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6  Der Einfluß morphologischer Genustransparenz auf sprachliche Leistungen aphasischer Patienten

6.1 Problemstellung

Anders als Modelle, die ausschließlich lexikalische Speicherung von Genusinformation annehmen und folglich formalen Genusindikatoren keine Relevanz für den Abruf von Genus aus dem mentalen Lexikon beimessen, wird hier davon ausgegangen, daß Genuszuweisungsregeln Teil der muttersprachlichen Kompetenz deutscher Sprecher sind. Im zweiten Kapitel sind die im Verlauf der Forschung vorgeschlagenen Regeln der Genuszuweisung ausführlich diskutiert worden. Wie vor allem Köpcke und Zubin1 zeigen, ist die Zuweisung von Genus auf der Basis von phonologischen, semantischen und morphologischen Kriterien möglich. Allerdings unterscheiden sich die Zuweisungsregeln in ihrer Zuverlässigkeit. Während das Pseudosuffix el mit allen drei Genera verknüpft sein kann, wie die Beispiele der Schlüss el , die Schüss el und das Kab el zeigen, sind andere Suffixe sehr valide Indikatoren für das jeweilige Genus. Zu der Gruppe der zuverlässigen Genusindikatoren gehören beispielsweise die Derivationssuffixe –ung, -heit, -keit sowie die Suffixe chen und lein zur Ableitung von Diminutiva.

Wie Daten aus dem Spracherwerb, aus dem Erwerb von Deutsch als Fremdsprache sowie aus dem Bereich der Genuszuweisung zu Fremd- und Lehnwörtern zeigen2, werden valide Regeln früher erworben bzw. spielen bei der Genuszuweisung zu Fremd- und Lehnwörtern eine Rolle. Diese Daten korrelieren mit Annahmen des Competition Models, das einen Einfluß der unterschiedlichen Validität von Regeln auf die Sprachverarbeitung vorhersagt. Des weiteren wurden im Rahmen des Modells Sprachverarbeitungskosten (Cue Cost Faktoren) formuliert, die sowohl dem Einfluß objektiver Eigenschaften sprachlicher Einheiten als auch dem Einfluß subjektiver Eigenschaften des Sprachverarbeitungssystems Rechnung tragen. Zu den objektiven Eigenschaften sprachlicher Reize gehört beispielsweise der Faktor Wahrnehmbarkeit bzw. Transparenz. Es wird angenommen, daß ein valider Hinweisreiz (Cue), der in seiner Wahrnehmbarkeit beeinträchtigt ist, einen höheren Verarbeitungsaufwand verursacht als ein valider, gut wahrnehmbarer Hinweisreiz. Es wurde in diesem Zusammenhang auf ein Beispiel aus dem Französischen verwiesen. Die Differenzierung zwischen Singular und Plural in den Fällen elle mange und elles mangent ist auf der phonologischen Ebene nicht möglich, da die Numerusmarkierung am Verb phonologisch nicht wahrnehmbar ist. In Bezug auf die Kategorie [Seite 182↓]Genus nehmen wir einen hohen Verarbeitungsaufwand an, wenn Genus am Nomen nicht transparent ist. Beispiele für solche intransparenten Fälle im Deutschen sind Nomen wie Sirup, Alarm, Salat, Petersilie. Nomen, deren Genus mit den oben genannten validen Suffixen markiert ist, sollten mit einem geringeren Verarbeitungsaufwand beim Abruf von Genusinformation verknüpft sein. Subjektive Faktoren, die Einfluß auf die Sprachverarbeitung nehmen, sind zum Beispiel das Alter und der Bildungsgrad der Sprecher oder das Vorliegen einer Sprachstörung wie Aphasie. Es wird angenommen, daß die Sprachverarbeitungskosten im Fall von Aphasie pathologisch erhöht sind. Weniger valide Regeln sollten dann besonders störanfällig sein. Diese Annahme soll am Beispiel der Genuszuweisungsregeln im Deutschen empirisch überprüft werden.

Mit Hilfe einer Genuszuweisungsaufgabe soll getestet werden, inwieweit Aphasiker von validen, gut wahrnehmbaren Cues wie chen, -lein, -keit profitieren bzw. mehr Schwierigkeiten bei der Genuszuweisung zu intransparenten Nomen haben.

Des weiteren stellt sich die Frage nach Unterschieden im Verhalten der Aphasiker in Abhängigkeit von den klassischen klinischen Aphasiesyndromen - Broca- und Wernicke-Aphasie. Gemäß dem Competition Model wird ein syndromunspezifischer Ansatz vertreten, der davon ausgeht, daß beide Aphasiker-Gruppen von der Genustransparenz in einer Genuszuweisungsaufgabe profitieren. Die Überprüfung dieser Annahme ist ebenfalls Gegenstand der im folgenden Abschnitt dargestellten klinischen Studie.

Fassen wir die uns interessierenden Fragen zusammen und formulieren wir Vorhersagen hinsichtlich der zu erwartenden Ergebnisse. Zum einen ist zu prüfen, inwieweit aphasische Patienten von morphologischer Genustransparenz profitieren. Zum anderen stellt sich die Frage, inwieweit es Unterschiede im Verhalten der Aphasiker in Abhängigkeit von den klassischen klinischen Aphasiesyndromen – Broca- und Wernicke-Aphasie gibt. Wir erwarten, daß morphologische Transparenz den Abruf von Genusinformation aus dem mentalen Lexikon unterstützt. Entsprechend dem syndromunspezifischen Ansatz wird angenommen, daß beide Aphasiker-Gruppen in einer Genuszuweisungsaufgabe von Genustransparenz profitieren.


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6.2 Methode

Probanden

An der Studie nahmen Broca- und Wernicke-Aphasiker3 sowie gesunde Kontrollpersonen teil. Für jede Versuchsperson wurde ein Intelligenzquotient geschätzt (vgl. Tabelle 4). Alle Versuchspersonen gaben an, rechtshändig zu sein.

Tabelle 4: Patientenbeschreibung

 

Broca-Aphasiker

Wernicke-Aphasiker

Kontrollgruppe

Anzahl

Alter (MW/ SD) 4

Geschlecht (m, w)

geschätzter IQ 5

8

63/ 6,9

4 m, 4 w

97,2

8

68/ 7,43

6 m, 2 w

98,4

8

67/ 6,45

4 m, 4 w

98,1

Material

Insgesamt wurden 84 sprachliche Reize verwendet.6 Bei 42 handelt es sich um Substantive des Deutschen, weitere 42 sind erfundene Wörter (Nichtwörter), die entsprechend den phonotaktischen Regularitäten des Deutschen gebildet wurden.

Wörter

Von den 42 Wörtern haben 21 eine morphologische Genusmarkierung und sind folglich für Genus transparent. Tabelle 5 zeigt die Zusammensetzung der Liste der transparenten Wort-Stimuli.


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Tabelle 5: Transparente Wörter

9 Feminina

5 Maskulina

7 Neutra

4 –ung (Kreuzung)

3 –in (Zeugin)

2 –keit (Süßigkeit)

5 –ling (Häftling)

6 –chen (Äffchen)

1 –lein (Entlein)

Die zweite Hälfte der Liste der Wörter setzt sich aus 21 morphologisch intransparenten Nomen zusammen (Bsp. Armut, Ananas, Kompaß).

Nichtwörter

Wie die Wörter so setzen sich auch die 42 Nichtwörter zu gleichen Teilen aus transparenten und intransparenten Reizen zusammen. Transparente und intransparente Nichtwörter wurden in die Studie einbezogen, um eine Konfundierung von morphologischen und semantischen Effekten auszuschließen. Im Fall der transparenten Nichtwörter kann nur über die Morphologie eine sinnvolle Genuszuordnung vorgenommen werden.

Die 21 transparenten Nichtwörter wurden analog zu den transparenten Wörtern gebildet. Tabelle 6 zeigt Beispiele dieser Nichtwortableitungen.

Tabelle 6: Transparente Nichtwörter

9 Feminina

5 Maskulina

7 Neutra

4 –ung (Nalkung)

3 -in (Marchin)

2 –keit (Rifkeit)

5 –ling (Knulpling)

6 –chen (Bremchen)

1 -lein (Pleflein)

Beispiele für intransparente Nichtwörter sind die Stimuli Tapam, Bandul, Omlaff. Alle 21 transparenten und 21 intransparenten Nichtwörter sind in Anhang B verzeichnet. Während wir für die transparenten Nichtwörter Genuszuweisungen auf der Basis der realen genusanzeigenden Suffixe erwarten, vermuten wir, daß Genus im Fall der intransparenten Nichtwörter zufällig zugewiesen wird.

Die Gruppen der transparenten und intransparenten Wörter sowie Nichtwörter wurden [Seite 185↓]hinsichtlich ihrer Buchstabenanzahl kontrolliert. Für die transparenten und intransparenten Wörter wurde zusätzlich die mittlere Gebrauchshäufigkeit ermittelt (vgl. Tabelle 7)

Tabelle 7: Mittlere Buchstabenanzahl und Gebrauchshäufigkeit

 

Buchstabenanzahl/ SD

Frequenz nach CELEX7/ SD

Wörter

transparent

7,6/ 0,97

27,4/ 26,21

intransparent

6,5/ 1,5

36,7/ 33,1

Nichtwörter

transparent

7,7/ 0,96

 

intransparent

6,1/ 0,99

 

Durchführung

Die Aufgabe der Probanden bestand in der Zuweisung des bestimmten Artikels (der, die, das) zu visuell dargebotenen Reizen. Den Probanden wurden Wortkarten vorgelegt, auf denen die Stimuli graphemisch dargestellt waren. Zusätzlich wurden die Stimuli vom Versuchsleiter vorgelesen. Die bestimmten Artikel (der, die, das) lagen ebenfalls als Wortkarten vor. Die Reaktion der Versuchsperson brauchte nicht sprachlich zu erfolgen, sondern war als Zuordnung der Wortkarte zur Karte des entsprechenden d-Artikels möglich. Für die Genuszuweisung erhielten die Versuchspersonen ausreichend Zeit, Korrekturen wurden zugelassen. Die Versuchspersonen wurden darauf hingewiesen, daß es sich bei den gezeigten Wörtern um Wörter im Singular handelt, denen der Artikel im Singular zuzuweisen ist. Da sich der Singular und Plural der Diminutiva morphologisch nicht unterscheidet, neigten vor allem die Aphasiker dazu, Wörtern wie Brötchen, Äffchen etc. den Artikel die zuzuweisen. In diesem Fall wurden sie einmalig daran erinnert, daß die Aufgabe in der Zuweisung des bestimmten Artikels im Singular besteht. Alle weiteren Pluralzuweisungen wurden als Fehler gewertet. Jede Sitzung wurde mit sechs Übungsreizen begonnen (mit drei Wörtern und drei Nichtwörtern).

Durch Ziehung von Zufallszahlen wurden die 84 Reize in eine zufällige Reihenfolge gebracht, wobei darauf geachtet wurde, daß nicht zwei Stimuli mit demselben Suffix aufeinander folgten. Die Erfassung der Antworten erfolgte auf dafür vorbereiteten Antwortbögen.


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In der transparenten und intransparenten Wort-Bedingung sowie in der transparenten Nichtwort-Bedingung wurde als abhängige Variable die Anzahl der Genuszuweisungsfehler gemessen. Für alle Nichtwörter wurde die Verteilung der Antworten über die drei Genera ermittelt.

Die Untersuchung wurde innerhalb einer Sitzung durchgeführt, Pausen waren möglich. Lediglich mit einem Aphasiker wurde das Experiment in zwei Sitzungen durchgeführt, die in einwöchigem Abstand aufeinander folgten.

6.3 Ergebnisse

Wörter

Es ist ein Transparenzeffekt in der Aphasikergruppe beobachtbar, allerdings beruht er ausschließlich auf dem Verhalten der Wernicke-Aphasiker (z= -1,715; p= .043 im gerichteten Wilcoxon-Test für abhängige Paare8). Die Gruppe der Broca-Aphasiker profitiert nicht von der Genustransparenz (z=0; p= .5). Die gesunden Kontrollpersonen machen insgesamt sehr wenige Fehler, die Verteilung der Fehler über die Bedingungen transparent und intransparent entspricht allerdings der Vorhersage. Es werden mehr Fehler in der intransparenten Bedingung als in der transparenten Bedingung gemacht. Der Unterschied zwischen den Bedingungen ist im gerichteten Wilcoxon-Test jedoch nicht signifikant, es zeigt sich allerdings ein Trend (z= -1,414; p= .078). Abbildung 11 zeigt die prozentuale Verteilung der Fehler der drei Versuchspersonengruppen.9


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Abbildung 11: Prozentuale Verteilung der Fehler in der Bedingung transparente und intransparente Wörter für alle Versuchspersonen

Der Unterschied zwischen den Versuchspersonengruppen in der transparenten und intransparenten Bedingung wurde mit dem U-Test10 überprüft, wobei sich mit dem zweiseitigen Test keine signifikanten Unterschiede zeigen (Transparente Bedingung: a) Vergleich Broca- und Wernicke-Aphasiker: U= 31,5; p= .959; b) Vergleich Wernicke-Aphasiker und Gesunde: U= 14; p= .065; c) Vergleich Broca-Aphasiker und Gesunde: U= 18,5; p= .161; Intransparente Bedingung: a) Vergleich Broca- und Wernicke-Aphasiker: U= 29,5; p= .798; b) Vergleich Wernicke-Aphasiker und Gesunde: U= 14; p= .065; c) Vergleich Broca-Aphasiker und Gesunde: U= 22; p= .328). Da angenommen wird, daß aphasische Probanden insgesamt mehr Fehler machen als gesunde Kontrollpersonen, folglich die Richtung des Gruppenunterschiedes zwischen Aphasikern und Kontrollgruppe vorhergesagt werden kann, wurde zusätzlich eine Prüfung mit Hilfe des einseitigen U-Tests vorgenommen. Dabei zeigt sich sowohl in der transparenten als auch in der intransparenten Bedingung ein signifikanter Unterschied zwischen Wernicke-Aphasikern und Kontrollgruppe (Transparente Bedingung : U= 14; p= .0325; Intransparente Bedingung : U= 14; p= .0325). Der Unterschied zwischen Broca-Aphasikern und Kontrollgruppe ist auch im einseitigen U-Test nicht signifikant (Transparente Bedingung : U= 18,5; p= .08; Intransparente Bedingung : U= 22; p= .164).


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Nichtwörter

transparente Nichtwörter

Tendenziell zeigen alle Gruppen Sensibilität für die morphologische Transparenz des Genus und weisen den Artikel auf dieser Grundlage zu. Aber auch hier profitieren Wernicke-Aphasiker (38,1% Fehler) in stärkerem Maße von der Genustransparenz als Broca-Aphasiker (44,6% Fehler). Die gesunden Kontrollpersonen weisen Genus in 73,2% der Fälle auf der Basis der morphologischen Markierung zu (26,8% Fehler). Abbildung 12 stellt die prozentuale Verteilung der Fehler in den einzelnen Gruppen dar.11

Abbildung 12: Prozentuale Verteilung der Fehler in der Bedingung transparente Nichtwörter für alle Versuchspersonen

Prüft man mittels Binomialverteilung, inwieweit sich die Anzahl der Fehler in den Gruppen von der Zufallswahrscheinlichkeit eines Fehlers von 66% unterscheidet12, erhält man für alle Gruppen einen signifikanten Unterschied (p< .001).

Der mit Hilfe des U-Tests geprüfte Unterschied zwischen Broca- und Wernicke-Aphasikern ist nicht signifikant (Vergleich Broca- und Wernicke-Aphasiker: U=23; p= .382). Zwischen der Gruppe der Kontrollpersonen und der Gruppe der Broca-Aphasiker zeigt sich ein signifikanter Unterschied (U=11,5; p= .028), der Unterschied zwischen der Gruppe der Wernicke-Aphasiker [Seite 189↓]und der Kontrollgruppe ist nicht signifikant (U=17,5; p= .13).

Für die transparenten Nichtwörter wurde neben der Anzahl der Fehler die Verteilung der Antworten über die drei Genera in Abhängigkeit von den einzelnen Suffixen ermittelt. Abbildungen 13, 14 und 15 zeigen die prozentuale Verteilung innerhalb der einzelnen Gruppen.13

Abbildung 13: Prozentuale Verteilung der Antworten in Abhängigkeit von den einzelnen Suffixen in der Bedingung transparente Nichtwörter für Broca-Aphasiker


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Abbildung 14: Prozentuale Verteilung der Antworten in Abhängigkeit von den einzelnen Suffixen in der Bedingung transparente Nichtwörter für Wernicke-Aphasiker

Abbildung 15: Prozentuale Verteilung der Antworten in Abhängigkeit von den einzelnen Suffixen in der Bedingung transparente Nichtwörter für Kontrollpersonen


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Mit Hilfe des χ2 –Tests14 wurde geprüft, inwieweit sich die Anteile der Antworten über die drei Genera zufällig verteilen (Nullhypothese) bzw. inwieweit eine Genusmarkierung mit einem bestimmten Genus korreliert, d.h. sich eine Tendenz in der Verteilung der Antworten zeigt. In der Gruppe der Broca-Aphasiker zeigen sich für die Suffixe chen/-lein (p< .001),

-ung (p< .05) und in (p< .05) stabile Zuweisungstendenzen. Allerdings ist das Suffix –in nicht wie erwartet mit dem femininen Genus verknüpft, sondern mit Neutrum. Im Fall der Genusmarkierungen durch die Suffixe keit und –ling ist der Unterschied zwischen der erwarteten Verteilung (Gleichverteilung über die drei Genera) und der beobachteten Verteilung nicht signifikant (p> .05). Demzufolge kann die Nullhypothese nicht zurückgewiesen werden. In der Gruppe der Wernicke-Aphasiker sind die Suffixe –ung (p< .05), -keit (p< .05), -ling (p< .001) und chen/-lein (p< .001) mit dem erwarteten Genus verknüpft. Lediglich für das Suffix –in ist keine Korrelation nachweisbar (p> .05). Wie die absoluten Zahlen zeigen, tendiert auch die Gruppe der Wernicke-Aphasiker dazu, dieses Suffix mit Neutrum zu verbinden. Die Tendenz der Verknüpfung von in und Neutrum wird des weiteren durch die Ergebnisse der Kontrollgruppe bestätigt. In dieser Gruppe ist der Unterschied zwischen einer zufälligen Verteilung der Antworten über die drei Genera für das Suffix –in und der beobachteten Verteilung signifikant (p< .001). Wieder zeigt sich eine stabile Tendenz zum Neutrum. Alle anderen Suffixe sind mit dem erwarteten Genus verknüpft (p< .001).

intransparente Nichtwörter

Entgegen der Annahme, daß sich die Antworten aufgrund von nichtvorhandener Genustransparenz zufällig über die drei Genera verteilen, werden Zuweisungsstrategien deutlich. Femininum wird in der Tendenz von allen Versuchspersonengruppen seltener zugewiesen als Maskulinum oder Neutrum. Der mit dem χ2 –Test geprüfte Unterschied zwischen erwarteter Gleichverteilung und beobachteter Verteilung ist in allen Versuchspersonengruppen signifikant (Broca-Aphasiker: p< .01; Wernicke-Aphasiker: p< .001; Kontrollgruppe: p< .001). In Abbildung 16 sind die prozentualen Verteilungen der Antworten über die drei Genera für alle Probanden dargestellt.15


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Abbildung 16: Prozentuale Verteilung der Antworten aller Versuchspersonen in der Bedingung intransparente Nichtwörter

Bei differenzierter Betrachtung des Verhaltens der Versuchspersonengruppen zeigen sich verschiedene Ausprägungen der Effekte. Mit dem gerichteten Wilcoxon-Test wurde geprüft, inwieweit sich die Anzahl der Antworten in den Bedingungen Maskulinum und Femininum sowie Neutrum und Femininum getrennt für die einzelnen Probandengruppen unterscheiden. Während die Unterschiede zwischen Femininum und Maskulinum (z= -1,69; p= .0455) sowie zwischen Femininum und Neutrum (z= -1,83; p= .0335) im Fall der Wernicke-Aphasiker signifikant sind, erreicht bei den Broca-Aphasikern nur der Unterschied zwischen Neutrum und Femininum Signifikanz (z= -1,9; p= .0285), für den Unterschied zwischen Maskulinum und Femininum zeigt sich ein Trend (z= -1,36; p= .0875). In der Kontrollgruppe sind die Unterschiede zwischen Maskulinum und Femininum (z= -2,05; p= .02) sowie zwischen Neutrum und Femininum (z= -2,32; p= .01) signifikant.

6.4 Diskussion

Hauptziel dieser Studie war die Überprüfung des Einflusses morphologischer Genustransparenz auf den Abruf von Genusinformation durch aphasische Patienten. Des weiteren galt es zu prüfen, [Seite 193↓]inwieweit sich das Verhalten der Aphasiker in Abhängigkeit von den klassischen klinischen Aphasiesyndromen – Broca- und Wernicke-Aphasie unterscheidet.

Zur Überprüfung dieser Fragen haben wir sprachliches Material bestehend aus transparenten und intransparenten Wörtern sowie Nichtwörtern verwendet. In der transparenten Bedingung wurde Genus durch ein genusanzeigendes Suffix formal am Nomen bzw. am Nichtwortstamm markiert.

Die Ergebnisse sprechen insgesamt für eine erhaltene Sensibilität der Aphasiker für Genustransparenz, allerdings ist zwischen den Ergebnissen der Wort- und Nichtwort-Bedingung zu differenzieren.

In der Wortbedingung ist lediglich in der Gruppe der Wernicke-Aphasiker ein Transparenzeffekt beobachtbar. Anders als erwartet, profitiert die Gruppe der Broca-Aphasiker nicht von der morphologischen Transparenz. Das Verhalten der Wernicke-Aphasiker in dieser Bedingung ähnelt dem der gesunden Kontrollgruppe. Intransparente Wörter sind mit einer schwachen Tendenz auch bei Gesunden fehleranfälliger. Da die Kontrollpersonen insgesamt sehr wenige Fehler machen, können wir auf der Basis dieser Daten keine gültigen Schlüsse ziehen. Festzuhalten ist, daß beide Aphasikergruppen Fehler bei der Genuszuweisung machen, allerdings unterscheiden sich Broca- und Wernicke-Aphasiker syndromspezifisch hinsichtlich des Einflusses des Faktors Transparenz. Dieser syndromspezifische Unterschied entspricht nicht unserer Vorhersage. Wir hatten erwartet, daß morphologische Transparenz den Abruf von Genusinformation aus dem mentalen Lexikon unterstützt, und zwar in beiden Aphasikergruppen.

Die Ergebnisse der Wort-Bedingung legen zunächst die Schlußfolgerung nahe, Broca-Aphasiker wären für morphologische Genustransparenz nicht sensibel. Die Ergebnisse der transparenten Nichtwort-Bedingung verdeutlichen allerdings, daß eine solche Schlußfolgerung nicht zulässig ist. Sowohl Broca- als auch Wernicke-Aphasiker weisen Genus in dieser Bedingung auf der Basis von genusanzeigenden Suffixen zu. Die detaillierte Betrachtung der Zuweisungen in Abhängigkeit vom jeweiligen Suffix zeigt, daß sich die Suffixe hinsichtlich ihrer Vorhersagekraft für Genus unterscheiden. Die Verteilung der Antworten spricht für eine besonders hohe Validität der Suffixe chen und –lein sowie des Suffixes ung, da sich in beiden Aphasikergruppen ein signifikanter Unterschied zwischen erwarteter Gleichverteilung der Antworten über die drei Genera und der beobachteten Verteilung zeigt.

Die Ergebnisse bezüglich der Suffixe –chen und –lein korrelieren mit Daten aus dem Spracherwerb. Wie Mills (1986) zeigt, erkennen Kinder bereits früh den Zusammenhang von Diminutivsuffixen und neutralem Genus und weisen Genus auf dieser Basis zu.

Weniger plausibel ist, warum ein Suffix wie keit in unserer Studie von geringerer Validität zu sein scheint als das Suffix ung. Beide Suffixe dienen zur Ableitung von Abstrakta. Die [Seite 194↓]Ursachen können nicht im sprachlichen Material liegen. Da es sich um Nichtwörter handelt, sollte der Einfluß von Faktoren wie Abstraktheitsgrad oder Frequenz kontrolliert sein.

Besonders auffällig ist das abweichende Verhalten aller Versuchspersonen, auch das der Kontrollgruppe, hinsichtlich des Morphems in . Erwartet wurde feminine Genuszuweisung analog zu Bildungen wie Gattin, Köchin oder Zeugin. Tendenziell weisen die Versuchspersonen jedoch Neutrum zu, möglicherweise auf der Basis des Musters Benz-in.

Wie lassen sich die Ergebnisse der Wort-Bedingung mit denen der Nichtwort-Bedingung, vor allem im Fall der Broca-Aphasiker, vereinbaren? Im dritten Kapitel haben wir die Möglichkeit verschiedener Speicherungsformen sowie Zuweisungsstrategien von Genus diskutiert. Genus wird entweder als ausschließlich lexikalisch gespeichert vorgestellt. Diese Annahme impliziert, daß der Abruf von Genus aus dem mentalen Lexikon automatisch erfolgt, ohne dabei von formalen Genusmarkierungen beeinflußt zu werden. Andere Modelle nehmen an, daß Genus auf der Basis von formalen Genusindikatoren berechnet wird. Letztlich sind hybride Formen vorstellbar, die sowohl automatischen Abruf von lexikalisch gespeicherter Genusinformation als auch die Möglichkeit der Berechnung von Genus auf der Basis von Genusindikatoren berücksichtigen. Die Ergebnisse dieser Studie lassen sich unserer Meinung nach im Sinne von hybriden Modellen am plausibelsten interpretieren. Die Fähigkeit aphasischer Probanden, Genus in der Nichtwort-Bedingung auf der Basis von morphologischer Genustransparenz zuzuweisen, spricht dafür, daß deutsche Muttersprachler über Regelwissen verfügen, auf dessen Basis Genuszuweisung erfolgen kann. Die Ergebnisse der Kontrollgruppe in der transparenten Nichtwort-Bedingung weichen nicht von denen der aphasischen Probanden ab und unterstützen die hier vertretene Interpretation. In der transparenten Nichtwort-Bedingung finden wir folglich unsere beiden eingangs formulierten Vorhersagen bestätigt. In dieser Bedingung profitieren alle Versuchspersonen von der morphologischen Transparenz und weisen Genus auf dieser Basis zu. Die Broca-Aphasiker machen dabei allerdings mehr Fehler als die Wernicke-Aphasiker. Der Anteil der Antworten, die entsprechend der genusanzeigenden Cues vorgenommen werden, ist jedoch in beiden Gruppen groß genug, um sich signifikant von der zufälligen Anzahl korrekter Antworten von 33% zu unterscheiden. Folglich interpretieren wir die Ergebnisse als Hinweis darauf, daß sich Broca- und Wernicke-Aphasiker in dieser Bedingung nicht syndromspezifisch unterscheiden.

Anders verhält es sich in der Wort-Bedingung, in der sich ein syndromspezifischer Unterschied im Verhalten von Broca- und Wernicke-Aphasikern zeigt. Zu diskutieren ist, worin sich die beiden Gruppen unterscheiden. Da die Ergebnisse der transparenten Nichtwort-Bedingung [Seite 195↓]verdeutlichen, daß es sich im Fall der Broca-Aphasiker nicht um einen Verlust der Sensibilität für Genustransparenz handeln kann, schlagen wir vor, daß sich die beiden Gruppen in der Wort-Bedingung in ihren Zuweisungsstrategien unterscheiden. Während die Broca-Aphasiker Genus aus dem mentalen Lexikon automatisch abrufen, greifen Wernicke-Aphasiker zusätzlich auf die Strategie der Berechnung zurück, woraus eine geringere Fehlerzahl in der transparenten Bedingung resultiert. Im Fall der intransparenten Wörter ist Genuszuweisung über Berechnung nicht möglich, sondern kann nur per Abruf aus dem Lexikon erfolgen. Dies gelingt beiden Gruppen in nahezu identischem Ausmaß, da sich die Zahl der Zuweisungsfehler kaum unterscheidet.

Ist der lexikalische Abruf von Genusinformation nicht möglich, wie in unserer Studie in der transparenten Nichtwort-Bedingung, gehen auch die Broca-Aphasiker dazu über, Genus auf der Basis von Zuweisungsregeln zu berechnen. Folglich verfügen sie über diese Strategie, wenden sie jedoch in der Wort-Bedingung nicht an. Über die Ursachen können wir lediglich spekulieren.

Im letzten Kapitel hatten wir auf die Studie von Guyard et al. (1990) verwiesen, deren Ergebnisse darauf hindeuten, daß Agrammatiker erst für Genusmarkierungen sensibilisiert werden müssen. Den Autoren gelang dies durch die Verwendung von Oppositionspaaren wie vend eur vs. vend euse . Obwohl in unserer Liste sprachlicher Stimuli sowohl transparente als auch intransparente Nomen enthalten sind, ist es denkbar, daß erst solche Oppositionen wie Lehrer vs. Lehrerin eine Sensibilisierung bewirken. Auch die Ergebnisse von Jakubowicz, Goldblum (1995) zeigen, daß Agrammatiker Schwierigkeiten bei der Verarbeitung von Genus am Inhaltswort (Nomen und Adjektiv) haben. Unsere Ergebnisse stehen im Einklang mit den Ergebnissen dieser Studien.

In der transparenten Nichtwort-Bedingung unserer Studie, in der Genuszuweisung nicht durch Abruf von Genus aus dem Lexikon erfolgen kann, findet möglicherweise Sensibilisierung für morphologische Genustransparenz statt. Allerdings übertragen Broca-Aphasiker dieses Wissen nicht auf die Wort-Bedingung.

Denken wir an die Ergebnisse unserer Reaktionszeitstudie mit Gesunden bietet sich eine weitere Interpretation an. Wir hatten die Hypothese aufgestellt, daß im Deutschen Genuszuweisung im Regelfall möglicherweise nicht über Berechnung, sondern über lexikalischen Abruf von Genus erfolgt. Erst unter Stress bzw. in Situationen, die keine lexikalische Zuweisung von Genus erlauben, wird auf andere Strategien zurückgegriffen. In diesem Sinn entspricht das Verhalten der Broca-Aphasiker dem Verhalten von Gesunden in der Genuszuweisungsaufgabe unseres Reaktionszeitexperimentes.

Die Daten der Broca-Aphasiker sind des weiteren im Sinne der Vermeidungsstrategie nach [Seite 196↓]Heeschen (1985) und Kolk et al. (1985) deutbar. So lange es nicht zwingend erforderlich ist, morphologische Genusmarkierungen für die Genuszuweisung zu nutzen, wird die Interpretation dieser Markierungen vermieden und auf lexikalisch gespeichertes Wissen zurückgegriffen. Da es sich hier lediglich um Spekulationen handelt, bedarf eine solche Interpretation der Daten der empirischen Überprüfung.

Zu fragen bleibt, warum Wernicke-Aphasiker die Berechnungsstrategie bereits in der transparenten Wort-Bedingung verwenden. Denkbar wäre, daß sie Zugriffsschwierigkeiten auf das Lexikon ausgleichen. Allerdings würden wir im Fall eines lexikalischen Zugriffsproblems erwarten, daß Wernicke-Aphasie mehr Fehler in der intransparenten Wort-Bedingung machen als Broca-Aphasiker. In dieser Bedingung ist Genuszuweisung über Berechnung nicht möglich, sondern kann nur durch Abruf aus dem Lexikon erfolgen. Ist dieser Abruf beeinträchtigt, sollten sich gerade in dieser Bedingung besonders hohe Fehlerzahlen zeigen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Fehlerzahlen von Broca- und Wernicke-Aphasikern in der intransparenten Wort-Bedingung sind nahezu identisch. Diese Frage bleibt folglich ungeklärt und gibt ebenfalls Anlaß für die Durchführung weiterer Studien. Denkbar wäre allerdings auch, daß Wernicke-Aphasiker die Verarbeitung von Genusindikatoren nicht wie Broca-Aphasiker vermeiden, sondern für die Genuszuweisung nutzen.

Wenden wir uns abschließend den Ergebnissen aus der intransparenten Nichtwort-Bedingung zu. Anders als erwartet, zeigt sich bei Gesunden sowie bei Aphasikern keine Gleichverteilung der Antworten über die drei Genera. Genuszuweisung scheint vielmehr ebenfalls nach bestimmten Prinzipien zu erfolgen, die sich in den Daten aller Versuchspersonen widerspiegeln. Femininum wird insgesamt seltener zugewiesen als Maskulinum oder Neutrum. Laut Fries (1997) unterliegt Femininum im Deutschen Regeln, die spezifischer sind, als jene die im Fall von Maskulinum oder Neutrum gelten.16 Zur Verdeutlichung dieser Tatsache verweist Fries unter anderem auf sogenannte Default-Fälle17, in denen entweder Maskulinum oder Neutrum, nicht aber Femininum, zugewiesen wird. Maskulinum tritt immer dann auf, wenn eine Nicht-Neutrum-Spezifikation erforderlich ist (z.B.: Kann mir einer sagen, wie spät es ist?), Neutrum wird verwendet, wenn kein Genus zu spezifizieren ist (z.B.: Früh übt sich, was ein Meister werden will.).18 Auch Genusschwankungen treten häufig zwischen Maskulinum und Neutrum auf [Seite 197↓](der/das Filter, Joghurt, Knäuel, Raster, Sims, Zepter), nicht aber zwischen Maskulinum und Femininum bzw. Neutrum und Femininum. Die Ergebnisse unserer Studie stehen im Einklang mit diesen Beobachtungen. Sowohl die Gruppe der Aphasiker als auch die Kontrollgruppe bevorzugen im Fall der intransparenten Nichtwörter Zuweisung des maskulinen oder neutralen Genus. Das Verhalten der aphasischen Probanden unterscheidet sich in der intransparenten Nichtwort-Bedingung nicht von dem der gesunden Kontrollpersonen. Folglich sprechen diese Ergebnisse wie die der transparenten Nichtwort-Bedingung für die bei Aphasikern erhaltene Sensibilität für Genuszuweisungs-prinzipien.

Das Verhalten der Broca-Aphasiker weicht in der intransparenten Nichtwort-Bedingung, ähnlich wie in der transparenten Nichtwort-Bedingung, stärker von dem der Kontrollgruppe ab als das der Wernicke-Aphasiker. Im Sinne von Bates, Wulfeck, MacWhinney (1991) und auch Jakubowicz, Goldblum (1995) werten wir dies jedoch nicht als qualitativen Unterschied zwischen den Aphasikergruppen, sondern als unterschiedlichen Grad der Störung. Einzig in der Wort-Bedingung liegt unserer Meinung nach ein qualitativer Unterschied vor, der unserer Interpretation zufolge im strategischen Verhalten der Versuchspersonengruppen zu lokalisieren ist. Broca-Aphasiker verlassen sich auf lexikalischen Abruf von Genus, auf die Strategie also, die im Regelfall auch von Gesunden verwendet wird, während Wernicke-Aphasiker zusätzlich auf die Strategie der Berechnung von Genus zurückgreifen.

Die Daten dieser Studie sprechen insgesamt für ein hybrides Modell der Speicherung und der Zuweisung von Genus, d.h. für ein Nebeneinander von Berechnung und lexikalischem Abruf von Genus. Des weiteren sind die Daten nicht mit der traditionellen Form der closed-class-theory zu vereinbaren, der zufolge Agrammatismus durch einen Verlust von Elementen der geschlossenen Klasse zu erklären ist. Beide Aphasikergruppen zeigen im Gegenteil eine gut erhaltene Sensibilität für Genuszuweisungsprinzipien, was sich vor allem in den Nichtwort-Bedingungen deutlich äußert. Auch in der Wort-Bedingung sind die Aphasiker fähig, Genus zu einem Großteil der Wörter korrekt zuzuweisen. Allerdings zeigen sich in der transparenten Wort-Bedingung syndromspezifische Unterschiede. An dieser Stelle wollen wir an die im vorangegangenen Kapitel erwähnte Diskussion um die Relevanz von Aphasieklassifikationen erinnern und versuchen, unsere Ergebnisse in den Kontext dieser Auseinandersetzung zu stellen.

Ein uns lohnenswert erscheinender Weg ist die von Bates und Mitarbeitern vorgeschlagene Suche nach Kernsymptomen aphasischer Kategorien. Um zu diesen Kernsymptomen vorzudringen, nehmen die Autoren zunächst geringe Unterschiede zwischen den aphasischen Kategorien an. In diesem Sinne hatten wir für unsere Aufgabenstellung keine Unterschiede zwischen Broca- und Wernicke-Aphasikern vorhergesagt. Wir erwarteten, daß beide Gruppen in gleichem Maße von [Seite 198↓]der morphologischen Genustransparenz beim Abruf von Genusinformation profitieren würden. Diese Vorhersage wurde jedoch nur für einen Teil der Aufgabenstellung bestätigt. In der transparenten Wort-Bedingung zeigten sich deutliche Unterschiede im Verhalten der Aphasikergruppen, die wir als Unterschiede in den Genuszuweisungsstrategien interpretiert haben. Wir deuten diese Ergebnisse als Hinweis auf die Berechtigung der beiden aphasischen Kategorien Broca- und Wernicke-Aphasie. Diese Position schließt nicht aus, daß wir uns der Eingeschränktheit der Verallgemeinerungen, die auf der Grundlage aphasischer Kategorien vorgenommen werden können, bewußt sind. Es ist unserer Meinung nach keine zulässige Schlußfolgerung, allen Wernicke-Aphasikern einen Vorteil bei der Verarbeitung transparenter Nomen in Genuszuweisungsaufgaben zuzuschreiben bzw auszuschließen, daß Broca-Aphasikern auf die Strategie der Berechnung von Genus zurückgreifen. Die Tatsache, daß in den beiden Gruppen unterschiedliche Tendenzen bei der Verwendung von Zuweisungsstrategien bestehen (Berechnung oder lexikalischer Abruf), deutet auf Unterschiede zwischen den aphasischen Syndromen hin, die es gilt, durch weitere Studien herauszuarbeiten.

6.5 Zusammenfassung

Es konnte gezeigt werden, daß morphologische Transparenz das Verhalten von Wernicke-Aphasikern in einer Genuszuweisungsaufgabe, in der Genus realen Wörtern des Deutschen zugewiesen werden soll, beeinflußt. In dieser Bedingung profitiert die Gruppe der Broca-Aphasiker nicht von morphologischer Genustransparenz. Demnach zeigt sich eine syndromspezifische Einschränkung der Sensibilität für Genustransparenz im Fall der Broca-Aphasiker, allerdings nur in der Wort-Bedingung. In der transparenten und intransparenten Nichtwort-Bedingung sind sowohl Broca- als auch Wernicke-Aphasiker für Genuszuweisungsregeln sensibel und weisen Genus auf deren Basis zu. Dabei ist ein unterschiedlicher Grad der Störung in sofern zu beobachten, daß lediglich Broca-Aphasiker im Antwortverhalten in der intransparenten Nichtwort-Bedingung von der Kontrollgruppe abweichen, nicht jedoch Wernicke-Aphasiker.


Fußnoten und Endnoten

1 Vgl. Köpcke, 1982; Köpcke, Zubin, 1983, 1984; Zubin, Köpcke, 1981, 1986.

2 Vgl. Kapitel 2.

3 Die Klassifikation der aphasischen Probanden beruht auf dem Aachener Aphasie Test.

4 Mittelwert und Standardabweichung.

5 Die Schätzung des Intelligenzquotienten erfolgte gemäß Wilson, Rosenbau, Brown, 1979. Der Unterschied zwischen den Gruppen bezüglich des IQs ist nicht signifikant. Die Prüfung erfolgte mit Hilfe des zweiseitigen U-Tests (Vergleich Broca- und Wernicke-Aphasiker: U= 30, p= .878; Vergleich Broca-Aphasiker und Kontrollgruppe: U= 26,5, p= .574; Vergleich Wernicke-Aphasiker und Kontrollgruppe: U= 31, p= .959).

6 Die vollständige Liste aller sprachlichen Reize dieser Studie befindet sich im Anhang B.

7 

Celex Lexical Database (1995), Gebrauchshäufigkeit eines Wortes im Mannheimer Corpus mit insgesamt

6 000 000 Einträgen.

8 Der Wilcoxon-Test prüft, ob zwischen zwei Bedingungen ein Unterschied besteht. Er berücksichtigt dabei die Richtung (in unserem Fall werden zum Beispiel mehr Fehler in der intransparenten Bedingung erwartet) und die Größe der Unterschiede zwischen den Bedingungen. Korreliert der berechnete z-Wert mit einer Wahrscheinlichkeit, die kleiner als das festgelegte Signifikanzniveau (α< .05) ist, können wir die Nullhypothese, derzufolge kein Unterschied zwischen den Bedingungen besteht, zurückweisen. Vgl. Siegel, 1997, S. 72 ff.

9 Die absoluten Zahlen der korrekten Genuszuweisungen sind in Tabelle 9 des Anhangs B dargestellt.

10 Mit dem Mann-Whitney-U-Test kann überprüft werden, ob zwei unabhängige Gruppen aus derselben Population stammen oder nicht bzw. gleiches oder unterschiedliches Antwortverhalten zeigen. Vgl. Siegel, 1997, S. 112 ff.

11 Vgl. Tabelle 10 im Anhang B zu den absoluten Zahlen der korrekten Genuszuweisungen.

12 Aufgrund der drei Genera, die die drei Antwortmöglichkeiten repräsentieren, liegt die Fehlerwahrscheinlichkeit nicht bei 50%, sondern bei 66%.

13 Siehe Tabellen 11, 12, 13, 14 im Anhang B zu den absoluten Zahlen.

14 Der χ2-Test prüft, ob zwischen einer beobachteten Anzahl von Antworten, die in jede Kategorie fällt, und einer erwarteten Anzahl ein signifikanter Unterschied besteht. Laut Nullhypothese wird erwartet, daß sich die Antworten über die drei Genera gleich verteilen. Vgl. Siegel, 1997, S. 42.

15 Tabelle 15 im Anhang B zeigt die absoluten Zahlen.

16 „Eine Regel RY sei spezifischer als eine Regel RX, wenn gilt: 1. RY erfordert im input ein spezifischeres Merkmalinventar als RX. 2. Falls RY und RX denselben input haben, hat der output von RY ein spezifischeres Merkmalinventar als der output von RX.“ Fries, 1997, S. 40.

17 Default-Knowledge entspricht dem Standardwissen über die Beschaffenheit der Welt und ist wesentlicher Bestandteil des Alltagswissens. Beim Auftreten von Wissenslücken werden solche Standardannahmen (per Default) eingesetzt und sichern die Einsatzfähigkeit des kognitiven Systems. Vgl. Bußmann, 1990, S. 159.

18 Vgl. Fries, 1997, S. 60.



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15.09.2004