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Einführung

Jeder Organismus befindet sich in einer ständigen Auseinandersetzung mit seiner Umwelt. Insbesondere Parasiten, Bakterien und Viren, welche die körperliche Integrität des Organismus stören, stellen eine große Bedrohung dar. Im Verlauf der Evolution hat sich ein System von hochspezialisierten Zellen gebildet, das imstande ist, Mikroorganismen innerhalb des Körpers zu erkennen, zu bekämpfen und abzutöten. Dieses System wird Immunsystem genannt.

Wesentlich für dieses Immunsystem ist die Unterscheidung von lebensnotwendigem „Selbst“ und potentiell schädlichem „Fremd“. Diese Unterscheidung wird von dem Immunsystem meist effizient bewerkstelligt.

Bei einigen Individuen missdeutet das Immunsystem jedoch körpereigene Strukturen als fremd. Dieses Ereignis, bei welchem gesundes, unter Umständen lebensnotwendiges Gewebe zerstört wird, wird „Autoimmunität“ genannt.

Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes mellitus Typ 1, rheumatoide Arthritis oder multiple Sklerose (MS) werden zu dem Formenkreis der Autoimmunkrankheiten gezählt. Jedoch sind die Gründe für das Entstehen von Autoimmunität größtenteils noch unbekannt.

Da beobachtet wurde, dass Infektionen dem Auftreten der Autoimmunität häufig vorangehen, wird ein Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen vermutet. Andererseits werden in von autoimmunen Prozessen geschädigtem Gewebe meist keine Erreger gefunden. Deswegen wird angenommen,dass die Infektion das Immunsystem fehlleitet. Es gibt, neben anderen, zwei Hypothesen, die den Wirkmechanismus einer solchen Fehlleitung zu erklären versuchen: Zum einen die Hypothese der „molekularen Mimikry“, die besagt, dass bestimmte Infektionserreger körpereigenen Strukturen ähnlich sehen und so das Immunsystem fehlleiten. Zum zweiten die Hypothese der „Bystander-Aktivierung“. Diese besagt, dass autoreaktive T-Zellen T-zellrezeptorunabhängig stimuliert werden können, wenn andere Zellen sie durch Zytokine aktivieren, die bei einer Infektion freiwerden.

Das Ziel dieser Studie ist die Untersuchung dieser Hypothesen.


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1.1  Historischer Abriss

Die Erforschung des Immunsystems begann mit der Erkenntnis, dass nach Überleben gewisser Krankheiten ein lebenslanger Schutz vor diesen Krankheiten besteht. Diese Erkenntnis nutzte Jenner 1796 zur Entwicklung der Pockenvakzinierung. Nach der Entdeckung und Erforschung der Pathogenität der Bakterien durch Robert Koch im Jahre 1876 am Beispiel des Milzbrandes gelang es Pasteur, eine zweite Impfung gegen die von Viren übertragende Tollwut zu entwickeln. Obwohl diese mit den im Folgenden entwickelten Impfungen große Erfolge beim Induzieren einer spezifischen Immunantwort darstellten, geschah dies ohne genaues Verständnis des Immunsystems.

Interessanterweise kam es schon bei der von Pasteur entwickelten Vakzinierung gegen Tollwut zu den Impfzwischenfällen, aus denen schließlich das Modell entwickelt wurde, auf dem diese Arbeit beruht[1].

Die Frage war, ob das Erkennen von körperfremden Substanzen angeboren sei, oder ob es sich im Laufe einer Immunreaktion erst entwickelt. Das System, welches „anpassungsfähige“ Immunantworten hervorruft, wurde in dem Begriff „adaptive Immunität“ im Gegensatz zur „angeborenen Immunität“ zusammengefasst. Man erkannte, dass der Grund bei der Entwicklung von Immunität nicht allein in dem Vorhandensein einer ererbten „Kenntnis“ aller pathogenen Organismen liegen kann, sondern dass es ein flexibles und wandelbares System geben muss, da unzählige Krankheitserreger vorkommen, gegen die sich Immunität entwickeln kann, und da industrielle Substanzen, die wahrscheinlich im Verlauf der Evolution noch nie eine wesentliche Rolle spielten, wie p-Phenylendiamin oder Nickelsulfat, trotzdem eine starke Immunantwort hervorrufen können.

Besonders zwei Hypothesen zur adaptiven Immunität wurden diskutiert: Die erste wurde personifiziert durch Emil von Behring und Shibasabaro Kitasato, die zeigen konnten, dass man einen Schutz vor Krankheiten durch das Übertragen von Blutserum von einem Individuum auf ein anderes übertragen kann. Nach diesen Befunden sollten lösliche Substanzen in Blut und anderen Körperflüssigkeiten, sogenannte Antikörper, für den Schutz gegen Fremdorganismen verantwortlich sei (sogenannte „humorale Immunität“)[2]. Die Erkenntnisse, die man bei der Untersuchung dieses Phänomens gewann, konnten bei der Entwicklung von passiven Immunisierungen durch körperfremdes Serum weiterentwickelt werden.


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Auf der anderen Seite vertrat Elie Metchnikoff die These, das Immunität durch spezialisierte Zellen vermittelt werde (sogenannte „zelluläre Immunität“). Er stützte sich auf seine Entdeckung von Zellen, die in der Lage sind, Bakterien aufzunehmen („phagozytieren“) und abzutöten[3].

1903 wurde schließlich von Almroth Wright die Verbindung beider Systeme durch Entdeckung der Phagozytose anregende („opsonierende“) Wirkung von Antikörpern vorgenommen[4]. Dennoch wird aus systematischen Gründe die Einteilung beibehalten.

Die Prinzipien der humoralen und der zellulären Immunität kommen sowohl in der angeborenen wie auch in der adaptiven Immunität vor: Zur angeborenen, humoralen Immunität werden beispielsweise die im Serum gelösten Komplementfaktoren gezählt, die in der Lage sind, Bakterien zu zerstören, wenn an diese Antikörper gebunden haben. Zur adaptiven, humoralen Immunität werden die Antikörper gezählt. Solche Antikörper werden nach einer Infektion von B-Lymphozyten (im Folgenden kurz B-Zellen genannt) produziert, wobei die B-Zellen im Verlauf einer solchen Infektion die Antikörper laufend verändern. Da gleichzeitig nur die B-Zellen überleben, deren Antikörper besonders gut an das Antigen binden, entstehen Antikörper, die mit hoher Spezifität an die Infektion verursachenden Mikroben binden. Die Fremdorganismen werden dann beispielsweise durch das Komplementsystem oder durch Makrophagen unschädlich gemacht.

Das Korrelat der zellulären Form der adaptive Immunität sind besonders die T-Zellen, die direkt Zellen zerstören, die von Viren oder intrazellulären Mikroben befallen oder maligne entartet sind, oder die andere Zellen, wie zum Beispiel B-Zellen und Makrophagen, aktivieren und somit eine Immunantwort induzieren können.

Während des Zweiten Weltkrieges untersuchte PeterMedawar das System der zellulären Immunität genauer, da man hoffte, bei Bombenopfern mit schweren Brandverletzungen Hauttransplantationen durchführen zu können. Das Hauptproblem solcher Transplantationen stellt die rasche Abstoßung der Transplantate dar[5].

Medawar stellte fest, dass Haut, die einer Maus entnommen wurde und dieser Maus an einer anderen Stelle transplantiert wurde (sogenannte autogene Transplantation), an dieser Stelle anwuchs, während Haut, die einer anderen Maus (sogenannte allogene Transplantation) transplantiert wurde, bald darauf abgestoßen wurde. Dies geschah aber nicht, wenn die Mäuse sehr nah verwandt waren, wie dies bei Inzuchtstämmen der Fall ist (sogenannte syngene Transplantation). Man entdeckte aufgrund dieser Erkenntnisse die Moleküle, welche für das Abstoßen der Haut verantwortlich sind, und [Seite 10↓]nannte sie Haupthistokompatibilitätsantigene (major histocompatibility complex, MHC). Im Verlauf weiterer Studien entdeckte man die zentrale Rolle dieser Moleküle bei der Infektabwehr. Diese Moleküle sind in der Lage, Peptide zu binden[6,7,8], je nach Typ des MHC-Moleküls entweder aus dem Zytosol (MHC-Klasse I) oder aus Endosomen (MHC-Klasse II).

Die Komplexe von Peptid und MHC-Molekül werden an der Zelloberfläche präsentiert.

T-Zellen können an diese Komplexe binden. Diese Bindung ist notwendig für die Aktivierung und die Proliferation dieser Zellen, aber nicht ausreichend[9].

Es wurde klar, dass jeder T-Zellrezeptor eine andere Kombination von Peptid und MHC Molekül erkennt[10]. Diese Vorgänge entstehen durch Rekombination verschiedener Gensequenzen des T-Zellrezeptors, ein Vorgang, der in vielem der Rekombination von Gensequenzen der antikörperproduzierenden B-Zellen ähnelt.

Da die T-Zellen somit spezifisch mit ihrem T-Zellrezeptor an Peptide binden, die an Strukturen des angeborenen Immunsystems gebunden sind, kann man diese Synapsen als eine zentrale Verknüpfung des „angeborenen“ mit dem „adaptiven“ Immunsystems ansehen. In Übereinstimmung mit dieser Sichtweise nehmen die CD4+-T-Lymphozyten (im Folgenden kurz CD4+-T-Zellen genannt) eine zentrale Rolle gerade bei der Vermittlung zwischen den beiden Teilen des Immunsystems und bei der Entstehung von Immunität insgesamt ein.

1.2 MHC-Moleküle und deren Aufgabe

Um diese wichtige Synapse des Immunsystems darzustellen, wird der Aufbau der MHC-Moleküle kurz beschrieben.

Die MHC-Moleküle bestehen aus einer kurzen intrazellulären, einer Transmembran- und einer Extrazellulärdomäne. Die Extrazellulärdomaine bildet eine Grube, in welche sich Peptide lagern können. Allerdings lagert nicht jedes Peptid in jeder Bindungsgrube, sondern Peptide mit bestimmten Aminosäuren an bestimmten Positionen (sogenannte Ankerpositionen) haben eine höhere Affinität zu den MHC-Molekülen und werden somit bevorzugt präsentiert (siehe Abbildung 1).

Da jedoch nur etwa zwei Positionen sogenannte Ankerpositionen sind[6,7,8], die Peptide aber bis zu 10 Aminosäuren bei MHC-I Molekülen und bis zu 15 Aminosäuren bei MHC-II lang sein können, werden sehr viele verschiedene Peptide präsentiert (bei [Seite 11↓]einer Länge der Peptide von 12 Aminosäuren ergäben sich 208=1013 theoretisch mögliche Peptide, wenn zwei Positionen als Ankerpositionen konserviert sind).

Es gibt zwei Klassen von MHC Molekülen. MHC-I Moleküle werden im wesentlichen von jeder kernhaltiger Körperzelle exprimiert. Nach der Translation der mRNA wird das Protein im Zytosol mit endogenen Peptiden beladen und an der Oberfläche präsentiert. Peptide aus dem Zytoplasma der Zelle gelangen so an die Zelloberfläche. Befinden sich Peptide in der Zelle, die beispielsweise viralen Ursprungs sind, können diese von CD8+-T-Lymphozyten (im Folgenden kurz CD8+-T-Zellen genannt) erkannt und die Zelle zerstört werden. Somit ist die Präsentation von Peptiden auf MHC-I-Molekülen für die Bekämpfung von intrazellulären Infektionen oder neoplastischen Zellen essentiell. Außerdem können MHC-I Moleküle über sogenannte Kreuzpräsentation beladen werden[11,12]. Dieser Weg kommt beispielsweise bei dendritischen Zellen oder Makrophagen vor, die auf diesem Weg naive CD8+ T-Zellen aktivieren können. MHC-II Moleküle werden normalerweise ausschließlich auf spezialisierten Zellen exprimiert. Diese Zellen werden antigenpräsentierende Zellen genannt. Nach der Translation der mRNA werden die MHC-II Moleküle in die Endosomen transportiert, wo sie mit Peptiden beladen werden, die durch Verdauung von extrazellulär aufgenommenen Proteinen entstehen. Somit kommen von Bakterien oder anderen Mikroorganismen, die von den antigenpräsentierenden Zellen phagozytiert wurden, Peptide an die Oberfläche. Diese können von CD4+ T-Zellen erkannt werden, wodurch diese dann wiederum eine starke Immunantwort fördern. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass eine Immunantwort auch über solche CD4+ T-Zellen gehemmt werden kann[13,14]. CD4+ T-Zellen stellen dadurch eine Schlüsselrolle der Immunantwort dar. Sie aktivieren B-Zellen und Makrophagen, die auf diese Weise extrazelluläre Infektionen bekämpfen oder über Kreuzpräsentation, wie oben erwähnt, CD8+ T-Zellen aktivieren können.

Die MHC Klasse 1 Moleküle besitzen eine Bindungsstelle für CD8 und die MHC Klasse 2 Moleküle eine Bindungsstelle für CD4 Oberflächenantigene. Da die Bindung von CD4 oder CD8 an den entsprechenden MHC-Komplex essentiell für die Aktivierung der T-Zellen durch den T-Zellrezeptor ist, werden CD4+ Zellen durch MHC-II Moleküle, CD8+ Zellen aber durch MHC-I Moleküle aktiviert.


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Abbildung 1 Schema der Bindung eines Peptides an MHC-II-Molekül und einen T-Zellrezeptor einer CD4 + T-Zelle. Dargestellt ist das MHC-II-Molekül der antigenpräsentierenden Zelle (APC), an die das Peptid an bestimmten Ankerpositionen in der Bindungsgrube des Moleküls gebunden ist. Auf der anderen Seite geht das Peptid auch Bindungen mit dem T-Zellrezeptor (TCR) der T-Zelle ein. Die Bindung wird noch verstärkt, da ein CD4-Molekül der T-Zelle an das MHC-II-Molekül bindet. Zur Vereinfachung sind andere kostimulatorische Moleküle weggelassen. In der Realität geht das MHC-Molekül auch eine direkte Verbindung mit dem T-Zellrezeptor ein.

1.3  Die Reifung der T-Zellen

Auf der Seite des adaptiven Immunsystems muss ein funktionsfähiger T-Zellrezeptor auf den T-Zellen exprimiert werden, damit Peptide auf den MHC-Molekülen erkannt werden können.

Die Ursprungszellen der T-Zellen liegen im Knochenmark. Aus diesen differenzieren sich unreife Thymozyten, die zu diesem Zeitpunkt negativ für die Expression von T-Zellrezeptor, CD4 oder CD8 sind. Diese Zellen wandern in den Thymus ein. Dort werden die verschiedenen Abschnitte des Genoms, die für den T-Zellrezeptors kodieren, neu kombiniert. Diesen Vorgang nennt man „Rearrangement“.

Der T-Zellrezeptor der αβ-T-Zellen besteht aus einer α- und einer β-Kette. Die Gene der α-Kette besteht aus 3 Regionen (der V, J und der C Region), die Gene β-Ketten noch zusätzlich aus D Regionen. Jede dieser Regionen ist nicht nur einmal kodiert, sondern die Regionen sind hintereinander mit Abweichungen bis zu 75 mal (Va Gene bei der Maus) wiederholt kodiert. Bevor eine T-Zelle reifen kann, wird eine zufällige V-Kette mit jeweils einer anderen, zufällig ausgewählten J, D und C Kette verknüpft. Aufgrund der zufälligen Koppelung der Gene („Rearrangement“) entsteht auf jeder T-Zelle ein anderer T-Zellrezeptor.Während dieses Rearrangements, welches von den Produkten [Seite 13↓]der „rearrangement activating genes“ (RAG) abhängt, wird zuerst eine β-Kette des T-Zellrezeptors exprimiert und an der Oberfläche präsentiert[15,16,17]. Werden funktionale β-Ketten an der Zelloberfläche in Verbindung mit CD3 präsentiert, wird das Rearrangement des anderen Alleles eingestellt. Dieser Vorgang wird allele Exklusion genannt und verhindert das Entstehen zweier funktionaler T-Zellrezeptoren auf einer T-Zelle.

Diese Expression ist notwendig für die nun folgende Expression von CD4 und CD8 an der Oberfläche. Bei diesen doppeltpositiven T-Zellen folgt das Rearrangement der α-Kette und damit die Expression eines kompletten αβ T-Zellrezeptors.

Bindet der exprimierte T-Zellrezeptor an MHC-I Moleküle, wird nun ausschließlich CD8 exprimiert[18], umgekehrt wird nur CD4 exprimiert, wenn MHC-II Moleküle gebunden werden[19,20,21].

Ist der exprimierte T-Zellrezeptor unfähig, an MHC-Moleküle zu binden, stirbt die T-Zelle durch Apoptose ab.

Auf den Thymusepithelzellen werden Selbstpeptide an MHC-Moleküle gebunden präsentiert. Außerdem wandern antigenpräsentierende Zellen aus der Peripherie in den Thymus ein und präsentieren Selbstpeptide aus der Peripherie. Binden T-Zellen mit sehr hoher Affinität an solche Komplexe, sterben auch diese durch Apoptose ab. Diese beiden Vorgänge, negative Selektion genannt, scheint über verschiedene Wege vermittelt zu werden, so über CD30[22], CD40-CD40L und auch teilweise über CD95[23,24].

Nur bei T-Zellen, deren T-Zellrezeptor mit mittlerer Affinität an die MHC-Moleküle der Thymusepithelien bindet, findet keine Apoptose statt. Dies nennt man positive Selektion.

Nach der Reifung im Thymus gelangen die T-Zellen in den Blutkreislauf und in die sekundären Lymphorgane wie Lymphknoten, Milz und Leber. Dort kommen sie mit antigenpräsentierenden Zellen (APC) in Kontakt, die auf ihren MHC-Molekülen Peptide von Proteinen präsentieren, die von den APC bei ihrer Wanderung durch das nichtlymphatische Gewebe aufgenommen wurde.

T-Zellen aus dem Thymus, die von APC aktiviert werden, werden zu sogenannten Effektorzellen. Sie wandern jetzt aus den Lymphknoten in die Peripherie, wo CD8+ Zellen in der Lage sind, Zellen, die das entsprechende Peptid auf ihrer Oberfläche präsentieren, zu töten.


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Allerdings sterben T-Zellen auch in der Peripherie ab, wenn sie zu stark aktiviert werden. Dieser sehr wichtige, aktivierungsinduzierter Zelltod genannte Prozess, ist abhängig von der Expression des Apoptosemoleküls CD95 (Fas) auf der Oberfläche der T-Zellen. Die Relevanz der negativen Selektion erkennt man bei Mäusen, bei denen das Gen für CD95 ausgeschaltet ist[25]. Diese Mäuse entwickeln schwere, dem Lupus erythematodes ähnliche Autoimmunkrankheiten.

Die Rolle der CD4+ Zellen liegt darin, mithilfe von Zytokinen oder durch direkten Kontakt von Oberflächenmoleküle andere Zellen des Immunsystems zu aktivieren. B-Zellen werden zur Produktion von Antikörpern angeregt, und Makrophagen können beispielsweise nach Aktivierung durch CD4+ T-Zellen intrazelluläre Mykobakterien abtöten.

Aus aktivierten T-Zellen können Gedächtniszellen entstehen, die durch ihre lange Lebensdauer und durch ihre erhöhte Reaktivität eine wichtige Rolle bei der Abwehr erneut auftretender Infektionen spielen. Vieles über deren Entstehen ist allerdings noch unklar, und bis vor wenigen Jahren wurde sogar vermutet, dass T-Zellgedächtnis nur entsteht, da spezifische T-Zellen in höherer Frequenz vorkommen und dass dieser Effekt von der stetigen Reaktivierung der T-Zellen, also von persistierenden Infektionen, abhängt[26] . Es gelang aber, CD4+-Gedächtniszellen nach Zelltransfer in MHC-II-Klasse defizienten Mäusen nachzuweisen, wo eine Reaktivierung der T-Zellen unmöglich sein sollte[27,28]. Somit scheinen T-Gedächtniszellen in vivo vorzukommen.

1.4 Autoimmunkrankheiten

Ohne das Immunsystem ist komplexeres Leben nicht vorstellbar. Doch obwohl es bei den meisten Individuen zu einer kompetenten Abwehr von gefährlichen Organismen kommt, und körpereigene Strukturen nicht nachhaltig durch die Immunreaktionen beeinträchtigt werden, gibt es Krankheiten, bei denen alles darauf hindeutet, dass sie durch eine fehlgeleitete Immunantwort hervorgerufen sind.

Eine Unterteilung der Autoimmunkrankheiten kann in organspezifisch und systemisch manifestierte Krankheiten erfolgen.

Unter systemischen Autoimmunkrankheiten versteht man Krankheiten, die sich nicht nur an einzelnen Organen manifestieren, sondern vielfältige Schädigungen des gesamten Organismus hervorrufen. Typisch für diese Gruppe ist der systemische Lupus erythematodes (SLE). Diese Krankheit wird dementsprechend nicht durch ein einzelnes [Seite 15↓]Symptom oder eine spezifische Pathologie diagnostiziert, sondern es müssen verschiedene Befunde vorhanden sein. Typisch für systemischen Lupus erythematodes sind die Antikörper gegen doppelsträngige DNS, die aber nicht bei allen Patienten auftreten. Dementsprechend ist umstritten, inwieweit diese Antikörper ätiologisch für SLE verantwortlich sind oder inwieweit sie nur ein Epiphänomen darstellen.

Auf der anderen Seite stehen die organspezifischen Autoimmunkrankheiten. Zu diesen werden Diabetes mellitus Typ 1, rheumatoide Arthritis oder multiple Sklerose gezählt. Bei all diesen Krankheiten ist hauptsächlich ein Organ betroffen, und es lassen sich bei zumindest einigen dieser Pathologien organspezifische Abwehrreaktionen wie spezifische Antikörper oder autoreaktive T-Zellen finden.

1.5  Hypothesen zum Entstehen von Autoimmunität

Da bisher spezifische Erreger innerhalb der Läsionen der obengenannten Krankheiten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnten, wird als Ursache ein autoreaktiver Prozess diskutiert. Ein sehr wesentlicher Faktor, welcher auf die Schlüsselrolle von Lymphozyten bei Autoimmunkrankheiten hindeutet, sind Transferexperimente, bei welchen aktivierte selbstreaktive CD4+ Zellen von einem erkranktem Tier auf ein gesundes Tier[29,30,31,32] oder sogar von einem erkranktem Menschen auf eine immundefiziente Maus[33] übertragen werden. Ein solcher Transfer reicht bei vielen Tiermodellen aus, um Autoimmunkrankheiten hervorzurufen.

Unklar ist, was T-Zellen, die im Thymus nicht der negativen Selektion zum Opfer gefallen sind, in der Peripherie zu aktivierten, autoreaktiven T-Zellen macht.

Im folgenden werden verschiedene Hypothesen dargestellt, die versuchen, dies zu erklären.

1.5.1 Autoantigen wird im Thymus nicht präsentiert

Eine Erklärung für das Vorkommen von autoreaktiven T-Zellen in der Peripherie könnte sein, dass das Peptid, gegen welches die T-Zellen reagieren, überhaupt nicht oder in einer anderen Form im Thymus präsentiert wird. Plausibel erscheint diese Hypothese besonders bei Proteinen, die nur in bestimmten Organen produziert werden, wie dies beispielsweise bei Insulin oder Proteinen des ZNS der Fall ist, oder bei Proteinen, die erst später in der Entwicklung des Individuums, etwa in der Pubertät, exprimiert werden.

Allerdings konnte gezeigt werden, dass medulläre Thymusepithelien auch Proteine exprimieren, die sonst nur in speziellen Organen vorkommen[34]. Durch diese [Seite 16↓]„promiske Expression“ würde somit also auch eine negative Selektion bei T-Zellen stattfinden, die solche Proteine erkennen.

Interessanterweise gibt es bei manchen Menschen einen Gendefekt im sogenannten AIRE-Protein[35,36]. Dieser Defekt führt zur autoimmunen Polyendokrinopathie Typ I. Es konnte gezeigt werden, dass dieser Defekt zu einer verminderten promisken Expression im Thymus führt[37].

Allerdings können auch ohne diesen Defekt Peptide im Thymus in einer anderen Form präsentiert werden als später in der Peripherie. Ein Beispiel hierfür ist das Myelin-basische Protein (MBP). Dieses Protein, das für die Umscheidung der Axone von Gliazellen im zentralen und peripheren Nervensystem (ZNS) exprimiert wird, scheint zusammen mit anderen Proteinen des ZNS eine wichtige Rolle bei der multiplen Sklerose zu spielen.

Das Gen dieses Proteins besteht aus mehreren Exons. Im ZNS von den Oligodendrozyten unter anderem ein an N-terminaler Position azetyliertes MBP-Protein präsentiert. Im Thymus werden jedoch andere Exons transkribiert[38,39]. Bei der multiplen Sklerose wird das MBP-Protein erkannt[40,41].

Als Tiermodell für die multiplen Sklerose gilt EAE (siehe unten), und in vielen dieser Tiermodelle erkennt ein Großteil der autoreaktiven T-Zellen ein Peptid bestehend aus den ersten N-terminalen 9 bis 11 Aminosäuren. Interessant ist, dass diese Peptide nur erkannt werden, wenn sie, genau wie im ZNS, in azetylierter Form präsentiert werden. Es ist vorstellbar, dass die Deletion im Thymus in diesem Fall versagt, weil die Expression des Proteins im Thymus eine andere ist als im ZNS.

1.5.2  Zusammenbruch immunologischer Schranken

Bestimmte Körperregionen sind für das Immunsystem nur eingeschränkt erreichbar, da diese Gewebe durch biologische Schranken abgeschirmt sind. Zu diesen Regionen gehören zum Beispiel das ZNS, das Auge oder die Testes.

Das physiologische Korrelat dieser Schranken sind einmal das Vorhandensein von tight-junctions[42], was unaktivierte Lymphozyten nicht in diese Regionen einwandern lässt. Erst wenn Lymphozyten in der Peripherie aktiviert werden, exprimieren sie Oberflächenmoleküle, mit deren Hilfe sie in die Gewebe eindringen können[43,44].


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Zum anderen werden immunsupprimierende Zytokinen oder Oberflächenmoleküle, wie zum Beispiel TGF-β2 oder FasL[45,46], in diesen Geweben exprimiert, die eine Inflammation hemmen.

Proteine, die ausschließlich innerhalb solcher Organe produziert werden, werden Zellen des Immunsystems unter physiologischen Bedingungen nicht präsentiert.

Autoimmunität könnte aber entstehen, wenn die Schranken dieser Systeme zusammenbrechen. Ein deutlicher Hinweis auf die Relevanz der immunologischen Schranken ist das Vorkommen der sympathischen Ophthalamie. Diese Krankheit entsteht, wenn ein Auge durch Trauma verletzt istund es zu einer immunologischen Reaktion gegen Antigene dieses Auges kommt. Aufgrund dieser immunologischen Reaktion kann es nun zu einer Zerstörung des gesunden Auges kommen, da aktivierte T-Zellen in das Auge einwandern und auch hier gegen die Antigene reagieren.

Ein Durchbrechen der Schranken könnte außerdem bei Infektionen vorkommen, da in diesem Fall die immunstimulatorischen Signale innerhalb dieses Organs immunsupprimierenden Signale, also die immunologische Schranke, überwiegen.

Die Tatsache, dass immunologische Schranken durch Infektionen durchbrochen werden können, konnte in Tiermodellen gezeigt werden[47,48].

Außerdem kann es zwar nach traumatischen oder inflammatorischen Ereignissen zu akuten Demyelinisierungen kommen, ein Zusammenhang zwischen Multipler Sklerose und Enzephalitiden wurde aber bisher noch nicht beschrieben. Vielmehr wird sogar eine Neuroprotektion durch ein vorangegangenes Trauma diskutiert[49,50,51].

Da nach neueren Studien enzephalitogene T-Zellen auch im Blut gesunder Individuem[52,53,54] und sogar im ZNS gesunder Mäuse[55] vorkommen, würde man bei einem Zusammenbrechen der immunologischen Schranken aber eher ein Entstehen von Autoimmunität vermuten. Dies wird aber nicht beobachtet, also können die immunologischen Schranken nicht alleine für die Verhinderung von Autoimmunität verantwortlich sein.

1.5.3 Expression zweier T-Zellrezeptoren auf einer T-Zelle

Obwohl nach der oben beschriebenen Reifung der Zellen im Thymus jede T-Zelle ausschließlich einen T-Zellrezeptor exprimieren sollte, wurde beobachtet, dass in der Peripherie auch T-Zellen mit zwei unterschiedlichen T-Zellrezeptoren vorkommen[56,57]. Dies wird auf die nicht vollständige allele Exklusion der TCR α-[Seite 18↓]Kette zurückgeführt, so dass die exprimierte β-Kette mit zwei unterschiedlichen α-Ketten verbunden werden kann und so zwei T-Zellrezeptoren mit unterschiedlichen Affinitäten exprimiert werden.

Es ist vorstellbar, dass durch solche T-Zellen Autoimmunität entsteht, wenn T-Zellen über einen ihrer T-Zellrezeptoren durch Fremdantigene aktiviert werden. Besitzt der zweite T-Zellrezeptor Autoantigene, würde die T-Zelle auch gegen diese körpereigenen Strukturen reagieren und so Autoimmunität hervorrufen können. In einem transgenen Mausmodell konnte diese Hypothese bestätigt werden[58].

1.5.4 Autoimmunität durch antigenunabhängige T-Zellaktivierung

Die oben erwähnten Hypothesen zur Entstehung von Autoimmunität haben gemein, dass zwar Mechanismen der zellulären Immunität versagen, dass aber die einzelnen T-Zellen spezifisch über die T-Zellrezeptoren aktiviert wird. Die Hypothesen, die aber in dieser Arbeit genauer untersucht werden sollen, also die Hypothese der „Molekularen Mimikry“ und die Hypothese der „Bystander-Aktivierung“ beinhalten, dass die T-Zellen nicht so spezifisch sind wie früher angenommen, dass also mehrere Peptide („Molekulare Mimikry“) bzw. ein gänzlich antigenunabhängiger Mechanismus („Bystander-Aktivierung“) zu einer Aktivierung von T-Zellen und somit eventuell zu Autoimmunität führen kann.

Wie oben beschrieben wurde, stellen die spezifisch bindenden T-Zellrezeptoren und die darauf folgende T-Zellaktivierung eine Schlüsselrolle im Funktionsgefüge des Immunsystems dar.

Eine antigenunabhängige Aktivierung der T-Zellen sollte die Unterscheidung von „Fremd“ und „Selbst“ stark erschweren, wenn nicht ganz und gar unmöglich machen. Trotzdem wurden in den letzten Jahren immer mehr Untersuchungen veröffentlicht, in denen antigenunabhängige Aktivierungen von T-Zellen beschrieben wurden[59,60,61,62,63]. Eine weitere Untersuchung dieser Phänomene scheint wichtig, gerade weil die Spezifität der T-Zellen wesentlich für das bisherige Verständnis des Funktionierens des Immunsystems war.

Im Grunde genommen gibt es drei mögliche Szenarien, welche Rolle antigenunabhängige Aktivierung von T-Zellen bei der Induktion von Autoimmunität spielt:

Wesentlich scheint also die Häufigkeit des Vorkommens von antigenunabhängigen Aktivierungen von T-Zellen zu sein. Um diese zu untersuchen, müssen die Phänomene möglichst unter physiologischen Bedingungen untersucht werden.

In dieser Arbeit sollen verschiedene Untersuchungen durchgeführt werden, durch die die Häufigkeit solcher antigenunabhängigen Bindungen in einem gewissen Rahmen abgeschätzt werden können und somit Aussagen über die physiologische Relevanz gemacht werden sollen.

Im folgenden sollen die beiden in dieser Arbeit genauer untersuchten Hypothesen für antigenunabhängige Aktivierungen von T-Zellen beschrieben werden.

1.5.4.1  Molekulare Mimikry

Für lange Zeit wurde angenommen, jeder T-Zellrezeptor sei spezifisch für genau eine Peptidsequenz. Durch die Selektion der T-Zellen im Thymus (siehe Seite 11) sollten nur T-Zellen in die Peripherie gelangen, die mit den körpereigenen MHC-Molekülen reagieren, wenn diese ein Fremdpeptid gebunden haben. Dann würden die T-Zellen proliferieren und sich somit T-Zellen anreichern, die gegen Peptide von Fremdorganismen als sogenannte Gedächtniszellen reagieren können.

Allerdings stellte man fest, dass ein T-Zellrezeptor nicht nur mit einem Peptid, sondern mit verschiedenen Peptiden reagiert, dass sogar T-Zellen durch Fremdpeptide aktiviert werden und anschließend gegen Selbstpeptide reagieren können[59,60,64,61]. Sind T-Zellen auf eine solche Weise aktiviert, sollten sie gegen Selbstantigene reagieren und Autoimmunität hervorrufen.

Dieses Phänomen wird als „Molekulare Mimikry“ bezeichnet (siehe Abbildung 2), da man sich zuerst vorstellte, dass Bakterien durch körperähnliche Proteine eine „Tarnung“ erreichen könnten. Später wurde der Begriff aber eher entgegengesetzt wie oben beschrieben eingesetzt, also für das Erkennen von körpereigenen Strukturen durch das Immunsystems aufgrund von körperähnlichen, mikrobiellen Proteinen.


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Abbildung 2 : Hypothese der molekularen Mimikry. Ein Fremdorganismus, hier beispielsweise ein Bakterium, enthält ein kreuzreaktives Peptid. Das Bakterium wird von antigenpräsentierenden Zellen (APC) aufgenommen und prozessiert, das kreuzreaktive Peptid wird präsentiert. T-Zellen werden durch dieses Peptid aktiviert. In der Peripherie würden sie auch Immunzellen aktivieren, die ein kreuzreaktives Selbstpeptid präsentieren. Es kommt dann zu einer Zerstörung von körpereigenem Gewebe, also zu Autoimmunität.

Abbildung 3 : Hypothese der „Bystander-Aktivierung“. LPS-enthaltende Bakterien infizieren einen Organismus. Durch das LPS werden Zellen des Immunsystems wie Makrophagen oder B-Zellen unspezifisch aktiviert und produzieren Zytokine. Durch diese Zytokine werden nach der Hypothese der „Bystander-Aktivierung“ T-Zellen aktiviert. Unter diesen T-Zellen sind nun auch autoreaktive T-Zellen, die Zellen des Immunsystems aktivieren, wenn diese das Selbstpeptid präsentieren. Es kommt dann zu einer Zerstörung von körpereigenem Gewebe, also zu Autoimmunität.

Von direktem klinischen Interesse wurden solche Überlegungen unter anderem, als nach einigen Fällen von Hepatitis B-Vakzinierungen demyelinisierenden Erkrankungen auftraten[65,66]. Es wurde die Vermutung geäußert, dass der Impfstoff kreuzreaktive Peptide enthielte und auf diese Weise autoimmune Erkrankungen wie multiple Sklerose [Seite 21↓]hervorriefe[67]. Auch wenn klinische Untersuchungen diesen Verdacht nicht erhärten konnten[68,69,70], zeigt dieser Verdacht wie auch die grundlegende Relevanz für das Verständnis des Immunsystems den Grund für eine detaillierte Untersuchung dieser Phänomene.

1.5.4.2  Indirekte Aktivierung von T-Zellen durch Zytokine (Bystander activation)

Als zweite Ursache einer antigenunabhängigen Aktivierung wird die „Bystander-Aktivierung“ beschrieben.

Wichtig für die Aktivierung von T-Zellen ist die Bindung des T-Zellrezeptors an Peptide, welche vom MHC Molekül präsentiert werden. Dies allein reicht jedoch nicht aus, da auch kostimulatorische Moleküle, beispielsweise CD80 oder CD86, an der Oberfläche der antigenpräsentierenden Zellen notwendig sind, um eine Aktivierung der T-Zellen hervorzurufen. Die Expression von kostimulatorischen Molekülen oder inflammatorischen Zytokinen kann durch mikrobielle Substanzen wie LPS oder CpG-reiche DNA Bruchstücke verstärkt werden[71,72,73].

Wird eine T-Zelle über ihren T-Zellrezeptor und die notwendigen kostimulatorischen Signale aktiviert, ist dies eine spezifische Aktivierung.

Jedoch werden während einer Immunreaktion vielfältige Zytokine und andere immunstimulatorische Signale ausgeschüttet, die eventuell auch autoreaktive T-Zellen aktivieren könnten, die entweder überhaupt nicht über ihren T-Zellrezeptor Signale erhalten, oder während einer starken Immunantwort gegen infektiöse Erreger zufällig ein harmloses Selbstantigen erkennen. Da die Kostimulation durch die Infektion getriggert wurde, können solche T-Zellen suffizient aktiviert werden.

Eine solche Aktivierung wird „Bystander-Aktivierung“ genannt (siehe Abbildung 3).

1.6  Experimentell autoimmune Enzephalomyelitis

Bei der Erforschung des Immunsystems ist die Wahl eines geeigneten Tiermodells von großer Wichtigkeit. Gut wurden die Tiermodelle der experimentell autoimmunen Enzephalomyelitis (EAE) charakterisiert. Mit dem Einsatz von Tieren, die transgen für einen enzephalitogenen T-Zellrezeptor und somit suszeptibel für EAE sind, sind diese Modelle ideal zur Untersuchung für das Entstehen von Autoimmunkrankheiten: Da das T-Zellrepertoire stark eingeschränkt ist, lassen sich Substanzen leicht in vitro auf die Induktion von T-Zellproliferation und die in vitro beobachteten Effekte können auf die [Seite 22↓]Relevanz in vivo überprüft werden, indem die Fähigkeit der Substanzen, EAE zu induzieren, überprüft wird.

1.6.1 Historische Entwicklung des Modells

Auf der Suche nach einem Impfstoff gegen Tollwut injizierte Pasteur gesunden Individuen lysiertes Rückenmark und Gehirn von an Tollwut erkrankten Tieren. Einige der Individuen erkrankten aber an einer fortschreitenden Lähmung, die er postvakzinelle Enzephalomyelitis nannte[1]. Es war nicht klar, ob dies ein Effekt des Virus oder der Gehirnsubstanz war.

1933 konnte Rivers dieselben Symptome in Rhesusaffen erzeugen[74], denen er wiederholt lysierte Hirnsubstanz von Kaninchen subkutan spritzte. Da die Kaninchen nicht an Tollwut erkrankt waren, schloss man, dass dies ein Effekt der Hirnsubstanz auf den Organismus der Rhesusaffen sein muss. Er stellte fest, dass das pathologische Korrelat der Symptome entzündliche Infiltrate im zentralen Nervensystem der Affen darstellen.

Wenn die Hirnsubstanz vor der Applikation in kompletten Freudschen Adjuvant emulgiert und den Affen danach Pertussis Toxin intravenös appliziert wurde[75], reichte eine Injektion zur Induktion von EAE aus.

Auch bei anderen Tierarten konnte die Krankheit induziert werden[76,77]. Selbst durch arteigenes Hirngewebe kann die Krankheit hervorgerufen werden[77].

Da ein autoimmunes Geschehen angenommen wurde, wurde die Krankheit „experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis“ (EAE) genannt.

1960 stellte Paterson fest, dass die Krankheit in Ratten von einem Tier zum anderen übertragen werden kann, wenn man Lymphozyten des kranken Tiers dem gesunden Tier appliziert[29]. Später wurde klar, dass CD4+ T-Zellen des kranken Tiers ausreichten, um die Krankheit zu übertragen[31,78,79]. Da man auch in den entzündlichen Infiltraten CD4+ Zellen vorfindet[80] und man durch Depletion der CD4+ Zellen mit Antikörpern EAE in Tieren behandeln kann[81,82], wird eine zentrale Rolle dieses Zelltyps angenommen.

Allerdings reichen naive autoreaktive CD4-Zellen nicht aus, um EAE auszulösen. Die Zellen müssen vorher aktiviert worden sein[83].

Aufgrund gewisser Ähnlichkeiten zur chronischen disseminierten Enzephalomyelitis beziehungsweise der multiplen Sklerose, besonders den entzündlichen Infiltraten und den Lähmungserscheinungen, gilt EAE als Tiermodell für diese Erkrankung. [Seite 23↓]Insbesondere bei neueren Studien, bei denen ein humanisiertes Mausmodell (die Mäuse sind transgen für die Gene für humanes HLA-DR2, humanes CD4 und einen T-Zellrezeptor, der spezifisch für das Peptid MBP84-102 ist) verwendet wird, zeigen sich sehr viele Gemeinsamkeiten mit multipler Sklerose[84]. Bei diesem Modell kommt es nach Immunisierung mit MBP84-102 zu einem remittierenden Verlauf, zu Demyelinisierungen und auch zu Ausfällen im Kleinhirn, welche bei anderen EAE-Modellen nicht beobachtet werden.

Trotz dieser Ähnlichkeiten der EAE zu MS ist es eher gerechtfertigt, EAE als ein Tiermodell für die akute disseminierte Enzephalomyelitis beim Menschen zu benutzen. Diese Erkrankung ist beim Menschen der MS, also der chronischen disseminierten Enzephalomyelitis, sehr ähnlich und die Differentialdiagnose beim Menschen entsprechend schwierig. Jedoch tritt die akute disseminierte Enzephalomyelitis nach Infektionen oder Vakzinierungen auf, eine entscheidende Ähnlichkeit zu EAE. Wahrscheinlich handelt es sich bei der von Pasteur entdeckten postvakzinellen Enzephalomyelitis auch um eine Sonderform der akuten demyelinisierenden Enzephalomyelitis. Inwieweit therapeutische Regimes, die für akute demyelinisierende Enzephalomyelitis entwickelt werden, auch für MS wirken, ist unklar. Da aber bisher kein alternatives Tiermodell zur Untersuchung der MS entwickelt wurde, muss auch weiterhin dieses Tiermodell verwendet werden.

Jedoch sind eventuelle Unterschiede zwischen der Autoimmunkrankheit MS und EAE für diese Arbeit, in welcher der Einfluss von Kreuzreaktivität und „Bystander-Aktivierung“ bei der Entstehung von Autoimmunität untersucht werden soll, nicht sehr wesentlich. Wie oben erwähnt, wurde die Krankheit EAE am Menschen entdeckt. Damit stellt das Tiermodell der EAE ein immunologisches Geschehen dar, welches auch beim Menschen vorkommen kann.

Somit können mit einiger Vorsicht Erkenntnisse über EAE auch für das humane Immunsystem gelten.

1.6.2  Charakteristika des Modells

Wie oben bereits erwähnt, stellen die entzündlichen Infiltrate im zentralen Nervensystem im Zusammenhang mit peripheren Lähmungen den pathognomonischen Befund der EAE dar. Die klinischen Verläufe wie auch die Histologien können allerdings in verschiedenen Modellen von EAE stark variieren.


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In dieser Arbeit beruht das Modell auf der Immunisierung von Mäusen mit dem MHC-Phänotyp I-Au mit MBP, also beispielsweise den Mausstämmen PL/J oder B10.PL, mit Peptiden aus dem MBP-Protein. Die Verläufe nach einer solchen Immunisierung sind monophasisch[85]. Die Infiltrate von solchen an EAE erkrankten Mäusen im ZNS bestehen hauptsächlich aus perivaskulären Infiltraten inflammatorischer Zellen, wobei Demyelinisierungen nur sehr selten zu finden sind. Die zelluläre Zusammensetzung der Infiltrate ist nicht einheitlich, in unserem MBP-Modell besteht es hauptsächlich aus Makrophagen, einigen T-Zellen und B-Zellen (siehe Seite 69).

Im Gegensatz dazu kommt es bei manchen Mausstämmen mit dem MHC-Phänotyp I-As (SJL/J Mäuse), die mit PLP-Protein oder bestimmten Peptiden daraus immunisiert werden, zu schubweisen Verläufen mit vollständigen oder auch unvollständigen Remissionen. Die Histologien in diesen Modellen bestehen auch aus mononukleären, perivaskulären Infiltraten, zusätzlich aber auch aus Zonen akuter und chronischer Demyelinisierung und Fibrinablagerungen im Gehirn[86]. Der klinische Verlauf und die histologischen Befunde dieser Modelle ähneln also mehr der klassischen multiplen Sklerose als das von uns benutzte MBP-Modell.

Zusätzlich zu diesen zwei Modellen gibt es noch eine Vielzahl anderer, wie zum Beispiel auf myelinem Oligodendrogliaprotein (MOG) oder auf myelin-assoziiertem Glykoprotein (MAG) beruhende Modelle[87]. Auf diese soll aber nicht im Detail eingegangen werden.

1.6.3  Die Wirkung der Adjuvantien

Zur Induktion von EAE sind in unserem wie in vielen anderen Tiermodellen zwei Adjuvantien nötig: Komplettes Freunds Adjuvant und Pertussistoxin.

Die Verwendung beider Adjuvantien wurde empirisch schon in den vierziger Jahren entwickelt[88].

Inzwischen ist einiges über deren Wirkung bekannt: Komplettes Freunds Adjuvant wird vermutlich benötigt, um die Zellen des angeborenen Immunsystems, also besonders Makrophagen und dendritische Zellen, zu der Präsentation der Peptide in einem entzündlichen Milieu anzuregen. Dies ist sehr wichtig für die Entstehung von Immunreaktionen. Unterbleibt die Gabe von diesem Adjuvant, entsteht keine Autoimmunität, in manchen Modellen kommt es sogar zur Entwicklung von Anergie gegen das applizierte Antigen[89] oder zur Depletion der T-Zellen[90]. Dies wird darauf [Seite 25↓]zurückgeführt, dass Makrophagen und besonders Dendritische Zellen in unaktiviertem Zustand die T-Zellen anerg machen, die spezifisch an das mit Peptid beladene MHC-Molekül binden, das an ihrer Oberfläche präsentiert wird[91].

Die Rolle von Pertussistoxin bei der Induktion von EAE ist weniger klar. Pertussistoxin besitzt eine adjuvante Wirkung bei Immunisierungen. Diese adjuvante Wirkung wird auch bei Inaktivierung der toxischen Komponente beibehalten, ist also auch bei den bei der Impfung verwendeten DPT (Diphterie-Pertussis-Tetanus) Impfstoffe noch wirksam.

Die verstärkende Wirkung von Pertussistoxin bei der Induktion von EAE wurde von Lee und Olitsky 1955 festgestellt[75].

Pertussistoxin bei Induktion von EAE wird, im Gegensatz zum Kompletten Freunds Adjuvant, nicht lokal mit dem Antigen zusammen, sondern systemisch, nämlich intravenös, appliziert. In vielen Arbeiten[85,92,93] wird vermutet, dass Pertussistoxin die Blut-Hirn-Schranke für Zellen des Immunsystems, speziell für Lymphozyten, durchlässig macht. Dies wäre insofern wichtig, weil unter physiologischen Bedingungen diese Schranke undurchlässig für ruhende Lymphozyten ist (siehe 1.5.2) und deswegen selbst Zellen, die autoreaktiv gegen Proteine des ZNS sind, keine Autoimmunität hervorrufen könnten, da sie die Selbstantigene nicht erreichen würden.

In anderen Untersuchungen[94,83] wird jedoch darauf hingewiesen, dass Pertussistoxin auch eine direkte Wirkung auf Lymphozyten besitzt.

Ein direkter Effekt auf Lymphozyten könnte beispielsweise darin bestehen, dass das homing-Verhalten der Lymphozyten dahingehend verändert wird, dass sie vermehrt ins ZNS wandern[95,96].

1.6.4  Die Rolle der CD4+ T-Zellen

Dass T-Zellen kausal für das Entstehen von EAE verantwortlich sind, wurde gezeigt, indem man T-Zellen von an EAE erkrankten Tieren in gesunde Tiere transferierte[29]. Die Empfängertiere entwickelten daraufhin EAE.

Nachdem die wesentliche Rolle der CD4+ T-Zellen bei der Pathogenese der EAE entdeckt wurde, begann man mit der weiteren Charakterisierung der T-Zellen.

Dabei stellte man fest, dass enzephalitogene T-Zellen durch Proteine und Peptide, welche im ZNS exprimiert werden, aktiviert werden können[97,98].

T-Zellen, die reaktiv gegen ZNS Autoantigene sind, konnten auch nach Klonierung oder nach in vitro Stimulation EAE hervorrufen, während dies andere T-Zellen nicht konnten. [Seite 26↓]Dies deutet darauf hin, dass in der Tat Autoreaktivität von T-Zellen für das Entstehen von EAE verantwortlich ist.

Jedoch reicht Autoreaktivität nicht aus: Werden naive, autoreaktive T-Zellen in gesunde Empfängertiere transferiert, erkranken diese nicht[31]. Selbst T-Zellrezeptor-transgene Mäuse mit vielen autoreaktiven T-Zellen erkranken in manchen Modellen nicht, solange kein zusätzlicher Stimulus erfolgt[99]. T-Zellen müssen also aktiviert werden, bevor sie EAE hervorrufen können.

Außerdem wurde gezeigt, dass MBP-spezifische T-Zellen, also T-Zellen, die durch Proteine des ZNS aktiviert werden können, im ZNS von gesunden Mäusen[99] oder im Blut von Menschen ohne neurologische Symptome vorkommen[52,53].

Trotzdem scheint ein wesentliches Kriterium für das Entstehen von EAE und eventuell auch anderen Autoimmunkrankheiten die Aktivierung von autoreaktiven T-Zellen zu sein.

Wie und warum autoreaktive T-Zellen aktiviert werden und zu EAE führen, ist Gegenstand vieler Hypothesen und Thema dieser Arbeit. Einige Hypothesen wurden weiter oben erwähnt (s. S. 14 ff).

1.6.5 T-Zellrezeptor transgene Mäuse und EAE

Wesentlich für das Erkennen von „Fremd“ und „Selbst“ ist das Erkennen von Peptiden auf MHC-Molekülen durch den T-Zellrezeptor. Obwohl dieser Kontakt sehr wichtig ist, sowohl für physiologische Immunantworten als auch für das Entstehen von Autoimmunität, sind Untersuchungen daran nicht trivial, da praktisch jede T-Zelle einen individuellen T-Zellrezeptor exprimiert. Deswegen konnten antigenspezifische T-Zellen einer Spezifität bisher nur sehr eingeschränkt untersucht werden. Erst in neuester Zeit können T-Zellen mithilfe von gekoppelten MHC-Peptid-Komplexen (MHC-Tetramere) spezifisch angefärbt werden[100,101,102]. Diese Untersuchungen sind aber besonders für MHC-II Moleküle aber noch nicht gut etabliert.

Um antigenspezifische T-Zellen zu untersuchen, werden deswegen auch T-Zellen mithilfe von Antigen kultiviert. Nach genügend langer Zeit erhält man eine T-Zelllinie, bei der alle T-Zellen mit dem Antigen reagieren.

Eine andere Möglichkeit, T-Zellen untersuchen zu können, bei denen man die Antigenspezifität nicht kannte, war das Verschmelzen von T-Zellen mit Thymomzellen[103,104]. Durch diese Technik entstehen unsterbliche Zellen, die den T-Zellrezeptor exprimieren.


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Die Nachteile dieser Methoden sind, dass die Zellen durch die lange Kultur eventuell wesentliche Änderung ihres Verhaltens (z.B. Zytokinproduktion oder Migrationsverhalten) aufweisen.

Um die Rolle autoreaktiver T-Zellen in vivo genauer untersuchen zu können, wurden Gene von T-Zellrezeptoren aus T-Zelllinien gewonnen und in das Genom von Mäusen transferiert[99,105,106]. Viele T-Zellen exprimieren diesen T-Zellrezeptor nach deren Reifung, wodurch eine Fraktion von spezifischen T-Zellen erhalten wird, die leichter untersucht werden kann.

In dieser Arbeit wurden Mäuse verwendet, bei denen außerdem die endogenen T-Zellrezeptor α-Ketten ausgeschaltet wurden[99]. Da nun außer dem transgenen keine intakten T-Zellrezeptoren gebildet werden können, exprimieren praktisch alle T-Zellen den transgenen T-Zellrezeptor.

Der transgene T-Zellrezeptor ist spezifisch für ein Peptid bestehend aus den N-terminalen 11 Aminosäuren des Myelin-basischen Proteins (MBP), wobei die erste Aminosäure azetyliert sein muss. Das Peptid wird auf dem murinen MHC-II Molekül I-Au präsentiert. Dadurch sind sämtliche T-Zellen in diesen Mäusen autoreaktiv für ein im ZNS exprimiertes Protein.

Spontan erkranken etwa 14% der Mäuse an EAE. Dies kann ein Hinweis darauf sein, dass Fremdorganismen imstande sind, die T-Zellen zu aktivieren.

Durch das stark eingeschränkte T-Zellrezeptorrepertoire ist es möglich, die Spezifität für andere Peptide des T-Zellrezeptors genau zu untersuchen, ohne dass Reaktionen auf Fremdpeptide auf die Aktivierung nicht-autoreaktiver T-Zellen zurückgeführt werden könnte. Somit kann die Hypothese der „molekularen Mimikry“ überprüft werden, da in diesen Mäusen jede Aktivierung der T-Zellrezeptoren durch Fremdpeptide eine Aktivierung von autoreaktiven T-Zellen bedeutet.


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05.01.2005