IX. Schluss

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Darstellungen der hll. Cosmas und Damian, der Namenspatrone Cosimo de’ Medicis, und solche der hll. Drei Könige, den bedeutendsten Familienheiligen, haben grundsätzlich unterschiedliche Funktionen erfüllt. Wie wir gesehen haben, sind die Namenspatrone, deren theologische Bedeutung sich mit ihrer Vermittlerrolle zwischen irdischem Mündel und himmlischem Herrscher zusammenfassen lässt, im politischen Sinne als Repräsentanten dieser Schutzbefohlenen einsetzbar gewesen. Die ihnen in Kultus und Ritus zukommende Verehrung konnte als weltliche Loyalitätsbezeugung interpretiert werden. Dies ist nicht etwa so zu verstehen, dass die Bekundungen von Frömmigkeit und Ergebenheit den selben Stellenwert gehabt hätten. Die Frömmigkeit wird immer im Vordergrund gestanden haben. Allein welchem Gegenstand und in welcher Weise sich der pietätvolle Akt ausdrückte ging dann mit weltlichen Implikationen einher. Diese Implikationen reichten bei den Darstellungen der hll. Drei Könige weiter. Vielleicht kann man es so formulieren, dass der Königskult über eine persönliche Gefolgschaft hinaus auch eine politische Richtung sanktionierte. Der spezifisch legitimistische Charakter des Kults wurde gleichsam auf die Partei der Medici und ihre politischen Ziele übertragen. Nicht im verfassungsmäßigen, d. h. im übertragenen Sinne, als wünsche man sich eine monarchische Staatsform, sondern im Sinne der uneingeschränkten Akzeptanz mediceischer Führerschaft. Also nicht Prinzipat sondern Primat.

Vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass die Propaganda Cosimos I. zu Beginn seiner Regentschaft nicht etwa an den Kult der hll. Drei Könige anknüpfte, sondern an den persönlicheren der hll. Cosmas und Damian. Während der Dreikönigskult für ein überholtes politisches System ohne verfassungsmäßige Legitimation stand, konnten Cosmas und Damian erneut den Führer des Staates versinnbildlichen. Sie stellten zugleich eine vermeintliche Kontinuität mit der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts her und ließen eine neue Konstitution zu: Prinzipat nicht mehr nur Primat. Die Vorstellung von den hll. Cosmas und Damian als Familienheiligen beruht im Wesentlichen auf dieser Wiederbelebung.

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Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Alessandro, der, wiewohl Fürst und Tyrann, immer noch einer Republik vorstand, herrschte Cosimo I. über ein souveränes Herzogtum, das schließlich sogar in königlichen Rang aufstieg.

Die Bildpropaganda Cosimos I. unterstreicht dies. 1560 erhält Vasari den Auftrag, eine Altartafel für die Kapelle von Poggio a Caiano zu malen. Thema des Bildes ist die „Beweinung Christi“, an der neben der Jungfrau die hll. Cosmas und Damian teilnehmen.

Wenig später führt Vasari eine „Krönung Mariens“ aus, die von der Familie Vitelli, den päpstlichen Vikaren Città di Castellos in Auftrag gegeben worden ist. In einer Gruppe von Heiligen, die dem himmlischen Ereignis beiwohnen, erscheinen auch hier die hll. Cosmas und Damian. Die Herrscher des kleinen Staates, der am Rande der neuen italienischen Großmacht Toskana liegt, drücken damit vermutlich weniger die Freundschaft Ebenbürtiger aus, als vielmehr die Kompromissbereitschaft ängstlicher Nachbarn.450

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1568 ist es erneut Vasari, der eine Altartafel mit der „Auferstehung Christi“ für den herzoglichen Leibarzt Andrea Pasquali ausführt. Auf dem Gemälde, das für dessen Kapelle in Santa Maria Novella bestimmt ist, nehmen die hll. Cosmas und Damian den Ehrenplatz zur Rechten Christi ein. Auf der anderen Seite erscheinen der Namenspatron des Auftraggebers, der Apostel Andreas und der Stadtpatron, Johannes der Täufer. Ein Dominikaner-Heiliger, dem hier das Hausrecht zugestanden hätte, fehlt dagegen. Cosmas und Damian werden von Christus begrüßt und führen ihm den Namenspatron des Auftraggebers und den Schutzheiligen der Stadt zu. Obwohl der Auftraggeber Arzt ist, sind die Anargyroi hier bestenfalls in zweiter Linie als Schutzheilige der Ärzteschaft gemeint. Sie sind zugleich Signum des Fürsten und Ausdruck der Verbindung zwischen dem Hofbedienstetem und seinem Herrn.

Wenn wir uns an die Kirche San Giovanni dei Fiorentini in Rom erinnern und an deren Weihe auf die Anargyroi als Konpatrone, so können wir nun feststellen: Die hll. Cosmas und Damian sind nach Florenz zurückgekehrt; sie sind aber nicht mehr die Heiler des Staates, sondern dessen Herrscher.

Die Strategie des Kults, derer sich Cosimo, pater patriae, Piero ‚il gottoso‘ und Lorenzo ‚il magnifico‘, aber auch Lorenzo di Pierfrancesco mit sich verändernden Schwerpunkten bedienten, bestand hauptsächlich in der Transplantation eines in Florenz unbedeutenden Kults, dem der hll. Cosmas und Damian, und der Transformation des bereits etablierten Kults der hll. Drei Könige. In beiden Fällen gelang die Verankerung politischer und dynastischer Ansprüche im Kontext praktizierter Frömmigkeit. Dass beide Kulte im späteren Bewusstsein als Ausdruck familiärer Einheit und dynastischer Kontinuität gewertet wurden, beruht wesentlich auf der propagandistischen Neudeutung des 16. Jahrhunderts.

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Tatsächlich ist die Strategie des Kults im 15. Jahrhundert nur aufgrund des Wechsels von Cosmas und Damian zu den drei Königen aufgegangen. Der Kult der Anagyroi mit seiner unauflösbaren Bindung an den Kultraum, entsprach nicht mehr den politischen Erfordernissen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Zugleich scheiterte in der Familie die Übertragung des Namenspatrons St. Cosmas auf die Generation der Enkel Cosimos. Während der älteste Enkel Lorenzo, der Sohn des nicht zur Nachfolge bestimmten Piero, den Namen von Cosimos jüngerem Bruder erhält, strategisch gesehen ein Abstellgleis, sterben sowohl Cosimos fähigerer Sohn Giovanni, als auch dessen Stammhalter Cosimo noch vor dem Patriarchen. So gesehen erscheint die wachsende Bedeutung des Dreikönigskults für die Medici in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, wie die Fresken Benozzos in der Kapelle des Familienpalastes, als Werk und Strategie Pieros.


Fußnoten und Endnoten

450  Die Herrschaft der Vitelli über Città di Castello stellte im Italien des 16. Jahrhunderts einen Anachronismus dar. Als päpstliche Vikare hatten sie ihre Signorie bewahren können. Dabei waren sie politisch und kulturell stets nach Florenz orientiert, dem sie wiederholt als Condottieri dienten. Bei der Machtübernahme Cosimos I. hatte Alessandro Vitelli, Kapitän der Leibgarde des Herzogs Alessandro de‘ Medici, eine maßgebliche Rolle gespielt. Die „Marienkrönung“ Vasaris war für die von ihnen in ihrer Heimatstadt in der Kirche San Francesco unterhaltene Familienkapelle bestimmt. Diese hatte Vasari nach dem Vorbild von Michelangelos „Neuer Sakristei“ in San Lorenzo gestaltet. Auch an der Gestaltung der Paläste der Vitelli in Città di Castello war Vasari beteiligt gewesen. Vgl. L. Corti, „Vasari. Catalogo completo“, Florenz 1989, S. 107. Zu Alessandro Vitelli und Cosimo I. vgl. Ch. Hibbert, „The Rise and Fall of the House of Medici“, London 1979, S. 256f.



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10.04.2006