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8  Zusammenfassung

Ziel dieser Arbeit war die empirische Überprüfung unserer anfangs formulierten Grundannahmen. Wir haben postuliert, daß sich sprachliche Einheiten in ihrer Komplexität unterscheiden (Grundannahme a) und folglich in ihrer Verarbeitung einen unterschiedlich hohen Verarbeitungsaufwand erfordern (Grundannahme b). Am Beispiel der grammatischen Kategorie Genus wurden diese Annahmen überprüft.

Die Zuweisung von Genus kann unter anderem auf der Grundlage von morphologischen Regeln erfolgen. Beispielsweise wird Diminutiva auf –chen und -lein immer Neutrum zugewiesen, Abstrakta auf –heit, -keit , etc. immer Femininum. Andere Nomen scheinen keine Genustransparenz zu haben. Wir nehmen an, daß transparente Nomen beim Abruf von Genusinformation mit weniger hohen Verarbeitungskosten verbunden sind als intransparente Nomen. Der Verarbeitungsvorteil transparenter Nomen sollte bei gesunden Sprechern des Deutschen meßbar sein.

Als dritte Grundannahme haben wir formuliert, daß Beeinträchtigungen des Sprachverarbeitungssystems durch Aphasien den Aufwand der Sprachverarbeitung pathologisch erhöhen. Sprachliche Einheiten, die bereits im gesunden System mit höheren Verarbeitungskosten verbunden sind, sollten aufgrund der Sprachstörung besonders störanfällig sein. Demzufolge erwarten wir, daß aphasische Probanden in einer Genuszuweisungsaufgabe von der Transparenz des Genus am Nomen profitieren und in dieser Bedingung weniger Genuszuweisungsfehler machen als in der intransparenten Bedingung.

Zur Verdeutlichung der Tatsache, daß die für das Deutsche formulierten Genuszuweisungsregeln möglicherweise mit unterschiedlichen Verarbeitungskosten verknüpft sind, haben wir Daten aus den Bereichen Genuszuweisung zu Fremd- und Lehnwörtern sowie aus den Bereichen des Erst- und Zweitspracherwerbs diskutiert. Deutlich wurde dabei, daß sich nur sehr wenige der vorgeschlagenen Regeln empirisch belegen lassen. Vor allem den von Köpcke und Zubin vorgeschlagenen phonologischen Regeln für die Genuszuweisung zu einsilbigen Nomen des Deutschen scheint wenig psychische Realität zuzukommen. Wir haben vermutet, daß die geringe Validität, die eingeschränkte Verfügbarkeit sowie der begrenzte Skopus dieser Regeln Ursache dafür sind, daß sich Sprecher des Deutschen wenig auf diese Regeln verlassen, sondern auf andere Strategien bei der Genuszuweisung, wie die der lexikalischen Speicherung durch Auswendiglernen, zurückgreifen. Für Regeln mit höherer Validität finden sich entsprechend [Seite 208↓]mehr empirische Evidenzen.

Daß Ableitungssuffixe die Basis für Genuszuweisung bilden, wird beispielsweise durch Genuszuweisungen zu Fremd- und Lehnwörtern bestätigt. Durch Identifikation eines fremden Suffixes mit einem deutschen Derivationssuffix kann einem Fremd- oder Lehnwort Genus im Deutschen zugewiesen werden. Diese Zuweisung ist sehr stabil, Genusschwankung tritt in solchen Fällen selten auf. Dies trifft auch auf Genuszuweisung auf der Grundlage des natürlichen Geschlechtsprinzips zu. Andere Regeln wie die Einsilberregel oder Genuszuweisung auf der Basis von Pseudosuffixen wie –e, -el, -er können Zuweisung von Genus bewirken, werden aber häufig durch das semantische Äquivalenzprinzip außer Kraft gesetzt. Das Wort Post-er beispielsweise erhält neutrales Genus auf der Basis des semantischen Äquivalentes Bild. Das Pseudosuffix –er, das maskulines Genus bewirken kann, bleibt ohne Einfluß.

Daten aus dem Erstspracherwerb sprechen für die Erwerbbarkeit der Schwa-Regel, der Einsilberregel, für einige der Pseudosuffixregeln, die Erwerbbarkeit der Ableitungssuffixregeln sowie für das natürliche Geschlechtsprinzip. Die unterschiedliche Validität der Regeln scheint sich vor allem in der Reihenfolge des Erwerbsprozesses widerzuspiegeln. Die Verknüpfung von Neutrum und Diminutivsuffixen wie –chen und –lein wird von Kindern früh erworben, da es sich um eine zuverlässige Verknüpfung handelt und ausreichend Beispiele dieser Regel in der Sprache zu Kindern auftreten.

Studien des natürlichen Zweitspracherwerbs zeigen, daß das natürliche Geschlechtsprinzip in den ersten Phasen von großer Bedeutung ist und vor allen formalen Regeln der Genuszuweisung erworben wird.

Insgesamt haben wir die Reihenfolge des Erwerbsprozesses von Regeln sowie die Relevanz einzelner Regeln für die Genuszuweisung zu Fremd- und Lehnwörtern oder auch zu Pseudowörtern als ersten Hinweis auf die unterschiedliche Validität der Genuszuweisungsregeln im Deutschen gedeutet. Unser Anliegen war es, den Einfluß dieser unterschiedlichen Validität auf die Sprachverarbeitung gesunder und aphasischer Probanden zu prüfen.

Um detaillierte Vorhersagen bezüglich dieses Einflusses treffen zu können, haben wir die Breite psycholinguistischer Modelle der Sprachverarbeitung diskutiert. Die Vorhersagen, die sich auf diese Weise ableiten lassen, unterscheiden sich, da die Modelle verschiedene Arten der Speicherung von Genus im mentalen Lexikon annehmen.

Wir haben zwischen Modellen differenziert, die eine lexikalische Speicherung von Genus postulieren und solchen, die die Berechnung von Genus auf der Grundlage formaler Genusindikatoren vorschlagen. Als Vertreter der ersten Auffassung wurde das hierarchisch serielle Modell Levelts sowie die Kaskadenmodelle von Caramazza und Dell vorgestellt. [Seite 209↓]Berechnung von Genus nehmen konnektionistische Modelle an, wie beispielsweise das Competition Model .

Nach Levelt (1989) werden von hierarchisch seriellen Modellen folgende Ebenen der Sprachverarbeitung unterschieden: die konzeptuelle Ebene, die Lemma-Ebene, die Lexem-Ebene sowie die Ebene der Artikulation. Genus ist Teil der Lemma-Information und wird während der Sprachproduktion gemeinsam mit dem Lemma aus dem mentalen Lexikon abgerufen. Die Verarbeitung von Informationen auf den einzelnen Ebenen erfolgt diskret und seriell, d.h. zeitliche Überlappungen von Prozessen auf verschiedenen Ebenen sind ausgeschlossen. Ebenfalls ausgeschlossen ist die Interaktion der Ebenen. Die Aktivierungsausbreitung ist strikt unidirektional. Morphologische Genusindikatoren, die laut dieser Modellvorstellung auf der Lexem-Ebene gespeichert sind, können den Abruf von Genusinformation von der höher liegenden Lemma-Ebene nicht beeinflussen. Hierarchisch serielle Modelle sagen folglich für die Verarbeitung transparenter und intransparenter Nomen in einer Genuszuweisungsaufgabe keine Unterschiede vorher.

Neben den hierarchisch seriellen Modellen haben wir zwei Typen von Kaskadenmodellen kennengelernt. Während das Kaskadenmodell von Caramazza wie hierarchisch serielle Modelle unidirektionale Aktivierungsausbreitung annimmt, ist die Interaktion zwischen den Verarbeitungsebenen ein grundlegendes Prinzip des Kaskadenmodells von Dell. Da das Kaskadenmodell Caramazzas hinsichtlich der Struktur und Anzahl der Verarbeitungsebenen noch unausgereift ist, konnten wir keine Vorhersagen für unsere Fragestellung ableiten.

Das Modell von Dell ist für das Englische konzipiert. Folglich beinhaltet es nur wenige Aussagen bezüglich der Verarbeitung von Genusinformation. Allerdings haben wir versucht, Interpretationen hinsichtlich des Einflusses morphologischer Genustransparenz auf den Abruf von Genusinformation vorzunehmen. Aufgrund des Prinzips der Interaktion zwischen den Verarbeitungsebenen, die den von Levelt (1989) vorgeschlagenen Ebenen entsprechen, ist ein solcher Einfluß möglich. Es war jedoch darauf verwiesen worden, daß zwischen morphologischen Genusindikatoren wie Ableitungssuffixen oder Diminutivsuffixen, die auf der Lexem-Ebene gespeichert sind, und Genusknoten auf der Lemma-Ebene direkte Verknüpfungen bestehen müssen. Über diese Route könnte Aktivierung während des Sprachproduktionsprozesses hin- und herfließen und den Zugriff auf Genusinformation erleichtern. Nomen, deren Genus nicht formal markiert ist, sollten einen Verarbeitungsnachteil haben, da Aktivierung nur über den Lemma-Knoten zurück zum Genus-Knoten fließen kann. Eine solche Interpretation impliziert, daß der Abruf von Genusinformation transparenter Nomen immer mit einem geringeren Verarbeitungsaufwand verbunden ist als der intransparenter Nomen.


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Das Competition Model unterscheidet sich grundsätzlich von den eben genannten Modellen, da es eine andere Auffassung der Wissensrepräsentation vertritt. Anders als von Levelt (1989) vorgeschlagen, wird keine qualitative Trennung des sprachlichen Wissens in lexikalische, syntaktische, morphologische und phonologische Informationen vorgenommen. Auch die Annahme separater Module bzw. Verarbeitungsebenen, die für die Verarbeitung spezifischer Wissensinhalte zuständig sind, wird abgelehnt. Sprachliches Wissen ist ‚unsortiert‘, als Verknüpfung von Formen und Funktionen repräsentiert und wird von gleichen Mechanismen verarbeitet. Je valider eine Form auf eine spezifische Funktion verweist, desto größer ist die Verknüpfungsstärke zwischen Form und Funktion. Zum anderen nimmt dieses Modell keine lexikalische Speicherung von Genus, sondern die Berechnung von Genus auf der Basis formaler Genusindikatoren an. Die Zuordnung von Genusindikator und korrespondierendem Genus entspricht der Verknüpfung von Form und Funktion. Morphologische Genusindikatoren, die zuverlässig mit dem jeweiligen Genus verknüpft sind, sollten aufgrund der größeren Verknüpfungsstärke einen niedrigeren Verarbeitungsaufwand erfordern. Das Modell sagt einen Verarbeitungsvorteil für transparente Nomen in einer Genuszuweisungsaufgabe vorher, der immer meßbar sein sollte.

Problematisch für diese Modellvorstellung sind die von uns als intransparent bezeichneten Nomen. Genus läßt sich nicht auf der Grundlage von formalen Indikatoren berechnen, folglich muß auf andere Speicherungsformen zurückgegriffen werden. Diese sind bisher im Modell nicht berücksichtigt.

Neben den bestehenden Modellvorstellungen haben wir auf die Möglichkeit hybrider Modelle verwiesen. Charakteristisch für Modelle dieses Typs, zu denen bislang keine Arbeiten vorliegen, ist die Annahme, daß Genus sowohl per Berechnung zugewiesen werden kann als auch durch Abruf aus dem mentalen Lexikon. Berechnung und lexikalische Speicherung werden als mögliche Speicherformen berücksichtigt. Denkbar ist es, daß entweder beide Zuweisungsstrategien immer parallel operieren oder daß es Situationen gibt, in denen nur lexikalischer Abruf oder nur Berechnung stattfindet. Beispielsweise könnte Genus im Regelfall aus dem mentalen Lexikon abgerufen werden und lediglich in Situationen, die den Rückgriff auf Berechnung erzwingen, wie die Genuszuweisung zu Fremd- und Lehnwörtern oder zu Nichtwörtern, wird von formaler Genustransparenz Gebrauch gemacht.

Das mit gesunden Sprechern des Deutschen durchgeführte Reaktionszeitexperiment, in dem die Versuchspersonen die Aufgabe hatten, visuell dargebotene Nomina mit ihrem entsprechenden bestimmten Artikel zu wiederholen, diente der Beantwortung der Frage nach den Zuweisungsstrategien. Das sprachliche Material setzte sich aus transparenten und intransparenten [Seite 211↓]Nomen zusammen. Da wir im Sinne unserer Grundannahme b einen Verarbeitungsvorteil für transparente Nomen erwarteten, sollte diesen Nomen Genus schneller zugewiesen werden als intransparenten Nomen. Die Ergebnisse unseres Experimentes bestätigten diese Vorhersage nicht. Zwischen der Verarbeitung transparenter und intransparenter Nomen in der beschriebenen Aufgabe wurde kein Reaktionszeitunterschied gemessen.

Diese Ergebnisse lassen sich mit der Position hierarchisch serieller Modelle vereinbaren, die eine lexikalische Speicherung von Genus annehmen. Sie sprechen gegen Modelle, die ausschließlich Berechnung von Genus vorschlagen. Ausgeschlossen werden ebenfalls hybride Modelle, die das parallele Wirken von Berechnung und lexikalischem Abruf annehmen. Nicht ausgeschlossen sind allerdings Modelle, die beide Speicherungsformen beinhalten, im Regelfall aber lexikalischen Abruf und in spezifischen Situationen Berechnung annehmen. Weitere Untersuchungen müssen sich anschließen, um zu prüfen, inwieweit lexikalische Speicherung die einzige Form der Speicherung von Genus ist bzw. ob und unter welchen Bedingungen gesunde Sprecher zusätzlich auf die Strategie der Berechnung zurückgreifen. Vorschläge dazu sind im Kapitel 7 ausgeführt.

Unsere dritte Grundannahme, derzufolge Aphasien den Aufwand während der Sprachverarbeitung pathologisch erhöhen und weniger zuverlässige Genuszuweisungsregeln besonders störanfällig sind, wurde durch eine Studie mit aphasischen Probanden geprüft.

Neben der Frage nach dem Einfluß morphologischer Genustransparenz auf den Zugriff zur Genusinformation interessierte uns zusätzlich, inwieweit sich Patienten mit Broca- und Wernicke-Aphasie in ihrem sprachlichen Verhalten in einer Genuszuweisungsaufgabe unterscheiden.

Zur Erklärung aphasischer Syndrome entwickelte Theorien machen hinsichtlich dieser Fragen unterschiedliche Vorhersagen. Wir haben Ansätze diskutiert, die aphasische Symptome auf den Ausfall zentraler Verarbeitungseinheiten des Sprachprozessors zurückführen. Da diese Theorien die Beeinträchtigung unterschiedlicher Module für Broca- und Wernicke-Aphasie annehmen, sollten sich die sprachlichen Leistungen dieser Patientengruppen in einer Genuszuweisungsaufgabe unterscheiden. Des weiteren ist kein Verarbeitungsunterschied zwischen transparenten und intransparenten Wörtern zu erwarten. Im Falle eines zentralen syntaktischen Defizits ist syntaktisches Wissen derart beeinträchtigt, daß die Genuszuweisung zu allen Nomen, unabhängig von ihrer morphologischen Genustransparenz, in gleichem Ausmaß gestört sein sollte. Ist das syntaktische Wissen nicht von der Störung betroffen, erwarten wir, daß Genuszuweisung zu transparenten und intransparenten Nomen gleich gut möglich ist.

In Abgrenzung von Theorien, die die Ursachen von Aphasien in zentralen Defiziten sehen, sind [Seite 212↓]Auffassungen genannt worden, die die Störungsursachen aphasischer Syndrome in den Prozessen der Sprachverarbeitung suchen. Theorien dieses Typs berücksichtigen die Tatsache, daß unterschiedliche Faktoren, wie die Aufgabenstellung, subjektive Strategien, oder die für die Aufgabe zur Verfügung stehende Zeit, Einfluß auf die sprachlichen Fähigkeiten aphasischer Patienten haben können und zu unterschiedlichen Symptomatiken führen. Besonders ausgeprägt vertreten wird diese Auffassung durch das Competition Model, das aufgrund seiner konnektionistischen Architektur aphasische Symptome ausschließlich durch Faktoren (item access properties) erklärt, die die Verarbeitung beeinflussen. Faktoren wie Transparenz und Zuverlässigkeit gehören zu diesen Zugriffseigenschaften. Hinsichtlich des Einflusses morphologischer Genustransparenz auf den Zugriff zur Genusinformation macht das Modell eine klare Vorhersage. Transparente und zuverlässige Genusindikatoren sollten den Abruf von Genusinformation erleichtern.

Welche Vorhersagen machen Theorien, die die Störungsursachen aphasischer Syndrome auf Sprachverarbeitungsprozesse zurückführen, bezüglich der Unterschiede im Verhalten zwischen Broca- und Wernicke-Aphasikern? Ähnlich wie im Fall der „zentralen Defizit-Theorien“ finden sich auch hier Theorien, die für Broca- und Wernicke-Aphasie unterschiedliche Verarbeitungslimitierungen annehmen, was sich im unterschiedlichen sprachlichen Verhalten der Patientengruppen widerspiegeln sollte. Heeschen (1985) und Jakubowicz, Goldblum (1995) verweisen allerdings darauf, daß den verschiedenen Symptomen nicht notwendigerweise unterschiedliche Störungsursachen zugrunde liegen müssen. Unterschiede im Verhalten sind möglich, können aber durch den Schweregrad der Störung oder strategisches Verhalten der Patienten erklärt werden.

Das Competition Model vertritt einen syndromunspezifischen Ansatz. Es wird von minimalen Unterschieden zwischen den aphasischen Syndromen ausgegangen, um auf diese Weise zu den Kernsymptomen der Störungsbilder vorzudringen. In unserer Genuszuweisungsaufgabe erwarten wir folglich, daß sowohl Broca- als auch Wernicke-Aphasiker von der Transparenz des Genus am Nomen profitieren.

Die Frage nach den Unterschieden im Verhalten der klinischen Gruppen steht im Zusammenhang mit der Diskussion um die Relevanz aphasischer Klassifikationen. Das Spektrum der Positionen reicht von der völligen Aufhebung der Klassifikationen im Rahmen der neurolinguistischen Forschung über die Suche nach den Kernsymptomen der einzelnen Kategorien bis zur Rechtfertigung der bestehenden Kategorien, zumindest für den Alltag in der Klinik.

Ziel der durchgeführten Studie mit aphasischen Probanden war zum einen die Überprüfung des Einflusses der formalen Transparenz des Genus auf die Sprachverarbeitung aphasischer [Seite 213↓]Probanden. Zum anderen sollte ein Vergleich des sprachlichen Verhaltens der Patientengruppen zur Bestimmung der Kernsymptome der beiden klassischen Aphasieformen beitragen.

In einer Genuszuweisungsaufgabe zu Wörtern, die sich hinsichtlich der morphologischen Transparenz von Genus unterschieden, profitierte lediglich die Gruppe der Wernicke-Aphasiker von der Transparenz des Genus. Während diese Gruppe transparenten Wörtern Genus mit weniger Fehlern zuwies als intransparenten Wörtern, unterschieden sich die Fehlerzahlen der Broca-Aphasiker in der transparenten und intransparenten Bedingung nicht. Wir beobachteten folglich, anders als erwartet, einen syndromspezifischen Unterschied im Verhalten der Gruppen. Dieser syndromspezifische Unterschied zwischen den Patientengruppen verringerte sich, wenn Genuszuweisung zu Nichtwörtern mit realen Genusmarkierungen erfolgte. Beide Gruppen wiesen Genus auf der Basis der morphologischen Genusindikatoren zu. Allerdings ist die Zahl der Fehler, die Broca-Aphasiker in dieser Bedingung machen, höher als die der Wernicke-Aphasiker. Dieser Unterschied im Verhalten wurde als Hinweis auf einen unterschiedlichen Grad der Störung gedeutet. Dafür sprechen auch die Ergebnisse der Genuszuweisung zu intransparenten Nichtwörtern. Alle Versuchspersonengruppen zeigen ein gemeinsames Zuweisungsmuster, wobei Broca-Aphasiker stärker als Wernicke-Aphasiker vom Antwortverhalten der Kontrollgruppe abweichen.

Wir haben vorgeschlagen, den syndromspezifischen Unterschied, den wir in der Wort-Bedingung beobachteten, mit Unterschieden im strategischen Verhalten der Probanden zu begründen. Während Wernicke-Aphasiker auf die Strategie der Berechnung von Genus zurückgreifen, um Defizite auszugleichen, vermeiden Broca-Aphasiker die Verarbeitung von morphologischen Genusindikatoren und rufen Genus aus dem mentalen Lexikon ab. Eine solche Interpretation ist nur auf der Grundlage von Modellen möglich, die sowohl lexikalische Speicherung als auch Berechnung von Genus berücksichtigen.

Die Daten sprechen gegen Theorien, die eine zentrale Störung der Elemente der geschlossenen Klasse im Fall des Agrammatismus vorschlagen. Vor allem die Ergebnisse der Nichtwort-Bedingungen verdeutlichen eine erhaltene Sensibilität beider Aphasikergruppen für Regeln der Genuszuweisung.

Der syndromspezifische Unterschied zwischen den Gruppen sollte Anlaß zu Folgestudien geben, um fundiertere Aussagen bezüglich der Ursachen des Unterschieds machen zu können. Greifen die Patientengruppen in der Tat auf verschiedene Strategien bei der Zuweisung von Genus zurück, sollte dieses Wissen nicht ohne Einfluß auf die Therapie bleiben. Vorschläge dazu finden sich in Kapitel 7. In diesem Sinne halten wir es nicht für gerechtfertigt, aphasische Kategorien vollständig aufzuheben.


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15.09.2004