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7  Synthese und Ausblick oder Platons Versprechen

Daß wir aber bei dem Glauben an die Notwendigkeit des Nachforschens nach dem, was man nicht weiß, tüchtiger und mannhafter und weniger träge sein werden als bei dem Glauben an die Unmöglichkeit der Auffindung dessen, was wir nicht wissen, und an die Unstatthaftigkeit, danach zu forschen, dafür trete ich nach Kräften in vollem Umfang ein, mit Wort und Tat.
(Platon, 1993, S. 51)

Im folgenden sollen die Ergebnisse des im vierten Kapitel dargestellten Reaktionszeitexperimentes sowie die Ergebnisse der Studie, die in Kapitel 6 beschrieben wurde, im Zusammenhang diskutiert werden. Dabei ist zu berücksichtigen, inwieweit die Gesamtheit der Daten im Einklang mit den am Anfang dieser Arbeit formulierten Grundannahmen steht. Dort, wo Fragen ungeklärt bleiben, werden Überlegungen zu möglichen Folgestudien vorgestellt.

Zentraler Gegenstand der von uns durchgeführten Studien war die Überprüfung des Einflusses morphologischer Genustransparenz auf den Abruf von Genusinformation. Fassen wir zunächst die Ergebnisse beider Studien zusammen.

In dem mit gesunden Sprechern des Deutschen durchgeführten Reaktionszeitexperiment wurden keine zeitlichen Unterschiede in der Verarbeitung transparenter und intransparenter Wörter in einer Genuszuweisungsaufgabe gemessen. Lediglich die Anzahl der Genuszuweisungsfehler deutet daraufhin, daß intransparente Wörter möglicherweise störanfälliger sind als transparente Wörter. Bei der Genuszuweisung zu intransparenten Wörtern machten die Versuchspersonen mehr Fehler als bei der Zuweisung zu transparenten Wörtern. Da die Zahl der beobachteten Fehler sehr gering ist, können wir keine statistisch abgesicherten Schlußfolgerungen ziehen.

Ein komplexeres Bild lassen die Ergebnisse der Aphasiestudie entstehen. Zu differenzieren ist zum einen zwischen den Ergebnissen der Wort- und Nichtwort-Bedingung, zum anderen zwischen den Resultaten der verschiedenen Versuchspersonengruppen (Broca- und Wernicke-Aphasiker sowie gesunde Kontrollpersonen).

In der Wort-Bedingung ist ein Einfluß der morphologischen Transparenz auf den Abruf von Genusinformation bei Wernicke-Aphasikern beobachtbar. Patienten mit Wernicke-Aphasie machen weniger Fehler bei der Zuweisung von Genus, wenn Genus am Nomen morphologisch markiert ist. Die Anzahl der Fehler, die Broca-Aphasiker in der transparenten und intransparenten Wort-Bedingung machen, unterscheidet sich nicht.


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Gesunde Kontrollpersonen machen in der verwendeten Aufgabenstellung sehr wenige Fehler. Die Verteilung der Fehler entspricht allerdings unserer Vorhersage: in der transparenten Wort-Bedingung treten weniger Fehler auf als in der intransparenten Wort-Bedingung.

In der transparenten Nichtwort-Bedingung weisen sowohl Broca- als auch Wernicke-Aphasiker sowie gesunde Kontrollpersonen Genus auf der Grundlage von morphologischen Genusindikatoren zu. Die Anzahl der korrekten Antworten bzw. der Antworten, die gemäß der Genustransparenz gegeben wurden, unterscheidet sich in allen Gruppen signifikant von einer zufälligen Verteilung der Antworten über die drei Genera.

Auch in der intransparenten Nichtwort-Bedingung zeigt sich ein in allen Versuchspersonengruppen einheitliches Muster der Verteilung der Antworten. Anders als zunächst erwartet bevorzugten alle Versuchspersonen entweder maskuline oder neutrale Genuszuweisung. Femininum wird am seltensten zugewiesen.1

Bevor wir eine zusammenhängende Interpretation unserer Ergebnisse bezüglich der anfangs formulierten Grundannahmen vornehmen, sollen diese wiederholt werden.

  1. Sprachliche Einheiten unterscheiden sich in ihrer Komplexität.
  2. Aufgrund ihrer verschiedenen Eigenschaften erfordern sie in ihrer Verarbeitung einen unterschiedlich hohen Verarbeitungsaufwand, was am Beispiel der grammatischen Kategorie Genus im Deutschen verdeutlicht werden kann.
  3. Im Fall von Aphasien wird davon ausgegangen, daß der Aufwand der Sprachverarbeitung pathologisch erhöht ist. Dies sollte Auswirkungen auf die sprachlichen Leistungen bei der Genuszuweisung haben, weniger valide Regeln sind besonders störanfällig.

In welcher Beziehung stehen die genannten Ergebnisse mit diesen Grundannahmen? Am Beispiel der grammatischen Kategorie Genus im Deutschen läßt sich die Komplexität sprachlicher Kategorien verdeutlichen. Die unterschiedliche Zuverlässigkeit, mit der semantische, phonologische und morphologische Genusmarkierungen auf das jeweilige Genus verweisen, sowie die Tatsache, daß manche Nomen keine formale Genusmarkierung aufweisen, sind Ausdruck dieser Komplexität. Es galt zu prüfen, inwieweit diese Komplexität Einfluß auf Prozesse während der gesunden Sprachverarbeitung nimmt (Grundannahme b).


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Interpretation der Ergebnisse bezüglich der Grundannahme b

Die Ergebnisse der Reaktionszeitstudie mit gesunden Sprechern des Deutschen bestätigen die Grundannahme b nicht. Wir interpretieren diese Ergebnisse als Hinweis darauf, daß Genus lexikalisch im mentalen Lexikon gespeichert ist und bei der Produktion von Nominalphrasen lediglich abgerufen wird. Der von uns manipulierte Faktor der Genustransparenz beeinflußt diesen Abrufprozeß nicht.

Genuszuweisungsfehler aus beiden Studien deuten allerdings daraufhin, daß intransparente Wörter in spezifischen Situationen störanfälliger sind als transparente.

Anlaß zu der Vermutung, daß sich ein Effekt von Genustransparenz in spezifischen Situationen messen läßt, geben die Ergebnisse der Wernicke-Aphasiker in der Wort-Bedingung sowie die Ergebnisse aller Versuchspersonen in der transparenten Nichtwort-Bedingung. In der Gruppe der Wernicke-Aphasiker konnten wir in der Wort-Bedingung eine höhere Störanfälligkeit von intransparenten Wörtern beobachten. Die Bedeutung morphologischer Genusmarkierungen für die Genuszuweisung wird durch die Ergebnisse der transparenten Nichtwort-Bedingung unterstrichen. Genuszuweisung kann in dieser Bedingung nicht durch Abruf aus dem Lexikon erfolgen, sondern muß auf der Basis von Genusindikatoren berechnet werden. Der Transparenzeffekt zeigt sich folglich unter spezifischen Bedingungen. Zum einen handelt es sich um ein durch Aphasie verändertes Sprachverarbeitungssystem. Gemäß der Grundannahme c nehmen wir an, daß Sprachverarbeitung im aphasischen Sprachprozessor generell mit einem höheren Aufwand verbunden ist. Dies hat zur Folge, daß sich die Störanfälligkeit von sprachlichen Einheiten, die möglicherweise bereits im gesunden System störanfällig sind, weiter erhöht. Für diese Annahme sprechen die Ergebnisse der Wernicke-Aphasiker in der Wort-Bedingung. Eine zweite von der normalen Sprachverarbeitung abweichende Bedingung besteht in der Genuszuweisung zu Nichtwörtern, die nicht Teil unseres mentalen Lexikons sind, denen aber aufgrund einer realen Genusmarkierung Genus zugewiesen werden kann.

Diese Beobachtungen veranlassen uns zu der Annahme, daß Genus im Regelfall, d.h. im gesunden Sprachverarbeitungssystem, bei der Verarbeitung muttersprachlicher Reize, lexikalisch abgerufen wird. In spezifischen Situationen, in denen entweder die Funktionsweise des Prozessors limitiert ist, beispielsweise durch Aphasie, oder das sprachliche Material unbekannt ist, wie im Fall der Nichtwörter, wird zusätzlich auf die Strategie der Berechnung von Genus zurückgegriffen. Genuszuweisungsregeln scheinen folglich Teil des sprachlichen Wissens deutscher Sprecher zu sein.

Sollen Ergebnisse von Gesunden und Aphasikern durch ein psycholinguistisches Modell der [Seite 202↓]Sprachverarbeitung erklärt werden, müssen Modelle, die ausschließlich lexikalische Speicherung von Genus annehmen, wie beispielsweise hierarchisch serielle Modelle, oder die ausschließlich die Berechnung von Genus postulieren, wie konnektionistische Modelle, ausgeschlossen werden.

Unsere Ergebnisse sprechen für ein hybrides Modell, das beide Zuweisungsstrategien, lexikalische Speicherung bzw. lexikalischen Abruf sowie Berechnung von Genus auf der Basis von formalen Genusindikatoren, berücksichtigt. Da ein Transparenzeffekt nur unter bestimmten Bedingungen meßbar ist, kann ausgeschlossen werden, daß die zwei postulierten Zuweisungsstrategien parallel operieren.

Die im Kapitel 3 diskutierten Modelle der Sprachverarbeitung können den dargestellten Daten nicht gerecht werden. Das Modell von Dell erlaubt aufgrund des Feedback-Mechanismus prinzipiell den Einfluß formaler Aspekte auf den Zugriff zum Lexikon, sagt aber generell einen Verarbeitungsvorteil für transparente Wörter vorher. Das konnektionistische Competition Model beinhaltet ebenfalls einen generellen Verarbeitungsvorteil für Nomen mit formalen und zuverlässigen Genusindikatoren. Hierarchisch serielle Modelle schließen den Einfluß phonologischer und morphologischer Information auf Prozesse, die auf Lemma-Ebene ablaufen, vollständig aus, da Aktivierung nur in eine Richtung, von der Lemma- zur Lexem-Ebene fließt. Eine unter bestimmten Bedingungen wirkende Berechnungsstrategie ist mit diesem Modell nicht vereinbar.

Folgestudien müssen prüfen, inwieweit im gesunden Sprachverarbeitungssystem unter spezifischen Bedingungen ein Verarbeitungsvorteil für Wörter entsteht, deren Genus sich durch Zuhilfenahme von Berechnungsstrategien bestimmen läßt. Existierende Modelle der Sprachverarbeitung sind dabei zu überprüfen und möglicherweise zu spezifizieren. Hier sollen einige Überlegungen zu möglichen Folgestudien dargestellt werden.

Limitierung der Funktionsweise des gesunden Sprachprozessors

Eine Abweichung vom Regelfall der Genuszuweisung bei Gesunden kann möglicherweise durch höhere kognitive Belastungen während der Sprachverarbeitung erreicht werden. Wie verschiedene Studien zeigen, lassen sich agrammatische Profile in Gesunden erzeugen, indem beispielsweise Stimuli nur sehr kurz dargeboten (Miyake, Carpenter, Just, 1994; Kilborn, 1991) oder Doppelaufgaben verwendet werden (Blackwell, Bates, 1995). Diese Untersuchungsdesigns bewirken eine Einschränkung der Funktionsweise des gesunden Sprachverarbeitungssystems, die einer Limitierung durch Aphasie vergleichbar ist. Da wir in der Gruppe der Wernicke-Aphasiker einen Transparenzeffekt beobachtet haben, erwarten wir, daß die Limitierung der Funktionsweise des gesunden Systems zu einer höheren Störanfälligkeit von intransparenten Wörtern führt. Die [Seite 203↓]Verwendung einer Doppelaufgabe (z.B. Genuszuweisung und Zahlenfolgen memorieren) könnte möglicherweise eine Antwort auf die Frage geben, inwieweit Gesunde unter diesen vom Regelfall der Sprachverarbeitung abweichenden Bedingungen zusätzlich auf Berechnungsstrategien zurückgreifen.

Genusschwankungen

Zusätzliche Evidenzen für die Störanfälligkeit intransparenter Wörter könnten aus dem Bereich der Dialektforschung kommen. Genus kann zwischen dem Standarddeutschen und dialektalen Varianten schwanken. Beispiele für derartige Genusschwankungen nennt beispielsweise Gregor (1983). Dem Nomen Butter wird im Schwäbischen maskulines Genus zugewiesen, während es im Standarddeutschen mit Femininum verknüpft ist. Andere Beispiele sind der Gatter im Bairischen (Standarddeutsch: das Gatter ), das Kies und das Brezel im Alemannischen (Standarddeutsch: der Kies, die Brezel).2 Im Zusammenhang mit unserer Fragestellung ist zu prüfen, inwieweit vorrangig intransparente Nomen bzw. solche mit wenig zuverlässigen Genusindikatoren von diesen Genusschwankungen betroffen sind.

Sprachspezifische Genuszuweisungsstrategien

Im dritten Kapitel sind Daten aus dem Französischen (Desrochers, Paivio, 1990) und Italienischen (Bates et al., 1995) genannt worden, die für einen Einfluß der formalen Genustransparenz in einer Genuszuweisungsaufgabe sprechen. Da wir diese Ergebnisse mit unserem Reaktionszeitexperiment nicht replizieren konnten, nehmen wir an, daß Genuszuweisungsstrategien möglicherweise auch sprachspezifisch variieren. Der Anteil zuverlässiger Form-Genus-Korrelationen ist im Deutschen sehr gering. Denkbar wäre, daß Deutsche lernen, sich nicht auf morphologische Genusindikatoren zu verlassen. Zur Überprüfung dieser Annahme, könnten vergleichbare Experimente im Deutschen und einer Sprache durchgeführt werden, die über eine größere Anzahl zuverlässiger Form-Genus-Korrelationen verfügt. Beispielsweise lauten im Spanischen die meisten männlichen Substantive auf –o aus (el chic-o, el libr-o, el hij-o), die meisten weiblichen enden auf –a (la chic-a, la mes-a, la play-a). Nur einem geringen Teil der spanischen Substantive läßt sich Genus nicht auf der Grundlage dieser formalen Genusindikatoren zuweisen. Die Validität der Verknüpfung der Genusindikatoren –o und –a und dem entsprechenden Genus sollte folglich sehr hoch sein. In einer Genuszuweisungsaufgabe, in der deutsche Sprecher auf lexikalischen Abruf von Genus zurückgreifen, verwenden spanische Sprecher möglicherweise bereits Berechnungsstrategien. [Seite 204↓]Unter limitierten Bedingungen, zum Beispiel in einer Doppelaufgabe, sollte sich im Spanischen ein besonders großer Transparenzeffekt zeigen.

Einfluß der Aufgabenstellung auf die verwendeten Zuweisungsstrategien

Ungeklärt geblieben ist, inwieweit die Aufgabenstellung den Einfluß von formaler Genustransparenz auf den Abruf von Genusinformation induzieren kann. Weder bei den genannten Studien aus dem Französischen und Italienischen, noch bei dem von uns durchgeführten Reaktionszeitexperiment handelt es sich um genuine Sprachproduktionsaufgaben. Wir haben vermutet, daß eine Genusidentifikationsaufgabe, wie sie von Bates et al. (1995) und Desrochers, Paivio (1990) verwendet wurde, eine bewußte Verarbeitung von formalen Genusindikatoren erzwingt. Da uns jedoch die während der natürlichen Sprachproduktion ablaufenden Prozesse interessieren, müßten Studien folgen, deren Design es ermöglicht, Aussagen über diese Prozesse zu treffen. Die Schwierigkeit bei der Konzeption eines solchen Designs für das Deutsche liegt vor allem darin begründet, daß viele Nomen, deren Genus durch transparente und zuverlässige Genusmarkierungen angezeigt wird, zu den Abstrakta oder Diminutiva zählen. Bildbenennungsparadigmen sind aus diesem Grund von vornherein nicht geeignet. Da die Transparenz von Genus im Spanischen nicht an solche Faktoren wie Abstraktheit oder Verkleinerung gebunden ist, ließe sich für diese Sprache möglicherweise ein Design entwickeln, mit dessen Hilfe, Sprachproduktionsprozesse induziert werden können, die der natürlichen Sprachproduktion vergleichbar sind.

Ziel der genannten denkbaren Folgestudien ist die Überprüfung der Frage, inwieweit der lexikalische Abruf von Genus tatsächlich dem Regelfall der Genuszuweisung im Deutschen entspricht sowie inwieweit Genuszuweisungsregeln trotzallem Teil der muttersprachlichen Kompetenz sind und die Berechnung von Genus in spezifischen Situationen ermöglichen.

Interpretation der Ergebnisse bezüglich der Grundannahme c

Laut Grundannahme c ist der Verarbeitungsaufwand im durch Aphasie beeinträchtigten Sprachverarbeitungssystem pathologisch erhöht. Dies hat zur Folge, daß sprachliche Einheiten mit hohen Verarbeitungskosten besonders störanfällig sind. Weiterführend nehmen wir im Sinne des syndromunspezifischen Ansatzes an, daß sich diese Störanfälligkeit in allen aphasischen Syndromen zeigt. Diese Behauptung haben wir an den Leistungen der zwei bekanntesten [Seite 205↓]Störungsbilder, Broca- und Wernicke-Aphasie, überprüft.

Die Daten der Wernicke-Aphasiker in der Wort-Bedingung belegen die höhere Störanfälligkeit intransparenter Wörter und sprechen folglich für die Grundannahme c. Die weiterführende Annahme, derzufolge intransparente Nomen in beiden Aphasikergruppen besonders störanfällig sein sollten, wird durch die Ergebnisse der Wort-Bedingung nicht bestätigt. Es zeigen sich deutliche Unterschiede in den Zuweisungsstrategien von Broca- und Wernicke-Aphasikern. Transparente und intransparente Wörter sind in der Gruppe der Broca-Aphasiker in gleichem Maße störanfällig, während sich bei den Wernicke-Aphasikern die erwartete höhere Störanfälligkeit intransparenter Wörter zeigt.

Wir haben vermutet, daß Broca-Aphasiker möglicherweise den Rückgriff auf die Strategie der Berechnung von Genus mit Hilfe von Genusindikatoren vermeiden und wie Gesunde Genus lexikalisch abrufen. Wernicke-Aphasiker kompensieren die Verarbeitungslimitierung des gestörten Systems durch Berechnung. Diese Interpretation bedarf der Überprüfung. Auch an dieser Stelle sollen Vorschläge zu Folgestudien gemacht werden.

Sensibilisierung für Genusindikatoren

Zu testen ist, inwieweit Broca-Aphasiker die Verarbeitung von Genusindikatoren tatsächlich vermeiden. Es könnte beispielsweise der Versuch unternommen werden, eine Sensibilisierung für Genusindikatoren durch die Darbietung von Oppositionspaaren wie Lehrer vs. Lehrerin oder durch Nichtwort-Wort-Paare wie Knulpling vs. Häftling zu erreichen.

Zusätzliche Limitierung des Sprachverarbeitungssystems

Ebenfalls zu prüfen ist, inwieweit Wernicke-Aphasiker in der Tat auf die Strategie der Berechnung von Genus ausweichen. Denkbar wäre das für gesunde Sprecher vorgeschlagene Design der Doppelaufgabe auch mit aphasischen Probanden durchzuführen. Wir hatten die Annahme formuliert, daß die Limitierung des Verarbeitungssystems zum Rückgriff auf Berechnungsstrategien zwingt. Sollten Wernicke-Aphasiker tatsächlich auf Berechnung von Genus ausweichen, ist eine Verstärkung des Effektes zu erwarten. Möglicherweise zwingt eine Doppelaufgabe auch Broca-Aphasiker zum Rückgriff auf Berechnung.

Ziel der Folgestudien sollte die Spezifizierung der Kernsymptome dieser Aphasieformen sein. Mit der Formulierung dieser Zielstellung ist auf die Frage nach der Relevanz aphasischer Klassifikationen, die im Kapitel 5 ausführlich diskutiert wurde, zurückzukommen. Eine Beantwortung sollte unserer Meinung nach nicht losgelöst von der Therapie aphasischer [Seite 206↓]Störungen erfolgen. Die von uns beobachteten Unterschiede zwischen Broca- und Wernicke-Aphasikern haben Implikationen für die Therapie dieser Syndrome. Beispielsweise könnten morphologische Genusindikatoren genutzt werden, um das kompensatorische Verhalten von Wernicke-Aphasikern zu unterstützen. Broca-Aphasiker hingegen scheinen eine stärkere Sensibilisierung für Genusindikatoren zu benötigen. Denkbar wäre es, auch in der Therapie mit Nichtwörtern zu arbeiten, um die Berechnung von Genus zu erzwingen. Die Übertragung der Berechnungsstrategie auf Wörter könnte durch Darbietung bzw. Üben von Nichtwort-Wort-Paaren wie Knulpling vs. Häftling erfolgen. Die von manchen Autoren vorgeschlagene Aufhebung der Aphasieklassifikationen würde zumindest für die Therapie aphasischer Syndrome die Gefahr des Verlustes hilfreicher therapeutischer Ansätze bedeuten.

Abschließend soll auf die Unterschiede zwischen den von Gesunden und Aphasikern verwendeten Strategien verwiesen werden. Wie wir am Beispiel der Ergebnisse der Wernicke-Aphasiker in der Genuszuweisungsaufgabe der Wort-Bedingung und der Ergebnisse der gesunden Sprecher im Reaktionszeitexperiment zeigen konnten, unterscheiden sich die Genuszuweisungsstrategien. Gesunde rufen Genus offensichtlich lexikalisch ab, Wernicke-Aphasiker scheinen zusätzlich auf die Strategie der Berechnung von Genus zurückzugreifen. Diese Tatsache verdeutlicht, daß auf der Grundlage von Daten aus der Aphasieforschung, die nicht durch psycholinguistische Daten aus Studien mit gesunden Sprechern ergänzt sind, keine Schlußfolgerungen hinsichtlich der Funktionsweise des gesunden Sprachverarbeitungssystems gezogen werden sollten.


Fußnoten und Endnoten

1 Vgl. die Ausführungen zu den Ursachen dieses Musters in Kap. 6, Punkt 6. 4.

2 Vgl. Gregor, 1983, S. 18.



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15.09.2004