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1  Die zimbabwische Nation und der Diskurs um den weiblichen Körper

Die Frage nach Nation und die daran geknüpfte Vorstellung von Tradition sind in der Diskussion um Kolonialismus und Postkolonialismus von herausragender Bedeutung. Wie Terence Ranger (1983) verdeutlicht, ging der Kolonialismus einher mit einer ganzen Reihe von Erfindungen, die sowohl für die Kolonialisten als auch für die Kolonisierten identitätstiftend waren und ihre jeweiligen Rollen rechtfertigte.

The 1870s, 1880s and the 1890s were the time of a great flowering of European invented tradition - ecclesiastical, educational, military, republican, monarchical. They were also the time of the European rush into Africa. There were many complex connections between the two processes. The concept of Empire was central to the process of inventing tradition within Europe itself [.]1

Dies ist, so Terence Ranger weiter, zugleich Teil der europäischen wie auch der modernen afrikanischen Geschichte. Denn um die Kolonien überhaupt beherrschen zu können, haben britische Kolonialbeamte Traditionen festgeschrieben, die im afrikanischen Kontext sicherlich anders hätten ausgelegt werden können. "Their own respect for 'tradition' disposed them to look with favour upon what they took to be traditional in Africa. They set about to codify and promulgate these traditions, thereby transforming flexible custom into hard prescription."2 Zu den auf Afrika weitestgehend übertragenen Erfindungen gehört sicherlich auch das Konzept von Nation.3

Die Nation, als Phänomen der Moderne, ist jedoch keine reine oder gar willkürliche Erfindung. Anthony Smith (1996) gibt zu bedenken, daß die Nation sowohl Konstrukt als auch realer Prozess ist. Denn die Bezugspunkte (Vorfahren, Terretorium, etc.) sind, zumindest als Text, vielfach tatsächlich vorhanden. "[T]he nation that emerges in the modern era must be regarded as both construct and real process, and that in a dual sense. For the analyst, a [Seite 20↓]'nation' represents an ideal-type combining elements in accentuated form, but equally needs to be broken down into the constituent dimensions of process to which the construct refers."4 Ähnlich argumentiert Radhika Mohanram (1999).

It is a critical commonplace to suggest that in a postmodern, transnational theory-world, notions such as a "pure" national or racial identity are anachronistic or outmoded concepts, since a postmodern understanding of identity is based on a comprehension of nation and race as arbitrary or as a political construct. Yet subjects have a close relationship with the landscape that surrounds them, a relationship which shapes their bodies and perceptions, forms their knowledge and informs their sence of aesthetics.5

Nation ist daher mit Etienne Balibar (1996) als etwas Prozeßhaftes zu verstehen. Ein Prozeß, in dem sich eine Nation jeden Tag neu erfindet. "The myth of origins and national continuity [...] is [...] an effective ideological form, in which the imaginary singularity of national formations is constructed daily, by moving back from the present to the past."6 Diese Bewegung wird sowohl in der Historiographie als auch in der Literatur vollzogen, denn die Nation manifestiert sich, wie Ella Shohat und Robert Stam (1994) für das Kino zeigen, in Geschichten. "Beliefs about the origins and evolution of nations often crystallize in the form of stories."7 Nationalismus ist, so Anne McClintock (1996), eine historische Praxis, in der sich Differenz zugleich erfindet und formiert.8

Wie schwierig der Begriff Nation überhaupt zu fassen ist, zeigt sich bei Homi Bhabha (1990). Klar scheint nur der westliche Ursprung einer Idee von Nation.

The western nation [is] an obscure and ubiquitous form of living the locality of culture. The locality is more around temporality then about historicity: a form of living that is more complex than "community"; more symbolic than "society"; more connotative than "country"; less patriotic than patrie; more rethorical than the reason of state; more mythological than ideology; less [Seite 21↓]homogeneous than hegemony; less centered than the citizen; more collective than "the subject"; more psychic than civility; more hybrid in the articulation of cultural differences and identifications - gender, race or class - than can be represented in any hierarchical or binary structuring of social antagonism.9

Die Nation ist nach Bhabha also zum einen eine erzählerische Strategie und zum anderen ein Apparat der Macht.10 Kaum ein anders Konzept ist wohl vielfältiger und ambivalenter als das der Nation. Folgt man Andrew Parker et al. (1992), gelingt die Beschreibung einer nationalen Identität in erster Linie durch Abgrenzung.

[N]ationality is a relational term whose identity derives from its inherence in a system of differences. In the same way that "man" and "woman" define themselves reciprocally (though never symmetrically), national identity is determined not on the basis of its own intrinsic properties but as a function of what it (presumably) is not.11

Damit funktioniert Nation ähnlich wie Gender und Race.

Ein einheitliches Konzept von Nation gibt es nicht. Der Ursprung der jeweiligen Nationen kann, so Ernest Renan (1990), in Anbetracht der individuellen historischen Entwicklungen durchaus unterschiedlich sein. "The modern nation is [...] a historical result brought about by a series of convergent facts."12 Immer sind es jedoch, so Ernest Renan weiter, zwei Bezugspunkte, die eine Nation ausmachen.

A nation is a soul, a spiritual principle. Two things, which in truth are but one, constitute this soul or spiritual principle. One lies in the past, one in the present. One is the possession in common of a rich legacy of memories; the other is present-day consent, the desire to live together, the will to perpetuate the value of the heritage that one has received in an undivided form. Man [...] does not improvise. The nation, like the individual, is the culmination of a long past of endeavous, sacrifice, and devotion. Of all cults, that of the ancestors is the most legitimate, for the ancestors have made us what we are. A heroic past, great men, glory [...], this is the social capital upon which one bases a national idea. To have common glories in the past and to have a common will in the [Seite 22↓]present; to have performed great deeds together, to wish to perform still more - these are the essential conditions for being a people.13

Für die zimbabwische Nation trifft dies ganz genau. Insbesondere die Rückbesinnung auf die Ahnin Ambuya Nehanda verdeutlicht die Rolle, die die Vergangenheit für eine Nation am Beginn ihrer Existenz spielen kann.14 Daß die zimbabwische Gesellschaft sich dennoch sehr stark in Shona auf der einen und Ndebele auf der anderen Seite gespaltet hat und noch immer spaltet, wird seitens der Politiker immer wieder geleugnet.15

Das Besondere an der zimbabwischen Geschichte ist, daß die Vergangenheit, auf die sich die junge Nation bezieht, durch eine Frau - nämlich Nehanda - symbolisiert wird. Diese Frau wird jedoch sowohl im politischen als auch im literarischen Diskurs nicht als Frau wahrgenommen. Erst mit Yvonne Veras Nehanda (1993) ändert sich dies. Hier ist Nehanda in einen deutlich weiblichen Kontext verortet, um von dort aus ihre Geschichte zu erzählen. Neben Nehanda haben im Zuge der Befreiung auch andere Frauen eine wichtige Rolle gespielt: die Kämpferinnen des 2. Chimurengas, des zimbabwischen Befreiungskriegs. Betrachtet man jedoch sowohl die Literatur als auch die Politik Zimbabwes, so scheinen diese Frauen aus dem Bewußtsein der nationalen (oder auch antinationalen) Bewegung weitestgehend gestrichen zu sein. Die Kämpferinnen gehören sicherlich zu den am meisten unterschätzten und verleumdeten Figuren der jüngeren zimbabwischen Geschichte. Dabei wäre es naheliegend gewesen, sie als Töchter Nehandas zu etablieren, und sie damit vor der Verachtung durch die eigenen Leute zu schützen. Die neuen Machthaber haben dies versäumt, und auch die Literatur tut sich mit den Kämpferinnen schwer. Eine ausgesprochene Heldinnengeschichte mit siegreichen und glücklichen Kämpferinnen gibt es nicht. Und auch das Gegenbild, eine [Seite 23↓] Anitheldinnengeschichte, wie etwa Shimmer Chinodyas Harvest of Thornes (1989), fehlt.

Betrachtet man die Frauen, die für ihr Land kämpften, so stellt sich die Frage, welche Beziehung Frauen überhaupt zu diesem Land haben können. In Veras Texten finden sich immer wieder Hinweise darauf, daß bei der Wahrnehmung von und der Identifizierung mit Land Gender eine nicht zu vernachlässigende Kategorie bildet. Als beispielsweise Mazvita aus Without a Name (1994) von einem Soldaten vergewaltigt wird, sind Mann und Land eng miteinander verbunden. Mehr noch als ihren Vergewaltiger haßt Mazvita das Land, auf dem sie vergewaltigt wurde. Als logische Konsequenz flüchtet sie und begibt sich in die Stadt.

Auch in Veras Crossing Boundaries (1992) zeigt sich, wie eng Nation und Land mit dem weiblichen Körper verwoben sind. Denn Nora und MaMoyo wollen ebenfalls ihr Land verlassen. Wie in keinem anderen Text der zimbabwischen Literatur ist hier Genderdifferenz in Bezug auf die Landfrage herausgearbeitet worden. Vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs zeigt sich, wie die Identifikation mit Land primär durch Gender und nicht etwa durch die Herkunft bestimmt sein kann. Mit dem Fokus auf Gender wirft Crossing Boundaries auch die Frage nach dem Zusammenhang von weiblichem Körper und Land auf. Denn Charles glaubt über den Körper seiner Frau ähnlich verfügen zu dürfen wie über sein Land, alles unter dem Deckmantel von "Liebe". Wie so oft zeigt sich auch in diesem Text, daß die Beziehung zur Nation und der sich daraus ergebende Nationalismus hoch erotisiert ist. "Whenever the power of nation is invoked [...] we are more likely than not to find it couched as a love of country: an eroticized nationalism"16, so Andrew Parker et al.. Charles versteht Noras Körper wie auch das Land als sein Eigentum, das er gegen die Schwarzen verteidigen muß. Als Nora dann mit James über ein Stück des Landes verhandelt, ergibt sich ein ähnliches Bild. Während sie versucht, sich ihrem Angestellten körperlich zu entziehen, ist sie gleichzeitig darum bemüht, ihm seine Bitte um Land abzuschlagen. Der Körper der Frau ist also eng mit dem Land verwoben, obwohl sie sich nicht mit dem Land identifizieren kann. Diese Spannung trägt dazu bei, daß Crossing Boundaries ein in der zimbabwischen Literatur herausragender Text ist.


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1.1  Frauen und Krieg

Die Beziehung, die Frauen im allgemeinen zu ihrer Nation haben können, unterscheidet sich signifikant von der der Männer. Zwar ist auch nicht allen Männern der Zugang zu den Privilegien, die eine Nation bieten kann, gesichert, insbesondere wenn sie über eine der nationalen Identität nicht entsprechenden Herkunft verfügen, doch keine Nation garantiert Frauen die gleichen Rechte wie Männern.17 Dies zeigt sich, so Anne McClintok (1996), ganz deutlich anhand des Nationalstaates.

Nations are contested systems of cultural representation that limit and legitimize people's access to the resources of the nation-state. But despite many nationalists' investment in the idea of popular unity, nations have historically amounted to the sanctioned institutionalization of gender difference. No nation in the world grants women and men the same access to the rights and recourses of the nation-state.18

Folgt man Anne McClintock, dann ist gerade die Genderdifferenz eine der wichtigsten Größen innerhalb dieses Systems. Auf ihr beruht die Repräsentation männlicher nationaler Macht. "All too often in male nationalisms, gender difference between women and men serves to define symbolically the limits of national difference and power between men." Doch obwohl Frauen fast keinen Zugang zu dieser Macht haben, dienen sie der Nation auf vielfältige Weise als Symbol. "Women are typically constructed as the symbolic bearers of the nation, but are denied any direct relation to national agency."19 Paradigmatisch ist in dieser Hinsicht sicherlich das Schicksal von Winnie Mandela. Desiree Lewis (1996) zeigt, wie sich diese Frau stets geweigert hat, passives Objekt oder Opfer zu sein und immer eine eigene Stimme hatte. Zunächst, solange ihr Mann im Gefängnis saß, ging dies gut, denn ihre Stimme galt als die Stimme ihres Mannes. "Her acclaim [Seite 25↓]extended beyond South Africa as she was defined both as symbol of assertive black womenhood and as a figure of black anger and defiance." Doch nach Mandelas Freilassung verlor sie ihre Rolle. "The father of the nation had been released, and the mother of the nation, the articulated and vocal proxy of Mandela, the definitive symbol of suffering and resistance, had no role in relation to Nelson Mandela's symbolic centrality."20 Da sie sich weigerte "die Frau an seiner Seite" zu sein, wurde sie moralisch und politisch demontiert.

Noch weniger als mächtige Politikerinnen können Frauen Soldatinnen oder gar siegreiche Kämpferinnen sein. Ihre Genderzugehörogkeit steht ihnen immer im Weg.21 Dies gilt auch für die Frauen, die in der zimbabwischen Befreiungsarmee dienten. Egal in welchem Krieg Menschen kämpfen, sie werden immer als Männer wahrgenommen. Entpuppen sich die Kämpfer dennoch als Frauen, so betrachtet man sie nicht als reguläre Soldatinnen einer Armee, sondern als Zivilistinnen. Die Tragweite einer solchen Wahrnehmung zeigt sich überdeutlich, wenn weibliche Truppenmitglieder in die Hände der Feinde geraten. Denn wie die eigene Truppe sehen auch die Gegner in diesen Frauen keine ordentlichen Angehörigen der Armee. Für sie sind sie vielmehr die Frauen des Gegners, die, wie Perko und Pechriggl (1996) zeigen, "als Zielscheibe kriegerischer Gewalt [...] immer schon zutiefst sexualisiert" sind. Es heißt, sie zu "erobern". Die Frauen werden vergewaltigt. "[I]n der 'Eroberung' liegt die Analogie, welche die Vergewaltigung der gegnerischen Frauen [...] zum staatssymbolischen Akt erhebt."22 Dies hat weitreichende Folgen für ihre Gefangenschaft. So erging es den Soldatinnen der Roten Armee ganz ähnlich wie denen des Vietcong. Beide galten nicht als Truppenangehörige. Gefangen genommene Rotarmistinnen beispielsweise wurden von der Deutschen Wehrmacht nicht als Soldatinnen wahrgenommen, damit der Militärgerichtsbarkeit enthoben und sofort erschossen. Die GI's ihrerseits sahen in den Vietcong-Kämpferinnen lediglich Huren, die sie vor und nach ihrer Erschießung oftmals noch vergewaltigten.23


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Die sexuelle Gewalt gegen Frauen in Kriegszeiten macht deutlich, so Robin May Schott (1997), daß nicht etwa Faktoren wie Race oder Klasse sondern allein die Genderzugehörigkeit über das Schicksal von Frauen während und nach einem Krieg entscheidet. "The sexual violence perpetrated against women during wartime is one indicator that gender identity is a pivotal factor in women's fates both during and after war."24 In Bezug auf den zimbabwischen Bürgerkrieg und die anschließende Unabhängigkeit bedeutet dies, daß sich trotz anderslautender politischer Bekenntnisse, die Situation von Frauen nicht wesentlich geändert hat. Vergewaltigt werden Frauen sowohl im Krieg als auch in sogenannten Friedenszeiten. Die gilt auch für Zimbabwe.25

Die sexuelle Gewalt gegen Frauen, vor allem gegen Soldatinnen und die Verleumdung ihrer Rolle im Krieg macht deutlich, daß Krieg und Militär männliche Domänen sind. Wie Ruth Seifert (1996) zeigt, waren die im Europa der frühen Neuzeit eingeführten stehenden Heere aufs engste mit dem Nationalstaat verbunden. "Der neuentstandene Nationalstaat repräsentierte sich in seiner Armee, und die Streitkräfte empfanden sich zunehmend als Träger des nationalen Staatsgedankens."26 Frauen, die in den europäischen Armeen des 14. bis 19. Jahrhunderts zahlreich und selbstverständlich zur Truppe gehörten, wurden mehr und mehr verdrängt. Durch die militärische Disziplin und die damit einhergehende Disziplizierung des männlichen Körpers, so Ruth Seifert weiter, entstand eine enge Verbindung zwischen Männlichkeit und Nationalität.

Mit der Verquickung von Nationalität und Männlichkeit, wie sie beim Militär symbolisch und körperlich vollzogen wird, verändert sich auch die soziale Konstruktion des Soldaten. Die Idee der Nation findet nunmehr ihre [Seite 27↓] kulturelle Repräsentanz im Körper des (männlichen) Soldaten. Der Soldat "stirbt für sein Vaterland" und er "tötet für sein Vaterland". Er ist ein lebendiges kulturelles Zeichen. In der Figur des Soldaten berühren sich Körper und Kultur, berühren sich die Körper und die Uniform und Körper und nationales Zeichen, also Körper und Nation. Der weibliche Körper fungiert demgegenüber nicht in gleicher Weise als Repräsentanz der Nation (die Betongung liegt hier auf "nicht in gleicher Weise" ; der männliche Körper repräsentiert Nation und Staat. Der weibliche Körper fungiert als Symbolbild der Nation und hat keinen Anteil am Staat).27

In vielerlei Hinsicht trifft dies auch auf die zimbabwische Befreiungsarmee zu, denn hier wurden aus den militärischen Führern die politischen Machthaber der jungen Nation. Die nationalen Repräsentanten waren (und sind) kaum von den Repräsentanten des Militärs, vor allem der Befreiungsarmee, zu unterscheiden. Angetreten als eine rein männliche Organisation wurden zur Armee zwar schließlich Frauen zugelassen, doch deren Rolle war stets marginalisiert.28

Es stellt sich nun die Frage, wie die Literatur mit dem Thema Nation, Frauen und Krieg umgeht. Elleke Boehmer (1991) zeigt, daß viele afrikanische und afro-amerikanische Autoren das Bild von "Mutter Afrika" verwenden. "Africa, the continent whole and full-bellied, is both the beloved land and mother."29 Ob dieses Mutterland auch die Heimat von Frauen verkörpert, sei dahingestellt. "The dilemma is that where male nationalists have claimed, won and ruled the 'motherland', this same motherland may not signify 'home' and 'source' to women."30 Die Wechselwirkungen zwischen Gender und Nationalismus sind also auch hier kaum zu übersehen.

Gender informs nationalism and nationalism in its turn consolidates and legitimates itself through a variety of gendered structures and shapes which, either as ideologies or as political movements, are clearly tagged: the idea of nationhood bears a masculine identity though national ideals wear a feminine face.31

In Zimbabwe ist dieses Gesicht das Gesicht von Nehanda.


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Yvonne Vera ist es mit Nehanda gelungen, eine andere Geschichte dieser Figur zu erzählen, denn sie empfand sie als von Zimbabwe entfremdet. "When I wrote Nehanda, I said that I had to find a home for her in Zimbabwe. I wanted to give Nehanda back to Zimbabweans."32 Dazu verortet sie Nehanda in einen weiblichen Kontext, einen Kontext, der vor allem für Frauen relevant ist. "'There are all kinds of possibilities for a book on Mbuya Nehanda,' said Vera. 'She's an inspiration for women, someone who can strengthen and empower us. That's what makes the novel contemporary.'"33 Wie auch Mazvita aus Without a Name erhält Nehanda hier eine Stimme, die, so Penny Ludicke (1997), die Stimme der zum Schweigen gebrachten zimbabwischen Frauen verkörpert.

Vera has chosen a predominantly feminine mode of expression which privileges both indigenous Zimbabweans and women, selectively isolating and censoring the answering or antagonistic voices of the usurping "strangers" of the first Chimurenga and the male companions or comrades of the second. The author neatly reverses the usual inherited colonial legacy of silence which is imposed on the colonised and on the women in particular, and allows the [...] Zimbabwean women to improvise a "speech" in order to communicate an anguish, an experience and finally a voice often unheard or unrecognisable in the larger world.34

Vor dem Hintergrund der nationalen zimbabwischen Identität, in der Frauen kaum eine Rolle spielen, fordert Vera auf diese Weise das nationale Selbstverständnis heraus. Versteht man dies mit Elleke Boehmer, so schafft Vera damit eine neue Nation.

Where women tell of their own experience, they map their own geography, scry their own history and so, necessarily, contest official representations of nationalist reality. They implicitly challenge the nation's definition of itself through territorial claims, through the reclamation of the past and the canonisation of heroes.35


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Diese Heldinnen sind neben Nehanda auch die Kämpferinnen des 2. Chimurenga. Im folgenden soll gezeigt werden, wie sowohl die Politik als auch die Literatur diese Frauen versteht und welche Texte den nationalen Diskurs unterwandern.

1.1.1 Nehanda als Heldin und Nehanda als Person. Die Konstruktion des Spirit Mediums Ambuya Nehanda

Nehanda ist im zimbabwischen Kontext sicherlich einer der wichtigsten historischen Bezugspunkte.36 Sie verkörpert den Widerstand gegen die Kolonialmacht und ist damit ein zentraler Baustein im Bild der zimbabwischen Nation. Nehanda ist der Name eines Lion Spirits bzw. Mhondoro der Shona.37 Diese Geister verfügen über außerordentliche Macht und großen Einfluß auf Natur und Politik. Sie manifestieren sich in Medien bzw. Svikiro, über die sie kommunizieren und die die Persönlichkeit der jeweiligen Mhondoro übernehmen. Daher werden auch die Geistmedien selber als Mhondoro bezeichnet. Nehanda ist ein solches Geistmedium. Herausragend ist Nehanda auch, da sie, wie David Lan (1985) zeigt, anders als alle anderen Mhondoro über zwei Ursprungsmythen verfügt. "Unlike all [Seite 30↓]other mhondoro mediums, Nehanda is believed to have two separate, equally legitimate traditions of mediums, one in the Mazoe region near the capital Harare, the other in Dande."38 Für die zimbabwische Geschichte ist Nehanda besonders wichtig, da sie im Kampf gegen die beginnende Kolonisation der Briten, Ende des 19. Jahrhunderts, zusammen mit anderen Mhondoro eine Schlüsselrolle in der Organisation des Widerstandes gespielt hat.39 Manifestiert in einem Medium aus Mazoe, einer Frau mit dem Namen Charwe, nahm sie eine führende Rolle im Aufstand von 1896-97 ein. In diesem 1. Chimurenga war sie eine der ausdauerndsten und unbestechlichsten spirituellen TruppenführerInnen. Nach dem Scheitern der Kämpfe wurde sie schließlich zusammen mit Kaguvi (Kagubi), einem anderen Mhondoro, zum Tode verurteilt und am 27. April 1898 gehängt.

Wie keine andere ist Nehanda zum Symbol für den Kampf gegen koloniale Unterdrückung geworden. Dies liegt vor allem an dem Widerstand, den sie im Angesicht des Todes ihren Henkern entgegenbrachte. Denn sie weigerte sich zum Christentum überzutreten und prophezeite das Ende der europäischen Herrschaft in ihrem Land. Die Ehre, die Nehanda seitdem zuteil wird, zeigt sich, so David Lan, vor allem in der oralen Tradition, die sie zur nationalen Heldin erhebt.

A powerful and prolific oral tradition grew around her name, her part in the rebellion and especially the last moments of her life after she was condemned: her refusal to accept conversion to Christianity, her defiance on the scaffold and her prophecy that "my bones will rise" to win back freedom from the Europeans. In time the career of the medium and the healing and protective powers associated with the spirit became inextricably fused. In songs, in verse and in myth, Nehanda came to represent the inevitable but so-long awaited victory of the Shona over their oppressors.40


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Im Befreiungskampf, dem 2. Chimurenga, der 1980 schließlich zur Unabhängigkeit führte, flossen diese Lieder in die Kriegspropaganda ein. Viele der Chimurenga-Songs beziehen sich, wie Norma Kriger (1992) zeigt, auf die afrikanische Geschichte.

Many of the chimurenga songs appealed to the spiritual and cultural base of African nationalism. The following song, for example, enjoins village heads to reform their corrupt ways and to remember Nehanda [... :] ["]Kraalheads, the way you live with the society, as if you have got hatred and as if you are handicapped and you are a fool. See kraalhead, see kraalhead, it is now a new era. If you think of Mbuya [...] Nehanda, I end up joining the struggle. It is now a new era.["]41

Die afrikanische Geschichte mit ihren Ahnen und Mythen erhält auf diese Weise eine politische Bedeutung. Insbesondere Nehanda ist der Nenner, auf dem sich die unterschiedlichen Völker und Gruppen Zimbabwes treffen sollen.

Alec Pongweni (1982) hat in einer Studie viele dieser Lieder zusammengetragen.42 Ihre Herkunft ist unterschiedlich. Zum Teil wurden sie im Exil, zum Teil im damaligen Rhodesien geschrieben und aufgeführt. Die Analysen der Chimurenga-Songs zeigen, daß hier in erster Linie eine gemeinsame afrikanische Geschichte konstruiert werden sollte. Norma Kriger verweist auf zwei Arbeiten. "[Jessica Sherman (1980) and Will Moore (1989)] found the songs aimed to inspire unity and solidarity among the various oppressed African groups, hence the prominence of the ancestors and the spirit of nationalism in the war songs."43 Eine weitere wichtige Funktion [Seite 32↓] dieser Art von Liedern war, so Norma Kriger, die Erziehung. Sie wurden auf den Moaris, dem von den Guerillas für die ländliche Bevölkerung organisierten politischen Unterricht, gesungen. "[T]he songs that [the guerrillas] and the civilians sang at moaris [...] constituted a primary vehicle of political education."44 Flora Veit-Wild (1992) zeigt, daß Solomon Mutswairos Feso (1957) einer der wenigen Texte war, der neben diesen Liedern im Krieg eine prominente Rolle spielte.45 Insbesondere das hier enthaltene Gedicht über Nehanda galt als fester Bezugspunkt.

Nehanda! You great earthly spirit! / A mighty Lioness! O Great One of ancient times! / With fear, they quaked, hearing your voice / Beneath the mupande tree near a flat rock. / You ordered, "Go, Warriors! and destroy / Those VaNyai gathered in the north. / Fight, my heroes! But stretch not / Your hands to seize booty from them." / At Nehanda's command, together they gathered / Legions of men who headed for the lowlands. / Indeed devastating battles they fought! / Though they obeyed the entire command. / Yet, nevertheless, the land they took: / Nehanda! I say, "Arise! And help us!"46

Jimmy Patsanza (1993) bestätigt die zentrale Rolle des Gedichts, dem eine geradezu agitatorische Funktion zukam:"The poem became an opening prayer to all nationalist rallies."47

Doch nicht nur die Kriegs-, sondern auch die Parteipropaganda der ZANU (PF) hat Nehanda für sich vereinnahmt.48 In den Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit war ihr Name und ihr Bild unübersehbar. Am Vorabend der Unabhängigkeit (am 18.4.1980 wird Zimbabwe unabhängig) sang der ZANU (PF) Ideological Choir im Radio:

Grandmother Nehanda, / You prophesied, / Nehanda's bones resurrected, / ZANU's spear caught their fire / Which was transformed into ZANU's gun, / The gun which liberated our land. / The exploiters of Zimbabwe / Were [Seite 33↓]cannibals drinking the masses' blood, / Sucking and sapping their energy. / The gun stopped all this. / Grandmother Nehanda, / You prophesied.49

Nehanda war diejenige unter den Ahnen, die während der Feierlichkeiten deutlich im Mittelpunkt stand. Unzählige Lieder und Abbildungen auf Fahnen sowie auf allen denkbaren Kleidungsstücken machten sie zur Ikone der Unabhängigkeit. Ihr Bild prangte sogar noch über dem des Premierministers und Kämpfers Robert Mugabe. Für David Lan wurde Nehanda auf diese Weise zur Schutzpatronin ganz Zimbabwes. Ihre Funktion ist es, die Nation zu einen.

On a special printed banner that was hung wherever the new nation state was welcomed, Nehanda's head and shoulders hovered above those of Robert Mugabe, the warrior of the past guiding, supporting and recommending this triumphant warrior of the present. Whithin six months, schools and, with particular aptness, a maternity hospital had been named in her honour. There was no doubt that Ambuya Nehanda, the grandmother of all ancestors, had taken the whole of Zimbabwe under her care.50

Die neuen Machthaber hatten ihre neue Nation mit einer sich auf die afrikanische Geschichte beziehenden Identität ausgestattet. So wurde die Vereinnahmung eines Mythos auf die Spitze getrieben.

Dieser Mythos wurde auch nach außen hin zelebriert. 1981 stellte das "Ministry for Education and Culture" eine "National Dance Company" zusammen, die mit einem eigens geschriebenen Stück Mbuya Nehanda weltweit auf Tournee ging. Stella Chiweshe spielte die Hauptrolle, Nehanda. Trotz dieser zentralen Position hat sich Chiweshe in keiner Weise vom nationalen Diskurs vereinnahmen lassen. Moreblessings Chitauro et al. (1994) erklären dies mit der äußeren Erscheinung der Künstlerin.

There is nothing sexually enticing about her singing and performing style, nor does she fit easily into the "Mother Africa" model. She is more priestess or prophetess and comes from the liminal area beyond sexuality and fertility. She is in a way in a space beyond male control, at the same time she harnesses an area of power which has until now been claimed by men, she is both transgressor and innovator.51


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Stella Chiweshe ist mit ihrer prominenten Rolle in Mbuya Nehanda zwar Teil des nationalen Diskurses geworden, ihr ist es aber gelungen, eine eigene Stimme zu finden.52 Dies unterscheidet sie von einer ganzen Reihe ihrer Kolleginnen, die sobald sie kritische Töne anschlagen zum Schweigen gebracht werden.

The unitary and male gendered form of nationalism has meant that women singers have often operated as emblematic, symbolic figures of "the nation". Yet when they have attempted to move away from a normative masculine identity in their narrative of the nation and sing in terms of a plurality of women's experience that is far from emblematic - they may be silenced, or castigated.53

Wie jeder Mythos kann sich Nehanda einer Vereinnahmung und Interpretation nicht erwehren und ist vermutlich auch daher eine willkommene Ikone des unabhängigen Zimbabwes.

Bis heue ist Nehanda die nationale Heldin, eine "Leitfigur nationaler Identität"54 , so Ingrid Laurien (2000). Der erste Roman, der sich ausschließlich mit diesem Mythos befaßt, ist Charles Samupindis Death Throes. The Trial of Mbuya Nehanda (1990).55 Wie schon der Titel schließen läßt, geht es hier in erster Linie um ihren Prozeß. Ähnlich wie die Propagandalieder und das Bild, das die Politiker von Nehanda zeichnen, ist Nehanda auch in diesem Text vor allem ein Mythos und bestätigt sie in ihrer Rolle als nationale Heldin. Mehr noch, sie ist im Sinne von "Mutter Afrika" diejenige, die sich für die Nation opfert. Zwar muß Nehanda in jeder Erzählung sterben, das erfordert schon allein die Logik der Geschichte, doch bei Samupindi ist ihr Leid aufs engste mit dem der Nation verknüpft.

This was the nation. / Her hands were manacled at her deflated tiny tummy by heavy cinches and iron chains. Her legs were two little sticks with slight knots in the knee area. Knots of perseverance? They were leg-ironed. And all [Seite 35↓]those chains for so withered a body! It was an affront to logic. / She was the nation. A people. / Her thin, mean-looking lips were deeply cracked and parched. They asked silent questions. What taste is water? Why am I here?56

Nehanda ist die Nation. Sie leidet zwar, doch es ist im Grunde nicht Nehanda, die gequält wird, sondern eher die Nation. Auf diese Weise rückt Nehanda und die Gewalt, die dieser Frau 1898 angetan wurde, in den Hintergrund. Als Vertreterin der Nation ist ihre Person völlig marginal. Doch auch wenn Nehanda die Nation symbolisiert, erwartet auf dem Bild, das bei Samupindi beschrieben ist (und das ebenfalls auf dem Umschlag des Buches zu sehen ist), neben der Nation auch Nehanda bzw. das Medium Charwe ihren Tod (vgl. Abbildung 1).

Das Leid dieser Frau, sei es nun Nehanda oder ihr Medium Charwe, existiert bei Samupindi nicht. Der Erzähler hat noch nicht einmal Mitleid mit dem gepeinigten Körper, den er ausführlich beschreibt. Im Gegenteil. Für ihn ist Nehanda eine traurige Erscheinung, eine Beleidigung für das Auge des Betrachters. Nehandas Körper interpretiert der Erzähler als einen Judas-Körper - einen Körper also, der Nehanda verraten und daher ihren Tod zu verantworten hat.

She was the epitome of dejection. Emaciated to the marrow, her hair grey and senile, kinky. Her little black cat's eyes were drawn deep into the sockets and scalp, imparting an aura of mysticism. Her body was meanly gaunt and springly - the only remaining suggestion that this rapine was once a powerhouse of robust energy. Her flesh was biltongly and it hung upon her bones like a scarecrow's flattering sari. Her very dark skin was heavily meshed by a gauze of cracks. The weeks she had spent in detention had done adequate justice to her. She was a sorry sight, that assaults the eye of the perceiver. / She was a country, the rough-hewn nature of whose landscape possibly denoted her muscular thinking. The flesh, bones and blood had gone over the precipice of mortality. But the spirit hung on. The body was a puerile lie. The spirit was there. The thing that supported the skeleton was a spiral of rapacious spirit. There was no mistake about it. It was trapped within the lethargy of that Judas body and it was putting up a tenacious fight to escape. Importunate. Her captors might not have realised how impossible it was to defeat the spirit that believes. Made so lethal and invincible because belief cannot be altered by appeal to logic. (DT 9)

Implizit trägt bei Samupindi der Körper die Verantwortung für den gescheiterten antikolonialen Widerstand. Mit dieser Lesart des Mythos läßt [Seite 36↓] sich schließen, daß ein anderer Körper Nehanda (und damit auch das zimbabwische Volk) vor einer Niederlage hätte bewahren können. Doch Nehandas Körper, so will es die Geschichte, ist der Körper einer Frau. Ihr Fleisch, das aus der Sicht des Erzählers wie Biltong (Dörrfleisch) von ihren Knochen hängt, macht sie, so der Erzähler weiter, zur Vogelscheuche. Keinesfalls eine sonderlich respektvolle Bezeichnung für eine ältere Frau, die zudem noch einen nationalen Mythos verkörpert.

Abb. 1: Titelbild von Charles Samupindis Death Throes. The Trial of Mbuya Nehanda.


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Diese negative, empathielose und geradezu hämische Wahrnehmung eines älteren, vom Leben gezeichneten Frauenkörpers steht der Erzählung über einen ähnlichen Körper in Veras Nehanda diametral gegenüber. Der Vergleich macht deutlich, welchen Blick Samupindis Erzähler einnimmt. Denn bei Vera (1993) sehen Frauenkörper anders aus.

A harmony of curling black and silver hair covered her head. Her piercing eyes moved rapidly across the room, though the thin skin around them was loosened by age. Her brow was deeply furrowed; and wrinkled pouches, containing many memories, hung below her eyes. Her brow too, carried deep secretive furrows. She had tucked some of her secrets into the folds of skin around her knees and ankles, and around her elbows. Her arms were surprisingly strong.57

Dies ist der Körper einer der Frauen, die Nehandas Geburt begleiten. Veras Erzählerin macht jedoch keine unansehnliche Vogelscheuche aus diesem Frauenkörper, denn die Wahrnehmung ist beinahe zärtlich. Samupindis Erzähler hingegen beschreibt respektlos Nehandas geschundenen Körper, an dem, wie er selbst bemerkt, das Gefängnis seine Spuren hinterlassen hat. "The weeks she had spent in detention had done adequate justice to her." (DT 9) Doch diesem (Frauen)Körper wird weder Mitleid noch Respekt entgegengebracht. Der Körper kann also mit der verehrenswürdigen Nehanda nichts zu tun haben.

In Death Throes. The Trial of Mbuya Nehanda ist Nehanda keine Frau. Denn der Erzähler trennt ganz explizit zwischen Körper und Geist. Nehandas Geist gelingt es nur, sich dank eines festen Glaubens zu retten. Auf diese Weise entsteht der Eindruck, als ob primär der Frauenkörper und nicht die Kolonialmacht die Verantwortung für Nehandas Tod trägt. Denn in diesem Text scheint der Körper Nehanda nicht zu entsprechen. Folgt man dem Erzähler, so ist ihr Körper eine Lüge, aus der sich der Geist hartnäckig versucht zu befreien. Und dies gelingt auch. Daraus ergibt sich, daß es letztlich Nehandas Geist - und nicht etwa ihre weibliche körperliche Identität - sein muß, der mit dem Land verbunden ist. Samupindis Nehanda ist also trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Körperlichkeit eine Heldin. Denn es gelingt ihr, sich über ihren Körper zu erheben. Die Darstellung eines geschundenen, unansehnlichen Körpers, die Gegenüberstellung mit dem starken Geist der Ahnin und die auf diese Weise konstruierte Differenz [Seite 38↓] zwischen Körper und Geist läßt den Geist Nehanda als rein erscheinen. Besonders erstaunlich ist, daß der Erzähler die hier dargestellte Gewalt übersieht, obwohl Nehandas Abbild wie in keinem anderen Text beschworen wird. Selbst wenn man davon ausgeht, daß nicht Nehanda, sondern irgendein weltlicher Körper gemartert wird, so ist es dennoch ein Mensch (und in diesem Fall eine Frau), die gefesselt ihr Ende erwartet. Die Interpretation des Fotos in Death Throes. The Trial of Mbuya Nehanda verschließt den Blick vor der kolonialen Gewalt und romantisiert zugleich Nehandas Schicksal, denn der Erzähler versteht Nehanda trotz der Ketten als frei.

Bis heute also ist das Bild von Nehanda (bzw. ihres Mediums Charwe), das sie vor ihrer Hinrichtung zeigt, entweder als Foto, als davon gefertigte Zeichnung, Skulptur oder Beschreibung in der Öffentlichkeit stets präsent.58 Für Stephen Gray (1994) ist diese Abbildung geradezu schockierend, denn anders als Samupindis Erzähler blickt er mitleidsvoll auf den Frauenköper.

The photos of her when she was rounded up by the colonial authorities are deeply shocking: near naked, her hands clasped modestly - and her head bowed, before she was hanged (repeatedly, as it happens), her snuffbox tied to her wrist. / In the National Archives one comes up a turn in the stairs against a life-size model of her, awaiting her end. The impact is considerable. Understandably, her gaunt figure took on iconic power during the "Second Chimurenga" of 1972-1979.59

Die Diskussion, die Stephen Gray hier eröffnet, ist in Hinsicht auf die Darstellung von Gewalt sehr interessant, denn er deutet mit seinem Blick auf die Abbildungen von Nehanda die Frage an, was diese Darstellungen eigentlich zeigen. Stephen Gray nämlich sieht hier anders als Samupindis Erzähler keine kämpfende und starke Heldin, sondern eine in ihrer Nacktheit und in ihrer Gefangenschaft zutiefst gedemütigte Frau. Er ignoriert den Frauenkörper nicht. Und vielleicht zeigt dieses Bild weniger Nehanda als das Medium aus Mazoe, die Frau mit dem Namen Charwe, die im Angesicht des Todes ihren Henkern ausgeliefert ist.


[Seite 39↓]

Genau hier setzt Yvonne Vera mit Nehanda ein. Beim Betrachten des Fotos kommt ihr die Idee, die zum Mythos gewordene Figur durch einen erzählerischen Text aus dem Raum dieses Bildes zu befreien (vgl. Abbildung 2). So zumindest erzählt es die Autorin in einem Interview mit Farai Nyandoro (1993).

The hackneyed photograph of Nehanda in one of the Primary School texts inspired Yvonne to write Nehanda. She felt that the picture did not capture the vision, and imagination of this epic woman. For Yvonne, who believes in ancestral worship, being able to capture this element on paper was a fascinating exercise. It was a way of liberating Nehanda 'from that photographic space'.60

Abb. 2 : Aus David Lan (1985: 1985: 118)


[Seite 40↓]

Bezeichnenderweise ist auch auf den unterschiedlichen Ausgaben des Romans diese Abbildung nicht zu sehen (vgl. Abbildung 3 und 4).

Abb. 3 : Titelbild von Yvonne Veras Nehanda (Verlag: Baobab).


[Seite 41↓]

Abb. 4 : Titelbild von Yvonne Veras Nehanda (Verlag: TSAR).

Vera macht mit diesem Text jedoch mehr, als Nehanda aus dem fotographischen Raum zu befreien. Denn mit Nehanda eröffnet sich eine neue Sicht auf diese für die zimbabwische nationale Identität so bedeutende Figur. Zentral ist hier weniger, Nehanda erneut als Heldin zu konstruieren, sondern vielmehr einen Blick hinter den Mythos zu werfen und Nehanda als Person - [Seite 42↓] als kompromißlose Frau - zu skizzieren. Folgt man Penny Ludicke, so manifestiert sich im Text die Stimme und die Erfahrung von Nehanda auch durch die mystische, symbolische und surrealistische Sprache.

Although the novel is grounded in historical event and fact, its mode of presentation and narrative voices are pointedly ahistorical - they are mystical rather than actual and symbolic and surrealistic rather than plainly descriptive. [...] [The] reader [...] is invited into a dreamlike and symbolic world where characters and events take their significance from the context in which they are found.61

Unterstützt durch seine Sprache offeriert der Roman eine andere Sicht auf Nehanda und damit implizit auch auf die zimbabwische Nation. Auf diese Weise wird Nehanda zu einem politisch und gesellschaftlich höchst brisanten Text.

Das Neue in Yvonne Veras Nehanda ist, daß die Autorin Nehanda in einen weiblichen Kontext verortet und aus dieser Position heraus die Geschichte des wichtigsten zimbabwischen Mythos erzählt. Schon zu Beginn des Romans wird dies überdeutlich, denn eine der ersten Szenen ist Nehandas Geburt. Ein Ereignis, an dem ausschließlich Frauen teilnehmen.

Three women wove a circle of strength around the central hearth where a fire sent blue and yellow flames to the dim edges of the small hut. [...] The circle of women asserted their strength through their calm postures, waiting. They looked upon their presence in this enclosure as a gift; this was not a chance for them to fail or to succeed; it was a time to rejoice, or else to mourn. (NA 4)

Der Anfang ihres Lebens ist also durch die Geburt und nicht durch eine denkbare, im Text aber an keiner Stelle erwähnten Zeugung markiert. Auch Nehandas weiteres Leben wird von denen begleitet, die schon bei ihrer Geburt dabei waren und die das Ungeborene sich selber gewählt hatte.

The women were here to welcome the child. Each of them had already met the child in her dreams which they could not recall. By visiting their dreams, the child had picked them out to receive her. If she had not wanted them, she would have kept them away from her birth. By their ungrudging presence the women had tied themselves irrevocably to the future of the child whom they had not yet seen. In the future, others would recognize the child by her gifts [Seite 43↓]and her difference - her eyes that would see distances. Her eyes would brim with dancing prophecies of hope and despair. (NA 6)

Vera stellt hier eine neue Lesart des Mythos vor, indem sie Nehanda an erster Stelle als Frau umgeben von anderen Frauen konstruiert. Dies steht in deutlichem Gegensatz zu Samupindis Konzept von Nehanda, der jegliche Körperlichkeit des Mythos leugnet. Mit der Konstruktion von Nehanda als Frau gibt Vera den Frauen überhaupt erst eine Stimme. Und wie sie in einem Interview mit Farai Nyandoro bestätigt, war dies genau ihre Absicht. "She said that in instances such as the birth of Nehanda, the focus is on women since such events naturally require the presence of women only. Directing her attention at women is also an attempt to give them a voice which they were deprived of for a very long time."62 Aus diesem Grund hat sie, so Heather Hill, auch keine umfangreichen historischen Studien zu Nehanda angestellt. "She says she did no historical research on her central character [...]. [...] Vera was more interested in writing about Nehanda out of her own experience."63

Vera weist mit ihrem Roman also sowohl Nehanda als auch den Frauen, die sie begleiten, den ihnen gebührenden Platz in der Geschichte zu. Sie schafft eine Welt, in der Frauen selbstverständlich Macht ausüben, gewalttätig sind und zu Gewalt aufrufen. "'I am among you. I carry the message of retribution. The land must be cleansed with your blood"' (NA 61), so Nehanda zu ihren KämpferInnen. Besonders interessant ist, daß Nehanda vor allem dank ihrer Weiblichkeit über Macht verfügt. Die Menschen trauen ihr, da sie eine Frau ist. "[I]t is also the comforting voice of a woman, of their mothers whom they trust." (NA 62) Aufgrund dieser als mächtige Frau etablierten Figur ruft der Roman für Niyi Osundare (1995) Assoziationen zu anderen kämpfenden und mächtigen Frauen hervor.

[Nehanda] conjures vivid images of Queen Amina resolute on horseback, Queen Nzinga with a liberating sword in her hand; and Yaa Asantewaa insisting stubbornly that the land's secrets shall not be desecrated by the foul eyes of alien marauders. [...] / Nehanda's affinity with these important female personages could neither have been accidental nor incidental. For one of the vital ways Yvonne Vera has employed literature in the re-invention and re-[Seite 44↓]writing of history is to restore to women their often neglected prominence in the liberation effort.64

Mit der Würdigung von Nehanda als kämpfender Frau hebt Vera zugleich die Rolle von Frauen im Kampf überhaupt hervor, die sowohl in Geschichtsschreibung, Literatur sowie der zimbabwischen Politik weithin ignoriert wurde. Bis 1990, mit Irene Stauntons Mothers of the Revolution (1990), gab es kaum Publikationen zu diesem Thema. "[T]he story of the women, the wives and the mothers who remained behind, has not yet been told."65 In den '90er Jahren hat sich dies deutlich gändert.66

Mit Nehanda wird also eine Lücke geschlossen, die bis in die '90er Jahre in den meisten Heldengeschichten über den 2. Chimurenga, sei es in Literatur oder Historiographie, klaffte. Mit dieser Ergänzung hinterfragt Vera den herrschenden Diskurs über den Bürgerkrieg. Ihr Roman erscheint durch die Fokussierung auf Frauen wie ein Gegenstück zur weitgehend auf Männer fixierten Darstellung zimbabwischer Geschichte. Vera entwirft damit eine Welt, in der Männer zwar vorkommen, Frauen jedoch im Zentrum stehen. Besonders deutlich wird dies, als Nehanda die KämpferInnen auf den Krieg einschwört.

The men stopped dancing and kneel around Nehanda, and the women in the outer circle cast protective shadows over the bending bodies of the men. Nehanda closes her eyes and speaks with a trembling and troubled voice. Her voice rises higher, as though to reach every crag surrounding the village. Her voice carries the heart-breaking tender cry of a mother for a lost child. (NA 62)

Anders als in Solomon Mutswairos Feso, Charles Samupindis Death Throes. The Trial of Mbuya Nehanda und den zitierten Propagandaliedern ist Nehanda hier nicht nur eine heldenhafte Ahnin, sondern ganz explizit eine Frau. Diese Zuweisung zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Text. Denn [Seite 45↓] Nehandas Macht begründet sich u. a. darauf, daß sie wie eine Mutter handeln kann. Auf diese Weise tritt Nehandas Identität als Frau in den Vordergrund.

Wie Francoise Lionnet (1997) zeigt, sind es oft gerade Schriftstellerinnen, die sich ihrer Rolle als Konstrukteurinnen von Wahrheit in einer Gesellschaft bewußt sind. Dies gilt auch für Yvonne Vera.

Literature, as a discursive practice that encodes and transmits as well as creates ideology, is a mediating force in society: it structures our sense of the world since narrative or stylistic conventions and plot resolutions serve to either sanction and perpetuate cultural myths, or to create new mythologies that allow the writer and the reader to engage in a constructive re-writing of their social contexts. Women writers are often especially aware of their task as producers of images that both participate in the dominant representations of their culture and simultaneously undermine and subvert those images by offering a re-vision of familiar scripts.67

In diesem Sinne schafft Vera eine neue Nehanda und stellt so gleichzeitig das Bild der zimbabwischen Nation mit ihren HeldInnen und Wahrheiten in Frage. Bemerkenswert ist dabei, daß hier keine stereotype, gedemütigte, sich für die Nation aufopfernde "Mutter Afrika" entsteht, sondern vielmehr eine mächtige Frau, die von ihren Anhängern respektiert wird.

Das Neu-Schreiben von Geschichte und ihrer Heldinnen hat in der Literatur von Schwarzen Frauen eine bemerkenswerte Tradition.68 In diesen Kontext kann man auch Veras Nehanda einordnen, denn ihr Werk ist mit Carol Boyce Davies (1995) als "black women's writing" zu beschreiben.

Black women's writing, first of all, is a literary creativity as expressed by women who define themselves as black and who have the historical/political reason for assuming this self-definition. As such, this particular identification is [Seite 46↓]not a forced construction of a monolithic category imposed externally. Rather, it is the opposite. This critical and creative collection's principal objective, therefore, has been to identify and include women who define themselves as black, as women and as writers whether they live in Brazil or in Britain. By "black" we mean here (1) of African origin or familial or cultural history or identification; (2) of non-western/Caucasian orientation and articulation "blackness" as a self-defined cultural descriptor; (3) existing in opposition to or outside of dominant racial definitions of whiteness and its politics of oppression.69

So problematisch diese Definition in Hinblick auf die hier stark verwischten kulturellen Unterschiede auch sein mag, so trifft sie dennoch auf Vera und ihre Texte zu. Denn ähnlich wie viele ihrer Kolleginnen ist Vera in einer politischen Situation aufgewachsen, die sie aufgrund ihrer Herkunft von jeglicher Macht ausgeschlossen hat. Und obwohl sie heute in einer afrikanischen Gesellschaft als hoch ausgebildete und populäre Frau eine andere Lebenssituation vorfindet, geht es in ihren Texten zumeist um die Begleitumstände kolonialer Unterdrückung. Die Parallelen zwischen Veras Texten und denen anderer Schwarzer Autorinnen sind kaum zu übersehen.

In Bezug auf "black women's writing" und das Neu-Schreiben von Geschichte sei hier auf das Werk von Alice Walker und Toni Morrison hingewiesen, die sicherlich eine Vorbildfunktion einnehmen. In ihren Texten beschreiben sie stets die Welt der Afro-Amerikaner aus einer Innensicht. Auf diese Weise hinterfragen und unterwandern sie das im weißen amerikanischen Diskurs festgelegte Bild Afro-Amerikas. Die beiden Schriftstellerinnen grenzen sich jedoch auch gegen ihre männlichen Kollegen ab, denn bei ihnen geht es insbesondere um die Welt von Frauen. Ganz ähnlich verfahren Assia Djebar und Maryse Condé. So zeichnet Djebar in Fantasia (1985) die Eroberung Algeriens im 19. Jahrhundert durch französische Truppen nach und betrachtet dabei vor allem das Schicksal der Frauen. Sie ergänzt damit die in der traditionellen Geschichtsschreibung stets ausgeblendete Geschichte von [Seite 47↓] Frauen.70 Noch deutlicher wird in Fern von Medina (1991), wie Djebar vorgeht. Hier geht es ausschließlich um die Frauen, die im 7. Jahrhundert, nach dem Tod des Propheten Mohammed, in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind. In einem mit A. D. signierten Vorwort erklärt die implizite Autorin, was sie vorhat. "Die Zeit nach Mohammeds Tod, um die es hier geht, hat vielfältige Frauenschicksale aufzuweisen, die mir ins Auge sprangen: Ich habe versucht, sie zu neuem Leben zu erwecken ...".71 Diese Wiedererweckung ist zugleich ein völlig neuer Blick auf die Geschichte des Islam, in der für gewöhnlich Frauen höchst selten vorkommen.

Die karibische Autorin Maryse Condé geht ähnlich vor wie Djebar. Insbesondere in Moi, Tituba, sorcière ... Noire de Salem (1986) wendet sie sich explizit einer historischen Frauengestalt zu. Tituba, eine Sklavin im nordamerikanischen Salem, wird Ende des 17. Jahrhunderts zusammen mit anderen der Hexerei angeklagt und 1692 inhaftiert. Die Prozesse beginnen noch im selben Jahr. Mehr Informationen über Tituba geben die historischen Dokumente jedoch nicht her. Weder ihre genaue Herkunft, noch ihr weiteres Schicksal ist belegt. Klar ist nur, daß sie zusammen mit den anderen Angeklagten 1693 freigelassen wird.72 Dennoch oder vielleicht gerade deswegen ist sie zum Mythos geworden. Jeanne Garane (1995) zeigt, wie Tituba seit dem frühen 20. Jahrhundert kontinuierlich in der Literatur auftaucht. Ihren berühmtesten Auftritt hat Tituba sicherlich in Arthur Millers Stück The Crucible (1977).73 Maryse Condé ihrerseits verortet, so Jeanne Garane, Tituba in einem karibischen Kontext. "By inventing Tituba's history, Condé participates in the creation of a West Indian history and identity."74 Besonders interessant ist, daß Maryse Condé den Hauptvorwurf gegen Tituba an zentraler Stelle aufgreift. Der unterstellte Besitz übernatürlicher Fähigkeiten gehört selbstverständlich zu Condés Tituba. Mehr noch, es ist das, was die Figur ausmacht. "Condé embraces the accusation, and makes it [Seite 48↓]the very space from which Tituba opposes both patriarchal colonial discourse and cultural imperialism."75 Condé vollzieht damit eine Bewegung, die die postkoloniale Literatur vielfach bestimmt und in der postkolonialen Theoriebildung Aneignung genannt wird. Denn Tituba wird zur Heldin, gerade weil sie (angeblich) über Mächte verfügt, auf die Weiße keinen Zugriff haben. Die lebensbedrohliche Anklage aus dem 17. Jahrhundert verwandelt sich in ihr Gegenteil und wird zur Auszeichnung. Tituba ist damit eine klassische Heldin.

Betrachtet man die unterschiedlichen Texte Schwarzer schreibender Frauen wie Walker, Morrison, Djebar, Condé oder Vera, so ist es besonders wichtig, sie als das zu verstehen, was sie sind: Fiktion.76 Behandeln sie ein historisches Thema, so sind dies allenfalls historische Romane und keine historischen Abhandlungen. Sie tragen sicherlich nicht zu wissenschaftlicher historischer Erkenntnis bei. Das streben sie auch nicht an, denn als Literatur sind sie im Sinne von Francoise Lionnet diskursive Praxis. Schreibt also Vera einen Roman über einen der wichtigsten Mythen ihres Landes, so strukturiert sie damit die zimbabwische Welt neu. Und genau hier liegt die Gemeinsamkeit der so unterschiedlichen Autorinnen. Mit ihren Geschichten erfinden sie ihre eigene Geschichte. In einem Gespräch mit Farai Nyandoro erzählt Vera, wie sie Nehanda geschrieben hat.

She [...] read Terence Ranger's Revolt in Southern Rhodesia, to scout for raw material for her novel. She spent some time before writing, to allow the creative egg with her to hatch, to avoid, she said, producing a documentary. The outcome is a work which has a creative element. It presents Nehanda's birth and childhood, aspects that do not feature in history texts. Referring to this situation, Chenjerai Hove said: "Vera was interested in creating fiction out of a historical character. The Nehanda we find in her work is not historically validated."77

Um eine in allen historischen Details verbürgte Nehanda geht es Yvonne Vera also nicht. Im Gegenteil, Veras Figur weicht deutlich von dem Bild ab, das [Seite 49↓] sich Historiker von ihr gemacht haben. So verteilt Veras Nehanda beispielsweise Waffen von Weißen an ihre eigenen Leute.

The people listen to Nehanda as she seeks the voice of their ancestors who are among them. The fire burns high into the sky. Nehanda rises, and throws everything into the fire that has been taken from the white men except the guns. / "The tradition of the strangers shall destroy us." Nehanda speaks as she gives guns to the people. (NA 81)

Die Verteilung der Waffen ist zwar durchaus eine ambivalente Geste, denn auch diese gehören zur Tradition der Weißen, die, wie Nehanda voraussagt, die Menschen zerstören wird, doch sie verteilt sie trotzdem. Sie hat den Nutzen dieser Waffen erkannt und handelt im Sinne einer rationalen Truppenführerin. Historisch verbürgt ist jedoch, daß Nehanda im 1. Chimurenga die einzige der Mhondoros war, die nicht mit Gewehren kämpfte. Vera schreibt also Fiktion und ausdrücklich keine Dokumentation über die wohl bedeutendste weibliche Figur Zimbabwes.

Und genau aus diesem Grund wird Yvonne Vera von der Kritik mit Lob überschüttet. Für Terence Ranger (1993), jemanden, der sich wie kein anderer um die Erforschung der Geschichte Nehandas verdient gemacht hat, ist Nehanda der bemerkenswerteste Roman des Jahres. Yvonne Vera "has written the most remarkable novel of 1993. [...] The publishers claim that it is 'a beautifully written, poetic novel which evokes the latent mystery and power: the aspiration and the desolation that lie buried in Zimbabwean's history.' For once the blurb does not lie."78 Insbesondere anerkennt Ranger, daß Vera den Blick auf Nehanda als Person richtet und dabei nicht in nationaler Ideologie gefangen ist.

Vera's Nehanda is no guerrilla ideologue, though she does command resistance in the voice of the ancestors. Instead she is shown as a troubled child, whose birth and youth are attended by portents and visions. She suffers the burden and pain of becoming the vehicle for the great spirits of the dead at a time when communication between them and the living has been severed.79


[Seite 50↓]

Auch Eldred Jones (1996) zeigt, daß bei Vera die Menschen durch Nehanda ihre Verbindung zum Land aufrecht erhalten können und auf diese Weise gegen die koloniale Gewalt besser gewappnet sind.

[T]he novel is [...] concerned with the spirit of the people which stretches back into time and is inextricably linked with the land itself which in turn enshrines the spirits of the ancestors. This spirit of the land is the source of the people's strength which will ensure their survival against the powerful forces unleashed against them by the colonial invader [.]80

Ranger interpretiert darüber hinaus Nehanda als einen Roman, der deutlich macht, wie weit die koloniale Entfremdung reicht. "Zimbabwean writers are still trying to escape the desert of colonial alienation."81 Der kolonialen Entfremdung zu entkommen bedeutet also, sich die eigene Geschichte anzueignen.

Wenn sich eine Afrikanerin mit einem historischen Thema auseinandersetzt, ist dies also sowohl aus feministischer als auch aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive eine Bewegung der Aneigung. Yvonne Vera jedoch allein auf diesen politischen Aspekt festzulegen, wäre zu einseitig und würde ihren Texten letztlich nicht gerecht werden. Betrachtet man nämlich ihre Romane, so fällt insbesondere die Sprache auf, mit der die Geschichten erzählt werden. Mit Nehanda findet Yvonne Vera zu einer lyrischen Prosa, die, so Ingired Laurien, seitdem für ihr Werk charakteristisch ist.

Hier entwickelt sie eine ganz eigene Schreibweise, einen spontanen, lyrischen, fast trancehaften Stil, der einem inneren Impuls entspringt. [...] Der Schreibprozeß ist für Vera eine visionäre Handlung; zehn Stunden lang, sagt sie, könne sie schreiben, wie besessen, bis zur Erschöpfung. In der poetischen Prosa, die auf diese Weise entsteht - der Gattung nach zwischen Epos, Erzählung und Roman angesiedelt - setzt sich Yvonne Vera mit dem wichtigsten nationalen Mythos Zimbabwes auseinander.82

Immer wieder betonen die Kritiker, wie sehr die poetische Sprache zu den beschriebenen Ereignissen passt. So bemerkt Jimmy Patsanza, daß der Roman die Mystik und die sehnsuchtsvolle Kraft der zimbabwischen Geschichte geradezu wiedererweckt. "Yvonne Vera, in this beautifully written poetic [Seite 51↓]novel, evokes the latent mystery and power; the aspiration and the desolation that lie buried in Zimbabwe's history."83 Für Stan Nyamfukudza (1993) ist der Roman, den er "poetic-prose-novel" nennt, eine impressionistische Meditation. "[T]he novel is a brooding, impressionistic meditation".84 Und auch André Alexis (1995) verwendet eine ähnliche Bezeichnung. "Nehanda is a meditation on fate and language."85 Diese Einschätzung ist sicherlich auf die Intensität und Dichte zurückzuführen, mit der die Erzählerin ihre Geschichte aufbaut.

Wie in vielen von Veras Texten ist auch hier der Zusammenhang zwischen Sprache und körperlicher Verfassung der weiblichen Figuren offensichtlich. Nehanda verfügt über einen Körper, der Raum und Zeit überwinden kann. Denn Nehandas Identität besteht, so Ranka Primorac (2001), aus zwei sich durchkreuzenden Grenzen.

Nehanda's identity emerges from the tension between the two intersecting borderlines she inhabits. One - the borderline between the space-time of the ancestors and that of the living - manifests itself in her person as an internal duality. The other - between the African and the voracious white world - translates into external pressure. Their combined outcome is physical trauma.86

Nehanda ist eine Grenzgängerin. Auch für Ingrid Laurien "gehört das Verschmelzen der Welt der Geister und der Welt der Lebenden zu einem einheitlichen Erfahrungsraum zu den großartigsten Passagen in Nehanda "87 . Doch Nehanda bewirkt nicht nur diese Verschmelzung, sondern verkörpert die Verschmelzung unterschiedlicher Dimensionen. Dies spiegelt sich auch erzählerisch wieder. Denn folgt man Ranka Primorac, ist das Konzept eines Körpers, der sich über alle Grenzen hinweg bewegen kann, nur als eine Reise im Raum beschreibbar. Und genau das versucht Vera. "If the existence of beings inhabiting the realm of future/past is imagined in spatial terms, then contact and communication with this realm can be conceptualized as a journey, or movement in space. In Nehanda, the act of undertaking such a [Seite 52↓]journey is identical with the act of narrating it."88 Der Körper, hier wie so oft bei Vera ein Körper im Schmerz, ist aufs engste mit der Erzählung verwoben.

Wie diese Verbindung genau funktioniert, zeigt sich, wenn man versteht, welche Sprache für welches Ereignis eingesetzt wird, denn nicht immer ist der poetische Stil durchgehalten. André Alexis zeigt, daß das Erzählen über Weiße und Schwarze deutlich voneinander abweicht.

Throughout Nehanda the English language moves as vividly as do those clouds. At least, it does when it gives voice to the land, to Nehanda's village, to the hopes and fears of the villagers. We move back and forth in time and place, as if the language itself were suffering, brooding and dreaming. / And then, when finally we meet the white colonizers, the source of the characters' anxiety, Vera's English is precision itself [.]89

Ein ähnlicher Umgang mit Sprache findet sich auch in Yvonne Veras späteren Romanen. Hier entbehren vor allem die Gewaltereignisse einer linearen Erzählweise und sind sehr assoziativ geschrieben. Besonders deutlich wird dies in Butterfly Burning (1998). Immer dann, wenn es aus einer Opferperspektive um Gewalt und vor allem um die Beschreibung des Schmerzes geht, bedient sich die Erzählerin einer poetischen Sprache. Sie weist sogar darauf hin, wie das Erleben von und der Umgang mit Schmerz funktioniert. "Anguish pours out like something physical and distinct. It can be held solidly like the trunk of a tree."90 Schmerz ist also etwas Körperliches und Greifbares. Man kann mit Schmerz umgehen, so die Botschaft.

Für die gemeinschaftliche Bewältigung von Traumata ist in Yvonne Veras Under the Tongue (1996) ein Beziehungsgeflecht entwickelt worden, das Zhizha vor dem Scheitern schützt.91 In Butterfly Burning jedoch gibt es dieses Netz nicht. Phephelaphi, eine junge Frau, die bei sich selbst einen Schwangerschaftsabbruch vornimmt, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen, stirbt schließlich. Sie verbrennt. Denn als ihr Lebensgefährte von dem Abbruch erfährt, ist er außer sich und vergewaltigt Phephelaphi. Wiederum ist sie schwanger. Phephelaphi sitzt in ihrem Haus und hofft auf Erlösung. "The door opens swiftly. There is a severe moment one wishes to retreat from because the time before, in its not-knowing, its not-tragedy, is [Seite 53↓]preferable and consoling, and good. And what is good becomes whatever is calming, what restores like a torn membrane the time before." (BB 128) Doch es kommt niemand und Phephelaphi zieht sich zurück. In der Beschreibung des Schmerzes ändert die Erzählerin ihre Sprache.

Phephelaphi seeks her own refuge. / She is lightness, floating like flame, with flame. The flames wrap the human form, arms, knees that are herself, a woman holding her pain like a torn blanket. An enticing spectacle of a severe horror. Trapped within the warmth and the light, in a pool of glorious and unquenchable flame, not stirring, just her skin peeling off like rind as the fire buzzes unforbidden over her body in charged and illicit circles, and her hair a rank odour, the child trapped in that profanity, in that swollen body. (BB 128)

Phephelaphi verbrennt in ihrem Schmerz. Ob sie in realem Feuer oder an der Größes ihres Schmerzes stirbt, bleibt unklar, ist jedoch für den Ausgang der Geschichte marginal.92 Denn am Ende ist sie tot. "Falling to pieces, easy, easier than she has imagined. [...] She has died [...], readier than she ever could be." (BB 130)

Die poetische Sprache ist bei Vera also eine Sprache des Schmerzes. Sie scheint zugleich die einzige zu sein, die aus der Sicht des Opfers dem Ereignis gerecht werden kann. Eine Sprache, in der es möglich ist, angemessen über Gewalterfahrung zu erzählen, betrachtet die Geschehnisse also aus einer bestimmten Perspektive. Nicht der Blick der Mächtigen, sondern der der Ohnmächtigen rückt in den Mittelpunkt. Dies gilt auch für Nehanda . Denn angesichts der beginnenden Kolonisation sucht Nehanda explizit nach einer neuen Sprache.

In her desperate silence Nehanda longs for a new language to seek wisdom, and new ways of seeing. [...] No words come out of her mouth but she speaks with an ever-increasing desperation. She rocks back and forth, but no one hears her invocation. She speaks with the guidance of the departed which shape her tongue into words. Words grow like grass from her tongue. (NA 36)

Und eine neue Sprache braucht es, denn die Gewalterfahrung läßt die Menschen verstummen. Eine der Frauen, die bei Nehandas Geburt dabei war, begegnet auf dem Weg dorthin den ersten Weißen. Sie beschreibt Ansiedlung und Gebaren des Fremden nüchtern, ohne in der Lage zu sein, die [Seite 54↓] weitreichende und gewalttätige Dimension dieses Ereignisses in Worte zu fassen.

The stranger decided to stay among us. There was evidence all over the hill that the stranger was to be among us for a long time. [...] He had taken many cattle away from us. He had moved us into the barren part of our land where crops would not grow. Many people were killed by the stranger. When we saw his arrival we gave him pieces of gold, and he gave us that which he had brought from his own land. What we saw on that hill tied our mouths, and we left in silence. (NA 11)

An dieser Stelle zeigt sich überdeutlich die Sprachlosigkeit angesichts von Gewalt.

Nehanda ihrerseits will eben diese Sprachlosigkeit durchbrechen. Und das gelingt ihr auch. Zusammen mit anderen Mhondoro findet sie Worte, um den Zustand des Volkes zu beschreiben. Die Menschen sind in Dunkelheit gefangen und können sich nicht einmal mehr selbst erkennen, geschweige denn die Geschehnisse einordnen.

The light of the heavens has been stolen from the eyes of her people, and only the fires give them warmth, when they once again find each other's faces. Only the scarred faces of her people tell them they have been in battle. They are shocked at this transformation of their bodies because they cannot remember the call for battle. On which plateau has the battle been fought, and against which adversary? Surely they have not fought one another? / The distances are now hidden by the darkness, and they cannot see into the future, or into the past. They are trapped in the moment of their abandonment. [...] The spirits sit cross-legged across from her, revealing distances to her spirit. / "The darkness has gathered." / Though she does not respond, she hears a voice that answers. / 'Indeed it is dark, but it has been dark for a long time. We are in the season of night. It has been night since morning. The sun has vanished from the sky. We bear the marks of the moon on our faces. (NA 37)

Von Nehandas Sprache geht jedoch eine klärende und heilsame Wirkung aus. Denn sobald sie die koloniale Erfahrung in ihren Worten faßt, erkennt sie die Hauptgefahrenquelle: Die Sprache, die die Menschen erblinden läßt. Welche Sprache dies genau ist, bleibt unklar, doch in jedem Fall erhellt sich mit diesem Hinweis der Himmel.

"Something has passed over our heads. Beware of blinding words!" Her shoulders shake as though with cold, and her arms tremble. A shudder passes through her body, and she points to the sky, and the horizon circles the earth with crimson cloud. (NA 37)


[Seite 55↓]

Die Sonne geht auf. Um mit Nehanda zu sprechen, ist damit die Zeit der Dunkelheit vorbei. Ein Ende der Kolonialherrschaft ist in Sicht.

Der Widerstand am Beginn der Kolonialzeit markiert in Nehanda zugleich das Ende der Kolonialzeit. Mit dieser Konstruktion hat die Kolonisation bei Vera im Grunde nie wirklich stattgefunden. Denn der Kampf gegen diese Fremdherrschaft existiert seit ihrem Bestehen. Veras Nehanda besiegt dabei die Kolonialmacht nicht etwa mit Waffengewalt, sondern mit einer eigenen Sprache. Eine mit Penny Ludicke postkoloniale Bewegung.

Many of the motifs and textual preoccupations in Nehanda (1993) are the recognisable structural tools of postcolonial discourse. Words, speech and language are conceived of as fundamental to identity for an individual and a tribe, but, as becomes clear in the text, they are multiple, flexible and powerfull.93

Kolonialismus sowie der Kampf gegen die koloniale Übermacht spielen in Nehanda auf der Ebene eines "state of mind". Sie sind diskursive Praxis. Neben Nehandas sicherlich nicht zu unterschätzenden militärischen Führungsqualitäten ist Nehanda - und damit der Widerstand, der durch sie verkörpert wird - auch ein diskursives Phänomen. Es gilt also die Diskurse zu unterwandern, die einen bestimmen. Wie in keinem anderen Text über Nehanda zeigt Yvonne Vera, wie dies funktioniert. Hier wird, so Penny Ludicke, vorgeführt, wie groß die Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart sein kann. "For Nehanda's bewildered and beleaguered people the spirit is a voice from the past which signifies that they have not been abandoned by their ancestors or their land, and it is this profound and compelling force which commands their uprising."94

In Nehanda gelingt es also, das Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart zu verdeutlichen. Ebenso greifbar wird hier die historische Bedeutung dieses Zusammenspiels.95 Denn eine Figur wie Nehanda macht [Seite 56↓] Widerstand überhaupt erst möglich. "By mediating between the community and the ancestral spirits, Nehanda opens the space of war"96, so Ranka Primorac. Und dies macht sie ganz explizit als Frau. Ranka Primorac verweist darauf, daß sie sowohl eine menschliche als auch eine übermenschliche Existenz hat. Da Nehanda schon mit dem Namen Nehanda (und nicht etwa mit dem Namen Charwe) geboren wird, gibt es keine Trennung zwischen einer spirituellen und einer weltlichen Dimension.

Vera's Nehanda is a medium inasmuch as the borderline between the various spatio-temporal categories that make up the novels's universe run, literally, through her: she is both centre and model of the novel's chronotope. During the possession ritual [...] she is able to mediate in the dialogue between the ancestors and the people, because she has internalized both sides of it. Vera's Nehanda is a dual character: she has an "other-worldly" and a human aspect; she is simultaneously, both a spirit medium and a woman.97

Diese sowohl geistige als auch körperliche Leistung von Veras Nehanda macht es schließlich unmöglich, zwischen ihrem Geist und ihrem Körper zu trennen und ihre Identität als Frau zu negieren. Anders als die meisten Texte über die historische Figur wirft Yvonne Vera einen Blick auf Nehanda, der die körperliche Dimension dieses Mythos nicht übersieht. Nehandas Körper ist hier nicht einer, der wie bei Charles Samupindi den Geist verrät. Im Gegenteil. Aus ihrem Körper - als verbindendes Element zwischen den Welten, in denen sie sich bewegt - schöpft Nehanda die Kraft zu kämpfen.

1.1.2 Kämpferinnen in Literatur und Film. Das Bild der vermeintlichen Töchter Nehandas

Die Kämpferinnen des 2. Chimurenga gehören zu den sowohl im literarischen als auch im politischen Diskurs Zimbabwes am meisten unterschätzten und verleumdeten Figuren. Obwohl sie in der offiziellen Partei- und Regierungspropaganda als mit den Männern gleichberechtigte Kämpferinnen für die Unabhängigkeit dargestellt werden, so ist ihre Rolle im Befreiungskampf stets eine marginalisierte.98 Dies gilt gleichermaßen für die [Seite 57↓] Literatur. Eine ausgesprochene Heldinnengeschichte, wie etwa Yvonne Vera sie für Nehanda geschrieben hat, oder eine Antiheldinnengeschichte entprechend Shimmer Chinodyas Harvest of Thorns , existiert nicht. Selbst in Ingrid Sinclairs Film Flame (1996), der in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme bildet, geht es vor allem um das Leid der beiden kämpfenden weiblichen Figuren. "Ein Film wie [Flame ] [...], der die anfängliche Begeisterung, die Illusionen, die Probleme und die Desillusionierung von Freiheitskämpferinnen in den Mittelpunkt stellt, wäre in Zimbabwe vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen und konnte auch jetzt nur unter Schwierigkeiten in die Kinos kommen."99 Mit der Kämpferin und Schriftstellerin Freedom Nyamubaya als Vorbild wird deutliche Kritik an der Befreiungsarmee geübt.100 Denn das Leid von Sinclairs Figuren begründet sich allein in ihrer Genderzugehörigkeit. Sie sind keine Antiheldinnen, die wie Chinodyas Benjamin einen inaktiven, negativen oder passiven Helden verkörpern und einem aktiv Handelnden gegenübergestellt wären. Sinclairs Flame und Liberty sind Heldinnen, die in einer frauenverachtenden Gesellschaft zurecht kommen müssen. Glückliche und siegreiche Heroinnen des 2. Chimurenga (oder ihre Gegenbilder) scheint es weder in der Politik noch in der Fiktion zu geben. So fehlen die mächtigen Frauen im 1980 unabhängig werdenden Zimbabwe. Lediglich 11 von 150 Parlamentariern sind zu der Zeit Frauen.101 Diese Abwesenheit ist um so erstaunlicher, da sich sowohl die Armee als auch die junge Regierung mit Nehanda eine Frau als Gründungsheroin auserkoren hatten. Eine Frau jedoch, deren Weiblichkeit ausgeblendet wird.102

In der offiziellen Politik der Zimbabwean African National Liberation Army (ZANLA) waren die Frauen von Nehanda inspiriert. Daraus läßt sich aber, so Josephine Nhongo-Simbanegavi (1997), keinesfalls schließen, daß die ZANLA das gesellschaftliche Konzept von Gender neu ordnen wollte. Folgt man Gisela Geisler (1995), so wurden den Frauen zwar Versprechungen gemacht, doch ihre Rekrutierung erfolgte aus rein pragmatischen Gründen.


[Seite 58↓]

In Zimbabwe women entered politics with the promise of gender equality. [...] By 1979 [...] Zimbabwe African National Union (ZANU) had recruited over 10,000 women guerrilla fighters and a number of those had been appointed high command. Initially the involvement of women as combatants was resisted because [...] women were perceived to be situated in the private sphere, and their role was defined as offering support services for the male fighters. It was both the insistence of women and the need for more combatants that brought about a change of attitude in the male leadership.103

Die Tätigkeit der Kombattantinnen wirkte sich jedoch nicht auf das zivile Leben aus, denn die Unabhängigkeit brachte keine grundsätzlichen Veränderungen für die Frauen.

Zu diesem Schluß kommt auch Nhongo-Simbanegavi in ihrer breit angelegten Studie,104 die sich mit der Rolle der Frau in der ZANLA befaßt. Sie betrachtet insbesondere die intensiven Kriegsjahre nach 1972, als auch Frauen verstärkt rekrutiert wurden. Nhongo-Simbanegavi stellt die Frage, ob die nationale Befreiungsbewegung die Frauen aus ihrer traditionellen Rolle befreite, und weist nach, daß die neuen Herrscher nicht mehr Respekt vor Frauen hatten als ihre Vorgänger. Dies zeigt sich schon allein an der deutlichen Arbeitsteilung von Männern und Frauen, die nach der üblichen Rollenverteilung funktionierte. Zu den ersten Aufgaben der Kombattantinnen gehörte das Kochen. "Forward with the cooking stick" war der allgemeine Slogan.105 Ein Aufbegehren seitens der Frauen stieß auf wenig Verständnis. Die vor allem gegen Ende des Krieges laut werdenden Proteste wurden von der Führungsspitze der ZANU als spalterisch und egoistisch bezeichnet.106 [Seite 59↓] Chiedza Musengezi und Irene McCartney (2000) verweisen darauf, daß diese Haltung auch in der Zimbabwe People's Revolutionary Army (ZIPRA) vorherrschte.

The contributions that women made in the camps is often not acknowledged or is diminished in favour of the soldier, the fighter. Both liberation armies professed to be gender aware, and to promote equality between the sexes, but practice lagged far behind theory, except in terms of punishment when everyone was treated equally.107

Welche Rolle also bekleiden die vermeintlichen Töchter Nehandas?

Zunächst stellt sich die Frage, ob die Kämpferinnen überhaupt als Nehandas Töchter wahrgenommen werden. Denn trotz Nehanda als Leitfigur ist der zimbabwische Befreiungskampf ein Bürgerkrieg, der in Ideologie, Zielsetzung und Durchführung ausschließlich den Sturz der Kolonialmacht vor Augen hatte. Die Frage nach Gender existierte im Grunde nicht. Orientiert am 1. Chimurenga, waren es insbesondere die Erfahrungen des 2. Weltkrieges, die zum organisierten Widerstand der Schwarzen führten. Denn hier hatten Afrikaner ganz selbstverständlich neben Europäern gegen Deutschland gekämpft.108 Im damaligen Rhodesien gab es 1957 die erste Massenpartei, den Southern Rhodesien African National Congress (SRANC). Etwa ein Jahr nach seinem Verbot 1960 gründete sich die National Democratic Party (NDP). Die Präsidentschaft übernahm das spätere Staatsoberhaupt Joshua Nkomo. Robert Mugabe, der schließlich Ministerpräsident und Staatspräsident Zimbabwes werden sollte, leitete die Öffentlichkeitsarbeit. Von 1960 an wurden Forderungen nach politischer Selbstbestimmung der Afrikaner laut. 1961 folgte das Verbot der NDP. Wenig später ging aus ihr die Zimbabwe African People's Union (ZAPU) hervor, die, als sie zu Sabotageakten aufrief, 1962 ebenfalls verboten wurde. Nach innerparteilichen Auseinandersetzungen spaltete sich die militante [Seite 60↓] Fraktion von der ZAPU ab und gründete 1963 unter Ndabandingi Sithole die Zimbabwe African National Union (ZANU) mit Robert Mugabe als Generalsekretär. Frauen konnten selbstverständlich Mitglieder der Partei werden. 1964 nahm die ZANU den bewaffneten Widerstand in ihr Programm auf. Nach einem politisch motivierten Mordanschlag auf einen Weißen wurden beide Parteien verboten.109

Der bewaffnete Kampf gegen die weiße Minderheitsregierung begann Mitte der 60er Jahre. In China und Tanzania ausgebildete Kämpfer der Zimbabwean African National Liberation Army (ZANLA), der Armee der ZANU, erlebten am 28. April 1966 eine Niederlage gegen rhodesische Truppen. Dieser Tag, heute Chimurenga Day (Liberation Day), markiert den Beginn des 2. Chimurenga.110 Unterstützung für den Befreiungskampf kam unter anderem aus dem Nachbarland Mosambique. Hier befanden sich verschiedene Ausbildungslager und Militärstützpunkte, in denen im Laufe der Zeit auch immer mehr Frauen ausgebildet wurden. Im Gegenzug reagierte die rhodesische Regierung mit immer brutaleren Methoden auf den Krieg. Zunehmend wurde die schwarze Zivilbevölkerung durch Kollektivstrafen, Folter und die Umsiedlung in sogenannte Schutzdörfer schikaniert.

Nach beinahe 10 Jahren Bürgerkrieg schlossen sich 1975 ZANU und ZAPU für kurze Zeit zusammen und gründeten eine Armee, die Zimbabwe People Army (ZIPA). Als diese Vereinigung auseinanderging, nahmen die unterschiedlichen Parteien wieder ihre alten Organisationsformen an. Der Kampf gegen die Kolonialmacht wurde jedoch ungemindert fortgesetzt und gewann zunehmend Unterstützung aus der Bevölkerung. Barbara Müller (1999) zeigt, daß nun auch die jungen Frauen verstärkt am Kampfgeschehen teilnahmen.

Besonders nach 1978 zog es Tausende von jungen Frauen über die Grenze. Ganze Mittelschulklassen schlossen sich dem Kampf an. Zu zweit oder in Gruppen stellten sie die nötigen Kontakte her und machten sich auf den [Seite 61↓] gefährlichen Weg, ohne Eltern oder Lehrer über ihr Vorhaben zu informieren.111

Trotz der hohen Strafen, die auf die Unterstützung des Kampfes ausgesetzt waren, zählte die ZANU und ZAPU 1979 zusammen 28.000 Guerillas. Im Laufe des Bürgerkrieges sah sich die afrikanische Zivilbevölkerung zunehmend nicht nur der Gewalt der rhodesischen Soldaten ausgeliefert, sondern fürchtete auch Übergriffe der KämpferInnen. Insbesondere die Bauern gerieten als potentielle Nahrungsmittellieferanten in eine schwierige Lage. Gewalt gegen sie war, wie Norma Kriger (1992) zeigt, an der Tagesordnung. Die Guerillas verhinderten zwar, daß die Bauern Steuern an das Regime zahlten, verlangten aber im Gegenzug eine Kriegssteuer in Form von Nahrung, Kleidung, Geld und Arbeitskraft. Konnten oder wollten die Bauern diese nicht aufbringen, wurden sie als Verräter eingestuft und gemaßregelt.112

Ganz bewußt setzten die BefreiungskämpferInnen Gewalt gegen die schwarze Zivilbevölkerung als Kampfmittel ein. Auch Frauen waren an diesen Taten beteiligt. Mit dem Ziel, die Siedler aus dem Land zu vertreiben, steckten die KombattantInnen auf den weißen Farmen die Häuser der schwarzen Angestellten in Brand und richteten Massaker unter den Arbeitern an. Daraufhin verließen auf vielen Farmen die Schwarzen ihren Arbeitsplatz. Die Weißen waren nun aufgrund der schwierigen finanziellen Lage gezwungen, die Landwirtschaft aufzugeben. Eine Reihe von Siedlern ging ins Exil. Nachdem sich der außen- und innenpolitische Druck auf die rhodesische Regierung immer weiter zugespitzt hatte, suchte Ian Smith zusammen mit Bischof Muzorewas UANC (United African National Council) nach einer [Seite 62↓] politischen Lösung.113 1979 entstand Zimbabwe-Rhodesien, mit einer Regierungsbeteiligung der Schwarzen Bevölkerung. Aufgrund der ablehnenden Haltung von ZANU und ZAPU erkannte die internationale Staatengemeinschaft die neue Regierung jedoch nicht an. Als der Bürgerkrieg sich weiter zuspitzte, kam es im August 1979 zu Verhandlungen.114 Im Lancaster House unterzeichnete man schließlich eine Verfassung mit einem Waffenstillstand für den 31.12.1979. Daraufhin wurde Zimbabwe-Rhodesien für drei Monate wieder britsche Kollonie. Im Februar 1980 fanden allgemeine und freie Wahlen statt.115 Am 18. April 1980 wurde Zimbabwe unabhängig. Das Amt des Premierministers übernahm Robert Mugabe mit Canaan Banana als Staatsoberhaupt.

Mit Robert Mugabe kam ein Ex-Kombattant in die Regierungsverantwortung. Die Frauen, die ihren Teil zur Unabhängigkeit beigetragen hatten, waren vergessen. Lediglich Nehanda erhielt als einzige Frau eine wichtige Funktion im neuen Zimbabwe. Bei den Unabhängigkeitsfeiern ist ihr Bild omnipräsent. Bei näherer Betrachtung ist Nehanda zwar eine hochverehrte Frau, jedoch nicht als Frau etabliert. Vielmehr fungiert sie als gender- und sexloser Mythos. Aus dieser Wahrnehmung heraus erklärt sich die fehlende Assoziation von Kämpferinnen und Nehanda. Dies ist besonders bemerkenswert, da die Kombattantinnen mit einer durch Nehanda etablierten Tradition der kämpfenden Frau hätten legitimiert werden können und so beispielsweise die Diffamierung als Hure erst gar nicht aufgekommen wäre. Doch da Nehanda nicht als Frau gesehen wird, gibt es auch keine Tradition kämpfender Frauen. Daher überträgt sich die Bewunderung Nehandas auch nicht auf die Kämpferinnen. Sie sind keinesfalls Nehandas Töchter. Ihnen scheint noch nicht einmal ein Bruchteil der Achtung zu gebühren, die Nehanda zuteil wird.

Die uneingeschränkte Verehrung Nehandas steht in ebenso deutlichem wie bemerkenswertem Gegensatz zur Skepsis gegenüber den kämpfenden Frauen des 2. Chimurenga. Dabei hatte, wie Norma Kriger zeigt, kein geringerer als [Seite 63↓] Robert Mugabe noch 1979 die Gleichberechtigung von Frauen und Männern verkündet.

Robert Mugabe traced the unfolding ZANU policy of treating women as equals with men on the battlefront. He said women fighters 'have demonstrated beyond all doubt that they are as capable as men and deserve equal treatment, both in regard to training and appointments. It is because of their proven performance that we have agreed to constitute a Women's Detachment with its own commander who should become a member of the High Command.[']116

Doch dies scheinen reine Lippenbekenntnisse, denn Josephine Nhongo-Simbanegavi verweist darauf, daß das bereits 1977 gegründete "Department of Women's Affairs" lediglich als ein Club für die Ehefrauen der ZANU Führer wahrgenommen wurde.117 Die weitere Abwesenheit von Frauen in einflußreichen Ämtern spricht für ihre fortdauernde Marginalisierung. Überdeutlich wird dies auch am Schicksal des "Ministry of Community Development and Women's Affairs". 1981 eingerichtet und von der Ex-Kombattantin Teurai Ropa Nhongo geleitet, versank es, so Gisela Geisler, schon 1984 wieder in der Bedeutungslosigkeit. "The ministry was, indeed, considered marginal to national development and was allocated a correspondingly small budget, which in 1984 barely covered the salaries of the ministry's staff."118 Einige Jahre später verlor die Ministerin ihre Ämter an Sally und Bridgit Mugabe, die Ehefrau bzw. Schwester des Präsidenten.

Gleiche Arbeit und gleicher Einsatz von Männern und Frauen führen also keinesfalls zu gleichem Lohn und gleicher Anerkennung.119 Im Gegenteil. Während die Kämpfer die unumstrittenen Helden der Unabhängigkeit sind, müssen sich die Kämpferinnen gegen üble Nachrede und Diffamierung [Seite 64↓] wehren. Auch die zu Zeiten des Bürgerkriegs und im Wahlkampf versprochene Gleichberechtigung der Frauen läßt auf sich warten. Juristisch ist sie, so Gisela Geisler, zwar festgeschrieben, doch ausgelegt werden die Gesetze anders. "In Zimbabwe the availability of equitable laws has not always guaranteed their application. The rights and wrongs of many women are still to a large extent defined by some convenient, male defined, versions of 'tradition'."120 Norma Kriger kommt ihrerseits zu dem Schluß, daß eine bewaffnete und kämpfende Frau zwar ein neues Bild abgibt, dies jedoch die Rolle der Frau in einer Gesellschaft nicht nachhaltig verändert. "Female participation during wars in roles from which they are normally excluded is not sufficient evidence of changing attitudes to women."121 Eine treffende These angesichts der wirtschaftlichen, gesundheitlichen und politischen Situation zimbabwischer Frauen viele Jahre nach der Unabhängigkeit.122 Als Heldinnen werden die Ex-Kombattantinnen nicht behandelt.

Ein ähnliches Bild wie in der Politik ergibt sich im literarischen Diskurs Zimbabwes. Auch die Literatur stellt keinen deutlichen Zusammenhang zwischen Nehanda und den Kombattantinnen her. Dabei zeigt gerade die Figur der Nehanda, daß Frauen im präkolonialen Afrika eine herausragende Rolle spielen konnten. So widersprüchlich es klingen mag, in der zimbabwischen Gesellschaft ist trotz aller gegenteiligen Beweise das Bild einer kämpfenden Frau letztlich nicht denkbar. Dies gilt in gewisser Hinsicht auch für die Literatur. Die Figur der Kämpferin hat oftmals nichts Selbstverständliches, sondern bedarf vielfach einer Rechtfertigung. Dabei gäbe es, wie Norma Kriger zeigt, durchaus historische Anknüpfungspunkte, denn an der Waffe kämpfende Frauen sind im südlichen Afrika nichts Neues. "Female participation in wars [was not] an entirely new phenomenon for African women in this region, if there is validity to Mutunhu's claim that some of the best combat regiments during the Monomotapa period were composed only of women, mainly young and unmarried."123 Doch einen [Seite 65↓] historischen Roman zu diesem Thema gibt es nicht. Um das Bild der Kämpferinnen in der zimbabwischen Öffentlichkeit zurechtzurücken, hätte beispielsweise auch die Regierungspropaganda mit Hilfe dieser historischen Überlieferung eine Tradition kämpfender Frauen bestätigen können, die die Kombattantinnen vor Diffamierung bewahrt hätte. Doch die Prioritäten der neuen Machthaber lagen anderswo. Sie hatten auch schon Nehanda nicht mit den Frauen der Armee in engeren Zusammenhang gestellt. Vielmehr waren sie darum bemüht, so wenig wie möglich in Konflikt mit den Lebensvorstellungen der Menschen zu geraten. "ZANLA had difficulty deciding how far to intervene in African customs. It did not go very far [...]. ZANU concerns about clashing with African custom and tradition imposed a limit on the attainment of its goal of liberating women from their double burden of racism and tradition", so Norma Kriger. Hier zeigt sich überdeutlich, wie gering das Interesse an einer grundlegenden gesellschaftlichen Neuordnung war.

Zu den historisch verbürgten Tatsachen zählt jedoch, daß Frauen im Krieg gekämpft haben. Schätzungen gehen von 20-25% Frauenanteil aus. Auch wenn die Rolle der Frauen in der Armee umstritten ist, so wird ihre Teilnahme an der Befreiung nicht explizit geleugnet.124 Vielmehr herrscht nach 1980 einvernehmliche Verunglimpfung sowie Degradierung der Kämpferinnen und ihrer Aufgaben. Dies ist jedoch kein ausgesprochen zimbabwisches Phänomen. Kämpfende Frauen werden in den Berichten von Kriegen zumeist übersehen oder ihre zentrale Rolle schlicht dementiert. Texte, die die Kriegsbegeisterung und den Kampfeswillen von Frauen abbilden, finden sich in Anbetracht der Fülle von männlicher Kriegsliteratur vergleichsweise selten. Für die afrikanische Literatur ist Assia Djebars Fern von Medina (1991) eine herausragende Ausnahme. Angesichts der Besetzung ihrer Stadt begeistert sich Umm Hakim für den Kampf der Frauen gegen den Feind.

Kämpfen. Zu Pferde kämpfen oder auf dem Rücken eines Kamels, und fortan für den Islam. [...] / Den Leib aussetzen aus Spaß an der Gefahr? Weil sie den Geruch des Staubes im Chaos des ersten Getümmels liebten? Sie wollten sich nicht damit begnügen, in den hinteren Linien you-you-Rufe auszustoßen, sie schenkten den Verstümmelungen an den Toten oder Sterbenden keine Beachtung [...], sie warfen sich im Galopp in den Angriff, zu dem sie anfeuerten, sobald sie sahen, daß die Reihen der Männer an Tritt [Seite 66↓] verloren oder andernmal, auch, zurückwichen. Jawohl, sie warfen sich hinein, bevor es zu spät war; ja, sie erschienen in der Schlacht, den Säbel oder gar die Streitaxt in der Hand, eine Gruppe freudiger Amazonen, die den Strom der neu formierten Krieger wieder anschwellen ließen. Und selbst wenn letztere fielen und starben, dann galten ihre hoffnungsvollen Blicke jenen Frauen, die temperamentvoll erstanden. / Ausgesetzt also; sie mußten sich der Gefahr aussetzen, in alter Kühnheit, ihrer fröhlichen Wildheit, diesmal als Musliminnen.125

Ein Beispiel für weibliche Kriegsphantasie, die in der afrikanischen Literatur ihresgleichen sucht. Diese Textstelle ist neben Umm Hakims Begeisterung für den Krieg auch wegen der uneingeschränkten Darstellung der Kämpferinnen als Heldinnen so herausragend. Nicht ihr Leid, sondern vielmehr ihre Freude am Kampf steht im Mittelpunkt.

Djebars Text ist eine Ausnahme, denn das Bild einer kämpfenden Frau scheint in ganz unterschiedlichen historischen Kontexten undenkbar. Ihnen wird allenfalls eine marginale Position an der sogenannten Heimatfront zugewiesen. Doch die Arbeit der Frauen, sei es nun an der Waffe oder in konspirativer Mission, war für den Ausgang vieler Kriege von großer Tragweite. So verweist beispielsweise Ingrid Strobl (1994) auf die oftmals vergessene, aber dennoch sehr bedeutende Rolle von Jüdinnen im Widerstand gegen die Nationalsozialisten.

Der typische und vielleicht bedeutendste Beitrag von Frauen zum jüdischen Widerstand ist ihre Tätigkeit als Kurierinnen und Verbindungsfrauen. Ohne sie hätte es keinen Widerstand gegeben, der über vereinzelte Verzweiflungsakte kleiner Gruppen hätte hinausgehen können. Ihre Arbeit ist klandestin, ihre Namen sind falsch, ihre wahre Identität kennt kaum jemand. So arbeiten sie 'im Schatten' - und so bleibt auch die Erinnerung an sie im Schatten der Geschichte.126

In einem ähnlichen Schatten arbeiteten auch die zimbabwischen Rekrutinnen. Zu den Aufgaben der Frauen und vor allem der Mädchen, der sogenannten [Seite 67↓] Chimbwido, gehörte es, die Guerillas mit Nahrung zu versorgen. Denn zumindest am Anfang des Krieges erweckten Frauen bei der Kolonialmacht weniger Argwohn als Männer. So banden sie sich beispielsweise das Essen wie ein Kind auf den Rücken. Auf diese Weise gaben die Frauen und Mädchen ein alltägliches, völlig harmloses Bild ab und waren für die Befreiungsarmee von größtem Nutzen.

Frauen wurden jedoch auch militärisch ausgebildet. "Als Trägerinnen waren sie für den Transport von Waffen und Munition in die Kampfgebiete verantwortlich. [...] Frauen wurden des Weiteren als Instruktorinnen, Politkomissarinnen, Sanitäterinnen, Fahrerinnen und für Bewachungsaufgaben eingesetzt."127 In einem Interview mit Chiedza Musengezi (2000) berichtet die Ex-Kombattantin Nancy Saungweme von diesem Training.

Besides running we were taught to overcome obstacles in our way; for example a ditch, a dam or river. You had to learn to swim. We also learnt to handle weapons like rifles, which we called muguguda. We also learnt to operate a light machine gun, anti-air recoil, that is a big gun that we used to shoot at aircraft. We also trained in guerilla warfare - to understand what our enemy is planning and how to ambush them.128

Doch der Einsatz wurde den Frauen in Hinblick auf ihre Stellung in der Gesellschaft zum Verhängnis. Während die Armee bei der Mobilisierung den potentiellen Rekrutinnen ausdrücklich versprach, die allgemeine Lebenssituation von Frauen zu verbessern, wurden eben diese Frauen nach dem Krieg als Prostituierte und Mörderinnen verhöhnt und gesellschaftlich marginalisiert.129 Denn anders als die Propaganda der postkolonialen Machthaber glauben läßt, war es, so Josephine Nhongo-Simbanegavi, nie das Ziel der ZANU, die bestehende Genderordnung zu hinterfragen. Ebensowenig die Politik der ZANLA. Obwohl hier nach offizieller Ideologie Nehanda die kämpfenden Frauen inspirierte, bedeutete dies keinesfalls, daß eine neue gesellschaftliche Ordnung entstehen sollte. Unter anderen haben jedoch Prominente wie Ruth Weiß nach dem Krieg dazu beigetragen, das Bild der [Seite 68↓] frauenemanzipierenden ZANLA zu formen.130 Josephine Nhongo-Simbanegavi weist außerdem darauf hin, daß in der zimbabwischen Literatur die (sexuellen) Beziehungen zwischen den Guerillas romantisiert werden. Nur einige wenige Texte befassen sich mit der Gewalt innerhalb der kämpfenden Truppe.

Zu diesen Texten zählt auch Veras Without a Name . Der Roman gehört in den durch Freedom Nyamubaya eröffneten Diskurs um Genderdifferenz und Krieg. Als erste Ex-Kombattantin und Schriftstellerin demystifiziert Nyamubaya in dem Gedicht "Osibisa" der Sammlung On the road again (1986) die Rolle der Frau als Guerillera. Nyamubaya rückt hier das Bild der kämpfenden Frau zurecht. "It's sexual, mental and physical harrassment / For women, mothers, in the liberation wars."131 Dabei verleiht vor allem ihr Status als Ex-Kombattantin dem Text besonderen Nachdruck. In Dusk of Dawn (1995) benennt sie dann erstmals ganz deutlich das Thema Vergewaltigung innerhalb der kämpfenden Truppe. Eingebettet in die Alltagserfahrungen eines Krieges erscheint Vergewaltigung im Gedicht "Secrets" als ein Ereignis unter vielen.

Amai I wanted to write you a letter to say; / I now can speak many languages / Chipo is at Osibisa pregnant / Theresa is now a commander / Anna lost her leg in the battle / They beat me the first day I arrived at Tembwe / / I was raped by the security commander / Jim lost his big toe from jigger fleas / Many died at Nyadzonya from hunger / I have got a new Afrikan name now / You probably know about all these things / Last but not least I wanted to tell you / That I love you very much.132

Nüchtern sind hier eine Reihe von Erfahrungen aufgezählt, die die Zeit des zimbabwischen Bürgerkriegs ausmachen. Für Frauen ist vom militärischen Aufstieg bis zur Vergewaltigung durch die eigenen Kameraden alles denkbar.

Anhand von Josephine Nhongo-Simbanegavis Untersuchung zur Rolle der Frau in der ZANLA zeigt sich, daß Freedom Nyamubayas Text durchaus die Erfahrungen von Frauen in der zimbabwischen Befreiungsarmee widerspiegelt. Denn die bloße Existenz von Soldatinnen bedeutet keinesfalls die Gleichstellung von Mann und Frau. Auch die Geschichte der Roten [Seite 69↓] Armee, der US Army sowie der israelischen Truppen beweist, daß kämpfende Frauen das in der jeweiligen Gesellschaft herrschende Frauenbild nicht wesentlich verändern. Mit welchem Tabu dieses Thema belegt ist, wird bei Norma Kriger deutlich. Nach der Qualität der Genderbeziehungen in der Armee befragt, sagen die zimbabwischen Befreiungskämpferinnen kaum aus. Kriger kann nur spekulieren.

More data are needed about the attitudes of male and female combatants and camp and army personnel if problems encountered in eliminating gender discrimination are to be better understood. While some of the females in camps claimed equal treatment with males, others complained the leading 'comrades' thought they were entitled to the service of women.133

Selbst 20 Jahre nach der Unabhängigkeit gibt es ehemalige Kämpferinnen, die zur Gewalt gegen Frauen nicht aussagen können. So befragt Doris Dube (2000) die Ex-Kombattantin Gertrude Moyo nach Vergewaltigungen innerhalb der Truppe. Gertrude Moyo leugnet zwar nicht die Tat, verortet sie jedoch außerhalb der Befreiungsarmee. "What I know is that they were raped before they got here. [They were raped] on the way."134 Über die Gründe für eine solche Meinung läßt sich nur mutmaßen. In jedem Fall aber spricht es für die Tabuisierung des Themas und die, im Sinne von Christina Thürmer-Rohr (1989), Mittäterschaft von Frauen. Denn Thürmer-Rohr zeigt, daß Frauen "in die einfachen und komplizierten Macharten" einer Kultur eingebunden sind, die Gewalt im allgemeinen und Gewalt gegen Frauen im besonderen zuläßt.135 Dies gilt auch für die Armee des 2. Chimurenga.

Die zimbabwischen Frauen waren während des Bürgerkriegs jedoch von zwei Seiten bedroht. Sowohl die Guerillas als auch die Soldaten der Rhodesischen Armee stellten, so Alice Armstrong (1990), eine Gefahr für sie dar.

During the Liberation Struggle women had difficulties from both sides. The soldiers, stationed far from home and without their women around, often demanded sexual favours from them, and - with the power of the gun on their side - were easily able to force compliance. The guerrillas [...] also demanded that women contribute to the struggle by satisfying their needs. As one interviewee told us, "As you know, you could not deny sexual intercourse to a 'mujiba' or to a 'comrade'."136


[Seite 70↓]

Während Kriger nur vorsichtig andeutet: "male guerrillas [...] had difficulties accepting gender equality",137 hat Josephine Nhongo-Simbanegavi eindeutige Belege, in welchem Ausmaß die Genderbeziehungen von Gewalt gekennzeichnet waren. Vergewaltigung gehörte ebenso zum Alltag wie die sich erstmals informell - das heißt ohne den Einfluß der Familie - entwickelnden Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Doch die sich in der Armee auflösenden gesellschaftlichen Ge- und Verbote hatten durchaus zwiespältige Auswirkungen.

[C]amp life afforded some women the opportunity to experiment with their sexuality in a way they had never done before. Many others found themselves having to use their sexuality to survive the harsh camp conditions, and a lot more still, found themselves exposed to provide men with sex to relieve the stresses of military life, justified as their own contribution to the struggle. But they were at the same time castigated for this and labelled prostitutes.138

Wie in anderen historischen Zusammenhängen auch ist die Soldatin der Befreiungsarmee im zimbabwischen Kontext keine eindeutige Heldin. Die Kämpferinnen sind als vermeintlich alleinstehende, kinderlose Frauen immer schon sexualisiert.139

Abgesehen von der tatsächlichen Praxis waren die sexuellen Beziehungen in der Armee klar geregelt. Die KämpferInnen durften weder untereinander noch mit der Dorfbevölkerung intime Verbindungen eingehen. Andernfalls würde, so David Lan (1985), der Schutz der Medien unwirksam.

[T]he belief that bute, the mhondoro's patent cure-all, [...] could protect them from the bullets of the enemies [was widespread]. But the powers of bute would fail and the guerrillas would lose the ability to interpret the signs unless they observed a complex set of restrictions which the mediums imposed on [Seite 71↓]them. The first of these restrictions prohibited the guerrillas, both female and male, from having sex while on active duty, either with each other or with the peasants whose villages they passed through[.]140

Doch dieses Verbot wurde nicht beachtet. 80% der über 14jährigen Frauen brachten aus den Lagern der Befreiungsbewegung entweder ein Kind mit oder waren schwanger.141 Erst 1978 gab es aufgrund der vielen Schwangerschaften Regulierungen für Eheschließungen: Die Männer durften mehr als eine Frau haben, der Brautpreis wurde abgeschafft und eine Scheidung während des Krieges war ausgeschlossen. Untersagt waren Affairen mit Partnern von anderen, und bestraft wurde der, der den Frauen von anderen Männern nachstellte. Ob alle diese Regeln wirklich griffen, sei dahingestellt. Und auch ob die Männer, wie es die Armee nun vorsah, immer die Frauen heirateten, die von ihnen ein Kind bekamen, ist fraglich. Vaterschaft läßt sich nur mit erheblichem Aufwand nachweisen.142 Ist jedoch der Vater des Kindes nicht bekannt, so weiß man auch das Totem des Kindes nicht. Dies kann in Zimbabwe schwerwiegende gesellschaftliche Probleme nach sich ziehen. Keine der Regeln konnte die Frauen also letztlich beschützen. Mehr noch, ohne die familiäre Kontrolle waren, so Nhongo-Simbanegavi, vor allem die jungen, zumeist ledigen Mütter völlig ausgeliefert.

The marriage institution failed to provide most women with any security, especially in the absence of the traditional cementing factors, that is, family involvement and bridewealth. Most ended up performing the function of motherhood as expected of them under what turned out to be an unscathed patriarchal system.143

Den Frauen ging es also zum Teil schlechter als in einer traditionell ausgerichteten Gesellschaftsordnung.

Die jüngere zimbabwische Literatur bzw. der Film greift das Thema Sexualität und Gewalt inzwischen zaghaft auf. Insbesondere geht es hier um die Frage der Sexualität von Kombattantinnen und Kombattanten. Dabei bewegen sich die Soldatinnen entweder auf einem Grad zwischen Prostituierter und Vergewaltigungsopfer - wie beispielsweise in Sinclairs Film Flame , wo die eine vergewaltigt wird und die andere sich nach dem Krieg [Seite 72↓] gegen ein Image als Prostituierte wehren muß - oder sie werden wie in Nozipo Maraires Zenzele. A Letter For My Daughter (1996) als asexuelle Heilige stilisiert. "On their backs they carried not runny-nosed babies but the hope of a different generation in the form of runs of ammunition [...]. They were as foreign to our traditional image of women as Eskimos."144 Doch egal ob Hure, Heilige oder Opfer, sie entsprachen in keinem Fall der gesellschaftlichen Konvention und ihr Kampfeinsatz war niemals selbstverständlich. Besonders interessant ist, daß in diesem Diskurs das Kriegsgeschehen in den Hintergrund rückt und die Differenzen zwischen den KämpferInnen zentral werden läßt. Die Genderzugehörigkeit der Kämpferin nimmt in der Darstellung dieser Konflike eine wesentliche Rolle ein. Immer wieder steht, wie in Nyamubayas Gedicht "Aliens" aus Dusk of Dawn , die Identität der kämpfenden Frau als Frau im Mittelpunkt. Dabei geht es jedoch nicht um ihre Qualifikation als Soldatin, sondern vielmehr um eine unterstellte nonkonforme Verhaltensweise. Der Text versucht der negativen Reputation dieser Frauen entgegenzutreten.

Have you heard of them? / Have you ever come across one? / I heard they are something! / / They beat up their husbands / Beat up their in-laws / Have no respect for elders / Drink like fish / Smoke like chimneys / Sleep with everybody / I heard they are physically strong too / / Yes I have heard of them / One of them is my sister / The one that comes after me / And she is not like you describe / the female ex-combatant [.] (DD 43)

Die Stimme in dem Gedicht widerspricht hier einer Sammlung von gesellschaftlichen Vorurteilen. Doch der Widerspruch an sich zeichnet kein neues Bild der Kombattantin. Im Gegenteil. Da die aufgezählten Attribute nicht entlarvt werden, reproduziert der Text lediglich das Bild einer unehrenhaften Frau an der Waffe. Der Versuch, durch die in der postkolonialen Theoriebildung als Aneigung beschriebene Bewegung die Konstruktion dieses Bildes bloßzustellen, scheitert.145 Mehr noch, indem der [Seite 73↓] Gebrauch von Drogen, offene Aggressivität, sexuelle Freizügigkeit, der Verstoß gegen gesellschaftliche Normen und körperliche Stärke als negative Charakterzüge von Frauen markiert sind, zeichnet das Gedicht die monogame, gesellschaftlich konforme und friedfertige Frau als Ideal. Sicherlich waren die Kombattantinnen alle sehr unterschiedlich, doch eine untrainierte und angepasste Frau hätte keine gute Kämpferin abgegeben und wäre vermutlich erst gar nicht auf die Idee gekommen, mit Waffengewalt für ihre Freiheit einzutreten. SoldatInnen müssen über ein gewisses Aggressionspotential verfügen, sonst können sie ihre Aufgabe nicht erfüllen.

Im Gegensatz zu den Kombattantinnen ist das Bild ihrer männlichen Kollegen wesentlich unumstrittener und viel einheitlicher. Sie sind fast durchgehend positive Helden. Selbst wenn die Figuren wie in Shimmer Chinodyas Harvest of Thorns im Verdacht stehen, Dorfmädchen vergewaltigt zu haben, ändert dies nichts an ihrer heroischen Rolle. "A man in the village complained that a comrade was having sex with his daughter. The man complained to Baas Die, charging the comrade with rape. This comrade was identified as Mabunu Muchapera. / 'I didn't force her' Mabunu maintained. 'She did it willingly.'"146 Nach einem Streit um das Liebesleben der Soldaten mündet die Diskussion in eine Auseinandersetzung über die Führung der Truppe. Das Thema Vergewaltigung wird fallengelassen, obwohl die anderen Figuren von der Schuld Mabunu Muchaperas überzeugt sind. "'The girl wouldn't have admittet it [if] you hadn't forced her. That is your problem, comrade. Don't drag us into it. We never raped anyone."' (HOT 223) Konsequenzen ergeben sich daraus jedoch nicht. Da Mabunu ein Einzeltäter ist und seine Kameraden sich deutlich von der Tat distanzieren, bleibt das Bild des ehrenhaften Befreiungskämpfers intakt.

Ganz anders in Nyamubayas Gedicht "Journey and half" aus der Sammlung Dusk of Dawn . Der vermeintlich ehrenhafte Kämpfer des 2. Chimurenga wird hier grundlegend in Frage gestellt. Der Text gehört zu den ganz wenigen, die Vergewaltigung in der Guerillaarmee nicht als Tat eines einzelnen darstellen, sondern als alltägliches Ereignis; hier in Form der kollektiv gefeierten Bestrafung einer Gefangenen.

Have you ever been ordered to strip / In front of a thousand shouting eyes / Forced to lie on your back / With your feet astride / Allowing your vagina to be inspected / By somebody whom you have never seen before? / / Imagine lying [Seite 74↓]on your back / On an empty stomach / On top of angry biting ants / On hot dry African sand / And asked to imitate making love / / Have you ever stayed awake / Hundreds of hours in one night / Crying out loudly without voice? / Asked to bark like a wild dog / Or laugh like a hyena / Beaten on your buttocks until they / turned into minced meat? / / 'The truth from a comrade comes from the buttocks!' / A famous interrogation slogan / It happened in the liberation camp prisons / / We have come a long way / And still got a journey and half to cover. (DD 31)

Da nicht klar ist, wer die Opfer und wer die Täter sind, geht es hier in erster Linie um die Tat an sich sowie den Ort des Geschehens: Massenvergewaltigungen in den Gefängnissen der Befreiungsarmee. Massenvergewaltigungen sind im Krieg die gängigsten Vergewaltigungen und haben das Ziel, über die Frauen die gegenerischen Männer zu demütigen.147 Rainer Gödtel (1992) verweist darauf, daß Vergewaltigungen daher oftmals in Gegenwart der Ehemänner oder in aller Öffentlichkeit stattfinden.

Es sind Fälle bekannt geworden, bei welchem eine Frau bis zu dreißig- vierzigmal in einer Nacht vergewaltigt wurde. Der durch die vorangegangenen Kriegshandlungen aufgestaute Haß und die Alkoholeinwirkung führten oft zu grausamen Verletzungen und zur Tötung der Opfer. Nicht selten gaben Truppenkommandeure ganze Städte und Orte zur Plünderung und Notzucht frei. Frauen wurden zur rechtlosen Beute.148

Aus dem zimbabwischen Befreiungskrieg ist diese Art der systematischen Vergewaltigung allerdings nicht bekannt.

Und dennoch klingt in "Journey and half" einiges von dem wieder, was sich auch in kriegsbedingter Massenvergewaltigung abspielt. Bei Nyamubaya handelt es sich jedoch um die eigenen Frauen. Aus diesem Grund liegt hier [Seite 75↓] trotz der Kriegszeiten vielleicht eher eine Bandenvergewaltigung vor.149 Wie auch immer man aber die Tat bezeichnen möchte, die kollektiv begangene Vergewaltigung der eigenen Frauen im Krieg hat sowohl die Komponente der kriegerischen Gewalt als auch die der Gewalt gegen Frauen überhaupt. Denn die Tat wird von Männern begangen, die aufgrund ihrer Identität als Soldaten eine Einheit bilden und die, wie es ein Krieg verlangt, stets zu Gewalt bereit sind. Daher gilt das, was Rainer Gödtel über die Soldaten sagt, die die gegnerischen Frauen vergewaltigen, auch für die Männer des 2. Chimurenga, die ihre Kammeradinnen vergewaltigen. "Die siegreichen Soldaten sahen und sehen in der Verfügungsgewalt über den Frauenkörper einen Teil ihres Lohns, den sie sich unter Lebensgefahr verdient haben."150 Die zimbabwischen Befreiungskämpfer begehen die Tat als Gruppe im Kontext des Krieges, ob es sich dabei um die eigenen oder die Frauen des Feindes handelt, wird nebensächlich. Die Frauen hätten auch in sogenannten Friedenszeiten vergewaltigt werden können, da die zimbabwische Gesellschaft diese Form der Gewalt zuläßt.

Die im Krieg kollektiv durchgeführte Vergewaltigung einer der eigenen Gruppe angehörigen Frau verweist auf die vielfältigen Zusammenhänge zwischen kriegerischer Gewalt und Gewalt gegen Frauen. Eine Schnittstelle, die in der zimbabwischen Literatur erst seit den '90er Jahren zur Sprache kommt. Da die Stimme in "Journey and half" von vielen Zuschauern spricht, muß das Opfer mit mehreren Tätern konfrontiert gewesen sein. "Have you ever been ordered to strip / In front of a thousand shouting eyes". (DD 31) Und aufgrund des Plurals in Gefängnissen, "It happened in the liberation camp prisons" (DD 31), läßt sich schließen, daß dies kein einmaliges Ereignis war, sondern eine durchaus gängige Foltermethode, die den weiblichen Gefangenen zuteil wurde. Hergang und Folgen dieser sexuellen Folter bilden den Mittelpunkt des Textes. Anders als in Harvest of Thorns und "Secrets" kann hier kein Einzeltäter ausgemacht werden. Da sowohl eine positive als auch eine negative männliche Identifikationsfigur fehlt, kommen nur die Männer der Befreiungsarmee in ihrer Gesamtheit als Täter in Frage. Damit sind sie als Helden demontiert. In "Journey and half" gelingt es, auf die [Seite 76↓] im Unabhängigkeitskrieg fortbestehende genderbedingte Gewalt zu verweisen, ohne jedoch das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren. "We have come a long way / And still got a journey and half to cover". Mit der Unabhängigkeit ist also nur ein erster Schritt getan.

Das Thema Vergewaltigung innerhalb der Truppe bestimmt neben Nyamubayas beiden Gedichten auch Ingrid Sinclairs Film Flame . Hier geht es um das Schicksal des sich der Befreiungsarmee anschließenden Dorfmädchens Florence und ihrer Freundin Nyasha. Im mosambiquanischen Trainingscamp angekommen und mit ihren neuen Namen Flame und Liberty ausgestattet, werden sie zu Soldatinnen ausgebildet. Eines Nachts laden ihre männlichen Vorgesetzen die jungen Frauen zu einer Feier ein. Eine, wie Josephine Nhongo-Simbanegavi zeigt, durchaus übliche Praxis. Vor allem die neuangekommenen Frauen waren unter den Soldaten aufgrund ihrer guten körperlichen Konstitution sehr beliebt. Sie hatten keine Geschlechtskrankheiten und waren noch nicht durch den Krieg gezeichnet.151 Liberty weigert sich, mit einem der Männer mitzugehen. Flame hingegen begibt sich mit dem Kameraden Che in dessen Haus.152 Beide nehmen auf dem Bett Platz. Ohne Umschweife kommt Che zur Sache: "I love you why don't you come closer?" Daraufhin ergreift er Flame und wirft sich auf sie. Die Kamera schwenkt ab.

Als einzige Sequenz des Films ist die gesamte Szene, vom Überfall auf Flame bis zum Schwenk auf den neben dem Bett stehenden Tisch, in Zeitlupe gedreht. Die Vergewaltigung selber ist nicht dargestellt, findet quasi jenseits des Blicks der Kamera statt und damit lediglich in der Phantasie der Zuschauer. Auf diese Weise wird die Vergewaltigung zu einem herausragenden Ereignis und unterscheidet sich signifikant von den anderen Gewalttaten, die im Film zu sehen sind. So fängt die Kamera beispielsweise die Exekution von Dorfbewohnern, den Tod von Kameraden im Kampfeinsatz oder auch die Bestrafung eines Kombattanten durch Stockschläge genauestens ein. Anders als in Nyamubayas "Journey and half" und "Secrets" sowie Chinodyas Harvest of Thorns fällt auch das Wort Vergewaltigung an keiner Stelle. Der Zuschauer ist gezwungen, auf das Ereignis zu schließen. Eindeutig wird die Situation erst, als Flame ein Kind [Seite 77↓] entbindet und Che die Vaterschaft anerkennt. Auch im Gespräch zwischen den beiden Freundinnen, am Morgen nach der Vergewaltigung, wird das Geschehene nicht benannt. Liberty macht Flame zwar zunächst Vorhaltungen, tröstet sie dann aber: "You stayed!" Flame daraufhin: "He was too strong." Liberty hat die Lage ihrer Freundin deutlich erkannt: "Something has broken inside her. [...] Months passed bevore she regained her strength." Schließlich kommt Flame wieder zu Kräften. Als Zeichen ihrer Genesung entwickelt sie sich zur hervorragenden Soldatin. Bei Schießübungen trifft sie jedesmal ins Schwarze. Die Anwesenheit Ches scheint sie dabei noch anzuspornen: Sie legt an, blickt auf Che, drückt ab und trifft genau. Besonders interessant und in der zimbabwischen Literatur bzw. für den zimbabwischen Film einmalig ist, daß der Vergewaltiger Che sich bei seinem Opfer entschuldigt. Ganz offiziell läßt er Flame in sein Haus rufen und sagt: "I am sorry for what I did." Daraufhin setzt sich Flame neben ihn aufs Bett. Sie freunden sich an. Doch die durch Gewalt begonnene Beziehung ist nicht zukunftsfähig und endet schließlich wieder in Gewalt. Als Che Flame in einem Camp für Mütter besucht, in dem sie mit ihrem inzwischen geborenen Sohn Hondo (Krieg) wohnt, wird das Lager von der rhodesischen Luftwaffe beschossen. Sowohl Che als auch Hondo überleben diesen Angriff nicht. Wie schon die Vergewaltigung stärkt letztlich auch dieses Ereignis Flame für ihren Einsatz im Krieg. Sie wird eine mutige und gefürchtete Kämpferin und macht in der Armee Karriere. So zeigt sie auch das Filmplakat: frontal mit einer in die Kamera oder gegen den Betrachter gerichteten Waffe auf der Schulter (vgl. Abbildung 5).

Abb. 5: Plakat von Ingrid Sinclairs Flame. Aus Media for Development Trust: Africa Film & Video Catalog. Harare.


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Richtet man den Blick auf Flame und Liberty, so fällt auf, daß die vergewaltigt wird, die sich schon als junges Mädchen in einer klassischen Frauenrolle als Hausfrau und Mutter gesehen hat. Im Gegensatz zu Liberty ist für Flame ein anderer Lebensentwurf undenkbar. Sie lacht ihre Freundin aus, als diese ihr mitteilt, sie möchte lieber in der Stadt arbeiten, als auf dem Land mit Mann und Kindern zu wohnen. Die Differenz zwischen den beiden kommt auch in ihrem Äußeren zum Ausdruck. Während Flame sich schminkt und von roten Schuhen träumt, legt Liberty viel Wert auf ihre Ausbildung. Auch in der Armee bekommt Liberty einen Schreibtischjob, während Flame an der Waffe dient. In dem Film scheint es, als ob Libertys Lebensentwurf, in dem kein Mann vorkommt, sie vor einer Vergewaltigung bewahrt. Denn anders als Flame geht sie nicht mit einem der Männer mit, sondern flüchtet nach einem kurzen Handgemenge. Als der Krieg beendet ist, erreicht Liberty genau das, was sie sich als junges Mädchen im Dorf ihrer Eltern gewünscht hatte. Sie arbeitet in einem Büro in Harare und ist beruflich erfolgreich. Einen Mann gibt es in ihrem Leben nicht. Genau wie Liberty lebt auch Flame das Leben, das ihr vorschwebte. Sie gründet mit einem ihrer Kameraden eine Familie. Doch ihr Lebensentwurf scheitert. Ihr Mann wird arbeitslos, fängt an zu trinken und schlägt sie. Flame verläßt daraufhin das Dorf, geht in die Stadt zu ihrer alten Freundin Liberty, die sie seit Jahren nicht gesehen hat, will den Schulabschluß nachholen und Arbeit suchen. Inmitten ihrer ehemaligen KampfgefährtInnen ist sie glücklich und bekommt nun endlich auch die roten Schuhe, die sie sich immer gewünscht hatte.

Das Leben von Flame ist so konstruiert, daß immer dann, wenn sie ihre Vorstellung von Weiblichkeit lebt, dies direkt in eine Katastrophe mündet: Sucht Flame Kontakt mit einem Mann, dann wird sie vergewaltigt, bekommt sie ein Kind und ist glücklich, dann stirbt dieses Kind, und als sie schließlich aus Liebe heiratet, entwickelt sich ihr Ehemann zum gewalttätigen Trinker. Die Kompensation für diese Katastrophen erfolgt jedes Mal in Form von beruflichem Aufstieg und persönlicher Entwicklung. Im Krieg wird sie zur mutigen Kämpferin, und in Friedenszeiten erkennt sie, daß sie durchaus zu einer anspruchsvollen Arbeit in der Lage ist. In diesem Film scheint schon allein der Wunsch nach einem Leben in der klassischen Frauenrolle für die Figuren verheerend. Erst wenn sie einen anderen Weg einschlagen, finden sie Erfüllung. Auf diese Weise wird suggeriert, daß Flame zumindest eine Teilschuld an ihrer Vergewaltigung trägt: Sie wollte schon immer die klassische Frauenrolle besetzen und war sicherlich auch aus diesem Grund dem Mann freiwillig in sein Haus gefolgt. Betrachtet man den Film aus [Seite 79↓] diesem Blickwinkel, dann geht es hier nicht mehr um die besonderen Umstände von Vergewaltigung in der kämpfenden Truppe, sondern um "date rape".153 Zeit und Ort der Tat werden nebensächlich, denn sie hätte nach gleichem Muster auch in sogennanten Friedenszeiten stattfinden können.

Der Kontext des Films ist jedoch der Bürgerkrieg und der Täter nicht irgendein Mann, sondern ein ranghoher Militär. Ein Mann, der wie die Männer in Freedom Nyamubayas "Journey and half" per Definition Gewalt ausüben und im Krieg ständig gewaltbereit sein muß. Das macht die Männer zu guten Soldaten und sichert ihr Überleben. Die Vergewaltigung einer Frau aus der eigenen Gruppe zeigt, daß Frauen, selbst als Soldatinnen, immer durch ihre Genderzugehörigkeit bestimmt sind. Wenn eine Gesellschaft zuläßt, daß Frauen vergewaltigt werden können, so ist dies völlig losgelößt von Faktoren wie Race oder Klasse. Flame macht jedoch auch deutlich, daß sich, wie Perko und Pechriggl zeigen, die Gewalt von Soldaten nicht nur gegen die Frauen des Feindes, sondern auch gegen die eigenen Frauen richtet. "Krieg bringt die akute Bedrohung durch Vergewaltigung auch wieder regelmäßiger in die [ehelichen] Schlafzimmer."154 Flame spielt daher in der öffentliche Diskussion um Gewalt in der zimbabwischen Befreiungsarmee zu Recht eine herausragende Rolle. Doch wie auch Nyamubayas "Journey and half" macht der Film keine detaillierte Analyse der Rückwirkung von Kriegsgeschehen auf die Genderbeziehungen.

Wenn es dies in der zimbabwischen Literatur überhaupt gibt, dann lediglich bei Yvonne Vera. Mit der denkbar einfachsten Bewegung stellt sie den Zusammenhang zwischen Krieg und Gewalt gegen Frauen her: In ihren Texten sind die Vergewaltiger zumeist Soldaten.155 Wie Stephen Gray (1997) [Seite 80↓] bemerkt, richtet Vera nach eigenen Aussagen den Blick jedoch nicht auf die Helden, sondern auf die, die ignoriert wurden. Veras "priority is not the freedom heroes returning, but 'the people who were ignored'."156 Zu den Ignorierten gehören an erster Stelle die Frauen. In Veras Texten sind also die vermeintlichen Helden keine Helden, unterstrichen wird dies noch durch eine weibliche Erzählperspektive. Eine Perspektive, die im Kontext von Vergewaltigung zumeist die Perspektive des Opfers ist. In Without a Name wird dies überdeutlich. Auch wenn die Truppenzugehörigkeit nicht klar ist, er muß ein Soldat sein. Die Pistole war das einzige, was Mazvita an ihrem Vergewaltiger erkannte. "He held a gun. I felt the gun, though I did not see it."157 Hier handelt es sich um eine Kriegsvergewaltigung. In Without a Name geht es also um die unterschiedliche Bedeutung, die der Unabhängigkeitskampf für Männer und Frauen haben konnte. In einem Interview zur Entstehungsgeschichte des Romans bestätigt Vera diese These.

[T]he man who had raped this woman [...] was fighting for her freedom, this was a freedom fight and so there is a conflict there about power, isn't it, because he's saying he wants to empower her by going into the bush and fighting for her freedom against the white regime, but then he also rapes her and disempowers her in that same moment and so it is that moment which haunts her, which leads to her own final catastrophe.158

Und in der Tat, Mazvita wird schwanger, verläßt ihren Liebhaber und geht in die Stadt. Dort scheitert sie. Auch eine baldige Unabhängigkeit hätte sie vor diesem Schicksal nicht retten können.

In Under the Tongue (1996) geht Vera noch einen Schritt weiter. Der heimkehrende Kombattant vergewaltigt, so Stephen Gray, seine Tochter. "It is committed precisely by a returning war hero and father, and on his 10-year-old daughter."159 Die Figur gibt also nicht wirklich einen heimkehrenden wahren Helden ab. Schon in Nehanda hatte Veras Erzählerin gefragt, was wohl im Krieg mit den Kämpfern geschieht und in welcher Verfassung sie sich bei ihrer Rückkehr befinden würden. "[M]ost of the men have been gone for months. It is not known if any of them will come down from the hills, or if [Seite 81↓]they do, how much of themselves they will have left behind." (NA 94) In Under the Tongue folgt nun die Antwort: Der Kombattant wird zu einem Vergewaltiger. Besonders interessant ist, daß Zhizha von ihrer Mutter, einer Ex-Kombattantin, gerächt wird. Denn glaubt man dem Großvater, so hat sie ihren eigenen Mann ermordet und sitzt dafür im Gefängnis. Die einzige Stelle, die auf die Tätigkeit der Mutter verweist, ist zugleich eine bemerkenswerte Hymne an die Kämpferinnen des 2. Chimurenga.

These women had now names that the past did not echo [...]. They laughed louder than the men because they had shared secrets with them. The women were strong and looked only at the sky, not the earth. They would begin from there so they removed the yellow roofs and the red roofs and tore them to the ground, with their own arms. They wanted to see something else, not this canopy of painted sky. They wanted to begin without shelter. And for desire they knew something for that too. This emptiness, these bare roofs. These same women had killed farm dogs, white men and grasshoppers.160

Zu diesen Frauen, die in einer völlig anderen Welt gelebt hatten, gehört auch Zhizhas Mutter Runyararo. "[She] would be among those returning home from another direction altogether during this ceasefire, released, able to see her daughter again." (UT 102) Eine Kämpferin, die für den Mißbrauch ihrer Tochter Rache nimmt und einen vermeintlichen Helden tötet.

Das Bild der Kämpferin hat sich in der Literatur der '90er Jahre deutlich gewandelt. Runyararo ist, obwohl sie getötet hat, nicht zur Dämonin stilisiert. Sie hat ihren Mann umgebracht und verbüßt dafür eine im Rechtsstaat übliche Strafe. In Anbetracht der über 20 Jahre zimbabwischen Unabhängigkeit hat sich jedoch gezeigt, daß kämpfende Frauen das Frauenbild in einer Gesellschaft nicht nachhaltig ändern. Elleke Boehmer bringt es auf den Punkt. "Even where women, as in Algeria or Zimbabwe, fought for freedom alongside men, national consciousness was composed by male leaders. Mother Africa may have been declared free, but the mothers of Africa remained manifestly oppressed."161 Egal also, was Frauen für ihre Nation tun, sie haben niemals einen gleichberechtigten Anteil an den Errungenschaften nationaler Befreiung. Dies liegt in der Art und Weise, wie man sie wahrnimmt: nämlich in erster Linie über ihre Genderzugehörigkeit. Sie sind immer Frauen, und das schließt gleichzeitig aus, daß sie wie ihre männlichen [Seite 82↓] Kollegen für ihr Land und ihre Freiheit kämpfen. Kämpfen sie dennoch, werden sie verleumdet. Sie gelten als Huren oder zumindest als Frauen mit enormen sexuellen Bedürfnissen. Dies ist keineswegs ein zimbabwisches Phänomen. Klaus Theweleit (1977) zitiert einen deutschen Hauptmann des 1. Weltkriegs, der sich über die Sanitäterinnen der Rote Armee äußert.

"Weiber marschieren in ihrer Mitte, mit rotem Kopftuch und roter Armbinde mit weißem Kreuz, Weiber, die bestimmt nicht mitgekommen sind, um die Arbeit des barmherzigen Samariters zu verrichten." Nein, unbarmherzig waren sie auf Liebe aus. Der "eigentliche Beruf" dieser Arbeitermädchen und Arbeiterfrauen an der Front stand für die Soldatenseite von vorneherein fest.162

Frauen sind also keine Soldatinnen, weder in Zimbabwe noch anderswo. Heldinnen wie Nehanda fungieren als genderloser Mythos und werden daher nicht als Frauen wahrgenommen.

Die zimbabwische Literatur der '90er Jahre hinterfragt diese Wahrheiten. Angeführt von Freedom Nyamubaya, Yvonne Vera und sicherlich auch Ingrid Sinclairs Film Flame , beginnt sich das Bild der kämpfenden Frau zu wandeln. So wird in Nehanda der historischen Figur ganz eindeutig ein Gender zugewiesen. Verortet in einen weiblichen Kontext wird sie zur Frau. Die Kämpferinnen des 2. Chimurega werden rehabilitiert, indem die Frage nach dem Zusammenhang zwischen kriegerischer Gewalt und der Gewalt gegen Frauen überhaupt hergestellt wird. Auf diese Weise sind die vermeintlichen Helden demontiert. Literatur und Film entwerfen so ein differenzierteres und damit genaueres Bild der KämpferInnen und stellen damit die zimbabwische Nation in ein anderes Licht.

1.2 Das Ringen um Land

In Yvonne Veras Erstlingswerk, den Erzählungen Why Don't You Carve Other Animals (1992), geht es um die politischen Umwälzungen der '60er bis frühen '80er Jahre im heutigen Zimbabwe. Ausschnitthaft werden ganz unterschiedliche Teile der Gesellschaft beleuchtet. "Alle Erzählungen handeln vom Alltag, vor allem von den Randerscheinungen und Auswirkungen des Krieges", so Ingrid Laurien.163 Manches bleibt fragmentarisch. Einige der [Seite 83↓] Erzählungen sind thematisch bzw. aufgrund ihrer Figuren enger miteinander verbunden, andere Geschichten stehen für sich. Insgesamt beleuchtet der Band vor allem das Leben der Frauen, wobei sowohl vom Schicksal der Afrikanerinnen als auch von dem einer Siedlerin sehr differenziert erzählt wird. Heather Hill macht deutlich, daß Vera von denen erzählt, über die ansonsten geschwiegen wird. "15 linked stories about the women and children who stayed behind during the war of independence, the 'people who were ignored' in the 15-year armed struggle that has defined the Zimbabwean psyche."164 Ohne Polarisierung gelingt es, die unterschiedlichen Erfahrungen weißer und Schwarzer Frauen deutlich zu machen. Dabei richtet die Erzählerin ihren Blick auf die Genderbeziehungen, skizziert den Autoritätsverlust der Kolonialherren und zeigt, wie die neuen Machthaber in alten Strukturen herrschen. Im Sinne von Hannah Arendt (1969) zeigt sich hier, was passiert, wenn Macht verloren geht und durch Gewalt ersetzen wird.

Besonders interessant ist, wie die unterschiedlichen Figuren, abhängig von ihrer Zuordnung nach Race und Gender, mit Kolonisation und Dekolonisation umgehen. Eindrücklich zeigt sich in Crossing Boundaries , wie die Kategorie Gender dabei den weitaus größeren Ausschlag geben kann. Damit eröffnet Vera einen neuen Blick auf Kolonisation und Dekolonisation. Auch für Zhuwarara (2001) schafft Vera hier einen Gegenentwurf zum gängigen Stereotyp der KolonialistInnen.

Vera's achievement in this story is that she destabilises stereotypical images and preoccupations. Instead of projecting a monolythic white society believing in its colonial mission, we are shown a white couple whose perceptions are conflicting in a serious way because of the gathering momentum of the liberation war that is taking place and destabilising the status quo in its wake.165

Die Erzählung ist herausragend, da hier auch aus einer weißen Innensicht das Ende der rhodesischen Kolonialgesellschaft betrachtet wird. Die sich aus diesem doppelten Blick heraus ergebende Gegenüberstellung einer weißen und schwarzen Welt weicht jedoch von dem von Rudo Gaidzanwa (1985) herausgearbeiteten Muster ab. Denn insbesondere die weiße Frau in der schwarzen zimbabwischen Literatur ist für die Schwarze Frau das Maß aller Dinge. "White women are viewed as subordinate to white men and superior to alle blacks. Black women tended to be measured against white women. [...] [Seite 84↓]Whiteness is used [...] as the epitome and standard for measuring beauty."166 Doch darum geht es bei Vera an keiner Stelle. Vielmehr zeigt sich anhand der unterschiedlichen Welten, wie ein weißer bzw. schwarzer Diskurs über Kolonisation und Dekolonisierung aussieht. Dabei fällt besonders auf, daß der Krieg im gesamten Text nicht bei seinem Namen, 2. Chimurenga, genannt wird. Er ist entweder als "bush war", "war" oder überhaupt nicht bezeichnet, obwohl die Gewaltereignisse durchaus im Mittelpunkt stehen. Aus diesem Grund ergibt sich eine deutliche Parallele zu Tsitsi Dangarembgas Nervous Conditions (1988), denn auch hier bildet der Befreiungskampf zwar den Kontext, wird jedoch nur an einer Stelle erwähnt. In Crossing Boundaries ist die Siedlerin Nora die einzige, die in direkter Rede mehrfach auf den Krieg als Gefahr hinweist und neben der Erzählerin das Wort "Krieg" überhaupt verwendet. Insgesamt ist der Dialog über die aktuellen politischen Geschehnisse in der weißen und schwarzen Welt von Crossing Boundaries zwar unterschiedlich, scheitert jedoch in beiden. Die deutlichste Schnittstelle der zwei Welten liegt in der Begegnung zwischen Kolonisatorin und Kolonisiertem.

Im Mittelpunkt des Textes steht ein weißes Farmerehepaar und deren angestellte Arbeiter, die mit ihren Familien ebenfalls auf der Farm leben. Die Erzählerin berichtet in fünf Abschnitten wechselweise über das Leben der schwarzen und weißen Farmbewohner. Dabei nimmt sie ganz deutlich die jeweilige Perspektive ihrer Figuren ein. Durch das fast durchgängig verwendete Stilmittel der erlebten Rede ergibt sich eine klare Zuordnung der Rede jedoch nicht immer. Zum Teil entsteht hier eine Kombination von zwei oder mehr Stimmen, die eine diskursive Erzählweise entstehen läßt. Diese Form hat entscheidenden Einfluß auf den Inhalt, da an einigen Stellen beispielsweise nicht mehr eindeutig zwischen Kolonisatorin und Kolonisiertem unterschieden werden kann. Hier mischt sich Täter- und Opferdiskurs im Übergang von Kolonialismus zu Postkolonialismus. Außerdem verdeckt eine sehr komplizierte Plotstruktur teilweise die Story. Zeitlich ist die Erzählung Mitte der '70er Jahre angesiedelt, in denen der Bürgerkrieg immer konkretere Formen annahm und eine ganze Reihe von Weißen das Land verließen.167 Die genaue Datierung ist vermutlich 1976, als [Seite 85↓] es der Befreiungsarmee gelang, ein rhodesisches Passagierflugzeug abzuschießen. Aufgrund der Rückblicke erstreckt sich die erzählte Zeit jedoch über mehr als 50 Jahre rhodesischer Geschichte. Crossing Boundaries zeigt, wie der weiße Herrschaftsanspruch langsam ins Wanken gerät und auch die Beziehungen der Weißen untereinander neu verhandelt werden müssen. Obwohl die Farm nicht dirket von den Kämpfen betroffen ist, hat der Bürgerkrieg weitreichende Folgen für alle Farmbewohner.

Eine dieser Folgen ist die Auflösung von vormals klar gezogenen Grenzen. Interessant sind hier vor allem die Art der Grenzen, ihre Überschreitungen und die dabei entstehenden Berührungspunkte zwischen den Figuren. Die Aspekte Nation und Gender spielen dabei eine wesentliche Rolle. Stets geht es um nationale Identität, die Verfügungsgewalt über Körper und Land sowie das damit verbundene Recht auf Besitz und Herrschaft. Das Streben nach Besitz ist jedoch männlich, denn Frauen scheinen von vorneherein vom Land entfremdet, ohne die Möglichkeit der Aneignung. Ein Erklärungsmodell dafür ist, daß weibliche Körper mit Land und Nation gleichgesetzt sind. In Crossing Boundaries gilt das vor allem für die weiße Frau. Nora verkörpert sowohl für ihren Ehemann als auch für ihren Angestellten Rhodesien. Eine Nation, die Charles verteidigen und der James Land abringen möchte. Mit Radhika Mohanram (1999) wird verständlich, warum sich die Konflike um Kolonisation und Dekolonisation an Nora festmachen. Denn Frauen symbolisieren die Nation und sind vor dem Einfluß und dem Zugriff anderer zu schützen. Nur so kann der Fortbestand einer Nation gewahrt werden.

The nation not only determines gender relations but also embodies them racially to a large extent: except in the case of immigrants, one can normally discern compatriots at a glance. Within this paradigm, the woman "is" the nation in that her function, literally, is to reproduce it and maintain its boundaries. [...] [H]er body must be used to maintain ethical/racial/national differences. She also embodies the nation, for without her cooperation the nation dies.168

Aus diesem Grund muß Charles Noras Körper vor James schützen und fühlt sich von Noras Wunsch das Land zu verlassen bedroht. Für James seinerseits [Seite 86↓] bietet Nora den einzigen Zugang zu einer Nation, die er bekämpfen möchte. Greifbar wird die Verknüpfung von Nora und Rhodesien, als James seine Vorgesetzte um ein Stück Land bittet und Charles lauschend hinter der Tür steht und schließlich eingreift. Ob er nun seine Frau oder sein Land verteidigt, bleibt unklar. In jedem Fall aber versucht er beides vor dem Zugriff anderer zu bewahren. Noras Körper steht wie kein anderer für die Kolonie Rhodesien. Schon von ihrer Mutter war sie dazu erzogen worden. Die Eroberung ihres Körpers gibt Auskunft über die Macht- und Besitzverhältnisse im Land. Daher ergibt sich eine interessante Parallele zu Doris Lessings The Grass is Singing  (1950). Je näher hier die Farmerin Mary ihren Angestellten an sich herankommen läßt, desto näher rückt Marys unausweichliches Ende.

In Crossing Boundaries spiegelt sich eindrücklich, daß Frauen und Männer, unabhängig von ihrer Herkunft, ein grundsätzlich unterschiedliches Verhältnis zu ihrer Nation haben können. Dies erklärt sich in erster Linie aus der Idee von Nation selbst und, wie Radhika Mohanram zeigt, in der Rolle, die Frauen im Konzept Nation zugewiesen wird.

The woman is central to the nation in that she plays a part in literally reproducing it (as in bodily reproduction); however, her role is marginalized in that she is located as devoid of agency as a "women within the nation", though she might gain access into the nation from within the context of race, class, sexuality, age, etc. It is important to acknowledge also that, within the discourse of the nation, the woman is always configured only within the family, and the latter, far from being the realm of the private and outside the purview of the state, is very much an extension of it.169

Frauen haben innerhalb der Nation keine Macht, sie gehören zwar dazu, können aber nicht agieren. In postkolonialen Gesellschaften ist dies, so Radhika Mohanram weiter, besonders auffällig, da auch die Frauen Teil des Dekolonisierungsprozesses waren, der die neuen Nationen hat entstehen lassen.

The (unequal) relationship between women and the nation, or gender and nation, is poignantly and particularly visible in postcolonial societies in which colonized people have had to imagine and fight for their nation which has, in its turn, located women within a nation, but not within agency.170

Anhand von Nehanda und den Kämpferinnen des 2. Chimurenga hat sich gezeigt, daß Frauen zwar die Nation symbolisieren und auch für die Nation [Seite 87↓] ihr Leben geben können, aber dennoch keineswegs erwarten dürfen, als gleichberechtigter Teil dieses Konzeptes wahrgenommen zu werden.

Insbesondere die Landfrage verdeutlicht, daß Frauen im Nationalstaat nicht die gleichen Rechte haben wie Männer. Dies gilt auch für das unabhängige Zimbabwe, denn erst seit 1991 ist es Frauen (wenn sie verheiratet sind) überhaupt möglich, Land zu kaufen. Schon allein aus diesem Grund können Frauen nicht die gleiche Beziehung zum Land haben wie Männer. Hält man sich vor Augen, daß Land, wie Sam Moyo (1995) zeigt, das wirtschaftliche, soziale und politische Leben der Mehrheit in Zimbabwe bestimmt, so ist der Ausschluß von Frauen besonders bedenklich.

Land is fundamental to the reproduction of capital and in defining spaces within which other markets and distributional processes operate. Many basic material goods are derived from nature grounded in land - and its domestication through artificial inputs. Land is also the basis for political and spiritual territories which configure local and national power structures.171

Diese Machtstrukturen funktionieren also weitgehend ohne die Frauen. Dabei sind sie es, die, so Patricia Made (1995), das Land bestellen.

Land is the major source of livelihood for women in sub-Saharan Africa. Day in day out, women derive most of their basic needs from the land. [...] [W]omen farmers in sub-Saharan Africa now dominate the smallholder sector and account for more than three-quarters of the food produced in the region. Governments and donors now realise that one of the critical factors in revitalizing agriculture in Africa is to raise the productivity of women farmers.172

Frauen bestellen Land, das ihnen nicht gehört und arbeiten für Nationen, in denen sie keine vollen Rechte genießen.

Diese Situation spiegelt sich in Yvonne Veras Crossing Boundaries . Die weiblichen Figuren haben keine identitätsstiftende Beziehung zum Land. Im Gegenteil, sie möchten angesichts der politischen Lage das Land verlassen. Die Männer hingegen wollen unter allen Umständen bleiben. Doch gerade dieses Verharren, begründet in ihrer Identifizierung mit dem Land, verstellt den Blick auf die gegenwärtigen Bedrohungen und läßt sie letztlich die falschen Entscheidungen treffen. Da die Frauen ihre Identität nicht primär mit dem Land, auf dem sie leben, verbinden, ist ihr Blick frei für die Gegenwart. [Seite 88↓] Insbesondere anhand von Nora zeigt sich, daß sie die politische Situation wesenlich besser erfaßt hat als ihr Mann. Anders als die Männer leben die Frauen nicht in einer Welt, in der die Gegenwart stets mit Hilfe der Vergangenheit und der Zukunft interpretiert wird. Auch wenn die politischen Inhalte dabei sicher sehr unterschiedlich sind, so funktioniert dies doch nach dem gleichem Muster. Herrausragend ist Veras Text vor allem, da hier die Kategorie Gender weitaus bedeutender ist als Race. Daher zählt Crossing Boundaries sicherlich zu den bedeutendsten literarischen Texten, die sich mit dem Thema Kolonisation und Dekolonisation befassen.

1.2.1 Gender und die Identifizierung mit Land.

Das kinderlose Siedlerpaar in Yvonne Veras Crossing Boundaries führt eine langjährige Ehe. Beide sind im damaligen Rhodesien aufgewachsen. Mit dem Beginn des zimbabwischen Freiheitskampfs wird zum ersten Mal ihre Position als Weiße in Afrika grundlegend in Frage gestellt. Die Ehefrau Nora reagiert darauf mit Fluchtgedanken. Sie drängt ihren Mann in die Stadt oder lieber noch nach England zu ziehen. Über die Einreisebestimmungen ist sie informiert und das Verlassen der Farm bedeutet für Nora lediglich ein Packen der Koffer. "'We can go to Britain. Everyone is allowed back. We could start all over again, Charles. I wish we could just pack our bags and leave.'"173 Dabei war ihr auf der Hochzeitsreise England keineswegs vertraut. "The streets had been white with snow. Big trees were decked with brilliant Christmas lights but she felt herself a stranger there." (WYC 3) Doch die momentane Bedrohung wiegt für Nora schwerer. Sie fühlt sich auf der Farm nicht wohl und hat, wie auch schon ihre früh verstorbene Mutter, Afrika nicht als Heimat angenommen. Beide Frauen bleiben jedoch in Rhodesien und entsprechen damit den Wünschen ihrer Ehemänner. Im Gegensatz zu Charles begründet Noras Vater den Aufenthalt in seiner Wahlheimat rein pragmatisch. "Nora's Mother had abhorred the relentlessly hot African climate, but her husband had insisted on their staying on. After all, they had land here, and prosperity, they could never have that in England. In Africa they could have as many servants as they chose. There was no reason why they should not stay. Nora's father heard only his own voice, trusted only his own beliefs." (WYC 10) Die Entscheidungsbefugnisse sind hier klar aufgeteilt.


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Die beiden Frauen sind vergleichsweise machtlos. Da es Noras Mutter, Mrs. Jones, weder gelingt, ihren Mann zu überzeugen, noch sich auf ihre Umgebung einzustellen, tritt sie die geistige Flucht an. Anders als ihre Tochter wagt sie keine Konfrontation. England wird zum Inbegriff ihrer Sehnsucht.

Mrs. Jones spoke often of her England, of the coastal village where she had grown up, and the fair she visited regularly in the summer. She spoke of very English things. A picture of herself stood on the mantel-shelf. The photograph had caught her on a swing on her fourth birthday. In the picture, a pile of snow showed behind her. She loved going to the park in winter, and she had an uncle in England who had always taken her there. The park was a lonely charming place in winter, with benches lined with snow. Africa was lonely, certainly, but it was not at all charming. (WYC 10)

Mrs. Jones' Phantasie richtet sich in erster Linie auf das mitteleuropäische Klima. Während Einsamkeit in winterlichen englischen Parks sie entzückt, stößt Einsamkeit, die sie in Afrika erlebt, ab. Mit Homi Bhabha ist der Hinweis auf das englische Wetter zugleich ein Verweis auf sein "dämonisches Gegenbild".

[The English weather] encourages memories of the "deep" nation crafted in chalk and limestone; the quilted downs; the moors menaced by the wind; the quiet cathedral towns; that corner of a foreign field that is forever England. The English weather also revives memories of its daemonic double: the heat and dust of India; the dark emptiness of Africa; the tropical chaos that was deemed despotic and ungovernable and therefore worthy of the civilizing mission.174

Auch in Noras Erinnerung an die Hochzeitsreise spielt das Wetter eine entscheidende Rolle. Doch ihr hatte es das Gefühl der Fremde vermittelt. Ob neben der afrikanischen Hitze noch andere Gründe existieren, die Mrs. Jones Rhodesien nicht als Heimat annehmen lassen, liegt, wie auch ihr früher Tod, im Dunkeln. Die Erzählerin gibt lediglich über den Zeitpunkt des Todes Auskunft: "Nora's mother had died when Nora was in her teens." (WYC 10) Anstelle einer Erklärung über die Todesursache berichtet die Erzählerin, daß Mrs. Jones das afrikanische Wetter zuwider war und sie sich stets nach England gesehnt hat. Auf diese Weise entsteht der Eindruck, als ob zwischen ihrem Ableben und dem nicht gewünschten Aufenthalt in Rhodesien ein direkter Zusammenhang bestehen würde. Ähnlich undeutlich bleiben die "very English things" von denen Mrs. Jones gesprochen haben soll. Diese [Seite 90↓] Dinge werden, abgesehen von Kindheitserinnerungen, weder benannt noch näher beschrieben. Es bleibt dem Leser überlassen, diese Leerstellen zu füllen.

Über Nora erfährt der Leser mehr. Wie ihre Mutter kann sie afrikanischer Natur nichts abgewinnen und fühlt sich von der nächtlichen Dunkelheit beunruhigt. Versuche, die Nächte zu erhellen, scheitern kläglich: "Initially, she had gathered many lamps into the house, to illumine the night. The African nights, for her, were disquietingly silent with a sick darkness. She soon found she did not like the kind of light that the lamps shed, it made her eyes tired, and filled the house with flying insects." (WYC 10) Diese Wahrnehmung steht den in kolonialer Literatur vielfach beschriebenen "afrikanischen Nächten" diametral gegenüber. Als Beispiel sei auf Karen Blixens Out of Africa (1937) verwiesen. Die Erzählerin beschreibt hier die Nächte als endlose Freiheit. "The thing which in the waking world comes nearest to dream is night in a big town, where nobody knows one, or the African night. There too is infinite freedom: it is there that things are going on, destinies are made round you, there is activity on all sides, and it is none of your concern."175 Nora hingegen hat Angst, eine Angst, die ganz deutlich darauf verweist, daß sie sich ihrer unrechtmäßigen Position als Weiße in und auf einem Land, das eigentlich den Schwarzen gehört, bewußt ist. Ihr Verhalten macht den Eindruck, als ob sie erst kurze Zeit in Rhodesien lebt und sich nicht sicher in ländlicher Umgebung bewegen kann. Da sie jedoch auf einer rhodesischen Tabakfarm aufwuchs, sollte ihr das Leben auf dem Land vertraut sein. Doch sie ist unsicher und weiß sich nicht zu verhalten. Obwohl sie, wie Charles, ihr Leben in Afrika verbracht hat, ist Nora als eine Fremde in Afrika angelegt. Ebenso wie ihre Angst ist auch ihre Unsicherheit ein Hinweis darauf, wie sehr sie sich als Eindringling fühlt. Bis auf ihren klaren Wunsch das Land zu verlassen sind ihre Äußerungen und Handlungen immer etwas diffus. Sie bewegt sich in einem Raum, in dem sie bei jeder Bewegung bemerkt, daß sie nicht in diesen Raum gehört. Die Entscheidung ihres Ehemanns, in Rhodesien zu bleiben, ist ihr ein Rätsel. "Why did Charles insist on staying in this unfriendly land?" (WYC 11) Ebenso wie sie ihn nicht versteht, zählt auch sie nicht auf sein Verständis. "Did he think that she hated Africa? Did he not understand that it was only that she could not love it?" (WYC 18) Nora ist in Rhodesien nicht zu Hause.


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Noras Ehemann hingegen fühlt sich dem Land eng verbunden. Seine Großeltern waren Mitglieder des "Great Trek" und hatten sich das Land angeeignet. Charles bezieht sich stets auf diese Erfahrung.

When it bothered Charles to justify his link to his land, his sense of belonging, he talked about the Great Trek and the illustrious feats of his grandparents. / It was necessary to belong, not to feel like an intruder. Through the Great Trek his grandparents had traversed the land, bisecting its vast landscape. They had brought every kopje and every hill under their vision, heard its wild echo surround them with life, and they had named its birds and animals. They found a language to cement their discovery, and their initiation, that was also their baptism. [...] By walking across the land, they had overcome its resistance. / They had tamed it. / Dominated it. / Claimed it. / In turn the land had given them sacred gifts. The land had a spiritual and regenerative influence, which had banished their sense of exile. (WYC 16)

Die Aneigung des Landes ist für Charles identitätsstiftend. Er könnte daher aus einem englischen imperialistischen Abenteuerroman des 19. Jahrhunderts stammen. Denn das was Anthony Chennells (1998) für die männlichen Figuren dieser Form der Erzählung beschreibt, trifft auch auf Yvonne Veras Charles zu. "[T]he central agents of these narratives are white males who re-imagine their own Western masculinity from their encounter with the exotic place and its people who are usually written as savages. This encounter allows men to discover old codes of honour which mercantilism and manufacture has allowed them to lose sight of."176 In Crossing Boundaries geht es zwar nicht nur um Charles, aber die Konstruktion seiner Männlichkeit und seiner Identität überhaupt funktioniert wie im englischen imperialistischen Abenteuerroman des 19. Jahrhunderts.

In der zitierten Stelle geht es jedoch nicht nur um Charles, es wird auch erklärt, wie der Siedlermythos historisch entstanden ist und auf welche Weise Identitätsbildung bei weißen Afrikanern funktionieren kann. Und genau dies macht die Erzählung so herausragend. Denn es handelt sich hier nicht um einen von J.M. Coetzee (1988) als pastoral bzw. antipastoral bezeichneten südafrikanischen Roman aus den '20er Jahren, in dem die Krise der ländlichen kolonialen Ordnung beschrieben wird, sondern um den Text einer Afrikanerin [Seite 92↓] aus dem Ende des 20. Jahrhunderts.177 Und trotzdem finden sich in Crossing Boundaries eine ganze Reihe von Elementen, die an dieses Genre erinnern.

To the pastoral novel, landscape is humanized when inscribed by hand and plough: in effect, the genre invokes a myth in which the earth becomes wife to the husband-man. But to other dream-topographers it is by no means clear that the ploughshare is enough to break the resistance of Africa.178

Charles fungiert dabei als Prototyp des Siedlers, der als quasi Ehemann des Landes seine geliebte Frau (in dem Fall das Land) niemals verlassen würde. Seine Land-Frau gibt ihm Halt und Identität. Er versteht Rhodesien, das Land, auf dem er lebt, als seine Heimat und identifiziert sich uneingeschränkt mit den Kolonialherren, den Männern also, die eine Inbesitznahme erst möglich gemacht haben: "He had portraits of Cecil Rhodes, and of David Livingstone, to whom he felt the country owed its progress, and its civilization." (WYC 17) Im Gegensatz zu Noras Identität ist die seine fest mit Rhodesien verwoben.179 Als Nora - seine reale Ehefrau - vorschlägt, das Land zu verlassen, um später zurückzukehren, liest er zunächst bestürzt und dann mitleidig in ihrer hilflosen, fast unsicheren und resignierenden Mimik: "He read these signs with trepidation, and with pity for her, who did not understand what the land did to a man." (WYC 16) Noras Wunsch fortzugehen reduziert er implizit auf ihr Gender. "Being in Africa excited Charles, and he did not allow Nora's repeated warnings to tarnish what he felt for the veld, what his father before him had taught him to feel." (WYC 18) Zwar wird nicht gesagt, was er genau fühlt, aber er bezieht sich auf die männliche Familientradition. Auf diese Weise umgeht Charles eine ernsthafte politische Diskussion mit seiner Frau.


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Die Beziehung zwischen Nora und Charles ist gekennzeichnet durch unüberbrückbare Unterschiede, Unterschiede, die in direktem Zusammenhang mit ihrem jeweiligem Verständnis von Land stehen und letztlich ausschlaggebend sind für ihre ungleiche Beziehung zu Rhodesien. Die beiden Figuren sind so angelegt, daß sich ihre Charaktere kaum überschneiden. Als einzige Gemeinsamkeit bleibt ihre Existenz als Siedler und eine sich aufgrund ihrer Ehe ergebende Abhängigkeit voneinander. Nora kann zwar aus ihrer Besorgnis hinsichtlich des Bürgerkriegs nicht die von ihr gewünschten Konsequenzen ziehen, doch genau wie ihr daran liegt, Charles die politischen Veränderungen deutlich zu machen, scheint es auch für ihn lebensnotwendig, sie vom Gegenteil zu überzeugen. In der Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann ist Nora sehr standhaft und geübt. "She had expected his frantic gesticulation, his contorted brow, his anger. That did not mean she should not insist, that she would not fight. She would speak her mind, while he ranted and raved. She was not silenced, and she did not care for his pardon, or his kindness, which she no longer expected." (WYC 15) Noras Hartnäckigkeit begründet sich in einer veränderten Erwartungshaltung gegenüber ihrem Mann. Aber auch er weicht, zu Noras Überraschung, von seinem üblichen, eher gewalttätigen Verhaltensmuster ab. "He did not rise from the chair on the other side of the table where he sat, but thought a while, and she expected that he would be cruel to her. But he surprised her with his pleading, and she felt no sympathy for him, because she could not forget that he could be unkind to her." (WYC 15) Die zugespitzte politische Lage hat also direkten Einfluß auf das Gebaren der Eheleute. Während Nora keine Freundlichkeit mehr von ihrem Ehemann erwartet, reagiert dieser ihr gegenüber nicht mehr unbarmherzig und kontrolliert seine emotionalen Ausbrüche. Doch obwohl damit eine neue Kommunikationssituation hergestellt ist, scheitert die Verständigung. Die Eheleute können sich nicht verstehen, da sie von grundsätzlich verschiedenen Standpunkten aus argumentieren: Für Charles bedeutet das Land sein Leben, Nora bedeutet es nichts.

Für Nora verursacht allein der Bürgerkrieg den Streit zwischen ihr und Charles. Und damit hat sie Recht, denn erst der Bürgerkrieg macht ihre unterschiedlichen Standpunkte offensichtlich.

The bush war had disrupted the calm that came with ownership of large lands and property, and the assurance she had secured with her marriage. Robbed of its solid foundation, her marriage echoed the unsettling vibration exerted by the bush war - and she fought Charles with the need for her own survival. Circumstances created relationships. (WYC 14)


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Nora und Charles gelingt keine Verständigung über die veränderte Lage im Land, da sie ein geradezu konträres Verständnis von Rhodesien haben. Und eine Verständigung über diese unterschiedlichen Standpunkte kann nicht stattfinden, da die Kommunikation zwischen den Eheleuten nicht funktioniert. So kann beispielsweise Nora auf Charles' Ausführungen nicht eingehen, da sie ihm Spott unterstellt. "When he finished talking she swelled with anger, because she imagined that he laughed at her." (WYC 15) Nora bleibt nur noch, ihrer Angst vor dem Bürgerkrieg Nachdruck zu verleihen. "I am concerned for our safety. The bush war, Charles. The bush war." (WYC 15) Mit "bush war" bedient sie sich dabei eines Begriffs, dem die unheimliche, weil unkontrollierbare Bedrohung eines Guerillakriegs immanent ist. Doch Charles verschließt sich vor Noras Worten. In einer bemerkenswerten Verschiebung macht nicht der Krieg ihm Angst, denn auch er hat erkannt, daß dieser in keinem Fall mehr abzuwenden ist, sondern seine Frau. "But he had turned away from the bush war and looked away from her, hating her. Why must she intrude on his peace? The bushwar was a colossal and incurable threat to the calm that it had taken his ancestors many years to build." (WYC 15) Hier verschmelzen der Krieg und Nora in ihrer Bedrohung für Charles.

Trotz ihrer Unterschiede sind beide Figuren mit Einblick in die Persönlichkeit des anderen ausgestattet. Insbesondere Nora verwendet dieses Wissen gegen ihren Ehemann. "He hated her for showing her fear, and for not supporting him. She saw that he accused her with her fear, and that he recognized it as his own." (WYC 16) Nora hat erkannt, wie Charles funktioniert. Mit Bemerkungen über die Berichterstattung in den Medien stachelt sie das Gespräch weiter an. "[S]he would not stop her tarnishing of his dream. / 'The papers say that most white people are leaving, because they believe we will lose the war.' / Nora was accusing him of his failure to judge, to protect her. She goaded him with her remarks." (WYC 18) Charles seinerseits deutet Noras Angst als fehlende Loyalität ihm gegenüber. Mehr noch, er fühlt durch ihr Unverständnis seine Siedleridentität bedroht. Dabei steht weniger die aktuelle Gefahr im Mittelpunkt, sondern vielmehr seine Position als weißer Mann.

But why must she drag him down with her, when it was she who did not understand? Why did she ask him to behave in this cowardly way? He knew that she would mock him, after she had got her way, after he had given in to her wishes. She would regard his indulgence of her whim as a weakness, and dangle her strength over him like a trophy. He did not want to run away from a native, or give Nora power over himself. He would buy arms to protect his land, and also himself. (WYC 16)


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Seine Frau kommt in dieser Verteidigungsphantasie nicht vor. Waffen kauft er zum Schutz des Landes und der eigenen Person. Nora ist für ihn auf unterschiedlichen Ebenen eher eine weitere Bedrohung. Zum einen läßt er sich von ihrer konkreten Angst anstecken, versteht jedoch zum anderen ihr Anliegen das Land zu verlassen als mutlos. Als Charles in seinen Überlegungen fortschreitet, wird Nora für ihn zur eigentlichen Gefahr. Nicht der Krieg bedroht ihn, sondern der Spott seiner Frau im Fall, daß sie sich durchsetzt. Aus diesem Grund kann er Noras Wunsch nicht stattgeben. In einem weiteren Schritt steigern sich Charles' Befürchtungen. Die Angst seiner Frau wird vom Wunsch zur Laune, die er befriedigen soll. Dazu ist er nicht bereit. Nora würde ihm dies, so seine Deutung, als Schwäche und Beweis ihrer Überlegenheit auslegen. Der Krieg spielt für Charles keine Rolle mehr. Ihm geht es vor allem um Machterhalt. Er hat längst erkannt, daß der Krieg mit den Afrikanern nicht gewonnen werden kann. "The bush war was a colossal and incurable threat to the calm that it had taken his ancestors many years to build." (WYC 15) Ein Verlassen der Farm legt er als Flucht vor den Afrikanern aus und glaubt, Nora mit diesem Schritt Macht zuzubilligen. Undeutlich bleibt schließlich, gegen wen er sich und sein Land mit Waffengewalt verteidigen möchte. Seine Frau ist von diesem Schutz ausgeschlossen. Da er jedoch weder sie noch andere eindeutig als Feinde kennzeichnet, verschmilzt Nora auch hier wiederum mit Krieg bzw. den Afrikanern in ihrer Bedrohung für Charles.

Besonders bemerkenswert ist, wie keiner der beiden Eheleute die aktuelle politische Situation diskutiert. Während Charles wider besseres Wissen auf der Farm bleiben möchte und sich bei ihm gedanklich seine Frau als Bedrohung in den Vordergrund drängt, nimmt diese die Unruhen lediglich in Bezug auf ihre eigene Sicherheit wahr. Obwohl Nora die veränderten Machtverhältnisse im Land bemerkt, sucht sie keine politische Erklärung für ihr Angstgefühl. In Nora vermischt sich Abneigung gegen das Land mit Angst vor dem Bürgerkrieg. Während Nora jedoch an die Angst vor der Natur gewöhnt ist, kann sie mit der Angst vor dem Krieg nicht umgehen. Auf diese Weise behält sie eine Reise auf dem Zambezi als wundervoll in Erinnerung, wenngleich sie das Wasser gehaßt hat. Als Charles fragt, ob sie abermals eine Flußfahrt machen wollen, wird dies besonders anschaulich.

"Canoeing in a river swarming with crocodiles. I was so afraid of the water. I hated the water then. But it was wonderful." / "Would you like to take that trip again... a canoe on the Zambezi? Hunting for game. I have not hunted in a long time. It would be good to go on a safari." / "It is too late to dream, [Seite 96↓]Charles. It is unsafe to dream." / "We could still hunt and drive back into the city. We don't have to camp in the bush at all. [...] I wish for the moon, which looks strange when one sees it from the wild. The natives say it carries messages. You used to like the moon, though of course you hated the dark." / "Think about the bush war, Charles. It is no longer safe to camp or hunt for game. The bush is no longer yours, Charles, and we must move from a place even as half tame as this farm. Why do you continue this way? Why do you torture yourself so with useless wishing? What happens if we are targeted? No one would know we were hurt. Do you think the squatters would help us, Charles? Do you think they would care?" (WYC 17)

Nora findet die Fahrt auf einem Fluß wundervoll, haßt aber das Wasser, sie mag den Mond und verabscheut die Dunkelheit. Ein widersprüchliches Konzept, das jedoch ihre Beziehung zum Land wiederspiegelt und anhand dessen sie Charles auf die Gefahren des Bürgerkriegs aufmerksam macht. Sie analysiert die Worte, mit denen er ein koloniales Paradies heraufbeschwört und interpretiert sein Verhalten als selbstzerstörerisch. Charles ist nicht in der Lage, auf seine Frau einzugehen. Anstatt mit ihr zu diskutieren, appelliert er an eine gemeinsame, mit dem Land verbundene Vergangenheit. Ein Appell, der im Nichts verhallen muß, da die Ehepartner keine gemeinsame Identifizierung mit dem Land haben und in diesem Sinn auch nicht über eine gemeinsame Vergangenheit verfügen können.

Charles schenkt Noras Prophezeiungen kein Gehör und erweist sich damit letztlich als nicht zukunftsfähig. Zwar erfährt man über die Zukunft der Farmbewohner nichts, doch angesichts des historischen Hintergrunds behält Nora Recht. Ihre Angst erweist sich als begründet, ihr Anliegen als weitsichtig und Charles' Verhalten als dumm und starr. Gemeinsam ist den beiden Figuren dennoch ihre Fähigkeit, sich einer bestimmten Realität zu verschließen. Während Charles die Vergangenheit bemüht und beharrlich an seiner Siedleridentität festhält, lebt Nora in Malerei und Musik. Ihre Angst vor einem der Angestellten vertreibt die Musik. "She was thankful for the piano and used it to protect herself against him. [...] She pursued her memory through the booklet above the piano and chose a nursery rhyme. She was safe, encased in her childhood, watching three mice run up the clock." (WYC 3) Ganz gezielt hat sie sich das Schlaflied gewählt. Eine Art der Konfliktbewältigung, in der sie sich keine Gedanken um das Für und Wider eines Bürgerkrieges machen muß. Politische oder gesellschaftliche Argumente erwägt sie nicht - sie flüchtet vor einer bestimmten Realität. Und auch Charles flüchtet, er läßt keine Überlegungen zu, die seine Position in Zweifel ziehen. Er glaubt fest an die Beziehung zu seinen Angestellten. [Seite 97↓]"Charles could not believe that his natives would reject him." (WYC 18) Zu Charles' Weltbild gehört die Loyalität der Arbeiter. Sowohl Nora als auch Charles bewahren sich durch unterschiedliche Mechanismen ihre Sicht auf die Welt. Die Ehe hatte nur funktioniert, solange sich keine äußerlichen Veränderungen einstellten.

Ähnlich wie die weiße Welt ist auch die schwarze Welt eine Welt zwischen Erinnerung und Zukunft. Und auch hier ist die Identifizierung der Männer mit ihrem Land zugleich ihr Verderben. Deutlich wird dies anhand der Geschichte der schwarzen Farmbewohner. Wie Charles sind ein alter Mann sowie dessen Vater nicht zukunftsfähig, da sie aufgrund einer engen Verbindung mit dem Land letztlich falsche Entscheidungen treffen. Dies unterscheidet sie signifikant von den Frauen. Wie Nora ist auch MaMoyo dazu bereit, das Land zu verlassen und an einem anderen Ort ein neues Leben zu beginnen. Ob dieses Leben dann ein besseres wäre, sei dahingestellt, aber die Entscheidungen, die die Männer treffen, sind historisch betrachtet höchst problematisch. Trotz der aktuellen Gefahr durch Überfälle bleibt Charles, obwohl auch ihm klar ist, daß Zimbabwe eines Tages unabhängig sein wird und dann die Besitzverhältnisse neu geregelt werden würden. Und James will bleiben, da er fest an die Versprechungen der Befreiungsarmee glaubt. Denn die Landfrage war, wie Eldred Jones (1996) zeigt, zentrale Frage im Bürgerkrieg.

The central issue in the liberation struggle was land: land which had been expropriated and which was to be returned to its original owners; the land which was the source of the people's belief in themselves, whose productivity sustained them and whose occasional aberrations through drought or other natural disaster spelt deprivation. Associated with the land are its physical features, its agricultural products, its cattle, the source of myth and spiritual sustenance, and the basis of belief.180

In Crossing Boundaries gilt dies in gewisser Hinsicht auch für Charles. Vor allem jedoch trifft die Aussage auf die Schwarzen Männer zu. Vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung in Zimbabwe zeigt sich jedoch, daß James' Hoffnungen auf falschen Versprechungen, nämlich der Propaganda der Befreiungsarmee, beruhen. Denn wie Bill Kinsey (1999) deutlich macht, war zwar eines der wichtigsten Ziele des Befreiungskampfes eine Bodenreform, [Seite 98↓] doch die Wirtschaftsphilosophie hat sich im unabhängigen Zimbabwe nicht sonderlich verändert.

The old compact between government and the white captains of industry and agriculture was replaced by a new political alliance between dominant representatives of the state and black capitalists. However the socialist rhetoric of the early 1980s clouded the fact that the new state had implicitly taken on the belief that growth could only come from maintenance of the status quo of large-scale mining, manufacturing and agriculture.181

Ob James also Land für seine Familie bekommen hätte, ist völlig unklar. Sein unerschütterlicher Glaube an eine Zukunft auf dem Land ist ebenso naiv wie Charles' Festhalten an seinem Status als weißer Siedler. Die starke Identifikation mit dem Land verstellt ihren Blick auf die Realität der Gegenwart. Eine Realität, die ihre Frauen besser einzuschätzen wissen, denn für sie spielt das Land eine eher untergeordnete Rolle.

Besonders auffällig ist, daß der Text die Gegenwart in erster Linie unter dem Aspekt von Vergangenheit und Zukunft beleuchtet. Versinnbildlicht wird dies im namenlosen Großvater der Familie, der in der Gegenwart der Erzählung regungslos an einem Ort verharrt. Stets als "old man" bezeichnet, hatte er im Alter von 7 Jahren mit seinen Eltern das eigene Land verlassen. Zwar werden die genauen historischen Zusammenhänge nicht ausdrücklich benannt, doch vermutlich machte der "Land Appropriation Act" von 1930 es unmöglich, weiter dort zu wohnen. Anstatt als Squatters182 den ursprünglich ihnen gehörenden Boden für Fremde zu bestellen, zieht die Familie in zugewiesenes Gebiet. Diese sogenannten "Native Reserves" liegen überwiegend in unfruchtbaren Gegenden.183 Durch die Heirat mit einer Tochter von Squatters zieht der alte Mann auf die Farm, auf der er auch heute noch lebt. Das Ehepaar bekommt drei Söhne, die ebenfalls dort arbeiten und Familien [Seite 99↓] gründen. Rückblickend denkt der alte Mann über die tragischen Ereignisse in seinem Leben nach.

His legs now infirm, the old man rememberd the migration of his people from one part of the country to the other, a forced movement across the land which symbolized the loss of their link with the soil, a journey that was a revoking of their connectedness, their belonging. [...] His father had been angry, and the old man remembered him storming in and out of the house, angered by a sense of helplessness. He would rather move than work for these criminals, but it was difficult to leave the earth where all of his ancestors had been buried, where all the culture, history and religion was contained. (WYC 4)

Namenlos, unbeweglich und räumlich von den arbeitenden Frauen getrennt, ist der alte Mann in jeder Hinsicht ein Außenseiter. Für seine Angehörigen ist er eher eine Belastung als eine Respektsperson. Insbesondere seine Schwiegertochter MaMoyo empfindet ihn und seine Erinnerungen als lähmende Falle. Im Streit mit ihrem Mann James artikuliert sich diese Abneigung besonders deutlich. "He was immobile, like his father whom they had to carry from shed to hut and from hut to shed, every day. [...] Why must they be trapped in the memory of an old man who could not walk?" (WYC 25) Für den alten Mann hat sie kein Verständnis. Seine Erinnerungen interessieren sie nicht, denn MaMoyo macht eben diese Erinnerungen für ihre unglücklichen Lebensumstände verantwortlich.

Auch die Erzählerin zweifelt an dem alten Mann - und es muß an dieser Stelle auch die Stimme der Erzählerin sein, denn sie beurteilt ihn, eine Abstraktionsleistung, zu der der alte Mann gar nicht mehr in der Lage wäre. Doch man hört im Grunde zwei Stimmen, neben der Erzählerin auch die des alten Mannes, die in der hier gewählten Erzählform der erlebten Rede nur schwer voneinander zu trennen sind. Diese Mehrstimmigkeit macht es möglich sich zu erinnern und gleichzeitig auf den Umgang mit dieser Erinnerung zu verweisen. Konsequent unterläuft die Erzählerin die Erinnerung des alten Mannes an die tragischen Ereignisse, die das gesellschaftliche und religiöse Leben der Menschen grundlegend veränderte. Indem sie erklärt, daß das Vergessen schmerzvoller Erinnerungen den Schmerz an sich lindert, macht sie ihn unglaubwürdig. "Forgetting lightened the pain of their expulsion. Sometimes details surfaced effortlessly in his mind, but he could no longer discriminate between what he had experienced and what he had made up." (WYC 5) Nicht die Tatsache der Landvertreibung stellt sie in Frage, sondern das Erinnerungsvermögen des Mannes. Trotz der vorangestellten Begründung für ein mögliches Vergessen bleibt ein [Seite 100↓] Mißtrauen. Dennoch gehen die sehr detaillierten Erinnerungen weiter, und vor jedem erneuten Rückblick wird stets die verzweifelte seelische Verfassung des alten Mannes betont. "His whole life seemed to have been a confirmation of feebleness, and it pained him to recollect." (WYC 6) Ob die erinnerten Details erfunden oder real sind, ist nach der Aussage der Erzählerin nicht mehr klar. Deutlich wird in erster Linie, daß der alte Mann die Exilsituation kaum erträgt. "[T]he old man remained concealed in his degradation, remembering how hard it had been for all his family after the migration." (WYC 7) Sein Wunsch zurückzukehren wird zu einer von seiner Familie ignorierten Obsession. "The old man hated the life on the farm, and he wished that he could make the journey back to his home [.] [...] 'You are too old for such a journey,' they told him. [...] But he insisted, and so they stopped listening to him. Why had he not gone back when he was younger, and his feet had the strength to carry him?" (WYC 22) Doch dem alten Mann, eigentlich das Oberhaupt der Familie, wird nicht zugehört. Vor allem in MaMoyo manifestiert sich Antipathie. "Whenever she thought of the old man, she saw the folly of not acting in one's hope. The old man had not gone to his village, though it would have made him happy merely to see the place. Even if he had gone five years ago, he might have arrived there." (WYC 25) MaMoyo verurteilt ihn für fehlende Initiative, Eigenständigkeit und Durchsetzungsvermögen. Weder auf der Plotebene noch auf der Ebene des Erzähldiskurses verfügt der alte Mann über Autorität. Auf der einen Seite ist es die Erzählerin, auf der anderen MaMoyo, die die Figur in Frage stellt.

Anhand des alten Mannes wird klar, daß die Menschen durch die ausschließliche Ausrichtung ihres Lebens auf die Vergangenheit nicht zukunftsfähig sind. Ebenso wie Mrs. Jones fehlt auch dem alten Mann eine Figur, die eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen könnte. Beide bräuchten so jemanden wie Nehanda, die als Verbindungsglied unterschiedlicher Zeiten und Welten fungiert und auf diese Weise den Menschen eine Zukunft eröffnen kann.184 Doch am Ende seines Lebens bleibt dem alten Mann noch nicht einmal sein Vater als positive Identifikationsfigur. Damit ist schließlich auch die Verbindung zur Vergangeheit gestört und der alte Mann befindet sich im quasi zeitlosen Raum, der Möglichkeit beraubt sich zu verorten. Durch die Fehleinschätzung seines Vaters lebt er im Exil, in das er sich nie hineinfinden konnte. Seine [Seite 101↓] Familie muß aus wirtschaftlichen Gründen nach dem Umzug wieder für Fremde arbeiten. Auf dem Land ihrer Ahnen wären sie vermutlich besser aufgehoben gewesen. "They might as well have stayed on their ancestral lands and worked there." (WYC 8) Beide Männer treffen also Entscheidungen, die sich im Nachhinein als schwerwiegende Fehler entpuppen.

Die Erinnerungen an seine Kindheit lassen den alten Mann nicht los. "The old man's mind could not let go of the thorns and cactus that populated the dry cracking terrain of his boyhood." (WYC 8) Ist er seiner Vergangenheit hilflos ausgeliefert, so gilt dies in gleichem Maße für die Gegenwart und Zukunft. Stumm hört er einem Gespräch zwischen seinen Schwiegertöchtern über unterschiedliche Lebensentwürfe zu. Es fehlt ihm an Macht, ihre Gedanken zu beeinflussen. "The old man felt weighed down by the conversation of the women, which crept round the hut to where he sat, but was powerless to affect what they thought." (WYC 6) Mehr noch, er fühlt sich von ihrem Gespräch, wie von fast allen Ereignissen, belastet. Damit steht er dem von der Erzählerin entworfenen Exilanten diametral gegenüber.

The exiled soul insists on finding a connection between moments and histories, on securing a promise from the future that there shall be compensation. The banished wanderer insists on narrating, and on situating solutions that have been evaded by the past. Caught between memory and dreaming, the hopeful exile weaves a comforting performance out of a tale of agony. (WYC 8)

Dies gelingt dem alten Mann nicht. Ereignisse, welcher Art auch immer, bedeuten für ihn Bedrohung und nicht die Hoffnung auf den vermeintlichen Ausgleich erduldeter Leiden. So erfüllt ihn die Nachricht von der Bombardierung eines rhodesischen Passagierflugzeugs durch die Guerillas mit Erstaunen und Angst. "It surprised him, that this was possible, but he did not know that he should rejoice. What would the white man do after being challenged in this manner? [...] It terrified the old man to think deeply on it, or consider the actions anger might unleash." (WYC 21) Er sieht in dem Abschuß keinen Triumpf über die Kriegsführung der rhodesischen Armee, sondern versucht ängstlich, mögliche Vergeltungsschläge zu erwägen. Folgt man der Erzählerin, so weiß er schlicht nicht, daß er erfreut sein sollte. Auf diese Weise wird dem alten Mann jegliches Urteilsvermögen abgesprochen. Von sich und seiner Umwelt entfremdet, ausgestattet mit Erinnerungen, die ihn und seine Mitmenschen bedrücken, ist der alte Mann damit demontiert. "He had lost the children. He had lost the fight. A lizard circled around him, [Seite 102↓]nodded its head, then skirted into the thatching." (WYC 7) Er selber hat sein Scheitern erkannt. Eine Eidechse, die die einzige ist, die versucht, Kontakt mit dem alten Mann herzustellen, bestätigt ihm seine Niederlage. Wie in keiner anderen Figur spiegelt sich im Schicksal des alten Mannes die unmenschliche, an sich nicht heil zu überstehende Situation von Squattern. Der alte Mann zerbricht an der Gewalt des Kolonialismus.

Völlig anders als sein Vater, aber dennoch genauso ohnmächtig, ist James. Versteht man ihn als vom Land entfremdet und damit als Exilant, so paßt auf ihn das von der Erzählerin gezeichnete Bild vom "hopeful exile". Besonders deutlich wird das, als James mehrere Anläufe braucht, um ein Stück Land für seinen Bruder zu erbitten. "Why was it necessary for him to be humble, to beg, to ask for something that perhaps belonged to him?" (WYC 1) Zwar ist nicht eindeutig, ob hier die Erzählerin oder James spricht, doch das außerordentliche Konfliktpotential der Unterredung wird greifbar. James läßt sich seine Angst vor einer Konfrontation mit den gegenwärtigen Grundbesitzern nicht anmerken. "His face gave nothing away." (WYC 1) Im Gegensatz zu seinem Vater denkt er weniger über erduldete Demütigungen nach, sondern rettet eine von seinem Großvater mündlich überlieferte präkoloniale Vergangenheit in die Zukunft hinüber. "He thought always of how it could be without the presence of these strangers on the farm - it would be as his grandfather had told him." (WYC 2) Dabei beschreibt die Erzählerin die Lebensbedingungen der Squatters als besonders erniedrigend. "They lived precariously along the fringes of the land, their souls barren of hope, and their vitality sapped by alienating labour." (WYC 8) Nur in seltenen Augenblicken gelingt es ihnen, ihre Situation zu vergessen. "The labourers worked without signs of weariness, forgetting briefly that the land was not theirs." (WYC 13) Doch für James hat dieses Leben nur einen vorübergehenden Status.

James observed life on the farm as a temporary inconvenience, and believed that it would change. It seemed obvious to him that the anomaly of the situation called for change. The armed struggle was designed to produce such a change. (WYC 13)

James fester Glaube an eine Zukunft schützt ihn. Für sein Überleben in einer zutiefst demütigenden Situation gibt es jedoch mehrere Erklärungen. Zum einen nimmt er als Aufseher eine exponierte Stellung ein, zum anderen hat er eine besondere Begabung. "Though he had clear piercing eyes, James had a quiet look about him, and the other farmers called him a 'good' black." (WYC 13) Sein Scharfsinn kann ihm also nicht gefährlich werden. Er ist kein Rebell. [Seite 103↓] Doch da niemand seine Gedanken kennt, bleibt er einsam. James gehört weder zu den Squatters, noch ist er das, wofür ihn die Weißen halten. Er ist in jeder Hinsicht ein Außenseiter, der seine Lage als eine vorübergehende Unannehmlichkeit betrachtet und auf den Bürgerkrieg setzt. Dies ist angesichts einer Jahrzehnte dauernden Kolonisierung eher erstaunlich. Vor dem historischen Hintergrund erweist sich sein Glaube an baldige Unabhängigkeit als durchaus berechtigt, doch 1976 war dies keineswegs abzusehen. Auch nach der zimbabwischen Unabhängigkeit von 1980 glaubte ein großer Teil der Bevölkerung nicht an eine politische Stabilität. James' Hoffnung auf Land ist eher naiv und erweist sich im Rückblick als unbegründet, denn eine umfassende Bodenreform hat in 20 Jahren Unabhängigkeit nicht stattgefunden.185

An dieser Stelle sind die Parallelen zwischen James und Charles besonders greifbar. Auch Charles könnte man im Sinne der Erzählerin als "hopeful exile" bezeichnen. Mit einer ganz klaren Identität als Siedler glaubt er wie James fest an eine Zukunft auf der Farm. Beide Männer liegen in diesem Punkt mit ihren Frauen im Streit. Im Gespräch zwischen MaMoyo und James wird deutlich, daß er von einer ganz anderen Position heraus argumentiert als seine Frau. "[']We should wait and see what the changes that will come will be like, for I am sure what has happened now will have some effect.'" (WYC 25) MaMoyo jedoch glaubt nicht an baldige Unabhängigkeit. Ihr geht es um die Erziehung der Kinder. Insbesondere ihre Tochter Fadzai möchte sie vor [Seite 104↓] dem Landleben bewahren.186Zu ihrer Schwägerin MaSibanda sagt sie: "'It is difficult to be a woman in these times. If my daughter can get an education, she will not have to live this hard life that I have endured. She can walk away from pain.' MaMoyo was confident that, given the static nature of traditions, the only escape was into the white man's world." (WYC 6) MaMoyo trifft kaum auf Widerspruch. Obwohl MaSibanda anderer Meinung ist, schweigt sie. Die Motivation dafür bleibt im Dunkeln. "[T]o embrace more of the culture of those who kept them subservient was hard to accept. She chose not to answer her" (WYC 6). Und auch der alte Mann muß der Unterhaltung stumm beiwohnen. Einzige Opposition erfährt MaMoyo durch James. Ihm gegenüber wiederholt sie ihre Auffassung.

"I still think our children would be better off if we moved to the city. Their future would be more assured. Why must they grow up only to work on this farm? Who knows how long it will be before this Independence will come? We might both be old, like your father there under the shed, and our children will be looking after us, right on this farm." (WYC 24)

James bleibt standhaft. "Things will change soon. I am sure of it. There is no need for us to leave." (WYC 24) Für MaMoyo handelt er damit in der Tradition seiner männlichen Vorfahren. "He was immobile like his father" (WYC 25). Gleichzeitig nimmt MaMoyos Entfremdung von ihrem Mann zu. "James's history felt burdensome to her, and it hurt her and the children. He was not an active man, and she pitied him." (WYC 25) Außerdem offenbart sich der begrenzte Machtradius der Frauen. Genau wie Noras Appelle an ihren Mann verhallen, schenkt auch James seiner Frau kein Gehöhr. Die Konstellation der jeweiligen Beziehungen ist sehr ähnlich. Beide Frauen plädieren für einen Umzug in die Stadt. Ihre Argumentationsstrategie ist dabei erstaunlich übereinstimmend. "'We can come back, Charles [']" (WYC 16), so Nora. Und MaMoyo zu James: "'We can come back [']" (WYC 24). Die Ehemänner indes wenden sich vehement gegen eine Veränderung. Sowohl James als auch Charles speisen ihren Glauben an eine positive Zukunft aus der Vergangenheit, vor allem aus ihren Vorfahren. Die eigentlich auf James zugespitzte Aussage trifft daher auch Charles' Charakter. "He valued the past over the present, and saw it replicated in the future." (WYC 25) Dabei irren sich beide. Die Weißen verlieren den Krieg und vielen Schwarzen auf dem [Seite 105↓] Land gelingt es trotz Unabhängigkeit nicht, ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern.

Mit MaMoyo und James sind zwei Figuren entworfen, deren Wesen sich grundsätzlich unterscheiden. MaMoyo möchte angesichts der trostlosen Situation auf der Farm handeln und ihr Leben verändern. "Time would not move towards them, they had to move towards it, if it was to find them whole. The present, as they lived it, would not be satisfied by waiting." (WYC 25) Die Zeit, auf die sie sich zubewegen sollten, sieht MaMoyo manifestiert in Urbanität und der Kultur der Weißen. Dabei verachtet sie die weißen Farmbewohner und würde niemals für sie arbeiten. "Often MaMoyo swore she would never work on the farm, except on the plot of land that was allotted her. If she met the Madam on her way from the stream, she would not stop to talk to her." (WYC 9) Ihre Motivation für einen Umzug liegt vor allem in der Angst, sich in Zukunft nicht wiederzuerkennen. Anders als bei ihrem Mann hat die Gegenwart den Glauben an die Vergangenheit zerstört. "For the woman, the shattering indignity of her povertry had destroyed the prestige of the past. She was afraid that they would not recognize themselves in the future, either as they thought they were, or as they would like to be." (WYC 25) MaMoyo erkennt sich jedoch schon in der Gegenwart nicht wieder. In dem Dasein als Squatter sieht sie eine Tradition, die von den Menschen zwar verabscheut, aber dennoch gelebt wird. Sie fürchtet dieses wie selbstverständlich fortgesetzte Erbe.

The knowledge that several generations of her husband's family had laboured fruitlessly on this farm, intensified her dissatisfaction. She told herself that her main concern was for her daughter, whom [sic] she feared would also have to work on the farm as she had done. She wanted a different future for her daughter. Perhaps an education would release her from this continued design, which was almost becoming its own tradition, though everyone loathed a life in which they owned nothing. (WYC 22)

MaMoyo möchte einen deutlichen Bruch mit der Gegenwart. Nur so kann sie an eine Zukunft glauben. Doch sie hat erkannt, daß James nach einem völlig anderen Konzept lebt. Die Hoffnung auf moralischen und politischen Ausgleich ist Teil seiner Existenz. "He took pleasure in his hope for redress, which he saw approaching in the future." (WYC 25) Für MaMoyo ist diese Lebenseinstellung und die sich daraus ergebende Perspektive kaum zu ertragen. "Meanwhile, their lives must be dry, and they must live in the ruins of that past which they carried always with them." (WYC 25)


[Seite 106↓]

Von James seinerseits ist nicht bekannt, was er von seiner Frau denkt und ob auch er unter ihr leidet, denn er schottet sich gegen sie ab. "James would not listen to her argument." (WYC 22) An keiner Stelle nimmt er Bezug auf MaMoyos Wesen. Genau wie die anderen Figuren nichts von ihm wissen, erfährt auch der Leser wenig von seinen Gedanken. Am Auffälligsten ist dies in Hinsicht auf seinen Vater. Sowohl auf der Plotebene als auch auf der Ebene des Erzähldiskurses haben die beiden keine Verbindung. Es findet sich weder eine Szene, in der sie gemeinsam auftreten, noch wird klar, wie James zu seinem Vater steht - und umgekehrt. Der Leser lernt James aus der Innensicht vor allem durch die Beziehung mit Nora kennen. Wie im größten Teil der Erzählung dominiert hier die erlebte Rede. Über die Beziehung zwischen James und MaMoyo hingegen erteilen in erster Linie die Gespräche der beiden Auskunft. In den zwei Dialogen zeigt sich wie ihre Beziehung funktioniert. Im Gegensatz zu Nora und Charles scheint eine Auseinandersetzung zwar möglich, doch auch MaMoyo und James gelingt eine Annäherung ihrer unterschiedlichen Positionen letztlich nicht. Sehr auf Höflichkeit bedacht, wenden sie sich sowohl in ihrer Körperhaltung als auch in ihren verbalen Äußerungen einander zu. Als James bemerkt, daß seine Frau ein ernstes Gespräch mit ihm führen möchte, macht er eine Bewegung in ihre Richtung. Er will die Distanz zwischen ihnen überbrücken. "It would be impolite to continue the conversation while he stood in the doorway like a stranger. He covered the distance between them by pulling up a stool and drawing close to where she sat near the fire, her legs folded beneath her." (WYC 23) MaMoyo kann angesichts der Meinungsverschiedenheit seine Nähe kaum ertragen. Doch sie möchte ihn nicht kränken und führt die Unterhaltung fort. "She could not sit still while she felt his resentment and his resistance. It was a small hut, and there was not much space for her to move around, away from him. [...] She sat down again, to be polite to him, even though she wanted to move into the air outside." (WYC 24) Erst als sie das Gespräch für beendet hält, gibt sie ihrem Impuls nach. "Since it was clear that they had finished talking, or that he no longer wished to talk, she went outside, and walked a little." (WYC 25)

Die Bewegungen ihrer Körper zeigt die deutlich hierarchische, zum Teil durch Customs festgelegte Qualität der Beziehung. James verringert zwar gleich bei Gesprächsbeginn die Distanz zu seiner Frau, doch er begibt sich nicht auf eine Ebene mit ihr. Auch liegt es an ihm, die Diskussion zu beenden. Dennoch sind die beiden sich sehr nah. Mißverständnisse, die zu einem Dissens führen, gibt es nicht. Sie verstehen sich sogar, ohne miteinander zu [Seite 107↓] sprechen. "Now she looked up, and he understood that she had a lot more on her mind." (WYC 23) Und auch MaMoyo kann im Gesicht ihres Mannes lesen. "She did not need an answer, seeing his displeased face." (WYC 9) Das Ungleichgewicht entsteht durch die klar verteilten Entscheidungskompetenzen. MaMoyo fordert ihren Mann zwar heraus, ist jedoch sehr darauf bedacht, ihn nicht zu verärgern. "When her answer came, it was delivered in slow and carefull tones. She did not want to anger him." (WYC 23) Letztlich gelingt es ihr nicht, ihn offen zu kritisieren. "She did not share his stagnancy, and felt that she should express her resentment of his immobility." (WYC 23) Ihre tiefe Verzweiflung behält MaMoyo für sich. Sie kennt ihren Mann und weiß, daß ihre Argumentation sinnlos ist. "She knew that she only spoke to the wind, because he would not listen." (WYC 24)

MaMoyo erscheint hier als gehorsame Ehefrau, die ihre Wünsche hinter denen ihres Mannes zurückstellt. Doch an einigen Stellen zeigt sich, daß sie ihre Rolle als ergebene Weggefährtin nicht ausfüllt. So läßt sie ihren Ehemann im Stich, als er von Nora einen neuen Namen bekommt. Diese Taufe bedeutet für James eine Identitätskrise von größerem Ausmaß.187 Er hatte MaMoyo explizit gebeten, ihn weiterhin bei seinem eigentlichen Namen zu rufen. Dessen ungeachtet nennt auch MaMoyo ihn von nun an James. "James struggeled with the burden of his newly acquired identity, and beseeched MaMoyo to help him, by addressing him always with his own name. But repetition and proximity exerted greater strength than ambition." (WYC 14) James kann zwar auf MaMoyos Gehorsam, aber nicht auf ihre Unterstützung zählen. Sie akzeptiert, daß er die wichtigen Entscheidungen für die Familie trifft, doch MaMoyo unterwirft sich nicht. Immer wieder sucht sie die Auseinandersetzung mit James, doch letztlich können die beiden sich nicht einigen. Für die Erzählerin liegt die Ursache hierfür in den unterschiedlichen Charakteren. MaMoyo sieht ihr Heil im Handeln. James' Hoffen auf eine bessere Zukunft kann sie sich weder anhören, noch denken [Seite 108↓] oder gar teilen. Mehr noch, sie versteht diese Hoffnung als bedrohliches, gegen sich gerichtetes Machtgehabe.

She was burdend by the need to see her children advance, and paid no attention to the hope he held out, which she could not believe. It was easier for her to think of action, than of waiting, doing nothing. Had they not done enough of waiting? If she could move she would have achieved something. If she could pick up her problems and carry them to new ground, that would satisfy her. Why must he dangle this hope to her, and use it against her? (WYC 25)

Während James die Gegenwart ausblendet und aus einer vermeintlich positiven Vergangenheit Hoffnung für die Zukunft schöpft, wartet MaMoyo darauf, endlich handeln zu können. Deutlich wird hier, daß sie nicht vor den Problemen fliehen, sondern sie neu verorten möchte. Allein diese Handlung würde MaMoyo zufriedenstellen.

Insgesamt ist MaMoyos Beziehung zum Land eher vage. An keiner Stelle gibt die Erzählerin genaue Auskunft über MaMoyos Herkunft. Klar ist nur, daß aufgrund der familiären Verbindung mit dem Land die weißen Besitzer lieber andere Arbeiter gehabt hätten. "Her family were not wanted on this farm, though they provided ample labour. It was felt that the migrant labourers were easier to control, because they were desperate for work, and were strangers on this land." (WYC 22) Es bleibt jedoch offen, ob MaMoyo lediglich aufgrund ihrer Schwiegermutter oder auch durch ihre eigene Familie dem Land verbunden ist. Nur ihre Verwandtschaft mit den anderen Frauen ist eindeutig. "They sang about the dream of Mungoshi, the founder of their clan" (WYC 7). Dennoch möchte MaMoyo nicht bleiben, denn erst durch die Neuverortung ihrer Probleme kann sie eine Zukunft für ihre Kinder erkennen, denn sie macht das Land für ihre Lebensumstände verantwortlich. "Often she cursed the earth that had betrayed them by supporting the unkind feet of strangers." (WYC 9) Sie hat keinerlei Interesse, weiter auf der Farm zu wohnen. Angesichts der rechtlichen Lage ist dies nicht erstaunlich. Denn wie Rudo Gaidzanwa (1995) zeigt, haben sowohl weiße als auch Schwarze Frauen keinerlei Anrecht auf Land.

The frontier culture of white colonial Zimbabwe buttressed and legitimized the marginalisation of both BLACK and white women and children who, in return, had to be loyal, obedient and worthy of the material benefits that they derived from being dependents of specific men. In addition, Shona and Ndebele customs as interpreted by the colonial authorities and accepted by [Seite 109↓]colonized males, reinforced the near-exclusion of BLACK women from residential land and home ownership.188

Und auch nach der Unabhängigkeit änderte sich an dieser Praxis nichts. Schwarze Frauen mußten weiterhin unbezahlte häusliche und landwirtschaftliche Arbeit verrichten, während ihre Männer das Land kontrollierten. Erst seit 1991 ist es Frauen, allerdings nur wenn sie verheiratet sind, möglich Land zu kaufen.189 Die Beziehung, die Männer und Frauen zum Land überhaupt aufbauen können, ist daher schon von vornherein völlig unterschiedlich.

In der gleichen Konstellation wie Nora und Charles haben auch MaMoyo und James voneinander abweichende Vorstellungen davon, wie sie mit der neuen politischen Situation umgehen und ihr weiters Leben verbringen sollen. Während MaMoyo eine glückliche Zukunft für ihre Kinder in der Stadt sieht, glaubt James fest an familiäre Geborgenheit. Er warnt MaMoyo vor dem Stadtleben. "The jobs will not be different from the ones we have here except that we would no longer have our family around us. Must we take the children away from their family?" (WYC 24) Für MaMoyo lebt James in einer Illusion. "He did not see that even now they did not have their family, that each of them nurtured a resentment that left them incomplete. They had nothing to give to each other, nothing that was completely their own." (WYC 24) James' Glaube an die Familie bzw. das Land legt MaMoyo als naiv aus. Seinerseits hält auch James seine Frau für ahnungslos. Im Gespräch über den Anschlag auf die Passagiermaschine ist er über ihre Reaktion sehr verwundert. Obwohl er MaMoyo letzlich zustimmt, interpretiert James ihre Aussage als kurzsichtig. "He was surprised by her willingness to dismiss the fatality as something that did not affect them. But he agreed with her, because it was true that worse things were to be expected." (WYC 23) Wie das Siedlerehepaar sprechen MaMoyo und James über die aktuellen politischen Ereignisse. Und auch hier scheitert die Kommunikation.

Die Identifikation mit Land ist in Crossing Boundaries also nicht in erster Linie eine Frage von Race sondern vor allem eine Frage von Gender. Damit [Seite 110↓] soll keinesfalls die von Judith Butler (1993) so vehement bestrittene Ansicht belegt werden, daß "sexuelle Differenz elementarer oder grundlegender sei als andere Arten von Differenz einschließlich des Rassenunterschieds."190 Davon wird auch in der vorliegenden Arbeit nicht ausgegangen. Doch in Bezug auf die Landfrage verlaufen die Grenzen in Crossing Boundaries eher zwischen Männern und Frauen, als zwischen schwarz und weiß. Folgt man dieser These, dann verweist der Titel der Erzählung auf das Geflecht der Grenzen von Race und Gender, die in einer kolonialen Gesellschaft zu überschreiten sind. Denn sowohl Kolonisator als auch Kolonisierter können sich uneingeschränkt mit dem Land identifizieren. Für ihre Frauen gilt dies nicht. MaMoyo sieht allein im Wegzug eine positive Zukunft für die nächste Generation. Sie hat keinerlei Interesse, auf dem Land zu bleiben. Ebenso Nora, für die das Land nichts bedeutet. So selbstverständlich sich James und Charles das Land aneignen, so klar ist MaMoyos und Noras Entfremdung. Unterstrichen wird dieser Eindruck noch durch die ausnahmslos scheiternde Kommunikation zwischen den Ehepartnern. Sie können sich gegenseitig ihre Standpunkte nicht deutlich machen, da sie aus völlig unterschiedlichen Kontexten heraus argumentieren. Für die Frauen hat das Land eine grundsätzlich andere Bedeutung als für die Männer.

1.2.2 Grenzüberschreitungen. Das Zusammenspiel von Körper und Land

Yvonne Veras Erzählung Crossing Boundaries befasst sich wie kein anderer ihrer Texte mit dem Thema der kolonialen Eroberung. Eine Eroberung in der, wie Drew Shaw (1999) deutlich macht, das Ziehen von Grenzen eine besondere Bedeutung hatte.

Fixed lines, borders, and boundaries arrived with the colonizer whose project, ostensibly, was to bring "Enlightenment" to the "dark continent". With reason and logic (the tools of the nineteenth-century imperialism), Europeans condemned and subordinated Africans, seeing them as "savages" in the need of "civilization". The Enlightenment, through its project of colonization, precipitated in a violent re-ordering of the continent; and violence was performed on the minds as well as the bodies of Africans.191


[Seite 111↓]

Eine Form der Gewalt, die sich auch in Veras Text zeigt. Herausragend ist die Erzählung, da sie dabei einer weißen Perspektive Raum gibt. Die koloniale Gesellschaft wird hier aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet. Dies macht die Erzählung besonders interessant. Betrachtet man nämlich die unterschiedlichen Figuren, so ergeben sich zwischen ihnen eine Reihe von Parallelen. Diese Parallelen sind um so auffälliger, je mehr man sich die Herkunft und Stellung der Menschen in der Gesellschaft vor Augen führt. Keiner von ihnen lebt auf dem Land seiner Vorfahren - und selbst wenn sie das Land für das Land ihrer Vorfahren halten, so ist dies keineswegs rechtlich abgesichert. Diese Situation können sie nur bewältigen, indem sie sich eine eigene Realität schaffen und ihre Lage damit legitimisieren. Interessant ist, daß sich Charles dabei in spiritueller Weise auf seine Vorfahren bezieht. Ein Topos, der in der Literatur eher für Schwarze, denn für Weiße verwendet wird.

Das Schaffen einer eigenen Realität kulminiert jedoch in Nora. Sie lebt fast ausschließlich in der symbolischen Welt von Malerei bzw. Musik und klammert sich in ihrer Einsamkeit an den Gedanken, das Land zu verlassen. Vordergründig entspricht die Figur damit dem Stereotyp der weißen Frau in der afrikanischen Literatur. "As a character in African novels, the white woman is either the seductive femme fatale or the disappointed, lonley wife", so Mineke Schipper (1999). Auch die anderen von Schipper herausgearbeiteten Attribute passen mehr oder weniger. "The white woman is usually depicted [...] as bourgeois and narrow-minded. Though often beautiful, slim and well dressed, she is also a vain, unstable, unfaithful, lazy und silly creature."192 Doch ist sie keineswegs wie in anderer zimbabwischer Literatur ein Gegenbild zur Schwarzen Frau, denn die Übereinstimmungen mit MaMoyo überwiegen.193 Bei näherer Betrachtung ist Veras Nora für die afrikanische Literatur herausragend, da, unterstrichen durch das Stilmittel der erlebten Rede, Noras Welt aus einer Innensicht beschrieben wird.

Ebenso bemerkenswert sind die Parallelen, die im Text zwischen den Menschen unterschiedlicher Herkunft gezogen werden. Denn wie Nora will auch MaMoyo das Land verlassen. Sie verweigert sich zwar ihren weißen Vorgesetzten, glaubt jedoch an eine Zukunft in der Stadt, wo ihre Tochter westliche Bildung erhalten könnte. Die Ehemänner der beiden Frauen haben [Seite 112↓] eine grundlegend andere Haltung und bewegen sich ihrerseits in ganz klar abgegrenzten Räumen einer Realität. Für beide Männer scheint es lebensnotwendig, auf der Farm zu bleiben. Charles begründet dies mit seiner Identität als Siedler und James vertraut fest auf den baldigen Erfolg des Bürgerkriegs. Alle vier haben mit dieser Strategie Erfolg. Zwei andere Charaktere, der alte Mann und Mrs. Jones, hingegen scheitern. Es macht den Eindruck, als ob dies an ihrer fehlenden Zukunftsperspektive liegt. Anders als den übrigen Figuren gelingt es ihnen nicht, Erinnerungen an die Vergangenheit auf eine Zukunft auszurichten. Nimmt man an, daß der Text insgesamt das Wechselspiel von Vergangenheit und Zukunft beleuchtet, so fehlt dem alten Mann und Mrs. Jones die entscheidende Fähigkeit, um in der Erzählung zu überleben: Sie können keine Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft herstellen. Eine Fähigkeit, die beispielsweise Nehanda als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft hat unsterblich werden lassen. Doch Mrs. Jones und der alte Mann leben ausschließlich in der Vergangenheit. Ein Bezug zur Zukunft existiert nicht. Während Vergangenheit und Zukunft für die Erzählung zentral sind - aus diesen beiden Größen speist sich jegliches Handeln und Denken - ist die Gegenwart für die Handlung kaum von Bedeutung. Erstreckt sich die erzählte Zeit über mehr als 50 Jahre, so nimmt die Gegenwart lediglich wenige Tage ein. Bis auf den Flugzeugabschuß sind diese Tage mit für das Geschehen eher unwichtigen Ereignissen gefüllt. Wichtig hingegen sind die Dialoge und die Diskursform der erlebten Rede, die sich vor allem um die Vergangenheit und die Neuorganisation der Zukunft drehen.

Die unterschiedlichen Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren sind für die Interpretation sehr bedeutend. Hier spiegeln sich zum einen die Phantasien um Vergangenheit und Zukunft, zum anderen bekommt oft erst in der Abgrenzung die jeweilige Realität der Figuren deutliche Konturen. So tritt Charles stets zusammen mit seiner Frau auf. Als Nora ihn auf die Gefahren des Farmlebens hinweist, entwickelt sich in Abgrenzung zu ihr seine Position.

["]What happens if we are targeted? No one would know we were hurt. Do you think the squatters would help us, Charles? Do you think they would care?" / Charles could not believe that his natives would reject him. They did not have the arrogance to do that. They were good natives. They could fight in the bush, and try what they could. It was all futile. (WYC 18)

Anders als an vielen Stellen des Textes, in denen in erlebter Rede erzählt wird, ist hier aufgrund der Wortwahl Charles' Perspektive greifbar. Die Bezeichnung "natives" gehört in Charles' Sprachschatz, nicht in den der [Seite 113↓] Erzählerin. Sie nennt die auf der Farm lebenden Schwarzen "labourers" (WYC 12ff) oder "Africans" (WYC 14). Die Verachtung, die Charles seinen Angestellten entgegenbringt, ist für seine Persönlichkeit fundamental. Sie gibt ihm Halt, denn in seinen Augen ist er der einzige, der ein Anrecht auf das Land hat. "Charles clung to his dry contempt of the natives, whom he separated from the land. / 'If given the land, the natives would not even know how to use it.'" (WYC 12) Charles' Beziehung zu den Afrikanern stellt sich dennoch als sehr ambivalent dar. Zumindest beruht das Bild, das er sich von ihnen macht, auf keinem schlüssigen Konzept. Einerseits glaubt er an ihre Loyalität, andererseits weiß er, daß sie gegen die weiße Herrschaft im Land kämpfen. Beides schließt sich gegenseitig aus. Entweder ist man loyal, oder führt einen Krieg. Den Kampf hält Charles zwar für völlig aussichtslos, doch seine Existenz bestreitet er nicht.

Charles' Beurteilung der Afrikaner erklärt sich zum einen durch die tiefe Verachtung, die er diesen Menschen entgegenbringt, zum anderen durch sein unerschütterliches Selbstbild als Kolonialist. Er traut den Afrikanern nicht zu, einen siegreichen Krieg zu führen. Und ebensowenig kann er sich selbst als etwas anderes sehen als einen mit Macht ausgestatteten Siedler. Beide Denkmöglichkeiten liegen außerhalb seines Vorstellungsvermögens, sie existieren für ihn überhaupt nicht. Charles hat ein klares Selbstbild und feste Grenzen. Mit Klaus Theweleit ist dies ein Herrscher-Ich, das ohne die Begrenzung seiner Person keinerlei Eroberung hätte vornehmen können.

Der Mann, der die Entgrenzung [...] vornimmt und ermöglicht, wird im selben Prozeß zu einer fest umrissenen Einheit, zu einem Zentrum von Kraft und Unternehmungsgeist, einem harten, gepanzerten Schiff, das man hinausschicken konnte, damit es die Welt aus der Perspektive Europas erfasse und "ordne".194

Der Kolonialismus ist, so Theweleit weiter, "eine zentralperspektivische Unterwerfung der Völker der Erde durch Europa".195 Damit argumentiert er ähnlich wie Edward Said (1978 + 1993), der stets auf die Rolle der Kultur während der Kolonialisierung verweist. Vor allem die koloniale Literatur [Seite 114↓] versteht Said als das ästhetische Mittel, das das Konzept weißer Überlegenheit etablierte und rechtfertigte.196

Nora jedoch untergräbt Charles' Weltbild. Beständig weist sie ihren Mann auf die sich verändernden Lebensumstände hin. Einen rein kolonialen Blick hat sie nicht (mehr). "'How long shall we postpone the truth?'" (WYC 21) Für sie ist die Wahrheit die lauernde Gefahr des Bürgerkriegs. Charles glaubt, diese Realität kontrollieren zu können. "'There is no truth except the one that we allow. The natives cannot shape our history, or how we behave, or how we shall decide.'" (WYC 21) Charles erscheint als blinder und tauber Gefangener seiner selbst, dessen Sprache und Einbildungskraft bestimmte Teile der gelebten Wirklichkeit überdeckt. "Charles was full of commands. His mind wove imaginary spaces in the air and he did not hear the roaring river engulf the bank. He could not emerge out of the mist and allow history to degrade him." (WYC 21) Charles hat den Bürgerkrieg als solchen erkannt. Dessen ungeachtet geht es ihm um den Erhalt seiner gewohnten Machtbefugnisse. So kann er James' Wunsch nach einem Stück Land nur dann stattgeben, wenn er dabei die Eigentumsverhältnisse nochmals klarstellt. "'I will give him the land. It still belongs to me, and I shall remind James of it.'" (WYC 21) Charles verhält sich damit wie ein Prototyp aus einem kolonialen Roman. "The imperial romance demands that the English man's encounter with the native is violent and through violence the native is forced into submission"197, so Anthony Chennells.

Betrachtet man Charles' Verhältnis zum Land, so fällt auf, daß er in einer ganz ähnlichen Weise mit dem Körper seiner Frau umgeht. Ebenso wie das Land betrachtet er ihn als sein Eigentum und beansprucht ihn allein für sich. Mit Klaus Theweleit ist dies nur allzu plausibel, denn Weiblichkeit und vor allem der weibliche Körper bieten eine ideale Projektionsfläche für Männer.

Eine besondere Formbarkeit hat [...] unter den Bedingungen des Patriarchats die Weiblichkeit behalten. Da die Frauen bisher niemals unmittelbar identisch mit den dominanten historischen Prozessen sein konnten, die zum Beispiel zur bürgerlichen Gesellschaft geführt haben, weil sie nie unmittelbare Träger dieser Prozesse waren, sondern immer in irgendeiner Weise ihr Objekt oder ihr [Seite 115↓] Stoff, ein Stück Natur also, das zu vergesellschaften war, ist es möglich, daß Männer sie insgesamt als Teil des "unorganischen Leibs" der Erde, auf dem ihre Produktionen sich ereignen, gesehen und benutzt haben.198

Schon die Möglichkeit, daß einer der Afrikaner seine Frau nackt sehen könnte, wird für Charles zur schlimmsten Bedrohung. Noras Würde ist seine Sicherheit. Allein durch Blicke Dritter würde diese zerstört. "The worst threat to her dignity, to his security, that a native should see her body through the open curtains of the window." (WYC 11) Der schwarze Blick auf den Körper seiner Frau zerstört ihn ebenso wie die Einnahme des Landes durch Schwarze. Zugleich zeigt sich an dieser Stelle, daß Charles den Afrikanern ein enormes Machtpotential zuspricht. Ein einziger Blick von ihnen und seine Welt stürzt ein. Nora jedoch möchte im Licht aufwachen. An eventuelle Blicke ihrer Angestellten denkt sie dabei nicht.

Nora ihrerseits hat ein gänzlich anders Verhältnis zu den auf der Farm lebenden Afrikanern. Der Kontakt zwischen Nora und den Angestellten gibt Charles jedoch immer wieder Anstoß zu Mißtrauen und läßt ihn schließlich Noras Loyalität anzweifeln. Auch erscheint sein Verhalten insgesamt nicht als besonders fürsorglich gegenüber seiner Frau. Es geht ihm stets nur um sich. Nora ist sich dessen bewußt. Als Charles sie vor Blicken der Afrikaner auf ihren nackten Körper warnt, glaubt sie, daß es dabei nicht um ihre Person geht. "He warned her desperately. She sensed in his voice none of the desire to defend her womanhood for himself. He was concerned only with his unquestioned domination of the native." (WYC 10) Charles geht es nicht um seine Frau. Vielmehr fürchtet er die Untergrabung seiner Autorität durch die Preisgabe von Noras nacktem Körper. Die Kontrolle über seine Frau reicht sehr weit. So ist es für ihn ganz selbstverständlich, ein Gespräch zwischen Nora und dem Angestellten James zu belauschen und gegebenenfalls einzugreifen.

He had heard the conversation through the door, and had waited to hear how Nora would handle it. His belief in her incompetence was confirmed by her long silence when the native spoke. / "James, don't bother Madam. I shall talk to you later. Go on." / [...] / "Why do you let the natives get cheeky with you? Don't let them talk to you like that. You must not listen to their unreasonable demands." / Charles was not really angry at Nora on whom he spent his anger. He hated her patience, and felt she betrayed him to the natives. (WYC 20)


[Seite 116↓]

Obwohl oder wahrscheinlich gerade weil Charles von seiner Frau oder vielmehr von ihrem (verhüllten) Körper abhängig ist, vertraut er Nora nicht. Weder glaubt er an ihre Fähigkeiten noch an ihre Integrität. Offen bleibt, auf wen er wütend ist, denn folgt man der Erzählerin, so richtet sich sein Ärger nicht wirklich gegen Nora. Er haßt ihre Geduld, die ihn aus seiner Sicht an die Afrikaner verrät. Für Charles gibt es also einen Unterschied zwischen Nora und ihrem Verhalten. Nora ist für ihn reine Körperlichkeit. Ihr Verhalten trennt er davon ab. Dies erklärt sich nur, wenn er seine Frau nicht als eigenständig und bewußt handelnde Person versteht. Interessant ist, wie selbstverständlich beide Eheleute in der Situation agieren. Charles versucht weder sein Lauschen geheimzuhalten, noch schreckt er vor einem Eingreifen in die Unterhaltung zurück. Da sich auch Nora nicht gegen den Übergriff wehrt, erscheint dies als alltägliche Gesprächskonstellation.

Die Machtverteilung zwischen den beiden ist dennoch nicht eindeutig. So bereut Charles zwar, Nora mit der aktuellen Tagespresse versorgt zu haben, doch er respektiert ihren Wunsch. "He regretted having brought the newspapers from the city, but she would have been upset if he had not brought them." (WYC 18) Allein ihre mutmaßliche Bestürzung hat ihn daran gehindert Zensur auszuüben. Dies läßt nicht auf die unbedingte Kontrolle seiner Frau schließen, sondern eher auf die Arrangements einer langjährigen Ehe. Genaue Angaben zu den Lebens- oder Ehejahren fehlen, eher nebenbei erfährt der Leser Noras und Charles' Alter. "He broke the silence and her reverie, asking to journey with him to a time, when they were both young, and did not labour at tenderness." (WYC 17) Aufschlußreich ist diese Szene auch, da sich Charles nicht einmal um Zärtlichkeit bemüht. Anstatt ihre Träumerei zu nutzen, unterbricht er sie. Der Versuch Nora zu gewinnen scheitert. Dabei wird jedoch nicht deutlich, ob die Beschaffenheit der Ehe sich im Laufe der Zeit gewandelt hat. Zwar ist sie nicht als ausdrückliche Zweckgemeinschaft beschrieben, doch von romantischer Liebe ist nirgends die Rede. "[Nora] had met Charles at a tobacco auction, while doing business for her father. When her father died, a year after she met Charles, she had sold the farm and married." (WYC 10) Charles hat Nora als berufstätige und vermutlich vermögende Frau kennengelernt. Von ihrem Vater ist sie direkt zu Charles gezogen.

Die Beweggründe für die Eheschließung liegen im Dunkeln. Betrachtet man jedoch die Sexualität der beiden, so lassen sich eindeutige Rückschlüsse auf die Qualität ihrer Beziehung ziehen. Charles' einzige Äußerung über den [Seite 117↓] Körper seiner Frau ist abschätzig und für Nora zutiefst verunsichernd. "He made it sound horrible, that a native should see her body. She began to wonder if perhaps there was indeed something unbearable about her body, something that he himself detested and thought of as he warned her of the natives." (WYC 11) An keiner Stelle im Text bewegen sich die Körper der beiden aufeinander zu. Vielmehr ist eines der wiederkehrenden Momente in ihren Dialogen Charles Abwendung: "[He] looked away from her" (WYC 15) und "[he] turned away from Nora" (WYC 17). Den Höhepunkt findet diese Bewegung, als die Erzählerin explizit auf das Fehlen einer Berührung hinweist.

When they stopped talking they did not touch. Instead, they moved away from each other. Nora went out, and admired the flowering bougainvillaea bush at the edge of the veranda, casting a purple glow over the marigolds below. The bees transferred pollen as they trespassed from one flower to the other, then buzzed away triumphantly. She was grateful for her escape, and her firm knowledge that he would not follow her. (WYC 18)

Unterstrichen durch die zunächst uneindeutige Zuordnung des Subjekts ist Noras Bewunderung für die blühende Pflanze und die sie bestäubenden Bienen in eine Auseinandersetzung mit ihren Ehemann eingebettet. In diesem Kontext erhält das Bild eine eindeutig sexuelle Konnotation, die Nora ebenso lächerlich wie tragisch erscheinen läßt. Ohne jede körperliche Zuwendung zeigt sich im Spiegel der Natur Noras fehlende Sexualität. Mehr noch, hier wird deutlich, daß sie Nähe zu ihrem Mann nicht wünscht.199

Die beiden zitierten Stellen sind besonders in Hinblick auf intertextuelle Bezüge zur kolonialen rhodesischen bzw. südafrikanischen Literatur interessant. Vor allem Doris Lessings The Grass is Singing und Olive Schreiners The Story of an African Farm (1883) weisen eine Reihe von Parallelen zu Veras Crossing Boundaries auf. Alle drei Texte beleuchten das Schicksal einer Farm im kolonialen Afrika, sicherlich eines der häufigsten Settings kolonialer Literatur. In postkolonialer Literatur hingegen wird eher selten die Innensicht weißer Farmerinnen und Farmer beleuchtet. Und Tina Barsbys (1994) Analyse von Schreiners Text gilt sicherlich auch für den von Vera und, abgesehen davon, daß es ein klassisch realistischer Text ist, in Teilen für Lessings The Grass is Singing . The Story of an African Farm "[is a] mixture of genres, 'formless' plot, and 'deficiences' of character all indicative [Seite 118↓]of a world neither consistent nor stable and inhabited either by alien invaders or an indigenous people dispossessed of both land and culture."200 Gemeinsam ist den drei Texten, daß Frauen eine zentrale Rolle spielen.201 Zumindest für die koloniale Literatur ist dies, so Anthony Chennells, eine eher ungewöhnliche Perspektive. "If conventionally the white woman is presented only on the peripheries of the imperial romance, she is necessarily silent within the narrative. The woman writer, however, through the act of authorship refuses both her silencing and her peripheral presence. She has to negotiate the right to speak at all."202 Die Frage nach dem Ort der Frau in einer kolonialen Gesellschaft ist bei Vera stets präsent.

Auffällig ist, daß Vera einzelne Bilder bei Lessing und Schreiner herausgreift. Betrachtet man beispielsweise die Szene, in der eine Biene den Bougainvillaea Busch bestäubt, so erhält sie mit Olive Schreiners The Story of an African Farm eine eindeutige Interpretation. "'The bees are very attentive to the flowers till their honey is done, and then they fly over them. I don't know if the flowers feel grateful to the bees; they are great fools if they do.'"203 Das Bild mit den Bienen und den Blumen hat aufgrund der aufgeworfenen Frage nach Fruchtbarkeit eine eindeutig sexuelle Konotation. Interessant ist diese Textstelle vor allem, da hier Sexualität jenseits von Fortpflanzung im Mittelpunkt steht. Da sich bei Vera die Begegung zwischen den Eheleuten mit Noras Betrachtung des Bougainvillaea Busches bzw. der ihn bestäubenden Bienen mischt und darüber hinaus die Wortwahl bei Vera und Schreiner fast gleich ist, liegt ein Vergleich nahe. Bei Schreiner sind es die Blumen, bei Vera ist es Nora. "She was grateful for her escape, and her firm knowledge that he would not follow her." (WYC 18) Mit Schreiner ist Nora jedoch ein Narr, wenn sie dankbar ist, daß ihr Mann ihr nicht folgt. Charles hat kein Interesse mehr an Nora, da sie seiner Idee von ihr als Verkörperung des Landes nicht mehr entspricht. Charles läßt sie fallen, da Nora ihm nicht von [Seite 119↓] Nutzen ist. Wenn Nora dankbar dafür ist, hat sie das tragische und gewalttätige Ausmaß einer solchen Behandlung nicht erkannt.

Interessant ist auch Noras Gleichgültigkeit gegenüber den potentiellen Blicken afrikanischer Männer auf ihren Körper. Sie versteht die Besorgnis ihres Mannes nicht und glaubt, an ihrem Körper sei etwas falsch, so daß ein Schwarzer den Anblick nicht ertragen könnte. Dabei geht es Charles sicherlich um die strikte körperliche Trennung von Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe. In seiner Äußerung steht das Thema Race im Vordergrund. Dies jedoch entgeht Nora - es interessiert sie entweder nicht oder es steht nicht im Mittelpunkt ihres Denkens. Damit weist sie deutliche Parallelen zu Doris Lessings Mary aus The Grass is Singing auf. Ebenso wie Nora lebt Mary kinderlos und einsam allein mit ihrem Ehemann auf einer Farm. Wie Nora hat auch Mary einen Angestellten, der für sie eine der wenigen Kontaktpersonen ist.204 Das Verhältnis der beiden wird schließlich äußerst intim. Moses hilft Mary beim An- und Auskleiden. Dabei posiert Mary regelrecht vor Moses.

[Mary] was in a garish pink petticoat, and her bony yellow shoulders stuck sharply out of it. Beside her stood Moses [...] [.] [S]he stood up and held out her arms while the native slipped her dress over them from behind. When she sat down again she shook out her hair from her neck with both hands, with the gesture of a beautiful woman adoring her beauty. Moses was buttoning up the dress; she was looking in the mirror. The attitude of the native was of an indulgent uxoriousness. When he had finished the buttoning, he stood back, and watched the woman brushing her hair.205

Auch Moses' Verhalten erinnert sehr an das von James. Er ist zwar, wie die Erzählerin sagt, nachsichtig und übertrieben unterwürfig, doch er scheut sich nicht davor, sie genau zu betrachten. Wie James benimmt er sich vordergründig konform dem Verhaltenskodex einer kolonialen Gesellschaft, nimmt sich jedoch, vermeintlich unbeobachtet, heraus, seine Vorgesetzte eingehend zu betrachten. Ein Gebaren, das sicherlich nicht den Normen [Seite 120↓] entspricht. Dies erinnert an James, auch er nimmt, wie sich zeigen wird, stets eine andere als die ihm zugewiesene Position ein.

Moses scheint in dieser Szene jedoch einen Blick zu erwidern, den Mary auf seinen teilweise entblößten Körper geworfen hatte. Bei einem Rundgang über den Hof beobachtete sie ihn beim Waschen.

As she looked, he turned, by some chance, or because he sensed her presence, and saw her. She had forgotten it was his time to wash. / A white person may look at a native, who is no better than a dog. Therefore she was annoyed when he stopped and stood upright, waiting for her to go, his body expressing his resentment of her presence there. She was furious that perhaps he believed she was there on purpose[.] (GS 176)

Eine Szene, die, wie Myrtle Hopper (1996) zeigt, deutlich an eine ähnliche Szene bei D.H. Lawrence erinnert, in der Lady Chatterly ihren Gärtner beim Waschen betrachtet. "[I]t would be hard to read as coincidental the allusion to Lawrence's Lady Chatterly's Lover in the seminal scene in which Mary watches Moses washing."206 Spätestens dieser Vergleich macht die sexuelle Konnotation offensichtlich. Anhand der Textstelle wird deutlich, daß ein weißer (weiblicher) Blick auf einen schwarzen (männlichen) Körper keineswegs selbstverständlich ist. Moses ist hier nicht im Sinne eines Hunds konstruiert. Er ist kein Neutrum. Für Mary ist diese Begegnung heilend. Sie fühlt sich das erste mal seit langer Zeit nicht mehr apathisch. "She did not look at him again, but knew he was standing there, a dark shape, quite motionless, seen out of the corner of her eyes. She went back to the house, for the first time in many months jerked clean out of her apathy". (GS 177) Die Begegnung mit dem vermeintlich anderen bringt Mary Klarheit. Dies gehört zu den Motiven, die sie schließlich die Nähe zu ihrem Angestellten suchen läßt. Dabei war der körperliche Kontakt zu Afrikanern für sie die längste Zeit ihres Lebens undenkbar. Als Moses sie das erste mal anfaßt, ist Mary geradezu erschüttert, zumal er sie ins Bett bringen will. Als Subtext läuft hier sicherlich die Angst vor einer Vergewaltigung mit. "It was like a nightmare where one is powerless against horror: the touch of this black man's hand on her shoulder filled her with nausea; she had never, not once in her whole life, touched the flesh of a native." (GS 186) Doch die Vergewaltigung bleibt aus. Mary fühlt sich väterlich geborgen. "And through her torment she could hear his voice, firm and kind, like a father commanding her." (GS 187)


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Mary ist sich durchaus bewußt, daß sie mit ihrem Verhalten Grenzen durchbricht. So schickt sie Moses mit der Begründung weg, ihr Ehemann würde bald wiederkommen. "'You had better go now. It is time for the boss to come.'" (GS 230) Sie weiß, Dick sollte die beiden nicht so zusammen sehen. Ebenso erschrickt Mary, als sie bemerkt, daß man sie beobachtet hatte. Tony, ein weißer Mann, steht im anderen Zimmer. "When she saw him, she stopped dead, and stared at him with fear. Then her face, from being tormented, became slowly blank and indifferent." (GS 231) Doch sie fängt sich wieder und hat eine zwar naive aber trotzdem plausible Antwort parat. "'Does that native always dress and undress you?' he asked. / Mary lifted her head sharply, and her eyes became cunning. 'He has so little to do,' she said, tossing her head. 'He must earn his money.'" (GS 321) Mary versucht ein sexuelles Verhältnis zu vertuschen, das in einer kolonialen Gesellschaft undenkbar ist: Eine weiße Frau mit einem Schwarzen Geliebten.207 Für Anthony Chennells hat sie einen Weg gefunden, der sie aus ihrem Dilemma herausführt. "Mary slowly regresses into childhood in order to absolve herself from confronting the desire which the colony knows as the greatest betrayal of herself which a white woman can recognize. Moses responds to this by taking on himself a range of familial tasks. He dresses and undresses her displacing her mother in that task."208 Doch das Ende ist, so Chennells weiter, unausweichlich. "Whatever the relationship is between Mary and Moses because Mary cannot confidently transgress her construction as colonial woman, their relationship can end only with Mary's murder and Moses execution."209 Sie haben Grenzen überschritten, die in einer kolonialen Gesellschaft nicht zu überschreiten sind.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund Yvonne Veras Nora, so stellt sich die Frage, welches Schicksal sie wohl schließlich erwarten wird. Der Text gibt darüber keine Auskunft. Liest man Crossing Boundaries jedoch mit Doris Lessing, dann scheint ein tragisches, ja gewalttätiges Ende geradezu notwendig. Denn folgt man Anthony Chennells, so verweist Marys Ermordung darauf, daß kolonialem Denken allein mit Gewalt Einhalt geboten [Seite 122↓] werden kann. "[T]he murder suggests that only through violence will the colonial mind-set be smashed and the settler mind be made receptive to other readings of Africa than a savage space peopled by savages which require white control."210 Veras Erzählerin berichtet nicht über das weitere Schicksal der Figuren. Ob und wie sie das Ende der Kolonialzeit erleben, bleibt offen. Doch die intertextuellen Bezüge zwischen The Grass is Singing und Crossing Boundaries legen nahe, daß hier im Grunde die gleiche Geschichte erzählt werden soll: Der Untergang einer Siedlergesellschaft, weitab von kriegerischer Auseinandersetzung. Lessing dekonsturiert das Bild südrhodesischer KolonialistInnen indem sie, so Phillip Dine (1989), die sexuelle Beziehung zwischen Kolonialistin und Kolonisiertem in den Vordergrund rückt und dabei mit einem Mythos aufräumt.

The specific "world-picture" which Lessing sets out to unsettle [...] is the myth-bound vision of reality of the Southern Rhodesian colonialist; the colony's taboo on interracial sexuality is the weak point in the psychic and ideological edifice of colonialism which she subjects to systematic attack.211

Vera ihrerseits greift dieses Thema auf und überträgt die Frage der Grenzüberschreitung über den Körper hinaus auch auf andere Bereiche. Dabei wird deutlich, daß die unterschiedlichen Grenzüberschreitungen in direkter Verbindung zueinander stehen.

Lessings Mary und Veras Nora ähneln sich in vielerlei Hinsicht. Wie Mary ist auch Nora eine Einzelgängerin, die weder Freunde hat, noch engen Kontakt zu den Menschen in ihrer Umgebung eingehen kann. Sie bezieht sich nur auf sich und lebt in einer eigenen Welt, die sich mit der Welt ihrer Angestellten und sicherlich der Mehrheit der Bevölkerung kaum überschneidet. Bemerkenswert ist allerdings, daß sie keine anderen Siedler kennt. Noras Einsamkeit erklärt sich vor allem durch die mütterlichen Erziehungsmethoden, die sie schon als Kind von der Außenwelt abschirmten. Daher ist es bemerkenswert, daß ausgerechnet sie die politische Situation klar erkennt. Von ihrer Mutter ganz im englischen Sinn erzogen, diente sie dieser in erster Linie als Heimat und Projektionsfläche unerfüllter Wünsche.

Mrs. Jones made a little England out of Nora, led by her own sense of self-preservation. Through her daughter, she explored the frustrated desires of her [Seite 123↓]exiled ambitions. She made sure her daughter learnt ballet, listened to classical music, and read poetry. Nora's first poem, which was about the Queen, was praised by her mother. When she could play the piano, Nora was considered by her mother to be an accomplished lady. (WYC 11)

Nora als Zufluchtsstätte vor (afrikanischer und kolonialer) Realität und als Ort von Verwirklichung mütterlicher Träume. Ein Leben außerhalb dieser Grenzen findet für Nora nicht statt. Sie ist weder mit den indigenen Sprachen des Landes vertraut, noch kann sie sich die afrikanischen Namen ihrer Angestellten merken.212 Ihre Welt ist die Welt der Malerei. "Nora's greatest love was to paint, and she could gaze at a beautiful painting for hours, discovering worlds within it that existed only outside her lived experience." (WYC 11) Von der Leinwand her, insbesondere von den Bildern Turners213 , gewinnt sie Sicherheit über ihre Welt und ihr Dasein: "Nora extracted from the canvas her safety net, an ordering of her world, and flickers of her being." (WYC 12) Kaum jemand hat Zugang zu dieser Wirklichkeit, die ihr wichtigster Halt ist. Dennoch erfaßt in der Konsequenz nicht Charles, sondern Nora die bevorstehenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in Rhodesien. Dies ist erstaunlich, da er, anders als seine Frau, aus beruflichen Gründen viel Außenkontakt hat. Doch er wehrt alles ab, was ihn als Siedler in Frage stellen würde. Nora hingegen ist sich ihrer Position als Weiße in Afrika keineswegs (mehr) sicher und zeigt damit, daß sie das Unrecht von Kolonialismus zu erfassen beginnt.

Noras Weitsicht erklärt sich vor allem anhand der Funktion, die sie für ihre Mutter erfüllen mußte. Verortet in ein fremdes, der Mutter zutiefst unheimliches Territorium machte sie aus Nora ihre Heimat. Nora verkörpert also wie keine andere Figur das Land. Und zwar verkörpert sie nicht England oder das Zimbabwe der Afrikaner, dazu ist sie von beiden Nationen in jeder Hinsicht zu weit entfernt. Vielmehr steht sie für die Kolonie Rhodesien und realisiert daher als erste, wenn diese bedroht wird. Wie Nora war auch Rhodesien außerhalb der klaren Regeln des Imperialismus schon immer bedroht. Noras Haus, mit den ihr bekannten Grenzen, ist für sie der einzig [Seite 124↓] sichere Ort. Hier funktioniert ihre Sicht auf Welt, denn einen anderen Blickwinkel als den einer Kolonialistin kann sie nicht einnehmen. Dies wird insbesondere anhand des Verhältnisses zu ihren Angestellten deutlich. Sie begreift diese Leute lediglich in Bezug auf sich selbst und nimmt nicht an, sie hätten eine eigene Existenz. Gleichwohl ängstigt Nora allein der Gedanke an die anderen Farmbewohner. Jede Begegnung, vor allem wenn sie außerhalb ihres Territoriums (ihres Hauses) stattfindet, wird zu einem Alptraum. Und gerade diese in ihrer Unsicherheit begründeten Furcht macht sie weitsichtig.

Nora thought with terror of her life here, and was filled with ruthless distrust for the natives who roamed the farm. Why had James come to see her last evening? He would come back about it, she was sure of that. / There was much talk out there on the periphery of the land. The fires were observed to be burning in the huts till late into the night. What were they saying about the owners of the land? She knew they wanted the land back. (WYC 12)

Wie Nora zu diesen Informationen kommt, bleibt im Dunkeln. Einzige Erklärung liefert ihr fundamentales, zuweilen fast an Verfolgungswahn grenzendes Mißtrauen. In jedem Fall aber liegt sie mit ihren Annahmen richtig. In gewisser Hinsicht gilt also das, was Chennells über Doris Lessings Mary sagt, auch für Nora. "Lessing with characteristic intelligence asks that colonial women's dreams take into account the great wrong that has been done to Africa and the fact that Africa is capable of once again taking control of its destiny."214

Noras Einstellung den Afrikanern gegenüber stattet sie mit politischem Instikt aus, der ihr Leben retten könnte. Charles hingegen, der mit seinem Verhältnis zum Land den Prototyp eines Siedlers abgibt, ist diese Einsicht versagt. Er verachtet seine Angestellten, und da er wie seine Frau keinen anderen Blick einnehmen kann als den eines Kolonialisten, ist er nicht in der Lage, die Afrikaner ernst zu nehmen. Nora hingegen mißtraut ihnen, eine Geisteshaltung, die voraussetzt, daß man seinem Gegenüber durchaus eigenständiges Handeln zutraut. Nora "thought of the squatters, whom she distrustet". (WYC 18) Doch Noras Verhalten bei einer Begegnung auf dem Land der Squatters ist mehr als nur Mißtrauen. Sie interpretiert jegliches Verhalten der Arbeiterinnen als gegen sich gerichtet. Nora fühlt sich verfolgt. Und genau dies läßt sie die Situation richtig einschätzen.


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She was sure James' wife disliked her from the way she had behaved that time when she had gone to look for James [...]. [...] She had stood at the edge of the clearing, and both women had ignored her, as though she was not even present. Why did they not stand up and abandon their task when they heard her dog bark? [...] Nora did not like the manner in which the woman said Madam, so much distaste wrapped around it. (WYC 18)

An absoluten, sogar auf ihren Hund übertragenen Gehorsam gewöhnt verunsichern Nora die beiden Frauen. Niemand kommt auf sie zu und nimmt ihre Anweisungen entgegen. Im Gegenteil. MaMoyo entzieht sich Noras Machtradius und geht ins Haus. Auf diese Weise ist Nora gezwungen, ihr zu folgen. Mit diesem als trotzig bezeichneten Schritt erhält die Begegnung eine neue Qualität. "Nora had followed, defiantly." (WYC 19) Sie vollzieht eine ihren Erwartungen entgegengesetzte Bewegung. Um sich Gehör zu verschaffen, muß Nora auf ihre Angestellte zugehen, nicht umgekehrt. In diesem Kontext wirkt ihr Befehlston fast grotesk. "She had asked, aggressively", und "[s]he commanded." (WYC 19) Doch ihre Anweisungen verhallen im Nichts. Kaum ausgesprochen werden sie hinfällig, da James, den Nora zunächst vergeblich suchte, ins Haus tritt. Erst aufgrund seines Erscheinens wird die aufgeladene Situation entzerrt und beendet. "James had walked into the tension-filled room, then he walked away almost immediately with Madam, with the dog leading the way home." (WYC 19) Durch James' Auftritt fügt sich hier das Bild der Kolonialistin mit Hund und Untergebenem wieder in ein Ganzes.

Noras Hilflosigkeit, ihre Angst und vor allem ihr Mißtrauen begründen sich im Text mit ihrer von den Afrikanern abgeschirmten Erziehung. Allein schon indigene afrikanische Sprachen erwecken Noras Argwohn. Die Erzählerin verweist noch auf einen weiteren Aspekt. Eine der wichtigsten Funktionen des Mißtrauens sieht sie in der positiven Abgrenzung gegenüber anderen. "Nora did not know what the Africans talked about around their fires. Her mother had kept the Africans away from her, protected her from their superstitions and their unrefined language. Nora's distrust of the Africans was also a superstition that helped her maintain her sense of difference, and of privilege." (WYC 14). Doch diese von der Erzählerin als Aberglaube eingestufte Abgrenzung funktioniert nicht. Nora fühlt sich MaMoyo unterlegen und spricht ihr fast übermenschliche Fähigkeiten zu. "[S]he felt there were no secrets that she could keep from this woman, who looked at her without any fear." (WYC 19) Auf diese Weise werden die afrikanischen Farmbewohner für Nora selbst in Abwesenheit zu einer Gefahr.


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Even as she stood looking at her cornfields, she felt the presence of that other life on the edge of the plantation and saw dark smoke rise into the air from the huts, which were hidden from view. Afraid to allow her thoughts to dwell in the life intimated by the smoke, she stepped back uneasily into the house, and slid the door shut firmly behind her. (WYC 11)

Nora schreibt ihren Angestellten weitreichenden Einfluß zu. Dabei handelt es sich um Macht, die außerhalb von Noras Kontrolle liegt und nicht zu verorten ist. Schon der aufsteigende Rauch aus den Häusern bedroht Noras Existenz.

Nora definiert sich zwar in Abgrenzung zu den Afrikanern, doch diese Abgrenzung bewirkt kein positives Selbstbild. Denn ihre Angst vor den im Gegensatz zu ihr rechtlosen Menschen verunsichert sie zutiefst. Die bloße Existenz eines anderen Lebens stellt Noras Dasein auf der Farm in Frage. Anders als Charles erfaßt sie das Unrecht, das ihr alltäglich vor Augen ist. Für Nora ist der einzig sichere Ort ihr Haus. Im Freien kann sie noch nicht einmal mehr denken. Befindet sich Nora gar auf dem Territorium ihrer Angestellten, muß sie sich immer wieder ihrer Position rückversichern. Doch eine klare Linie findet Nora nicht. Am deutlichsten wird dies, als sie MaMoyo in deren Haus folgt.

Nora stood in the dark hut, hating it [...]. [...] She hated it and felt that she had trespassed. But this was her land, and these people were merely squatters, and she could send them away whenever it suited her. With this justification Nora stood her ground in the grass-thatched hut[.] (WYC 19)

Sie schwankt zwischen Herrschaftsgebaren und Ängstlichkeit. Auf der einen Seite beanstandet sie MaMoyos Verhalten, auf der anderen Seite zweifelt Nora an ihrem eigenen Vorgehen. Als sie ins Haus tritt, glaubt sie eine Grenze zu überschreiten. Welche Art der Grenze sie passiert zu haben fühlt, wird nicht explizit benannt, doch sie muß zwischen dem Außen und dem Innen des Hauses liegen. Auffällig ist außerdem, daß Nora zwar eine Grenze wahrnehmen kann, aber nicht adäquat handelt. Anstatt das Haus wieder zu verlassen, richtet sie das Wort an MaMoyo. Nora findet keinen Weg, mit ihren Angestellten umzugehen. Dabei sollte sie, als eine in Rhodesien aufgewachsene Siedlerin, im Umgang mit Personal sehr geübt sein. Doch ähnlich wie sie sich schon nicht in den Nächten zu bewegen weiß, weiß sie auch nun nicht, was sie tun soll. Sie weiß lediglich, daß sie eine Grenze überschritten hat. Und dies lähmt sie. Außerhalb ihres Hauses kann sie sich nicht bewegen.


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Die Sicherheit ihrer eigenen vier Wände kann dennoch jeder Zeit in Frage gestellt oder gar zerstört werden. Als James zu ihr kommt und um ein Stück Land bittet, versucht Nora die Form zu wahren. Dazu klammert sie sich an ein Zitat zum Umgang mit sogenannten Squatters. "She must decide promptly what must be done, and he should not sense her hesitation, he must not read her anxiety which she felt overwhelm her. The settler had to maintain some superficial friendship with the squatters, to ensure their own safety." (WYC 20) Nora weiß auch hier nicht, wie sie reagieren soll. Dabei macht es James den weißen Bewohnern des Landes im allgemeinen eher einfach. "[T]he other farmers called him a 'good black'." (WC13) Doch der politische Umbruch hat entscheidenden Einfluß auf Noras und James' Umgang miteinander. Schon in der Eingangsszene des Textes wird dies zum zentralen Thema. Beide wissen um die sich anbahnenden Veränderungen und sind im gleichen Maße verunsichert und hilflos. Dieser Eindruck entsteht aufgrund des Stilmittels der erlebten Rede, so das nicht mehr eindeutig zwischen Kolonialistin und Kolonisiertem zu differenzieren ist. Es entwickelt sich hier ein Diskurs um die sich neu ordnende Rollenverteilung im Übergang von kolonialer und postkolonialer Zeit.

James spoke as if opening a wound, cautiously and painfully. The moment had gathered, and if he let it pass, it could not be recovered easily. But there was again the prolonged compelling silence in which they were both suspended and lost. They were in an uncomfortable rhythm of their annoyance, and of their distressing circumstances. They were separated by an irresolvable territorial struggle which was articulated in the gaps and silences netted in half-formed gestures, in half-focused glances. They each heared the future thunder messages in the air around them, and the sky opened like a calabash, pouring cleansing water through the lattices of their fear. A whip cracked above, wrapping painfully around their exiled souls. What had he spoken? What? (WYC 1)

Die Figuren befinden sich in einer Position in der sie beide leiden. Dies ist besonders erstaundlich, denn im damaligen Rhodesien war Nora als Kolonialistin mit enormer Macht ausgestattet.215 Doch für sie scheint dies [Seite 128↓] nicht oder nicht mehr zu gelten. Vielmehr macht es den Eindruck, als ob die Situation - in ihrer Konstellation als Begegnung zwischen Kolonialistin und Kolonisiertem - selbst Gewalt darstellt, denn weder Nora noch James sind Agenten dieser Gewalt. Nora ist keine mächtige und gewalttätige Kolonialistin und James kein mächtiger oder gewalttätiger Vertreter von Dekolonisation. Beide bewegen sich eher passiv in einem ambivalenten und letztlich gefährlichen Raum.

Dieser Raum erweist sich als ein sehr vielschichtiger Ort. Er läßt Nora und James schweigend, in einem aussichtslosen Kampf um den Raum selbst, Botschaften der Zukunft vernehmen. Dabei bietet er gleichzeitig die Möglichkeit, ihre Angst zu heilen, tut ihren Seelen aber auch Gewalt an. Aufgrund seiner Vielfalt scheint das Konzept dieses Ortes mehrmals gebrochen. Besonders auffällig ist, daß sowohl Heilung als auch Strafe von oben kommen, also einer übergeordneten Größe entspringen und nicht direkt von Nora oder James ausgehen. Wie in Doris Lessings The Grass is Singing ist die Begegnung zwischen Schwarzem und Weißer verwirrend, wirkt aber anders als bei Lessing für die weiße Frau nicht heilend. Die Figuren stehen in Bezug auf Heilung und Strafe in keiner direkten Verbindung. Als James zu sprechen beginnt, öffnet er eine Wunde. Wessen Wunde er öffnet, bleibt unklar. Unklar ist letztlich auch, ob seine Worte überaupt die Adressatin erreichen. Eine der verläßlichen Größen dieser Szene ist hingegen die Angst der Figuren. Durch den wiederholten Verweis erscheint die Angst als das vorherrschende und alles bestimmende Gefühl. "The man spoke softly to the woman, whom he feared, and who was responsible for his fear." (WYC 1) Dabei sind die beiden sehr vertraut miteinander. Verständigung findet zum Teil lediglich in Gesten statt. Aus diesem Grund steht neben der Angst auch das Schweigen in ihrer Kommunikation stets im Mittelpunkt. Dabei entgleitet den Figuren im anhaltenden Schweigen die Orientierung. Sie hängen verloren im Raum. Als James vergeblich versucht, mit Nora ein Gespräch anzuknüpfen, zeigt sich, wie Angst und Schweigen in unmittelbarer Abhängigkeit voneinander funktionieren. "She did not encourage him to speak, and so the silence once again engulfed them, and they were uncomfortable through its message. Within that lingering space the woman was on guard. They were on guard against themselves whom they feared." (WYC 2) Auch hier löst sich die Differenzierung zwischen Kolonialistin und Kolonisiertem auf. Die Machtunterschiede der beiden verwischen sich in ihrer Angst. Nora findet Schutz in einer vertrauten Tätigkeit. Sie spielt Klavier in der Gewißheit, James damit auszuschließen. Mehr noch, entscheidender [Seite 129↓] Moment ihres Sicherheitsempfindens ist ihre feste Überzeugung, er könne sie auf diesem Gebiet nicht beurteilen. "The situation called for something classical that would contain her and exclude him, the native. She laboured at it, but it was difficult to accomplish. But she maintained her composure, assured that he could never judge her in these matters." (WYC 3) Nora sucht Zuflucht in einer Kultur, die sie als ihre eigene versteht.

Während der gesamten Szene herrscht, bis auf die von Nora überhörte und von James nicht vollendete Frage, Schweigen. Verständigung funktioniert in erster Linie nonverbal. "[S]he sat with her straightened back challenging him, willing him to depart from the room." (WYC 3) James seinerseits weiß Noras Körperhaltung zu interpretieren. "[H]e was suffocated by the knowledge that she wanted him to move out of her company." (WYC 3) Die Kommunikation ist zumindest in dieser Hinsicht erfolgreich. Er verläßt schließlich den Raum. Nora konnte sich durchsetzen. James ist es nicht gelungen, sein Anliegen vorzutragen. Für dieses Scheitern bietet der Text mehrere Begründungen, und auch hier ergeben sich auffällige Parallelen zwischen den beiden. Neben dem sie umgebenden Schweigen und der ständig präsenten Angst hat Licht und Dunkelheit immer wieder entscheidenden Einfluß auf ihr Verhalten. Während Nora die Dunkelheit schlicht fürchtet, wirkt sie auf James beinahe lähmend. Ähnlich ihr Umgang mit Licht. Keinem von beiden gelingt es, Licht richtig einzusetzen. Als Nora ihre Angst mit Helligkeit verscheucht, füllt sich ihr Haus mit Insekten. Auch James scheitert bei dem Versuch, mit Hilfe der Beleuchtung seine Sprachlosigkeit abzuschütteln. Das eher reflexhaft eingeschaltete Licht läßt ihn endgültig verstummen. Dabei waren Nora und James im Wechselspiel von Licht und Dunkelheit zu ebenbürtigen Personen geworden.

For a brief moment, after he had closed the curtains, they were enveloped in the darkness together. The light left them both, equally. / "Should I have made my proposal then?" James thought, after he had pulled the curtains. He was afraid that she would find it easy, in the unaccusing darkness, to deal with her conscience. Their situation on this land bothered her too. However, the darkness put an oppressing hand around his mouth, and he reached for the light switch. The flood of light dissolved his courage and stole his well-prepared phrases. (WYC 2)

Da die Erzählerin eindeutig aus James Perspektive spricht, offenbart sich hier, wie gut er über Noras Innenleben informiert ist. An keiner Stelle der Erzählung wird jedoch explizit benannt, welche Position Nora gegenüber ihren Angestellten einnimmt. Es scheint fast, als ob sie lieber alleine auf der [Seite 130↓] Farm leben würde. "Nora and her husband did not agree about keeping squatters on the land". (WYC 9) Die Vertrautheit zwischen Nora und James ist angesichts ihrer unterschiedlichen Herkunft und der darauf aufbauenden Art der Beziehung zwar verblüffend, doch im Kontext der Erzählung logisch.

Die beiden kennen sich. Als James erneut zu ihr kommt, weiß Nora, daß dies sein zweiter Versuch ist, ein Stück Land zu erbitten. "'I had to hear him out, Charles. I told you he was here yesterday."' (WYC 21) Doch Nora irrt, wenn sie glaubt, James könne ihr Musizieren nicht beurteilen. "Her music sounded unnatural to him, and he did not like the way she studied it strenuously from her book." (WYC 3) Zielgenau beobachtet er ihre Schwierigkeiten beim Spielen des Stücks. Er kann seine Vorgesetzte einschätzen und hat eine klare Meinung über sie bzw. ihren Ehemann. Von dieser Position aus handelt er. Der Inhalt und die Grenzen seiner Rolle sind ihm deutlich. "James had respect for Nora and Charles, the kind of respect that they demanded. It was always automatic to respect a white person. The couple represented for him the microcosm of the white man's struggle to feel at home on foreign soil." (WYC 13) Von diesem distanzierten Standpunkt aus interpretiert James das Verhalten der beiden. Dabei erweist er sich als ein sehr genauer Beobachter. Deutlich wird hier, daß James die Siedler als Fremde versteht, deren vergebliche Versuche, sich eine Heimat in Afrika zu schaffen eher lächerlich anmuten. Auf ihn wirkt Nora sogar in einem Schaukelstuhl deplaziert, denn entgegen der Eigenschaft dieser Sitzgelegenheit sehnt sie sich nach Gleichgewicht.

He saw Madam labour to absorb the landscape as she sat on her rocking chair, seeking equilibrium. Sometimes she got her paint, her brushes and her easel to assist her. She stared intensely at the sky and the trees to absorb them, her gaze enkindling a partnership with nature, imploring. Except when she walked with her dog, she withdrew from the land, as though to compensate for some trespass she had already inflicted on it. (WYC 13)

So wie Nora die Situation der sog. Squatters erfaßt, erfaßt auch James die Lage der beiden Siedler. Insbesondere für Nora ist er sensibel. Doch Noras Anwesenheit auf dem Land und darüber hinaus ihr Gebaren empfindet er als höchst befremdlich. James versteht Nora als Fremde, denn für ihn ist die Abstammung identiätsstiftend. Obwohl Nora und Charles im damaligen Rhodesien geboren wurden, sind sie für ihn Eindringlinge, die das Land widerrechtlich betreten haben. Aus Noras Erscheinungsbild während ihrer Ausgänge mit dem Hund schließt er, sie sei sich dieser immer präsenten Überschreitung durchaus bewußt. Nora passt nicht zur Landschaft. Diesen [Seite 131↓] Moment von Entfremdung deutet er als Kompensation für die dem Land zugefügte Mißachtung seiner Grenzen.

Noras Spaziergänge sind eine der wenigen Tätigkeiten, von denen der Leser erfährt. Vor ihrer Hochzeit hat sie für ihren Vater gearbeitet. Ob sie nach der Eheschließung einen Beruf ausgeübt hat, ist zwar unklar, doch eher unwahrscheinlich. Nora lebt in einer Welt, die sie sich in erster Linie aus Lesen, Musizieren und Malen zusammensetzt. Für James spiegelt vor allem die Malerei ihr Bemühen wieder, eine Verbindung mit dem Land herzustellen. Auf diese Weise greift Crossing Boundaries ein Thema auf, von dem, wie J.M. Coetzee zeigt, Teile der weißen südafrikanischen Kunst und Literatur lange Zeit bestimmt waren.

[The] landscape remains alien, impenetrable, until a language is found in which to win it, speak it, represent it. It is no oversimplification to say that landscape art and landscape writing in South Africa from the beginning of the nineteenth century to the middle of the twentieth revolve around the question of finding a language to fit for Africa, a language that will be authentically African.216

In diesem Sinne unternimmt Nora also den Versuch sich zu verorten. Ein Versuch, der, wie James richtig erkannt hat, eher vergeblich ist. "In her paintings of Africa, Nora captured the flowers and trees and birds, but she was not able to paint the black faces. So she cast them in roles that she selected for them, and there was no need to see their faces." (WYC 20) Auf der Leinwand und damit im Rückschuß auch in ihrem Kopf existiert ein Bild von Afrika, auf dem seine Bewohner lediglich in den von Nora zugewiesenen Rollen vorkommen. Eine Zuweisung, die die Menschen gesichtslos macht, ihnen damit jegliche Individualität und letztlich Humanität abspricht.

Im Grunde ist jedoch vor allem Noras Unvermögen die Gesichter zu malen ein Zeichen dafür, daß sie keine Sprache gefunden hat, in der sie ihre Umgebung hätte beschreiben können.217 Unterstrichen wird dies, da Nora ihre [Seite 132↓] Bilder nie aufhängt. "[She] never hung her pictures on the wall." (WYC 20) Da sie ihre Sicht auf Afrika nicht öffentlich macht, scheint sie sich ihrer Darstellungsweise keineswegs sicher. Auch hier wiederum wird Noras zwar nicht artikulierte, aber trotzdem unterschwellig selbstkritische Haltung angedeutet. Gleichwohl gelingt es ihr nicht, die eigene Position grundlegend zu hinterfragen, von ihrem Verhaltensmuster abzuweichen oder gar aus ihrer Rolle herauszutreten. Während also Nora aufgrund ihrer Selbstzweifel immer schon ein (sich selbst) überschreitendes Moment immanent ist und sie auch vor den Grenzen anderer nicht halt macht, hat sie lediglich die Fähigkeit, sich auf einem genau abgesteckten Feld zu bewegen. Und wenn jeder, der sich der Farm nähert, vor dem Überschreiten von Grenzen gewarnt wird, bleibt letztlich unklar, auf welchen Ort sich die Hinweise beziehen und vor welcher Gefahr sie warnen. "Along the borders of the land were signs hung on posts that warned against trespassing." (WYC 9) Die Farm ist ein Ort, an dem Grenzüberschreitungen nicht ungestraft stattfinden können. Nora scheitert schließlich an sich selbst, da sie sich ihrer Position als Kolonialistin nie wirklich sicher ist, aber nicht das Vermögen hat, eine andere, klar abgegrenzte Rolle anzunehmen.

Anders als Nora gelingt es James, die Begrenzung seiner Rolle zu überwinden. Seine klare Position als Squatter verläßt er, als er zum zweiten Mal das Gespräch mit seiner Vorgesetzten über ein zusätzliches Stück Land sucht. Schon der Eintritt ins Haus, eigentlich eine alltägliche Bewegung, bekommt nun eine andere Dimension. "When James went into Madam's house, he too felt he had trespassed, and that made him angry." (WYC 13) Sowohl James als auch Nora sind sich der Brisanz des Dialogs bewußt. Nora hatte mit seiner Frage sogar gerechnet. James wartet auf einen günstigen Augenblick, um das Gespräch zu beginnen. Als er diesen Moment abgepaßt hat, läßt er sich durch nichts von seinem Vorhaben abbringen.

It was an uncomfortable moment when their eyes met, and they each knew that this time, whatever the cost, a decision would be made. [...] As his words fell on her ears, she already knew their message, expected it. [...] She suggested many impossible actions, only to challenge him, so that he felt foolish. But he felt defiant still, and did not look at the ground when he spoke to her, which she read as a sign. (WYC 19)


[Seite 133↓]

Entscheidend für den Verlauf des Dialogs ist die Kommunikation auf der nonverbalen Ebene. James bricht aus seinem Verhaltensmuster aus und kontrolliert damit im gleichen Schritt das Gespräch. Noras Versuche, die alte Ordnung wieder herzustellen, scheitern. Schließlich läßt sie sich auf seine Forderungen und damit zugleich auf seine Interpretation der Geschichte ein. Diese Szene wird so zur Zuspitzung kolonialen Machtverlusts. "The bush war, which they were both aware of, made James's request sound like a challenge, a discarding of the restriction observed between those who serve and those whom they serve. She feared an unravelling of history which she could no longer dominate. His request, as she read between his eyes, was like a claim." (WYC 20) Auslösendes Moment ist hier der im Bewußtsein der beiden stets präsente Krieg gegen die Kolonialmacht. Es stellt sich also die Frage, ob die Kommunikation ähnlich verlaufen wäre, wenn Nora die Existenz des Krieges überhaupt negieren würde. Charles, der durch die politischen Ereignisse in seiner Identität als Siedler kaum verunsichert ist, weist James zurecht und schickt ihn ohne eine Antwort weg. "James, don't bother Madam. I shall talk to you later. Go on." (WYC 20) Im Text besteht daher ein Zusammenhang zwischen der Infragestellung eigener Identität und der Abgrenzung zu anderen. Im Gegensatz zu Charles hat Nora im Angesicht des Krieges die Position verloren, von der aus sie James sicher gegenübertreten kann. "She hated him for making her uncomfortable." (WYC 20) Sie begegnet ihrem Angestellten nun auf einer persönlichen Ebene und beginnt damit James, über dessen Funktion als Arbeitskraft hinaus, als Person wahrzunehmen.

In Noras Welt hat James in seiner Zuweisung als Squatter einen festen Platz. Und wie anhand der Szene im Haus von MaMoyo deutlich wird, ist er durchaus bereit, die ihm erteilte Aufgabe zur Zufriedenheit seiner Arbeitgeberin zu erfüllen. Doch zwischen den Accessoires von Noras Welt ist er weniger als eine weitere Dekoration. Es macht fast den Eindruck, als ob Deckchen, Kissen, Queen und Klavier ihn in einen ergebenen Gehorsam zwingen. Damit steht er in der Hierarchie dieses Ortes an unterster Stelle.

He was forced to be obedient by the delicate doilies on the tables, the lace- covered cushions, the Queen smiling behind the door, and the piano jutting from a corner of the room. He felt his incompleteness in Madam's composure, in her swift commands. But he understood that he was incomplete because this was how she chose to deal with him. Nora dealt with James as an abstraction. (WYC 13)


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Wie schon mehrfach deutlich geworden ist, durchschaut James seine Lage. Auch hier analysiert er Noras Verhalten und zieht Rückschlüsse auf seine eigene Position. Doch trotz dieser im gesamten Text einzigartigen Fähigkeit gelingt es ihm nicht, sich im Haus seiner Vorgesetzten aus einer eigenen Perspektive wahrzunehmen. James' Selbstwahrnehmung erfolgt hier durch Noras Blickwinkel. Aufgrund ihrer flüchtigen Befehle fühlt er sich an diesem Ort unvollständig. Er hat zwar durchschaut, daß sein Gefühl aus Noras Verhalten resultiert, doch die angebliche Unvollständigkeit an sich stellt er nicht in Frage. Dabei gelingt ihm, als Nora einen neuen Namen für ihn findet, durchaus der Widerstand und das Festhalten an der eigenen Identität. "She had named him James." (WYC 13) Diese Neubenennung funktioniert zunächst beinahe lückenlos. Selbst seine Familienmitglieder rufen ihn James, obwohl er seine Frau darum gebeten hatte weiterhin seinen alten Namen tragen zu dürfen. "James struggeled with the burden of his newly acquired identity, and beseeched MaMoyo to help him, by addressing him always with his own name. But repetition and proximity exerted greater strength than ambition." (WYC 14) Nebenbei erfährt der Leser, daß James nicht als einziger einen neuen Namen erhalten hat. "MaMoyo, whom they also called Mavis [...]." (WYC 22) Während die Erzählerin MaMoyo ihren Namen bewahrt, ist James' ursprünglicher Name aus dem Text getilgt.

James' neue Identität existiert jedoch nur scheinbar vollständig, denn letztlich scheitert Noras zielgerichtete Zuweisung. Nur für sie hat er einen neuen Namen erhalten, der den Zugang zu ihrer Welt überhaupt erst möglich machte. Im Grunde jedoch wird er, so die Erzählerin, durch die Taufe namenlos, denn er selber hat den Namen James nie angenommen. "Namelessness was what she gained for him by her alienating manner of identification. She had prepared him to be called, and reminded him of a relationship in which he was subserviant. [...] Thus he gained his new identity, and his entrance into her world." (WYC 14) Für Nora erhält James auf diese Weise sicherlich Zugang zu ihrer Welt, doch James verweigert beharrlich den Eintritt. "He held his old name between his lips whenever he encountered his new name, and in this way he expressed a power and authority over his identity." (WYC 13) Eine Identiät, die im Text jedoch niemand mehr wahrnimmt. Da auch der Leser James' eigentlichen Namen nie erfährt, entzieht sich diese Figur jeglichem Zugriff. "His new condition had been accepted, like all the other conditions that had intruded on their lives. But James was never James to himself. This secret calmed him as he worked on the land on which he was registered as a squatter. He would not complete [Seite 135↓]the metamorphosis that Nora had initiated." (WYC 14) Er verfügt als eine der wenigen Figuren über eine selbstbestimmte Identität, obwohl ihm in manchen Situationen diese Identität entgleitet. Bis auf James akzeptieren alle anderen Squatters jede Neuordnung ihrer Lebensumstände. James ist damit als einziger in der Lage, sich vor Übergriffen und einer damit einhergehenden Entfremdung zu schützen. Er wahrt seine Grenzen.

Crossing Boundaries macht deutlich, wie das gesellschaftliche Gefüge einer Kolonie ins Wanken gerät, sobald das Ende der Kolonialzeit in Aussicht gestellt ist. Der 2. Chimurenga, obwohl im Text an keiner Stelle als solcher benannt und obwohl die Farm nicht dirket ins Kriegsgeschehen involviert ist, hat entscheidenden Einfluß auf das Beziehungsgeflecht der unterschiedlichen Farmbewohner. Allein das Wissen um den Bürgerkrieg setzt eine Neuordnung bestehender Machtverhältnisse in Gang. Diese Neuordnung bedeutet, daß sich die Menschen neu positionieren und dazu neue Grenzlinien ziehen müssen. Sowohl die Grenzen der Personen als auch die des Landes stehen dabei zur Disposition. Anhand dieses Prozesses wird die enge Verbindung zwischen Körper und Land deutlich. Wie keine andere steht Nora für die Kolonie Rhodesien. Charles verteidigt ihren Körper gegen den Zugriff seiner Angestellten, wie er auch sein Land verteidigt. Das Überschreiten von Noras Körpergrenzen, und sei es nur durch Blicke, wird für Charles zur territorialen Gefahr. Ebenso wie er den Körper seiner Frau selbstverständlich für sich beansprucht, will er auch das Land mit niemandem teilen. Dieses Verständis eines weißen weiblichen Körpers teilt Charles mit James. James versucht seinerseits über Nora sich des Landes zu bemächtigen. In diesem Text ist das weiße und schwarze männliche Verständnis eines weißen Frauenkörper gleich.


Fußnoten und Endnoten

1 Ranger, Terence: "The Invention of Tradition in Colonial Africa." In: Hobsbawn, Eric, Terence Ranger (Hrsg.): The Invention of Tradition. Cambridge 1993. (Erstausgabe: 1983). S. 211.

2 Ebd. S. 212.

3 Benedict Anderson gibt jedoch zu bedenken, daß auch die Vorstellungen eines kolonialen Staates in dieses Konzept mit eingeflossen sind. Vgl. dazu Anderson, Benedict: "Census, Map, Museum." In: Eley, Geoff, Ronald Gringor Suny (Hrsg.): Becoming National. A Reader. Oxford 1996. S. 243-258. Wegweisend in der Frage Nation ist Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts . Frankfurt, a.M. 1996. (Am. Erstausgabe: 1983).

4 Smith, Anthony: "The Origins of Nation." In: Eley, Geoff, Ronald Gringor Suny (Hrsg.): Becoming National. A Reader. Oxford 1996. S. 124.

5 Mohanram, Radhika: Black Body. Women, Colonialism, and Space. Minneapolis 1999. S. xii.

6 Balibar, Etienne: "The Nation Form: History and Ideology." In: Eley, Geoff, Ronald Gringor Suny (Hrsg.): Becoming National. A Reader. Oxford 1996. S. 133.

7 Shohat, Ella, Robert Stam: Unthinking Eurocentrism. Multiculturalism and the Media. London 1995. (Erstausgabe: 1994). S. 101. Sie zeigen wie Kolonialismus, Imperialismus und Ethnizität das Geschichtenerzählen beeinflussen.

8 McClintock, Anne: "'No Longer in Future Heaven': Nationalism, Gender, and Race." In: Eley, Geoff, Ronald Gringor Suny (Hrsg.): Becoming National. A Reader. Oxford 1996. S. 260-284.

9 Bhabha, Homi: "DissemiNation: time, narrative, and the margins of the modern nation." In: Ders. (Hrsg.): Nation and Narration. London 1990. S. 292.

10 Zu Literatur und Nation vgl. Brennan, Timothy: "The national longing for form." In: Bhabha, Homi (Hrsg.): Nation and Narration. London 1990. S. 44-70; During, Simon: "Literature - Nationalisms other? The case for revision." In: Bhabha, Homi (Hrsg.): Nation and Narration. London 1990. S. 138-153 und Sumaili, Fanuel: "Literature and the Process of Liberation." In: Morrison, Andrew, Emanuel Ngara (Hrsg.): Literature, Language and the Nation. Harare 1989. S. 7-14.

11 Parker, Andrew, et al. (Hrsg.): Nationalisms and Sexualities. New York 1992.S. 5

12 Renan, Ernest: "What is a Nation." In: Bhabha, Homi (Hrsg.): Nation and Narration. London 1990. S. 11.

13 Ebd. S. 19.

14 Eine Figur, um deren Erforschung sich insbesondere Ranger verdient gemacht hat. "Ranger was the first modern historian to look at the country's history from a Zimbabwean as opposed to a Rhodesian point of view. [...] [H]e 'discovered' the Shona and Ndebele rebellions of 1896-97 as the first Zimbabwean movement of national resistance. His interpretaion of the uprising henceforth served as a leading myth and ideology to inspire the struggle for independence." Veit-Wild, Flora: Teachers, Preachers, Non-Believers. A Social History of Zimbabwean Literature. London 1992. S. 108.

15 Der Krieg in Matabeleland, in dem nach der Unabhägigkeit tausende von Ndebele von den Shona ermordet wurden, war und ist weitgehend verschwiegen. Vgl. dazu Alexander, Jocelyn: "Dissident Perspectives on Zimbabwe's Post-Independence War." Africa. 68 , 1998. S. 151-182 und Catholic Commission for Justice and Peace in Zimbabwe and the Leagal Resources Foundation (Hrsg.): Breaking the Silence: Building True Peace: A Report on the Disturbances in Matabeleland and the Midlands, 1980-1988. Harare 1997.

16 Parker, Andrew, et al. (Hrsg.): Nationalisms and Sexualities. New York 1992. S. 1.

17 Zur Frage des Rassismus im Konzept der Nation vgl. Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts . Frankfurt, a.M. 1996. (Am. Erstausgabe: 1983). Insbesondere Kapitel 7.

18 McClintock, Anne: "'No Longer in Future Heaven': Nationalism, Gender, and Race." In: Eley, Geoff, Ronald Gringor Suny (Hrsg.): Becoming National. A Reader. Oxford 1996. S. 260. Zu Gender und Nation vgl. a. McClintock, Anne: Imperial Leather. Race, Gender and Sexuality in the Colonial Contest. New York 1995 und Zantop, Susanne: Colonial Fantasies. Conquest, Family and Nation in Precolonial Germany, 1770-1870. Durham 1997.

19 McClintock, Anne: "'No Longer in Future Heaven': Nationalism, Gender, and Race." In: Eley, Geoff, Ronald Gringor Suny (Hrsg.): Becoming National. A Reader. Oxford 1996. S. 261. Besonders interessant ist, daß sich die deutsche Frauenbewegung im 19. Jahrhunderts trotzdem ganz explizit als nationale Bewegung verstand. Vgl. dazu Eichhorn, Cornelia: "Im Dienste des Gemeinwohls. Frauenbewegung und Nationalstaat." In: Dies., Sabine Grimm (Hrsg.): Gender Killer. Texte zu Feminismus und Politik . Berlin 1995. (Erstausgabe: 1994). S. 77-91.

20 Lewis, Desiree: "Winnie Mandela: The Surveillance and Exess of 'Black Women' as Signifier." SAFERE Sexuality, Identity and Change. 2/1, 1996. S. 8. u. 9.

21 "Als Hauptgrund dafür, daß Frauen nicht zur kämpfenden Truppe gehören, gab das Oberkommando der israelischen Armee an, man wolle von vornherein vermeiden, daß weibliche Soldaten von den Arabern gefangen und vergewaltigt würden". Duerr, Hans Peter: Obszönität und Gewalt. Der Mythos vom Zivilisationsprozeß (III) . Frankfurt a.M. 1993. S. 423.

22 Perko, Gudrun, Alice Pechriggl: Phänomene der Angst. Geschlecht - Geschichte - Gewalt. Wien 1996. S. 164.

23 Von Leichenschändung im Krieg, wie z. B. eine Vergewaltigung, das Abschneiden der Brüste oder die Verstümmelung der Genitalien, wird wiederholt berichtet. Vgl. dazu Duerr, Hans Peter: Obszönität und Gewalt. Der Mythos vom Zivilisationsprozeß (III) . Frankfurt a.M. 1993. S. 292ff und Perko, Gudrun, Alice Pechriggl: Phänomene der Angst. Geschlecht - Geschichte - Gewalt. Wien 1996. S. 164.

24 Schott, Robin May: "Gender and 'Postmodern War'." In: Wiener Philosophinnen Club (Hrsg.): Krieg/War. Eine philosophische Auseinandersetzung aus feministischer Sicht . München 1997. S. 54.

25 Daß die Unabhängigkeit keinesfalls die Verbesserung der Lage von Frauen bedeutet, zeigt das algerische Beispiel. "By 1987 [the Algerian woman] is constrained in major ways by the passage of the Islamic Family Code in the Algerian Constitution. Among other rights seized from her, she loses her right to marry - she has to be 'given' in marriage; she loses her right to her children if divorced; she loses her right to divorce; she loses her right to keep her illegimate child; she loses her right to adopt children. The Algerian woman who was crucial to the revolution, who carried grenades and guns, who helped kill the enemy, is written out of the Islamic Family Code." Mohanram, Radhika: Black Body. Women, Colonialism, and Space. Minneapolis 1999. S. 57.

26 Seifert, Ruth: "Militär, Nation und Geschlecht: Analyse einer kulturellen Konstruktion." In: Wiener Philosophinnen Club (Hrsg.): Krieg/War. Eine philosophische Auseinandersetzung aus feministischer Sicht . München 1997. S. 41.

27 Ebd. S. 45.

28 Vgl. dazu Nhongo-Simbanegavi, Josephine: Zimbabwean Women in the Liberation Struggle: ZANLA and its Legacy, 1972 - 1985. Oxford 1997. (Unveröffentlichte Dissertation). Mehr dazu im Kaptitel "Kämpferinnen in Literatur und Film. Das Bild der vermeintlichen Töchter Nehandas".

29 Boehmer, Elleke: "Stories of Women and Mothers: Gender and Nationalism in the Early Fiction of Flora Nwapa." In: Nasta, Susheila (Hrsg.): Motherlands. Black Women's Writing from Africa, the Caribbean and South Asia. London 1991. S. 3.

30 Ebd. S. 5.

31 Ebd. S. 6.

32 Hill, Heather: "Writer Sends Spirit Medium From Canada With Love." Northern News. October 1993. S. 19.

33 Ebd.

34 Ludicke, Penny: "Writing from the Inside-Out, Reading from the Outside-In: A Review of Yvonne Vera's Nehanda and Without a Name." In: Wright, Derek (Hrsg.): Contemporary African Fiction. Bayreuth 1997. S. 67. Sie weist darauf hin, daß für westliche Leser der Zugang zu Nehanda oft sehr schwer ist. Dies gilt sicherlich auch für Veras andere Romane. Zur Rezeption Schwarzer Literatur durch Weiße vgl. Abel, Elizabeth: "Black Writing, White Reading: Race and the Politics of Feminist Interpretation." In: Appiah, Kwame Anthony, Henry Louis, Gates Jr. (Hrsg.): Identities. Chicago 1995. S. 242-270.

35 Boehmer, Elleke: "Stories of Women and Mothers: Gender and Nationalism in the Early Fiction of Flora Nwapa." In: Nasta, Susheila (Hrsg.): Motherlands. Black Women's Writing from Africa, the Caribbean and South Asia. London 1991. S. 11.

36 Als historischer Bezugspunkt sind ähnlich bedeutend nur noch die Ruinen des vorkolonialen Reiches Great Zimbabwe, aus deren Namen ("dziwa dza mabwe" = "Häuser aus Stein") sich das Wort Zimbabwe ableitet. Radiokarbonmessungen datieren die Existenz dieses Reiches auf das frühe Mittelalter bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts. Als die Portugiesen Zimbabwe erreichen, glauben sie, wie andere Europäer nach ihnen, im biblischen Goldland angelangt zu sein. Sie halten die Ruinen des Great Zimbabwe für das tatsächlich im heutigen Äthiopien gelegene Axum. Die Zerstörung dieses Kulturerbes treiben Ende des 19. Jahrhunderts Schatzsucher voran, die mit der von ihnen 1895 gegründeten Rhodesia Ancient Ruins Company den Verkauf der Fundstücke für sich beanspruchen. Zu Beginn der '60er Jahre wird Great Zimbabwe zum Symbol der afrikanischen Nationalbewegung. Die rhodesische Regierung untersagt daraufhin jede Äußerungen, die auf einen afrikanischen Ursprung der Ruinen hinweisen könnte. Der Archäologe Peter Garlake muß ins Exil gehen. Der Haushalt für archäologische Ausgrabungen fällt auf ein absolutes Minimum. Vgl. d.: Sinamai, Ashton: "Heritage and politics: the Great Zimbabwe controversy." Social Change and Development. 42/43, August 1997. S. 26-28 u. 37. Auch der deutsche Historiker Karl Mauch kommt nach seinem Besuch 1871 zu der Ansicht, das biblische Goldland Axum gefunden zu haben. Aufgrund von Holzfunden ist er überzeugt, daß Great Zimbabwe eine Stadt der Königin von Saba sei. Verschiedene Wissenschaftler schließen sich dieser Auffassung an und sprechen den Afrikanern die Fähigkeit ab, solche Architektur hervorzubringen. Für die Kolonialisten rechtfertigt dies die Unterdrückung der Bevölkerung. Es gibt jedoch verschiedene Hinweise auf Mauchs Zweifel an seiner eigenen Theorie. Vgl. d.: Munjeri, Dwason: "Carl Mauch (1835-1875)." In: Kammerer-Grothaus, Helke (Hrsg.): 10 Jahre Zimbabwe. Kunst und Geschichte. Bremen 1990. S. 53-59. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Webber Ndoro. Er gibt einen Überblick sowohl über die Geschichte als auch über die Forschungsgeschichte. Ndoro, Webber: "Groß-Simbabwe." Spektrum der Wissenschaft . Oktober 1998. S. 74-79. Eine umfassendere Studie zur präkolonialen Geschichte Zimbabwes ist Pikirayi, Innocent: The Zimbabwe Culture. Origins and Decline of Southern Zambezian States. Walnut Creek 2001.

37 Man findet auch die Bezeichnungen Nyanda oder (A)mbuya Nehanda. Lion Spirit heißen die Mhondoro, da sie, wenn sie kein Medium haben, in jungen Löwen ruhen.

38 Lan, David: Guns & Rain. Guerrillas & Spirit Mediums in Zimbabwe. London 1985. S. 6.

39 Insbesondere die Forschung von Terence Ranger hat die zentrale Rolle der Geistmedien hervorgehoben. Vgl. dazu Ranger, Terence: Revolt in Southern Rhodesia 1896-97. London 1967. Norma Kriger verweist jedoch darauf, daß der Einfluß der Geistmedien durchaus unterschiedlich war. Zumindest machen die Informanten zu dem Thema deutlich voneinander abweichende Angaben. In manchen Gegenden ist die Macht der Geistmedien bis zum Beginn des Bürgerkriegs sogar verschwunden. Es gibt also keine eindeutige Korrelation zwischen dem Glauben an Geistmedien und der Bereitschaft, das koloniale System zu zerstören. Aus diesem Grund ist, so Norma Kriger, Rangers Argument, je größer der Einfluß der Geistmedien, desto radikaler die national afrikanischen Ansichten der Bauern, kaum zu halten. Vgl. dazu Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices . Cambridge 1992. Insbesondere Kapitel 4.

40 Lan, David: Guns & Rain. Guerrillas & Spirit Mediums in Zimbabwe. London 1985. S. 6f. Norma Kriger verweist darauf, daß Lan in seiner sehr innovativen Arbeit zum Zusammenhang von präkolonialen Symbolen bzw. Ritualen und dem Widerstand gegen die Kolonialmacht nicht immer verdeutlicht, wer spricht. "Lan's evidence that the pact between guerrillas and mediums established guerrilla legitimacy suffers from problems associated with voice: is the reader hearing Lan, mediums, guerrillas, or peasants?" Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices . Cambridge 1992. S. 130. In Yvonne Veras Nehanda zeigt sich, wie Nehanda an ihrer Identität festhält. Hier ist eine kompromißlose Heldin gezeichnet, die im Angesicht des Todes zu sich selbst steht. Vgl. dazu a. Ludicke, Penny: "Writing from the Inside-Out, Reading from the Outside-In: A Review of Yvonne Vera's Nehanda and Without a Name." In: Wright, Derek (Hrsg.): Contemporary African Fiction. Bayreuth 1997. S. 69.

41 Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 98.

42 Vgl. dazu Pongweni, Alec: Songs that won the Liberation war. Harare 1982. Zu den Sängerinnen vgl. Chitauro, Moreblessings, et al.: "Song, Story and Nation: Women as singers and actresses in Zimbabwe." In: Liz Gunner (Hrsg.): Politics and Performance. Theatre, Poetry and Song in Southern Africa. Johannesburg 1994. S. 111-138. Die Rolle der Mhondoro wird auch in The Spirit , einer von Michael Raeburn gesammelten Geschichte zimbabwischer Kämpfer, deutlich. Vgl. dazu: Raeburn, Michael: Black Fire! Narratives from Zimbabwean Guerrillas. Harare 1986. (Erstausgabe: 1978). S. 60-85. Ähnliche Sammlungen haben auch Kathy Bond-Stewart, Irene Staunten und die Zimbabwe Women Writers zusammengestellt. Sie haben jedoch aussschließlich Kämpferinnen interviewt. Vgl. dazu Bond-Stewart, Kathy (Hrsg.): Young Women in the Liberation Struggle. Harare 1984; Staunton, Irene (Hrsg.): Mothers of the Revolution. Harare 1990 und Zimbabwe Women Writers (Hrsg.): Women of Resiliences. The Voices of Women Ex-Combatants. Harare 2000.

43 Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 179. Kriger bezieht sich hier auf Moore, Will: Rebel Music: Appeals to Rebellion in Zimbabwe. Center for Comparative Politics, Department of Political Science, University of Colorado, Boulder, unpublished 17 July 1989 und Sherman, Jessica: Songs of the Chimurenga. Africa Perspective. 16, 1980. S. 80-88. Beides zitiert nach Kriger.

44 Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 98.

45 Vgl. dazu Veit-Wild, Flora: Teachers, Preachers, Non-Believers. A Social History of Zimbabwean Literature. London 1992. S. 264ff.

46 Mutswairo, Solomon: Feso. Harare 1995. (Shona Erstausgabe: 1957). S. 39. Im Folgenden immer zitiert als FO.

47 Patsanza, Jimmy: "Zimbabwe's Joan of Arc. Nehanda by Yvonne Vera." The Herald Scribes Scroll. August 2, 1993.

48 In dieser Zeit war ZANU (PF) die Partei Robert Mugabes, die Partei der Shona. Bei den ersten freien und allgemeinen Wahlen in Zimbabwe, im Februar 1980, erhält die Partei 57% der Stimmen. Der hohe Wahlsieg der ZANU (PF) wird im allgemeinen auf die politische Erziehung, die der ZANU (PF) in Zeiten des Krieges zu außerordentlicher Popularität verholfen hat, zurückgeführt. Vgl. dazu Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 121.

49 Lan, David: Guns & Rain. Guerrillas & Spirit Mediums in Zimbabwe. London 1985. S. 217.

50 Ebd. S. 218.

51 Chitauro, Moreblessings, et al.: "Song, Story and Nation: Women as singers and actresses in Zimbabwe." In: Liz Gunner (Hrsg.): Politics and Performance. Theatre, Poetry and Song in Southern Africa. Johannesburg 1994. S. 133. Zur herausragenden Bedeutung von Liedern und Tanz im zimbabwischen Theater vgl. Rohmer, Martin: Theater and Performance in Zimbabwe . Bayreuth 1999.

52 Stella Chiwesche spielt seit 1984 vor allem Mbira, Musik, die in Rhodesien verboten war, und hat seit 1987 ihre eigene Band. Zusammen mit ihrem Ehemann Peter Reich lebt und arbeitet sie heute in Berlin. Vgl. dazu Richard Wicksteeds Film Music of the Ancestors (1990). Einen historischen Überblick zu Musik, vor allem auch zu der Rolle der Sängerinnen und der KämpferInnen geben die Filme von Simon Bright: Mbira Music - The Spirit of the People (1990) und Joyce Makwenda: Zimbabwe Township Music 1930 - 1960 (1992). Auch Chiwesches Tochter Virginia Mukwesha ist inzwischen erfolgreiche Mbiraspielerin geworden.

53 Chitauro, Moreblessings, et al.: "Song, Story and Nation: Women as singers and actresses in Zimbabwe." In: Liz Gunner (Hrsg.): Politics and Performance. Theatre, Poetry and Song in Southern Africa. Johannesburg 1994. S. 113. Beispielhaft sei hier auf das Schicksal von Dorothy Masuka und Susan Mapfumo verwiesen. Vgl dazu ebd.

54 Laurien, Ingrid: "Yvonne Vera." Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur . 53, 10/2000. S. 4.

55 Chenjerai Hoves Bones (1989) befaßt sich nur implizit mit Nehanda.

56 Samupindi, Charles: Death Throes. The Trial of Mbuya Nehanda. Harare 1992 (Erstausgabe: 1990). S. 10. Im Folgenden immer zitiert als DT.

57 Vera, Yvonne: Nehanda. Toronto 1994. (Erstausgabe: Harare, 1993). S. 5. Im Folgenden immer zitiert als NA.

58 Das Foto von Nehanda (ohne Kaguvi) hat auch Eingang in die afro-amerikanische feministische Literatur erhalten. Bei Saundra Sharp findet man Nehanda unter der Kategorie "Witches, Wives and Warriors". Nehanda wird hier u.a. in einer Reihe mit der Ashanti Queen Mother Yaa Asantewa (Ghana; hat 1900 ihre Leute gegen die Briten angeführt) und Queen Nzinga (Angola; kämpfte um 1800 gegen die Portugiesen und ließ ihren Bruder hinrichten, als der mit den Kolonialisten paktieren wollte) genannt. Vgl. dazu Sharp, Saundra: Black Women for Beginners. New York 1993. S. 92 u. 114.

59 Gray, Stephen: "Literature Over the Limpopo. Literature From the Other Side of the Limpopo." Supplement to THE WEEKLY MAIL & GUARDIAN. February 1994. S. 1.

60 Nyandoro, Farai: "Farai Nyandoro Talks to the Author of Nehanda. Yvonne Vera: Why I Wrote this Book." Sunday Gazette Magazine. September 26, 1993. S. 12. In einem Interview mit Markus Bednarek (1997) erzählt Vera, daß auch ihre Urgroßmutter ein Geistmedium war. Vgl. dazu Bednarek, Marcus: Yvonne Vera - Schriftstellerin in Afrika . 11.10.1997. (Manuskript der Radiosendung im Deutschlandfunk.) S. 2.

61 Ludicke, Penny: "Writing from the Inside-Out, Reading from the Outside-In: A Review of Yvonne Vera's Nehanda and Without a Name." In: Wright, Derek (Hrsg.): Contemporary African Fiction. Bayreuth 1997. S. 67.

62 Nyandoro, Farai: "Farai Nyandoro Talks to the Author of Nehanda. Yvonne Vera: Why I Wrote this Book." Sunday Gazette Magazine. September 26, 1993. S. 12.

63 Hill, Heather: "Writer Sends Spirit Medium From Canada With Love." Northern News. October 1993. S. 19.

64 Osundare, Niyi: "Literature's Truth. Nehanda by Yvonne Vera." West Africa. 4032, 1995. S. 81. Jimmy Patsanza hat eine ähnliche Assoziation. Er überschreibt seine Rezension von Nehanda mit "Zimbabwe's Joan of Arc". Vgl. dazu Patsanza, Jimmy: "Zimbabwe's Joan of Arc. Nehanda by Yvonne Vera." The Herald Scribes Scroll. August 2, 1993.

65 Staunton, Irene (Hrsg.): Mothers of the Revolution. Harare 1990. S. xi.

66 Eine Fortsetzung von Staunton ist die Sammlung der Zimbabwe Women Writers (Hrsg.): Women of Resilience. The Voices of Women Ex-Combatants. Harare 2000. Hier kommen die Kämpferinnen selber zu Wort. Auch die Geschichtsschreibung hat sich den kämpfenden Frauen zugewandt. Vgl. dazu Müller, Barbara: "The Fact is we fought the war." Rollen und Status von Frauen im zimbabwischen Befreiungskrieg . Basel 1998. (Lizentiatsarbeit) und Nhongo-Simbanegavi, Josephine: Zimbabwean Women in the Liberation Struggle: ZANLA and its Legacy, 1972 - 1985 . Oxford 1997. (Dissertation)

67 Lionnet, Francoise: "Geographies of pain. Captive bodies and violent acts in the fictions of Gayl Jones, Bessie Head, and Myriam Warner-Vieyra." In: Obioma Nnaemeka (Hrsg.): The Politicts of (M)Othering. Womanhood, Identity, and Resistance in African Literature. London 1997. S. 205.

68 Der Begriff Schwarze Frauen wird hier in Anlehnung an Ika Hügel et al. (1993) verwandt. Sie verstehen den Begriff Schwarz "als politische Bezeichnung für die Menschen, die über ihre Hautfarbe/ihr Aussehen und häufig darüber hinaus über ihre Religion, Kultur und ethnische Herkunft diskriminiert werden. Wir übernehmen die von Schwarzen verwendete Schreibweise - Schwarz als Adjektiv mit großem Anfangsbuchstaben -, die darauf hinweist, daß Schwarze sich politisch u.a. über ihre Hautfarbe definieren." Hügel, Ika, et al. (Hrsg.): Entfernte Verbindungen. Rassismus Antisemitismus Klassenunterdrückung . Berlin 1993. S. 13. Ähnlich argumentiert Marion Kraft: "Frauen afrikanischer Herkunft: Feministische Kultur und Ethnizität in Amerika und Europa." beiträge zur feministischen theorie und praxis. Geteilter Feminismus. Rassismus, Antisemitismus, Fremdenhaß. 27/1990. S. 25-44. Ika Hügel hat in ihrer Autobiographie über das Leben als Schwarze Frau in einer weißen deutschen Gesellschaft geschrieben. Vor allem die Ausführungen über ihre Kindheit im Nachkriegsdeutschland und die Erziehung in einem Kloster sind bedrückend. So mußte sie sich u.a. einer Teufelsaustreibung unterziehen. Vgl. dazu Hügel-Marshall, Ika: Daheim unterwegs. Ein deutsches Leben . Berlin 1998.

69 Davies, Carol Boyce: "Introduction: Black Women Writing Worlds: Textual Production, Dominance, and the Critical Voice." In: Dies. (Hrsg.): Moving Beyond Boundaries. Black Women's Diasporas. Vol. 2. London 1995. S. 2. Diese Definition kommt in weiten Teilen aus einer politischen Bewegung, die Schwarzen und vor allem Schwarzen Frauen eine Stimme verleihen will, denn der von einer vorwiegend weißen und christlichen Frauenbewegung vertretene Feminismus schließt Schwarze Frauen oft nicht mit ein. Vgl. dazu auch Hill Collins, Patricia: "Die gesellschaftliche Konstruktion Schwarzen feministischen Denkens." In: Gloria I. Joseph (Hrsg.): Schwarzer Feminismus. Theorie und Politik afro-amerikanischer Frauen . Berlin 1993. S. 17-52 und hooks, bell: "Dritte-Welt-Diva-Girls. Die Politk der feministischen Solidarität." In: Gloria I. Joseph (Hrsg.): Schwarzer Feminismus. Theorie und Politik afro-amerikanischer Frauen . Berlin 1993. S. 53-69.

70 Eine Ausnahme ist sicherlich Fanon, Franz: "Algeria Unveiled." In: Ders.: A Dying Colonialism. New York 1965. (Franz. Erstausgabe: 1959). Vgl. dazu auch Mohanram, Radhika: Black Body. Women, Colonialism, and Space. Minneapolis 1999. Insbesondere Kap. 3. Folgt man Mohanram, so übersieht Fanon, daß, obwohl Frauen Seite an Seite mit ihren Männern für die Unabhängigkeit kämpfen, sie nur zum Subjekt werden, wenn man sie vergewaltigt, quält, verhaftet oder erschießt. Vgl. ebd. S. 56.

71 Djebar, Assia: Fern von Medina . Zürich 1994. (Franz. Erstausgabe: 1991). S. 7.

72 Paul Boyer und Stephen Nissenbaum versuchen in einer historischen Studie zu zeigen, wie es zu den Hexenprozessen 1692 in dem nordamerikanischen Dorf Salem kommen konnte. Vgl. dazu Boyer, Paul, Stephen Nissenbaum: Salem Possessed. The Social Origins of Witchcraft. Cambridge, Massachusetts 1974.

73 Vgl. dazu Miller, Arthur: The Crucible. New York 1977.

74 Garane, Jeanne: "History, Identity, and the Constitution of the Female Subject: Maryse Condé's Tituba." In: Carole Boyce Davies (Hrsg.): Moving Beyond Boundaries. Black Women's Diasporas. Vol. 2. London 1995. S. 156.

75 Ebd. S. 157.

76 Neben den genannten Schriftstellerinnen ist in Hinblick auf das Umschreiben von Mythen auch das Werk von Wanjira Muthoni herausragend. Vgl. dazu Muthoni, Wanjira: "A Cure for Executive Stress." Writer's Forum. 2, 1992. S. 3-9; Dies.: "The Literary Road to Empowerment." In: Wanjira Muthoni Wienjku Kabira (Hrsg.): The Road to Empowerment. Nairobi 1994. S. 54-68; Muthoni, Wanjira: "Why God Created Women." Writer's Forum . 2, 1994. S. 10-18 und Dies.: Gateru. The Bearded Women. Nairobi 1997. Zu Mythen bei Schriftstellerinnen vgl a. Weever, Jaqueline de: Mythmaking and Metaphor in Black Women's Fiction . New York 1991.

77 Nyandoro, Farai: "Farai Nyandoro Talks to the Author of Nehanda. Yvonne Vera: Why I Wrote this Book." Sunday Gazette Magazine. September 26, 1993. S. 12.

78 Ranger, Terence: "Books Diary." Southern African Review of Books. September/October 1993. S. 11. Im gleichen Jahr gibt es noch mehrere kulturelle Ereignisse, die Nehanda würdigen. So z.B. die sehr erfolgreiche Aufführung von Jeremy Summerfields Stück Mhondoro und die Fertigstellung einer Nehanda Skulpur durch den Künstler David Mutasa, die an dem Ort, an dem die Briten über Nehanda zu Gericht saßen, errichtet werden soll.

79 Ebd. S. 11.

80 Jones, Eldred D.: "Land, War & Literature in Zimbabwe: A Sampling." New Trends and Generations in African Literature Today. 20, 1996. S. 50.

81 Ranger, Terence: "Books Diary." Southern African Review of Books. September/October 1993. S. 11.

82 Laurien, Ingrid: "Yvonne Vera." Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur . 53, 10/2000. S. 4.

83 Patsanza, Jimmy: "Zimbabwe's Joan of Arc. Nehanda by Yvonne Vera." The Herald Scribes Scroll. August 2, 1993.

84 Nyamfukudza, Stan: "For Lovers of the Poem-Prose Novel." Sunday Gazette Magazine. September 26, 1993.

85 Alexis, André: "The Girl Nehanda, Her Village and Their Destinies." The Toronto Star. June 17, 1995. S. 15.

86 Primorac, Ranka: "Crossing into the Space-Time of Memory: Borderline Identities in Novels by Yvonne Vera." Journal of Commonwealth Literature. 36, 2, 2001. S. 82.

87 Laurien, Ingrid: "Yvonne Vera." Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur . 53, 10/2000. S. 5.

88 Primorac, Ranka: "Crossing into the Space-Time of Memory: Borderline Identities in Novels by Yvonne Vera." Journal of Commonwealth Literature. 36, 2, 2001. S. 80.

89 Alexis, André: "The Girl Nehanda, Her Village and Their Destinies." The Toronto Star. June 17, 1995. S. 15.

90 Vera, Yvonne: Butterfly Burning. Harare 1998. S. 128. Im Folgenden immer zitiert als BB.

91 Mehr dazu im Kapitel "Heilung durch Sprache. Der Körper als Erzählerin".

92 Für Yvonne Vera verbrennt Phephelaphi: "[Phephelaphi] ist so stolz, weil sie als erste Schwarze die Aufnahmeprüfung als Krankenschwester geschafft hat, und dann verliert sie wegen der Schwangerschaft den Job. Und ihr Freund findet es richtig, dass sie nun endlich zu Hause bleibt und seine Hemden bügelt. Da übergießt sie sich mit Kerosin - lieber geht sie in den Tod, als Hausfrau zu werden." Frank, Barbara: "Schmetterling in Flammen. Interview mit Yvonne Vera." EMMA. 2, 2002. S. 94.

93 Ludicke, Penny: "Writing from the Inside-Out, Reading from the Outside-In: A Review of Yvonne Vera's Nehanda and Without a Name." In: Wright, Derek (Hrsg.): Contemporary African Fiction. Bayreuth 1997. S. 69.

94 Ebd. S. 68.

95 Ein Kunstgriff, der Chenjerai Hove in Bones nicht gelungen ist. Wenn auch nicht klar ausgesprochen, so ist hier Nehanda zentraler Bezugspunkt. Der Titel verweist auf Nehandas Prophezeiung "My bones will rise". Rino Zhuwarara zeigt jedoch, daß bei Hove die Bauern und Arbeiter als passiv erscheinen und lediglich auf die führende Stimme von Nehanda warten. Dabei ist Nehanda vielmehr ein Bewußtseinszustand. "Unfortunaltly, Hove does not demystify the legend in order to show how Nehanda's progressive historical conciousness can be an integral part of the peasant and worker conciousness that could inform the outlook and activities of [the] people". Zhuwarara, Rino: "Men and Women in a Colonial Context: A Discourse on Gender and Liberation in Chenjerai Hove's 1989 NOMA Amward-Winning Novel - Bones." Zambezia. 21/1, 1994. S. 14.

96 Primorac, Ranka: "Crossing into the Space-Time of Memory: Borderline Identities in Novels by Yvonne Vera." Journal of Commonwealth Literature. 36, 2, 2001. S. 81.

97 Ebd. S. 82.

98 Vgl . dazu Nhongo-Simbanegavi, Josephine: Zimbabwean Women in the Liberation Struggle: ZANLA and its Legacy, 1972 - 1985. Oxford 1997. (Unveröffentlichte Dissertation) S. 1.

99 Laurien, Ingrid: "Yvonne Vera." Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur . 53, 10/2000. S. 3.

100 Vgl. dazu Müller, Barbara: "The Fact is we fought the war." Rollen und Status von Frauen im zimbabwischen Befreiungskrieg . Basel 1998. (Lizentiatsarbeit). S. 53.

101 Geisler, Gisela: "Troubled Sisterhood: Women and Politics in Southern Africa. Case Studies from Zambia, Zimbabwe and Botswana." African Affairs. 94, 1995. S. 552.

102 Vgl. dazu das Kapitel "Nehanda als Heldin und Nehanda als Person. Die Konstruktion des Spirit Mediums Ambuya Nehanda". Hier wird die Konstruktion von Nehanda als quasi genderlose Figur nachgezeichnet.

103 Geisler, Gisela: "Troubled Sisterhood: Women and Politics in Southern Africa. Case Studies from Zambia, Zimbabwe and Botswana." African Affairs. 94, 1995. S. 550.

104 Sie arbeitet in erster Linie nach der Methode der Oral History und hat überwiegend Frauen befragt. Oral History ist eine aufgenommene (audio/video) Sammlung von gesprochenen Erinnerungen und persönlichen Kommentaren. Es ist immer ein Dialog zwischen Interviewer und Interviewtem. Vgl. dazu Ritchie, Donald A.: Doing Oral History. New York 1995.

105 Vgl. dazu Nhongo-Simbanegavi, Josephine: Zimbabwean Women in the Liberation Struggle: ZANLA and its Legacy, 1972 - 1985. Oxford 1997. (Unveröffentlichte Dissertation) S. 82. Die Kämpferinnen wurden jedoch von vorneherein als anders wahrgenommen. So hatten die Spirit Mediums strikte Anweisung erteilt, daß menstruierende Frauen keinerlei Kontakt zu Kämpfern haben sollten. Andernfalls würden ihre Kräfte schwinden. Menstruierende Frauen stellten also eine Gefahr dar. Vgl. dazu Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 99. Dies gilt, so David Lan, nicht nur für die Kämpfer sondern auch für die Medien. "It is believed that if a medium comes into contact with a pregnant or menstruating women, if he attends a funeral or sees a dead body he will die." Dies ist darauf zurückzuführen, daß das menschliche Blut, sei es Menstruationsblut oder das Blut des Todes, auf das zeitlich begrenzte Leben von Menschen verweist. Vgl. dazu Lan, David: "Resistance to the present by the past: mediums and money in Zimbabwe." In: M. Bloch J. Pawy (Hrsg.): Money and the Morality of Exchange. Chicago 1989. S. 195. Kämpferinnen sind also von vornherein anders als Kämpfer.

106 Vgl. dazu Müller, Barbara: "Frauenbefreiung und Nationalismus. Frauen im Befreiungskampf Zimbabwes." Uni Nova. Wissenschaftsmagazin der Universität Basel . 85, Juli 1999. S. 55.

107 Zimbabwe Women Writers (Hrsg.): Women of Resilience. The Voices of Women Ex-Combatants. Harare 2000. S. xii. Dieses Buch verschafft den Ex-Kombatantinnen eine Stimme. In Interviews erzählen sie von ihren Erlebnissen im Bürgerkrieg. Es ist eine Fortsetzung der von Irene Staunton (jetzt Irene McCartney) gesammelten Geschichten von Frauen, die während des Krieges an der Heimatfront tätig waren. Vgl. dazu Staunton, Irene (Hrsg.): Mothers of the Revolution. Harare 1990. Ein literarisches Äquivalent ist Assia Djebars Fantasia . In der Fiktion gibt sie hier den Algerierinnen die Möglichkeit, vom Befreiungskampf zu erzählen. Besonders interessant ist der Bericht der Sanitäterin. Djebar, Assia: Fantasia. Zürich 1993. (Franz. Erstausgabe: 1985). S. 193ff.

108 Doris Lessing greift in ihrem Roman A Proper Marriage ein ähnliches Thema auf. Denn hier bewegen sich die im damaligen Rhodesien stationierten US-Soldaten ganz selbstverständlich in einer schwarzen bzw. weißen Welt. Egal welcher Herkunft sie selber sind. Auf diese Weise stellen sie die bestehende Apartheid öffentlich in Frage. Vgl. Lessing, Doris: A Proper Marriage. London 1993. (Engl. Erstausgabe: 1954).

109 In der Literatur von weißen Zimbabwern ist ein von Schwarzen ausgeführter, politisch motivierter Mord an einem Weißen oftmals als die Zäsur in ihrem Leben beschrieben. So auch bei Peter Godwin. Er beginnt seine Autobiographie mit den Worten: "I think I first realized something was wrong when our nextdoor neighbour, oom Piet Oberholzer, was murdered." Vgl. dazu Godwin, Peter: Mukiwa. A White Boy in Africa. London 1996. S. 3. Dieser Text macht deutlich, daß die weißen Rhodesier sich bis dahin als sicher und in ihrem Status als unantastbar verstanden hatten.

110 Zu diesem Zeitpunkt operierte auch die Zimbabwe People's Revolutionary Army (ZIPRA; Armee der ZAPU) vom Nordwesten des Landes aus. ZIPRA war zunächst Vorreiter im bewaffneten Kampf gegen die Kolonialisten, den ab 1972 die ZANLA dominierte.

111 Müller, Barbara: "Frauenbefreiung und Nationalismus. Frauen im Befreiungskampf Zimbabwes." Uni Nova. Wissenschaftsmagazin der Universität Basel . 85, Juli 1999. S. 54. Liberty und Flame, aus Ingrid Sinclairs Film Flame , stehen für diese jungen Frauen. Zu den Kindern und Jugendlichen, die in den Kampf zogen, vgl. a. Reynolds, Pamela: "Children of Tribulation: The Need to Heal and the Means to Heal War Trauma." Africa . 60/1, 1990. S. 1-38. Auch die Literatur thematisiert die Aktivitäten der Jugendlichen. So verschwindet in Patricia Chaters Kinderbuch Crossing the Boundary Fence eine ganze Gruppe von SchülerInnen. "[T]he boarding master had come to inform [the headmaster] that twenty-eight boys were missing from school. A quick check with the boarding mistress had revealed that seven girls were also missing." Musas Bruder gehört zu den Verschwundenen. Sie ist sich sicher, daß er in eines der mosambiquanischen Ausbildungslager gegangen ist. "Musa didn't like to ask any more questions. She knew David had gone over to Mozambique". Vgl. dazu Chater, Patricia: Crossing the Boundary Fence. Harare 1997. (Erstausgabe: 1988). S. 21 u. 26. Dieser Text ist besonders interessant, da Musas weiße Freundin einen in der Rhodesischen Armee kämpfenden Bruder hat. Auf diese Weise kommt hier ein weißer Täter zu Wort. Vgl. ebd. S. 64ff. Zu im 2. Chimurenga traumatisierten Kindern vgl. Reynolds, Pamela: "Children of Tribulation: The Need to Heal and the Means to Heal War Trauma." Africa . 60/1, 1990. S. 1-38.

112 Vgl. dazu Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 116ff.

113 1979 wurden von ZANU und ZAPU boykottierte allgemeine Wahlen in Zimbabwe abgehalten, aus denen die UANC als Sieger hervorging. Muzorewa wurde Premierminister und das Land erhielt den Namen Zimbabwe-Rhodesien.

114 Verhandlungspartner waren die neue Regierung Muzorewa bzw. Smith, die Vertreter der Patriotic Front (PF; Zusammenschluß von ZANU und ZAPU) Mugabe und Nkomo sowie der britische Außenminister Lord Carrington.

115  93% der Wahlberechtigten beteiligten sich. ZANU (PF) erhielt 57, ZAPU (PF) 20, UANC 3 und die Weißen die ihnen verfassungsmäßig zugesicherten 20 Sitze. Vgl. dazu Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 121.

116 Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 192.

117 Vgl . dazu Nhongo-Simbanegavi, Josephine: Zimbabwean Women in the Liberation Struggle: ZANLA and its Legacy, 1972 - 1985. Oxford 1997. (Unveröffentlichte Dissertation) S. 143 u. Geisler, Gisela: "Troubled Sisterhood: Women and Politics in Southern Africa. Case Studies from Zambia, Zimbabwe and Botswana." African Affairs. 94, 1995. S. 551.

118 Ebd. S. 556.

119 Diese Erkenntnis gilt auch für den zivilen Sektor. In den sog. Entwicklungsländern werden vor allem die Frauen immer ärmer, obwohl sie immer mehr arbeiten. So wird beispielsweise die industrielle Produktion in den sog. Billiglohnländern bis zu 90% von Frauen verrichtet. Vgl. dazu Potts, Lydia: "Migration und Bevölkerungspolitik - über Geschichte und Funktion der Frauen auf dem Weltmarkt für Arbeitskraft." beiträge zur feministischen theorie und praxis. Trotz Fleiß kein Preis . 29, 1991. S. 31- 46, und Wichterich, Christa: "Frauen des Südens - Trümmerfrauen der Entwicklung." beiträge zur feministischen theorie und praxis. Trotz Fleiß kein Preis . 29, 1991. S. 25-30. Die unterschiedliche Entlohnung von Männern und Frauen ist jedoch keineswegs nur ein Problem der sog. Entwicklungsländer. Für die Bundesrepublik Deutschland zeigt Alice Schwarzer, daß sich die Lohnschere zwischen Männern und Frauen in den 80er Jahren noch vergrößert hat. Vgl. dazu Schwarzer, Alice (Hrsg.): Lohn: Liebe. Zum Wert der Frauenarbeit . Frankfurt, a.M. 1985. S. 9.

120 Geisler, Gisela: "Troubled Sisterhood: Women and Politics in Southern Africa. Case Studies from Zambia, Zimbabwe and Botswana." African Affairs. 94, 1995. S. 547.

121 Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 192.

122 Vgl. dazu Gordon, Rosemary: "Education Policy and Gender in Zimbabwe." Gender and Education. 6/2, 1994. S. 131-139. Sie verweist auf die Abwesenheit einer besonderen Förderung von Mädchen und Frauen im Erziehungswesen Zimbabwes und zeigt, wie die Politik des Staates dazu führt, die Diskriminierung von Frauen fortzusetzen. Auch Rudo Gaidzanwa macht deutlich, wie wenig sich in den Besitzverhältnissen geändert hat. Frauen verfügen kaum über eigenes Land, obwohl sie die meiste Arbeit im Agrarsektor verrichten. Vgl. dazu Gaidzanwa, Rudo: "Land and the Economic Empowerment of Women: A Gendered Analysis." SAFERE . 1/1, 1995. S. 1-12.

123 Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 192.

124 Vgl. dazu Müller, Barbara: "The Fact is we fought the war." Rollen und Status von Frauen im zimbabwischen Befreiungskrieg . Basel 1998. (Lizentiatsarbeit). S. 34.

125 Djebar, Assia: Fern von Medina . Zürich 1994. (Franz. Erstausgabe: 1991). S. 179. In dem Roman folgt die Ernüchterung nur wenige Seiten später. Als Umm Hakim ihrem Mann den Wunsch vorträgt, an seiner Seite zu kämpfen, geht er nicht auf sie ein, sondern trägt seinerseits einen Wunsch vor. "'Wenn du bei den Heeren bleibst, möchte ich dich auf deinen Feldzügen begleiten. So wie wir alle in früherer Zeit es getan haben!' [...] / Ikrima sagte immer noch nichts. Als er sie umarmt [...] flüstert er schließlich: 'Mein teuerster Wunsch für diese Nacht ist, daß du mir wieder einen Sohn schenkst, er soll später ein Mitstreiter für den Islam werden!'" Und Ikrimas Wunsch erfüllt sich. Umm Hakim wird schwanger. Ihr bleibt die klassische Rolle der Frau als Gebärende an der Heimatfront. Umm Hakim setzt ihren Leib also nicht, so wie sie wollte, "dem Spaß an der Gefahr" aus, sondern erschafft jemanden, der an ihrer Stelle kämpfen wird. Ebd. S. 192.

126 Strobl, Ingrid: Das Feld des Vergessens. Jüdischer Widerstand und deutsche "Vergangenheitsbewältigung" . Berlin 1995. (Erstausgabe: 1994). S. 54.

127 Müller, Barbara: "Frauenbefreiung und Nationalismus. Frauen im Befreiungskampf Zimbabwes." Uni Nova. Wissenschaftsmagazin der Universität Basel . 85, Juli 1999. S. 54.

128 Zimbabwe Women Writers (Hrsg.): Women of Resilience. The Voices of Women Ex-Combatants. Harare 2000. S. 51.

129 Yvonne Vera greift dieses Thema in ihrer Erzählung Independence Day (1992) auf. Für die Frauen hat sich wenig geändert. Die Unabhängigkeit bringt ihnen außer zahlungswilligen Freiern nichts ein.

130 Vgl. dazu Nhongo-Simbanegavi, Josephine: Zimbabwean Women in the Liberation Struggle: ZANLA and its Legacy, 1972 - 1985. Oxford 1997. (Unveröffentlichte Dissertation) S. 45.

131 Nyamubaya, Freedom T. V.: On The Road Again. Harare 1986. S. 67. Im folgenden immer zitiert als ORA.

132 Nyamubaya, Freedom T. V.: Dusk of Dawn. Harare 1995. S. 49. Im folgenden immer zitiert als DD.

133 Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 193.

134 Zimbabwe Women Writers (Hrsg.): Women of Resilience. The Voices of Women Ex-Combatants. Harare 2000. S. 41.

135 Vgl. dazu Thürmer-Rohr, Christina: "Mittäterschaft der Frau - Analyse zwischen Mitgefühl und Kälte." In: Dies, et al. (Hrsg.): Mittäterschaft und Entdeckungslust . Berlin 1989. S. 87.

136 Armstrong, Alice: Women and Rape in Zimbabwe. Lesotho 1990. S. 26

137 Kriger, Norma: Zimbabwe's Guerrilla War. Peasant Voices. Cambridge 1992. S. 194.

138 Nhongo-Simbanegavi, Josephine: Zimbabwean Women in the Liberation Struggle: ZANLA and its Legacy, 1972 - 1985. Oxford 1997. (Unveröffentlichte Dissertation) S. 185. Für Angus Calder reflektiert Shimmer Chinodyas Harvest of Thorns die Doppeldeutigkeit, die die mit dem Bürgerkrieg einhergehende sexuelle Freiheit für junge Frauen bedeutete. "There are two ways of looking at the sexual intercourse between guerrillas and village girls, which took place despite the orders of both commanders and spirit mediums enjoining celibacy. One is that the young male fighters abused the power given them by their rifles to seduce and rape unfortunate young women. The other is that young women had a chance to express sexual preference denied them by the patriarchal constraints of bride price. Both views are presented in Chinodya's novel". Calder, Angus: "The New Zimbabwe Writing and Chimurenga." Wasafiri . 22/1995. S. 38.

139 Vgl. zum Thema Frauen in der Armee Perko, Gudrun, Alice Pechriggl: Phänomene der Angst. Geschlecht - Geschichte - Gewalt. Wien 1996. S. 164; Seifert, Ruth: "Militär, Nation und Geschlecht: Analyse einer kulturellen Konstruktion." In: Wiener Philosophinnen Club (Hrsg.): Krieg/War. Eine philosophische Auseinandersetzung aus feministischer Sicht . München 1997. S. 41-49 und Theweleit, Klaus: Männerphantasien. Bd.1. Frauen, Fluten, Körper, Geschichte . München 1995. (Erstausgabe: 1977). S. 78-92.

140 Lan, David: Guns & Rain. Guerrillas & Spirit Mediums in Zimbabwe. London 1985. S. 158.

141 Vgl. dazu Müller, Barbara: "The Fact is we fought the war." Rollen und Status von Frauen im zimbabwischen Befreiungskrieg . Basel 1998. (Lizentiatsarbeit). S. 70.

142 Vgl. dazu Nhongo-Simbanegavi, Josephine: Zimbabwean Women in the Liberation Struggle: ZANLA and its Legacy, 1972 - 1985. Oxford 1997. (Unveröffentlichte Dissertation). S. 172.

143 Ebd. S. 186.

144 Maraire, Nozipo: Zenzele. A Letter For My Daughter. London 1996. S. 165. Im Folgenden immer zitiert als ZLD.

145 Der Begriff Aneigung wird hier im Sinne von Ashcroft et al. verwendet. "Appropriation is the process by which the language is taken and made to 'bear the burden' of one's own cultural experience". Ähnliches gilt auch für die Form. Durch die Aneignung von Form und Sprache wird eine Verbindung zum Ort hergestellt. Vgl. Ashcroft, Bill, et al. (Hrsg.): The Empire Writes Back. Theory and Practice in Post-Colonial Literatures. London 1989. S. 38. Graham Huggan zeigt, daß der Begriff "postkolonial" inzwischen sehr unspezifisch verwendet wird. "'[P]ostcolonial' is a word on many people's lips, even if no-one seems to know exactly what it means." Huggan, Graham: "Reading the Readers: Some Thoughts on the Institutionalization of Postcolonial Theory." In: Rienwerts, Sigrid, Bernhard Reitz (Hrsg.): Anglistentag 1999 Mainz . Trier 2000. S. S. 279. So wage der Begriff auch sein mag, die von Ashcroft et al. beschriebene Bewegung der Aneigung behält dennoch seine Gültigkeit.

146 Chinodya, Shimmer: Harvest of Thorns. Harare 1989. S. 219. Im Folgenden immer zitiert als HOT.

147 "Unter Massennotzucht versteht man die Vergewaltigung eines oder mehrerer Opfer durch eine Gruppe von Männern. Dies geschieht am häufigsten in Kriegen, aber auch in Friedenszeiten durch jugendliche Banden." Vom Dreißigjährigen Krieg über die Burenkriege in Afrika und den 2. Weltkrieg bis hin zum Krieg im ehemaliegen Jugoslawien haben die Soldaten diese Foltermethode angewandt. Vgl. dazu u. a. Gödtel, Reiner: Sexualität und Gewalt. Die dunklen Seiten der Lust . Reinbek 1994. (Erstausgabe 1992). S. 145; Perko, Gudrun, Alice Pechriggl: Phänomene der Angst. Geschlecht - Geschichte - Gewalt. Wien 1996; Sander, Helke, Barbara Johr (Hrsg.): BeFreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigung, Kinder . Frankfurt, a.M. 1995. (Erstausgabe: 1992) und Stiglmayer, Alexandra (Hrsg.): Massenvergewaltigung. Krieg gegen die Frauen . Frankfurt, a.M. 1993.

148 Gödtel, Reiner: Sexualität und Gewalt. Die dunklen Seiten der Lust . Reinbek 1994. (Erstausgabe 1992). S. 145. Um den Massenvergewaltigungen Einhalt zu gebieten, richten, so Hans Peter Duerr, viele Armeen Bordelle ein. Vgl. dazu Duerr, Hans Peter: Obszönität und Gewalt. Der Mythos vom Zivilisationsprozeß (III) . Frankfurt a.M. 1993. S. 391-407. Duerr gibt hier einen historischen Überblick über Massenvergewaltigung im Krieg.

149 Rainer Gödtel erklärt, wie Bandenvergewaltigung funktioniert. "[A]uch außerhalb des Krieges gibt es Massennotzucht. Besonders in Großstädten schließen sich jugendliche Banden [...] zusammen, um Mädchen gewaltsam zum Geschlechtsverkehr zu zwingen. Häufig handelt es sich um einen Anstifter, der ansonsten eher harmlose, eher schüchterne Jugendliche dazu bringt, unter dem Einfluß von Alkohol brutalste Aggressionen an Frauen abzureagieren." Gödtel, Reiner: Sexualität und Gewalt. Die dunklen Seiten der Lust . Reinbek 1994. (Erstausgabe 1992). S. 149.

150 Ebd. S. 146.

151 Vgl. dazu Nhongo-Simbanegavi, Josephine: Zimbabwean Women in the Liberation Struggle: ZANLA and its Legacy, 1972 - 1985. Oxford 1997. (Unveröffentlichte Dissertation) S. 163.

152 Hier wird ganz nebenbei Che Guevara, der Namenspatron des Kameraden, entmystifiziert. Er ist also einer, der vergewaltigt.

153 Ein Begriff aus dem amerikanischen, der auf die im amerikanischen Dating-System vorkommenden sexuellen Übergriffe zurückzuführen ist. Untersuchungsergebisse verschiedener Studien zu Vergewaltigung belegen, daß vor allem junge Frauen Opfer von Vergewaltigung werden. Folgt man Hans-Christian Harten, so entsteht "date-rape" vor allem aus "Interaktionsproblemen am Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter, die ihre Ursache oft in Mißverständnissen und mangelnder Erfahrung haben. [Diese Vergewaltigungen] bilden einen Typus für sich, der deshalb von der sexuellen Gewalt gegen Erwachsene und der 'klassischen' Vergewaltigung durch einen Fremden [...] unterschieden werden muß. Erfahrungsmangel ist altersspezifisch - oft handelt es sich nur um Konfllikt- und Diskrepanzerfahrung, die einmalig bleiben, weil beide Seiten daraus lernen und danach besser mit solchen Situationen umgehen können." Harten, Hans-Christian: Sexualität, Mißbrauch, Gewalt. Das Geschlechterverhältnis und die Sexualisierung von Aggressionen . Opladen 1995. S. 27.

154 Perko, Gudrun, Alice Pechriggl: Phänomene der Angst. Geschlecht - Geschichte - Gewalt. Wien 1996. S. 169.

155 Einzige Ausnahme ist Veras jüngster Roman Butterfly Burning . Hier wird Phephelaphi schließlich von ihrem Liebhaber vergewaltigt. Da der Text im Jahr 1949 spielt, kann er nicht am 2. Chimurenga teilgenommen haben. Ob er jedoch wie viele andere schwarze Rhodesier Soldat im 2. Weltkrieg war, ist nicht klar.

156 Gray, Stephen: "Yvonne Vera: disturbing chronicler and critic." Independent Weekender. April 4, 1997.

157 Vera, Yvonne: Without A Name. Toronto 1995. (Erstausgabe: Harare, 1994; dt.: Eine Frau ohne Namen. München, 1997). S. 24. Im Folgenden immer zitiert als WN.

158 Bednarek, Marcus: Yvonne Vera - Schriftstellerin in Afrika . 11.10.1997. (Manuskript der Radiosendung im Deutschlandfunk.) S. 5.

159 Gray, Stephen: "Yvonne Vera: disturbing chronicler and critic." Independent Weekender. April 4, 1997.

160 Vera, Yvonne: Under the Tongue. Harare 1996. S. 101. Im Folgenden immer zitiert als UT.

161 Boehmer, Elleke: "Stories of Women and Mothers: Gender and Nationalism in the Early Fiction of Flora Nwapa." In: Nasta, Susheila (Hrsg.): Motherlands. Black Women's Writing from Africa, the Caribbean and South Asia. London 1991. S. 7.

162 Theweleit, Klaus: Männerphantasien. Bd.1. Frauen, Fluten, Körper, Geschichte . München 1995. (Erstausgabe: 1977). S. 91.

163 Laurien, Ingrid: "Yvonne Vera." Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur . 53, 10/2000. S. 3.

164 Hill, Heather: "Writer Sends Spirit Medium From Canada With Love." Northern News. October 1993. S. 19.

165 Zhuwarara, Rino: Introduction to Zimbabwean Literature in English. Harare 2001. S. 266.

166 Gaidzanwa, Rudo: Images of Women in Zimbabwean Literature. Harare 1985. S. 91.

167 Die Ermordung des Rhodesiers Petrus Oberholzer durch Befreiungskämpfer am 4. Juli 1964 ist in weißer autobiographischer Literatur aus Zimbabwe oft eine deutliche Zäsur. Ab 1972 verstärkte sich die Zahl der Überfälle weißer Farmen durch die ZANLA nochmals ganz deutlich. Vgl. dazu Godwin, Peter: Mukiwa. A White Boy in Africa. London 1996. S. 3-21. Auch in Maureen de la Harpes Msasa Morning wird die Zeit der "Unilateral Declaration of Independence" (1965) als von Unsicherheit bestimmt gezeichnet. Vgl. Harpe, Maureen de la: Msasa Morning. Harare 1992. S. 174-181. Viele Weiße verlassen das Land in Richtung Südafrika oder Europa. Dies kommt auch in Nancy Partridges 1978 angesiedeltem Roman To Breathe and Wait deutlich zum Ausdruck. Hier erkrankt eine weiße Frau unheilbar an Krebs. Die Krankheit hat sicherlich in Hinblick auf die weiße rhodesische Gesellschaft metaphorische Bedeutung. Vgl. Partridge, Nancy: To Breathe and Wait. Gweru 1986.

168 Mohanram, Radhika: Black Body. Women, Colonialism, and Space. Minneapolis 1999.S. 85.

169 Ebd. S. 59.

170 Ebd. S. 60.

171 Moyo, Sam: "A Gendered Perspective of the Land Question." SAFERE. 1/1, 1995. S. 13.

172 Made, Patricia A.: "Women and Desertification: Tillers of the land, keepers of kowledge." SAFERE. 1/1, 1995. S. 32.

173 Vera, Yvonne: Why Don't You Carve Other Animals. Toronto 1992 (dt.: Seelen im Exil. Erzählungen. Mit einen Nachwort von Flora Veit-Wild. Göttingen 1997). S. 18. Im Folgenden immer zitiert als WYC.

174 Bhabha, Homi: "DissemiNation: time narrative, and the margins of the modern nation." In: Ders. (Hrsg.): Nation and Narration. London 1990. S. 319.

175 Blixen, Karen: Out of Africa. London 1954. (Erstausgabe: 1937). S. 83.

176 Chennells, Anthony: Colonial Woman, Colonized Woman: Doris Lessing and Tsitsi Dangarembga. Unveröffentlichter Vortrag (Humboldt Universität Berlin), Februar 1998. S. 1.

177 Vertreter dieser Richtung sind für den pastoralen Roman C.M. van den Heever oder Pauline Smith und für den antipastoralen Roman Olive Schreiner. "The great antipastoral writer in South Africa ist Olive Schreiner (1855-1920). The Farm of Olive Schreiners The Story of an African Farm, like the farm of pastoral, seems to lie outside history, outside society. But this is true only to the extent that the Cape Colony itself lies outside history; otherwise the farm mimics the idleness, ignorance, and greed of colonial society. To Schreiner the Cape Colonie, and perhaps all colonies, are in truth anti-Gardens, dystopias." Coetzee, J.M.: White Writing. On the Culture of Letters in South Africa. New Haven 1988. S. 4. Zu Olive Schreiner vgl. a. McClintock, Anne: Imperial Leather. Race, Gender and Sexuality in the Colonial Contest. New York 1995. Insbesondere Kapitel 7.

178 Coetzee, J.M.: White Writing. On the Culture of Letters in South Africa. New Haven 1988. S. 7.

179 Charles entspricht auch dem von Terence Ranger beschriebenen Siedlertyp, der zunächst nur davon träumte Landgüter zu besitzen, dann aber zum Gentlemanfarmer werden sollte. "It was [...] assumed that English-speaking 'farmers' would be gentleman farmers, not working on the land themselves, but drawing on their neo-traditional powers of command in order to manage labour." Ranger, Terence: The Invention of Tradition in Colonial Africa. In: Hobsbawn, Eric, Terence Ranger (Hrsg.): The Invention of Tradition. Cambridge 1993. (Erstausgabe: 1983). S. 218.

180 Jones, Eldred D.: "Land, War & Literature in Zimbabwe: A Sampling." New Trends and Generations in African Literature Today. 20, 1996. S. 53.

181 Kinsey, Bill: "Land Reform, Growth and Equity: Emerging Evidence from Zimbabwe's Resettlement Programme." Journal of Southern African Studies. 25/2, 1999. S. 174.

182 In Ermangelung einer deutschen Übersetzung verwende ich hier den englischen Term, der Ansiedler ohne rechtlichen Titel bezeichnet.

183 Zu Landenteignung vgl. International Commission of Jurists (Hrsg.): Racial Discrimination and Repression in Southern Rhodesia. London 1976. David Lan macht deutlich, daß erst durch die Landenteignung die Kolonialisten als klare Gefahr wahrgenommen wurden. "[W]hen the first British settlers arrived and began their search for gold, the Shona were happy to supply them with agricultural produce and the early years were a time of successful and profitable trade. It seems likely that it was only when the white settlers began to take over the fertile land by force and to use the law to turn the terms of trade against the indigenous cultivators that the categorization of the newly available commodities as dangerous began to occur." Lan, David: "Resistance to the present by the past: mediums and money in Zimbabwe." In: M. Bloch J. Pawy (Hrsg.): Money and the Morality of Exchange. Chicago 1989. S. 205.

184 Vgl. dazu das Kapitel "Nehanda als Heldin und Nehanda als Person. Die Konstruktion des Spirit Mediums Ambuya Nehanda".

185 Sam Moyo führt aus, daß die Angst vor einem durch eine staatliche Landreform ausgelösten Wirtschaftskollaps unbegründet ist. Vgl. dazu Moyo, Sam: "The Political Economy of Land Acquisition and Redistribution in Zimbabwe, 1990-1999." JSAS . 26/1, März 2000. S. 5-28. Noch heute sind 70% des fruchtbaren Lands im Besitz von Weißen. Eines der brisantesten politischen Themen ist in Zimbabwe daher die Verteilung des Ackerlandes. Vgl. dazu: Doerfler, Cordula: "Weißes Land in schwarzer Hand." die tageszeitung . 7. Januar 99. S. 13. In einem Gespräch zwischen Ifi Amadiume und Nzinga verdeutlicht die afro-karibische Wissenschaftlerin Nzinga, daß nach Meinung vieler Zimbabwer der Bürgerkrieg im Grunde sein Ziel verfehlt hat. "[T]he issue for which African people fought and died has not been resolved; the revolution is not complete because people did not get back the land." Amadiume, Ifi und Nzinga: "Culture and Liberation in Zimbabwe: African Women in Conversation." In: Davies, Carol Boyce (Hrsg.): Moving Beyond Boundaries. Black Women's Diasporas. Vol. 2. London 1995. S. 46. Auch die sich seit 1999 immer weiter zuspitzende politische Lage in Zimbabwe ist darauf zurückzuführen, daß die Regierung Mugabe es versäumt hat, die Landfrage zu klären. Nach dem Krieg sind eine Reihe von Kämpfern eigene Wege gegangen. Vgl. dazu Nyathi, Andrew, John Hoffman: Tomorrow is built Today. Harare 1990. Im Mittelpunkt dieser Autobiographie steht ein Junge vom Land, der erst Gewerkschaftler, dann Student und schließlich Guerillakämpfer war. Der Text erzählt von der Isolation der Kämpfer, die darauf warteten, daß die politische Riege über ihr Schlicksal entscheidet. Dabei hat sich eine Gruppe überlegt, einen eigenen Weg einzuschlagen. Sie gründen Simukai, eine regierungsunabhängige Farmerkollektive - und sind damit erfolgreich.

186 MaMoyos Befürchtungen sind nicht ganz unbegründet, denn die Ungleichbehandlung von Mädchen und Jungen ist enorm und vor allem auf dem Land ist die formale Erziehung keineswegs gesichert. Schon gar nicht für die Mädchen. Vgl. dazu Gordon, Rosemary: "Education Policy and Gender in Zimbabwe." Gender and Education. 6/2, 1994. S. 131-139.

187 Zu Namen vgl. u. a. Butler, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts . Frankfurt a.M. 1997. (Am. Erstausgabe: 1993). Sie zeigt, wie in der erzählenden Dichtung von Willa Cather der Name der Sitz der Identifizierung von Gender und (Homo-)Sexualität ist. Dabei wird deutlich, daß aufgrund der durch Heirat erfolgenden Namensänderung bei Frauen und der damit einhergehenden Zugehörigkeit zu einer bestimmten Familie die "Enteignung [des Namens] die Bedingung der Identität für Frauen [ist]. Identität wird geradezu in der und durch die Übertragung des Namens gesichert, durch den Namen als einem Ort der Übertragung oder Ersetzung". (Ebd. S. 214.) Sicher muß zwischen Gender und Race genau differenziert werden, doch Butlers Aussage gilt in gewisser Hinsicht auch für James, denn seine Taufe ist ein deutlicher Hinweis auf seinen Status als sog. Squatter auf einer Farm. Denn auch Sklaven wechseln im allgemeinen mit jedem neuen Eigentümer ihre Namen und diese Namen verweisen auf die neuen Besitzer.

188 Gaidzanwa, Rudo: "Land and the Economic Empowerment of Women: A Gendered Analysis." SAFERE. 1/1, 1995. S. 3. Zu Frauen und Land in Zimbabwe vgl. a. Moyo, Sam: "A Gendered Perspective of the Land Question." SAFERE. 1/1, 1995. S. 13-31. Einen Überblick über Frauen und Land in Afrika gibt Made, Patricia A.: "Women and Desertification: Tillers of the land, keepers of kowledge." SAFERE. 1/1, 1995. S. 32-38.

189 Zur Gerichtsbarkeit in Zimbabwe vgl. May, Joan: Zimbabwean Women in Customary and Colonial Law. Gweru 1983.

190 Butler, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts . Frankfurt a.M. 1997. (Am. Erstausgabe: 1993). S. 251.

191 Shaw, Drew: "Transgressing Traditionel Narrative Form." In: Veit-Wild, Flora, Anthony Chennells (Hrsg.): Emerging Perspectives on Dambudzo Marechera. Trenton 1999. S. 11

192 Schipper, Mineke: Imagining Insiders: Africa and the Question of Belonging. London 1999. S. 52.

193 Zum Bild der Weißen in der zimbabwischen Literatur vgl. Gaidzanwa, Rudo: Images of Women in Zimbabwean Literature . Harare 1985.

194 Theweleit, Klaus: Männerphantasien. Bd.1. Frauen, Fluten, Körper, Geschichte . München 1995. (Erstausgabe: 1977). S. 311.

195 Ebd. S. 312.

196 Vgl. dazu Said, Edward W.: Orientalism. Western Conceptions of the Orient. London 1995. (Erstausgabe: 1978) und ders.: Culture and Imperialism . London 1993. Auch Elleke Boehmer geht es darum, den Zusammenhang zwischen Textualität und Imperialismus aufzudecken. Vgl. Boehmer, Elleke: Colonial and Postcolonial Literature. Migrant Metaphors. New York 1995.

197 Chennells, Anthony: Colonial Woman, Colonized Woman: Doris Lessing and Tsitsi Dangarembga. Unveröffentlichter Vortrag (Humboldt Universität Berlin), Februar 1998. S. 2.

198 Theweleit, Klaus: Männerphantasien. Bd.1. Frauen, Fluten, Körper, Geschichte . München 1995. (Erstausgabe: 1977). S. 303.

199 Auch das andere Ehepaar der Erzählung, MaMoyo und James, vollzieht stets eine Bewegung der Abwendung. Vgl. dazu das Kapitel "Gender und die Identifizierung mit Land".

200 Barsby, Tina: "Olive Emilie Albertina Schreiner." In: Conolley Benson (Hrsg.): Encyclopedia of Post-Colonial Literature in English. Vol. 1 und 2. London 1994. S. 1419.

201 Vor allem Olive Schreiner ist, so Anne McClintock, in dieser Hinsischt herausragend. "[I]n all her writings and political work, Schreiner took the contradictions of colonialism and women's situation under colonialism to the very edge of historical transformation." McClintock, Anne: Imperial Leather. Race, Gender and Sexuality in the Colonial Contest. New York 1995. S. 295.

202 Chennells, Anthony: Colonial Woman, Colonized Woman: Doris Lessing and Tsitsi Dangarembga. Unveröffentlichter Vortrag (Humboldt Universität Berlin), Februar 1998. S. 2. Auch Coetzee verweist darauf, daß Schreiners The Story of an African Farm einer der wenigen Texte aus der Kolonialzeit ist, der sich einem pastoralen, die ländliche Idylle der Kolonie verklärendem Blick verweigert. Für Coetzee ist Olive Schreiner ein "great antipastoral writer". Vgl. dazu Coetzee, J.M.: White Writing. On the Culture of Letters in South Africa. New Haven 1988. S. 4ff.

203 Schreiner, Olive: The Story of an African Farm. London 1995 (Engl. Erstausgabe: 1883). S. 191.

204 Sander Gilman zeigt, daß die "Figur des schwarzen Dieners in der europäischen Kunst allgegenwärtig" ist. Der "schwarze Diener [diente] in der darstellenden Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts vor allem als Agent der Sexualisierung der jeweiligen Gesellschaft [...], in der er sich befand." Egal ob weiblich oder männlich markierte sie "den Höhepunkt sexueller Aktivität". Gilman, Sander: Rasse, Sexualität und Seuche. Stereotype aus der Innenwelt der westlichen Kultur . Reinbek 1992. S. 121. Sowohl bei Lessing als auch bei Vera wird das Potential dieses Stereotyps genutzt.

205 Lessing, Doris: The Grass is Singing. Oxford 1997 (Engl. Erstausgabe: 1950). S. 229. Im Folgenden immer zitiert als GS.

206 Hopper, Myrtle: "Madness and the Store: Representing of Settler Society in Doris Lessing's The Grass is Singing and Daphne Rooke's A Grove of Fever Trees." Current Writing. 8, 1996.S. 71.

207 In Bezug auf die Frage nach Race und Sex gibt es eine interessante Studie von Treasa Galvin. Sie zeigt wie Ehen zwischen Partern unterschiedlichem Race oder Herkunft im neuen (unabhängigen) Zimbabwe zurechtkamen. Denn nach der Unabhängigkeit ermutigte die Regierung alle Zimbabwer zurückzukehren. Oftmals kamen diese mit ihren Ehepartnern und Kindern, die nicht nur einer anderen Nation, sondern auch einer anderen Race angehörten. Die Machtstrukturen in den Ehen mußten in dieser neuen Umgebung neu verhandelt werden. Vgl. Galvin, Treasa: "Re-Negotiating the Martial Power Structure - The Case of Inter-Racial/Ethnic Marriages in Zimbabwe." Zambezia. 24/2, 1997. S. 125-146.

208 Chennells, Anthony: Colonial Woman, Colonized Woman: Doris Lessing and Tsitsi Dangarembga. Unveröffentlichter Vortrag (Humboldt Universität Berlin), Februar 1998. S. 8.

209 Ebd.

210 Ebd.

211 Dine, Phillip: "The formal Implications of Anti-Colonialist Commitment: Comparison of Doris Lessing's The Grass is Singing and Ketab Yacine's Nedjma." In: Andrew Morrison Emanuel Ngara (Hrsg.): Literature, Language and the Nation. Harare 1989. S. 31.

212 Zur Sprachsituation in Zimbabwe vgl. u. a. Mutasa, D.E.: "The Language Situation in Zimbabwe with Special Reference to the Sociological, Orthographical and Linguistic Problems of Minority Language Groups." South African Journal of Linguistics. 13/2, 1995. S. 87-92.

213 Hier handelt es sich sicherlich um den englischen Maler Joseph Mallord William Turner (1775-1851), der vor allem weite und tiefe Landschaften, unterschiedliche Situationen des Wetters und später visionäre Darstellungen ohne feste Gegenstände malte. Ein Maler der aufgrund seiner Naturdarstellungen für Nora höchst interessant ist. Der Name Turner verweist verweist darüber hinaus auch auf Doris Lessings The Grass is Singing , denn hier heißt das Siedlerehepaar Turner.

214 Chennells, Anthony: Colonial Woman, Colonized Woman: Doris Lessing and Tsitsi Dangarembga. Unveröffentlichter Vortrag (Humboldt Universität Berlin), Februar 1998. S. 5.

215 Oft wird übersehen, daß weiße Frauen, selbst wenn sie ihren Ehemännern untergeordnet waren, in einer kolonialen Gesellschaft über Macht und Verfügungsgewalt verfügten und ebenso wie ihre Männer Teil des Herrschaftssystems waren. Die Verschwesterungsbemühungen von weißen Frauen mit Schwarzen Frauen sind daher im höchsten Maße problematisch. Zumeist übersehen weiße Frauen, daß sie eine andere (mächtigere) Position in einer Gesellschaft einnehmen können als Schwarze Frauen. Frauen sind nicht per se Opfer, sondern agieren auch aufgrund ihrer Zuordnung von Race. Zu diesem Thema vgl. u. a. beiträge zur feministischen theorie und praxis: Geteilter Feminismus. Rassismus Antisemitismus Fremdenhaß . 27, 1990; Hügel, Ika, et al. (Hrsg.): Entfernte Verbindungen. Rassismus Antisemitismus Klassenunterdrückung . Berlin 1993 und Morrison, Toni: Playing in the Dark. Whiteness and the Literary Imagination. Cambridge 1992.

216 Coetzee, J.M.: White Writing. On the Culture of Letters in South Africa. New Haven 1988. S. 7.

217 An dieser Stelle ergibt sich eine interessante Parallele zu Margaret Atwoods Erzählung Death by Landscape . Hier malt eine Frau Landschaften, auf denen immer eine in ihrer Jugend verstorbene Freundin auftaucht, beziehungsweise stets verborgen bleibt. Diese Freundin war von einem Berg gestürzt, den beide hochkletterten. Lois kann ihre abgestürzte Freundin nicht zeichnen, obwohl sie überall auf den Bildern zu sehen ist. Ähnlich wie Nora findet sie keine Form der Darstellung. Damit sind die Bilder ein steter Hinweis auf den innerern Konflikt. "She looks at the paintings, she looks into them. Every one of them is a picture of Lucy. You can't see her exactly, but she's there, behind the pink stone island or the one behind that. In the picture of the cliff she is hidden by the clutch of fallen rocks towards the bottom, in the one of the river shore she is crouching beneath the overturned canoe." Atwood, Margaret: Wilderness Tips. New York 1991. (Erstausgabe: 1989). S. 118. Da Yvonne Vera lange Zeit in Kanada gelebt hat, ist es wahrscheinlich, daß sie Margaret Atwoods Texte kennt.



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29.01.2004