Panick, Veronika: Der Beitrag von Erfahrungen an den Entwicklungsprozessen zur Selbständigkeit - dargestellt am Beispiel von Existenzgründerinnen und Existenzgründern im Einzelhandel in den neuen Bundesländern-

Zweiter Teil
Der Beitrag von Erfahrungen an den Entwicklungsprozessen zur Selbständigkeit
- dargestellt am Beispiel von Existenzgründerinnen und Existenzgründern im Einzelhandel -

Erstes Kapitel: Die Rahmenbedingungen

1 Veränderte volkswirtschaftliche, betriebliche und individuelle Rahmenbedingungen

Wir gehen davon aus, daß sich der Beitrag von Erfahrungen erst in der Auseinandersetzung mit der konkreten Situation nachvollziehen läßt. Aus diesem Grunde beschreiben wir zunächst die volkswirtschaftlichen, betrieblichen und individuellen Rahmenbedingungen, gehen im Anschluß daran auf die neuen Handlungsanforderungen für Existenzgründer im Einzelhandel ein und wenden uns dann den Aussagen des Personenkreises zu.

1.1 Volkswirtschaftliche Rahmenbedingungen

Der Einzelhandel in der DDR umfaßte 75.000 Verkaufsstellen mit mehr als 400.000 Beschäftigen. Rund 40 % des Einzelhandelsumsatzes entfielen auf die staatlichen HO-Geschäfte, über 30 % auf die Konsum-Verkaufsstellen, 19 % auf sonstigen Einzelhandel, z. B. Tankstellen, Verkauf von Kraftfahrzeugen, Apotheken, Buchhandlungen, 11 % auf den privaten Einzelhandel, einschließlich Handwerk, Bäckerei und Fleischerei.

Die Aufgabenstellung des Einzelhandels in der DDR beschreibt R. Spannagel wie folgt: "Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln basierte in der DDR auf einem staatlich flächendeckenden Netz von Klein- und Kleinstverkaufsstellen. Ergänzt wurde dieses Netz durch die Kaufhallen, teilweise auch durch ´Ländliche Einkaufszentren` (LEZ) und kleine ´Betriebsverkaufsstellen´ in Produktionsunternehmen, Verwaltungseinrichtungen und anderen Institution. Die Zahl der Ladengeschäfte mit Umsatzschwerpunkt Lebensmittel lag in der früheren DDR je 1 000 Einwohner bei 2,8 (alte Bundesländer: 1,6), die durchschnittliche Verkaufsfläche dieser Geschäfte -


47

einschließlich der Kaufhallen - lag bei 60 qm; bei den Geschäften in ländlichen Regionen war die durchschnittliche Verkaufsfläche noch wesentlich geringer. Die ganz überwiegende Mehrzahl der Lebensmittelgeschäfte im ländlichen Raum wurde in der Regie der Konsumgenossenschaften geführt. Wegen der staatlichen administrierten Festpreise und der einheitlichen Sortimente hatten die Verbraucher wenig Veranlassung, dem nächst gelegenen Geschäft ein anderes vorzuziehen" (Spannagel 1995, S. 266) Spannagel1995 .

Die Situation hat sich grundlegend verändert. Mit dem Gesetz zur Privatisierung und Reorganisation des Handels vom 06. Juli 1990 waren die Voraussetzungen zur Privatisierung des Einzelhandelhandels gegeben. Der Privatisierungsprozeß war im Frühjahr 1991 weitgehend abgeschlossen. Heute gibt es in Berlin und Brandenburg 46.500 Einzelhandelsbetriebe mit 140.000 Beschäftigen. Die Situation der Betriebe ist von einer Vielzahl von Problemen gekennzeichnet. Als wesentliches Problem wird von den Einzelhandelsverbänden das wachsende Ungleichgewicht zwischen Großunternehmen und kleinen Einzelhandelsbetrieben genannt. Hierfür werden vier Problemfelder als Ursachen definiert:

  1. Entstehen großer Einkaufszentren
  2. Veränderte Handelsstruktur - Ausdruck zunehmender Konzentration
  3. Rückgang der Verbrauchernachfrage
  4. Wirtschafts- und strukturpolitische Probleme

(1) Entstehen großer Einkaufszentren

Mit dem Entstehen großer Einkaufszentren gehen eine Vielzahl wirtschaftlicher, sozialer, städtebaulicher und ökologischer Folgen einher. Das Bundesbauministerium stellt fest: "Während in den Kernstädten und Umlandgemeinden Flächen veröden oder vorhandene Brachflächen - trotz insgesamt weiterhin nutzbarer Versorgungs- und technischer Infrastruktur - nicht (wieder-)genutzt werden, werden freie Außenbereichsgrundstücke baulich und verkehrlich in Anspruch genommen. Der Flächenverbrauch im Außenbereich wächst, die Zersiedelung ist angelegt, städtische Umweltbelastungen, z. B. durch Verkehr, Bodenversiegelung etc., werden in das Umland "exportiert". Außenbereichszentren mögen


48

zwar aus betriebswirtschaftlicher Sicht des Investors preiswerter zu erbauen sein als Geschäftsflächen vergleichbarer Größe im Innenbereich. Bauen auf der sog. "grünen Wiese" ist aber unter gesamtwirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht billiger, sondern eher teurer als innerhalb der Stadt. Den Bau- und Investitionskosten nicht zugerechnet werden nämlich i. d. R. die von der Allgemeinheit zu tragenden hohen Folgekosten durch den Bau neuer oder den Ausbau bestehender Verkehrs- und Erschließungsanlagen, die hohen Verkehrs- und Umweltbelastungen des Pkw-Verkehrs zu den Einrichtungen, die andernorts bestehenden Verluste durch weiter brachliegende oder brachfallende Gebäude- und Infrastruktur sowie die über längere Zeit durch spätere Steuereinnahmen nicht gedeckten kommunalen Ausgaben am Einzelhandelsstandort selbst sowie in den übrigen Gemeinden, die von dem Standort steuerlich nicht profitieren..." (Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau 1995, S. 79).

Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels spricht in diesem Zusammenhang von "stadtauflösenden Prozessen", die auch im Westen zu beobachten sind "mit dem einzigen Unterschied, daß der Wirkungsmechanismus im Westen langsamer abläuft, weil er sich zum Glück noch gegen Strukturen mit beachtlichem Beharrungsvermögen durchsetzen muß" (Hauptverband des Deutschen Einzelhandels 1995, S. 81) Hauptverband1995 . Im Gegensatz hierzu bemerken Bunge, H./ Spannagel, R.: "Die Gefahr der Verödung der Innenstädte wird allerdings angesichts der in den Städten angesiedelten zentralen Funktionen - Verwaltung, Dienstleistungen, Kultur etc. - zum Teil etwas leichtsinnig heraufbeschworen. Die Gefahr, daß die Handelsentwicklung weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt und daß darunter die Gesamtattraktivität der Innenstädte leidet, ist jedoch nicht zu unterschätzen" (Bunge, H./Spannagel, R. 1995, S. 53) Bunge1995 .

Auf die wirtschaftlichen Auswirkungen für den mittelständischen Einzelhandel macht die Arbeitsgemeinschaft der für das Bau- und Wohnungswesen zuständigen Länderminister aufmerksam: "Der Trend der Flächenexpansion und Konzentration im Einzelhandel, bei der die Handelsunternehmen Standorte in peripheren Stadtrandlagen und auf der "grünen Wiese" bevorzugen, hält an. Die Zunahme von Verkaufsflächen in diesen Lagen gefährdet die Existenz bzw.


49

die Entfaltung des innerstädtischen Einzelhandels und beschleunigt damit einen Suburbanisierungsprozeß, der zur Verödung der Innenstädte, zu erhöhter Verkehrsbelastung, zur Zersiedelung des Landschaftsbildes und nicht zuletzt auch zu einer Einschränkung der flächendeckenden Versorgung im Nahbereich mit Gütern des täglichen Bedarfs führt..."(Arbeitsgemeinschaft der für das Bau- und Wohnungswesen zuständigen Länderminister 1995, S.80)

Es ist anzunehmen, daß diese Entwicklung dazu führt, daß klassische Anbieter wie Kauf- und Warenhäuser ihre Engagements in brandenburgischen Städten beenden oder von Investitionen Abstand nehmen. Dies bestätigen Bunge/Spannagel: "Die großen Bekleidungshäuser und Warenhäuser, die traditionell die Funktion von Einkaufsmagneten haben und das Bild der Innenstädte prägen, waren und sind an zentralen Standorten in den größeren Städten sehr interessiert und zu entsprechenden Investitionen bereit. Die dargestellten Probleme haben jedoch dazu geführt, daß sich in Einzelfällen bereits ehemals innenstadttypische Betriebsformen des Einzelhandels - wie Warenhäuser und Textilkaufhäuser - in Einkaufszentren am Stadtrand niedergelassen haben. (...) Angesichts dieser Entwicklung wird deutlich, daß Kaufkraft der Einwohner der Stadt und des Umlandes, die dringend zur Revitalisierung der Innenstadt benötigt wird, bereits heute und verstärkt in der Zukunft an anderen Standorten gebunden wird. Die bisherige Ansiedlungs- und Genehmigungspraxis in der Stadt selbst und im Umland läuft dem erklärten Ziel der Stärkung des Einzelhandels zuwider“ (Bunge, H./Spannagel, R. 1995, S. 44) Bunge1995 .

Bunge/Warweitzki gehen davon aus, daß die bis zum Jahr 2000 geplanten Einzelhandelsbetriebe die Nachfrage weit übersteigen werden: „Mit einer Verkaufsfläche von rund 3,9 Millionen qm ist bereits im Jahr 2000 eine Größenordnung erreicht, die - entsprechend der geschätzten Kaufkraftentwicklung - erst nach dem Jahre 2010 erforderlich ist“. (Bunge/Warweitzki 1996, S. 14) Bunge1996 .

Roman Herzog geht auf die sozialen Folgen ein: „Heute werden die zentralen Lagen in Ostdeutschland noch annähernd zu 80 % für Wohnzwecke genutzt. Aber ohne die bunte Vielfalt der Schaufenster, ohne Einkaufsmöglichkeiten und Gaststätten wird


50

das nicht so bleiben. Dann entstehen brisante Kumulationen aus sozialen Problemgruppen, die bleiben, und unattraktiven Stadtkernen, die niemanden zum Verweilen - geschweige denn zum Wohnen - einladen“ (Herzog, R. 1995) Herzog1995 . W. Branoner äußert sich zur Entstehung großer Einkaufszentren in Berlin Brandenburg: „Von 1989 bis 1992 waren in Berlin und dem Umland unterschiedliche Entwicklungstendenzen zu beobachten. Während besonders im Ostteil der Stadt in erster Linie durch die Übernahme und den Um- und Ausbau vorhandener Handelseinrichtungen die Wiedernutzung von Erdgeschoßräumen in vorhandenen Altbauten sowie die Errichtung von Fachmärkten in vorhandenen Lagerhallen und großflächigen Provisorien die Schaffung zusätzlicher Verkaufsflächen erfolgte, wurde dies im Umland durch eine Vielzahl von großflächigen Einzelhandelsbetrieben - auch als Provisorien - an häufig nicht integrierten Standorten realisiert. Innerhalb von drei Jahren wurde dadurch in Berlin ein Verkaufsflächenzuwachs von 360.000 qm und im Brandenburgischen Umland von 235.000 qm erreicht.“ (Branoner 1993, S. 146) Branoner1993 .

Ursachen für das Entstehen großer Einkaufszentren nennt H. Müller, Handelshochschule Leipzig:

„- Es war nicht anzunehmen, daß das binnenhandelspolitische Instrumentarium in den neuen Bundesländern per Stichttag durchgängig ordnend und lenkend wirksam werden konnte. Dies ist vor allem durch den hohen Anteil länder- oder kommunalhoheitlicher Kompetenzen bei der Standort- und Flächenplanung bedingt, für deren Wahrnehmung die rechtsstaatlichen Grundlagen erst mit Zeitverzug und dadurch vielfach nach bereits vollzogener Standortbesetzung (die teilweise noch auf der Grundlage alten DDR-Rechtes erfolgte) geschaffen werden konnten.

- Kommunale Verwaltungen haben sich im wesentlichen zeitgleich mit der Herausbildung der neuen Strukturen im Handel konstituiert und funktionsfähig gemacht. Sie verfügten in der Regel über keine einschlägigen Erfahrungen zur Problematik der Standort- und Flächenplanung, wurden gewissermaßen von der Dynamik der Handelsentwicklung überrollt und unter hohen Entscheidungsdruck gesetzt. Eine Vielzahl der


51

Standortentscheidungen sind deshalb nur bedingt mit der gebotenen Entscheidungsneutralität und der Sicht auf gemeinwirtschaftlich längerfristige Erfordernisse getroffen worden, weil pragmatische und schnelle Lösungen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Kommunen, zur Arbeitsplatzsicherung und zur Versorgung der Konsumenten zumindest anfangs präferiert wurden. Eine Reihe der in kommunaler Verantwortung getroffenen Entscheidungen sind für die Entwicklung des mittelständischen Einzelhandels deshalb eher kontraproduktiv gewesen“ (Müller 1995, S. 71). Müller1995

Dieser Einschätzung stimmt W. Branoner zu: "Daß gerade in der Zeit kurz nach der Wende zum Teil wieder dieselben Fehler wie in den alten Bundesländern gemacht worden sind, lag einerseits an den fehlenden planerischen Orientierungen und Erfahrungen der Ostberliner Bezirke und Brandenburger Kommunen und andererseits an den verständlichen Ängsten um Arbeitsplätze und dem "Zukurzkommen" bei Investitionsvorhaben sowie dem politischen Willen zur schnellen Angleichung der Lebensverhältnisse" (Branoner 1993, S. 151) Branoner1993 . Für Berlin und Brandenburg kommt hinzu, daß eine koordinierende Instanz fehlte. Erst 1993 kam es zu einer Zusammenarbeit der Länder Berlin und Brandenburg.

H. Müller, Handelshochschule Leipzig, geht davon aus, daß es nach wie vor lokale Versorgungsdefizite gibt, die insbesondere sozial schwache, alte, kranke und andere immobile Teile der Bevölkerung betreffen. Er räumt ein, (er bezieht sich hierbei auf die Aussagen der Monopolkommission) daß dies zwar nicht ein grundsätzliches politisches Problem sei, aber die Beeinträchtigung der Lebensbedingungen der Betroffenen zur Folge habe und dies auch vor dem Hintergrund der gravierenden Veränderungen der sonstigen Lebensumstände gesehen werden müsse. Im Gegensatz hierzu stellt die Forschungstelle für den Handel fest, daß zwar sehr viele der oft weit auseinanderliegenden Ortschaften ohne stationäres Lebensmittelgeschäft sind, jedoch von Versorgungsdefiziten nicht gesprochen werden könne. Die bisherigen Untersuchungen der Forschungsstelle für den Handel zu diesem Thema hätten gezeigt, daß nur wenige konkrete Beschwerden vorliegen und daß sich Verbraucher und Handel schnell an die veränderten Verhältnisse angepaßt hätten.


52

Auf den Konflikt zwischen dem erklärten Ziel der ortsnahen Versorgung und der Wirtschaftlichkeit von Einzelhandelsunternehmen weist Dr. Paul Engstfeld, Vertreter des Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung des Landes Brandenburg, hin: „Ca. 600 - 700 Einwohner müssen im Einzugsbereich eines Dorfladens liegen, um ihn existenzfähig zu halten. In Brandenburg sind aber zwei Drittel aller Gemeinden kleiner als 500 Einwohner“ (Engstfeld 1993, S. 133) Engstfeld1993

Der Gesamtverband des Einzelhandels Berlin und Brandenburg stellt in dem Jahresbericht für 1995 fest: Auch wenn hinsichtlich des engen Verflechtungsraumes von Berlin auf brandenburgischem Gebiet festzustellen ist, daß noch krassere Fehlentwicklungen wie in anderen Regionen im Osten Deutschlands verhindert wurden, ist die Verkaufsfläche innerhalb von drei Jahren nahezu verdoppelt worden, wobei von den gegenwärtig ca. 890.000 qm Verkaufsfläche nahezu 80 % ( rund 315.000 qm) an nicht integrierten Standorten "auf der grünen Wiese" errichtet worden sind und es bereits jetzt eine Verkaufsflächenausstattung je Einwohner von1,31 qm im Verhältnis zu 0,85 qm in Berlin gibt.(...) Das erhebliche und über dem verträglichen Maß liegende Verkaufsflächenwachstum wird den dramatischen Strukturwandel im Berliner Einzelhandel zusätzlich beschleunigen.(...) Von den 16.500 Einzelhandelsgeschäften des Landes Berlin befinden sich zahlreiche kleine und mittelständische Unternehmen gerade in den künftig mit Problemen konfrontierten Lagen“ (Gesamtverband des Deutschen Einzelhandels 1995, S 29).

(2) Veränderte Handelsstrukturen - Ausdruck zunehmender Konzentration

Zunehmende Konzentration und Internationalisierung bestimmen die Situation im Einzelhandel. Die größten Konzentrationsprozesse sind hierbei im Lebensmitteleinzelhandel festzustellen. Existierten in den alten Bundesländern 1972 160.400 Lebensmittelläden, so waren es 1990 nur noch 69.300. Für das Jahr 2000 wird ein weiterer Rückgang auf 52.000 Läden erwartet. Von dem Gesamtumsatz im Jahr 1995 im Lebensmitteleinzelhandel von 341 Milliarden Mark entfielen 98,2 % auf die 50 größten Unternehmen. In den neuen Bundesländern zeigt sich der Konzentrationsprozeß bei der Herausbildung der neuen Handelsstrukturen besonders deutlich. 80 % der ehemaligen HO-Verkaufsstellen - und das waren im wesentlichen die kleinflächigen


53

Geschäfte - wurden von Existenzgründern aus der DDR übernommen. Die größeren bis großen Kaufhallen wurden von vier der größeren westdeutschen Handelsunternehmen, die schon kurz nach dem Mauerfall im November 1989 entsprechende Vorabsprachen getroffen hatten, erworben.

Auf den Konzentrationsprozeß geht auch H. Branoner ein: "In das Versorgungsvakuum drängten eine Vielzahl von Handelsbetrieben, die versuchten, so schnell wie möglich diese Situation für sich zu nutzen. Diese von vielen kommunalen Akteuren in positiver Absicht unterstützte Entwicklung zur schnellen Verbesserung der Versorgungssituation stellte sich nach der ersten Euphorie sowohl stadtentwicklungs- als auch handelspolitisch oft als problematisch heraus. So kann der Erwerb fast aller Kaufhallen in den östlichen Bezirken durch einen Berliner Filialisten nicht gerade als Erfolg gewertet werden" (Branoner 1993, S. 146) Branoner1993 .

Auch Müller weist auf die ungleichen Wettbewerbschancen hin: "Die Neustrukturierung der ostdeutschen Märkte war durch ungleiche Wettbewerbschancen der agierenden Markteilnehmer gekennzeichnet. Filialisierte Großunternnehmen und kooperative Verbundsysteme hatten eindeutige Start- und damit Marktbesetzungsvorteile“ (Müller 1995, S. 61) Müller1995 . Hinzu kommt die Privatisierungspraxis der Treuhand, durch die die künftige Leistungs- und Wettbewerbs- und damit Existenzfähigkeit eines durch ostdeutsche Unternehmer geführten mittelständischen Handels zumindest stark erschwert wurde. „Gestützt wird diese Einschätzung insbesondere dadurch, daß einerseits der Zugriff ostdeutscher Bewerber mehrheitlich nur auf solche Objekte möglich war, die nach allgemeinen betriebswirtschaftlichen Verständnis dauerhaft nicht ertrags- und damit existenzsichernd sind" (Müller 1995, S. 65). Müller1995

Die zunehmende Konzentration wird vom Gesamtverband des Einzelhandels Land Berlin e. V. (GdE) als wesentliches Problem beschrieben: „In einzelnen Branchen wie im Lebensmitteleinzelhandel ist durch weitere Allianzen und Fusionen mittlerweile ein derart hoher Konzentrationsgrad erreicht, daß sich nach Erhebungen der M & M-Eurodata, Frankfurt/Main, die größten 30 Unternehmen 95,9 % des Marktes teilen. Die allgemein als „Tante-Emma-Läden“ bezeichneten


54

Bedienungsläden im Lebensmitteleinzelhandel teilen sich hingegen nur noch ca. 1 % des Lebensmittelumsatzes“ (Gesamtverband des Einzelhandels Land Berlin e. V. (GdE) 1996, S. 5) Gesamtverband1996 . Es ist davon auszugehen, daß neben der ungünstigen gesamtwirtschaftlichen Nachfrageentwicklung die hohe Konkurrenzdichte für die zunehmende Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation kleiner Einzelhandelsbetriebe anzusehen ist und diese Entwicklung sich in der sinkenden Attraktiviät der Innenstädte abbildet.

Bunge/ Spannagel gehen davon aus, daß eine positive Veränderung der Situation möglich ist: „Langfristig kann durchaus mit einer steigenden Attraktivität der Innenstädte gerechnet werden. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses wird allerdings entscheidend davon abhängen, wie sich die Zusammenarbeit zwischen Handel und öffentlichen Stellen in den Städten entwickelt, welche flankierenden Maßnahmen zur Verfügung stehen und wie diese Maßnahmen von den Städten selbst angenommen werden. Es wäre grundfalsch, auf die - mit Sicherheit nur sehr schwachen - „Selbstheilungskräfte“ zu hoffen. Ständige Beobachtung und Unterstützung des Revitalisierungsprozesses sind auf jeden Fall vonnöten“ (Bunge, H./Spannagel, R. 1995, S. 54) Bunge1995 .

(3) Rückgang der Verbrauchernachfrage

Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels beschreibt in seinem Arbeitsbericht für das Jahr 1997 die Entwicklung der Verbrauchernachfrage wie folgt: Seit 1993 erreichte die reale Zuwachsrate des privaten Verbrauchs in keinem Jahr mehr die Marke von 2 %. Auch 1997 (realer Zuwachs knapp 1 %) blieb der Verbrauch in jedem Quartal weit hinter der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zurück. (...) Die Konsumzurückhaltung hat objektive und subjektive Ursachen. Zu den objektiven gehört vor allem die höchst mäßige Entwicklung der Einkommen. Die Summe der verfügbaren Einkommen aller privaten Haushalte stieg 1997 weniger stark als im Vorjahr, real gerade einmal um 1 % - deutlich geringer als das Bruttoinlandsprodukt“ (Hautpverband des Deutschen Einzelhandels 1997, S. 8) Hauptverband1997 .

(4) Wirtschafts- und strukturpolitische Probleme

Spannagel weist auf eine Reihe von zusätzlichen belastenden Faktoren für den Einzelhandel in den neuen Bundesländern hin, die so in den alten Bundesländern nicht auftreten: "Die Monopolkommission hat in ihrem


55

Sondergutachten "Marktstruktur und Wettbewerb im Handel" vom Frühjahr 1994 zur Einzelhandelsentwicklung in den neuen Bundesländern festgestellt: "Der Strukturwandel im ostdeutschen Handel ist mit den auch für Westdeutschland typischen Anpassungsproblemen verbunden". Dieser Satz könnte den Eindruck erwecken, daß es nur noch graduelle Unterschiede bei der Entwicklung des Einzelhandels in den alten und neuen Bundesländern gibt. Die Forschungsstelle für den Handel Berlin ist dagegen der Überzeugung, daß in den neuen Bundesländern zahlreiche Faktoren aufgetreten sind und auch weiterhin auftreten, die nachteilige Einflüsse auf die Entwicklung des Einzelhandels haben und hatten und die in den alten Bundesländern gar nicht oder in wesentlich geringerer Ausprägung anzutreffen sind" (Spannagel 1995, S. 204) Spannagel1995 .

Nach der Umfrage des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) vom Herbst 1995 haben fast alle Einzelhandelsunternehmen in den neuen Bundesländern an der Qualität ihres Standortes etwas auszusetzen. Zu wenige Parkplätze und zu hohe Mieten waren die am häufigsten genannten Mängel. Einzelhändler in innerstädtischen Lagen beklagten darüber hinaus die schlechte Erreichbarkeit mit dem PKW. Auch beim Denkmalschutz entsteht ein Interessenkonflikt zwischen städtebaulichen Konzepten und ökonomischen Interessen. Besonders Cityhändler beklagen sich über das Untersagen von Firmenschriftzügen, Hausfarben und Leuchtreklame, über die durch Auflagen in die Höhe getriebenen Kosten für Restaurierung, unzulängliche Erweiterungsmöglichkeiten und erschwerte Zugangsmöglichkeiten zu den Geschäftsräumen (vgl. Jahrespressekonferenz (Neue Bundesländer) des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels vom 13. 09. 95, Berlin). Hauptverband1995

Ein weiteres, auf den Umsatz drückendes Problem sind die hohen Gewerbemieten. Untersuchungen der Forschungsstelle für den Handel ergaben zwar, daß nicht die Mieten an sich das Problem waren, aber der niedrige Umsatz und die geringe Flächenproduktivität lassen Gewerbemieten von 20 -25 DM/qm im Großstadtgebiet und ca. 19 DM/qm in ländlichen und kleinstädtischen Sektoren zu einem immensen Kostenfaktor werden. Da Vermieter an gesicherten Mieteinnahmen interessiert sind, machen sie Vertragsabschlüsse eher mit erfahrenen Einzelhändlern, die bereits ökonomischen Erfolg bewiesen haben. Unter


56

diesen Bedingungen bleiben für Neueinsteiger häufig nur die unattraktiveren Standorte übrig, wodurch schon im Anfangsstadium die Geschäftsaussichten eingeschränkt werden. Leider scheuen Banken oft den Aufwand und das Risiko bei der Vergabe von Kleinkrediten bis 100.000 DM, die für Investitionen oder auch Geschäftsgründungen von großer Wichtigkeit sind.

Eine Befragung von Einzelhändlern in den neuen Bundesländern beschreibt die wirtschaftliche Situation wie folgt: "Die überwiegende Mehrzahl der Befragten beurteilt die wirtschaftliche Situation für das eigene Geschäft als nicht zufriedenstellend. Bei mehr als der Hälfte der Befragten ist der Umsatz im Jahr 1995 zurückgegangen. Fast drei Viertel der Unternehmen sehen sich einem erhöhten Konkurrenzdruck ausgesetzt“ (Gesamtverband des Einzelhandels Land Berlin (GdE) 1995). Die Forschungsstelle für den Handel zieht den Schluß, daß "nicht nur diese subjektive Einschätzung der Befragten, sondern auch die objektiv feststellbaren Daten - z. B. kleinbetriebliche Strukturen der Unternehmen, geringe Flächenproduktivität - Indikatoren dafür sind, daß die Zukunft für viele kleine und mittlere Einzelhandelsunternehmen in den neuen Bundesländern eher ungünstig aussieht" (Forschungsstelle für den Handel Berlin 1996, S. 3) Forschungsstelle1996 .

1.2 Betriebliche Rahmenbedingungen

Die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben zu einer grundlegenden Veränderung der Aufgabenstellung des Einzelhandels geführt. Hermann Schmidt beschreibt die neue Aufgabenstellung wie folgt: "Hatte der Handel in der ehemaligen DDR bislang lediglich die Aufgabe, Waren an die Verbraucher zu verteilen, so werden zukünftig mit dem Einzug des Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage die Rollen neu verteilt. Der Käufer wird umworben. Für den Handel gilt es Millionen von täglichen Kaufentscheidungen zu beeinflussen. Verkaufen wird als ein aktiver Vorgang in eine Absatzstrategie eingebettet werden müssen, soll der Erfolg erreicht werden. Dies alles erfordert ein fundamental neues Denken in veränderten Kategorien, viele Lernprozesse und völlig neue Konzepte für die Aus- und Weiterbildung der Fach- und Führungskräfte im Handel der ehemaligen DDR" (Schmidt 1992, S. 108) Schmidt1992 .


57

Auch Spannagel geht davon aus, daß die Umstellung auf die Wettbewerbssituation die markanteste Veränderung für Existenzgründer in den neuen Bundesländern darstellt, und führt hierzu aus: "Jungunternehmer in den neuen Bundesländern hatten zum Teil allerdings auch unter irrigen Annahmen den Schritt in die Selbständigkeit gewagt: Wer 1990 im Rahmen der Privatisierung der HO das bisher einzige Geschäft einer bestimmten Branche an einem Ort übernommen hat, tat das mitunter noch mit der Vorstellung, daß damit automatisch durch dieses Geschäft - wie in den DDR Zeiten der DDR-Mangelwirtschaft und der "Handelsnetzplanung" - die Versorgung der Bevölkerung der Umgebung mit dem entsprechenden Sortiment erfolgen werde, und rechnete nicht mit dem raschen Hinzutreten von Wettbewerbern. In Gesprächen mit Unternehmen in den neuen Bundesländern klingt hin und wieder immer noch das Erstaunen an, daß Konkurrenz doch eigentlich eine Verschwendung von Ressourcen sei" (Spannagel 1995, S. 206) Spannagel1995 .

In seinem Arbeitsbericht 1993 stellt der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels fest: „Die ostdeutschen Händler haben enorm an Selbstbewußtsein gewonnen. Sie haben gelernt, Bedarf beim Kunden zu erzeugen, mit wechselnden Nachfragetrends umzugehen und die Preispolitik den Erfordernissen anzupassen. Der Wettbewerb wird nicht mehr als Bedrohung empfunden" (Hauptverband des Deutschen Einzelhandels 1993, S.25). Aus dieser Feststellung zieht R. Spannagel den Schluß, daß die "ausdrückliche Erwähnung dieses Phänomens durch den HDE im Jahr 1994 auch zeigt, daß derartige Defizite, die mit deutlichen Wettbewerbsnachteilen verbunden waren, noch vor nicht allzu langer Zeit festzustellen waren (Spannagel Berlin, 1995, S. 207) Spannagel1995 .

Die Forschungsstelle für den Handel weist darauf hin, daß auch die Unternehmern Schwierigkeiten mit den Gegebenheiten des Marktes hatten, denen es zu DDR-Zeiten gelungen war, ihre Selbständigkeit zu bewahren: „ Trotz einiger ihnen verbliebener Freiräume waren auch sie so stark in die "Verteilungswirtschaft" eingebunden und hatten zu wenig geschäftliche Gestaltungsmöglichkeiten, als daß sie den Schritt in die Marktwirtschaft hätten nahtlos vollziehen


58

können" (ebd., S. 207). Spannagel1995

Vor dem Hintergrund der nachfolgend beschriebenen wirtschaftlichen Aufgabenstellung der Betriebe in der DDR läßt sich das gut nachvollziehen: "Einzelhandelsbetriebe hatten eine Monopolstellung inne, die keinen ökonomischen Wettbewerbsdruck erzeugte. Im Mittelpunkt stand die Planerfüllung der vorgegebenen Gewinngröße. An einer Gewinmaximierung hatten die Betriebe nur begrenzt Interesse, da ca. 70 bis 90 % des erwirtschafteten Gewinns an den Staatshaushalt abzuführen waren; ein hoher Gewinn hatte eine hohe Planvorgabe für das kommende Jahr zur Folge" (Handel in der DDR. In: Lebensmittelpraxis Spezial 9/1990, S. 37) HandelDDR1990 . Einzelhandelsbetriebe in der DDR erfüllten auch eine soziale Funktion. Hierauf geht E. Staudt ein: "Betriebe waren soziale Heimstätten wie jenes Kaufhaus in Halle, das mit mehrfacher Überbesetzung im Personalbereich zu DDR-Zeiten zwar einen äußerst schlechten Service lieferte, aber doch für eine große Zahl von Menschen zugleich Friseur, Pediküre, Plaudermöglichkeiten, Einkaufszeiten zur Verfügung stellte und Dreh- und Angelpunkt des Lebens war. Heute arbeitet nur noch ein Viertel der Belegschaft bei höherem Umsatz und besserem Service" (Staudt 1996, S. 274) Staudt1996 .

Die Aufgabenstellung der Einzelhandelsbetriebe hat sich seit der Wende grundlegend verändert. Dies betrifft insbesondere

  1. Organisation betrieblicher Abläufe
  2. Positionieren am Markt
  3. Qualifizierung und Anleitung der Mitarbeiter

(1) Organisation betrieblicher Abläufe

Die Organisation betrieblicher Abläufe betrifft Wareneinkauf, Warenlagerung und Warenverkauf sowie die Erfassung und Auswertung betrieblicher Daten. Aus der folgenden Äußerung wird deutlich, daß sich das große Warenangebot für Einzelhändler in den neuen Bundesländern zunächst als Problem darstellte: "Für uns war alles vollkommen neu. Bisher hatten wir Probleme damit, die Waren überhaupt zu bekommen, und nun mußten wir aus einem großen Sortiment die Waren auswählen. Wir wußten oft nicht, was uns die Kunden abkaufen würden. Am Anfang haben wir viele Fehler gemacht. Wir waren ja gewohnt - vor allem vor Feiertagen - Waren zu horten; das haben wir in der Anfangszeit auch


59

noch gemacht. Heute wissen wir, welche Waren wir in welchen Mengen einkaufen müssen."

Auch im Zusammenhang mit der Warenlagerung haben sich seit der Wende tiefgreifende Veränderungen ergeben. Während vor der Wende hierfür große Flächen für die Lagerhaltung zur Verfügung standen, um Schwankungen in der Warenlieferung ausgleichen zu können, konnten sich Einzelhändler nun auf tägliche Warenlieferung und entsprechend geringe Lagerflächen umstellen.

Die aktuelle Erfassung und Auswertung betriebswirtschaftlicher Kennzahlen stellt eine wichtige Voraussetzung dafür dar, um das Betriebsergebnis kurzfristig beeinflussen zu können. Die Bedeutung betriebswirtschaftlicher Kennziffern wird von Existenzgründern häufig zu gering eingeschätzt. Auf Defizite in diesem Zusammenhang weist ein Vertreter einer namhaften Berliner Bank hin: "Vielen Existenzgründern stehen aktuelle betriebliche Kennzahlen zur Beurteilung ihrer Ertragssituation entweder nicht zur Verfügung, oder es fehlt ihnen die entsprechende Kompetenz, um die vorhandenen Kennziffern zu interpretieren und Schlußfolgerungen für betriebliches Handeln ziehen zu können. Wir führen die Defizite auf die widersprüchlichen Erfahrungen zurück, die hiermit in der DDR gemacht wurden."

Diese Aussage bestätigt H. Curcius, Ökonomisches Forschungszentrum für den Binnnenhandel: "Die im Zusammenhang mit der Erfassung betriebswirschaftlicher Vergleichszahlen entstandene Papierflut stand in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Auswertung der Ergebnisse und der eigenverantwortlichen Möglichkeiten der Leiter, die sachlichen und personellen Voraussetzungen für ein effektiveres Wirtschaften zu schaffen. Die Ursachen hierfür sehe ich in der Degradierung des zentral gesteuerten Handels auf die Funktion des Verteilens der bilanzierten bzw. vorhandenen Ware" zurück" (Handel in der DDR, In: Lebensmittelpraxis Spezial 9/1990, S. 37) HandelDDR1990 .

(2) Positionieren am Markt

Sich am Markt zu positionieren, stellt eine der wichtigsten neuen Aufgaben des Einzelhandels in den neuen Bundesländern dar. Während vor der Wende die Verteilung der Waren im Vordergrund stand, geht es nun darum, den Käufer durch kundenorientiertes Verhalten auf das Unternehmen aufmerksam zu machen und ihn als Kunden zu gewinnen. Die Erarbeitung eines firmeneigenen Profils ist Voraussetzung hierfür


60

und setzt Kreativität und Flexibiliät und das Eingehen auf Kundenwünsche im Wohngebiet voraus.

(3) Qualifizierung und Anleitung der Mitarbeiter

Qualifizierung und Anleitung der Mitarbeiter ist eine wesentliche Aufgabe unternehmerischen Handelns und trägt maßgeblich zum betrieblichen Erfolg bei. Hierzu zählt, daß Mitarbeiter zu Eigenaktivität und selbstverantwortlichem Handeln motiviert werden, ihnen Einflußmöglichkeit eingeräumt und Verantwortung übertragen wird.

1.3 Individuelle Rahmenbedingungen

Die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen haben das Leben der Menschen in der DDR grundlegend verändert. W. Gieseke beschreibt die Auswirkungen wie folgt: "Berufliche Biographien brechen zusammen, Arbeitslosigkeit trifft einen hohen Prozentsatz der Bevölkerung, das kulturelle Leben, das Bildungssystem verändern sich. Auch familiäre Strukturen bleiben nicht unberührt. ... Viele Menschen sind aber nicht nur in einer kritischen biographischen Situation, die vor allem berufliche Umorientierung notwendig macht; erschwerend kommt noch hinzu, daß bisherige Erfahrungen und darauf basierende Deutungen sich im Alltagshandeln nicht mehr nutzen lassen (...) Alte Erfahrungen scheinen entwertet, neue Erfahrungen müssen erworben und verarbeitet werden" (Gieseke, W./Siebers, R. 1994, S. 331) Gieseke1994 .

Nach Tietgens ist die Lernerfahrung entscheidend für den Umgang mit neuen Situationen: "Die Art und Weise, in der ein Erwachsener lernt, ist im starken Maße davon abhängig, welche Erfahrungen er mit dem Lernen gemacht hat bzw. gemacht zu haben glaubt. Impuls und Weiterlernen sind von der vorausgegangenen Art des Lernens und von dem dabei empfundenen Erfolg mitbestimmt. Für die Erwachsenenbildung ist es deshalb wichtig, sich eine Vorstellung von dieser Erfahrung zu machen, um ihre eigenen Möglichkeiten angemessen einschätzen zu können. Sie muß beachten, daß die Lernvergangenheit der Teilnehmer durch die Art von Lehrverhalten geprägt ist, die sie erlebt haben, und damit von den Anforderungen, die in früheren Lernsituationen an sie gestellt worden sind.


61

Werden Erwachsene zum Lernen aufgefordert, assoziieren sie Kindheit und Jugend, Schule und Berufsausbildung. Sie erinnern sich, daß sie sich Kenntnisse und Fertigkeiten aneignen mußten, nachdem ihnen etwas vorgesagt und vorgemacht wurde. So wurden sie vornehmlich zu einem imitativen Lernen veranlaßt“ (...) Tietgens betont die Bedeutung der frühkindlichen Erfahrungen für das Lernen im Erwachsenenalter, wie der folgenden Äußerung zu entnehmen ist: "Die vorschulische Familienerziehung hinterläßt Spuren, die dem Lernen in der darauffolgenden Phase das Gepräge geben. Die Art und Weise, wie die ersten Lernangebote gemacht worden sind, und wie sie verarbeitet wurden, bestimmt die Weise des Lernstils“ (Tietgens 1971, S. 57). Tietgens1971 „Die Ersterfahrungen der Kindheit bestimmen das Maß an Vertrauen und Mißtrauen und dieses gewichtet und richtet die Motivation und die Zukunftsvorstellungen und damit sowohl Stärke und Ziele der Bildungsbedürfnisse als auch den Stil des Lernverhaltens. Noch in der Erwachsenenbildung macht es etwas aus, ob man lernt, um etwas zu bewirken und zu erreichen, oder ob man lernt, um etwas zu verhindern und sich zu sichern“ (ebd., S. 58).

Über die Erfahrungen von Ostdeutschen im Elternhaus gibt eine vergleichende Studie, die im Jahr 1994 durchgeführt wurde, Auskunft: "Geradezu frappierend ist, wie positiv die Ostdeutschen auf ihre Erziehung im Elternhaus zurückblicken, obwohl die Meinung grassiert, daß die Ostdeutschen in ihrer Kindheit durch Krippenerziehung und Berufstätigkeit beider Eltern nicht viel familiäre Geborgenheit genossen haben könnten. Der Psychoanalytiker H. Speidel hat ja sogar die These von ganzen Generationen von Sozialwaisen aufgestellt, die durch katastrophale familiäre Verhältnisse in den letzten 40 Jahren im Osten entstanden seien (vgl. Speidel 1994). Die empirischen Ergebnisse zeigen ein ganz anderes Bild: Was immer man in der Erziehung von den Eltern erfahren und bekommen hat, klingt im Osten freundlicher als auf der westlichen Seite. (Zum Verfahren vgl. Perris u. a. 1994). Demnach werden die Eltern als warmherziger und toleranter beschrieben: Sie haben die Kinder näher an sich herangelassen, sie weniger bestraft, weniger geschlagen, weniger beschämt, mehr unterstützt und haben diese weniger mit ehrgeizigen Forderungen gequält. Den


62

reglementierenden Eingriffen des Staates zum Trotz scheint sich demnach die Familie für die Kinder im Osten als Stütze besser bewährt zu haben, als oft unterstellt wird. In der Familie hatte sich anscheinend vielfach eine hermetische private Gegenkultur entwickelt, die den Kindern positive emotionale Erfahrungen vermittelte. Deren Verinnerlichung dürften die nun im ostdeutschen Selbstbild vorgefundenen Merkmale von mehr Offenheit, Gefühl und Weichheit begünstigt haben" (Brähler/Richter 1995, S. 17) Brähler1995 .

Die Bewältigung neuer Situationen setzt Offenheit für Neues voraus. "Voraussetzung hierfür ist Nestwärme, die dem Menschen ein Gefühl der Geborgenheit vermittelt, damit er sich über den eigenen Kreis der Familie und der Freunde neugierig hinausbewegen und das für ihn Exotische genießen und Vielfalt als Bereicherung würdigen kann" (Hoffmann 1992, S. 208) Hoffmann1992 . Bollnow weist auf die notwendige Lernenergie hin: "Offenheit für Neues ist keine natürliche Gabe, sondern eine mühsam zu erwerbende Tugend; denn wie der Mensch allgemein ein Wesen ist, das immer in der Gefahr ist, hinter seinen Möglichkeiten zurückzubleiben, und das die Versuchung zur Trägheit nur in immer neuen Anstrengungen überwinden kann, so erfordert auch die Bereitschaft zur neuen Erfahrung eine immer neue Überwindung der entgegen wirkenden Beharrungskräfte" (Bollnow 1968, S. 233).

Lernenergie entwickelt sich auf der Grundlage des vorherrschenden Lernklimas, das "seine Atmosphäre nicht zuletzt von den herrschenden Ordnungsvorstellungen und Ordnungsmitteln einer Gesellschaft erhält. "Unsere Gesellschaft funktioniert als eine durch Sozialpolitik begrenzt abgesicherte Konkurrenzgesellschaft. Es herrscht die Annahme vor, daß allein der Regulierungsfaktor Konkurrenz Freiheit garantiert, individuelle Leistung hervorbringt und Menschen zugleich kooperationsbereit macht. Konkurrenz bzw. Rivalität gelten als stärkste Anreize, sich anzustrengen. Sie sind die grundlegenden Maßstäbe des Erwartungssystems. Auf dieses Erwartungssystem ist das Bildungssystem, die Lernorganisation und der herrschende Lehrstil bezogen. Es bestimmt im Prinzip Lernziel, Lernweise und die Art der Unterstützung, die der Lernende erfährt. Es sind also vornehmlich sekundäre Motive, die an das zu Lernende heranführen. Sie sind nicht von vornherein,


63

wie gelegentlich unterstellt wird, von minderem Wert, aber sie können die Lernenergie in eine Richtung lenken, die nicht zur sachlichen Erhellung des zu Lernenden führt" (Tietgens 1971, S. 23). Tietgens1971

Lernen - vorrangig als berufliche Weiterbildung - war fester Bestandteil des Erwachsenenlebens in der DDR. Nebenberufliche Qualifizierung eröffnete eine Vielzahl von Bildungsabschlüssen. Längere Qualifizierungsphasen, für die die Berufstätigen zum Teil von ihrer Arbeit freigestellt wurden, waren die Regel. "Es war also prinzipiell möglich, sich neben und während der Berufstätigkeit vom Ungelernten bis zum Ingenieur zu qualifizieren, wobei aber unter Umständen die erforderlichen Schulabschlüsse in der Volkshochschule erworben werden mußten. Bei großem Arbeitskräftebedarf wurde dieser Qualifizierungsweg sogar gegenüber der "normalen" Lehrlingsausbildung bevorzugt, so daß zeitweise mehr Berufstätige die Facharbeiterprüfung im Rahmen der Erwachsenenbildung als Lehrlinge in der Berufsausbildung absolvierten. Vor allem die Frauen wurden aufgefordert, sich auf diesem Weg zu qualifizieren." (Siebert 1990, S. 19) Siebert1990 Gensicke beschreibt die Bedeutung des Bildungswesen in der DDR wie folgt: "Wenn man die Bedeutung, die der Faktor Bildung in der DDR gespielt hat, verstehen will, muß man wissen, daß der durchschnittliche DDR-Bürger fast ständig irgendwie "weitergebildet" und "geschult" wurde. Das vollzog sich in der Arbeitswelt, in Parteien und Organisationen usw. Ich hebe die Bedeutung dieser zeitweise nahezu flächendeckenden "Bildungsaktivität" nicht deshalb hervor, weil ich davon ausgehe, daß sie die Masse der Leute zu Intellektuellen gemacht hat, nicht einmal, weil sie dort irgendwelches brauchbares Wissen erworben haben. Es geht um die "Horizonterweiterung" und die "Aktivierung", die selbst die einfachste Beschäftigung mit dem Wissen oftmals zur Folge hat" (Gensicke 1991, S. 293) Gensicke1991 .

Tietgens weist als Ergebnis eines Gespräches mit ehemaligen Volkshochschuldirektoren auf die überdurchschnittliche Aktivitätsbereitschaft des Personenkreises zu DDR-Zeiten hin und geht davon aus, daß das Gelernte das bestimmende Merkmal des Personenkreises sei. „Von seiner Prägung kann sich niemand trennen, aber die Frage stellt sich, was daraus jeweils gemacht worden ist, wie der Anwendungskontext aussieht bzw.


64

ausgesehen hat. Wenn dann das DDR-Bürger-Sein als gelerntes betont wird, so spricht daraus das Selbstbewußtsein, daß man in dem System der DDR zu leben gelernt hat. Das beinhaltet keine blinde Anpassung an das System, sondern lernen heißt hier soviel wie mit den gegebenen Bedingungen umgehen zu können, sie gegebenenfalls auch umgehen zu können. Lernen will also verstanden sein im Sinne des produktiven Nutzens für das Gemeinwesen. Insofern beinhaltet es immer noch ein Sich-Bewegen im Rahmen des von einem System ursprünglich Intendierten, da es unter humanistischen Richtwerten die politische Ordnungsgestaltung übernommen hat. Das Lernen schließt dann auch das Erkennen ein, wo die politische und administrative Praxis von ihrem theoretischen Selbstverständnis abweicht, und des weiteren zu erkennen, wann es in welcher Weise produktiv ist, die Kritik an diesen Abweichen auch vorzutragen. So konnte dann der gelernte DDR-Bürger zur Optimierung der Gesellschaftsordnung beitragen. Daß dies insgesamt nicht möglich gewesen ist, war zum Zeitpunkt der Interviews offenkundig. Die Reaktion darauf ist allseits bekannt und wird im deutschen Blätterwald breitgetreten. Über die Schnellwender und die Verbohrten wird gesprochen, von den Weinerlichen hie und den Unterwürfigen da, nicht aber von den Reaktionsweisen, die an den Interviews, von denen hier zu berichten ist, abzulesen sind. Was sie durchweg kennzeichnet, ist, daß sie eine überdurchschnittschnittliche Aktivitätsbereitschaft an den Tag legten, daß sie immer wieder um Initiativen bemüht waren, die über den Einheitsschematismus des Verordneten hinausgingen. Das war von ihnen von innen her möglich auf der Basis der eigenen lebensgeschichtlichen Entwicklung und der Bejahung der Alternative, die aus der Kriegsjugenderfahrung entstanden war. So wurde von ihnen zwar gesehen, welche „Widersprüche klafften zwischen den Worten und der Realität“, aber es wurde „gedacht und geglaubt, durch entsprechende gründliche gute Arbeit ... einen guten Sozialismus machen zu können“. Das ist weder pure Anpassung noch Widerstand, kein Mitläufertum und keine Renitenz, keine innere Emigration und kein Zynismus, sondern der Versuch, durch überschaubar Gutes und Vernünftiges einem Strom entgegenzuwirken, an dessen Quelle sie allerdings nicht herankommen konnten" (Tietgens 1993, S. 15) Tietgens1993 .


65

Das Bildungssystem der DDR hat nach Lipsmeier einen wesentlichen Beitrag zur Herausbildung von Fachkompetenz und Schlüsselqualifiktionen geleistet: "Es ist keineswegs so, wie häufig in der West-Literatur anzutreffen, daß die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen in DDR-Weiterbildungsdidaktik und -methodik keine Rolle gespielt hätte. Zwar eingebettet in sozialistische Denk- und Handlungsstrukturen, doch gleichwohl nicht nur als Chiffre, sondern auch konkret in didaktisch-methodischen Handlungsanweisungen erkennbar waren Ziele wie Förderung von Selbständigkeit, Problemlösungsfähigkeit, Teamfähigkeit und Kooperation sowie die Verbindung von Theorie und Praxis war keinesfalls marginale pädagogische Ausschmückungen, sondern Aus- und Weiterbildungsrealität, wenn auch in stark dozentenorientierten Vermittlungsformen" (Lipsmeier 1995, S.47) Lipsmeier1995 .

H. Siebert betont die Durchgängigkeit des Bildungssystems und die Vielfalt der Weiterbildungsmöglichkeiten in der DDR: "Das Bildungssystem war m. E. in Europa einmalig. Für jedes Qualifizierungsniveau vom Ungelernten bis zum Hochschulkader und für jeden Wirtschaftszweig wurden Rahmen-Curricula entwickelt, die die Vergleichbarkeit der Anforderungen sicherstellen und gleichzeitig eine flexible Anpassung an die jeweiligen betrieblichen Erfordernisse ermöglichten. 43 Hochschulen und 234 Fachhochschulen boten Fernstudien an. Seit 1950 erwarb jeder vierte Hochschulabsolvent sein Diplom als Fernstudent“ (Siebert 1990, S. 18) Siebert1990 .

Das Ergebnis einer Untersuchung zum Qualifikationspotential von Existenzgründern im Einzelhandel, bestätigt dies. “Das Bildungssystem in der DDR bot eine Vielzahl unterschiedlicher Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Existenzgründer im Einzelhandel haben diese Möglichkeiten auf unterschiedliche Weise genutzt. Der Anspruch auf Weiterbildung war selbstverständlich geworden und gehörte zum Alltag jedes DDR Bürgers. Die in Schule, Ausbildung und Studium erworbene hohe Reflexions- und Lernfähigkeit trug wesentlich zur Orientierung in der neuen Situation bei. Das selbstorganisierte und kooperative Lernen wurde in der DDR auf vielfältige Weise erworben und ist heute eine wichtige Voraussetzung, um sich die neuen Lerninhalte überwiegend selbst anzueignen. Die


66

Gesprächsergebnisse zeigen, daß auch die in der DDR erworbenen Fachkenntnisse entscheidend dazu beitrugen, die neue Situation zu bewältigen. So sind Pädagogik- und Psychologiekenntnisse eine wichtige Voraussetzung dafür, um Mitarbeiter kompetent zu leiten und sie für ihre neue Aufgabenstellung motivieren zu können. Auch die Ausbildungsinhalte, die in der Ausbildung im Einzelhandel vermittelt wurden, wurden von den Gesprächspartnern als wesentlich genannt" (Panick V./Preiß-Allesch, D. 1997, S. 32). Panick1997

Spannagel hingegen stellt „erhebliche Defizite im marktwirtschaftlichen Denken und Handeln fest und führt dies darauf zurück, daß ein Teil der Unternehmen sich zu lange nur als Verteiler von Waren verstand und sich nicht aktiv um die Kunden bemühte (Spannagel 1995, S. 206) Spannagel1995 . Zugleich räumt Spannagel ein, daß „...außerbetriebliche Faktoren, wie z. B. starke Konkurrenz auch die Einzelhandelsunternehmen in Schwierigkeiten bringe, die sich unternehmerische Qualitäten bewahrt hätten“ (ebd., S. 207) Spannagel1995 . Dies bestätigt auch die strukturbegleitende Untersuchung der Forschungsstelle für den Handel: "In zahlreichen Fällen hat die FfH den Eindruck gewonnen, daß für die Geschäftsschließungen Gründe maßgeblich waren, die nicht in der Entscheidungssphäre der Unternehmer lagen" (Spannagel 1996, S. 222) Spannagel1996 . Zwei Drittel aller befragten Unternehmen bestanden bereits 1989 - meist als staatliches oder konsumgenossenschaftliches Unternehmen. Die früheren Verkaufsstellenleiter" sind in vielen Fällen die heutigen Inhaber." (ebd., S. 222) Dies legt den Schluß nahe, daß die in der DDR in Aus- und Weiterbildung erworbene Kompetenz ausschlaggebend für die Bewältigung der neuen Situation war. Über den Erwerb unternehmerischer Qualifikation im Transformationsprozeß äußert sich Voss: "Keiner von ihnen hatte Zeit, sich erst einmal auf die Schulbank zu setzen und das Gründereinmaleins zu lernen, abgesehen davon, daß entsprechende Bildungsangebote weitgehend fehlten. Dennoch erfolgte die Existenzgründung bei den meisten nicht voraussetzungslos. Von Vorteil war, daß zumindest in der Anfangsphase vorhandene „Technolgogie- und Know-how-Lager“ bewirtschaftet werden konnten und - ohne Kosten für Neuentwicklungen - ein Ausverkauf vorhandener Potentiale möglich war. (...) Wenn also erfolgreiche Gründungen auch ohne Schulungen, Seminare, Coaching möglich sind, stellt


67

sich doch die Frage, ob erfolgreiche Existenzgründer überhaupt herangebildet werden können oder ob die Fähigkeit, erfolgreich zu gründen, außerhalb des Bildungsystems erworben wurde" (Voß 1992, S.12 ) Voß1992 .

Haase-Schur äußert sich zu den Qualifikationsvoraussetzungen und dem Qualifikationserwerb erfolgreicher Unternehmensgründer am Beispiel der Firma Golem wie folgt: " Eine besondere Qualifizierung schien für diese Gründer nicht erforderlich, weil sie entschlossen waren, die am Markt gegebenen Chancen für ihre Geschäftsidee (Denkmalspflege) zu nutzen, mit ihrer Entschlossenheit und hoher Motivation auch in der Lage waren, sich das notwendige Wissen für eine Betriebsgründung selbst heranzuholen und dann im zweiten Schritt auch ihren Mitarbeitern zu vermitteln. Der Glücksfall wollte es, daß es einen ebenso entschlossenen Landrat gab, der bereit war, die Gründung des Unternehmens in der strukturschwachen Ost-Region Brandenburgs in jeder ihm möglichen Weise zu unterstützen, und das auch in die Tat umgesetzt hat"( Haase-Schur 1995, S. 8). Auch das Berliner Institut für sozialwissenschaftliche Studien kommt in einer Untersuchung zu dem Qualifikationspotential von Existenzgründern in den neuen Bundesländern zu dem Ergebnis, "daß die Existenzgründer ein hohes Potential an Gründereigenschaften und -fähigkeiten besitzen und daß ostdeutsche Gründer, lernfähig und hochmotiviert, für manche Überraschungen sorgen werden, die landläufige Vorstellungen und Vorurteile erheblich korrigieren werden"(Woderich 1993, S. 57).

Staudt spricht in diesem Zusammenhang von Dequalifikation durch Weiterbildung und begründet dies wie folgt: "Die zunächst dominanten Angebote von Billigstkursen in Marktwirtschaft gingen kaum auf das hohe Fachpotential der ehemaligen DDR ein. Die Fehleinschätzung über verfügbares Fachpotential und die auf diesen Fehleinschätzungen basierende Umschulung und Weiterbildung waren also eine Zumutung für die fachlich gut ausgebildeten Menschen in Ostdeutschland. Wenn dann der Ingenieur zum Industriekaufmann umgeschult wird, während gleichzeitig die Industrie seiner Heimat wegbricht, der Forscher zum Verkäufer gemacht wurde, während man gleichzeitig die begrenzte Innovationsfähigkeit beklagte, und der Facharbeiter in Beschäftigungsgesellschaften geparkt wurde, die Produktivität


68

künstlich niedrig halten, dann wird dieser Weiterbildungsaktionismus schon fatal und führt schließlich dazu, daß das hohe Qualifikationspotential nicht nur verschwendet, sondern letztlich abgebaut wird. Die Arroganz westlicher Muster und die Unfähigkeit, die verfügbaren Qualifikationen einzusetzen, führen letztlich zu Dequalifikation" (Staudt 1996, S. 269) Staudt1996 .

1.4 Die neuen Handlungsanforderungen für Existenzgründe-rinnen und Existenzgründer im Einzelhandel

Die neuen Handlungsanforderungen leiten sich aus den veränderten volkswirtschaftlichen, betrieblichen und individuellen Rahmenbe-dingungen ab. Die Bewältigung der neuen Situation setzt voraus, daß volkswirtschaftliche und betriebliche Zusammenhänge in ihrer Komplexität und Wechselseitigkeit erfaßt werden und die Existenzgründer in der Lage sind, auf diese Situation bewußt und interessenorientiert Einfluß nehmen zu können.

Handlungsanforderungen auf volkswirtschaftlicher Ebene

Die Entwicklung im Handel hat zu einem erheblichen Ungleichgewicht zwischen großen Einkaufszentren und kleinen Einzelhandelsunternehmen geführt. Einzelhändler haben hier nur dann eine Chance, wenn es ihnen gelingt, ihre Interessen gemeinsam mit anderen durchzusetzen. Zwischenzeitlich gibt es bereits viele Initiativen hierzu. Diese Entwicklung wird auch von der Forschungsstelle für den Handel unterstützt, die davon ausgeht, daß nicht das Hoffen auf die „ohnehin schwachen Selbstheilungskräfte“ zu einer Änderung der Situation führt, sondern eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Handel und öffentlichen Stellen notwendig ist.

Zusammenarbeit aller Akteure empfehlen auch die Autoren der Studie „Revitalisierung der Innenstädte in Ostdeutschland“. Sie sehen hierin eine Möglichkeit der interessenorientierten Einflußnahme. Zugleich weisen sie darauf hin, daß es kein allgemeingültiges Rezept und auch keine „schnellen Lösungen“ geben kann. „Revitalisierung ist eine langfristig orientierte und angesichts der enormen Probleme und komplexen Wirkungszusammenhänge sehr schwierige Aufgabe. Sie erfordert ein entsprechend langfristig orientiertes Engagement möglichst vieler Akteure und eine intensive Abwägung der verschiedenen Interessen und Funktionen“(Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung


69

(DIW)/Institut für Stadtforschung und Stadtentwicklung (IFS) 1995, S. 85) DIW1995 .

Als Empfehlung nennen die Autoren die Einrichtung einer Koordinierungsstelle für den innerstädtischen Einzelhandel mit dem Ziel, den gemeinsamen Dialog und das Problembewußtsein zu fördern, Strategien und Veranstaltungen abzustimmen und zur Markttransparenz bei Miethöhe und Mietstruktur beizutragen.

Auch Vertreter der Industrie- und Handelskammern empfehlen die Zusammenarbeit in City-Arbeitsgemeinschaften, in Stadtforen und Regionalverbünden. Eigene Interessen selbstbewußt in den Diskussionsprozeß einzubringen setzt Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit voraus.

Handlungsanforderungen auf betrieblicher Ebene

Großflächige Einkaufszentren verursachen enormen Kostendruck und verschärfen die Wettbewerbssituation kleiner Einzelhandelsbetriebe zusehends. Die Bewältigung dieser Situation setzt voraus, daß die betrieblichen Zusammenhänge in ihrer Komplexität erfaßt werden, die Möglichkeiten bekannt sind, durch die das Betriebsergebnis positiv beeinflußt werden kann und die gegenseitigen Wechselwirkungen in ihrer Gesamtheit angemessen berücksichtigt werden. Es geht auch darum, innerbetriebliche Abläufe zu optimieren, um auf die Marktveränderungen schnell und flexibel reagieren zu können.

Fachkompetenz, hohe Reflexionsfähigkeit und Flexibilität sind Voraussetzung, um die Anforderungen aus der beschriebenen Situation angemessen erfüllen zu können.

Der Konzentrationsprozeß im Einzelhandel wird sich auch in den nächsten Jahren fortsetzen. Kleine Einzelhandelsbetriebe können nur dann bestehen, wenn sie phantasievoll und ideenreich auf diese Situation einwirken. Die Forschungsstelle beschreibt die Situation wie folgt: „Der Verbraucher tendiert nach wie vor zum Einkauf in größeren Geschäften. Tante Emma ist und bleibt also gefährdet. Appelle und Solidaritätsbekundungen nach dem Motto: „Wir lassen nicht nur die Kirche, sondern auch die Kaufkraft im Dorf“, werden nicht viel helfen. Tante Emma muß sich also auf ihre eigenen Stärken besinnen, und sie muß attraktiver werden. Tante Emmas Stärken liegen nicht in ihrem Grundsortiment, nicht in der Ware und nicht


70

im Preis. Da können andere besser sein. Tante Emma darf deshalb nicht die Ware vernachlässigen, muß aber anderes als ihren Vorteil herausstellen: Kommunikation, Service, Zusatzsortimente und Dienstleistungen“ (Forschungsstelle für den Handel 1994, S. 3) Forschungsstelle1994 .

So werden z. B. mit dem Modellversuch „Nachbarschaftsladen 2.000“ neue Wege beschritten, um die Attraktivität kleiner Einzelhandelsgeschäfte zu erhöhen. Es werden Zusatzleistungen (Postannahme, Schuhreparatur, Totto/Loto-Stelle, Fahrkartenverkauf, Annahme von Fotoarbeiten, Transportdienste) und kommunale Leistungen angeboten (Jugend- oder Altentreffs, Gemeindeverwaltung als Teil des Lebensmittelgeschäftes). In der schwierigen wirtschaftlichen Situation kann der Nachbarschaftsladen neben der Versorgungs- auch eine wichtige soziale Funktion erfüllen. Phantasie und Kreativität sind Voraussetzung dafür, um die beschriebenen Anforderungen erfüllen zu können.

Existenzgründer in den neuen Bundesländern mußten eine Vielzahl von Problemen bestehen, sich immer wieder mit Veränderungen auseinandersetzen, Rückschläge hinnehmen und oft ungewöhnliche Lösungswege gehen. Dies ist nur möglich vor dem Hintergrund einer hohen individuellen Lernfähigkeit und Offenheit für Neues. Die veränderte betriebliche Aufgabenstellung setzt voraus, daß Mitarbeiter in die Lage versetzt werden, auf Kundenwünsche freundlich und flexibel einzugehen. Mitarbeiter zu führen und sie für betriebliche Belange zu interessieren, ihnen Aufgabenbereiche zu übertragen und sie zu eigenverantortlichem Handeln zu motivieren stellt eine wichtige Voraussetzung für Existenzgründer im Einzelhandel dar. Führungskompetenz stellt eine wichtige Voraussetzung dar, um die neuen Anforderungen zu erfüllen.

Wölk beschreibt in der Untersuchung „Zukunftschancen kleiner und mittlerer Unternehmen im Einzelhandel“ den Zusammenhang von Unternehmens- und Personalführung und führt hierzu aus: „Die Qualität der Unternehmensführung ist der Faktor, der den stärksten Einfluß auf den Unternehmenserfolg hat. Im engeren Sinne bedeutet Unternehmensführung das Führen des Unternehmens nach kaufmännischen (betriebswirtschaftlichen) Regeln, dazu gehört auch die Fähigkeit, die Informationen, die aus EDV-gestützten Informationssystem gewonnen werden können, für die Geschäftspolitik


71

nutzbar zu machen.

Im weiteren Sinne bedeutet Führung, ein Unternehmen so zu leiten und zu steuern, daß „sowohl die Ziele des Unternehmens als auch die der Mitarbeiter weitestgehend erreicht werden. (...) Führung bedeutet nicht zuletzt Menschenführung. Dies ist das schwierigste Kapitel überhaupt. Viele Inhaber kleiner und mittlerer Unternehmen sind sich der Bedeutung der Motivation der Mitarbeiter für den Erfolg des Unternehmens und der Rolle, die sie selbst mit dem Führungsstil dabei spielen, nicht bewußt. Bei erfahrenen Unternehmensberatern bestehen aber heute kaum noch Zweifel daran, daß die Qualität der Führung von Unternehmen in der Qualität der Führung von Mitarbeitern begründet ist. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, die richtigen Menschen an den richtigen Platz zu stellen, die Zusammenarbeit unter ihnen, aber auch mit der Geschäftsleitung aktiv zu fördern, Konflikte zu handhaben, über die Ziele des Unternehmens und die Maßnahmen zu ihrer Verwirklichung kontinuierlich zu informieren - alles das, was gemeinhin mit Sozialkompetenz umschrieben wird. Besonders die Wichtigkeit der kontinuierlichen Information der Mitarbeiter wird von den Unternehmsleitern oft unterschätzt. Im Interesse der Zukunftssicherung gerade eines mittelständischen Unternehmens ist somit Teamarbeitsfähigkeit - das bedeutet Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit - neben der fachlichen Befähigung ein wichtiges Qualifikationsmerkmal. Ohne diese Fähigkeit ist in Zukunft erfolgreiche Vorgesetztenarbeit - und damit Unternehmenserfolg - nicht denkbar. Dieser sogenannte integrative Führungsstil trägt wesentlich zum Leistungswillen der Mitarbeiter bei (Wölk 1991, S. 240) Wölk1991 .

Handlungsanforderungen auf individueller Ebene

Individuelle Stabilität stellt eine wesentliche Voraussetzung dar, um neue Situationen erfolgreich zu bewältigen. Tietgens zieht aus einem Gespräch mit ehemaligen Volkshochschuldirektoren den Schluß, „daß es mehr Handlungsspielräume in der DDR gegeben hat, als gemeinhin angenommen wird, ebenso aber auch, daß ihnen Grenzen gesetzt waren und daß es schwierig war, diese Grenzen zu erkennen“. Um den Handlungsspielraum zu nutzen, brauchte es in der DDR zweifellos ein besonderes Maß an Hartnäckigkeit und Flexibilität und eine nützliche Mischung zwischen beiden sowohl für die eigenen Erfolgschancen als auch für den eigenen Seelenhaushalt (und den der Familie). Eine Neigung zur in der DDR ungewohnten Diskussionsdichte war auf jeden Fall


72

erforderlich, die auch bei intensiver Einbindung und Kooperationsstrategie bewältigt wird. Allerdings gehört ebenso eine günstige personelle Konstellation dazu. Ohne sie geht nichts. Frustrationstoleranz ist daher nötig und Resignation verständlich. Daß es auch in der DDR ein pluralistisches Geflecht von Bildungsinstanzen, Qualifizierungseinrichtungen, Kulturvermittlern gegeben hat, wird in westlicher Literatur selten beachtet, hat aber offenbar genauso die Effizienz beeinträchtigt wie das zentralistische Grundmuster der Organisationslenkung“ (Tietgens 1993, S. 13). Tietgens1993

Die Bewältigung neuer Situationen setzt die Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie voraus, „denn der Lebensgang prägt den Menschen. Der Umgang mit der eigenen Biographie ist die Grundlage und der Spielraum für die Flexibilität erwachsener Menschen“ (Tietgens, 1971, S. 23). Tietgens1971 „Lernen läßt sich umso besser, je offener der Mensch ist, je weniger sein Blick eingeschränkt und gebunden ist durch Eindrücke und Einwirkungen aus der Vergangenheit, die unverarbeitet geblieben sind“ (ebd., S. 25). Tietgens1971

„Jede Lebensphase will ganz durchlebt, ausgelebt und überlebt sein, wenn die Erfüllung der folgenden gelingen und die Lernfähigkeit nicht gestört werden, sondern erhalten bleiben soll. Praktisch tritt jedoch allzu oft ein Verharren in einer bestimmten Entwicklungsphase ein. Ein bestimmter Erlebnisbereich wird nicht zureichend verarbeitet, die Bildsamkeit erstarrt. Das Weiterleben vollzieht sich in fixierten Haltungen, in einer Kette von Selbsttäuschungen, die das Neue, was auf den Menschen zukommt, im Sinne der einmal vorgegebenen Daseinauslegung zurechtrückt. Man lebt dann mit Vorurteilen, die die Lernfähigkeit im Sinne einer Umstellungsfähigkeit beeinträchtigen“ (ebd., S. 60) Tietgens1971 .

Der Umgang mit dem eigenen Versagen und den erlittenen Versagungen muß erlernt werden. Mit dem Hinweis auf die Diskussion zur Vergangenheitsbewältigung wird dies besonders deutlich:„Wenn die Vergangenheit weniger als Kraftquelle und eher als Belastung für die Bildungsentwicklung erscheint, so ist damit eine Problematik aufgezeigt, die im letzten Jahrzehnt häufig unter dem Stichwort „Unbewältigte Vergangenheit“ diskutiert worden ist. In der Tat


73

zeigt die Art und Weise, wie große Teile der Bevölkerung mit unserer politischen Vergangenheit umgehen, wie sie sie verdrängen, welche Entschuldigungs- und Beschuldigungs-Mechanismen sie entwickeln, die hier gemeinten Reaktionsgewohnheiten besonders deutlich“ (ebd., S. 61) Tietgens1971 .

Auf diesen Sachverhalt geht auch H.Richter ein: „Woher kommt denn wohl die übereifrige, westliche Einmischung in die Diskussion um die Vergangenheitsbewältigung in der DDR? Ist da etwa nicht das Bedürfnis im Spiel, eigene ältere Defizite wettzumachen. Erwartet man nicht von den Ostdeutschen, sie sollten in Eile eine Aufarbeitung leisten, deren partielles Versäumen eine nie ganz besänftigende Unruhe in der westdeutschen Gesellschaft hinterlassen hat? Die alte Vergangenheit ist also doch wieder oder immer noch dabei. (...) In der Debatte entsteht der Anschein, als sei Aufarbeitung identisch mit der öffentlichen Klärung, Behandlung und Verhandlung des Geschehens. Der Zwist darüber, was da an Maßnahmen getroffen oder unterlassen werden sollte, macht beinahe unsichtbar, daß die wichtigste Arbeit an schuldhafter Erinnerung im Innern der Menschen stattfindet und daß es darum geht, diese Arbeit zu befördern. Denn wie die Menschen mit der Entlarvung ihrer persönlichen Belastung umgehen, wie verleugnend oder wie ehrlich, ob sie in neuer Hörigkeit unterkriechen oder darum ringen, sich aufzurichten und ihre Verantwortung auf sich zu nehmen, das hängt außer von ihrer inneren Kraft auch davon ab, was man ihnen zutraut und zutrauen will“ (Richter 1995, S. 23). Richter1995

Tietgens betont hierbei die Aufgabe der Erwachsenenbildung: „Aufgabe der Erwachsenenbildung wäre es danach, Hilfen zu bieten, die es erleichtern, Erfahrungen machen zu können, Erlebnisse zu verarbeiten, Affekte zu kontrollieren, für den Dialog fähig zu werden, durch das Hinhören auf das, was der andere zu sagen hat, und sich nicht durch Mißverständnisse provozieren zu lassen, um die Kette der Illusionen und Desillusionen zu durchstoßen, mit denen man sich selbst von der Wirklichkeit fernhält. Denn Lernen läßt sich umso besser, je offener der Mensch ist, je weniger sein Blick eingeschränkt und gebunden ist, durch Eindrücke und Einwirkungen aus der Vergangenheit, die unverarbeitet geblieben sind“ (Tietgens 1971, S. 61). Tietgens1971


[Titelseite] [Einleitung] [1-1] [1-2] [1-3] [2-1] [2-2] [3-1] [3-2] [3-3] [Bibliographie]

© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Mon Jul 31 11:09:29 2000