe von Einzelfallbetrachtungen zu analysieren. Ziel der Forschung ist es im Sinne dieser Auffassung, für den Einzelfall das Sprachverarbeitungsmodell zu finden, das das individuelle Störungsbild erklären kann.51


[Seite 177↓]

5.5.2 Aphasieklassifikationen und gesunde Sprachverarbeitung

Die Forscher, die das primäre Ziel der Aphasieforschung darin sehen, Erkenntnisse über das gesunde Sprachverarbeitungssystem abzuleiten52, messen den klassischen Aphasiekategorien für dieses Forschungsziel keinerlei Bedeutung bei. Repräsentativ zu nennen sind Badecker und Caramazza (1985, 1986), Schwartz (1984) sowie Miceli et al. (1989). Wie Schwartz (1984) ausführt, sind Aphasiekategorien „polytyp“. Aufgrund dieser Eigenschaft werden sie zur Erforschung des gesunden Sprachverarbeitungssystems als irrelevant erklärt. Sie erlauben es nicht, Generalisierungen über normale Sprachverarbeitung vorzunehmen.

... if there is no such fixed core of impaired components, if the clinical category can only be characterized in terms of a familiy of overlapping deficits (with no fixed set of processing components implicated in every case), then it wouldn’t be possible to use agrammatism, as a whole, to test our theories of normal processing. (Badecker, Caramazza, 1985, S. 115)

... if the goal of this research is to identify and describe the mechanisms underlying linguistic performance, then categories such as agrammatism are a theoretical hindrance which ougth to be dispensed with. (Badecker, Caramazza, 1985, S. 99)

Badecker, Caramazza (1986) gehen soweit, Aphasieklassifikationen generell abzulehnen und die Betrachtung von Einzelfällen für die einzig sinnvolle Methodologie zu erklären.

In our discussion of the uses of clinical groups, we suggested that description for its own sake is the only sort of research that can take agrammatism as a valid category of analysis. (Badecker, Caramazza, 1986, S. 278)

In diesem Sinne äußern sich auch Miceli, Silveri, Romani, Caramazza (1989).

... we have argued that it is impossible to draw theoretically meaningful conclusions about language processing from research based on clinically defined patient categories, and that it is impossible to make theoretically meaningful claims about the nature of the language disorder in such patient categories. (Miceli, Silveri, Romani, Caramazza, 1989, S. 465)

Fragwürdig erscheint uns, inwieweit Einzelfallstudien tatsächlich eine Alternative zu Gruppenstudien darstellen, wenn es primär um die Untersuchung des gesunden Sprachverarbeitungssystems geht. Wie Linebarger (1990) darstellt, ist es generell nicht unproblematisch vom gestörten auf das gesunde System zu schließen.


[Seite 178↓]

However, the strategy of arguing from pathological dissociations to cognitive mechanisms underlying normal performance requires a number of strong assumptions. (Linebarger, 1990, S. 56)

Ein solches Vorgehen impliziert, daß zum einen davon ausgegangen wird, aphasische Symptome spiegeln die Störung einer oder mehrerer Komponenten des Sprachprozessors wider, zum anderen, daß das beobachtbare sprachliche Verhalten der Patienten das gesunde System abzüglich der gestörten Komponenten repräsentiert.

Dies ist jedoch keinesfalls unumstritten, da sich das Verhalten der Patienten möglicherweise an das gestörte System anpaßt und nicht länger in Relation zu den Operationen des gesunden Systems steht. Wir halten diese Einwände für berechtigt und zwar gleichermaßen für Gruppen- wie für Einzelfallstudien. Aus diesem Grund erscheint uns die Durchführung von Einzelfallstudien keine wirkliche Alternative zu sein. Die Modellierung gesunder Sprachverarbeitung sollte nicht ausschließlich auf der Basis aphasischer Daten erfolgen, sondern in Kombination mit Daten aus der psycholinguistischen Forschung.

Wie die folgenden Äußerungen zeigen, wird Erkenntnissen aus der Neurolinguistik für die Erforschung des gesunden Sprachverarbeitungssystems insgesamt ein hoher Stellenwert beigemessen.

If dissociations and selective deficits allow us to lay out the cognitive boxes in appropriate positions, then by studying deficient subsystems we can take the lids off those boxes and peer inside. (Ellis, Miller, Sin, 1983, S. 113)

Neurolinguistics is an area of research that is of critical importance to the understanding of normal human language and cognition. The ultimate aim of this research is to understand and explicate the principles of language, delineate the mechanisms and processes implicated in language use, and specifiy their neurological instantiation. (Blumstein, 1990, S. 33)

... focused study of language impairment will contribute to our better understanding of the models that are being developed for normal language processing performance. (Garrett, 1992, S. 176)

Wir wollen die Bedeutung neurolinguistischer Forschung für die Modellierung gesunder Sprachverarbeitung nicht generell in Frage stellen, geben aber zu bedenken, daß sich die Prozesse im gestörten System möglicherweise von denen des gesunden Systems unterscheiden.

Bevor wir uns unserer Studie zuwenden, deren Anliegen es ist, den Einfluß der unterschiedlichen Zuverlässigkeit von Genuszuweisungsregeln auf das sprachliche Verhalten von Broca- und Wernicke-Aphasikern in einer Genuszuweisungsaufgabe zu prüfen, sollen an dieser Stelle [Seite 179↓]wichtige Aspekte dieses Kapitels zusammengefaßt werden.

5.6 Zusammenfassung

Die von uns formulierte Grundannahme c, derzufolge der Aufwand der Sprachverarbeitung im Fall von Aphasien pathologisch erhöht ist und weniger valide Regeln besonders störanfällig sind, läßt sich nicht mit Theorien vereinbaren, die aphasischen Störungen ein zentrales Defizit zugrunde legen. Genuszuweisung sollte entsprechend dieser Annahme insgesamt gestört sein. Wird beispielsweise ein syntaktisches Defizit angenommen, kann möglicherweise der syntaktische Rahmen, in den Artikel und Nomen einzusetzen sind, nicht erfolgreich erstellt werden. Dies sollte Fehler bei der Genuszuweisung zur Folge haben, unabhängig davon, wie valide die Verknüpfung von Genusindikator und Genus ist. Nähme man andererseits ein lexikalisches Defizit an, wäre zu erwarten, daß auf die im mentalen Lexikon gespeicherte Genusinformation generell nicht zugegriffen werden kann. Die formale Markierung des Genus am Nomen sollte keinen Einfluß auf diesen Zugriff haben. Da wir gerade einen solchen Einfluß erwarten, vertreten wir die Auffassung, daß aphasische Syndrome nicht auf die zentrale Störung von Modulen wie Lexikon, Syntax oder Phonologie zurückzuführen sind, sondern auf die Beeinträchtigung von Prozessen der Sprachverarbeitung.

Gemäß dem im Rahmen des Competition Model formulierten Konzeptes Cue Validity nehmen wir an, daß zuverlässige Cues, in unserem Fall morphologische Genusmarkierungen wie -heit, -keit, -chen, -lein, den Abruf von Genusinformation erleichtern. Wir gehen desweiteren davon aus, daß Genusindikatoren mit hoher Validität einen Erleichterungseffekt in allen aphasischen Syndromen bewirken bzw. daß Nomen ohne Genusindikatoren (intransparente Nomen) in allen Syndromen besonders störanfällig sind. Dieses Vorgehen entspricht dem syndromunspezifischen Ansatz des Competition Models, der zunächst geringe Unterschiede zwischen aphasischen Störungsbildern annimmt, um auf diese Weise zu den Kernsymptomen der Aphasieformen vorzudringen. Daß es Unterschiede zwischen den einzelnen aphasischen Syndromen gibt, wird durch den syndromunspezifischen Ansatz nicht ausgeschlossen, allerdings werden diese Unterschiede zunächst mit dem Grad der Störung erklärt. In Bezug auf unsere Frage sollten sowohl Broca- als auch Wernicke-Aphasiker mehr Schwierigkeiten bei der Genuszuweisung zu intransparenten als zu transparenten Wörtern haben.

Im Zusammenhang mit der Diskussion um die Relevanz von Aphasieklassifikationen haben wir darauf hingewiesen, daß möglicherweise eine klarere Abgrenzung von Störungsbildern erfolgen [Seite 180↓]kann, wenn Symptome gewichtet werden. Symptome, die typisch für mehrere Aphasieformen sind, können sich in ihrer Ausprägung unterscheiden. In diesem Sinne wäre es beispielsweise denkbar, daß Broca- und Wernicke-Aphasiker Schwierigkeiten beim Abruf von Genusinformation in einer Genuszuweisungsaufgabe haben, daß sie sich jedoch hinsichtlich der Sensibilität für die Zuverlässigkeit von Genusindikatoren unterscheiden. Evidenzen dafür liefert die Studie mit französischsprachigen A- und Paragrammatikern von Guyard et al. (1990). Die Ergebnisse zeigen, daß Agrammatiker die Relevanz von genusanzeigenden Suffixen unter bestimmten Bedingungen erkennen und für die Genuszuweisung nutzen. Paragrammatiker hingegen ziehen keinen Nutzen aus solchen Genusindikatoren und weisen einem Nomen Genus per Zufall zu bzw. halten sogar mehrere Genera für korrekt.

Die im nachfolgenden Kapitel beschriebene Studie dient der Überprüfung dieses Problems am Beispiel der Genuszuweisung im Deutschen. Wie bereits dargestellt, vertreten wir den syndromunspezifischen Ansatz, demzufolge wir erwarten, daß Broca- und Wernicke-Aphasiker von morphologischer Genustransparenz in einer Genuszuweisungsaufgabe profitieren. Mit dieser Annahme wollen wir uns allerdings nicht solchen Forschern anschließen, die die Klassifikation aphasischer Syndrome für überflüssig erklären. Die Perspektive unserer Studie ist vor allem auf die Analyse des gestörten Sprachverarbeitungssystems gerichtet. Wie gezeigt wurde, sind die Verallgemeinerungen, die auf der Grundlage der „polytypen“ Kategorien der Broca- und Wernicke-Aphasie getroffen werden können, stark limitiert. Dies sollte allerdings einen Anreiz darstellen, zu den Kernsymptomen der Aphasieformen vorzudringen und nicht dazu führen, aphasische Klassifikationen vollständig abzulehnen.

Besonders deutlich stellt sich die Frage nach der Relevanz von Aphasieklassifikationen für die Forscher, die aphasische Daten vorrangig zur Modellierung der Prozesse des gesunden Sprachverarbeitungssystems heranziehen. Aufgrund der Heterogenität der Klassifikationen wird vorgeschlagen, zum Zweck der Erforschung der gesunden Sprachverarbeitung auf Einzelfallstudien zurückzugreifen und folglich auf Klassifikationen zu verzichten. Wir halten es generell nicht für unproblematisch, von aphasischen Daten Rückschlüsse auf das gesunde System zu ziehen. Da es nicht ausgeschlossen ist, daß aphasisches Verhalten Adaptationen und Strategien der Patienten widerspiegelt, kann von den beobachteten Symptomen nicht ohne Skepsis auf gesunde Sprachverarbeitungsprozesse geschlossen werden. Dies trifft sowohl auf Gruppen- wie auf Einzelfallstudien zu. Aus diesem Grund schlagen wir vor, aphasische Daten nicht unabhängig von experimentellen Daten aus der Psycholinguistik zu betrachten, wenn es um die Modellierung gesunder Sprachverarbeitung geht.


Fußnoten und Endnoten

1 Der Bekanntheitsgrad der Störungsbilder korreliert dabei nicht mit ihrer Auftretenshäufigkeit. Es ist sogar eine gegenläufige Tendenz zu beobachten, in ihrer reinen Form treten die Syndrome der Broca- und Wernicke-Aphasie selten auf.

2 Kussmaul, 1910.

3 Kleist, 1914.

4 „Grammatical impairments in aphasia have traditionally been divided into two categories: agrammatism and paragrammatism. These two forms of structural breakdown are, in turn, associated with the two major classes of aphasia described above [Broca- und Wernicke-Aphasie].“ Bates, Wulfeck, 1989, S. 331 (eigene Ergänzung).

5 Lutz, 1996, S. 41.

6 Kandel, Jessell, Schwartz, 1996, S. 657.

7 Dijkstra, Kempen, 1993, S. 110.

8 Crystal, 1995, S. 271.

9 Leuninger, 1989, S. 21.

10 Lutz, 1996, S. 44.

11 Kandel, Jessell, Schwartz, 1996, S. 656.

12 Dijkstra, Kempen, 1993, S. 106.

13 Leuninger, 1989, S. 41.

14 Höhle vergleicht, inwieweit sich die Leistungen der Patientengruppen in Abhängigkeit vom semantischen Gehalt der Flexionsendungen unterscheiden. Es wird angenommen, daß substantivischer Numerus und verbales Tempus gegenüber den rein syntaktisch determinierten Flexionsendungen des substantivischen Kasus und verbalen Numerus einen höheren semantischen Gehalt haben. Entsprechend der Auffassung, daß es sich im Fall der Broca-Aphasie um eine Störung der syntaktischen Verarbeitung bei erhaltenem Lexikon handelt, sollten Broca-Aphasiker vom höheren semantischen Gehalt des substantivischen Numerus und verbalen Tempus profitieren, wohingegen die Wernicke-Aphasiker aufgrund des gestörten Lexikons diesen Vorteil nicht haben. Die Ergebnisse bestätigen diese Erwartungen nicht. Vielmehr zeigt sich, daß die Leistungen beider Patientengruppen von der Gebrauchshäufigkeit einer Konstruktion bzw. Wortform abhängen.

15 Im Kapitel 3 haben wir beispielsweise das Modell Levelts als Symbolverarbeitungsmodell kennengelernt.

16 Vgl. die Ausführungen zum Konnektionismus und zum Competition Model in Kap. 3, Punkt 3.3

17 DeBleser, Bayer (1993) begründen das geringe Forschungsinteresse am Paragrammatismus damit, daß weniger Klarheit als im Fall des Agrammatismus darüber besteht, ob es sich beim Paragrammatismus überhaupt um eine linguistische Störung handelt. Möglicherweise sind die Symptome auf die Störung eines allgemeines Kontrollmechanismus zurückzuführen. Vgl. DeBleser, Bayer, 1993, S. 161.

18 „...one way that a system can be autonomous is by being encapsulated, by not having access to facts that other systems know about.“ Fodor, 1983, S. 73.

19 Die sogenannten doppelten Dissoziationen legen zunächst nahe, einzelne Mechanismen können selektiv ausfallen, wovon die Funktionstüchtigkeit aller anderen Verarbeitungsmodule unbeeinflußt bleibt. Während Patient A bei erhaltener Fähigkeit, Operation X zu bewältigen (z.B. erhaltene Syntax), die mentale Operation Y nicht ausführen kann (z.B. gestörte Semantik), ist Patient B fähig, die Operation Y auszuführen (z.B. erhaltene Semantik), aber in der Bewältigung der Operation X gestört (z.B. gestörte Syntax). Solche doppelten Dissoziationen treten nur sehr selten auf, werden aber als Hinweis auf funktional verschiedene Mechanismen gedeutet, die den jeweiligen Operationen zugrunde liegen. Shallice (1988) verweist darauf, daß Dissoziationen möglicherweise auch auf unterschiedliche Schwierigkeitsgrade der Aufgabenstellungen zurückzuführen sind und folglich nicht eindeutig für funktional verschiedene Verarbeitungssysteme sprechen. vgl. Shallice, 1988, S. 232 ff.

20 Beispiele nach Heilman, Scholes, 1976.

21 Vgl. die Studien von Caramazza und Zurif zur Sprachperzeption von Broca-Aphasikern (Caramazza, Zurif, 1976; Zurif, Caramazza, 1976; Zurif et al., 1972, 1976).

22 Zu den Elementen der geschlossenen Klasse zählen Funktionswörter wie Artikel, Konjunktionen, Hilfsverben, Präpositionen, Pronomen, einige Adverbien sowie alle Flexionsmorpheme. Vgl. Bußmann, 1990, S. 260.

23 Laut Bradley et al. (1980) gibt es zwei mentale Lexika – ein generelles, in dem alle sprachlichen Einheiten gespeichert sind, sowie ein spezielles Lexikon, in dem ausschließlich Einträge für die Elemente der geschlossenen Klasse verzeichnet sind.

24 Blumstein (1990) schlägt beispielsweise separate Subsysteme für unterschiedliche sprachliche Laute vor, da bei Aphasie nicht alle Laute gleichermaßen betroffen sind. „Most importantly, the results of these studies suggest that phonetic impairments in aphasia do not reflect a pervasive impairment affecting all speech sounds. The particular patterns that emerge suggest that there are separate subsystems contributing to articulatory implementation, and that some of these subsystems can be selectively impaired, whereas others remain relatively preserved.“ Blumstein, 1990, S. 40.

25 Zu erinnern ist an das Beispiel aus dem Hebräischen, das zeigt, inwieweit morphologische Besonderheiten der Einzelsprache Einfluß auf aphasische Symptome haben können. Unabhängig davon, ob die Flexionsmorpheme Akzent tragen, können sie in einem hebräischen Wort wie simla nicht ausfallen, da ansonsten der nicht artikulierbare Stamm sml übrigbliebe.

26 Zu einer Diskussion der Auffassungen von Butterworth, Howard, 1987 vgl. Harley, 1990.

27 Paraphasien treten im Sprachgebrauch von Patienten mit Aphasie, vor allem mit Wernicke-Aphasie, häufig auf. Sie stellen eine Annäherungen an das Zielwort (z.B. Tisch) dar, die entweder durch eine ähnliche phonologische Struktur (Fisch) oder semantische Ähnlichkeit (Stuhl) erreicht wird. Im ersten Fall spricht man von phonematischen, im letzteren von semantischen Paraphasien. Phonematische Paraphasien können auf unterschiedliche Weise entstehen, beispielsweise durch Vereinfachung von Konsonantengruppen (Tock für Stock), durch Einwirkung benachbarter Laute (Gnockensignal) oder durch Umstellung von Lauten (Ampel für Lampe). Vgl. Bußmann, 1990, S. 558.

28 Gegen diese Theorie wenden Butterworth et al. (1990) ein, daß sich paragrammatische Sätze nicht ausschließlich durch Wortsubstitutionen erklären lassen.

29 „... we would like to suggest instead that inquiries into grammatical impairment in aphasia be broadened further than ever before – across patients with different diagnoses, and across patients from language groups that differ markedly in their basic structure. By considering the full range of variation that is possible in language breakdown, we stand a better chance of characterizing the underlying mechanisms that are dissociated as a result of focal brain damage.“ Bates, Friederici, Wulfeck, 1987, S. 20.

30 „On this view there is nothing to be gained by attempting to formulate an explanatory account of the intrinsically heterogeneous clinical disorder of agrammatism. Instead, individual patterns of language production impairment – whether clinically identifiable as agrammatism, paragrammatism, or some other clinical type – may be used to constrain models of sentence production.“ Caramazza, Hillis, 1989, S. 626.

31 In einem allgemeinen Sinn bezieht sich der Terminus Oberflächenstruktur auf die unmittelbar beobachtbare aktuelle Gestalt von Sätzen. In der Terminologie der generativen Transformationsgrammatik von Chomsky (1965) wird mit der Bezeichnung zunächst auf eine abstrakte Satzstruktur Bezug genommen, die noch nicht phonologisch interpretiert ist. In der Weiterentwicklung der Theorie ist die Oberflächenstruktur von der Tiefenstruktur abgegrenzt worden. Letztere bildet alle grammatischen Relationen vollständig ab. Auf der Oberflächenstruktur bleiben alle strukturellen Informationen der Tiefenstruktur erhalten. Vgl. Bußmann, 1990, S. 538ff.

32 Nach Haegeman, 1996, S. 309.

33 Zunächst bezeichnete Parsing (engl. to parse bedeutet „grammatisch zerlegen“) die maschinelle syntaktische Sprachanalyse, die prüft, inwieweit eine bestimmte Wortkette den Regeln einer bestimmten Sprache entspricht. vgl. Bußmann, 1990, S. 561. In der Psycholinguistik ist die Bezeichnung Parsing nicht auf maschinelle Sprachanalyse beschränkt, sondern rekurriert auf den kognitiven Mechanismus des menschlichen Sprachverarbeitungssystems, der beim Sprachverstehen für das Erkennen der syntaktischen Struktur eines Satzes verantwortlich ist. Vgl. z.B. Frazier, Fodor, J., 1978; Marcus, M.P., 1980.

34 Zusätzliche Evidenz für Vermeidungsstrategien neurologischer Patienten liefert ein Befund aus dem Bereich der Motorik. Taub et al. (1995) zeigen, daß es einen Mechanismus des „learned nonuse“, des gelernten Nichtgebrauchs, im Bereich der motorischen Aktivität gibt. Patienten mit einer Hemiparese (Halbseitenlähmung), deren betroffene Gliedmaßen allerdings noch Restaktivitäten aufweisen, neigen dazu, diese Gliedmaßen nicht zu gebrauchen. Durch das vernachlässigen der betroffenen Gliedmaßen wird eine Reaktivierung immer schwieriger. Taub et al. entwickeln eine Methode, diesen gelernten Nichtgebrauch zu durchbrechen, indem sie beispielsweise mit Hilfe einer Armschlinge den gesunden Arm fixieren und somit den Patienten über einen längeren Zeitraum zum Gebrauch des betroffenen Armes zwingen. Diese Ergebnisse ähneln den Beobachtungen Heeschens (1985) aus dem sprachlichen Bereich. Sprachliche Einheiten, die in ihrer Verarbeitung aufwendiger sind, werden vermieden, die Patienten lernen, diese Einheiten nicht zu gebrauchen.

35 Zur Modellierung von telegrammstilartiger Sprache sowohl bei Gesunden als auch bei Aphasikern greifen die Autoren auf das modulare Modell von Garrett (1975) zurück.

36 „Thus the results are consistent with the view that for both nonfluent and fluent aphasics, the functional locus of their impairment lies on a reduction in the computational resources available to the processor, which is more severe in the former than in the latter group.“ Jakubowicz, Goldblum, 1995, S. 242.

37 Die Regeln der Genuszuweisung im Deutschen sind unterschiedlich valide. Das Suffix –chen verweist zuverlässig auf neutrales Genus. Da es zu dieser Regel keine Ausnahmen gibt, ist die Validität des Hinweisreizes (Cues) –chen sehr hoch. Die Verarbeitung könnte trotzallem beeinträchtigt sein, wenn der Hinweisreiz beispielsweise nicht gut wahrnehmbar ist. Da die Diminutivsuffixe im Deutschen sowohl graphemisch als auch phonologisch gut wahrnehmbar sind, sollte ihre Verarbeitung durch den Cue Cost Faktor Wahrnehmbarkeit nicht eingeschränkt sein. Andere Regeln der Genuszuweisung sind weniger valide, da es viele Ausnahmen gibt. Ein Pseudosuffix wie –el ist hinsichtlich der Kategorie Genus mehrdeutig. Es verweist auf alle drei Genera (der Schlüssel, die Schüssel, das Kabel). Folglich ist die Validität der Verknüpfung von Suffix und Genus geringer als im Fall der Diminutivregel.

38 Die linguistische Semantik übernimmt den Begriff Proposition aus der Philosophie und Logik zur Beschreibung des Kerns der Satzbedeutung unabhängig von der syntaktischen Form des Satzes sowie der lexikalischen Füllung der Äußerungsform. Vgl. Bußmann, 1990, S. 617.

39 Beispiel nach Schriefers, van Kampen, 1993, S. 208; In der Literatur wird dieses Phänomen als Nähenkongruenz (proximity concord) diskutiert.

40 Vgl. Bates, Wulfeck (1989), die empirische Evidenz dafür liefern, daß aphasische Probanden Kasuszuweisungen mit wenig Schwierigkeiten vornehmen können, bei der Herstellung von Kongruenz zwischen Subjekt und Verb allerdings große Probleme haben.

41 Vgl. die Theorien von Heeschen (1985) und Kolk et al. (1985), die die Bedeutung kompensatorischer Strategien aphasischer Patienten betonen.

42 Empirische Evidenzen für die Bedeutung von unterschiedlichen Kostenfaktoren liefern beispielsweise die Arbeiten von Höhle (1995); Bates, Wulfeck (1989); Wulfeck, Bates, Capasso (1991); Bates, Wulfeck, MacWhinney (1991); Wulfeck, Bates (1991); Smith, Bates (1987). Es ist darauf hinzuweisen, daß Höhle (1995) nicht mit der Terminologie des Competition Models operiert. Ihre Daten sprechen allerdings für den Einfluß des Faktors Frequenz.

43 Die Ergebnisse des Reaktionszeitexperimentes mit Gesunden, die im Kapitel 4 diskutiert wurden, korrelieren mit der Annahme, daß Elemente mit einem hohen Verarbeitungsaufwand auch bei Gesunden störanfälliger sind, wenn das Sprachverarbeitungssystem unter Stress operiert. Wie wir anhand unserer Daten gesehen haben, deutet sich eine Tendenz an, derzufolge die Versuchspersonen in der intransparenten Bedingung mehr Fehler bei der Genuszuweisung zu machen als in der transparenten Bedingung. Dies läßt sich gut mit erhöhten Verarbeitungskosten im Fall der intransparenten Wörter erklären. Allerdings hatten wir auch darauf verwiesen, daß eine solche Interpretation der Überprüfung durch weitere Experimente bedarf, da die von uns präsentierten Fehlerzahlen lediglich in diese Richtung deuten, aber aufgrund ihrer insgesamt geringen Anzahl keine zuverlässigen Schlußfolgerungen erlauben.

44 Flüssige Sprachproduktion ist symptomatisch für Wernicke-Aphasiker, das Symptom der nichtflüssigen Sprache wird der Broca-Aphasie zugeordnet.

45 Neben der Markierung des Genus wurde auch die Markierung der Kategorie Numerus variiert. Wir wollen uns allerdings auf die Ergebnisse bezüglich der Genusbedingung konzentrieren.

46 Das Testmaterial enthält Sätze mit bestimmtem und unbestimmtem Artikel. Zur Vereinfachung geben wir hier lediglich einen Beispielsatz mit bestimmtem Artikel wieder.

47 Den höheren Verarbeitungsaufwand von Nomen mit natürlich determiniertem Genus begründen die Autoren mit der Tatsache, daß diese Nomen bezüglich Genus strukturelle und semantische Informationen auf sich vereinen. Diese Interpretation widerspricht allerdings dem, was wir im Zusammenhang mit den Ergebnissen der Studie von Jarema, Friederici (1994) über die Validität des natürlichen Geschlechtsprinzips formuliert hatten. Da dieses Prinzip von Kindern früh erworben wird und für die Genuszuweisung besonders in frühen Phasen des Spracherwerbs von Bedeutung ist, haben wir die Validität der Regel als hoch eingeschätzt. Denkbar wäre, daß der von Jakubowicz, Goldblum beschriebene höhere Verarbeitunsaufwand normalerweise durch die hohe Validität der Regel absorbiert wird. Nur im Fall extremer Limitierung von Verarbeitungskapazität kann eine Absorbierung nicht erfolgen. Allerdings sollten dann sowohl Broca- als auch Wernicke-Aphasiker negativ durch das natürliche Geschlecht beeinflußt werden. In der Studie von Jakubowicz, Goldblum (1995) ist dies nicht der Fall. Folglich scheinen bei Wernicke-Aphasikern andere Verarbeitungslimitierungen vorzuliegen als bei Broca-Aphasikern.

48 Der Einfluß des Faktors natürliches Geschlecht auf die Leistungen der Wernicke-Aphasiker deutet unserer Meinung nach auf eine Einschränkung von Verarbeitungsmechanismen hin, die den Zugriff auf semantische Informationen steuern. Dies schließt nicht aus, daß beiden Syndromen eine Limitierung der Verarbeitungskapazität des Sprachprozessors zugrunde liegt.

49 „... our interest is in using patterns of impaired performance to constrain theories of language processing.“ Badecker, Caramazza, 1986, S. 277.

50 Allerdings plädieren Bates, Wulfeck (1989) dafür, daß starke Cues in jeder Aphasieform erhalten sind.

51 Vgl. z.B. Caramazza, Hillis, 1989. Das Defizit einer Patientin wird mit Hilfe des von Garrett (1980, 1982) entwickelten Sprachproduktionsmodells erklärt.

52 „... our interest is in using patterns of impaired performance to constrain theories of language processing.“ Badecker, Caramazza, 1986, S. 277.



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15.09.2004