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Einleitung

Die zimbabwische Literatur hat sich in den '90er Jahren sowohl inhaltlich als auch formal deutlich verändert. Kennzeichnend für diese Entwicklung sind insbesondere die Texte von Yvonne Vera. Sie ist eine in jeder Hinsicht herausragende Autorin. Die vorliegende Arbeit befaßt sich in erster Linie mit dieser Epoche. Eine Epoche, in der sich die zimbabwische Literatur mehr und mehr den Aspekten Gender und Gewalt zugewendet hat. Doch die zimbabwische Literatur ist bisher nicht umfassend unter dem Blickwinkel von Gender und Gewalt betrachtet worden.1 Diese Lücke versucht die vorliegende Arbeit zu schließen. Thematisch fokussiert die Arbeit die Aspekte Gender, Nation und Erinnerung, wobei hier vor allem (weibliche) Körper und Gewalt sowie die Sprache, die zum Erzählen von Gewalterfahrung zur Verfügung steht, zentral sind. Die Frage nach der Darstellbarkeit von Gewalt und der Art und Weise, in der weibliche Körper in das Erzählen von Gewalt involviert sind, durchzieht die gesamte Arbeit. Hauptthese ist dabei, daß das Erzählen von Gewalt das Erzählen überhaupt in Frage stellt. Das Erzählen von Gewalt löste in der zimbabwischen Literatur eine Krise aus, die in der vermehrten Reflexion über die Form zum Ausdruck kommt. Auf diese Weise steht vielfach nicht das Gewaltereignis an sich, sondern die Frage nach der Darstellbarkeit im Mittelpunkt.

In den letzten Jahren hat die zimbabwische Literatur immmer mehr an Bedeutung gewonnen. Dies gilt sowohl für den afrikanischen Kontext als auch im Hinblick auf die internationale Rezeption. Zimbabwische SchriftstellerInnen wurden mit einer ganzen Reihe von Preisen und Auszeichnungen geehrt. Auch die vielfachen Übersetzungen ihrer Texte sprechen für ein breites und weltweit stetig anwachsendes Publikum. Insbesondere in Nord- und Mitteleuropa ist das Interesse an zimbabwischer Literatur groß. Regelmäßig erhalten zimbabwische SchriftstellerInnen Einladungen zu Studienaufenthalten, Workshops und Lesereisen. Die Populariät zimbabwischer SchriftstellerInnen begründet sich sicherlich auch in der jährlich stattfindenden internationalen Buchmesse in Harare, die zwar [Seite 5↓] viele afrikanische SchrifstellerInnen fördert, aber aufgrund der räumlichen Nähe insbesondere den ZimbabwerInnen zu Gute kommt. Hier finden sie alljährlich ein internationales Forum.

Zu den wichtigsten zimbabwischen AutorInnen gehören Dambudzo Marechera, Charles Mungoshi, Stanley Nyamfukudza, Chenjerai Hove, Shimmer Chinodya, Alexander Kannengoni, Tsitsi Dangarembga und Yvonne Vera. Eine herausragende Rolle spielt Dambudzo Marechera. Trotz seines frühen Todes hat er, auch dank der umfangreichen Betreuung des Nachlasses durch Flora Veit-Wild, die zimbabwische Literatur entscheidend geprägt.2 Wie kaum ein anderer afrikanischer Schriftsteller verkörperte er die kritische Stimme gegenüber den neuen Machthabern. Er ließ sich nie vom nationalen oder gar panafrikanischen Diskurs vereinnahmen und eröffnete auf diese Weise Denk- und Sprachmöglichkeiten, die in anderen Ländern tabu waren.3 Viele seiner KollegInnen haben davon profitiert. Ausgestattet mit einer ähnlichen politischen Skepsis sind Mungoshi, Nyamfukudza und Chinodya. Wenn auch nicht so lautstark wie Marechera, so sind vor der Unabhängigkeit auch sie skeptisch gegenüber einem nationalen Projekt. Nach der Unabhängigkeit wurde diese Kritik vor allem von Dambudzo Marechera fortgeführt. Ende der '80er Jahre setzte dann eine Ernüchterung ein. So wichen Autoren wie Shimmer Chinodya und Alexander Kannengoni in ihren Texten ganz deutlich von offiziellen Darstellungen des Bürgerkriegs ab. In Zimbabwe gehörte die Literatur also von Beginn an zu den kritischen Stimmen gegenüber dem Staat. Damit wurde in Zimbabwe ein Prozeß vorweggenommen, der in anderen afrikanischen Staaten erst weit nach der Unabhängigkeit begann.4

Obwohl die Literatur der '70er und '80er Jahre sicherlich viele gesellschaftliche Strukturen hinterfragt, die politischen Machthaber provoziert und herausragende Texte produziert hat, war sie im Hinblick auf Gender nicht frei von Klischees. Wie Derek Wright (1997) zeigt, spiegelte diese Literatur die sich auch nach der Unabhängigkeit nicht verändernde Rolle der Frau in [Seite 6↓] der zimbabwischen Gesellschaft. Der Ausschluß von Frauen aus politischer Macht und die systematische Diffamierung der Kämpferinnen des 2. Chimurenga - dem zimbabwischen Befreiungskampf - finden ihr Äquivalent vielfach in der Literatur.

The dominant patriarchal values [...] continued to be reflected in male fiction that emphasized conventional images of the African woman as all-enduring wife, mother, and domestic provider whose self-sacrificing labor in both field and home was taken mostly for granted and so went unvalued and largely unacknowledged. There was little attempt in this fiction to realistically depict the lives of women, little awareness of or interest in their predicament in the new society, and a prevailing tendency to mete out punitive fates to those women who did not conform with received orthodoxies.5

Die bis in die '80er Jahre weitgehende Abwesenheit von Frauen im zimbabwischen Literaturkanon führen sowohl Flora Veit-Wild (1992) als auch Wright auf die Verleger zurück. "[T]he arrogant sexis[t] [...] indigenous publishers [...] adopted standardized, clichéd notions of women as submissive, obedient wives and dutiful mothers and expected women writers to uphold the established male values expressed in these views."6 Der erste Roman mit einer, wie Wright es nennt, "strong feminist perspective" war Tsitsi Dangarembgas Nervous Conditions (1988). Das Manuskript hatte jedoch, so Flora Veit-Wild, zimbabwische Verleger verschreckt. "First submitted to a Zimbabwean publisher, Nervous Conditions was rejected. The pointedly feminist perspective was apparently off-putting to the editor concerned."7

Nach Marechera hatte Dangarembga eine einschneidende Bedeutung für die zimbabwische Literatur. Während es bei Marechera in erster Linie um die Kritik an jeglicher Form von Gewalt geht, stellt Dangarembga in Nervous [Seite 7↓] Conditions den Aspekt Gender und Kolonisation in den Mittelpunkt. Mit dieser Fokussierung erfährt die zimbabwische Literatur eine Zäsur. Bei Dangarembga geht es um die körperlichen und psychischen Probleme eines Mädchens in der Adoleszenz. Anhand ihrer Eßstörungen wird deutlich, daß in der Diskussion um Kolonialismus Gender einen nicht zu vernachlässigenden Faktor darstellt. "Dangarembga's novel insinuates that the process of mental colonisation is a gendered process and how particularly women react with nervous, psychosomatic symptoms."8 Für Pauline Dodgson (1999) markiert Nervous Conditions zusammen mit Chenjerai Hoves Bones (1988) den Aufbruch der zimbabwischen Literatur. "What makes these works exceptional is that they both deal with issues of gender and challenge patriarchal institutions and practices".9 Im Unterschied aber zu Dangarembga bedient sich Hove einer geradezu folkloristischen Sprache, die die Gefahr in sich birgt, koloniale bzw. westliche Stereotypen über Afrika zu reproduzieren.10 Darüber hinaus löst sich der Text, so Rino Zhuwarara (1994), nicht von dem Bild der leidenden "Mutter Afrika".

At its best the text captures the prodigious energy of Marita, her passion for life, her love to her fellow sufferers and her deep yearning for justice and a fulfilling existence. It seems that deprivation and denial are the hallmarks characteristic of the life of women caught up in a colonial and neo-colonial context. As such the text appeals to our conscious but does not go on to suggest that women can indeed determine history and improve their lot in life[.]11

Hove befaßt sich zwar mit dem Thema Gender, bleibt jedoch in alten Mustern gefangen. Dies gilt über Bones hinaus für sein gesamtes Werk.

Mehr noch als Dangarembga und sicherlich mehr als Hove tritt Yvonne Vera dem herrschenden Diskurs über weibliche Körper entgegen. Bemerkenswert ist, in welcher Art und Weise sie sich in Crossing Boundaries (1992) auch dem weißen Frauenkörper zuwendet und zeigt, wie dieser in den Prozeß von Kolonisation und Dekolonisation involviert ist. Es geht nicht darum, die weiße Frau aus ihrer Rolle als Täterin zu entlassen, oder gar die Faktoren Race und Gender gegeneinander auszuspielen. Doch die hier verhandelte [Seite 8↓] Landfrage macht deutlich, daß Differenzen eher an Gender denn an Race gebunden sein können.12 Ähnlich wie Dangarembga betrachtet Vera koloniale und postkoloniale Gewalt unter dem Aspekt Gender. So etabliert sie in Nehanda (1993), ihrem ersten Roman, das in der zimbabwischen Geschichte herausragende und für das nationale Bewußtsein identitätsstiftende Spirit Medium des 1. Chimurenga, Ambuya Nehanda, als Frau. Ganz explizit weist sie Nehanda ein Gender zu, das sowohl im politischen als auch literarischen Diskurs stets verleugnet wurde.

In Veras folgenden Romanen rückt die Frage nach Gewalt schließlich in den Mittelpunkt. Alle ihre Romane erzählen von Gewalt, vor allem von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. In Without a Name (1994) geht es um kriegsbedingte Vergewaltigung, in Under the Tongue (1996) um ein Mädchen, das von seinem Vater sexuell mißbraucht wurde, und in Butterfly Burning  (1998) nimmt eine Frau an sich selbst einen Schwangerschaftsabbruch vor. In allen diesen Texten wird der im juristischen Sinn genaue Tathergang bzw. medizinische Ablauf nebensächlich. Vielmehr steht die Art und Weise, in der Frauen Gewalt erfahren, im Mittelpunkt. Das Erzählen von Gewalt ist bei Vera daher stets ein Erzählen vom Schmerz. Besonders interessant ist, daß in ihren Texten ein Zusammenhang zwischen Gewalt und Gender hergestellt wird und darüber hinaus die Vergewaltiger zumeist Kämpfer des 2. Chimurenga sind. Vera knüpft damit an eine von Freedom Nyamubaya eröffnete Analyse der Interaktion von kriegerischer Gewalt und des durch Gewalt bestimmten Genderverhältnisses an.13

Vor dem Hintergrund, daß die zimbabwische Literatur der '90er im Hinblick auf die Aspekte Gender und Gewalt federführend ist, stellt sich die Frage, welche Bedeutung die zimbabwische Literatur im Kontext der afrikanischen Literatur überhaupt hat. Wie Flora Veit-Wild zeigt, ist die zimbabwische Literatur sehr heterogen.

By 1990, after the first decade of independence, there was still not much homogeneity in Zimbabwean writing; one cannot speak of a clear-cut, distinctly Zimbabwean identity. There are certain common themes - the war of liberation in retrospect has been one major preoccupation of the 1980s - but [Seite 9↓]approaches, styles and outlooks differ greatly, as do the ways in which writers try to come to terms with their past and present. Hence it is not surprising that no "classic" has emerged, no piece of literature that would have expressed, summarised and defined a Zimbabwean identity.14

Die vielfältigen Versuche, Identität zu stiften und die unterschiedlichen Perspektiven, aus denen heraus erzählt wird, spiegeln die weit in die postkoloniale Ära hineinreichenden Folgen von Kolonialismus. Für die afrikanische Literatur ist sicherlich Dambudzo Marechera von herausragender Bedeutung. Wie kaum ein anderer in seiner Zeit hat er aufs Schärfste gegen afrikanischen Nationalismus und sogenannte afrikanische Traditionen angeschrieben und dabei beharrlich an einer eigenen Erzählweise festgehalten. Er ließ sich weder inhaltlich noch formal auf eine, wie auch immer geartete, afrikanische Identität festlegen. Dies war in der afrikanischen Literatur bis in die '80er Jahre hinein eher selten und hat eine ganze Reihe von Autoren beeinflußt.15

Die Entwicklung, die die zimbabwische Literatur seit den späten '80ern, angeführt durch Tsitsi Dangarembga, genommen hat, ist für die afrikanische Literatur jedoch von weitaus größerer Bedeutung. Denn seit den '90ern kommen in Afrika vermehrt Schriftstellerinnen zu Wort, die den Aspekt Gender in den Mittelpunkt stellen. Ebenso wegweisend wie paradigmatisch ist hier Yvonne Vera. Wie Calixthe Beyala (Kamerun) oder Lindsey Collen (Mauritius/Südafrika) tritt sie einem männlichen Diskurs über weibliche [Seite 10↓] Körper entgegen. Diese Autorinnen schaffen ein neues Frauenbild, das den Erfahrungen, die Frauen im Laufe ihres Lebens machen können, Rechnung trägt und sich deutlich von den Weiblichkeitsentwürfen ihrer Kollegen absetzt.16 Dabei geht es immer auch um die Möglichkeit (für Frauen), sich auszudrücken. Für Calixthe Beyala zeigt Chris Dunton (1997), wie die Erschaffung einer neuen Weiblichkeit mit dem Durchbrechen des Schweigens zusammenhängt.

All of Beyala's novels locate and speak for that sense of a limit to communication - and in most of her work this is intensified into an acute sense of alienation and the compulsion to silence imposed on this. In every case the alienated subject is female and her alienation is from a society of men - that is, from the expectations men generally have of her and the way these expectations are formalized and legitimized within the community, not just by men but also by conservative women acting as their accomplices.17

Zimbabwische Autorinnen sind seit den späten '80ern federführend, wenn es darum geht, Frauen eine eigene Stimme zu geben. Weder Dangarembga noch Vera haben sich je von politischen oder gesellschaftlichen Konventionen abhalten lassen, mit Tabus zu brechen oder eigene Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Dies verbindet sie mit Dambudzo Marechera.

In der afrikanischen Literatur etabliert sich mit Dangarembga, Vera, Beyala und Collen eine neue Generation, die anders als ihre Vorgängerinnen über eine eigene Sprache verfügt. Und genau um diese Sprache geht es in der vorliegenden Arbeit. Folgt man Obioma Nnaemeka (1994), so hatte die erste Generation von Schriftstellerinnen noch keine wirklich eigene Stimme entwickelt.

By the time Flora Nwapa's Efuru, the first published novel written by an African woman, was published in 1966, a unique male literary tradition was already in place in Africa. The impact of this masculinist literary tradition on African women writers can hardly be overstated. One of the consequences of this situation was that, thematically and stylistically, African women writers [Seite 11↓]and particularly those of the first generation showed close affinities with their male counterparts.18

Inzwischen hat sich dies verändert. Verfolgt man die Entwicklung der afrikanischen Literatur von Frauen, so hat sie, abgesehen von der oralen Tradition, in der Frauen eine herausragende Rolle spielten, ihren Ursprung Mitte der '60er Jahre im Schreiben von Autobiographien.19 Dies ist eine Ausdrucksform, die wie kein anderes Genre der Erfahrung von Frauen Raum geben kann. "[F]or a woman to tell her own story was to call into being an image of autonomous selfhood"20, so Elleke Boehmer (1995). Flora Veit-Wild (1996) betont darüber hinaus, daß die Repräsentation des weiblichen Körpers mit dem Entstehen eines weiblichen Diskurses eng zusammenhängt. "The experience of women's own body and women's authorship are intrinsically linked. [...] The body can be seen as metaphoric as well as metonymic for the position of women in society, for her self-definition, her subjectivity, her power."21 Doch um ihren Körper wieder herzustellen, so Veit-Wild weiter, muß sie zuerst das Sprechen erlernen. "Woman first has to find her mouth, her voice before she can restore her body."22 Die aneignende Wiederherherstellung des Körpers erfolgt also über Sprache, die jedoch ohne das Wissen um den Körper niemals möglich wäre.

Der Zusammenhang zwischen Körper und Sprache ist also nicht zu übersehen und bildet auch in der vorliegenden Arbeit einen Schwerpunkt. Wichtig ist dabei zu beobachten, wie sich die Verhandlung des Themas Körper im Laufe der Zeit verändert hat. So stand der Aspekt Mutterschaft lange Zeit an erster Stelle. Jane Bryce-Okunlola (1991) zeigt, daß für Flora Nwapa, Bessie Head und Rebeka Njau die Identiät als Mutter Mittelpunkt ist. "Motherhood is the signifier of something fundamental to their identity, which these writers have made into a metaphor for creativity itself."23 Während also in den älteren Texten der afrikanischen Literatur weibliche Körper vielfach gleichgesetzt sind mit Geburt bzw. Mutterschaft, betrachtet die neue Literatur Körper aus [Seite 12↓] einem anderen Blickwinkel. Frauen sind nicht mehr nur Mütter, sondern eigenständige Menschen. Dazu gehört selbstverständlich auch eine eigene Sexualität.24

Angesichts ihrer internationalen Bedeutung steht die zimbabwische Literatur erstaunlich selten im Mittelpunkt der Afrika-Literaturwissenschaft. Erst in allerletzter Zeit hat sich dies geändert. Erste Schritte der Erforschung zimbabwischer Literatur begannen in den '80er Jahren. George Kahari widmete sich in zahlreichen Werken vor allem der Literatur in Shona.25 Musaemura Zimunya Studie von 1982 betrachtet die englischen Texte. Er stellt einen Zusammenhang zwischen Politik und Literatur her und fragt nach der Entstehungsgeschichte zimbabwischer Literatur.26 Beide jedoch lassen den Aspekt Gender außer acht. Die erste, die sich dem Bild der Frau in der zimbabwischen Literatur zuwendet, ist Rudo Gaidzanwa mit ihrem Buch Images of Women in Zimbabwean Literature (1995). Für die zimbabwische Literatur hat sie damit auf dem Feld der Genderforschung Pionierarbeit geleistet.27 Gaidzanwa ist für die vorliegende Arbeit von großer Bedeutung, da mit ihr gezeigt werden kann, ob und wie sich das Bild der Frau und vor allem die Körperkonzepte in der zimbabwischen Literatur verändert haben.

Herausragend ist jedoch in erster Linie die Forschung von Flora Veit-Wild. Von ihr stammt die erste umfassende Arbeit zur Sozialgeschichte der zimbabwischen Literatur. Sie stützt sich dabei auf die Biographien der SchriftstellerInnen und zeigt, welche Epochen und Strömungen es in der Literatur gibt. Darüber hinaus hat sie sich wie keine andere um das Werk von Dambudzo Marechera verdient gemacht.28 In den '80er und '90er Jahren sind [Seite 13↓] außerdem eine ganze Reihe von Einzelstudien entstanden, die jedoch die in den '80er Jahren begonnene systematische Erforschung der zimbabwischen Literatur nicht in diesem Umfang fortsetzen. An erster Stelle sei hier auf T.O. McLoughlin verwiesen. Neben der Herausgabe von Kurzgeschichten hat er zu den Themen Zeit, Identität und Landschaft gearbeitet.29 In Bezug auf Gender haben jedoch erst Flora Veit-Wild (1996+1997), Pauline Dodgson (1999), Eldred Jones (1996), Derek Wright (1997) und Penny Ludicke (1997) in den '90ern der literaturwissenschaftlichen Kritik eine entscheidende Richtung gegeben.30 In allerjüngster Zeit hat sich dies mit Ranka Primorak (2001) fortgesetzt, und Rino Zhuwarara (2001) hat wieder eine umfassende Studie zur zimbabwischen Literatur geliefert, die auch Yvonne Vera mit einbezieht.31 All diese Studien sind für die vorliegende Arbeit von großer Bedeutung, da sie an die von ihnen eröffnete Diskussion um weibliche Körper, Gewalt und Nation anknüpft.

Die sich in den '90er Jahren auftuende Forschungslücke ist besonders auffällig, da gerade die '90er Jahre mit Yvonne Vera eine Schrifstellerin hervorgebracht haben, die der zimbabwischen Literatur gewissermaßen ein neues Gesicht gegeben hat. Dies gilt sowohl für die Form als auch für den Inhalt. Mit dem Fokus auf eben diese Literatur der '90er Jahre und den inhaltlichen Schwerpunkten Gender, Nation, (weiblichem) Körper, Gewalt, Sprache und Erinnerung versucht die vorliegende Arbeit, diese Lücke in der Forschung zu schließen.


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In Anlehnung an Hannah Arendt (1969) wird hier ein Gewaltbegriff verwandt, der Gewalt als den Ersatz von Macht versteht. Wir "sollten wissen, daß jeder Machtverlust der Gewalt Tor und Tür öffnet, und sei es nur, weil Machthaber, die fühlen, daß die Macht ihren Händen entgleitet, der Versuchung, sie durch Gewalt zu ersetzen, nur sehr selten in der Geschichte haben widerstehen können."32 Gewalt ist Machterhalt. Für die vorliegende Arbeit ist dieses Verständnis von Gewalt besonders hilfreich, da es die hier diskutierten, sehr heterogenen Gewaltphänomene wie Kolonisation, Krieg, Vergewaltigung oder Kindsmord auf einen Nenner bringt. Gewalt ist bei Arendt ein Instrument, das Macht ersetzt und die Macht damit zugleich sichert. Macht und Gewalt sind also grundsätzlich verschieden, denn Gewalt erzeugt in erster Linie Gehorsam und keine Macht. "[E]in Akt der Gewalt erzwingt" "fraglosen Gehorsam". Dies ist ein Gehorsam, "auf den jeder rechnen kann, der mir die Pistole auf die Brust oder das Messer an die Kehle setzt, um mir die Handtasche zu entreißen oder eine Bank auszuplündern. Aber dieser Gehorsam erzeugt und verleiht keine Macht."33 Daher ist, so Arendt weiter, übertragen auf die Politik, die "Tyrannis [...] die gewalttätigste und zugleich ohnmächtigste aller Staatsformen".34 Gewalt hat bei Arendt in erster Linie einen "instrumentalen Charakter". "Gewalt ist ihrer Natur nach instrumental, wie alle Mittel und Werkzeuge bedarf sie immer eines Zwecks, der sie dirigiert und ihren Gebrauch rechtfertigt."35 Dieser Aspekt bildet den Hauptunterschied zur Macht. "Macht bedarf keiner Rechtfertigung, da sie allen menschlichen Gemeinschaften immer schon inhährent ist. [...| [Sie] bedarf der Legitimität." Dennoch räumt Arendt ein: "Obwohl Macht und Gewalt ganz verschiedenartige Phänomene sind, treten sie zumeist zusammen auf."36 Dies gilt auch für die in der vorliegenden Arbeit diskutierten Gewaltphänomene. Denn sowohl für Vergewaltigung, Kolonialismus und Mord gilt: "Macht und Gewalt sind Gegensätze: wo die eine absolut herrscht, ist die andere nicht vorhanden. Gewalt tritt auf den Plan, wo Macht in Gefahr ist; überläßt man sie den ihr selbst innewohnenden Gesetzen, so ist das Endziel, ihr Ziel und Ende, das Verschwinden von Macht."37 In diesem Sinne hat weder die Kindsmörderin noch der Vergewaltiger oder der Kolonialist Macht über seine Opfer. Denn die Gewalt hat die Macht ersetzt.


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Betrachtet man die zimbabwische Literatur, so offenbart sich der von Hannah Arendt hergestellte Zusammenhang von Macht und Gewalt vor allem bei Yvonne Vera. Zentrale Frage bei Vera ist zumeist die nach dem Opfer. Was geschieht mit ihm, wie wirkt und funktioniert Gewalt, und vor allem, welche Sprache steht dem Opfer zum Erzählen von Gewalterfahrung zur Verfügung. Der (weibliche) Körper steht hier im Mittelpunkt. In der zimbabwischen Literatur ist dies seit Tsitsi Dangarembga ein neuer Schwerpunkt und weist darauf hin, daß sich in der afrikanischen Literatur der Diskurs um den weiblichen Körper wandelt. So erzählt auch Yvonne Vera stets von Körper und Gewalt. Beides sind Themenbereiche, über die sowohl im literarischen als auch im politischen Diskurs weitestgehend geschwiegen wird. Doch Vera hat nicht nur sehr umstrittene Themen aufgegriffen, sondern auch die Art und Weise, wie sie davon erzählt, ist herausragend. In ihren Texten geht es nämlich keineswegs um die Tat an sich, sondern vielmehr um die Folgen dieser Gewalterfahrung. Mittelpunkt ist dabei stets die Erinnerung an das Ereignis und die Möglichkeiten, dieser Erinnerung eine sprachliche Form zu geben. So sind bei Vera die gleichen Szenen immer wieder aus einer anderen Perspektive beschrieben. Auf diese Weise entsteht ein dauernder Verweis auf die Form. Das Erzählen von Gewalt wirft also immer die Frage nach Sprache auf. Nicht die Tat an sich, sondern die Reflektion über das Erfassen der Tat steht im Mittelpunkt. Zentral für die Erzählung ist dabei stets die Sprachlosigkeit, die Gewalt zumeist auslöst, und der Prozeß, der nötig ist, um Gewalterfahrung in Worte zu fassen. Veras Texte sind daher in weiten Teilen von der Frage geleitet, wie über Gewalt erzählt werden kann. Auch in der vorliegenden Arbeit ist dies die zentrale Fragestellung. Anhand der zimbabwischen Literatur soll gezeigt werden, wie sich Gewalterfahrung in Erzähltext umsetzen läßt. Welche Strategien finden die unterschiedlichen Erzähler, um den Erfahrungen der Opfer gerecht zu werden und mit der Darstellung von Gewalt die Gewalt nicht zu reproduzieren. Ausgangspunkt der Überlegungen waren in erster Linie Yvonne Veras Texte, aus deren Lektüre heraus sich die Themen Körper und Gewalt quasi von selber stellen. Schwerpunkt der Arbeit ist dabei die Frage nach der Darstellbarkeit von Gewalt. Wie kann Gewalterfahrung in Erzähltext umgesetzt werden, und welche Rolle spielt dabei der weibliche Körper.

Die Hauptthese ist, daß Form und Inhalt aufs engste miteinander verwoben sind, denn der Inhalt hat entscheidenden Einfluß auf die Form. Das Erzählen von Gewalt macht dies besonders deutlich. Es hat in der zimababwischen Literatur geradezu eine Krise ausgelöst. Erst über die Reflexion der Frage [Seite 16↓] nach möglichen Abbildungen der Ereignisse läßt sich eine Form finden, die den Ereignissen gerecht wird und die ein Erzählen überhaupt möglich macht. Das Erzählen von Gewalt stellt also wie keine andere Erzählung die Form des Erzählens selber in Frage. Die Sprachlosigkeit angesichts von Gewalterfahrung und die oftmals unfassbare Dimension von Gewalt lassen sich erzählerisch nur schwer darstellen. Damit wird das Erzählen von Gewalt zu einer enormen Herausforderung an den Erzähler/die Erzählerin.

Methodisch bezieht sich die Arbeit dabei insbesondere auf Terry Eagleton (1983), der unter Literatur "eine spezifische Art der Sprachverwendung versteht". Die Analyse von Literatur ist daher immer von der Frage geleitet, wie Sprache verwendet wird und was dies bewirkt. Denn, so Terry Eagleton, ähnlich wie man eine Maschine untersuchen und verstehen kann, kann man auch einen literarischen Text analysieren. Nur wenn man versteht, wie der Text funktioniert, kann man überhaupt etwas über den Text aussagen. Mit den russischen Formalisten lenkt Eagleton "die Aufmerksamkeit auf die materielle Seite des literarischen Textes".

[Literatur] hat ihre eigenen, speziellen Gesetze, Strukturen und Verfahren, die als solche untersucht und nicht auf etwas anderes reduziert werden sollten. Das literarische Werk ist weder Transportmittel für Ideen noch die Widerspiegelung der sozialen Realität oder die Verkörperung einer transzendentalen Wahrheit: es ist ein materielles Faktum, dessen Funktionen analysiert werden können, so ähnlich wie man eine Maschine untersucht.38

Diese Definition von Literatur lenkt den Blick zunächst auf den Text selbst. Doch Terry Eagleton betont, daß Literaturtheorie niemals frei von Politik ist. "'[R]eine' Literaturtheorie ist ein akademischer Mythos."

[J]eder Theoriebereich, der sich mit menschlicher Bedeutung, Werten, Sprache, Gefühlen und Erfahrungen beschäftigt, verbindet sich unausweichlich mit umfassenderen, tieferen Überzeugungen bezüglich der Natur der menschlichen Individuen und Gesellschaften, den Problemen von Macht und Sexualität, Interpretation der Vergangenheit, Versionen der Gegenwart und Hoffnungen für die Zukunft.39

Auch die vorliegende Arbeit geht zunächst von den Texten aus. Sie versucht zu zeigen, wie die Texte in sich funktionieren und vor allem, was sie aussparen. Erst in einem zweiten Schritt werden dann in intertextuellen Bezügen, im historisch politischen Kontext und mit Hilfe der theoretischen [Seite 17↓] Diskurse um Kolonialismus, Dekolonisation, Postkolonialismus, Macht und Gender weitere mögliche Erklärungsmuster gefunden.

Insbesondere die intertextuellen Bezüge sind hier von großer Bedeutung, denn der Zusammenhang von Körper, Nation, Gender, Gewalt, Sprache und Erinnerung zeigt sich oftmals erst im Vergleich mit anderen AutorInnen. Hilfreich sind hier vor allem die Texte von Nawal El Saadawi und Assia Djebar.40 Doch auch andere AutorInnen in und außerhalb Zimbabwes haben sich seit den '90ern verstärkt mit der Frage nach Abbildung befaßt. In diesen Kontext soll Vera eingeordnet werden, und aus diesem Kontext heraus kann man versuchen, ihre Texte zu erfassen. Denn mit Juliana Makuchi Nfah-Abbenyi (1997) versteht die vorliegende Arbeit die afrikanische Literatur, insbesondere die von Frauen, auch als theoretische Texte. Diese Texte stellen konventionelle literarische Formen in Frage, indem sich die Autorinnen und zumeist auch die Erzählerinnen aus einer doppelten Unterdrückung als weibliches und kolonialisiertes Objekt herausschreiben und damit ihren eigenen Raum erobern.

I see in the act of reclaiming and the recovery of African women's texts a practice of writing and theory not common to feminist politics and praxis. Recovering this fiction belongs to the realm of recovering some forms of African indigenous theory [...], those forms of theory that sometimes rewrite or redefine conventional theory, with their theoretical practice existing in unconventional places such as women's fiction. Consequently, these texts can be read as "fictionalized theory" or as "theorized fiction". We have seen in the works of these women writers "indigenous" theory that is autonomous and self-determining, the theory often being in the polymorphous and heterogenous nature of the texts themselves.41

In Anlehnung an Nfah-Abbenyi wird in der vorliegenden Arbeit die zimbabwische Literatur immer wieder in den Kontext anderer afrikanischer [Seite 18↓] Literatur gestellt. Oftmals wird erst dadurch der Zusammenhang zwischen Gewalt, Körper und Erzählung deutlich.

Mit Ranka Primorac hält die Studie Distanz zu einer Lesart, die einem sozio-politischen Paradigma verpflichtet ist. "[T]his article distances itself from prescriptively-minded debates striving to subordinate literary worlds ontologically to 'real' ones - then wondering whether they are sufficiently 'African', or live up to other criteria of what constitutes the realness of 'reality'. In Zimbabwe such debates are still ongoing"42. Ebenso wird hier kein Abgleich mit einer wie auch immer gearteten zimbabwischen "Realität" gesucht. "African fiction doesn't in any simple way 'reflect' historical 'reality', or 'document' African life."43 Dies gilt sicherlich für Literatur überhaupt, doch die deutsche Afrika-Literaturwissenschaft hat afrikanische Literatur lange Zeit als ethnologische Quellen verstanden. Davon distanziert sich die vorliegende Arbeit. Im Mittelpunkt steht die zimbabwische Literatur der '90er Jahre, vor allem aber die Texte von Yvonne Vera. Zentral sind dabei die Fragen nach Nation, (weiblichem) Körper, Gender, Gewalt, Sprache, und Erinnerung.


Fußnoten und Endnoten

1 In Anlehnung an die anglo-amerikanische Diskussion wird hier der Begriff "gender" verwendet. Er bezeichnet das soziale Geschlecht und steht damit im Gegensatz zu dem Begriff "sex", der das biologische Geschlecht meint. Um orthographische Einheitlichkeit zu bewirken, wird "gender" groß geschrieben (Gender). Zur Diskussion um die Begriffe vgl. Lindemann, Gesa: "Geschlecht und Gestalt: Der Körper als konventionelles Zeichen der Geschlechterdifferenz." In: Pasero, Ursula, Friederike Braun (Hrsg.): Konstruktion von Geschlecht . Pfaffenweiler 1995. S. 115-142.

2 Zu seinem Leben und Werk vgl. u. a. Veit-Wild, Flora: Dambudzo Marechera: A Source Book on his Life and Work . London 1992.

3 Zu Marechera und Nation vgl. u. a. Gaylard, Gerald: "Dambudzo Marechera and National Criticism." English in Africa. 20/2, 1993. S. 89-105 und O'Brien, Anthony: "Against the Democracy Police: The Contradictions of Nation-Language in Dambudzo Marechera's House of Hunger." Current Writing. 6/2, 1994. S. 77-91.

4 Vgl. dazu Veit-Wild, Flora: Teachers, Preachers, Non-Believers. A Social History of Zimbabwean Literature. London 1992. Veit-Wild liefert hier einen umfassenden Überblick über die Geschichte der zimbabwischen Literatur bis in die '80er Jahre hinein.

5 Wright, Derek: New Directions in African Fiction. New York 1997. S. 108.

6 Ebd. S. 109. Die zimbabwischen Autorinnen waren damit in einer gleichen Lage wie viele Sängerinnen. "Susan Mapfumo may have lent her voice to the nationalist discourse, but moved beyond it to construct a woman's discourse of gender relations which made the private public. Some of her songs [...] bit very deep into male patterns of abuse of their wives. In their subjectivity and concern with the crucial everyday patterns of life, and their publicising of the domestic domain, such songs contrasted both with the iconic role often assigned to women during nationalist struggles and with the stereotypes of 'faithless women' which feed so easily into the wider, overarching image of loose urban women. Hence the images of the wronged and angry wife which emerge from her songs interrogate and destabilise the supremacy of the symbolic figure of Nehanda in much the same way as women's texts such as Ba's So Long a Letter and Titsi Dangarembga's Nervous Conditions interrogate the static female images in, for instance, the Negritude poetry of Leopold Senghor." Chitauro, Moreblessings, et al.: "Song, Story and Nation: Women as singers and actresses in Zimbabwe." In: Liz Gunner (Hrsg.): Politics and Performance. Theatre, Poetry and Song in Southern Africa. Johannesburg 1994.S. 128.

7 Veit-Wild, Flora: Teachers, Preachers, Non-Believers. A Social History of Zimbabwean Literature. London 1992. S. 331.

8 Veit-Wild, Flora: "'Women Have No Mouth': Body, Pain and Authorship in African Women's Writing." ZiF Sonderbulletin. "Curriculum Transformation." Humboldt-Universität. May 21-22 1996. S. 40.

9 Dodgson, Pauline: "Coming in From the Margins: Gender in Contemporary Zimbabwean Writing." In: Deborah Madsen (Hrsg.): Post-Colonial Literatures. Expanding the Canon. London 1999. S. 88.

10 Vgl. dazu insbesondere Veit-Wild, Flora: "'Dances with Bones': Hove's Romanticized Africa." RAL. 24, 3, 1993. S. 5-12.

11 Zhuwarara, Rino: "Men and Women in a Colonial Context: A Discourse on Gender and Liberation in Chenjerai Hove's 1989 NOMA Award-Winning Novel - Bones." Zambezia . 21/1, 1994. S. 17.

12 In Anlehnung an die anglo-amerikanische Diskussion wird hier der Begriff "race" verwandt, da der deutsche Begriff Rasse durch die sogenannten Rassenlehren des Nationalsozialismus bereits belegt ist. Um orthographische Einheitlichkeit zu bewirken, wird der Begriff groß geschrieben (Race).

13 Nyamubaya machte in ihren Texten als erste auf die Gewalt zwischen den KämpferInnen aufmerksam und erzählte in ihren Gedichten von ihrer eigenen Vergewaltigung durch einen Kombatanten. Vgl. dazu Nyamubaya, Freedom T. V.: On The Road Again. Harare 1986 und dies.: Dusk of Dawn. Harare 1995.

14 Veit-Wild, Flora: Teachers, Preachers, Non-Believers. A Social History of Zimbabwean Literature. London 1992. S. 2.

15 Flora Veit-Wild vergleicht Marechera mit Sony Labu Tansi und zieht dabei eine Parallele zum französischen Surrealismus. "Die zentrale Stellung, die der Impuls und der unbeschränkte Wille des schreibenden Subjekts bei Sony und Marechera einnehmen, verbindet sie mit der europäischen Moderne, insbesondere mit der Stilrichtung und Geisteshaltung der Surrealisten, für die der Dichter nur den Bewegungen seines eigenen Inneren, des Unbewußten im psychoanalytischen Sinne, folgen solle. Ziele sind allein die Befreiung aller Sinne und die bewußte Provokation des Lesers. Wenn es nicht darum geht, eine Lehre oder Moral zu vermitteln, wird Schreiben zum Umgang mit Wortern als solchen, zum Wortspiel." Veit-Wild, Flora: "'Dégueuler la honte': Sprachmacht bei Sony Labu Tansi und Dambudzo Marechera." Neue Romania. Afro-Romania. Hg. v. Dirk Naguschewski. 23, 2000. S. 131. Die in Marecheras und Sonys Texten beschriebenen Gewaltexzesse in Krieg und Diktatur, wie Vergewaltigung, Mord, Massaker, Folter etc. finden sich in ganz ähnlicher Form auch in Rachid Mimounis Tombéza . Aus der Perspektive des Antihelden Tombéza, Frucht einer Vergewaltigung, aufgrund prä- und postnataler Mißhandlung seelisch und körperlich mißgebildet, wird die Geschichte der algerischen Revolution erzählt. Wie in allen Romanen Mimounis ist, so Bernard Aresu, auch in Tombéza ein hypersensitives Geschichtsbewußtsein Motor der Erzählung. "They proceed from a hypersensitive awareness of history. The disillusionment grows deeper with each novel, sounding the death knell of a doomed project, voicing the anti-utopian knowledge that the democratic process has failed, that it has been usurped by the political forces of centralization and by corruption." Aresu, Bernard: "Narrating the Tribe: Rachid Mimouni and Dystopia." RAL 30/3, 1999. S. 136. Vgl. dazu Mimouni, Rachid: Tombéza. Paris, 1984.

16 Bei Lindsey Collen sind Vergewaltigung, Schwangerschaftsabbruch und Magersucht nur einige der Schicksale, die die Figuren erleben. Zu Lindsey Collen vgl. u. a. Thomas, Sue: "Memory Politics in the Narratives of Lindsey Collen's The Rape of Sita." In: Wright, Derek (Hrsg.): Contemporary African Fiction. Bayreuth 1997. S. 123-137. Für die frankophone Literatur ist sicherlich Calixthe Beyalas Werk herausragend. Hier geht es stets um den Körper der Frau, um Lust und Gewalt und die für diese Erfahrung zur Verfügung stehende Sprache.

17 Dunton, Chris: "To Rediscover Woman: The Novels of Calixthe Beyala." In: Wright, Derek (Hrsg.): Contemporary African Fiction. Bayreuth 1997. S. 212.

18 Nnaemeka, Obioma: "From Orality to Writing: African Women Writers and the (Re)Inscription of Womanhood." RAL . 24,4, 1994. S. 140.

19 Die ersten Autobiographien sind von Adelaide Casely-Hayford, Noni Jabavu, Nafissatou Diallo und Ellen Kuzwayo.

20 Elleke Boehmer: Colonial and Postcolonial Literature. Migrant Metaphors. Oxford 1995. S. 225.

21 Veit-Wild, Flora: "'Women Have No Mouth': Body, Pain and Authorship in African Women's Writing." ZiF Sonderbulletin. "Curriculum Transformation." Humboldt-Universität. May 21-22 1996.S. 37.

22 Ebd. S. 41.

23 Bryce-Okunlola, Jane: "Motherhood as a Metaphor for Creativity in Three African Women's Novels: Flora Nwapa, Rebeka Njau and Bessie Head." In: Nasta, Susheila (Hrsg.): Motherlands. Black Women's Writing from Africa, the Caribbean and South Asia. London 1991. S. 216.

24 Vereinzelt findet sich dies auch schon in der Literatur der '80er Jahre. So empfindet Medina aus Nuruddin Farahs Sardines explizit körperliche Lust, obwohl ihr als beschnittener Frau eines der wichtigsten Sexualorgane fehlt. Die Frau, der als Kind ihre Sexualität genommen werden sollte, triumphiert damit über eine Gesellschaft, die eine solche Verstümmelung von Frauen überhaupt erst zuläßt. Dies hält den Autor jedoch nicht davon ab, sich eines Klischees zu bedienen, das alle weiblichen Figuren, die keine Kinder bekommen können, als zukunftsunfähig beschreibt. Vgl. dazu Farah, Nuruddin: Sardines . London 1981. Zu Beschneidung vgl. u. a. Lightfoot-Klein, Hanny: Das grausame Ritual. Sexuelle Verstümmelung afrikanischer Frauen . Frankfurt a. M. 1992. (Engl. Erstausgabe: 1989).

25 Vgl. dazu Kahari, George: The Search for Zimbabwean Identity.Gweru 1980; ders.: Aspects of the Shona Novel. Gweru 1986; ders.: The Rise of the Shona Novel. Gweru 1990 und ders.: Plots and Characters in Shona Fiction. Gweru 1990.

26 Vgl. dazu Zimunya, Musaemura: Those Years of Drought and Hunger. Gweru 1982.

27 Vgl. dazu Gaidzanwa, Rudo: Images of Women in Zimbabwean Literature. Harare 1985.

28 Vgl. dazu u.a. Veit-Wild, Flora: Teachers, Preachers, Non-Believers. A Social History of Zimbabwean Literature. London 1992; dies.: Dambudzo Marechera: A Source Book on his Life and Work. London 1992 und Veit-Wild, Flora, Anthony Chennells (Hrsg.): Emerging Perspectives on Dambudzo Marechera. Trenton 1999, sowie die drei Nachlaßbände Marechera, Dambudzo: Cementry of Mind.Harare 1992; ders.: The Black Insider. Harare 1995. (Erstausgabe: 1990) und ders.: Scrapioron Blues. Harare 1995. (Erstausgabe: 1994).

29 Vgl. dazu McLaughlin, T.O.: "The Past and the Present in African Literature; Examples from Contemporary Zimbabwean Fiction." Cultural Review of the Negro. 132, 1984. S. 93-107; ders.: "Cultural Authenticity in Black Zimbabwean Literature." In: D. Rochay, P.Dakeyo (Hrsg.): Nouvellas du Sud. Littératures et Antropologie. 1986 S. 79-88; Ders. (Hrsg.): The Sound of Snapping Wires. A Selection of Zimbabwean Short Stories. Gweru 1994 (Erstausgabe: 1990); ders.: "Ways of seeing the Rural Landscape in Zimbabwean Fiction and Painting." Commonwealth Essays and Studies. 14 (2), 1992. S. 61-68.

30 Vgl. dazu Dodgson, Pauline: "Coming in From the Margins: Gender in Contemporary Zimbabwean Writing." In: Deborah Madsen (Hrsg.): Post-Colonial Literatures. Expanding the Canon. London 1999. S. 88-103; Jones, Eldred D.: "Land, War & Literature in Zimbabwe: A Sampling." New Trends and Generations in African Literature Today. 20, 1996. S. 50-61; Ludicke, Penny: "Writing from the Inside-Out, Reading from the Outside-In: A Review of Yvonne Vera's Nehanda and Without a Name." In: Wright, Derek (Hrsg.): Contemporary African Fiction. Bayreuth 1997. S. 67-73; Veit-Wild, Flora: "Women Have No Mouth": Body, Pain and Authorship in African Women's Writing.ZiF Sonderbulletin. "Curriculum Transformation." Humboldt-Universität. May 21-22 1996; dies.: "Furchtbar statt fruchtbar. Der weibliche Körper in der afrikanischen Literatur." iz3w . März 1997. S. 38-41; Wright, Derek: New Directions in African Fiction. New York 1997.

31 Vgl. dazu Primorac, Ranka: "Crossing into the Space-Time of Memory: Borderline Identities in Novels by Yvonne Vera." Journal of Commonwealth Literature. 36, 2, 2001. S. 77-93 und Zhuwarara, Rino: Introduction to Zimbabwean Literature in English. Harare 2001.

32 Arendt, Hannah: Macht und Gewalt . München 1996. (Am. Erstausgabe: 1969). S. 86.

33 Ebd. S. 42.

34 Ebd. S. 43.

35 Ebd. S. 52.

36 Ebd. S. 53.

37 Ebd. S. 57.

38 Eagleton, Terry: Einführung in die Literaturtheorie . Stuttgart 1997. (Engl. Erstausgabe: 1983). S. 2 u. 3.

39 Ebd. S. 188.

40 Da sowohl Kriegsschauplätze als auch die Berichterstattung über diese Schlachtfelder männlich dominiert sind, betritt Djebar mit Fantasia , einem Text über Krieg, ein männlich geprägtes Feld des Erzählens und eröffnet damit eine neue Sicht auf Krieg. Schon allein aus diesem Grund ist der Text herausragend. Dejbar hat als Historikerin einen klar geschichtsphilosophischen Ansatz. Zum Teil macht es den Eindruck, als beziehe sie sich direkt auf die Theorien von Hayden White, der unermüdlich auf die Verbindung zwischen Form und Inhalt verweist. Vgl. dazu u. a. White, Hayden: Die Bedeutung der Form. Erzählstrukturen in der Geschichtsschreibung. Frankfurt a. M. 1990. (Am. Erstausgabe:1987). Kriegsberichterstattung ist ein männliches Feld. Als eine der ersten Kriegsberichterstatterinnen hat sich nach dem 2. Weltkrieg Oriana Fallaci einen Namen gemacht. Vor allem ihr Tagebuch aus dem Vietnamkrieg hat für Aufsehen gesorgt. Vgl. dazu Fallaci, Oriana: Wir, Engel und Bestien. Ein Bericht aus dem Vietnamkrieg . München 1985. (Ital. Erstausgabe: 1969).

41 Nfah-Abbenyi, Juliana Makuchi: Gender in African Women's Writing. Identity, Sexuality, and Difference. Bloomington 1997. S. 149.

42 Primorac, Ranka: "Crossing into the Space-Time of Memory: Borderline Identities in Novels by Yvonne Vera." Journal of Commonwealth Literature. 36, 2, 2001. S. 78. Gleichzeitig distanziert sich die Arbeit natürlich auch von einem Verständis afrikanischer Literatur, die diese "mit Märchen und Erzählungen aus der oralen Tradition [...] mit exotischen Sprachen und Gebräuchen" in Verbindung bringt oder sie gar ausschließlich als politisch versteht. Denn mit Flora Veit-Wild (1996) kann man damit der Literatur nicht gerecht werden. "Indem man diese Literatur festschreibt auf das Exotische, entmündigt man sie, spricht ihr ab, gleichwertiger Teil des internationalen, kritischen Diskurses über Weltliteratur zu sein." Veit-Wild, Flora: Karneval und Kakerlaken. Postkolonialismus in der afrikanischen Literatur. Antrittsvorlesung 8. Februar 1995. Öffentliche Vorlesungen . Humboldt Universität zu Berlin 1996. S. 3-4. Flora Veit-Wild und Anthony Chennells zeigen in Bezug auf Marecheras Werk, wie sinnlos eine Debatte um afrikanische Authentizität ist. Vgl. dazu Veit-Wild, Flora, Anthony Chennells: "Introduction: The Man Who Betrayed Africa." In: Dies. (Hrsg.): Emerging Perspectives on Dambudzo Marechera. Trenton 1999. S. xi-xix.

43 Calder, Angus: "The New Zimbabwe Writing and Chimurenga." Wasafiri. 22/1995. S. 35.



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29.01.2004