Panick, Veronika: Der Beitrag von Erfahrungen an den Entwicklungsprozessen zur Selbständigkeit - dargestellt am Beispiel von Existenzgründerinnen und Existenzgründern im Einzelhandel in den neuen Bundesländern-

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Zweiter Teil
Der Beitrag von Erfahrungen an den Entwicklungsprozessen zur Selbständigkeit
- dargestellt am Beispiel von Existenzgründerinnen und Existenzgründern im Einzelhandel -

Zweites Kapitel: Der befragte Personenkreis

Der folgende Teil enthält die Interpretationsergebnisse der Befragung. Wir sind dabei so vorgegangen, daß wir an den Anfang eine kurze Charakterisierung der befragten Person stellen, im Anschluß daran die Interviewergebnisse vorstellen und im nächsten Schritt die Interpretation vornehmen. Unsere interpretationsleitende Fragestellung lautet: „Inwieweit haben Erfahrungen den Lernprozeß behindert und/oder gefördert und wie haben sich die Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen das neue Wissen angeeignet?“

1 Die couragierte Wirtschaftskauffrau
Frau A., 39 Jahre, 2 Kinder, 19 und 7 Jahre, verh.,

Frau A. wächst in einer Familie mit drei Kindern in Eisenhüttenstadt auf. Die Eltern sind beide berufstätig. Ihre Kindheit und Jugendzeit hat sie in positiver Erinnerung. Nach Aussagen von Frau A. hat die Berufstätigkeit ihrer Mutter und deren gesellschaftliches Engagement ihr Frauenbild wesentlich geprägt und ihr das Bewußtsein vermittelt, daß Veränderungen durch aktives Handeln möglich sind. Diese Einstellung bestimmt auch das Verhalten von Frau A. und läßt sich in ihrer Biographie nachvollziehen. Vier Jahre nach ihrer Ausbildung als Wirtschaftskauffrau verändert sie ihre Arbeitssituation, weil sie sich einen interessanteren Arbeitsbereich wünscht. Zur gleichen Zeit trennt sie sich von ihrem Ehemann. Am neuen Arbeitsplatz deckt sie korruptes Verhalten auf. Als Konsequenz muß sie dafür die Versetzung an einen anderen Arbeitsplatz und zunächst die Verhinderung ihres Studienwunsches in Kauf nehmen. Sie wehrt sich erfolgreich gegen diese Situation und erhält den gewünschten Studienplatz.

Frau A. wächst in einer Familie mit drei Kindern in Eisenhüttenstadt auf. Die Eltern sind beide berufstätig. Ihre Kindheit und Jugendzeit hat sie in positiver Erinnerung. Sie äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich habe mich zu Hause wohlgefühlt. Meine Eltern waren beide berufstätig. Natürlich gab es von Zeit zu Zeit Konflikte; aber meine Eltern haben versucht,mich zu verstehen. Auch im Jugendverband war ichaktiv. Ich habe aus dieser Zeit heute noch Freundschaften“.

Daß ihre berufliche Situation durch die Berufstätigkeit der Mutter und deren gesellschaftliches Engagement wesentlich geprägt wurde, läßt die folgende Äußerung vermuten:


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"Für mich war es ja selbstverständlich geworden, daß Frauen arbeiten. Das hat mir meine Mutter vorgelebt. Außerdem war sie im Frauenausschuß im EKO-Werk aktiv. Ich habe zu Hause viel von ihrer Arbeit und dem Ärger mitbekommen; z. B. davon, daß Gleichberechtigung zwar auf dem Papier stand, aber die Vorurteile der männlichen Kollegen nach wie vor groß waren. Sie hat sich nicht kleinkriegen lassen und das gemacht, was sie für richtig hielt".

Frau A. besucht die Erweiterte Oberschule in Eisenhüttenstadt und erwirbt das Abitur. Über ihre Lernerfahrungen berichtet sie:

Ich habe gern gelernt. Wir hatten gute Lehrer, die uns geholfen haben. Wenn jemand mehr wußte als andere, dann sollte er es denjenigen, die weniger wußten, weitergeben. Auch von den Eltern habe ich da keinen Druck erfahren. Und so war es auch in der Ausbildung".

Sie kann zwischen zwei Ausbildungsangeboten wählen und entscheidet sich für eine dreijährige Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau. Nach vier Jahren Berufserfahrung entschließt sie sich, die Arbeitssituation zu verändern. Frau A. äußert sich hierzu wie folgt:

"Das hat mich nicht mehr ausgefüllt; ich war schon immer so ein Typ, ich wollte mehr. Ich wollte immer wieder' was Neues kennenlernen. Das war der Grund, warum ich meinen Arbeitsplatz gewechselt habe".

Sie nimmt eine Tätigkeit bei der Stadtverwaltung auf und ist nun zuständig für die Bearbeitung von Krediten für Umbauten, die an Privatpersonen vergeben werden. Ihr neues Aufgabengebiet läßt ihr große Entscheidungsfreiheit. Sie fühlt sich an ihrem neuen Arbeitsplatz wohl:

"Es hat mir richtig Spaß gemacht, für Leute etwas zu organisieren. Da konnte ich kämpfen, da konnte ich durch, das war so das, was ich wollte".

In dieser Zeit trennt sie sich von ihrem Ehemann. Anerkennung in ihrer Berufstätigkeit, das eigene Einkommen, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Unterstützung der Eltern und Freunde erleichtern diesen Entschluß. Frau H. äußert sich hierzu wie folgt:


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"Wir haben uns mit der Zeit nicht mehr richtig verstanden. Es gab' immer häufiger Streit. Da hab' ich mich dann entschlossen, mich scheiden zu lassen. Ich hab' ja mein Einkommen gehabt. Um etwas dazu zu verdienen, habe ich angefangen zu nähen. Meine Eltern und Freunde haben mich unterstützt, und die Kinder waren ja tagsüber im Kindergarten".

Sie geht Konflikten nicht aus dem Wege. Als sie einen Korruptionsverdacht ihres Abteilungsleiters an die Öffentlichkeit bringt, wird der Abteilungsleiter gedeckt und sie in einen Baubetrieb delegiert. Das Studium, um das sie sich nun bemüht, wird ihr - so vermutet sie - aus diesem Grunde verwehrt. Sie schildert die Situation wie folgt:

"Ich hab` da einen Vorgang am Arbeitsplatz mitbekommen, der nicht in Ordnung war. Das konnte ich nicht einfach unter den Teppich kehren. Also habe ich es an die Öffentlichkeit gebracht. Das hat dann dazu geführt, daß ich gehen mußte und ich nicht studieren durfte".

Frau A. findet sich mit der Verhinderung ihres Studienwunsches nicht ab und entschließt sich, diesen Vorgang auf einer Betriebsversammlung bekanntzugeben. Die auftretenden Konflikte nimmt sie bewußt in Kauf. Sie erreicht dadurch, daß ihr der Studienwunsch erfüllt wird. Frau A. äußert sich hierzu wie folgt:

Ich hab dann alle Register gezogen, und als es dann in der Betriebsversammlung zum Thema Aus- und Weiterbildung hieß: "Stellen Sie bitte jetzt Ihre Fragen", da bin ich dann aufgestanden und habe gesagt: "Wieso darf ich nicht studieren?" Und dann ging es auf einmal, weil ich es öffentlich gemacht hatte. Denn so etwas gab es ja einfach nicht, daß einer alleinstehenden Frau mit drei Kindern nicht alle Möglichkeiten geboten werden. Wie gesagt, da habe ich mich dann durchgekämpft und durchgebissen. Durch mein Auftreten habe ich mein Ziel erreicht, wie ich es wollte; es hat zwar Kampf gekostet, aber, na ja".

Sie beginnt das Fernstudium und wird zum Zeitpunkt der Wende von ihrem Betrieb gekündigt; heute äußert sie sich dazu wie folgt:

"Überall war was in Bewegung, nur bei uns nicht, und dann hatte ich wenigstens erwartet, daß der Direktor mal

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die Vertrauensfrage stellt, nämlich ob die Leute denn unter seiner Leitung noch weiterarbeiten wollten, und ich meine, der größte Teil war ja dazu bereit. Aber da hatte ich am nächsten Tag meine Kündigung. Meinem Mann wollten sie gleich mitkündigen, aber das ging dann nicht wegen der sozialen Aspekte - inzwischen war ich ja wieder verheiratet."

Ihr Studium, um das sie sich so sehr bemüht hatte, gibt sie nach drei Jahren auf. Sie erklärt diesen Entschluß wie folgt:

"Die Leute, die mir vorher den Sozialmus erklärt haben, die sind mit übernommen worden und die haben uns jetzt die Marktwirtschaft erklärt. Das war für mich ein rotes Tuch; das habe ich nicht akzeptieren wollen, damit konnte ich nicht umgehen, daß die Menschen mir jetzt etwas anderes erklären wollen, da war ich nicht tolerant genug."

Sie entschließt sich nun, die Ladenräume im Wohnhaus des Schwiegervaters, die bisher von der Konsumgenossenschaft gemietet waren, zu nutzen und sich gemeinsam mit ihrem Mann, der zwischenzeitlich auch arbeitslos geworden ist, als Lebensmitteleinzelhändlerin selbständig zu machen. Die Mieterin wehrt sich hartnäckig und ist erst nach einer Vielzahl von Gesprächen bereit, die Kündigung zu akzeptieren.

Frau A. läßt sich nun gemeinsam mit ihrem Mann auf Informationsveranstaltungen und Messen in den alten und neuen Bundesländern über die notwendigen Schritte zur Existenzgründung beraten. Entscheidend wird für sie aber die Beziehung zu einem Einzelhändler, der sie zunächst abweisen will, sich dann aber entschließt, ihren Gründungsprozeß beratend zu begleiten. Frau A. äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl. Er war kein typischer Wessi. Er hat mir sehr viel erklärt; die Gespräche fanden häufig bei uns zu Hause statt. Mit der Zeit hat sich eine Freundschaft ergeben. Wir sehen uns auch heute immer noch und dann auch mit den Familien. Das war doch auch früher so, daß wir uns geholfen haben".

Aus dem Gesprächsverlauf geht hervor, daß Frau A. das in der


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Ausbildung als Wirtschaftskauffrau erworbene Fachwissen als wesentliche Voraussetzung dafür ansieht, daß sie mit den neuen Anforderungen als Einzelhändlerin zurechtkommt. Dies belegt die folgende Äußerung:

"Nach dem ersten Gespräch mit dem Einzelhändler habe ich mich erstmal hingesetzt und habe gerechnet. Ich mußte ja ausrechnen, ob wir von dem leben können, was so ein Geschäft abwirft. Ich war stolz darauf, daß das, was ich errechnet habe, fast auf den Pfennig genau mit dem übereingestimmt hat, was der Einzelhändler errechnet hat. Das hab' ich mir zum großen Teil in meiner Ausbildung angeeignet".

Nach der Berechnung des zu erwartenden Ertrages und dem anschließenden Gespräch mit dem Einzelhändler steht für sie der Entschluß zur Existenzgründung fest. Sie richtet nun gemeinsam mit ihrem Mann in den Räumen ihres Schwiegervaters das Lebensmittelgeschäft ein, dem sie auch eine Boutique angliedert, um sich auch ihr Interesse an Mode zu erfüllen. Über diese Zeit, die zu bewältigenden Probleme und die Unterstützung durch den Einzelhändler äußert sie sich wie folgt:

"Nun haben wir erstmal das ganze Haus in 8 Wochen umgebaut; Tag und Nacht gearbeitet, und er (der Einzelhändler) kam dann, hat uns miteinräumen geholfen, hat natürlich dieses und jenes umgeschmissen, wo ich gedacht habe, das ist alles so schön - und dabei war das ja gar nicht - es waren eben andere Erfahrungen und Maßstäbe da."

Die folgende Äußerung läßt den Schluß zu, daß negative Erfahrungen beim Besuch von Weiterbildungsseminaren dazu geführt haben, daß sie sich weiteren Angeboten verschließt. Frau A. äußert sich hierzu:

"Ich hab' am Anfang mehrere Seminare besucht, die die IHK hier in Eisenhüttenstadt angeboten hat, aber die haben mir nicht viel geholfen. Die Lehrer kamen aus dem Westen und waren einfach überfordert. Das war hier eben doch ganz anders. Das meiste hab' ich aus meinen Fehlern gelernt oder in Gesprächen mit anderen Marktleitern".

Die im Studium erworbene Fähigkeit, sich Wissen selbst aneignen zu können, scheint erheblich dazu beigetragen zu haben, daß Frau A. mit den Anforderungen der neuen Situation zurechtkommt. Hierzu die


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Äußerung von Frau A.:

"Ich war ja durch das Fernstudium gewohnt, mir das Wissen auch immer wieder selbst anzueignen. Es gab zwar auch Studiengruppen, und wir haben uns da auch regelmäßig getroffen. Aber das Entscheidende war, daß ich gelernt habe, mir das nötige Wissen auch immer wieder selbst anzueignen. Und so ist das auch heute; ich lerne viel aus Fachzeitschriften und aus Büchern und aus dem Erfahrungsaustausch mit Kollegen".

Aus der nachfolgenden Äußerung kann auf einen hohen Stellenwert beruflicher Weiterbildung und das Einbeziehen ihrer Mitarbeiter in betriebliche Zusammenhänge geschlossen werden:

"Und das gibt es bei mir ja nicht, daß meine Leute nicht wissen, wie der Laden läuft. Ich möchte, daß jeder weiß, wie ich kalkuliere, und ich möchte auch, daß jeder mitdenkt. Und wenn sich einer mal selbständig machen will, dann soll er es besser haben als ich“.

Innerhalb kurzer Zeit verschlechtert sich durch das Entstehen großer Einkaufszentren die Ertragssituation erheblich. Sie mietet zusammen mit ihrem Mann einen zweiten Laden an, der auch nur kurzzeitig die Umsatzeinbrüche auffangen kann und dann wieder von ihr aufgegeben wird. Als sich die Situation weiter verschärft, tritt sie "die Flucht nach vorn" an und sucht ein größeres Einzelhandelsgeschäft. Über den Entscheidungsprozeß, die Kreditverhandlungen und die notwendigen Umbauarbeiten äußert sie sich wie folgt:

"Der Laden sah ganz schlimm aus, also innen war der total runtergewirtschaftet; da hat man 40 Jahre lang nichts zum Erhalt getan, und ich dachte; na ja, trotzdem der Standort ist gut, und dann habe ich bei der Bank Kredit für den Umbau beantragt, und den habe ich dann auch erhalten. Und dann begann die heiße Phase des Umbaus. In 12 Wochen haben wir dann den ganzen Laden umgebaut - im März haben wir begonnen, und im Mai haben wir dann eröffnet."

Mit der Übernahme des Marktes treten neue Probleme auf. So erhält sie ein Jahr nach Geschäftseröffnung eine 100%ige Mieterhöhung und entscheidet sie sich zum Kauf des Gebäudes. Sie führt wieder die erforderlichen Kreditverhandlungen und erhält die Zusage für den beantragten Kredit. Ihre betriebliche Perspektive schätzt sie heute - vor


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dem Hintergrund der zunehmenden Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation und durch das Entstehen großer Einkaufszentren - als sehr schwierig ein. Sie versucht, auf diese Situation durch die Mitarbeit in einer Straßengemeinschaft Einfluß zu nehmen, deren Ziel darin besteht, die Interessen kleiner Einzelhandelsgeschäfte zu bündeln und in politischen Gremien einzubringen. Außerdem hofft sie durch Veränderung des Warensortiments und neue kundenorientierte Dienstleistungen auf den Ertragsrückgang Einfluß nehmen zu können. Aus ihrer folgenden Äußerung läßt sich entnehmen, daß ihr in diesem Zusammenhang die in der DDR erworbene 'Handelsmentalität' der Mitarbeiter nach wie vor begegnet und sie bemüht ist, hierauf verändernd einzuwirken:

"Da ist immer noch das alte Verkäuferverhalten da. Freundlichkeit muß nicht sein, der Kunde muß sich erst mal auf den Verkäufer einstellen. So war das früher auch. Mir ist das wichtig, daß ich das immer wieder anspreche. Da bleibt eben noch viel zu tun".

Frau A. nimmt wahr, daß sie auch lernen muß, mit neuen veränderten Verhaltensweisen ihrer Mitarbeiter umzugehen. Sie nennt hierzu Neid und die Mißgunst, die sie selbst und ihre Kinder erfahren müssen. Frau A. äußert sich hierzu wie folgt:

„Das war für mich neu, daß mir auf einmal Neid und Mißgunst entgegengebracht wird, und auch meine Kinder müssen das spüren. Jeder kann doch sehen, daß ich 12 bis 14 Stunden und auch am Wochenende hier im Laden stehe“.

Als weitere neue Erfahrungen und Eindrücke schildert sie den Umgang mit der Belastung, die sich aus der Angst um Ausbildungsplatz und Perspektive für ihre Kinder ergibt. Sie führt dies auf die zunehmende Orientierungslosigkeit in Schule und Elternhaus zurück. In der folgenden Äußerung bringt sie die Erfahrungsdifferenzen zum Ausdruck:

"Das war doch früher ganz anders; Ich wußte doch daß meine Kinder in der Schule gut versorgt waren.Die Lehrer kümmerten sich um die Schüler. Wir haben uns mit den Lehrern ausgetauscht. Wir mußten uns keine Sorgen um die Zukunft machen, wir wußten, daß jedes Kind einen Ausbildungsplatz erhält. Jetzt mache ich mir Sorgen um die Zukunft. Wir sprechen darüber. Meine Kinder helfen

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mir auch im Geschäft. Ich hoffe, daß ich ihnen später mit dem Geschäft einen Arbeitsplatz bieten kann".

Sie äußert im Gespräch auch ihre Besorgnis über den wachsenden Rechtsradikalismus und nennt als Gründe hierfür das Verhalten ihrer Landsleute, deren Erfahrungen und Verhaltensweisen von großer Autoritätshörigkeit geprägt seien:

"Ich mach' mir Sorgen um die politische Entwicklung. Die Leute in der DDR haben nicht denken gelernt. Und wenn sie sich Gedanken gemacht haben und das auch gesagt haben, dann haben sie Ärger bekommen. Es gibt wenige so wie mich. Früher sind alle Honecker hinterhergelaufen, und jetzt laufen sie Kohl hinterher. Das ist das das Problem".

1.1 Interpretation
'Wie gesagt, da habe ich mich dann durchgekämpft und durchgebissen...'

Aus der Biographie von Frau A. geht hervor, daß ihr Handeln von einem hohen Maß an Aktivität und Zivilcourage bestimmt ist. Sie nimmt Nachteile in Kauf, um berufliche und persönliche Veränderungen einzuleiten und Ungerechtigkeiten aufzudecken. Sie läßt sich von auftretenden Schwierigkeiten nicht abhalten. Die folgende Äußerung legt die Vermutung nahe, daß hierbei erworbene Erfahrungen ihr Selbstbewußtsein gestärkt, ihr Selbstsicherheit gegeben und zur Herausbildung von Hartnäckigkeit, Zivilcourage und Aktivität beigetragen haben: ´Wie gesagt, da habe ich mich dann durchgekämpft und durchgebissen. Durch meine Arbeit habe ich mein Ziel erreicht, wie ich es wollte. Es hat zwar Kampf gekostet, aber, na ja`. Es ist zu vermuten, daß Ursachen in der Berufstätigkeit der Mutter und den hierbei erworbenen Erfahrungen zu suchen sind: 'Für mich war es ja selbstverständlich geworden, daß Frauen arbeiten. Das hat mir meine Mutter vorgelebt. Außerdem war sie im Frauenausschuß im EKO-Werk aktiv. Ich habe zu Hause viel von ihrer Arbeit und dem Ärger mitbekommen.'

Wir wenden uns im folgenden den in der DDR erworbenen Lernerfahrungen zu und versuchen dem Beitrag dieser Erfahrungen für das Lernen in der neuen Situation nachzuspüren.

Lust am Lernen bestimmt maßgeblich die Biographie von Frau A.. Sie


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nimmt immer wieder neue Lernanstrengungen auf sich. Das kommt beispielsweise in ihrer Entscheidung für ein berufsbegleitendes Fernstudium, das sie als alleinstehende Mutter mit drei Kindern aufnehmen möchte, besonders deutlich zum Ausdruck. Sie scheut sich nicht davor, den rechtlichen Anspruch hierfür einzufordern. Ihr Verhalten ist von der Erfahrung geprägt, daß Frauenförderung als herausragende politische Zielsetzung gilt und Betriebe angehalten sind, Frauenförderung im Rahmen ihrer Planvorgaben umzusetzen. Gesellschaftliche Einrichtungen wie Kindergärten, die die Situation alleinstehender Frauen bevorzugt berücksichtigen, berufliche Freistellung vom Arbeitsplatz, Unterstützung durch Freunde und Familie und die Zusicherung eines Arbeitsplatzes nach dem Studium sind für sie selbstverständlich und Grundlage dafür, daß Lernen in einer geborgenen Situation und verbunden mit einer interessanten Perspektive möglich wird.

Es ist anzunehmen, daß positive Erfahrungen im Elternhaus, Schule und Ausbildung maßgeblich zur Herausbildung ihres Lernverhaltens beigetragen haben. Ihre Aussagen über ihre Erfahrungen mit Lehrern sowie das unterstützende Verhalten ihrer Eltern lassen diesen Schluß zu. Im Hinblick auf den für das Lernen erforderlichen Erwerb sozialer Verhaltensweisen ist den Aussagen über die Lernerfahrungen im Unterricht mit lernschwachen Schülern ein hoher Stellenwert einzuräumen, weil zu vermuten ist, daß diese Erfahrungen zum Erwerb sozialer Verhaltensweisen beigetragen haben, die das Lernen in der neuen Situation maßgeblich prägen.

Wir wenden uns nun dem Lernen in der neuen Situation zu. Aus dem Gesprächsverlauf läßt sich nachvollziehen, daß das Lernen in der neuen Situation ein ´Lernen durch Berater` war. Der Austausch mit dem von von ihr ausgewählten Einzelhändler, der ihren Gründungsprozeß von Anfang an kontinuierlich und behutsam begleitet, trägt dazu bei, daß sie mit den Anforderungen in der neuen Situation zurechtkommt. Es ist zu vermuten, daß erworbene soziale Verhaltensweisen, wie z. B. das 'Sichöffnenkönnen für neue Erfahrungen' und das 'Anerkennen von Erfahrungsdifferenzen', den Lernprozeß in der neuen Situation wesentlich beeinflußt haben. Auch die Herausbildung einer freundschaftlichen Beziehung im Beratungsprozeß, die sie mit der Bemerkung dokumentiert, 'das war doch früher auch so, daß wir uns geholfen haben', läßt diesen Schluß zu. Ihre Äußerung, daß sie mit dem Einzelhändler 'von Anfang an ein gutes Gefühl' gehabt habe, weist auf


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die Bedeutung emotionaler Faktoren im Lernprozeß hin. Wenn sie hingegen ihre Lernerfahrungen in Weiterbildungsseminaren wegen 'Überforderung der Dozenten' überwiegend negativ einordnet, können die Ursachen auch darin liegen, daß sie das Eingehen auf ihre emotionale Befindlichkeit als nicht ausreichend wahrgenommen hat. Daß auch erworbenes Fachwissen, das in der neuen Situation Bestätigung findet, hohe emotionale Bedeutung besitzt, entnehmen wir der folgenden Aussage: 'Ich war stolz darauf, daß das, was ich errechnet habe, fast auf den Pfennig genau mit dem übereingestimmt hat, was der Einzelhändler errechnet hat. Das hab' ich mir zum großen Teil in meiner Ausbildung angeeignet'.

Die Äußerungen: 'Das meiste habe ich aus meinen Fehlern gelernt'. ... 'Ich war ja durch das Fernstudium gewohnt, mir Wissen auch immer wieder selbst anzueignen', legen die Vermutung nahe, daß auch im Fernstudium erworbene Selbstlernkompetenz und Reflexionsvermögen das Lernen in der neuen Situation maßgeblich geprägt haben.

1.2 Erfahrungsdifferenzen
Frauenspezifische Erfahrungen im EKO-Werk, Eisenhüttenstadt

Vor kurzem fand in Berlin die Ausstellung 'Aufbau West - Aufbau Ost' statt, die sich mit der Herausbildung gesellschaftlicher und individueller Erfahrungen in beiden Teilen Deutschlands - am Beispiel der Arbeitssituation im Volkswagenwerk, Wolfsburg und des EKO-Werkes in Eisenhüttenstadt in der Zeit von 1945 bis heute - beschäftigte. Wir möchten über frauenspezifische Erfahrungsdifferenzen informieren und stellen an den Anfang Ausführungen zum EKO-Werk, Eisenhüttenstadt.

1952 wurde im EKO ein Frauenausschuß gebildet. Aus Protokollen dieser Zeit geht hervor, daß Walter Ulbricht bei einer EKO-Visite 1952 den 'Stein ins Rollen' gebracht haben muß. (...) Die gesetzlich verankerte Gleichberechtigung der Frauen stieß bei den Männern nicht selten auf Vorurteile. Der Anspruch der Politik war es, Frauen zu qualifizieren und auch in Leitungspositionen einzusetzen. Die Wirklichkeit hieß jedoch, daß Frauen in leitenden Positionen eher eine Seltenheit darstellten. (...) Die Umsetzung gesetzlicher Bestimmungen und politischer Absichtserklärungen sollte länger dauern als ihre Proklamation. Die traditionellen Rollenvorstellungen von Frauen und Männern konnten nicht von heute auf morgen gebrochen werden.(...) Frauen wurden im Arbeitsprozeß benötigt und wollten arbeiten. Staatlicherseits wurde dieser dringende Bedarf an weiblichen Arbeitskräften nicht geleugnet, im Gegenteil er wurde permanent propagiert. Auf der subjektiven Ebene war die Berufstätigkeit der Frauen zum Erhalt ihrer Lebensgrundlagen notwendig und im eigenen Lebensentwurf vorhanden. Die

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Programme zur Förderung der Frauen sowie die politische Absage an die 'Ehe als Versorgungsgemeinschaft' ermöglichten die Umsetzung dieser Vorstellungen. (...) Eine Forderung des Frauenausschusses war schon zu Beginn der fünfziger Jahre die bessere Vereinbarkeit von Arbeitstätigkeit und Kinderbetreuung. So drang die EKO-Werksdirektion beim Ministerium für Aufbau auf die 'Schaffung von Kinderkrippen und Kindertagesstätten. Die Öffnungszeiten (...) sind der Arbeitszeit der Frauen anzupassen .(...) Außer der Kinderkrippe muß auch ein Kindergarten in der Wohnstadt eingerichtet werden.(...) Die Wohnungsämter haben alleinstehenden und kinderreichen arbeitenden Müttern bevorzugt Wohnraum zur Verfügung zu stellen. (...) Frauenerwerbstätigkeit wurde zur relativen Selbstverständlichkeit. Im EKO existierte ein ausgebautes System beruflicher Qualifizierungsmöglichkeiten, und betriebliche Frauenförderung wurde im Betriebskollektivvertrag (BKV) festgehalten. Die mehrmals im Jahr in verschiedenen Zusammenhängen (wie Betriebsfestspiele, Frauentag) durchgeführten betrieblichen 'Veranstaltungen für die werktätigen Frauen' wurden langfristig vorbereitet und zementierten das ideologisch intendierte Leitbild von der 'DDR-Frau' - werktätig, 'Mutti' und 'die Familie unter einen Hut bringend'. (...) Über einen längeren Zeitraum wurde die von betrieblichen und städtischen Institutionen initiierte Werbekampagne 'Hausfrauen in die Produktion' gestartet, mit der ein großer Teil der sogenannten nichtberufstätigen, arbeitsfähigen weiblichen Bevölkerung der Stadt für die Berufstätigkeit im EKO gewonnen werden konnte. (...) Frauen sehen nach wie vor das Ideal darin, ganzheitliche Lebensentwürfe, das heißt die Verbindung von Arbeit, Familie und Kultur und so weiter für sich und die Familie entwickeln zu können. Die seit 1989/1990 bestehenden Strukturen behindern die Entwicklung und Realisierung derartiger Lebensentwürfe jedoch massiv. (...) Das Ergebnis der Unsicherheit und Nicht-Planbarkeit des Berufslebens ist das Sinken der Geburtsrate. Im Vergleich zur Zeit von 1989 sank sie in Eisenhüttenstadt auf 31 % (Richter 1997, S. 219). Richter1997

Die folgenden Zitate beschreiben die Situation im Volkwagenwerk, Wolfsburg:

Während in der Zeit von 1945 bis 1949 die Beschäftigung von Frauen im Volkswagenwerk noch möglich war, zeichnete sich Ende 1949 ein grundlegender Wandel in der Geschlechterpolitik des Werkes ab. Mit der Begründung, daß genügend Männer bereitstünden, nahm die Werkleitung innerbetriebliche Umstrukturierungen vor, die Frauen im Gegensatz zur bisherigen Praxis auf die 'typischen Frauenarbeiten' in der Polsterei, in den Küchenbetrieben und im Reinigungsdienst verwies. Für Metallhilfs- oder Metallfacharbeiten wurden Frauen nicht mehr neu eingestellt. Die Facharbeiterausbildung für Frauen wurde wieder abgeschafft. Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen gab es nicht. Es war üblich, daß Frauen nach der Ausbildung außerhalb des Werkes als Hilfsarbeiterinnen oder in der Verwaltung bei VW anfingen. (...) Gerechtfertigt wurde diese Politik mit geschlechtsspezifischen Ideologmen: Es habe sich herausgestellt, daß Frauen 'trotz ihres guten Willens' wegen ihrer 'schwächeren Konstitution' den hohen Anforderungen in der Produktion nicht gewachsen seien. Diese

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Begründung hinderte nicht daran, Frauen später sehr wohl auch wieder in der Metallverarbeitung einzusetzen, als nämlich der Arbeitskräftemangel dies gebot. Auch war die Arbeit in der Polsterei keineswegs leichter als viele 'Männerarbeiten'. Die Geschlechterpolitik im Werk kam jedoch einem gesellschaftspolitischen Konzept entgegen, das dem katholischen Weltbild des mächtigen Generaldirektors entsprach und vielen männlichen Arbeitern unliebsame weibliche Konkurrenz für die begehrten Arbeitsplätze 'vom Leibe' hielt. (...) Es ist in diesem Zusammenhang noch zu erwähnen, daß die Personal- und Geschlechterpolitik in einem männlichen Schulterschluß mit der Leitung des Arbeitsamtes, der Belegschaftsvertretung und der Vertretung der Stadt Wolfsburg auch mit der Begründung erfolgte, daß 'die hohen Ernährerlöhne der Männer gewährleisten würden, daß diese ihre Familien allein unterhalten könnten'. Als die Löhne der Männer für den Unterhalt der Frauen nicht mehr ausreichte, wurde 'Verschuldung' als soziales Kriterium angesehen, das eine Einstellung von Frauen zuließ. Alleinstehende Frauen mußten zu diesem Zeitpunkt bei der Arbeitssuche ein rechtskräftiges Scheidungsurteil und Witwen den Rentenbescheid vorlegen. (...) Die beschriebene Geschlechterpolitik hatte für die Lebensgestaltung der Frauen gravierende Folgen. In den städtischen Akten finden sich zahlreiche Bittgesuche auch an den Bundespräsidenten, mit denen Frauen verzweifelt versuchten, im Werk Beschäftigung zu finden. (...) Erst Ende 1964 hob die Werksleitung - angesichts des anhaltenden Arbeitskräftebedarfs - den Einstellungsstop für Frauen auf. Zu diesem Zeitpunkt waren im Volkswagenwerk 2.000 Frauen und 23.000 Männer beschäftigt" (Oertzen 1997, S. 211). Oertzen1997


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2 Der behutsam abwägende Betriebsdirektor
Herr B, 45 Jahre, ein Kind, 17 Jahre, Fürstenwalde

Herr B. wächst in einer großen Familie auf. Weil er zum Unterhalt der Familien beitragen muß, kommt für ihn ein Studium zunächst nicht in Frage. Er schließt eine Ausbildung zum Schuhfacharbeiter ab. Nach der Ausbildung wird er vom Betrieb zum Studium als Ingenieur für Schuhveredelungstechnik delegiert und wird anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Direktors eingestellt. Zwei Jahre später übernimmt er die Leitung des Betriebes, der zu diesem Zeitpunkt 500 Personen beschäftigt. Daß berufliches Wissen und Umsetzung in der betrieblichen Praxis immer wieder durch Produktionsengpässe behindert werden, belastet ihn sehr und hat auch Auswirkungen auf seine Partnerschaft. Er erwirbt sich im Umgang mit den in der betrieblichen Situation erfahrenen Widersprüchen ein behutsam abwägendes Verhalten sowohl im eigenen Interesse als auch im Interesse seiner Mitarbeiter. Dies betrifft auch den Umgang mit gesellschaftlichen Widersprüchen, die er immer deutlicher erkennt. Nach der Wende entschließt er sich zur Selbständigkeit als Lebensmitteleinzelhändler.

Herr B. wächst mit sieben Geschwistern im Kreis Erfurt auf. Die große Kinderzahl nennt er als Grund dafür, weshalb Abitur und Studium für ihn zunächst nicht möglich sind. Er muß zum Unterhalt der Familie beitragen und entschließt sich zu einer Ausbildung als Schuhfacharbeiter. Im Gespräch weist er darauf hin, daß das Bildungssystem der DDR vielfältige Lernwege eröffnete und ihm so das Nachholen des Abiturs über einen berufsbegleitenden Kurs an der Volkshochschule und später das Studium zum Ingenieur für Schuhveredelungstechnik durch die Delegation über den Betrieb möglich wird. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich komme ja aus einer Familie mit sieben Kindern, und da hieß es zunächst einmal Geld verdienen. Aber es gab ja in der DDR vielfältige Bildungswege, und das kam mir auch zugute. Unmittelbar nach Beendigung der Berufsschulzeit - ich hatte meine Berufsausbildung mit dem Prädikat "Sehr gut" abgeschlossen - hat mir mein Betriebsdirektor dringendst empfohlen, meine Fähigkeiten auch zu nutzen, so bin ich dann zum Studium marschiert."

Nach dem Studium wird Herr B. 1970 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Direktors in dem halbstaatlichen Betrieb seines Schwiegervaters. Im Betrieb arbeiten zu diesem Zeitpunkt 500 Beschäftigte. Er durchläuft alle


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Abteilungen und erwirbt sich hohe Fachkompetenz.

1972 erlebt er die Enteignung seines Schwiegervaters und die damit verbundenen Repressalien. Zwar kann der Schwiegervater als ehemaliger Eigentümer im Werk bleiben, personalpolitische Entscheidungen werden nun von der Kreisleitung der Partei getroffen. Herr B. äußert sich hierzu wie folgt:

"Das wurde zwar damals als freiwillige Entscheidung hin-gestellt; nämlich, daß nun im Interesse des ganzen Volkes die Fabrikbesitzer dem Staat ihr Eigentum zur Verfügung stellen würden, aber in Wirklichkeit war das doch eine Zwangsenteignung. Bei meinem Schwiegervater war das auch so. Er hatte doch keine Wahl. Damals sind einige nach Bautzen gewandert, weil sie sich zur Wehr gesetzt hatten. Sie wurden dann durch Parteikader ersetzt".

In dieser Zeit übernimmt er als Betriebsdirektor die Leitung des ehemaligen Betriebes seines Schwiegervaters. Er muß sich damit auseinandersetzen, daß sein Einfluß auf betriebliche Entscheidungsprozesse sehr gering ist und auch die Möglichkeiten, sich anhand der Fachliteratur über internationale Entwicklungen in der Schuhbranche - vor allem im westlichen Ausland zu informieren - sehr eingeschränkt ist. Auf die Auswirkungen der Mangelwirtschaft und der teilweise veralteten produktionstechnischen Bedingungen auf die betrieblichen Entscheidungsprozesse geht er in der nachfolgenden Äußerung ein:

"Wenn ich von vornherein weiß, ich kann zwar entwickeln - bei uns war das dann so, daß man 50 Modelle auf dem Tisch hatte und in diesem Gremium von Personen aus der Entwicklung, der Technologie und Produktion dann entschieden werden mußte, was denn tatsächlich möglich war - dann sind 6 bis 8 Modelle übriggeblieben; dies war eigentlich das Hauptthema".

Auch die geringe Einflußmöglichkeit auf die Besetzung von Führungspositionen stellt er als Problem dar. Dies geht aus der nachfolgenden Äußerung hervor:

"Es war ja so: Ab einer bestimmten Führungsebene das begann schon ab der Meisterebene - wurden die Stellen mit Parteimitgliedern besetzt. Ich sage nicht, daß das immer

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falsch war, aber es hat mir das Arbeiten schwer gemacht. Ich hätte manche Entscheidung gerne anders getroffen".

Aus den nachfolgenden Äußerungen von Herrn B. geht hervor, daß er immer wieder bemüht war, mit den Personalentscheidungen der Partei im Interesse des Betriebes zurechtzukommen. Daß ihm das nicht immer gelungen ist, beschreibt er in der folgenden Äußerung:

"Natürlich habe ich mich bemüht, mit den Entscheidungen, die die Kaderleitung beschlossen hat, auch klarzukommen. Aber wenn Sie es dann mit jemandem zu tun haben, der von der Sache nichts versteht und Einfluß nehmen will, dann kann das schon zum Problem werden. Das ist mir mehrere Male so ergangen, und das hat mir dann das Leben schon zusätzlich erschwert"

Herr B. beschreibt die geringen Einflußmöglichkeiten auf die Leistung der Mitarbeiter und seine Einschätzung hierzu:

"Wir hatten ja keine Möglichkeit, Leistung wirklich zu belohnen. Das hat dazu geführt, daß sich ein wirkliches Interesse an der Arbeit nicht eingestellt hat. Es gab zwar die Neuererbewegung oder die regelmäßigen Auszeichnungen wie z. B. "Aktivist" oder "Held der Arbeit". Aber niemand hat das wirklich noch ernst genommen. Ich habe mit den Leuten immer wieder geredet, und das hat oft genützt".

Auf die Probleme der Ausfallzeiten, die sich wegen Materialmangel ergaben und die Situation zusätzlich erschwerten, geht Herr B. in der nachfolgenden Äußerung ein:

"Hinzu kommt, daß unsere Maschinen dann zeitweise wegen Materialmangel stillstanden, das hat die Situation zusätzlich verschärft".

Herr B. ordnet die Hilfe der Kollegen, Einfluß auf die Auswirkungen der Mangelwirtschaft zu nehmen, im Rückblick als sehr positiv ein. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Wir haben uns eigentlich oft gegenseitig geholfen. Da fehlte dem einen mal das und dem anderen das. Man hat versucht, das alles irgendwie auszugleichen".

Als Betriebsdirektor hat Herr B. die Möglichkeit, sich mit einem


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westdeutschen Großunternehmen, für die sein Betrieb in Lizenz produziert, in regelmäßigen Abständen auszutauschen. Er beschreibt diesen Erfahrungsaustausch über wirtschaftspolitische und branchenspezifische Entwicklungen als wichtige Informationsquelle, die dazu beigetragen hat, daß er die wirtschaftliche Situation im eigenen Land immer realistischer einzuschätzen beginnt. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Das hat mir auch die Augen für die Entwicklungen in unserem Land geöffnet. Ich habe die Gespräche immer wieder als Anregung zum Nachdenken erlebt und habe dadurch ein realistisches Bild von unserem Land bekommen. Es war mir irgendwann klar geworden, daß es so nicht mehr lange weitergehen kann. Wir waren ja inzwischen von ausländischen Devisen abhängig geworden, unsere Produktion ging zum großen Teil ins Ausland, und unsere Leute bekamen immer weniger von dem, was sie eigentlich produzierten".

Über den Widerspruch zwischen parteipolitischen Aussagen zum Stand der produktionstechnischen Entwicklung und der Realität äußert sich Herr B. im folgenden Beispiel:

"Ich halte das doch für Volksverdummung, wenn z. B. Honecker in aller Öffentlichkeit 32-Bits-Kärtchen auf der Leipziger Messe als große Errungenschaft des Sozialismus darstellt, die doch schon längst auf dem Weltmarkt veraltet sind".

Aus dem Gesprächsverlauf geht hervor, daß er immer wieder den Versuch unternimmt, seine Einschätzung über die wirtschaftliche Situation auch in die politische Diskussion einzubringen. Er gibt dies jedoch nach einiger Zeit auf, da er feststellt, daß die Diskussion hierzu nicht erwünscht ist. Hierzu seine Äußerung:

"Es gab ja immer wieder Gelegenheit, seine Meinung einzubringen. Ich habe das anfangs auch gemacht. Als ich dann aber feststellen mußte, daß an einer realistischen Einschätzung der Entwicklung in unserem Land kein Interesse besteht, habe ich es irgendwann mal bleiben lassen".

Die in Beruf und Gesellschaft erfahrenen Widersprüche wirken sich auch auf die partnerschaftliche Beziehung von Herrn B. belastend aus. Er findet kein Diskussionsnetz, in dem er sich über die erfahrenen


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Widersprüche austauschen kann. Auch die Diskussionen hierzu in der Familie sind - wie aus den Äußerungen von Herrn B. hervorgeht - für ihn eher belastend:

"Mich hat die Situation manchmal sehr belastet. Man kann ja auch zu Hause nicht einfach abschalten. Klar gab es da auch zu Hause Diskussionen. Meine Frau hat mich da nicht immer verstanden. Das hat mich oft zusätzlich belastet".

1990 wird der Produktionsbetrieb stillgelegt. Herr B. wird arbeitslos. In dieser Situation entschließt er sich, ein Lebensmitteleinzelhandelsgeschäft zu eröffnen. Seine Entscheidung trifft er auf der Grundlage einer intensiven Auseinandersetzungen mit den wirtschaftlichen Entwicklungen in unterschiedlichen Branchen. Herr B. äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich hatte ja schon zu DDR-Zeiten über den Erfahrungsaustausch mit der westdeutschen Firma die Möglichkeit, mich über Branchenentwicklungen zu informieren. Es war mir schnell klar, daß ich in meiner alten Branche keine Chance haben würde. Im Lebensmittelbereich hatten wir bei uns einen großen Nachholebedarf. Also habe ich mich für diesen Bereich entschieden".

Im Gesprächsverlauf weist Herr B. darauf hin, daß auch die Ungewißheit der derzeitigen wirtschaftlichen Situation in Ostdeutschland, in der er auch für seinen Sohn zur Zeit keine Perspektive erkennen kann, Auslöser für die Selbständigkeit war. Dies belegt die nachfolgende Äußerung:

"Natürlich wünsche ich mir auch, daß mein Sohn damit eine Perspektive hat. Er hat sich jetzt für eine Ausbildung im Einzelhandel entschlossen; mal sehen, was wird".

Um sich auf die Existenzgründung vorzubereiten, nutzt Herr B. die Zeit der Arbeitslosigkeit intensiv. Er besucht innerhalb weniger Wochen 10 Seminare, liest Fachliteratur und besucht Fachbibliotheken. Er läßt sich von Verbundfirmen und Bildungsinstitutionen beraten. Zusätzliche Informationen erhofft er sich aus den Gesprächen mit Einzelhändlern, die er in westlichen Großstädten und Berlin aufsucht. Zur gleichen Zeit führt er einen Arbeitsgerichtsprozeß gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber und vertritt seinen Schwiegervater erfolgreich bei den Rückführungsverhandlungen um sein Eigentum. Er äußert sich hierzu:


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"Ich habe mir das alles selbst angeeignet. Mir hat dann das angeblich trockene Gebiet der Juristerei Spaß gemacht. Wenn Sie dann als Gegner einen Herrn Prof. Dr. X haben, der gegen Sie keine Chance hat, dann macht es so richtig Spaß."

Zu dieser Zeit lernt er einen Bankdirektor kennen, bei dem er den Kredit für sein Geschäft beantragt. Die Kreditbewilligung verläuft problemlos. Den Grund hierfür sieht er darin, daß es ihm gelungen ist, eine überzeugende Unternehmenskonzeption zu erstellen. Er führt dies auf die in der DDR erworbene Fachkompetenz und die durch das Selbststudium angeeigneten branchenspezifischen Kenntnisse zurück.

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß sich für Herrn B. weder die Führung der Mitarbeiter, noch die Organisation betrieblicher Abläufe als Problem darstellt. Er geht davon aus, daß er sich Führungskompetenz in seiner ehemaligen Tätigkeit als Betriebsdirektor angeeignet hat, und weist im Gespräch darauf hin, daß ihm die neue Situation viel mehr Möglichkeiten läßt, die Mitarbeiter - entsprechend ihren Qualifikationen - in die betrieblichen Abläufe einzubinden. Eine wesentliche Aufgabe unternehmerischen Handelns sieht er darin, Mitarbeiter in regelmäßigen Besprechungen über aktuelle betriebliche Entwicklungen zu informieren, ihre Vorschläge aufzugreifen und - soweit als möglich - umzusetzen. Herr B. äußert sich hierzu wie folgt:

"Die Führungstätigkeit ist für mich kein Problem. Ich habe ja vorher sehr viel Erfahrung gesammelt. Mein Betrieb hatte zuletzt 4.500 Mitarbeiter. Es war in der DDR viel schwieriger, Mitarbeiter zu motivieren. Es gab keine Leistungsanreize, oft war der Entscheidungsspielraum sehr gering, oder die Umsetzung guter Ideen scheiterte an der Mangelwirtschaft; darunter hat dann auch das Interesse der Mitarbeiter gelitten."

Aus der folgenden Äußerung wird deutlich, daß Herr B. davon ausgeht, daß die schwierige Situation im Einzelhandel Phantasie und Ideenreichtum voraussetzt, um immer wieder neue Lösungen finden zu können:

"Es ist mir sehr wichtig, die Kunden mit neuen Ideen an mein Geschäft heranzuführen und sie auch zu halten. Ich versuche das auf unterschiedliche Art und Weise; ich biete Dienstleistungen an, die der Kunde sonstnicht erhält. Der

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Kunde kann z. B. die Ware telefonisch bestellen, und ich liefere die Ware dann nach Hause und anderes mehr".

Im Gesprächsverlauf weist Herr B. darauf hin, daß er sich Kreativität und Phantasie in der DDR als Folge der ständigen Suche nach ungewöhnlichen Lösungen angeeignet hat. Dies wird aus seinen Äußerungen deutlich:

Ich war eigentlich ständig damit beschäftigt, Material oder Ersatzteile zu beschaffen. Das war nicht immer leicht. Ich habe mir in dieser Zeit sehr viel einfallen lassen müssen, um die Auflagen trotzdem zu erfüllen. Wir waren ja immer gezwungen, die Qualitätsvorgaben zu erfüllen. Ich muß sagen, daß wir das auch zu 95 % geschafft haben und daß ich darauf sehr stolz war. Heute kommt mir das zugute."

Aus dem Gesprächsverlauf geht hervor, daß Herr B. die Erfahrung, daß Offenheit als Schwäche ausgelegt und ausgenutzt wird, als neue negative Erfahrung registriert, die für ihn zugleich mit einer persönlichen Enttäuschung verbunden ist. Er bringt dies wie folgt zum Ausdruck:

"Ich komme aus der Schuhproduktion und habe von Handel keine Ahnung gehabt. Das habe ich auch meiner Verbundfirma so gesagt, und die hat mich erstmal über den Tisch gezogen. Die Berechnungen, die sie mir aufgestellt hat, stimmten hinten und vorne nicht. So habe ich gleich am Anfang DM 120.000,00 in den Sand gesetzt. Das war für mich eine große persönliche Enttäuschung".

Herr B. weist in dem Gespräch darauf hin, daß er anfangs in Arbeitskreisen seiner Verbundfirma, in denen er aktiv ist, auch seine Erfahrungen eingebracht hat, jedoch sehr bald feststellen mußte, daß an der Auswertung seiner Erfahrungen kein Interesse besteht. Mit der folgenden Äußerung drückt er seine Enttäuschung aus:

"Ich habe anfangs versucht, meine Erfahrungen in die Arbeitskreise der Firma einzubringen. Aber ich habe sehr schnell feststellen müssen, daß daran niemand interessiert ist. Also habe ich es dann gelassen".

Aus dem Gesprächsverlauf wird auch deutlich, daß Herr B. davon ausgeht, daß das Bildungsangebot für Existenzgründer im Einzelhandel nicht geeignet ist, den Gründungsverlauf wirkungsvoll zu begleiten. Er führt dies auf die mangelnde Kompetenz vieler Dozenten und auf deren


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fehlendes Interesse zurück, sich mit den neuen Anforderungen intensiv auseinanderzusetzen. Dies ist auch Ursache dafür, daß sich Herr B. entschließt, eigene Seminarangebote zu entwickeln und anzubieten. Herr B. äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich habe am Anfang mehrere Seminare besucht. Ich mußte aber schnell feststellen, daß 90 % der Seminare für mich keine Hilfe für meine betrieblichen Probleme geben konnten; zum Teil weil die Dozenten sich mit unseren Erfahrungen nicht beschäftigen wollten und auch deshalb, weil sie die neue Situation nicht gekannt haben. Ich hab' mich dann entschlossen, selbst Seminare für meine Landsleute anzubieten, und das hab' ich dann auch gemacht".

2.1 Interpretation
'Ich halte das doch für Volksverdummung...'

'Ich halte das doch für Volksverdummung, wenn z. B. Honecker in aller Öffentlichkeit 32-Bits-Kärtchen auf der Leipziger Messe als große Errungenschaft des Sozialismus darstellt, die doch schon längst auf dem Weltmarkt veraltet sind'. Wir stellen diese Äußerung an den Anfang der Interpretation, weil wir davon ausgehen, daß sie für das Verstehen der Biographie von Herrn B. von besonderer Bedeutung ist. Mit dieser Aussage bringt Herr B. seinen Unmut über den Widerspruch zwischen der parteipolitischen Aussage zum Stand der produktionstechnischen Entwicklung und der von ihm erlebten gesellschaftlichen Realität zum Ausdruck.

Herr B. erfährt auch andere Lebensbereiche als widersprüchlich. Hierzu zählt beispielsweise die Erfahrung mit der Zwangsenteignung seines Schwiegervaters oder die Auswirkungen der Mangelwirtschaft sowie die geringen Einflußmöglichkeiten auf die Besetzung von betrieblichen Führungspositionen und auf die Leistung der Mitarbeiter. Herr B. bringt dies wie folgt zum Ausdruck: 'Wir hatten ja keine Möglichkeit, Leistung wirklich zu belohnen. Das hat dazu geführt, daß sich ein wirkliches Interesse an der Arbeit nicht eingestellt hat. Es gab zwar die Neuererbewegung oder die regelmäßigen Auszeichnungen wie z. B. "Aktivist" oder "Held der Arbeit". Aber niemand hat das wirklich noch ernstgenommen. Ich habe mit den Leuten immer wieder geredet und das hat oft genützt'. Er unternimmt immer wieder den Versuch, sowohl die betrieblichen Probleme als auch seine Einschätzung der wirtschaftlichen Situation in die politische Diskussion einzubringen, muß jedoch


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feststellen, daß an einer realistischen Einschätzung der Entwicklung und an einer Diskussion hierüber kein Interesse besteht.

Wir wenden uns im folgenden dem Lernen in der neuen Situation zu. Herr B. nimmt zunächst an Seminaren für Existenzgründer teil, mißt jedoch den Seminarerfahrungen einen geringen Stellenwert bei, wie sich aus der folgenden Äußerung entnehmen läßt 'Ich habe zwar zunächst Seminare besucht, mußte dann aber sehr schnell feststellen, daß 90 % der besuchten Seminare für mich keine konkrete Hilfe darstellten'. Herr B. besucht daraufhin Fachbibliotheken, liest Fachliteratur und läßt sich von staatlichen Institutionen und empfohlenen Einzelhändlern beraten. Wir vermuten, daß im Studium erworbene Selbstlernkompetenz, die im Arbeitsprozeß erworbene Organisations- und Leitungserfahrung, kooperative Kompetenz, hohes Reflexionsvermögen Voraussetzungen dafür sind, daß Herr B. mit den Anforderungen der neuen Sitaution zurechtkommt. Wir sehen hierin ein ´Lernen durch Anknüpfen an berufliche Erfahrungen`.

Es ist zu vermuten, daß auch die unter den Bedingungen der Mangelwirtschaft erworbene Phantasie und kooperative Kompetenz, die notwendig war, um den Auswirkungen der Mangelwirtschaft begegnen zu können, auch heute eine wichtige Voraussetzung dafür ist, um mit den neuen Anforderungen im Einzelhandel zurechtkommen zu können. Die folgende Äußerung von Herrn D. legt diese Vermutung nahe. 'Es ist mir sehr wichtig, die Kunden mit neuen Ideen an mein Geschäft heranzuführen und sie auch zu halten. Ich versuche das auf unterschiedliche Art und Weise; ich biete Dienstleistungen an, die der Kunde sonst nicht erhält. Der Kunde kann z. B. die Ware telefonisch bestellen, und ich liefere die Ware dann nach Hause und anderes mehr'.

2.2 Erfahrungsdifferenzen
„Ode an das Klopapier“

Ina Merkel hat Eingaben, Beschwerden und Anregungen von DDR Bürgern zusammengetragen. Sie sind Ausdruck für den phantasievollen und teilweise auch poetischen Umgang mit den Auswirkungen der Mangelwirtschaft. Das Gedicht „Ode an das Clopapier“ von Frau Lange, das sie an den VEB-Papierfabriken Heiligenstadt am 03. August 1987 richtet, bringt dies zum Ausdruck:

Ode an das Clopapier
Toilettenpapier TOPA 2-TGL 28977

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Um gar nicht so laut zu klagen,
muß ich es trotzdem einmal sagen.
Ihr Klopapier ist superhart,
doch der Mensch, der ist ach`so zart!
Der Umsatzplan bei Ihnen sicher trotzdem stimmt,
denn woher man als Kunde so schnell weiches nimmt.
Man könnte sich die Haare raufen,
doch leider kann man seit langem kaum mal anderes Papier für 0,30 kaufen.
Als Packpapier kann sich Ihr Produkt gut sehen lassen,
doch als Klopapier für 0,50 wagt man es kaum anzufassen.
Ich hoffe, daß Sie mal alles überdenken
und Ihre Produktion in die richtigen Bahnen lenken!
Dann wird es mir auf dem „Stillen Örtchen“ auch nicht mehr bang.
Mit vielen Grüßen
Ihre
Angela Lang.

Die Antwort der VEB Papierfabriken vom 10.August 1987 hierzu fällt weniger poetisch aus:

Ihre Eingabe Toilettenpapier

In Beantwortung ihrer Eingabe teilen wir Ihnen folgendes mit:

Im Rahmen eines Ministerratsbeschlusses erfolgte die Rekonstruktion unserer Papiermaschine von Schreib- und Druckpapier auf Toilettenpapier. Gleichzeitig erfolgte der Aufbau einer maschinellen Konfektionierstraße.

Nach Inbetriebnahme wurde unsere Rolle mit 38 m zu einem Endverbrauchspreis von 0,40 M verkauft. In diesem Zusammenhang liegen dem Preisantrag gegenüber dem Amt für Preise umfangreiche Kalkulationen zugrunde, auf deren Basis die Preisbestätigung erfolgte. (...)Bei uns in der Republik werden drei verschiedene Preisstufen bei Toilettenpapier produziert. Dabei handelt es sich um eine Rolle mit ca. 29 m zu einem EVP von 0,20 M, um eine 38-m-Rolel zu einem EVP von 0,30 M (ungefärbt) und um eine 48-m-Rolle banderoliert und gefärbt sowie geprägt zu 0,50M/Rolle.

In Bezug auf die Qualität teilen wir Ihnen mit, daß unsere Produktionskollektive nach der TGL 28977 produzieren, in der die geforderten Gebrauchseigenschaften exakt festgelegt sind. Wir sind aber weiterhin bemüht, eine Verbesserung der Gebrauchseigenschaften durch Veränderung der Produktionstechnologie zu erreichen“ (Merkel 1998, S. 154) Merkel1998 .

Auch Vorschläge für eine kundengerechte Sortimentsgestaltung sind unter den Briefen an die Fernsehredaktion. Unter dem Titel „Luxuriöse Wünsche“ findet sich ein Schreiben von Frau Angelika Grenz aus Senftenberg vom 07. Dezember 1987, dem sie eine Antwort des Konsum-Seifenwerkes aus Riese beigefügt hat.


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„Sehr geehrte Mitarbeiter der Redaktion „Die Umschau“!

Vor zwei Jahren bekamen meine beiden Kinder (damals 3 und 8 Jahre alt) von Verwandten aus der BRD Seife in Form von kleinen Tieren geschenkt. Obwohl sie sich - sicher wie alle Kinder - nicht gerne waschen, gelang es in dieser Zeit, die beiden fast dafür zu begeistern.

Nun brachte mich das auf die Idee, nach Riese zu schreiben, aber ohne Erfolg. Im März kam auch aus Militz eine abschlägige Antwort. Sicher ist der Wunsch nach „Kinderseife in Spielzeugform“ fast schon luxuriös. wenn ich an das große Produktionsprogramm von „Florena“ denke. Aber besonders in der Vorweihnachtszeit , zu Kindergeburtstagen oder Ostern wäre solche ein kleines Geschenk doch etwas ganz Besonderes und mit „Pfiff“. Nun ist es für einen Laien schwer vorstellbar, wie eine Seifenmasse gegossen wird. Es kann doch nicht so schwer sein (im Zusamenhang mit der Exquisit-Produktion?), einen der Automaten auf lustige Spielzeugformen umzurüsten. Vielleicht eine Aufgabe für eine Jugendbrigade oder ein Neuererkollektiv? Als Geschenkpackung mit 3 verschiedenen Tieren z. B. würde diese Seife viele Kinder erfreuen.

Es gibt Kinderschwämme, Kinderbürsten, aber die Seife ist nach wie vor nur praktischer Natur, schade!

Sicher ist mein Vorschlag nicht lebensnotwendig, würde aber vielen Muttis und Kindern täglich ein Stück Freude schenken. In der Hoffnung, daß dieser letzte Versuch meinerseits nicht umsonst ist, verbleibe ich mit den besten Wünschen“ (ebd., S. 118) Merkel1998 .

Der beigefügte Antwortbrief an Frau Grenz vom Konsum-Seifenwerk aus Reise am 25. Juni 1987 lautet wie folgt:

Verehrte Frau Grenz!

Mit Interesse haben wir Ihr Schreiben mit Ihrem Vorschlag zur Kenntnis genommen. Leider müssen wir Sie um Verständnis bitten, daß wir Ihrem Wunsche nach „Kinderseife in Spielzeugform“ nicht Rechnung tragen können. Unsere Aufgabe, die Produktion von Konsumgütern mengenmäßig bedarfsgerecht und volkswirtschaftlich optimal zu sichern, gestattet es nicht, von hochproduktiven Anlagen abzugehen und aufwendige Handarbeit mit geringen Losgrößen zu organisieren. Unsere Volkswirtschaft verlangt den sparsamen Einsatz von Arbeitskräften und Produktionskapazität. Die unter dem Aspekt des scharfen Konkurrenzkampfes in der BRD und anderen westlichen Ländern übliche Zugeständnisse an den Verbraucher, auch beim Riskio des Verlustes, sind für uns kein Maßstab und auch nicht erstrebenswert.

Unser Bemühen geht dahin, eine Kinderseife zu produzieren und anzubieten, die in punkto dermatolgischer Verträglichkeit dem Kind entspricht und auch ausreichend zur Verfügung gestellt werden kann.

Mit freundlichen Grüßen“ (ebd. , S. 119) Merkel1998 .


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Ganz anders hierzu ein Artikel aus „Neues Deutschland“, Berlin vom 11. Mai 1952. Unter der Überschrift „Stalinallee in 200 Tagen - Eine Straße höchster Verkaufskultur“ war dort zu lesen:

Nicht im Jahre 2000, sondern in 200 Tagen wird das, war wir hier im Grundriß sehen, Wirklichkeit. In 200 Tagen wird die Stalinallee eine Straße sein, die nicht nur der Welt zeigt, wie in Zukunft die Werktätigen unserer Deutschen Demokratischen Republik wohnen, sondern auch wie und was sie kaufen. Denn die Stalinallee wird die schönste, großzügigste und reichhaltigste Ladenstraße Deutschlands sein. (...) Um uns ein lebendiges Bild davon zu verschaffen und um die Vorfreude auf das Kommende voll auszukosten, wollen wir einen Spaziergang durch die Stalinallee in 200 Tagen unternehmen. (...)

Wir stehen am Straußberger Platz. Ununterbrochen quillt der Strom der Autos an uns vorüber. Von dem dämmriggrauen Abendhimmel heben sich die Silhouetten der beiden Hochhäuser ab. Ein silbernfunkelndes Band, so liegt die Stalinallee verheißungsvoll vor uns. (...) An der Fassade des Hochhauses, südlich des Straußberger Platzes, blinkt die Aufschrift: HO Kinderkaufhaus. Hier gibt es - von der Kinderwindel bis zum Einsegnungsanzug, von der Kinderklapper bis zur elektrischen Eisenbahn, von der Säuglingsnahrung bis zu den feinsten Vollmilch-Katzenzungen alles, was das Kind braucht und gern hat. In der Kinderkonfektionsabteilung dreht sich ein kleines Mädchen kokett vor dem Spiegel. Den kleinen Bruder hat die Mutti inzwischen im Kindergarten abgegeben. Auf einem großen bunten Schaukelpferd gestaltet er sich die Wartezeit auf seine Art. Im gleichen Haus befinden sich ein Kinderlesesaal und ein Puppentheater, alles zur Entlastung der Muttis, die in Ruhe einkaufen können. Außerdem gibt es im Dachgeschoß dieses Kinderparadieses ein Kindercafe. Zur 5-Uhr-Schokolade löffeln hier die jungen Damen und Herren ihren Apfelkuchen mit Schlagsahne. Die Tische, die Stühle, die Tassen, die Löffel, alles ist auf „kleinste Größe“ eingestellt, außer den Tortenstücken, natürlich. Am Eingang macht uns eine Serviererin darauf aufmerksam: „Erwachsene haben nur in Begleitung von Kindern Zutritt.“ (...)

Diese Läden in der Stalinallee werden nicht mehr - wie dies bisher mehr oder weniger der Fall war - Verteilungsstellen, sondern wirkliche Verkaufsstätten sein. Der Käufer wird nicht mehr vor dem Ladentisch abgefertigt, sondern er nimmt in einem bequemen Sessel Platz, und man legt ihm die Ware nach seinem Wunsche vor. Auch das Warten vor der Kasse und vor dem Packtisch fällt weg. Das alles erledigt für ihn das Verkaufspersonal. HO und Konsum werden in diesen Geschäften alle Möglichkeiten haben, eine ihrer Tugenden zu entfalten: die Höflichkeit. (...)

Stalinallee in 200 Tagen. Aus dem Tanzcafe vor der Sporthalle erklingen beschwingte Melodien. Menschen eilen vorüber. Sie tragen große Pakete im Arm, und ihre Gesichter leuchten. Sie haben Besitz genommen von dieser Straße, von den herrlichen Geschäften. Vor den Läden stehen große Lieferwagen; zweimal am Tag trifft neue Ware ein, denn der Bedarf ist groß. Unser Blick gleitet über die Neonbeschriftungen: Schuhwaren, Strümpfe, Stoffe, Wäsche, Pelze,


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Schreibmaschinen - dieser Reichtum! Motorräder, Möbel, Obst, Wohlstand, diese Zukunft. Rief da nicht eben der Zeitungsverkäufer „Neue HO-Preissenkung!“ ?


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3 Der zielstrebige HO-Marktleiter
Herr C., verh., 47 Jahre, ein Sohn, 23 Jahre

Herr C. erlebt als sechsjähriger die Zwangsenteignung seiner Eltern. Sie ist für ihn heute noch in bedrückender Erinnerung und führt zu einschneidenden Veränderungen in der familiären Situation. Zur zweiten prägenden Erfahrung wird für ihn die Verweigerung des Besuches der Erweiterten Oberschule wegen 'mangelnder ideologischer Reife'. Er führt es darauf zurück, daß er am Konfirmationsunterricht teilgenommen hat. Durch Nutzung der vielfältigen Bildungswege gelingt es ihm später, seine Berufswünsche zu realisieren. Den Auswirkungen der Mangelwirtschaft begegnet er - in seiner Tätigkeit als Marktleiter - mit Phantasie und Ideenreichtum. Auf das Auseinanderklaffen zwischen Ideologie und gesellschaftlicher Praxis versucht er in Bezirksleitersitzungen der Partei Einfluß zu nehmen. Auf die Erfahrung, mit problembeladenen Situationen - auch unter hoher zeitlicher Belastung - umgehen zu können, und auf die Fähigkeit, sich neues Wissen immer wieder selbst aneignen zu können, führt er es zurück, wenn er heute in seiner Tätigkeit als Einzelhändler - auch unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen - gut zurechtkommt. Das ist auch der Grund, weshalb er den anfangs aufgetretenen Vorurteilen der westdeutschen Kollegen mit Selbstbewußtsein begegnen kann. Daß seine familiäre Situation und die fachliche Unterstützung seiner Ehefrau hierzu wesentlich beitragen, wird aus dem Gespräch deutlich.

Herr C. wächst mit drei Geschwistern in Frankfurt/Oder auf. Als sechsjähriger erlebt er 1960 die Zwangsenteignung seiner Eltern. Bis zu diesem Zeitpunkt führen beide Elternteile eine Gärtnerei, die den Lebensunterhaltes der Familie ausreichend sichert. Daß diese Erfahrung für ihn auch heute noch mit schmerzlichen Erinnerungen verbunden ist, ist der folgenden Äußerung zu entnehmen:

"Die Zwangsenteignung meiner Eltern ist für mich heute noch mit Tränen verbunden. Der Verdienst meines Vaters reichte nun nicht mehr aus. Meine Mutter mußte nun arbeiten gehen und war für uns nun nicht mehr ständig zu erreichen. Dadurch hat sich auch für uns Kinder vieles verändert".

Zu dieser Zeit ist er Mitglied in der Pionierorganisation und tritt später auch in den Jugendverband ein. Die Mitgliedschaft in beiden Organisationen wird von den Eltern geduldet und ist für Herrn C. mit positiven Erfahrungen verbunden. Er wird in beiden Organisationen immer wieder aktiv und übernimmt eigenverantwortlich kleinere Aufgabenbereiche. Hierzu Herr C.:


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"Ich bin gerne bei den Jungen Pionieren und im Jugendverband gewesen und habe dort auch Funktionen übernommen. Meine Eltern haben das nicht so gerne gesehen, aber sie haben es eben ertragen. Wir haben ja vieles gemacht, was einem Kind oder Jugendlichen Spaß macht und daß ich zeigen konnte, was ich kann und daß auf mich Verlaß ist, das war auch gut".

Trotz großem Engagement in Pionierorganisation und Jugendverband muß er in dieser Zeit die Erfahrung machen, daß ihm der Besuch der Erweiterten Oberschule mit der Begründung der mangelnden ideologischen Reife verwehrt wird. Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß ihn diese Entscheidung deshalb besonders trifft, weil er sich durch die positiven Lernerfahrungen eine große Lernbereitschaft und Lernoffenheit erworben hat. Herr C. äußert sich hierzu wie folgt:

"Daß ich nicht zur EOS gehen durfte, das war neben der Zwangsenteignung meiner Eltern für mich das zweite einschneidende Erlebnis. Ich habe immer gern gelernt, und das Lernen hat mir auch Spaß gemacht. Deshalb war das am Anfang schwer, damit klarzukommen. Aber ich habe gewußt, irgendwie schaffe ich das. Und das war ja dann auch so".

Als die Entscheidung zur Ausbildung ansteht, werden ihm drei alternative Bereiche angeboten: Elektro, Landwirtschaft und Bau. Seine ursprüngliche Entscheidung für die Landwirtschaft zieht er auf Anraten der Eltern wieder zurück und beginnt eine Ausbildung als Elektromechaniker mit Abitur. Nach Abschluß der Ausbildung absolviert er die Armeezeit und fängt ein Elektronikstudium an. Die Erfahrungen im Grundstudium bestärken ihn darin, daß diese Fachrichtung nicht seinen Interessen entspricht. Er bricht daraufhin das Studium ab. Herr C. äußert sich hierzu wie folgt:

"Eigentlich hat sich für mich bestätigt, daß ich für das das Elektrofach nicht geeignet bin. Aber im Grundstudium gab es auch viel Pädagogik und Psychologie, und das hat mir Spaß gemacht. Ich wollte mehr mit Menschen zu tun haben. Und das war dann der Grund, warum ich mein Studium abgebrochen habe und mich nach etwas anderem umgesehen habe".

Er sucht eine neue berufliche Perspektive und entscheidet sich für eine Tätigkeit als technischer Mitarbeiter im Handel mit dem Ziel, sich hier eine leitende Position zu erarbeiten. Hierzu seine Äußerung:


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"Bei uns gab es das ja, daß Verkaufsstellen auch technische Mitarbeiter hatten. Das gibt es ja heute nicht mehr. Ich habe dann da angefangen und gewußt, daß ich mich hier hoch arbeiten werde. Die Arbeit mit Menschen hat mir gefallen".

Die Vielzahl der Bildungswege in der DDR und das in der DDR vorherrschende Lernklima, das durch rechtliche Rahmenbedingungen abgesichert ist, ermöglichen es ihm, sich berufsbegleitend die Qualifikation für die angestrebte Leitungsposition anzueignen. Er holt in einem berufsbegleitenden Vorbereitungslehrgang den Berufsabschluß als Fachverkäufer nach. Herr C. äußert sich hierzu:

"Für mich stand zunächst fest, daß ich etwas vom Handel verstehen muß, also habe ich einen berufsbegleitenden Facharbeiterabschluß als Verkäufer gemacht. Es gab ja bei uns viele Möglichkeiten, den Berufsabschluß nachzuholen".

In dieser Zeit wird ihm die Tätigkeit als stellvertretender Kaufhallenleiter angeboten. Um der neuen Aufgabe gewachsen sein, entschließt er sich zu einem Fernstudium im Fachbereich Ökonomie. Die damit verbundene hohe zeitliche Belastung nimmt er in Kauf, auch deshalb, weil er weiß, daß er mit der Unterstützung und dem Verständnis seiner Ehefrau rechnen kann, die zu diesem Zeitpunkt auch ein Fernstudium absolviert. Herr C. äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich habe Glück mit meiner Frau. Sie hat, genauso wie ich, Freude am Lernen, und das ist es, was uns beide auch verbindet. Wir haben uns vorgenommen, daß wir gemeinsam 20 Jahre lernen und das wollten wir in der ersten Zeit abarbeiten. Und es ist auch gut, wenn man mit seinem Partner über berufliche Probleme diskutieren kann. Manchmal hab` ich durch sie einen anderen Blick bekommen".

Bei der Bewältigung seiner neuen Aufgabe als stellvertretender Marktleiter unterstützt ihn ein Mentor, den er als kompetenten und verantwortungsvollen Marktleiter beschreibt. Aus seinen Schilderungen wird deutlich, daß das Mentorenverhältnis von gegenseitiger Achtung und Anerkennung geprägt ist und wesentlich dazu beiträgt, daß er auftretende Probleme schnell und kompetent lösen kann. Herr C. äußert sich hierzu wie folgt


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"Das gibt es heute nicht mehr. Daß jemand durch einen Mentor in sein neues Aufgabengebiet eingearbeitet wird. Für mich war das eine große Unterstützung. Ich wußte, daß ich mit ihm - notfalls auch sonntags - Probleme durchsprechen kann. Das hat mir sehr geholfen. Wo gibt`s das heute noch, daß ich einen Ausbilder am Wochenende besuchen kann, weil ich Fragen habe"?

Zwei Jahre später übernimmt er die Leitung einer Kaufhalle mit 100 Beschäftigten und 30 Auszubildenden. In dieser Kaufhalle ist auch seine Frau als Ökonompädagogin für die Ausbildung der Auszubildenen verantwortlich. Die Schwierigkeiten, die ihm als stellvertretender Marktleiter bekannt sind, setzen sich auch hier fort. Aus der nachfolgenden Äußerung über die Auswirkungen der Mangelwirtschaft wird deutlich, daß er sich nicht resignativ verhält, sondern sich bemüht, mit den schwierigen Bedingungen zurechtzukommen:

"Wir hatten ja ständig Probleme mit der Warenlieferung. Entweder wir bekamen zuwenig Ware oder die falsche Ware. Gestimmt hat selten etwas. Da gab es dann Ärger mit den Kunden, und wie sollen Sie da das Personal motivieren? Und mit den Auszubildenden war es genauso: das, was sie gelernt haben, das stimmte doch mit der Wirklichkeit nicht überein. Verständlicherweise ist denen da auch die Lust vergangen. Ich habe mich immer bemüht, mit meinen Leuten die Probleme - so gut es eben ging - anzupacken".

Als wesentliches Problem stellt sich für ihn auch das Auseinanderklaffen zwischen der gesellschaftlichen Situation und der in Diskussionen und Berichten von ihm erwarteten positiven parteipolitischen Einschätzung dar. Aus der folgenden Äußerung läßt sich sein Bemühen nachvollziehen, mit diesen Widersprüchen suchend - und soweit als möglich - einflußnehmend - sowohl im eigenen Interesse, als auch im Interesse seiner Mitarbeiter - umzugehen.

"Wenn man unsere Zeitungen aufgeschlagen hat, dann sind wir ja von einem Höhepunkt zum nächsten geeilt. Manchmal hatte ich die Nase voll. Ich hab' versucht, in den Bezirksleitersitzungen darüber zu reden, wie es im Betrieb wirklich aussieht. Aber dafür hat sich keiner interessiert. Und irgendwann fragt man sich dann, was bringt das und was kann ich mir erlauben und was ist gut für meine Leute und was nicht?"


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Daß er die engagierte Mitarbeit seiner Ehefrau als große Unterstützung bei der Bewältigungen der schwierigen Situationen erlebt, läßt sich aus der folgenden Äußerung nachvollziehen:

"Wir haben ja beide am gleichen Strang gezogen; ich konnte da auf meine Frau rechnen. Das hat mir gut getan und war für mich eine große Unterstützung. Wir haben uns beide gesagt: Wir sind zwar eingemauert, aber wir wollen trotzdem das Beste geben".

Zum Zeitpunkt der Wende erfährt er davon, daß die ehemaligen Bezirksdirektoren in Verkaufsverhandlungen mit westdeutschen Unternehmen sind. In dieser Situation sucht er - gemeinsam mit anderen Kaufhallenleitern - nach Möglichkeiten, um die Kaufhalle in eigener Regie weiterzubetreiben. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Das ging ja ganz flott. Ich habe davon erfahren, daß unsere ehemaligen Bezirksdirektoren dabei waren, unsere Kaufhallen an westdeutsche Unternehmen zu verkaufen, ohne uns auch nur irgendwie einzubinden. Vorher waren wir recht, um für sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und jetzt versuchten sie ihr Schäfchen in`s Trockene zu bringen. Gemeinsam mit einigen Kollegen wollten wir gegensteuern, leider erfolglos"

Die Kaufhalle wird von einem westdeutschen Unternehmen Anfang 1990 gekauft. Die Firma unterbreitet ihm das Angebot, die Kaufhalle zunächst als Kaufhallenleiter, später im Rahmen einer gemeinsamen GmbH zu leiten. In dieser Zeit wird eine Personalreduzierung der ehemals 100 Beschäftigten auf 15 Personen vorgenommen. Seine Frau arbeitet in dieser Kaufhalle mit.

In den Verhandlungen mit der westdeutschen Firma zeigt sich, daß seine erworbene Fachkompetenz anerkannt wird. Er fühlt sich von dem westdeutschen Unternehmen ernstgenommen und erreicht, daß die von ihm gestellten Bedingungen weitgehend akzeptiert werden. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich habe in den Verhandlungen mit dem Unternehmen gute Erfahrungen gemacht. Die Firma hat meine Erfahrungen ernstgenommen und die von mir gestellten Bedingungen weitgehend erfüllt".

Bestandteil des abschlossenen Vertages sind ein dreimonatiges


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Praktikum in einem westlichen Filialunternehmen sowie eine Reihe von Qualifzierungsangeboten. Die Kosten hierfür werden von dem westdeutschen Unternehmen getragen. In dem Gesprächsverlauf geht er auf Vorurteile des westdeutschen Kollegen ein, mit denen er sich zunächst auseinandersetzen muß. Daß ihm dies problemlos gelingt, wird aus der folgenden Äußerung deutlich:

"Der Einstieg in das Praktikum war nicht gerade vielversprechend. Der Marktleiter hat mich mit den Worten empfangen: "Viel Zeit habe ich nicht für Sie", und hat mir auch seine Vorbehalte gegenüber Ossis offen gezeigt, aber nachdem er gemerkt hat, daß ich im Osten auch nicht unter dem Baum geschlafen habe, ging es".

Die Erfahrungen im Praktikum ordnet Herr C. überwiegend positiv ein. Hierzu zählt Herr C. auch, daß es ihm durch das Praktikum möglich wurde, sich einen Einblick in das Qualifizierungsniveau westdeutscher Beschäftigter im Einzelhandel zu verschaffen und er nun in der Lage sei, Vergleiche zwischen west- und ostdeutscher Qualifizierung anstellen zu können. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Durch das Praktikum habe ich ja auch eine ganze Menge darüber erfahren, welche Qualifikation die Verkaufskräfte im Westen haben. Da gibt es auch heute noch sehr viele Ungelernte. Das war bei uns anders. Unsere Leute müssen sich da nicht verstecken".

Auf die Erfahrung, mit schwierigen Situationen - auch unter hoher zeitlicher Belastung - umgehen gelernt zu haben, und auf die Fähigkeit, sich neues Wissen immer wieder selbst aneignen zu können, führt er es zurück, wenn er auch mit der neuen Situation als Einzelhändler der ehemaligen Kaufhalle, die er heute unter veränderten Eigentumsverhältnissen, erheblich reduzierter Personalzahl und schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen leitet, gut zurechtkommt. Herr C. geht im Gespräch darauf ein, auch daß das Wohlbefinden in seiner familiären Situation und die fachliche Unterstützung seiner Ehefrau hierzu wesentlich beigetragen haben. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Meine Frau hat wesentlich dazu beigetragen, daß ich der neuen Situation gut zurechtgekommen bin. Sie hat mich unterstützt; sie kommt ja auch vom Fach und kennt die Probleme. Und dann ist ja auch mein Sohn in die Branche eingestiegen. Wir haben uns da gegenseitig geholfen".

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Im Gespräch weist Herr C. darauf hin, daß er es als große Unterstützung erfahren hat, daß er den Schritt in die Selbständigkeit mit dem Personenkreis eingehen konnte, mit dem er bereits 10 Jahre zusammengearbeitet hat. Herr C. äußert sich hierzu wie folgt:

"Daß ich mit meinen Leuten die Wende erlebt habe, das war für uns alle gut. Für mich, weil ich wußte, was ich von jedem erwarten kann, für meine Leute, weil sie wußten, daß sie sich auf mich verlassen konnten".

3.1 Interpretation
"Wir sind zwar eingemauert, aber wir wollen trotzdem das Beste geben..."

Wir stellen die folgenden zwei Aussagen an den Anfang der Interpretation, weil wir davon ausgehen, daß sie für das Verstehen der Biographie von Herrn C. von besonderer Bedeutung sind: "Wir sind zwar eingemauert, aber wir wollen trotzdem das Beste geben", und die Aussage: "Wir haben uns vorgenommen, daß wir gemeinsam 20 Jahre lernen, und das wollten wir in der ersten Zeit abarbeiten". Mit "Wir" bezieht sich Herr C. auf seine Partnerin, mit der er seit 27 Jahren verheiratet ist und die mit ihm auch den beruflichen Werdegang teilt.

Beide Aussagen haben für die Frage, wie Lernen in der neuen Situation stattgefunden hat, große Bedeutung. Lernen bedeutet Umgang mit widersprüchlichen Situationen und drückt sich im Handeln der Individuen aus. In den Aussagen von Herrn C. kommen beide Aspekte zum Ausdruck, sowohl das Umgehen mit Widersprüchen als auch die Eigenleistung des Individuums. Aus der Biographie läßt sich nachvollziehen, daß das Leben von Herrn C. maßgeblich vom Umgang mit Widersprüchen geprägt ist und diese Erfahrung sein Handeln in der neuen Situation bestimmt. Wir möchten dies mit den folgenden Beispielen belegen.

Herr C. erlebt als 6jähriger die Zwangsenteigung seiner Eltern. Daß diese Erfahrung auch heute noch mit großer Emotionaliät besetzt ist, weil sie ein einschneidender Eingriff in die familiäre Situation war, läßt die folgende Äußerung vermuten 'Die Zwangsenteignung meiner Eltern ist für mich heute noch mit Tränen verbunden. (...)Dadurch hat sich auch für uns Kinder vieles verändert'. Herr C. erwirbt in dieser Situation die Erfahrung, daß der Staat willkürlich in individuelle Lebens- und Arbeitszusammenhänge eingreifen kann und ein Sichwehren nicht


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möglich ist. Eine gegensätzliche Erfahrung, nämlich daß Eigenaktivität erwünscht und gefördert wird, macht er zur gleichen Zeit in der Kinder- und in der Jugendorganisation der Partei. Daß er diese Möglichkeit gerne wahrnimmt und sie zur Herausbildung von Verantwortungsbereitschaft beigetragen haben kann, läßt folgende Äußerung vermuten 'Wir haben ja vieles gemacht, was einem Kind oder Jugendlichen Spaß macht und daß ich zeigen konnte, was ich kann und daß auf mich Verlaß ist, das war auch gut'.

Erst vor dem Hintergrund der positiven Erfahrungen in der Kinder- und Jugendorganisation läßt sich das Ausmaß der Enttäuschung nachvollziehen, mit der Herr C. als 12jähriger zurechtkommen muß, nachdem ihm wegen Teilnahme an der Konfirmation der Besuch der Erweiterten Oberschule verwehrt wird. Die folgende Äußerung drückt zum einen die hohe Emotionalität aus, die diese Erfahrung für ihn besitzt, und läßt zugleich vermuten, daß diese Erfahrung auch die Herausbildung von Aktivität und Lernenergie beeinflußt hat ''Daß ich nicht zur EOS gehen durfte, war neben der Zwangsenteignung meiner Eltern das zweite einschneidende Erlebnis. Ich habe immer gern gelernt, und das Lernen hat mir auch Spaß gemacht. Deshalb war das am Anfang schwer, damit klarzukommen. Aber ich habe gewußt, irgendwie schaffe ich das. Und das war ja dann auch so'.

Wir wenden uns im folgenden der Interpretation seiner beruflichen Biographie und den hierbei erworbenen Lernerfahrungen zu. Hohe Lernbereitschaft, Zielstrebigkeit und die Fähigkeit, getroffene Entscheidungen revidieren zu können, zeichnet seine Berufsbiographie aus. Aus dem Gesprächsverlauf läßt sich nachvollziehen, daß er zwar die Auswahl des Ausbildungsberufes noch unter dem Einfluß der Eltern trifft und er sich in der Wahl des Studienganges an der erworbenen Ausbildung orientiert, sich jedoch nach zwei Jahren entschließt, das Studium abzubrechen. Wir schließen aus dieser Verhaltensweise die Fähigkeit, das Handeln zunehmend an eigenen Interessen auszurichten, und erworbene Stabilität, um sich den Anforderungen einer neuen Situation aussetzen zu können. 'Eigentlich hat sich für mich bestätigt, daß ich für das Elektrofach nicht geeignet bin. Aber im Grundstudium gab es auch viel Pädagogik und Psychologie, und das hat mir Spaß gemacht. Ich wollte mehr mit Menschen zu tun haben. Und das war dann der Grund, warum ich mein Studium abgebrochen habe und mich nach etwas anderem umgesehen habe'. Mit seiner Entscheidung für eine Tätigkeit im Handel kommt Herr C. sowohl seinem Interesse nach, eine


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Tätigkeit auszuüben, in der er 'mehr mit Menschen zu tun hat', als auch seiner Intention, sich zielstrebig eine Führungsposition zu erarbeiten, wie sich aus der folgenden Äußerung nachvollziehen läßt 'Ich habe dann da angefangen und gewußt, daß ich mich hier hocharbeiten werde. Die Arbeit mit Menschen hat mir gefallen'.

Die Teilnahme an unterschiedlichen Bildungsgängen, für die sich Herr C. entscheidet, um sich für seine neue Tätigkeit zu qualifizieren, läßt sowohl auf eine große Offenheit für neue Lerninhalte schließen als auch auf erworbene Hartnäckigkeit und Ausdauer, als Voraussetzung dafür, um Lernwiderstände überwinden zu können. Grundlage hierfür ist der Qualifizierungsanspruch, der sich aus den rechtlichen Rahmenbedingungen ergibt, sowie Freistellung für den Besuch von Weiterbildungsmaßnahmen, Übernahme der Weiterbildungskosten durch die Betriebe und vielfältige Lernwege. Die folgende Äußerung legt den Schluß nahe, daß Herr C. der Begleitung des Lernprozesses durch einen Mentor einen besonders hohen Stellenwert einräumt 'Für mich war das eine große Unterstützung. Ich wußte, daß ich mit ihm (dem Mentor) - notfalls auch sonntags - Probleme durchsprechen kann. Das hat mir sehr geholfen. Wo gibt`s das heute noch, daß ich einen Ausbilder am Wochenende besuchen kann, weil ich Fragen habe"? In der Äußerung zur Unterstützung des Lernprozesses durch seine Partnerin schließen wir sowohl auf die Bedeutung des 'Sichwohlfühlens' als Voraussetzung für den Lernprozeß als auch auf die Bedeutung des Wissens- und Erfahrungsaustausches als wesentliches Element des Lernprozesses 'Ich habe Glück mit meiner Frau. Sie hat, genauso wie ich, Freude am Lernen, und das ist es, was uns beide auch verbindet. Wir haben uns vorgenommen, daß wir gemeinsam 20 Jahre lernen, und das wollten in der ersten Zeit abarbeiten. Und es ist auch gut, wenn man mit seinem Partner über berufliche Probleme diskutieren kann. Manchmal hab` ich durch sie einen anderen Blick bekommen'.

Wir wenden uns im folgenden dem Wissenserwerb in der neuen Situation zu und versuchen, den Beitrag von Erfahrungen und Wissensgehalten herauszufiltern. Die folgende Äußerung von Herrn C. läßt den Schluß zu, daß das Sichöffnenkönnen für neue Lerninhalte deshalb möglich war, weil erworbene Wissensgehalte und Erfahrungen anerkannt und ernstgenommen wurden: 'Ich habe in den Verhandlungen mit dem Unternehmen gute Erfahrungen gemacht. Die Firma hat meine Erfahrungen ernstgenommen und die von mir gestellten Bedingungen weitgehend erfüllt. Wenn die Aneignung des notwendigen Fachwissens


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in kurzer Zeit möglich war, so liegt die Vermutung nahe, daß sowohl hohe Lernbereitschaft als auch erworbenes Fachwissen, langjährige betriebliche Erfahrung in der Leitung eines Handelsbetriebes und die im Fernstudium erworbene Selbstlernkompetenz wesentliche Voraussetzungen hierfür waren. Wir sind der Meinung, daß sich hierbei nachzeichnen läßt, daß das Lernen ein „Lernen durch Anknüpfen an berufliche Erfahrungen“ war.

Wir vermuten, daß auch die betriebliche Erfahrung in der Mitarbeiterführung einen erheblichen Beitrag zur Bewältigung der neuen Situation geleistet hat, und führen diese Vermutung auf die folgende Aussage zurück: 'Daß ich mit meinen Leuten die Wende erlebt habe, das war für uns alle gut. Für mich, weil ich wußte, was ich von jedem erwarten kann, für meine Leute, weil sie wußten, daß sie sich auf mich verlassen konnten'. Wir entnehmen dieser Äußerung, daß es Herrn C. gelungen war, eine Arbeitsatmosphäre herzustellen, die von gegenseitiger Achtung getragen war, und ordnen diesem Sachverhalt auch deshalb einen hohen Stellenwert zu, weil die Auswirkungen der Mangelwirtschaft voraussetzten, daß das Herstellen eines positiven Arbeitsklimas nur möglich war, wenn die Führungskräfte im Handel über reflexive Kompetenz und einfühlsames Verhalten verfügten. Daß auch emotionale Faktoren für den Lernprozeß eine erhebliche Rolle spielen, läßt sich an der folgenden Aussage, in der sich Herr C. über die Unterstützung durch Partnerin und Sohn äußert, nachvollziehen: 'Meine Frau hat wesentlich dazu beigetragen, daß ich mit der neuen Situation gut zurechtgekommen bin. Sie hat mich unterstützt; sie kommt ja auch vom Fach und kennt die Probleme. Und dann ist ja auch mein Sohn in die Branche eingestiegen. Wir haben uns da gegenseitig geholfen'

3.2 Erfahrungsdifferenzen
„Daß sich etwas tut...“

In der Veröffentlichung von Ina Merkel finden sich unter der Überschrift „Daß sich etwas tut“ die folgenden Briefe von Frau Gertrud Domdei aus Maxen vom 12. Januar 1988.

„Heute muß ich mich wieder einmal an Sie wenden, um auf einige Probleme aufmerksam zu machen:

1. Ersatzkerzen für Christbaumbeleuchtung.

Dieses Problem steht schon viele Jahre. Jedes Jahr vor Weihnachten ist ein Rennen nach Ersatzkerzen für die Weihnachtsbaumbeleuchtung. Wieviele Male ich unterwegs war und in den einschlägigen Geschäften nachgefragt habe, weiß ich nicht mehr genau. Die Antwort war immer


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die gleiche, wir haben keine und wissen auch nicht, wenn solche kommen. Zwei Tage vor Weihnachten hat es dann (nach Informationen vom Hörensagen) welche gegeben. Die Schlange war natürlich riesengroß, und wer an diesem Tage nicht zufällig unterwegs war, hat keine erhalten. In unserer Gemeinde konnten wir infolge Fehlens 2er Kerzen für Außenbeleuchtung unseren Weihnachtsbaum nicht beleuchten. Wäre es nicht möglich, daß ab Oktober solche Ersatzkerzen in den Handel kommen, dann käme es nicht zu Stauungen, und viele Bürger wären nicht so verärgert. Man müßte doch aus den vorhergegangenen Jahren und den Problemen Schlußfolgerungen ziehen.

2. Regenbekleidung für Kinder

Auch hier ist ein Engpaß vorhanden. Die Kinder sind durch Unterbringung in Kindergärten und Kinderkripppen doch viel unterwegs und müssen entsprechend gekleidet sein. Aber Regenbekleidung gibt es nicht, oder man kommt zufällig einmal dazu, wenn es solche gibt. Wir wohnen etwas ab vom Schuß, habe sehr schlechte Verkehrsverbindungen nach der Kreis- bzw. der Bezirksstadt. Was man dadurch für Unkosten hat, darüber möchte ich schweigen. Aber das sind doch alles Dinge, die nicht sein müßten. Meine Kollegin hat deshalb auch einmal an Sie geschrieben, wohl von Ihnen Antwort bekommen und vom Berliner Ministerium ebenfalls, daß die Angelegenheit nach Dresden weitergeleitet wurde. Seitdem ist Stillschweigen.

3. Warme Filzschuhe für Kinder

Warme Filzschuhe für Kinder in allen Größen gibt es ebenfalls nicht. Bereits seit August bin ich in allen einschlägigen Geschäften, aber nur Pantoffeln oder Hausschuhe (leichte), keine warmen hohen Filzschuhe. Man sollte sich daran gewöhnen, daß vor Eintritt der entsprechenden Jahreszeit die Waren im Angebot sind. Das sind alles Dinge, die unsere Bürger verärgern und die nicht zur Zufriedenheit führen.

Dies sind nur einige wenige Dinge. Ich könnte noch viele aufführen, aber das würde zu weit führen. Vor ein paar Jahren hatte ich bereits einmal geschrieben, auch Antwort erhalten, aber zuletzt war das ganze Problem auf dem Tisch des Bürgermeisters gelandet. In einer Aussprache mit einem Vertreter des Rates des Kreises, dem Bürgermeister und mir ist alles im Sande verlaufen. Deshalb bitte ich Sie, diese Probleme aufzunehmen und zu helfen, sie zu verändern. Das ist doch das Wichtigste, daß sich etwas tut.

Mit sozialistischem Gruß!

Sie schreibt noch einmal am 7. März 1988:

Ich komme nochmals auf meine o. a. Eingabe zurück und danke Ihnen für deren Bearbeitung.

Inzwischen habe ich vom Ministerium für Handel und Versorgung und


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auch von den zuständigen GHG`s Post erhalten und die Zusage, daß ich die Kinderfilzschuhe und die Regenbekleidung personengebunden erhalte.

Dieses habe ich mit meiner Eingabe nicht beabsichtigt, mir ging es um das Aufzeigen von Mängeln und die Bitte um Mithilfe bei der Beseitigung derselben. Im Grunde genommen ist mir im Moment nur gedient, aber so viele andere Bürger, die sich mit den gleichen Problemen herumplagen, gehen leer aus. Die Meinung vieler Bürger ist doch, es hat doch keinen Zweck, sie resignieren und werden unzufrieden. Dies zu beheben war meine Absicht.

Dies habe ich auch an das Ministerium geschrieben. Eine Durchschrift lege ich Ihnen bei zu Ihrer Kenntnisnahme. Vielleicht haben Sie die Möglichkeit, nochmals etwas zu unternehmen.

Mit sozialistischem Gruß!

Und sie wendet sich in der gleichen Sache an den Ministerrat der DDR

Ihren Brief habe ich dankend erhalten. Inzwischen habe ich auch von den beiden Großhandelskontoren - Textil- und Kurzwaren - und - Schuhe und Lederwaren, Radebeul - Antwort erhalten. Ich werde natürlich die gewünschten Größen den GHG `s durchgeben, aber damit ist wohl mein Problem gelöst, aber nicht für alle Bürger, die sich mit den gleichen Dingen rumschlagen, aber nicht den Mut haben, an die entsprechenden Stellen zu schreiben, und nur resignierend sagen, das hat ja sowieso keinen Zweck, wir müssen eben immer wieder laufen. Das trifft ja nicht nur auf die von mir genannten Dinge zu, es gibt noch vieles an Kleinigkeiten, nach denen man laufen muß. Für uns etwas abseits vom Kreisgebiet ist das immer mit Schwierigkeiten verbunden.

Deshalb nochmals mein Anliegen, doch einmal zu überprüfen, ob man diese Unzulänglichkeiten nicht im allgemeinen abstellen kann, damit allen geholfen wird. Das war eigentlich Sinn und Zweck meiner Eingabe an PRISMA, nicht etwa um Vorteile herauszuschlagen.

Mit nochmaligem Dank für Ihre Unterstützung verbleibe ich mit sozialistischem Gruß“(Merke 1998, S. 122).


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4 Vom parteitreuen Seemann zum innovativen Unternehmer
Herr D., 35 Jahre, verh., ein Kind

Das Verhalten von Herr D. ist zunächst von großer Identifikation mit dem Staat geprägt. Herr D. fühlt sich in der DDR wohl. Er ist überzeugter Parteigenosse. Er interessiert sich für andere Lebensgewohnheiten und reist gerne. Seine Berufstätigkeit als Seemann erlaubt ihm, persönliche und berufliche Interessen zu verbinden. Angebliche Westkontakte seiner Ehefrau verändern seine Situation grundlegend. Die Berufsausübung wird ihm verwehrt, freundschaftliche Kontakte zerbrechen, die Genossen wenden sich von ihm ab. In dieser Situation trennt sich auch seine Frau von ihm. Herr D. kann mit der neu entstandenen Situation nur schwer umgehen. Er nimmt sein Land und seine Landsleute mit anderen Augen wahr und tritt als Konsequenz aus der Partei aus. Um die Situation zu verändern, beantragt er eine Konzession als privater Lebensmitteleinzelhändler. Herr D. muß die Erfahrung machen, daß sein Antrag 2 ½ Jahre nicht bearbeitet wird. Dies löst tiefe Resignation und Perspektivlosigkeit aus. In dieser Zeit lernt er seine zweite Frau kennen, die maßgeblich dazu beiträgt, daß er wieder Lebensmut gewinnt. Nach der Wende entschließt er sich zur Selbständigkeit als Lebensmitteleinzelhändler und entwickelt ein hohes Maß an Eigeninitative. Für sein großes Engagement wird er als innovativer Unternehmer in Ostdeutschland ausgezeichnet. Herr D. beurteilt die ehemalige Situation sehr differenziert und greift in seinem neuen Aufgabengebiet häufig auf erworbene Erfahrungen zurück.

Herr D. wächst in einer Familie mit zwei Kindern im Kreis Erfurt auf. Seine Eltern sind beide berufstätig und vermitteln ihm ein Gefühl der Geborgenheit. Erfahrungen in Schule und Ausbildung sind für ihn positiv besetzt. Er äußert sich hierzu wie folgt:

Ich hab' mich zu Hause wohlgefühlt. Ich bin gerne zur Schule gegangen und auch meine Ausbildungszeit hat mir gefallen Und mein Beruf, das war genau das, was ich wollte. Ich habe mich immer schon für andere Länder interessiert".

Herr D. ist bei der Reederei in Rostock als Seemann beschäftigt und hat durch seine berufliche Tätigkeit die Möglichkeit, andere Kontinente kennenzulernen. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Meine berufliche Tätigkeit hat mir sehr viel Freude gemacht. Ich hatte schon immer großes Interesse an anderen Ländern, und das war mir durch meine Tätigkeit als Seemann möglich. So war ich morgens in Rostock und abends in Hamburg."


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Aus dem Gesprächsverlauf geht hervor, daß Herr D. sich mit dem Staat zunächst weitgehend identifiziert. Er schildert seine Erfahrungen in Jugendverband und Parteiorganisation wie folgt:

"Ich habe ja alles mitgemacht. Ich war Pionier, dann im Jugendverband, und als mich die Partei angesprochen hat, bin ich Mitglied geworden. Ich habe auch immer Funktionen übernommen".

Seine Situation ändert sich nach vier Jahren grundlegend. Wegen angeblicher Westkontakte seiner Ehefrau wird ihm die Ausübung seines Berufes verwehrt. Herr D. schildert die Situation wie folgt:

"Mir wurde erklärt, daß meine Frau Westkontakte hätte und daß dies für mich bedeutet, daß ich deshalb nicht mehr in's Ausland fahren kann. Ich sollte dann einen Aufhebungsvertrag unterschreiben. Außerdem wurde mir ein Arbeitsplatz in einer Reinigung zugewiesen".

Erst in der Konfliktsituation erlebt er den Widerspruch zwischen Parteipolitik und gesellschaftlicher Realität. Dies geht aus folgenden Äußerungen hervor:

"Bis zu diesem Zeitpunkt war ich davon überzeugt, daß das, wofür ich eintrete, auch richtig ist. Es gab auch manchmal unterschiedliche Auffassungen; aber ich habe durch meinen Beruf auch andere Länder kennengelernt und auch viel Armut gesehen, und wenn ich dann verglichen habe, dann ist die DDR nicht so schlecht weggekommen. Erst als ich in dieser Situation war und meinen Beruf nicht mehr ausüben konnte, da habe ich auch meinen Staat mit anderen Augen gesehen. Ich denke, es war auch viel Neid bei meinen Genossen da".

Die Verhinderung der Berufsausübung und die Versetzung an einen berufsfremden Arbeitsplatz werden von Herrn D. als Konfliktsituation erlebt, mit der er nur sehr schwer umgehen kann. Aus seinen nachfolgenden Äußerungen wird dies deutlich:

"Die neue Situation hat mich stark belastet. Ich habe ja versucht, mich dagegen zu wehren. Ich habe in den Gesprächen immer wieder meinen Standpunkt vertreten und war auch nicht bereit, den Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. Aber irgendwann blieb mir nichts anderes

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übrig. Zugleich habe ich angefangen, für mich nach Alternativen zu suchen".

Herr D. ist nun Veränderungen auf allen Ebenen ausgesetzt. Dies betrifft die Beziehungen am Arbeitsplatz ebenso wie die Beziehungen zu seinem bisherigen Freundeskreis und zu seiner Ehefrau. Er äußert sich hierzu:

"Ich mußte nun mit vielen Problemen klarkommen. Meine Frau hat sich in dieser Zeit von mir getrennt, fast alle Freunde zogen sich zurück, und am Arbeitsplatz wurde es ein Spießrutenlaufen. Ich bin sicher, da war ein Vermerk in den Kaderakten. Also wußte jeder, warum ich hier arbeiten mußte".

Er berichtet, daß der erlebte Konflikt dazu führt, daß er sich entschließt, sein Parteibuch zurückzugeben und aus der Partei auszutreten. Durch den Austritt aus der Partei spitzt sich die Situation für Herrn D. weiter zu. Diese Situation schildert er wie folgt:

"Die Genossen haben mich nun nicht mehr gekannt. Viele waren ängstlich und nicht bereit, offen ihre Meinung zu sagen. Das hat mir zu schaffen gemacht. Ich war auf der einen Seite froh, daß ich aus der Partei ausgetreten bin, auf der anderen Seite ist es mir schon sehr schwer gefallen, mit allem klar zu kommen. Schließlich habe ich ja auch viele schöne Erinnerungen an Jugendverband und Partei".

Herr D. versucht, auf die Situation einzuwirken. Als er von einem leerstehenden Lebensmittelgeschäft erfährt, bewirbt er sich um eine Konzession hierfür, die über einen Zeitraum von 2 1/2 Jahren nicht bearbeitet wird. Er ordnet dieses Verhalten als Fortsetzung der restriktiven Methoden durch die DDR Verwaltungsorgange ein. Sein Verhalten ist zunehmend von Resignation und Perspektivlosigkeit geprägt. Im November 89 wird ihm zeitgleich - mit dem Fall der Mauer - die Konzession erteilt. Hinzu kommt, daß eine neue Partnerschaft wesentlich zur Stabilisierung beiträgt. Über die Situation äußert sich Herr D. wie folgt:

"Ich hab versucht, mich als privater Einzelhändler selbständig zu machen. Aber da war nichts zu machen. Ich hab' immer wieder nachgehakt, mein Antrag wurde nicht bearbeitet. Das war nur die Fortsetzung von dem, was ich vorher erlebt habe. Die Konzession hab' ich bekommen, als die Mauer fiel. Da hab' ich auch meine Frau kennenlernt. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, daß ich

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wieder zurechtkam. Ich habe wieder neuen Mut bekommen".

Die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen ermöglichen Herrn D. - das Einwirken auf seine - bis zu diesem Zeitpunkt - als große Belastung erfahrene berufliche Situation. Er entschließt sich zur Selbständigkeit als Lebensmittelhändler und nutzt hierfür das Lebensmittelgeschäft, für das er zum Zeitpunkt der Wende die Konzession erhalten hat. Sein Verhalten ist von großer Neugier, Offenheit, Eigeninitiative und Engagement bestimmt. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich wußte ja wirklich nicht, wie das so läuft. Bei uns gab es den Konsum und HO und jetzt auf einmal viele Alternativen. Ich bin erstmal los gelaufen. Ich war bei der IHK, bei Veranstaltungen vom Einzelhandelsverband und bei Verbundfirmen. Ich habe mich dann für eine Verbundfirma entschieden und angefangen. Das Geschäft lief sehr gut. Die Leute rannten mir ja fast den Laden ein. Ich konnte kaum die Ware heranschaffen. Mittags war der Laden leer. Später hat sich das durch die neuen Läden, die hier entstanden sind, geändert".

Aus dem Gesprächsverlauf geht hervor, daß Herr D. in dieser Zeit sowohl negative als auch positive Erfahrungen mit westdeutschen Bürgern macht. Zu den negativen Erfahrungen zählt er die ersten Erfahrungsaustausche mit westdeutschen Kollegen. Die Offenheit und Neugier, mit der er auf die westdeutschen Einzelhändler zugeht, wird mit Unverständnis und Arroganz beantwortet. Herr D. äußert sich hierzu wie folgt:

"Nach den Erfahrungen in der DDR war ich schon sehr gespannt auf den Westen. Das war eigentlich immer so. Wir wollten immer wissen, wie das im Westen läuft. Aber das, was ich dann manchmal erlebt habe, war nicht schön; da war sehr viel Überheblichkeit und Besserwisserei dabei. Also habe ich mich dann auch zurückgehalten".

Als positive Erfahrungen wertet er hingegen die Gespräche mit einem westdeutschen Bankdirektor. Als dieser erfährt, daß Herr D. neue Verkaufsräume sucht, bietet er ihm Räume im Neubau der Bank an. Herr D. geht davon aus, daß er hieraus auch auf Anerkennung für seinen bisherigen betrieblichen Erfolges schließen kann. Hierzu Herr D.

"Mit meinem westdeutschen Bankdirektor habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Er hat mir Verkaufsräume im

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Neubau der Bank angeboten. Er kennt mich ja und meine Ertragslage. Sicher hat das auch etwas damit zu tun."

Herr D. weist im Gesprächsverlauf darauf hin, daß er eine wesentliche Voraussetzung für seinen betrieblichen Erfolg darin sieht, daß er gelernt hat, mit Konfliktsituationen umzugehen. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich bin sicher, daß mir nach der Wende vieles leichter gefallen ist als meinen Landsleuten. Ich habe mir nicht mehr alles gefallen lassen. Ich habe meine Meinung gesagt und mich nicht kleiner gemacht, als ich bin, und damit bin ich meistens gut gefahren. Ich bin sicher, daß ich einiges aus dem Ärger in der DDR gelernt habe".

Auf die Bedeutung der hierbei erworbenen Hartnäckigkeit geht Herr D. in der nachfolgen Äußerung ein:

"Ich konnte ja nicht einfach alles hinschmeißen. Also mußte ich mich zunächst mit der Situation abfinden. Trotzdem habe ich mich 2 ½ Jahre lang immer wieder um die Konzession für einen Laden bemüht. Ich habe gelernt, nicht lockerzulassen".

Einen hohen Stellenwert für die Bewältigung der neuen Situation mißt Herr D. auch den beruflichen Erfahrungen seiner Ehefrau bei. Dies kommt in der folgenden Äußerung zum Ausdruck:

"Meine Frau hat ja im Handel gelernt. Sie war Kaufhallenleiterin beim Konsum. Ich habe mir vieles von ihr abgeguckt".

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß Herr D. auch auf kulturelle Erfahrungen, die er sich in seiner Tätigkeit als Seemann erworben hat, zurückgreift. Herr D. äußert sich hierzu:

"Vom Handel hatte ich ja zunächst keine Ahnung. Aber ich kann die Erfahrungen aus meinem Beruf einbringen. Ich habe als Seemann sehr viel gesehen, mich hat immer sehr interessiert, wie andere Menschen leben, welche Probleme sie haben und wie sie damit umgehen, und das, was ich damals kennengelernt habe, das bringe ich heute in mein Geschäft ein."

Um sich das Fachwissen anzueignen, nimmt Herr D. unterschiedliche Seminarangebote wahr. Er weist im Gespräch darauf hin, daß er aus den


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Bildungsangeboten wenig konkrete Hilfestellung erhalten hat. Er führt dies darauf zurück, daß die Bildungsinhalte nicht an der betrieblichen Praxis orientiert sind und die Dozenten ein geringes Interesse an den Erfahrungen, die Existenzgründer einzubringen haben, aufweisen. Herr D. äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich habe mir Seminare ausgesucht, die die IHK für Existenzgründer angeboten hat. Davon konnte ich wenig gebrauchen. Ich habe dann bei meiner Verbundfirma Seminare besucht. Aber auch das war nicht viel besser. Die Dozenten waren einfach überfordert, unsere Situation im Osten war den meisten nicht wirklich bekannt, und sie hatten auch kein Interesse, unsere Erfahrungen kennenzulernen. Darüber war ich anfangs sehr enttäuscht".

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß Herr D. auch der Weiterbildung seiner Mitarbeiter einen hohen Stellenwert einräumt und hierin einen erheblichen Unterschied zu den alten Bundesländern registriert. Herr D. äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich habe mir nach der Wende einige Läden im Westen angesehen und mich auch mit Inhabern unterhalten. In den Gesprächen hat Weiterbildung da keinen großen Stellenwert gehabt. Ich sehe das anders. Die Leute müssen wissen, was sie tun und wie ein Betrieb funktioniert; sie müssen Warenkenntnisse haben, damit sie die Kunden beraten können".

Herr D. weist im Gespräch darauf hin, daß er große Anstrengungen unternimmt, um die Eigeninitiative seiner Mitarbeiter zu erhöhen. Daß er auch hierbei auf erworbene Erfahrungen zurückgreift, läßt folgende Äußerung vermuten:

"Ich habe meinen Mitarbeitern gesagt, daß ich von ihnen jede Woche eine neue Idee erwarte. Natürlich geht das nicht immer. Aber schon das Bemühen zählt, und so entsteht auch in unserem Geschäft ein gutes Klima. Die Mitarbeiter bemühen sich um die Kunden, auch deshalb, weil sie ihre Wünsche kennenlernen und sie als neue Idee einbringen wollen. Vielleicht hat auch das etwas mit meinen Erfahrungen in der Neuererbewegung zu tun".

Auch die regelmäßig stattfindenden Mitarbeiterbesprechungen, die Herr D. nutzt, um die Mitarbeiter über Ertragsentwicklungen des


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Einzelhandelsgeschäftes zu informieren, und die zugleich dazu beitragen sollen, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu erhöhen, führt Herr D. auf erworbene Erfahrungen zurück, wie die folgende Äußerung belegt:

"Es war ja nicht alles schlecht bei uns, und einiges davon will ich bewahren. Das ist z. B. der Umgang mit meinen Mitarbeitern. Jeder muß wissen, daß daß er dazu gehört und daß es auf ihn ankommt. Ich bespreche mit ihnen regelmäßig die Umsatzergebnisse und die Veränderung des Warensortiments".

Aus dem Gespräch geht hervor, daß auch die Kontaktaufnahme mit dem Kindergarten, der sich im Umfeld des Lebensmittelgeschäftes befindet, auf Erfahrungen zurückgeführt werden kann. Herr D. berichtet in diesem Zusammenhang von einem Kinderfest, daß er und seine Mitarbeiter zum Anlaß genommen haben, die Kinder auch hinter die Kulissen sehen zu lassen. Dies wurde von den Kindern begeistert aufgenommen und mit einer Vielzahl von Bildern gewürdigt, die heute das Geschäft schmücken. Auf den Tatbestand, daß auch diese Idee auf Erfahrungen in der DDR zurückreicht, geht Herr D. in der nachfolgenden Äußerung ein:

"Es gab` bei uns ja früher die Patenschaften. Das ist mir wieder eingefallen. Also haben wir ein Fest organisiert und die Kinder hinter die Kulissen sehen lassen. Die Mitarbeiter haben mitgezogen, den Kindern hat es gut gefallen, und die Bilder, die sie dann gemalt haben, die schmücken zur Zeit unseren Verkaufsraum, und wir haben die Kinder als Kunden gewonnen".

Im Gesprächsverlauf weist Herr D. darauf hin, daß der zwischenzeitlich eingetretene betriebliche Erfolg Ursache dafür ist, daß er sich entschlossen hat, im Nachbarort ein zweites Geschäft zu eröffnen. Herr D. äußert sich hierzu wie folgt:

"In der Zwischenzeit läuft der Laden hier ja schon ganz gut. Meine Frau und ich teilen uns die Arbeit, und als uns dann ein Laden im Nachbarort angeboten wurde, da haben wir nicht lange überlegt. Ich bin nun damit beschäftigt, den neuen Laden aufzubauen, und meine Frau führt das alte Geschäft".

Zum Abschluß des Gespräches berichtet Herr D. von der Auszeichnung, die er für seine Leistungen als "innovativer ostdeutscher Unternehmer" erhalten hat. Er ordnet diese Anerkennung auch als Ergebnis der in der


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DDR erworbenen Erfahrungen ein.

In der folgenden Äußerungen schildert Herr D. negative Auswirkungen der neuen Situation, deren positive Aspekte er zugleich betont. Er geht hierbei vor allem auf die hohe zeitliche Belastung und die Auswirkung auf die familiäre Situation ein:

"Natürlich belastet mich die neue Situation auch oft. Ich arbeite 12 - 14 Stunden täglich und meine Frau fast ebenso viel. Unser Tochter hat zur Zeit wenig von uns. Das geht nur, weil die Großeltern mitziehen. Und daß das Reisen zu kurz kommt, finde ich schade. Aber nun haben wir uns für das Geschäft entschieden, und das ziehen wir jetzt auch durch. Und es gibt ja auf der anderen Seite auch viel Positives. Wir bauen zur Zeit ein Einfamilienhaus, das hätten wir uns früher nie träumen lassen".

Erstaunen über neue Verhaltensweisen von Freunden und Bekannten bringt Herr D. in der folgenden Äußerung zum Ausdruck:

"Das kannten wir ja früher nicht, daß uns Freunde und Bekannte vorhalten, wir wären jetzt "etwas Besseres". Klar hat auch in der DDR jeder versucht, das Beste für sich rauszuholen, aber große Unterschiede gab`s da nicht. Seit wir das Haus bauen und den zweiten Laden eröffnet haben, kriegen wir immer wieder mal so etwas wie Neid zu spüren".

4.1 Interpretation
'Es war ja nicht alles schlecht bei uns ....'

Wir stellen die folgende Äußerung an den Anfang, weil wir vermuten, daß sie wesentlich zum Verstehen der Biographie von Herrn D. beiträgt. 'Es war ja nicht alles schlecht bei uns, und einiges davon will ich bewahren. Das ist z. B. der Umgang mit meinen Mitarbeitern. Jeder muß wissen, daß er dazu gehört und daß es auf ihn ankommt. Ich bespreche mit ihnen regelmäßig die Umsatzergebnisse und die Veränderung des Warensortiments". Mit dieser Äußerung bringt Herr D. zum Ausdruck, daß er sich die in der DDR erworbenen Erfahrungen bewahren und sein Handeln in der neuen Situation danach ausrichten möchte.

Daß Erfahrungen sein Handeln in der neuen Situation prägen, läßt sich auch an weiteren Beispielen nachvollziehen. So wird beispielsweise aus


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dem Gesprächsverlauf deutlich, daß die Idee für ein Kinderfest, das er für einen nahegelegenen Kindergarten veranstaltet, auf DDR-Erfahrungen zurückzuführen ist. Auch sein Bemühen, die Eigeninitiative der Mitarbeiter durch seine Forderung 'jede Woche eine neue Idee' zu stärken, legt die Vermutung nahe, daß hierbei auf Erfahrungen aus der DDR zurückgegriffen wird.

Wir wenden uns im folgenden den Eindrücken und Erfahrungen in der neuen Situation zu. Aus der folgenden Äußerung ist zu entnehmen, daß er der neuen Situation zunächst mit großer Offenheit und Neugier begegnet: 'Nach den Erfahrungen in der DDR war ich schon sehr gespannt auf den Westen. Das war eigentlich immer so. Wir wollten immer wissen, wie das im Westen läuft. Aber das, was ich manchmal erlebt habe, war nicht schön; da war sehr viel Überheblichkeit und Besserwisserei dabei. Also habe ich mich dann auch zurückgehalten'.

Selbstbewußtsein und Stolz auf den eingetretenen betrieblichen Erfolg - auch als Ergebnis der guten Zusammenarbeit mit seiner Partnerin - kommt in der folgenden Äußerung zum Ausdruck 'In der Zwischenzeit läuft der Laden hier ja schon ganz gut. Meine Frau und ich teilen uns die Arbeit, und als uns dann ein Laden im Nachbarort angeboten wurde, da haben wir nicht lange überlegt. Ich bin nun damit beschäftigt, den neuen Laden aufzubauen, und meine Frau führt das alte Geschäft. Für seine Leistungen wird Herr D. als 'innovativer ostdeutscher Unternehmer` ausgezeichnet. Aus dem Gesprächsverlauf ist zu entnehmen, daß Herr D. diese Auszeichnung auch auf das Anknüpfen an DDR-Erfahrungen zurückführt.

Die neue Situation erlebt Herr D. belastend und erfreulich zugleich, wie den folgenden Äußerung zu entnehmen ist 'Natürlich belastet mich die neue Situation auch oft. Ich arbeite 12 - 14 Stunden täglich und meine Frau fast ebenso viel. Unser Tochter hat zur Zeit wenig von uns. Das geht nur, weil die Großeltern mitziehen. Und daß das Reisen zu kurz kommt, finde ich schade. Aber nun haben wir uns für das Geschäft entschieden, und das ziehen wir jetzt auch durch. Und es gibt ja auf der anderen Seite auch viel Positives. Wir bauen zur Zeit ein Einfamilienhaus, das hätten wir uns früher nie träumen lassen.` (...) ´Das kannten wir ja früher nicht; daß uns Freunde und Bekannte vorhalten, wir wären jetzt "etwas Besseres". Klar hat auch in der DDR jeder versucht, das Beste für sich rauszuholen, aber große Unterschiede gab`s da nicht. Seit wir das Haus bauen und den zweiten Laden eröffnet


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haben, kriegen wir immer wieder mal so etwas wie Neid zu spüren".

Wir gehen im folgenden der Frage nach, wie das Lernen in der neuen Situation stattgefunden hat. Herr D. nimmt zwar zunächst an Seminarangeboten der Industrie- und Handelskammer teil, muß jedoch feststellen, daß diese Seminare ihm nicht weiterhelfen. Er führt dies darauf zurück, daß die Dozenten zum einen mit den Anforderungen der neuen Situation zu wenig vertraut und zum anderen nicht daran interessiert sind, Erfahrungen der DDR Bürger kennenzulernen. Wir sind der Meinung, daß sich aus dem biographischen Verlauf nachvollziehen läßt, daß das Lernen in der neuen Situation ein „Lernen auf eigene Faust“ war. Herr D. besitzt zwar zum Zeitpunkt der Existenzgründung weder Fach- noch Führungskenntnisse, er ist jedoch in der Lage, sich neuen Situationen zu öffnen und sich Lerninhalte selbst zu erschließen. Es ist anzunehmen, wie der folgenden Äußerung zu entnehmen ist, daß auch berufliche Erfahrungen zur Bewältigung der neuen Situation beigetragen haben. 'Vom Handel hatte ich ja zunächst keine Ahnung. Aber ich kann die Erfahrungen aus meinem Beruf einbringen. Ich habe als Seemann sehr viel gesehen, mich hat immer sehr interessiert, wie andere Menschen leben, welche Probleme sie haben und wie sie damit umgehen, und das, was ich damals kennengelernt habe, das bringe ich heute in mein Geschäft ein'.

Das Gesprächsergebnis legt die Vermutung nahe, daß auch erworbene Konfliktfähigkeit das Lernen in der neuen Situation bestimmt hat. Dies kommt in der folgenden Äußerung zum Ausdruck: 'Ich bin sicher, daß mir nach der Wende vieles leichter gefallen ist als meinen Landsleuten. Ich habe mir nicht mehr alles gefallen lassen. Ich habe meine Meinung gesagt und mich nicht kleiner gemacht, als ich bin, und damit bin ich meistens gut gefahren. Ich bin sicher, daß ich einiges aus dem Ärger in der DDR gelernt habe'. (...) 'Ich konnte ja nicht einfach alles hinschmeißen. Also mußte ich mich zunächst mit der Situation abfinden. Trotzdem habe ich mich 2 ½ Jahre lang immer wieder um die Konzession für einen Laden bemüht. Ich habe gelernt, nicht lockerzulassen'.

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß auch Erfahrungen seiner Partnerin das Lernen in der neuen Situation geprägt haben. Kooperative und kommunikative Kompetenz und die Fähigkeit, die Fachkompetenz seiner Partnerin anerkennen zu können, sowie reflexive Kompetenz sind Voraussetzung hierfür.


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5 Der enttäuschte HO-Marktleiter
Herr E.; 57 Jahre, verh. drei Kinder

Herr E. hat Kindheit und Jugendzeit bis zum 18. Lebensjahr, dem Zeitpunkt, als seine Eltern 1955 die DDR verlassen, in guter Erinnerung. Er befindet sich kurz vor dem Abschluß der Ausbildung als Drogist. Die nun eintretende Situation wird von ihm als schwere Konfliktsituation erlebt. Herr E. führt dies darauf zurück, daß er sowohl den Verlust der Eltern verarbeiten als auch die einsetzenden Verhöre und Bespitzelungen durch die Staatsorgane ertragen muß. In dieser Situation entwickelt sich das Verhältnis zu seinem Lehrmeister, einem privaten Drogisten, zu einem Vater-Sohn-Verhältnis, das wesentlich dazu beiträgt, daß er mit dieser Situation zurechtkommt. Sein Lehrmeister bietet ihm nach der Ausbildung einen Arbeitsplatz, muß ihn jedoch nach zwei Jahren entlassen. Zu diesem Zeitpunkt wird er als Instrukteur bei einer Konsumgenossenschaft eingestellt und trägt nun die Verantwortung für 12 Konsummärkte. Zwei Jahre später erhält er von der Staatlichen Handelsorganisation (HO) das Angebot, einen Lebensmittelmarkt zu leiten. Er nimmt diese Aufgabe als neue Herausforderung an und erwirbt sich zugleich in einem 5jährigen Fernstudium berufsbegleitend den Studienabschluß als Ökonom. Nach fünf Jahren wird er wegen politischer Differenzen vom Marktleiter zum Gaststättenleiter degradiert. Dies trifft ihn besonders hart, weil er seinem Aufgabengebiet mit großem Interesse nachgeht und sich dies auch in der Anerkennung durch seine Mitarbeiter äußert. Fünf Jahre später nimmt er die Tätigkeit in seinen ehemaligen Markt wieder auf. Nach der Wende wird dieser Markt 1990 von einem westdeutschen Unternehmen gekauft. Die Firma bietet ihm die Möglichkeit, den Markt zunächst als Marktleiter, später als Eigentümer weiterzuführen. Er nimmt dieses Angebot an.

Herr E. wächst als Einzelkind auf. Sein Vater ist Offizier. Seine Mutter ist als Köchin in einem Betriebskindergarten tätig. Aus seinen Äußerungen geht hervor, daß er seine Kindheitserinnerungen überwiegend positiv wertet. Er ist Mitglied in der Pionierorganisation und im Jugendverband. Herr E. äußert sich hierzu wie folgt:

"An meine Kindheit habe ich gute Erinnerungen, auch an die Pionier- und Jugendorganisation. Es war ja nicht nur Politisches, was da gemacht wurde. Vieles hat einfach Spaß gemacht. Ich denk' da gern zurück".

1955 tritt eine grundsätzliche Veränderung seiner Situation ein, als sich seine Eltern entschließen, die DDR zu verlassen. Er ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt und befindet sich bei einem privaten Drogisten in der Ausbildung. Daß diese Situation auch für ihn zu einer großen Konfliktsituation wird, läßt folgende Äußerung deutlich werden:


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"Klar hätten es meine Eltern gern gesehen, wenn ich mitgegangen wäre. Aber, ich hab' hier meine Freunde gehabt und stand kurz vor dem Ausbildungsabschluß. Es ist mir nicht leicht gefallen. Aber irgendwann hab' ich mir dann gesagt: ich bleib' da".

Nach dem Umzug der Eltern in den Westen ist Herr E. ständig Bespitzelungen ausgesetzt. Über das Umgehen mit dieser Situation äußert sich Herr E. wie folgt:

"Nachdem meine Eltern im Westen waren, ging es hier richtig los. Ich mußte mich rechtfertigen, war ständig Bespitzelungen ausgesetzt, und irgendwie mußte ich auch damit klarkommen, daß ich plötzlich ohne sie war".

In dieser Zeit wird für ihn der Ausbilder zu einem wichtigen Gesprächspartner. Herr E. äußert sich hierzu:

"Da hat sich so 'was wie ein Vater-Sohn-Verhältnis ergeben. Für mich war das wichtig, daß ich mit jemand über alles reden konnte, und das hat mir sehr geholfen".

Herr E. bleibt nach der Ausbildung im ehemaligen Ausbildungsbetrieb. 1957 führen die repressiven steuerpolitischen Maßnahmen, die der Staat gegen private Einzelhändler einleitet, zur Entlassung von Herrn E. Die Konsumgenossenschaft bietet ihm die Möglichkeit, als Instrukteur zu arbeiten. Herr E. ist nun für die Anleitung und Betreuung von mehreren Konsum-Kaufhallen zuständig. Über die Erfahrungen äußert sich Herr H. wie folgt:

"Ich hab' 12 Konsum-Kaufhallen unter mir gehabt und mußte dafür sorgen, daß die Läden die Auflagen erfüllen, hören, wo der Schuh' drückt und - wenn es geht - auch helfen".

In seinem neuen Aufgabengebiet muß er sich nun mit den Problemen wachsender Kundenwünsche und der sich im Handel immer deutlicher abzeichnenden Mangelwirtschaft täglich auseinandersetzen. Daß er die Auseinandersetzung mit dieser Situation als belastend erlebt und zugleich bemüht ist, die geringen Möglichkeiten zu nutzen, um Einfluß nehmen zu können, wird aus folgender Äußerung deutlich:

"Jetzt war ich ja der Prellbock: für die Märkte deshalb, weil ich ja dafür sorgen mußte, daß die Planauflagen erfüllt werden, und für die Leitung, weil ich denen

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erklären mußte, warum das nicht immer geht. Und wenn sie dann täglich sehen wie weit das oft auseinanderklafft, dann belastet das schon. Man mußte sich was einfallen lassen, denn irgendwas war trotzdem möglich".

1964 wird ihm von der Staatlichen Handelsorganisation die Leitung eines HO-Marktes in L. angeboten. Mit der Übernahme der Marktleitung entschließt sich Herr E. zur Aufnahme eines Fernstudiums zum Ökonom und holt zunächst berufsbegleitend die Mittlere Reife nach und erwirbt sich anschließend über einen Vorbereitungslehrgang an der Volkshochschule die Eingangsvoraussetzungen für die Aufnahme des Fernstudiums. Herr E. äußert sich hierzu wie folgt:

"1964 bin ich dann von der HO abgeworben worden; die haben mir ein bißchen mehr Geld geboten und eine neue Perspektive - und damit ich meine Arbeit gut machen kann wollte ich ein Fernstudium machen. Ich hab' dann erstmal die Mittlere Reife nachgeholt und einen Vorbereitungslehrgang für das Studium an der Volkshochschule gemacht. 1970 bis 1975 hab' ich dann das Fernstudium absolviert. Ich war dann Ökonom".

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß sich Herr E. dem neuen Aufgabengebiet als Marktleiter mit großem Interesse und Engagement zuwendet. Er kann erworbene Erfahrungen einbringen und - zugleich im Erfahrungsaustausch mit Kollegen - auftretende Fragestellungen und Probleme diskutieren. Dies läßt sich der folgenden Äußerung von Herrn E. entnehmen:

"Ich hab' ja vorher eine ganze Menge gelernt. Da war sehr viel Ärger und Probleme , mit denen man umgehen mußte. Das hat mir in meiner neuen Arbeit geholfen. Und wir sind ja früher anders miteinander umgegangen. Da hat man schon offen gesagt, was los ist, und gemeinsam überlegt, was man machen kann. Klar, nicht mit jedem".

Daß auch die im Fernstudium vermittelten Lerninhalte sowie die in diesem Zusammenhang stattfindenden Konsultationen eine wesentliche Unterstützung bei der Bewältigung der neuen Aufgabe sind, läßt sich der folgenden Äußerung von Herrn E. entnehmen:

"Es ist immer so: nicht alles, was sie einem da erzählen, nützt auch für die Arbeit. Aber vieles, was ich gelernt habe, war eben doch wichtig. Und daß man sich mit

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anderen trifft und offen austauschen kann, das war gut. Es gab ja keine Konkurrenz untereinander".

1980 verändert sich seine Situation grundlegend. Herr E. gerät in einer politischen Auseinandersetzung in der Parteigruppe unter Beschuß und wird daraufhin von seiner bisherigen Tätigkeit als Marktleiter abgesetzt. Mit der Begründung mangelnder ideologischer Reife wird ihm die Leitung der Verkaufsstelle genommen und ihm die Leitung einer Gaststätte in einem Ort mit 350 Einwohnern mit der Aussicht übertragen, ihn dann in die ehemalige Position zurückzuversetzen, wenn er die von der Partei erwünschte inhaltliche Position einnimmt. Die Versetzung aus der Verkaufsstelle in eine Gaststätte stürzt Herrn E. in eine tiefe Konfliktsituation, mit der er schwer umgehen kann. Im Gesprächsverlauf wird deutlich, daß er dies sowohl darauf zurückführt, daß ihm das Aufgabengebiet, für das er nebenberuflich enorme Lernanstrengungen unternommen hat und das ihn mit großer Freude erfüllt, genommen wird, als auch die Veränderung, die sich daraus ergibt, daß er mit einem völlig ungewohnten und ungeliebten Arbeitsumfeld zurechtkommen muß. Herr E. äußert sich hierzu wie folgt:

"Das war für mich der zweite große Schock. Ich hab' meine Arbeit gern gemacht und mich dafür auch über das Studium fünf Jahre lang qualifiziert. Daß ich auf einmal in einer Gaststätte saß, das war das Schlimmste, was mir passieren konnte. Auslöser war die Diskussion um die friedliche Koexistenz und den Beitrag der östlichen Länder. Meine Meinung dazu habe ich auch nach fünf Jahren nicht geändert. Trotzdem haben sie mich dann wieder in meinen ehemaligen Markt zurückversetzt".

Anfang 1990 wird der HO-Markt in L. von einem westdeutschen Unternehmen gekauft. Zu diesem Zeitpunkt sind in diesem Markt 25 Verkäuferinnen und 6 Auszubildende beschäftigt. Herr E. erhält 1990 das Angebot, den Markt weiterhin als Filalleiter zu führen. Herr E. sieht sich nun einer Vielzahl von Problemen gegenüber: Das westdeutsche Unternehmen macht ihm zur Auflage, das Personal um 50 % zu reduzieren, und erwartet zugleich eine Erhöhung des Umsatzes. Zur gleichen Zeit wird das Sortiment grundsätzlich verändert und bisherige OST-Produkte aus dem Sortiment genommen. Zur drastischen Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation - die Arbeitslosenstatik in L. weist zu diesem Zeitpunkt eine offizielle Arbeitslosenquote von 38 % aus - tritt die Entstehung großer Einkaufszentren, die von der Bevölkerung überwiegend positiv angenommen und auch bevorzugt


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frequentiert werden. Als weiteres Problem stellt sich der bauliche Zustand des Marktes dar, der erhebliche Mängel aufweist. Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß in dieser Situation auch verstärkt Probleme mit Mitarbeitern auftreten, die durch die erhebliche Personalreduzierung stark verunsichert sind. Dazu tritt als Folge von mehrmonatigen Bauarbeiten, die durch die Stadt veranlaßt sind und auch den Eingangsbereich des Marktes betreffen, ein erheblicher Umsatzrückgang ein. Als zusätzliches Problem stellt sich für Herrn E. das regelmäßig provozierende Auftreten von Skinheads im Markt und im Eingangsbereich dar, das dazu führt, daß sich Stammkundschaft von seinem Laden fernhält.

In dieser Zeit bietet ihm die westdeutsche Verbundfirma an, den Markt zu kaufen, und unterbreitet ihm zugleich den Vorschlag, den für notwendige Renovierungsarbeiten benötigten Kredit in Höhe von 250.000,00 zur Verfügung zu stellen. Herr E. entscheidet sich für den Kauf des Marktes als Alternative zur Arbeitslosigkeit und nimmt den angebotenen Kredit in Anspruch. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich hatte doch keine andere Möglichkeit als den Markt zu kaufen. Ich war damals 54 Jahre alt, was sollte ich sonst machen? Heute sehe ich das anders. Ich hab' jetzt einen Berg Schulden, den kann ich nie mehr abtragen. Das belastet mich sehr".

Mit den kurz darauf beginnenden Umbauarbeiten treten weitere Umsatzverluste ein, die dazu führen, daß Herr H. nicht in der Lage ist, die vereinbarten Rückzahlungsraten für den zum Kauf des Marktes aufgenommen Kredit termingerecht zurückzuzahlen. Als zusätzliche Belastung treten erhebliche Personalprobleme auf. Die aufgetretenen betrieblichen Probleme belasten seine persönliche Situation so stark, daß er keine andere Möglichkeit sieht als das Geschäft aufzugeben.

Daß sich für Herrn F. Parallelen zu den in der DDR erworbenen Erfahrungen einstellen, läßt sich aus folgender Äußerung entnehmen:

"Eigentlich hat sich nicht viel geändert. Ich war früher Repressalien ausgesetzt, und das bin ich heute auch. Heute kommt dazu, daß ich weiß, daß bis zum Lebensende mit dem Existenzminimum auskommen muß, weil ich meine Schulden abzahlen muß, und das ist noch schlimmer als vorher".


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Als wesentliche negative Veränderung ordnet Herr E. auch den geringen Stellenwert kultureller Werte ein, den er nach der Wende feststellt. Er äußert sich hierzu wie folgt:

"Und Theater, Musik und Malerei, das gilt heute alles nichts mehr. Ich war 20 Jahre im Malzirkel, den gab es vom Betrieb aus. Das war für mich ein wichtiger Ausgleich zur Arbeit und ist es auch geblieben. Wer malt denn heute noch im Betrieb?".

5.1 Interpretation
'Ich hatte doch keine andere Möglichkeit ...'

Die Gesprächsergebnisse legen die Vermutung nahe, daß Erfahrungen und zugrundeliegende Handlungsmuster die Bewältigung behindert und das Lernen in der neuen Situation blockiert haben. Wir lenken zunächst den Blick zurück.

Herr E. erwirbt sich in der DDR hohe Fachkompetenz und berufliche Erfahrung als Leiter einer Marktes. Er muß in der DDR lernen, mit konfliktreichen Situationen umzugehen. Dies betrifft sowohl die Situation, mit der er zurechtkommen muß, als seine Eltern in den Westen ziehen und er als 18jähriger Bespitzelungen und Verhören ausgesetzt ist, als auch die Situation, in der Herr E. als Ergebnis einer ideologischen Auseinandersetzung vom Marktleiter zum Gaststättenleiter degradiert wird. Die Versetzung in eine Gaststätte trifft ihn besonders hart, da er in seiner Tätigkeit als Marktleiter hohe berufliche Anerkennung von Vorgesetzten und Mitarbeitern erfährt und zur Ausübung seiner Tätigkeit enorme Lernanstrengungen unternimmt. Er kommt mit dieser Situation schwer zurecht. Fünf Jahre vor der Wende erhält er seine alte Position zurück.

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß sein Verhalten zu diesem Zeitpunkt von Resignation und Enttäuschung geprägt ist, er aber zugleich den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen mit großer Neugier und Offenheit begegnet. Dies äußert sich darin, daß er zunächst das Angebot einer westdeutschen Firma, die den Markt gekauft hat, annimmt. Allerdings muß er sehr schnell feststellen, daß er auf die Entwicklung des Marktes kaum Einfluß nehmen kann, da die Firma betriebliche Zielstellung und inhaltliche Umsetzung weitgehend vorgibt und seine Aufgabe darin besteht, die vorgegebenen Auflagen termingerecht umzusetzen. Es ist anzunehmen, daß bereits diese


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Situation Parallelen zu den in der DDR erlebten Situationen aufkommen läßt.

Trotzdem entscheidet er sich - als ihm das westdeutsche Unternehmen den Markt ½ Jahr später zum Kauf anbietet - für den Kauf und begibt sich mit der Inanspruchnahme des firmeneigenen Kredites auch in größere Abhängigkeit zu dem Unternehmen. Aus der folgenden Äußerung läßt sich entnehmen, daß die getroffene Entscheidung überwiegend darauf zurückzuführen führt, daß Herr E. für sich keine andere Alternative sieht. Resignation und Ohnmacht bestimmen sein Verhalten und kommen in der folgenden Äußerung, in der er die Entscheidung zur Selbständigkeit begründet, zum Ausdruck: 'Ich hatte doch keine andere Möglichkeit, als den Markt zu kaufen. Ich war damals 54 Jahre alt, was sollte ich sonst machen? Heute sehe ich das anders'. Die Situation verschärft sich nach dem Kauf zusehends. Zu den wirtschaftlichen Problemen treten erhebliche Probleme mit den Mitarbeitern, die durch die veränderte Situation und den Umsatzrückgang stark verunsichert sind. Als zusätzliches Problem stellt sich der immer häufiger stattfindende Auftritt provozierender Skinheads im Markt und vor dem Eingangsbereich des Marktes dar, als dessen Folge die Stammkundschaft dem Markt fernbleibt.

Wir vermuten, daß die Zuspitzung der Situation Auslöser dafür ist, daß Herr E. für sich keine anderen Handlungsmöglichkeiten erkennen kann, als das Geschäft aufzugeben, und die damit verbundene Aussicht, bis zum Lebensende mit dem Existenzminimum auskommen zu müssen, in Kauf nimmt. Daß sich für Herr E. in dieser Situation Parallelen zu den in der DDR erworbenen Erfahrungen einstellen, läßt sich aus folgender Äußerung entnehmen: 'Eigentlich hat sich nicht viel geändert. Ich war früher Repressalien ausgesetzt und das bin ich heute auch.' Wir sind der Meinung, daß sich aus dem Gesprächsverlauf auch entnehmen läßt, daß Herr E. in dieser Situation zu einer rückwärtsgewandten ´Verklärung der Vergangenheit` neigt, die dazu führt, daß er Erfahrungen nicht mehr in den Lernprozeß einbringen kann und der Erwerb neuer Erfahrungen damit verhindert wird. Wir entnehmen dies der folgenden Äußerung 'Und Theater, Musik und Malerei, das gilt heute alles nichts mehr. Ich war 20 Jahre im Malzirkel, den gab es vom Betrieb aus. Das war für mich ein wichtiger Ausgleich zur Arbeit und ist es auch geblieben. Wer malt denn heute noch im Betrieb?


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5.2 Exkurs zu Erfahrungsdifferenzen
Kunst und Kultur in der DDR

Die ersten Kulturhäuser wurden Anfang der 50er Jahre nach sowjetischem Vorbild gegründet, in denen Versammlungen, Festlichkeiten, Lehrgänge, Vorträge, Theateraufführungen und 'Zirkel' stattfanden. Ihre Aufgabenstellung wird von Marohn wie folgt beschrieben: "Sie sollten

Unter Anleitung hauptamtlicher Mitarbeiter in Klub- und Kulturhäusern in Interessengemeinschaften, Freundeskreisen und Zirkeln wurden unterschiedliche Themenstellungen bearbeitet und Aktivitäten initiiert, wie z. B.

„Im Jahre 1978 waren insgesamt 8.644 Klubs bei den staatlichen Organen registriert, darunter 555 Klubs der Werktätigen, 4.524 Dorfclubs, 3.565 Jugendclubs“(Brückner 1995, S. 52) Brückner1995 . Die Qualifizierung der im Kulturbereich Tätigen nahm einen hohen Stellenwert ein. „Anfang 1989 gab es 15 Kulturakademien in den Bezirken, die jährlich ca. 12.000 Kulturkader fortbildeten“ (ebd., S. 52) Brückner1995 . In der DDR betätigten sich etwa 1.5 Mio. Werktätige künstlerisch, davon ca. 700.000 organisiert in etwa 50.000 Kollektiven in allen Genres. (Kulturpolitisches Wörterbuch 1986). KpW1986

Brückner beschreibt unterschiedliche die künstlerische Aktivitäten wie folgt:

In regelmäßigen Abständen fanden Betriebsfestspiele statt, die Volksfestcharakter hatten und eine Vielzahl unterschiedlicher Aktivitäten boten: Foren, Kunstdiskussionen, Erfahrungsaustausche, Sportwettkämpfe, Freundschaftstreffen, Theaterpremieren, Erstaufführungen von Filmen und Leistungsvergleiche. Kulturelle Einrichtungen und Künstler, mit denen der Betrieb und Arbeitskollektive Partnerschafts- und Patenschaftsbeziehungen hatten, waren in das Programm eingebunden, und auch die Verbindung mit "traditionellen Festen der Arbeiterklasse wie Tag des Bergmanns, Tag des Chemiearbeiteres, Tag des Eisenbahners" wurde in diesem Zusammenhang hergestellt. 1972 fanden 1.686 Betriebsfestspiele statt; 1973 waren es bereits


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2.210 mit 6.869 850 Teilnehmern und Mitwirkenden. (vgl. Gassner/Gillen) Gassner1970 .

Heide Brückner beschreibt die Auswirkungen kultureller Aktivitäten in der DDR wie folgt: „Die Teilnahme an kultureller Selbstbetätigung hatte eine unmittelbare Wirkung auf die Beteiligten selbst. Sie vertiefte die Kenntnisse auf einem speziellen Gebiet und förderte Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kreativität der Mitglieder. Kulturelle Betätigung war selbst kontinuierlicher Bestandteil der Persönlichkeit eines Menschen. Die gemeinschaftlichen Formen dieser Tätigkeit haben dazu beitragen, zwischenmenschliche Beziehungen besser zu gestalten, Anerkennung durch andere zu erhalten und damit Wohlbefinden und Zufriedenheit zu erreichen. Viele Schriftsteller sind aus den 'Zirkeln schreibender Arbeiter' hervorgegangen. Schauspieler und Musiker oder auch Kulturarbeiter verdanken ihre berufliche Entwicklung ersten künstlerisch-kulturellen Betätigungen unter fachkundiger Anleitung an den Kulturhäusern oder Klubs der DDR“ (Brückner 1995, S. 39) Brückner1995 .

Außerdem war es möglich, im Rahmen von Kunst und Kultur gesellschaftliche Entwicklungsprobleme zu diskutieren, die in anderen gesellschaftlichen Bereichen einer weitestgehenden Tabuisierung unterlagen: „Buchlesungen, Kunstdiskussionen usw. behandelten zunehmend die gesellschaftlich brisanten Literatur- und Kunsterscheinungen, in denen Probleme der sozialistischen Entwicklung mehr oder weniger offen abgehandelt wurden, und die Diskussionen darüber waren keine künstlerisch-ästhetischen, sondern viel mehr solche, die Alltagserfahrungen und politische Zustände in der DDR thematisierten" (ebd., S. 29) Brückner1995 .

Den sozialen und integrativen Aspekt staatlicher Kulturarbeit betonen Mühlberg/Weicht: "Nicht nur die kleinen Einrichtungen im 'Kiez', sondern auch die großen Häuser und Zentren boten Raum für Kommunikation, Geselligkeit und Unterhaltung, auch für 'Selbstverwirklichung' und 'Lebenshilfe' in kleinen Gemeinschaften. Mit dem Wegfall der Betriebskulturhäuser, mit Schließungen von staatlichen Einrichtungen sind kulturelle 'Leerstellen' entstanden, die bis heute großenteils nicht wieder ausgefüllt worden sind" (Mühlberg/Weicht 1992, S. 360) Mühlberg1992 .

Günter de Bruyn beschreibt die kulturellen Erfahrungen in der DDR und zieht hieraus in der folgenden Äußerung Schlußfolgerungen: "Literatur, Musik oder Sozialempfinden haben in dieser Zeit eigene Töne bekommen, deren Mitwirkung in einem zukünftigen deutschen Konzert man sich wünscht. Dieses sollte aber, da alles kulturelle Zeit braucht zum Reifen, nicht zu früh und zu heftig einsetzen, damit leise Töne darin nicht verlorengehen. Denn so günstig auch einheitliche Märkte und Verkehrsordnungen sind, so schlecht sind Einebnungen im Kulturellen - eine Regel, die natürlich nicht nur für Deutschland - sondern auch für ein einheitliches Europa gilt" (Günter de Bruyn zit. nach Glaser 1992, S. 132) Glaser1992 .


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6 Der privilegierte Leistungssportler
Herr F., 24 Jahre, alleinstehend, ein Kind, 5 Jahre

Herr F. verbringt fünf Jahre im Leitungskader einer DDR-National-Mannschaft und kann deshalb mit einer Reihe von Privilegien leben. Er erhält Unterricht durch einen eigenen Lehrer, der den Unterricht an den Wettkampfterminen orientiert, reist in das westliche Ausland, hat dort - wenn auch unerlaubt - Kontakt mit Sportlern aus westlichen Ländern und keinerlei finanzielle Verpflichtungen. Für Herrn F. verbindet sich auf diese Weise die Freude am Sport mit einer ungewöhnlichen beruflichen Perspektive. Als Gegenleistung wird von ihm hohe Identifikation mit dem politischen System erwartet. Daß Zuwiderhandeln mit Repressionen belegt wird, erfährt er, als er wegen einer unerwünschten Meinungsäußerung von einem Wettkampf ausgeschlossen wird. Diese Erfahrung führt dazu, daß er behutsamer mit seinen Äußerungen umgeht.

Mit der Wende ändert sich die Situation für Herrn F. grundlegend: Der Einstieg in den Leistungssport wird ihm verwehrt und ist für ihn aus körperlichen Gründen auch nicht mehr möglich. In dieser Zeit muß er damit zurechtkommen, daß seine Partnerin sich von ihm trennt. Über Kontakte aus dem Leistungssport werden ihm mehrere kurzfristige Arbeitsverhältnisse angeboten, die er auch annimmt. Eine Tätigkeit als Filialleiter weckt sein Interesse am Einzelhandel. Die erworbenen Erfahrungen tragen dazu bei, daß er sich entschließt - sich gemeinsam mit einem Freund - als Lebensmitteleinzelhändler selbständig zu machen. Die im Leistungssport erworbenen Erfahrungen und Verhaltensweisen wie Ausdauer, Teamgeist, Konkurrenz- und Leistungsdenken sowie die im Einzelunterricht erworbenen positiven Lernerfahrungen und hohes Differenzierungsvermögen - prägen den Umgang mit der neuen Situation.

Herr F. wächst in Magdeburg auf. Die Eltern sind beide berufstätig; die Mutter arbeitet als Verkäuferin in einem HO-Lebensmittelgeschäft, der Vater ist bei der Reichsbahn in Magdeburg in leitender Stellung tätig. Herr F. wird Mitglied in Pionier- und Jugendorganisation und tritt später in die Partei ein.

Seine außergewöhnlichen Leistungen im Sport sind Ursache dafür, daß er mit 14 Jahren in den Leitungskader einer DDR-Nationalmannschaft aufgenommen wird. Die Verbindung von persönlichen und beruflichen Interessen wird ihm dadurch möglich und führt zu einer Veränderung seiner schulischen und familiären Situation. Herr F. wird in einem Internat untergebracht und über einen Zeitraum von drei Jahren von einem Lehrer unterrichtet, der die Wissensvermittlung an den Wettkampfterminen orientiert. Herr F. äußert sich hierzu wie folgt:


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"Der Sport war eben alles, und da es ein Mannschaftssport war und man hatte ja auch Erfolge, hat es mir Spaß gemacht, und mit der Schule kam ich auch klar. Ich hab` meinen eigenen Lehrer gehabt, und der Unterricht hat sich nach meinen Wettkampfterminen gerichtet. Es ging alles etwas schneller. Der Stoff, für den die anderen 8 Wochen Zeit gehabt haben, den hab' ich in 2 Wochen gepackt. Ich war eben ein bißchen schneller. Aber da man viel intensiver gearbeitet hat - mit dem Lehrer direkt - kam man schneller voran. Das war ein ganz anderes Arbeiten. Und das Lernen ist mir auch leichtgefallen."

Die Kontakte mit Mitschülern, die mit einem normalen Schulbesuch verbunden sind, vermißt er nicht. Er begründet das damit, daß er im Zusammenhang mit dem Leistungsport genügend Austausch mit Gleichaltrigen hat. Als die Entscheidung für die Berufsausbildung ansteht, werden ihm drei Alternativen angeboten. Herr F. entschließt sich für die Ausbildung zum Elektromechaniker. Auch in der Berufsausbildung wird seine spezifische Situation als Leistungssportler berücksichtigt. Die Wissensvermittlung erfolgt in einer - speziell für Leistungssportler - eingerichteten Berufsschulklasse.

Daß der Staat für die Inanspruchnahme der Privilegien Wohlverhalten erwartet, drückt sich auch in den regelmäßig stattfindenden Politschulungen aus. Sie sind Bestandteil der Wissensvermittlung, die vor Wettkämpfen, die im westlichen Ausland stattfinden, intensiviert werden. Herr F. äußert sich hierzu wie folgt:

"Politschulung, das gehörte eben auch dazu. Für uns waren ja die westlichen Mannschaften nicht nur Wettkampfgegner, sondern auch Klassengegner. Vor Wettkämpfen wurde uns das nochmals regelmäßig gesagt. Außerdem gab es Gespräche über allgemeine Themen wie z. B. Abrüstung. Es war schon klar, was da gesagt werden mußte. Einer mußte eben immer ran und vor der versammelten Mannschaft seine Meinung dazu sagen. Ich mußte eben die Ideologie haben, die die Partei wollte. Wir hatten unsere Privilegien, und wenn es einem nicht schlecht geht, macht man sich keine Gedanken".

Für Herrn F. ergeben sich aus persönlicher Einstellung und ideologischen Vorgaben zeitweise widersprüchliche Situationen, die ihn zu negativen Konsequenzen führen und sein Verhalten beeinflussen. Die folgenden Äußerungen lassen deutlich werden, daß der Umgang mit den erfahrenen Widersprüchen seine Wahrnehmungsfähigkeit geschärft und


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sein Differenzierungsvermögen erhöht hat:

"Es ist schon vorgekommen, daß ich von einem Wettkampf nach Hause geschickt worden bin, weil ich meine Meinung gesagt habe. Klar wollte ich dabei sein, also habe ich mir beim nächsten Mal überlegt, was ich sage. Man hat seine Persönlichkeit trotzdem entwickelt".

Daß das erworbene Differenzierungsvermögen zur Bewältigung der neuen Situation beigetragen hat, wird aus der folgenden Äußerung deutlich:

"Daß ich mir damals genau überlegt habe, was ist jetzt gut für mich und was nicht, das hat mir doch auch später geholfen. Ich bin nicht einfach in Situationen reingeschlittert und hab' mich auch nicht über's Ohr hauen lassen". Auch bei meiner Verbundfirma bin ich nicht als Bittsteller aufgetreten"

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß Herr F. davon ausgeht, daß auch die im Leistungssport erworbenen Erfahrungen für ihn heute von Bedeutung sind. Er zählt hierzu die erworbene Ausdauer, die notwendig ist, um angestrebte Ziele zu erreichen, als auch die Fähigkeit, sich gemeinsam mit anderen für das Erreichen dieser Ziele einzusetzen und hierfür eigene Interessen zeitweise zurückzustecken, und zugleich ein ausgeprägtes Konkurrenz- und Leistungsverhalten. Herr F. führt hierzu aus:

"Das hat einem letztlich viel gebracht, daß man gelernt hat, nicht aufzugeben und auch, daß man sich anderen unterordnen mußte. Zugleich war aber im Team ein scharfes Konkurrenzdenken. Wir waren ja im Lehrgang 15 Mann, und 12 konnten immer nur zu Wettkämpfen fahren, und auch da durften nur sechs spielen, und sechs mußten draußen sitzen". Auch der Trainer hat dieses Konkurrenzverhalten geschürt".

Daß es ihm durch den Leistungssport möglich war, auch den Austausch mit westlichen Sportlern zu führen, schätzt er als wichtige Erfahrung, die dazu führt, daß er andere Lebens- und Verhaltensweisen kennenlernt und damit auch seine eigene Situation als privilegiert einordnen kann. Herr F. äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich habe durch den Leistungssport ja auch Kontakt zu westlichen Sportlern gehabt und dadurch auch mehr über

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deren Situation erfahren. Für mich war das schon interessant. Ich hab`dann Vergleiche anstellen können, und dabei ist mir dann eigentlich meine privilegierte Situation klar geworden".

Herr F. beendet im März 1990 seine Ausbildung als Elektromechaniker, die er noch als Mitglied des Leitungskaders einer DDR- Nationalmannschaft begonnen hat. Eine Tätigkeit in dem erlernten Berufsfeld strebt er deshalb nicht an, weil die Abnahme der Prüfung im Hinblick auf seine sportliche Qualifikation 'sehr wohlwollend' erfolgt sei. Wie aus der nachfolgenden Äußerung hervorgeht, kommt auch eine sportliche Laufbahn aus unterschiedlichen Gründen für ihn nicht in Frage. Herr F. äußert sich zu den Ursachen wie folgt:

"Ich habe ja keine Chance gehabt, in eine westliche Leistungsmannschaft reinzukommen. Da war für uns doch alles dicht. Und dazu kommt, daß mir der Arzt wegen meiner kaputten Knie - die hab` ich mir durch den Sport geholt - geraten hat, den Leistungssport ganz aufzugeben".

In dieser Zeit muß Herr F. auch damit umgehen lernen, daß sich nicht nur seine privilegierte Situation als Leistungssportler verändert, sondern sich auch seine Ehefrau von ihm trennt und den 5jährigen Sohn, zu dem er ein enges Verhältnis hat, zu sich nimmt. Herr F. äußert sich hierzu wie folgt:

"Eigentlich hat sich mit der Wende für mich alles verändert; der Sport war weg, meine Frau hat sich als Physiotherapeutin selbständig gemacht und sich von mir getrennt. Und mein Sohn ist zu meiner Frau gezogen. Damit klar kommen, ist mir nicht leicht gefallen".

Herr F. ist intensiv um eine neue berufliche Perspektive bemüht. Die Arbeitsverhältnisse, die ihm in der folgenden Zeit angeboten werden und die er eingeht, ergeben sich aus den bisherigen Kontakten, die sich über den Leistungssport entwickelt haben. Nach der Ausbildung als Elektromechaniker beginnt er ab März 1990 ein einjähriges Arbeitsverhältnis als Platzanweiser im Stadion der Weltjugend und übernimmt anschließend im März 91 für ein halbes Jahr eine Tätigkeit als Techniker an der Komischen Oper. Ab September 91 wird ihm von einem ehemaligen Sportkollegen, der sich zwischenzeitlich im Einzelhandel selbständig gemacht hat, die Möglichkeit geboten, eine Filiale zu übernehmen. Herr F. führt hierzu aus:


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"Das war so eine Art Sonderposten-Markt, es gab 10 Filialen. Man hatte viel zu tun; es war ein guter Umsatz, und täglich kam neue Ware. Wir waren dort vier Leute. Der Inhaber kam eigentlich nur abends, um das Geld abzuholen. Der hat sich die Hände nicht schmutzig gemacht. Aber einer mußte ja den Job machen".

Innerhalb eines halben Jahres wird ihm die Leitung der 10 Filialen übertragen. Herr F. fühlt sich den neuen Anforderungen gewachsen und äußert sich über die Wissensaneignung wie folgt:

"Ich habe ja immer gerne gelernt und das, was ich jetzt gebraucht habe, das hab' ich auch nachlesen können, oder ich hab's mir von dem ehemaligen Leiter erklären lassen. Ich hab' mir auch andere Läden angeguckt und überlegt, was ich da für mich übernehmen kann".

Die neue berufliche Erfahrung trägt dazu bei, daß er sich nach einem Jahr entschließt - sich gemeinsam mit einem Freund - im Einzelhandel selbständig zu machen. Herr F. äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich habe durch meine Arbeit als Filialleiter Spaß am Handel bekommen. Man muß Ideen haben, besser sein als der Händler nebenan und schnell reagieren können und auf Kundenwünsche eingehen. Vieles hab' ich ja inzwischen gelernt. Also hab' ich mich entschlossen, mich selbständig zu machen, und weil ein Freund auch gerade etwas suchte, haben wir uns gemeinsam auf die Suche nach einem Laden gemacht".

Die Suche nach einem geeigneten Einzelhandelsgeschäft verläuft erfolgreich. Herr F. trifft auf einen Einzelhändler in seinem Wohnumfeld, der bereit ist, sein Einzelhandelsgeschäft zu verkaufen. Um seine Entscheidung fundiert treffen zu können, beauftragt er einen Unternehmensberater mit der Erstellung einer Ertragsrechnung und nimmt die Fördermöglichkeiten für die Rückerstattung der entstandenen Unternehmensberaterkosten in Anspruch. Das positive Ergebnis veranlaßt ihn, mit einer Verbundfirma in Verhandlungen über die Warenbelieferung zu treten. Herr F. äußert sich hierzu wie folgt:

"Das Ergebnis des Unternehmensberaters hat dazu geführt, daß ich mich für den Laden entschlossen habe. Ich habe mir dann eine Firma gesucht, die mich beliefert. Als alles klar war, wollte der Einzelhändler nicht mehr. Also ging die Suche von vorn los".

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In dieser Situation erhält er von einer westdeutschen Verbundfirma drei Angebote zur Übernahme von Einzelhandelsgeschäften mit der Auflage, als Alleinverantwortlicher den Kauf für ein Objekt zu treffen. Um die von ihm geplante Selbständigkeit zügig zu realisieren, geht er auf die Bedingungen der westdeutschen Verbundfirma ein und trifft die Entscheidung für eines der angebotenen Kaufobjekte. Zugleich bietet ihm die Firma einen Kredit für die Ladenneuausstattung an und führt diese auch in eigener Regie durch. Zwei Tage vor Eröffnung des Einzelhandelsgeschäftes erfährt Herr F., daß Veränderungen in der Unternehmenspolitik dazu geführt hätten, daß das ursprünglich an ihn verkaufte Einzelhandelsgschäft kurzfristig an einen Mitbewerber abgetreten werden müsse. Herr F. äußert sich hierzu wie folgt:

"Nun war alles unter Dach und Fach; ich habe vier Wochen hart gearbeitet, und dann erfahre ich plötzlich, daß nun alles ganz anders ist. Mit meinem Einzelhandelsgeschäft müßten im Rahmen eines 'Deals' 15 weitere Läden an einen Mitbwerber gehen - und 'daß es ihnen sehr leid täte'. Aber das hat mir dann auch nichts mehr genützt. Natürlich war ich sauer. Aber es war nichts zu machen".

Die Firma bietet ihm kurzfristig ein weiteres Kaufobjekt in der Nähe von Berlin an. Seine Vermutung, daß sich die genannten Umsatzzahlen nicht halten lassen, tritt schon kurze Zeit nach Eröffnung ein. Er führt dies darauf zurück, daß die Verbundfirma zeitgleich an vier andere ostdeutsche Existenzgründer Läden im Umfeld verkauft hat, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Aus der nachfolgenden Äußerung von Herrn F. werden die Auswirkungen der drastischen Situation deutlich:

"Schauen Sie sich doch das an: das ist der Handzettel von dieser Woche - das sind die Sonderangebote. Die Werbung wird ja von der Verbundfirma für mich gemacht, und diesen Handzettel findet der Kunde hier in meiner Umgebung jetzt viermal in seinem Briefkasten, und jedesmal steht ein anderer Markt drauf, denn die Firma macht den Handzettel nicht nur für mich, sondern für die anderen ja auch, und wir zahlen dafür. Klar, daß der Kunde jetzt nicht mehr weiß, wo er hingehen soll. Wir machen uns gegenseitig kaputt".

Im Gespräch bemerkt Herr F., daß er die entstandene Konkurrenzsituation mehrmals zum Anlaß von Gesprächen mit der


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Verbundfirma gemacht hat, dabei jedoch feststellen mußte, daß auch die von ihm eingebrachten Einwände und Vorschläge keine Berücksichtigung fanden. Dies ist die Ursache dafür, daß er verstärkt bemüht ist, dieser schwierigen Situation phantasievoll zu begegnen. Dies läßt sich den nachfolgenden Schilderungen von Herr F. entnehmen:

"Ich versuche zusätzlich zu den Aktionen, die die Verbundfirma anbietet, eigene Aktionen zu fahren. Das geht nur, wenn ich mir morgens Ware dort hole, wo sie besonders billig ist, und den Preis an die Kunden weitergebe. Ich will, daß die Kunden sagen, 'der Hermann ist da und und ackert für uns'".

Um die Kunden des Wohngebietes stärker an das Einzelhandelsgeschäft zu binden, veranstaltete er zur Eröffnung im Februar 93 ein Eröffnungsfest und im Sommer 94 ein Sommerfest. Über den Inhalt und Erfolg beider Veranstaltungen äußert sich Herr F. wie folgt:

"Ich wollte, daß die Leute kommen und daß sie sich wohl fühlen. Wir haben Würste gegrillt, Getränke verschenkt. Es war auch eine Gaukler-Truppe da, und den Erlös der Feste, den haben wir dem Behindertenverband gespendet. Das kam alles ganz gut an".

Aus dem Gesprächsverlauf geht hervor, daß seine Hartnäckigkeit, sein großes Engagement und sein Ideenreichtum auch von den Mitarbeitern anerkannt werden und sich dies in ihrem Leistungsverhalten ausdrückt. Die folgenden Äußerungen von Herr F. belegen dies:

"Ich habe hier 17 Leute beschäftigt, und ich muß sagen, die ziehen alle mit. Jeder weiß, daß ich um Viertel vor sechs als erster im Laden bin und den ganzen Tag hier acker'. Und der Laden läuft - das ist wichtig".

Um der schwierigen wirtschaftlichen Situation und den in den kommenden Jahren zu erwartenden Umsatzeinbußen begegnen zu können, ist Herr F. zur Zeit in Verhandlungen über den Kauf eines zweiten Einzelhandelsgeschäftes. Als Ursache für diese Entscheidung nennt er außerdem seine im Einzelhandel erworbenen Erfahrungen, die er nun in eine neue Aufgabe einbringen möchte. Aus der folgenden Äußerung läßt sich auch sein Interesse an neuen Anforderungen erkennen:

"Ich hab' das alles ja erstmal lernen müssen, und eigentlich kommt jeden Tag noch 'was dazu. Aber der erste Laden läuft - jetzt habe ich Lust auf etwas Neues".


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Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß sich mit der Stabilisierung der beruflichen Situation auch seine persönliche Situation stabilisiert hat. Hierauf geht Herr F. in der folgenden Äußerung ein:

"Irgendwie hat sich aus der neuen Situation wieder ein Verständnis für einander entwickelt. Meine Frau hat ja jetzt auch eine Menge um die Ohren, und mit dem Jungen, das haben wir so organisiert, daß er dabei nicht zu kurz kommt. Mal sehen, was wird".

6.1 Interpretation
"Wenn es einem nicht schlecht geht, dann macht man sich keine Gedanken..."

Herr F. besitzt weder Fach- noch Führungskenntnisse, und auch der Einzelhandel ist ihm bis zu diesem Zeitpunkt fremd. Aus den Gesprächsergebnissen entnehmen werden, daß das Lernen in der neuen Situation ein selbstgesteuertes Lernen durch 'Lernen auf eigene Faust' war.

Wir nehmen an, daß die in der DDR erworbenen Lern- und Erfahrungen im Leistungssport das Lernverhalten maßgeblich geprägt haben. Herr F. ist in der Lage, sich Lerninhalte 'schneller als im regulären Schulsystem üblich' aneignen zu können. Daß dies auch Auswirkungen auf sein Selbstbewußtsein hat, läßt folgende Äußerung vermuten: „Es ging alles etwas schneller. Der Stoff, für den die anderen 8 Wochen Zeit gehabt haben, den hab' ich in 2 Wochen gepackt. Ich war eben ein bißchen schneller. Aber da man viel intensiver gearbeitet hat - mit dem Lehrer direkt - kam man schneller voran. Das war ein ganz anderes Arbeiten. Und das Lernen ist mir auch leicht gefallen“.

Es ist anzunehmen, daß auch der Umgang mit widersprüchlichen Situationen dazu beigetragen hat, daß Herr F. mit der neuen Situation zurechtkommt, weil er sich in diesen Situationen Verhaltensweisen und personale Kompetenzen erworben, die dazu führen, daß er Situationen differenzierter wahrnimmt und sein Verhalten bewußter an seinen Interessen orientiert Mit der folgenden Äußerung stellt Herr F. den Zusammenhang zwischen den erworbenen Erfahrungen und seinem Handeln in der neuen Situation her: „Daß ich mir damals genau überlegt habe, was ist jetzt gut für mich und was nicht, das hat mir doch auch später geholfen. Ich bin nicht einfach in Situationen reingeschlittert und hab' mich auch nicht über's Ohr


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hauen lassen". Auch bei meiner Verbundfirma bin ich nicht als Bittsteller aufgetreten“.

Wir vermuten, daß auch die durch den Leistungssport erworbenen Erfahrungen und Verhaltensweisen wie kooperative und kommunikative Kompetenz, hohes Leistungsvermögen und Ausdauer das Handeln in der neuen Situation maßgeblich prägen und möchten dies an den Äußerungen von Herrn F. nachvollziehen: “Das hat einem letztlich viel gebracht, daß man gelernt hat, nicht aufzugeben und auch, daß man sich anderen unterordnen mußte. Zugleich war aber im Team ein scharfes Konkurrenzdenken. Wir waren ja im Lehrgang 15 Mann, und 12 konnten immer nur zu Wettkämpfen fahren und auch da durften nur sechs spielen, und sechs mußten draußen sitzen. Auch der Trainer hat dieses Konkurrenzverhalten geschürt“.


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7 Die gutgläubige HO-Fachverkäuferin
Frau G., 41 Jahre, alleinstehend, 3 Söhne, 23, 20 und 18 Jahre

Frau G. wächst in S. in einer kinderreichen Familie auf. Sie erwirbt den Abschluß als Fachverkäuferin. Nach sechs Jahren Ehe trennt sie sich von ihrem Partner. Ihre Berufstätigkeit behält sie bei und wird sowohl von ihrem Betrieb als auch von Freunden auf vielfältige Weise unterstützt. Nach der Wende werden sie und ihr Partner arbeitslos. Sie entscheidet sich für die Selbständigkeit im Einzelhandel und muß schon nach kurzer Zeit feststellen, daß sie mit der neuen Situation vollkommen überfordert ist. Zu den betrieblichen Problemen treten Probleme mit ihrem Partner auf, die zur Trennung führen. Erst durch die Unterstützung eines Einzelhändlers, der als Berater in den neuen Bundesländern tätig ist, gelingt es ihr, sich das notwendige Wissen anzueignen und die erforderlichen Schritte zur Konsolidierung ihres Unternehmens einzuleiten. Offenheit und Vertrauen werden zur Grundlage des Wissenserwerbs. Ihre individuelle Situation stabilisiert sich zunehmend.

Frau G. wächst in Straußberg in einer Familie mit vier Kindern auf. Die Eltern sind beide berufstätig. Der Vater arbeitet als Maschinenschlosser, die Mutter als Verkäuferin in einem HO-Markt. Frau G. schließt eine Ausbildung als Fachverkäuferin ab und heiratet mit 17 Jahren. Ein Jahr nach der Eheschließung kommt das erste Kind zur Welt, in Abständen von 3 Jahren und 2 Jahren die nächsten beiden Kinder. Nach 6 Jahren trennt sie sich von ihrem Mann und verdient nun den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder allein. Die Situation nach der Trennung beschreibt Frau G. wie folgt:

"Wie ich das damals alles geschafft habe, das weiß ich heute nicht mehr. Klar, man hat einen Krippen- und Kindergartenplatz bekommen. Aber jetzt radeln sie morgens erst mal zwei Stunden vor der Arbeit los, um das eine Kind in den Kindergarten, das andere in die Krippe zu bringen. Aber irgendwie ging alles doch. Und Freunde und meine Familie, die haben mir geholfen".

Daß ihr Betrieb bei der Personaleinsatzplanung ihre besondere Situation als alleinstehende Mutter mit drei Kindern berücksichtigt und sie deshalb aus dem Schichtbetrieb der Kaufhalle nimmt, ist für sie selbstverständlich. Sie erhält auf ihren Wunsch zunächst einen Arbeitsplatz in der Kantine eines Baubetriebes, zwei Jahre später in einer Gaststätte. Sie äußert sich hierzu wie folgt:

"Es war ja klar, daß ich mit drei Kindern nicht im Schichtbetrieb in einer Kaufhalle weiterarbeiten kann. Also hat mir die Kaderleitung einen Platz in einer Kantine

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angeboten, und später hab' ich dann in einer Gaststätte gearbeitet".

Der Entschluß zur Trennung ist Frau G. auch deshalb möglich, weil sie davon ausgeht, daß sie mit Unterstützung ihrer Familie, der Freunde und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen rechnen kann. Es entsteht für sie keine existenzbedrohende Situation. Im Betrieb wird ihre Situation als alleinstehende Mutter mit drei Kindern angemessen berücksichtigt. Ihren Kindern steht ein Platz im Kindergarten und Hort zur Verfügung. Daß die Ausbildung ihrer Kinder gesichert ist, ist für sie selbstverständlich. Sie lebt ohne Zukunftsangst und entwickelt Vertrauen in Staat und Gesellschaft.

Die Gaststätte, in der Frau G. beschäftigt ist, wird 1990 geschossen. Frau G. wird arbeitslos. Zur gleichen Zeit wird auch ihr Partner arbeitslos. Die vor den Kaufhalle plazierten Verkaufsstände lösen bei Frau G. den Wunsch aus, sich mit einem Verkaufsstand vor der Kaufhalle selbständig zu machen. Sie kann ihren Partner für diese Idee gewinnen und leitet die notwendigen Erkundigungen und erforderlichen Schritte dafür ein. Frau G. äußert sich hierzu wie folgt:

"Da waren ja vor der Kaufhalle gerade am Anfang viele Verkaufsstände und ich hab'mir gedacht, das kann ich auch. Ich hab' Fachverkäuferin gelernt. Ich bin dann zum Gewerbeamt und hab' mir alles besorgt. Mit einem Fischhandel haben wir begonnen".

Aus dem Gesprächsverlauf geht hervor, daß sie bereits nach kurzer Zeit feststellt, daß der erwartete Ertrag nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt der Familie zu decken. In dieser Zeit wird ihr die Kaufhalle zum Kauf angeboten. Die Kaufhalle hat zu dieser Zeit 30 Beschäftigte bei rückläufigem Umsatz. Sie entscheidet sich für den Kauf und nennt in der folgenden Äußerung die Gründe hierfür:

"Ich wußte ja gar nicht, was da auf mich zukommt. Aber mit dem Fischhandel, das ging nicht mehr. Und weil wir auch nicht wußten, was wir sonst machen sollten. Und wir haben ja beide kein Geld. Da hat uns die Firma einen Kredit von 1.3 Mio. für den Kauf angeboten, und dann haben wir zugesagt".

Bereits eine Woche später übergibt die westdeutsche Verbundfirma die Kaufhalle an Frau G. Sie äußert sich über den Einstieg in ihre neue


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Situation als Einzelhändlerin wie folgt:

"Eine Woche nach den Vertragsverhandlungen erhielten wir die Zusage, dann machte die Firma Inventur, und eine Woche später hieß es dann: "So, jetzt sind Sie Eigentümer, jetzt können sie alleine machen!"

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß sie innerhalb kurzer Zeit feststellt, daß sie mit der neuen Situation völlig überfordert ist. Als wesentliche Ursachen hierfür nennt sie mangelnde Fach- und Führungskompetenz . Frau G. äußert sich hierzu wie folgt:

"Am Anfang wußte ich gar nicht, wie ich das machen sollte. Ich hab' oft die Kaufhallenleiterin gefragt, wenn ich nicht mehr weiter gewußt habe. Und irgendwann hat sie zu mir gesagt: "Sie sind jetzt die Chefin, Sie müssen wissen, wie es geht".

Zu den betrieblichen Problemen treten in dieser Zeit auch Probleme mit ihrem Ehemann auf, die dazu führen, daß sie sich entschließt, sich von ihm zu trennen. Sie äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich bin dann dahinter gekommen, daß mein Mann mit einer Verkäuferin ein Verhältnis hat. Das hat mir gereicht. Ich hab dann die Scheidung eingereicht".

In dieser Zeit erfährt sie aus Gesprächen mit ihrem Bankdirektor, daß der von ihr für die Kaufhalle geleistete Kaufpreis wesentlich über dem marktüblichen Kaufpreis liegt und sie darüber hinaus mit erheblichen Umsatzrückgängen durch das Entstehen eines Einkaufszentrums in ihrer unmittelbaren Nähe in den nächsten Monaten zu rechnen habe. Außerdem wird ihr von ihrem Bankdirektor dringend empfohlen, Personal abzubauen. Frau G. äußert sich hierzu wie folgt:

"Heute weiß ich, daß jemand, der einen Markt übernimmt, in der Lage sein muß, eine Rentabilitätsrechnung zu machen, damit er sich ein Urteil bilden kann über das, was ihm da angeboten wird. Und, daß er sein Umfeld abklappern muß oder sich in der Gemeinde erkundigt, was da geplant ist. Aber wir waren alle gutgläubig, ich hab' doch nicht geglaubt, daß mich jemand über den Tisch zieht".

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß sich aus ihrer mangelnden Führungskompetenz erhebliche Probleme im Umgang mit den


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Mitarbeitern ergeben. Frau G. äußert sich hierzu wie folgt:

"Die Mitarbeiter konnten am Anfang mit mir machen, was sie wollten; sie konnten mir alles erzählen. Ich konnte mich nicht durchsetzen".

Als wesentliche Ursache hierfür nennt Frau G. ihre mangelnde Fachkompetenz, die auch Grund dafür ist, daß sie nicht in der Lage ist, ihre Mitarbeiter entsprechend ihren Möglichkeiten in den betrieblichen Arbeitsprozeß zu integrieren. Dies läßt sich aus der folgenden Äußerung von Frau G. entnehmen:

"Das waren ja alles gute Leute mit sehr viel Wissen und sehr viel Können. Und man kann ja nicht alles selber machen, aber man muß wissen, was man selber will. Man muß seine Wünsche und Vorstellungen kennen, damit man sie ihnen sagen kann".

Frau G. weist im Gespräch darauf hin, daß die in der DDR erworbenen Erfahrungen ihr den Umgang mit den Mitarbeitern häufig erschweren. Sie begründet das wie folgt:

"Wir waren ja früher ein Kollektiv. Und ich merke, bei mir steckt noch viel Ostmanier in meinem Verhalten. Aber wenn man von den Leuten etwas will, dann darf man nicht nur reden, man muß auch Druck machen, eigentlich sehr viel Druck. Manchmal muß man auch mit der Faust auf den Tisch hauen. Heute kann ich das".

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß der Personalabbau für Frau G. zu einem großen Problem wird. Da ihr Rechtskenntnisse fehlen, stellt sie erst im nachhinein fest, daß mit der Übernahme des hohen Personalbestandes erhebliche Abstandszahlungen bei Kündigung verbunden sind. Dies wird aus der folgenden Äußerung von Frau G. deutlich:

"Die Firma hat mir ja die 30 Leute auf's Auge gedrückt. Das hab' ich erst jetzt verstanden, daß damit ja hohe Abstandszahlungen verbunden sind. Die kann ich ja in 20 Jahren nicht reinarbeiten, was ich da an Abstandszahlungen hätte leisten müssen"

Aus der folgenden Äußerung wird deutlich, daß Frau G. die nun entstandene Situation als existentielle Bedrohung erlebt.


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"Jetzt wußte ich wirklich nicht mehr weiter, und wenn ich trotzdem nicht aufgegeben habe, dann aus bloßer Angst um's Überleben, die hat neue Kraft entstehen lassen".

In dieser Situation trifft sie auf einen ehemaligen Einzelhändler, der als Unternehmensberater in Ostdeutschland tätig ist. Er trägt wesentlich dazu bei, daß sie mit der Vielzahl der Probleme zurechtkommt. Es entwickelt sich ein vertrauensvolles, offenes Verhältnis, das zur Grundlage für den Wissenserwerb wird und ihr das Selbstbewußtsein gibt, das erforderlich ist, um ihre Aufgabe kompetent und selbstsicher ausführen zu können. Frau G. äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich wußte nicht mehr ein noch aus. Da hat sich Herr M. bei mir gemeldet. Er war vorher 15 Jahre selbst Einzelhändler und ist dann nach der Wende in den Osten als Berater gegangen. Von ihm hab` ich das gelernt, was ich heute weiß. Und er hat mir eigentlich mein Selbstbewußtsein wieder gegeben".

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß sie die notwendigen Maßnahmen zur Personalreduzierung, die von dem Berater eingeleitet werden, zwar als Unterstützung erfährt, diese jedoch von ihr zugleich mit widersprüchlichen Gefühlen begleitet werden. Dies wird aus den folgenden Äußerungen von Frau G. deutlich:

"Herr M. sagte mir, daß das Personal von 30 auf 7 Personen reduziert werden muß. Ich hab' doch nicht gewußt, wie man das macht. Aber er hat das gemacht - mit vielen Gemeinheiten. Und ich hab' gehofft, daß die Leute nicht dagegen klagen. Noch heute sehen mich viele Leute nicht an, wenn ich auf der Straße bin. Aber, was sollte ich sonst machen?"

Die Hilfestellung der Beraters bei der Lösung betrieblicher Probleme erfährt Frau G. als weitere Unterstützung, die wesentlich zur ihrer Stabilisierung beiträgt. Als Voraussetzung hierfür nennt sie das zwischenzeitlich entstandene Vertrauensverhältnis, das ihr die Öffnung für neue Lerninhalte ermöglicht. Hierzu äußert sich Frau G. wie folgt:

"Ich hab' in der ersten Zeit hier sehr viel geheult. 'Heulen nützt nichts, ich sollte lieber lernen', hat Herr M. dann zu mir gesagt. Er hat mir eigentlich die Grundkenntnisse beigebracht: Kalkulation, Handelsspanne. Die Buchhalterin hat er dann auch entlassen und gesagt, 'das

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können Sie auch'. Das war ein 4-Wochen-Crash-Kurs. Aber ich hab' gewußt, wenn ich nicht weiter weiß, kann ich ihn anrufen und das war wichtig. Er hat mir viel Selbstvertrauen gegeben ".

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß Frau G. sich in diesem Zusammenhang auch für den Umgang mit neuen Techniken öffnet und sie für ihre Zwecke nutzen lernt. Dies läßt sich aus der folgenden Äußerung entnehmen:

"Ich hab' ihm gesagt, von Technik will ich nichts wissen. Er hat mir dann erklärt, daß ich das brauche, damit ich meine Zahlen kenne und weiß, wie ich mich verhalten muß. Am Sonntag um 10.00 Uhr ist er gekommen, und um 14.00 Uhr ist er gegangen und hat gesagt: 'Wenn Sie Fragen haben, rufen Sie mich an'. Inzwischen kann ich gut damit umgehen".

Daß Frau G. das entstandene Selbstbewußtsein auch darauf zurückführt, daß sie der Einzelhändler darüber aufklärt, welche Bedeutung sie für das Verbundunternehmen hat und die dazu führt, daß sie sich selbstbewußter verhält, ist der folgenden Äußerung zu entnehmen:

"Wenn ich mal nicht zufrieden war, dann hat er mir gesagt, wer ich überhaupt für die Firma bin. Wenn es mich nicht gäbe, dann gäbe es die da oben auch nicht. Ich erarbeite deren Gehalt. Und von da an hab' ich dann auch in der Zentrale erstmal meinen Mund aufgemacht, wenn mir was nicht gepaßt hat".

Aus den folgenden Äußerungen wird deutlich, daß ihr wachsendes Selbstbewußtsein sich auch auf ihre Beziehung zu ihren Eltern positiv auswirkt:

"Daß ich den Laden übernommen habe, das haben meine Eltern nicht verstanden. Sie haben sich das auch anmerken lassen. Deshalb konnte ich ja auch nicht zu ihnen gehen, wenn ich nicht weiter wußte. Heute komme ich damit klar".

Aus dem Gesprächsverlauf geht hervor, daß sich das Verhältnis zu ihren Söhnen - trotz ihrer hohen Belastung - auch während der letzten Jahre weiterhin positiv entwickelt hat. Sie führt dies darauf zurück, daß die Kindheitserfahrungen ihrer Kinder sowohl durch Krippe, Kindergarten, Pionierorganisation und Jugendverband positiv geprägt waren und ihnen die Stabilität gegeben haben, die sie für den Umgang mit der neuen


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Situation benötigen. Frau G. äußert sich hierzu wie folgt:

"Auf meine drei Jungs kann ich wirklich stolz sein. Sie haben mir in den letzten Jahren viel geholfen. Ich bin froh, daß sie alle einen Ausbildungsplatz haben. Das ist ja heute nicht einfach. Die Jugendlichen sind ja oft sich selbst überlassen. Das war früher besser. Ich mußte ja immer arbeiten. Also war ich froh, daß sie gut untergebracht waren, und meistens hat es ihnen ja gefallen".

Im Gesprächsverlauf weist sie darauf hin, daß sie zwischenzeitlich eine neue Beziehung eingegangen ist, die sie als Unterstützung erfährt und ihr zugleich die Möglichkeit bietet, erworbenes Wissen weiterzugeben. Dies läßt sich den folgenden Äußerungen entnehmen:

"Ich bin jetzt eine neue Beziehung eingegangen. Er ist auch Einzelhändler und hat gerade erst angefangen. Ich finde es gut, daß ich das, was ich gelernt hab', ihm weitergeben kann. Wir haben zwar beide eine 60-Stunden-Woche, aber es bleibt trotzdem noch Zeit für das Gespräch".

Abschließend äußert sie Bedenken über die wirtschaftliche Entwicklung und die Auswirkungen auf die Ertragslage ihres Geschäftes. Sie drückt in der folgenden Äußerung ihre Befürchtung aus, daß sie bei Anhalten des Umsatzrückganges gezwungen sein wird, Konkurs anzumelden:

"Ich seh' das realistisch. Die Leute haben immer weniger Geld Das neue Einkaufszentrum steht direkt gegenüber. Wenn der Umsatz weiter zurückgeht, kann ich das Geschäft nicht halten".

7.1 Interpretation
'Es war die bloße Angst um's Überleben...'

Die Äußerung von Frau G., 'Es war die bloße Angst um's Überleben', läßt die existentielle Bedrohung ahnen, die Frau G. durch die Erfahrung mit der Selbständigkeit erlebt. Es gelingt ihr zunehmend, mit dieser Situation konstruktiv umzugehen zu können. Sie gewinnt im Gründungsprozeß zunehmend an Selbstbewußtsein und beruflicher Kompetenz. Wir interessieren uns dafür, welchen Beitrag Erfahrungen hierbei geleistet haben und wie das Lernen in der neuen Situation stattgefunden hat.


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Aus dem Gesprächsverlauf läßt sich nachvollziehen, daß der Wissenserwerb ein ´Lernen durch Berater` war. Wir sind der Meinung, daß die Bedeutung emotionaler Faktoren im Lernprozeß am Beispiel der Biographie von Frau G. deutlich nachvollzogen werden kann. Erst die behutsame und zugleich fordernde Unterstützung und Begleitung des Lernprozesses durch einen Einzelhändler trägt dazu bei, daß es ihr gelingt, sich das notwendige Wissen Schritt für Schritt anzueignen und die personellen und organisatorischen Veränderungen gemeinsam mit dem Berater vornehmen zu können. Wesentliche Voraussetzung hierfür ist die Fähigkeit des Beraters, eine vertrauensvolle Lernsituation herzustellen, kommunikative und kooperative Kompetenz auf beiden Seiten und die Fähigkeit, sich neuen Lerninhalten und Erfahrungen öffnen zu können. Das wird am Beispiel des Umgangs mit neuen Medien besonders deutlich. Hier läßt sich auch nachvollziehen, daß es dem Berater gelingt, ihr das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wiederzugeben, indem er ihr zwar beim Einstieg in die Lernproblematik hilft, ihr aber zugleich vermittelt, daß sie in der Lage ist, mit den neuen Lernanforderungen selbst zurechtzukommen. An ihrer Biographie läßt sich auch nachvollziehen, daß Lern- und Arbeitserfahrungen sich im Umgang mit der neuen Situation sowohl behindernd als auch fördernd auswirken können. So sind z. B. Offenheit und vertrauliches Verhalten Ursache für die ungeprüfte und kurzfristige Kaufentscheidung und zugleich Ursache dafür, daß Frau G. in der Lage ist, sich neuen Lerninhalten öffnen und Lernwiderständen mit Ausdauer und Stabilität begegnen zu können.

Wir vermuten, daß in der DDR erworbene Lern- und Arbeitserfahrungen zur Herausbildung von Offenheit, Stabilität und kommunikativer Kompetenz geführt haben, und wenden uns deshalb diesen Erfahrungen zu.

Frau G. erfährt in der DDR, daß es ihr möglich ist, berufliche und persönliche Interessen zu verbinden und sie umzusetzen. Sie erwirbt einen Berufsabschluß als Fachverkäuferin. Nach sechs Jahren entscheidet sie sich zur Trennung von ihrem Partner. Sie hat zu diesem Zeitpunkt drei Kinder im Alter von einem Jahr, drei und fünf Jahren. Sie kann davon ausgehen, daß sie ihre Kinder im Betriebskindergarten unterbringen kann und sie weiterhin berufstätig sein wird und Freunde und Familie sie unterstützen werden. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie z. B. Frauenförderung, ausreichend


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Kindergartenplätze, die betriebliche Berücksichtigung ihrer familiären Situation und die Gewißheit, ohne Zukunftsangst leben zu können, sind Grundlage hierfür.


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8 Die selbstbewußte Gartenbauingenieurin
Frau H., 26 Jahre, verh., ein Kind 4 Jahre

Frau H. ist zur Wende 23 Jahre alt. Über Erfahrungen in Elternhaus, Schule, Pionierorganisation und Studium berichtet Frau H. überwiegend positiv. Es gibt scheinbar keine Brüche in ihrer Biographie. Die im Elternhaus, in Schule und Pionierorganisation ausgetragenen Auseinandersetzungen ordnet sie als altersbedingte Erfahrungen ein, mit denen sie gut zurechtkommt. Daß sie sich nach dem Studium als Gartenbauingenieurin ihren Kinderwunsch erfüllt, ist für sie selbstverständlich. Sorgen um die eigene berufliche Perspektive bzw. die ihres Kindes kennt sie nicht. Als die Mauer fällt, befindet sie sich im Babyjahr und beabsichtigt, ihre Arbeit nach diesem Jahr wieder aufzunehmen. Aus der ehemaligen LPG, in die sie im März 1990 zurückkehrt, ist zwischenzeitlich eine GmbH geworden, die in zwei Tätigkeitsfeldern arbeitet: in der Bestattungsbranche und in der Lebensmittelbranche. Sie entscheidet sich für die Lebensmittelbranche.

Daß sie sich berufliche und persönliche Interessen in der DDR erfüllen kann, ist für Frau H. zur prägenden Erfahrung geworden. Ihr Wunsch, die Erweiterte Oberschule zu besuchen und anschließend ihr Interesse an Biologie auch in die berufliche Perspektive einzubringen, wird ihr ermöglicht. Sie absolviert ein Praktikum in einer Gärtnerei und bereitet sich berufsbegleitend auf den Facharbeiterabschluß als Gärtnerin vor. Frau H. äußert sich hierzu wie folgt:

"Ich habe mich für den Besuch der Erweiterten Oberschule entschieden, und das war dann auch möglich. Weil ich immer schon mehr über Pflanzen wissen wollte, habe ich dann ein Praktikum in einer Gärtnerei und zugleich den Facharbeiterabschluß als Gärtnerin in einem einjährigen berufsbegleitenden Lehrgang gemacht. Das war ja damals alles möglich".

Nach dem Abschluß als Gärtnerin entschließt sie sich für ein Studium zur Gartenbauingenieurin und wird von ihrem Betrieb zum Studium delegiert. Sie berichtet hierzu.

"Eigentlich ist auch mein Studium wunschgemäß verlaufen. Ich habe das meiner Kaderabteilung so vorgetragen und wurde dann von meinem Betrieb auch delegiert".

Aus ihren Äußerungen geht hervor, daß sie das Studium zwar zeitweise als Belastung erlebt hat; sie ordnet das als übliche Lernanstrengung ein.


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Frau H. hierzu:

"Sicher war das Studium nicht nur Vergnügen. Ich mußte eigentlich sehr viel dafür arbeiten; aber das war ich gewöhnt. Ich habe auch früher gerne gelernt und für mich stand fest, daß ich diesen Abschluß auch erreichen werde"

Frau H. berichtet, daß sie sowohl in der Pionierorganisation als auch im Jugendverband organisiert war. Im Jugendverband übernimmt sie auch leitende Funktionen. Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß sie sich in dieser Zeit intensiv mit politischen Fragestellungen auseinandersetzt und sich selbst auch immer wieder in widersprüchlichen Situationen befindet:

"Natürlich war das nicht alles immer einfach. Sicher hatte ich eine Menge offener Fragen und auch unterschiedliche Standpunkte. Manchmal konnte ich mich durchsetzen, häufig aber nicht. Ich habe mich in meiner Pioniergruppe wohlgefühlt, und das wollte ich mir bewahren".

Aus der folgenden Äußerung, in der Frau H. die positiven und negativen Aspekte ihrer Erfahrungen in der Jugendorganisation schildert, wird deutlich, daß sie über ein hohes Reflexionsvermögen verfügt:

"Wenn ich heute zurückschaue, dann habe ich mir in dieser Zeit sowohl Positives als auch Negatives erworben. Ich habe gelernt, mich intensiv mit politischen Fragestellungen zu beschäftigen und meinen Standpunkt in der Diskussion zu vertreten und dabei auch auf andere einzugehen. Ich habe zugleich aber auch Offenheit eingebüßt, weil der "richtige Standpunkt" ja eigentlich schon feststand und ich immer wieder darauf zurückkommen mußte, wenn ich meine politische Funktion und damit meinen Freundeskreis nicht aufgeben wollte"

Wie aus dem Gesprächsverlauf deutlich wird, ist der Erwerb von Selbstsicherheit und Selbstbewußtsein sowohl auf die erworbene Erfahrung zurückzuführen, daß die Erfüllung beruflicher und persönlicher Interessen und ein Leben in der DDR ohne Zukunftsangst möglich ist, als auch auf die im Elternhaus erfahrene Geborgenheit, die Voraussetzung dafür ist, um individuelle Stabilität zu erwerben. Dies läßt sich aus den folgenden Äußerungen entnehmen:


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"Ich habe mich zu Hause sehr wohl gefühlt. Meine Eltern haben sich beide für mich Zeit genommen".

Über das Austragen unterschiedlicher Auffassungen geht Frau H. in der folgenden Äußerung ein:

"Natürlich gab es auch Situationen, wo wir unterschiedlicher Meinung waren. Und ich habe auch nicht alles gut geheißen, was meine Eltern parteipolitisch vertreten haben. Aber wir haben darüber gesprochen, und meine Eltern haben sich mit meiner Meinung auseinandergesetzt. Das hat mir gefallen".

Frau H. entschließt sich im Februar 1989 - gemeinsam mit ihrem Mann - nach dem Abschluß ihres Studiums als Gartenbauingenieurin nicht in ihren ehemaligen Delegationsbetrieb zurückzukehren, sondern in einer LPG in der Nähe von Berlin zu arbeiten. Ihr Schwiegervater ist dort LPG-Vorsitzender.

Daß sie sich nach dem Studium ihren Kinderwunsch erfüllt, ist für sie selbstverständlich. Wenige Wochen nach Arbeitsaufnahme entschließt sie sich dazu, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Sie äußert sich hierzu wie folgt:

"Ein Kind wollten wir sowieso, und wenn man sich erstmal einarbeitet, das ist nichts; also gleich".

Die Zeit des Mauerfalls verbringt sie im Babyjahr und kehrt im März 1990 wieder in die LPG zurück. In der Zwischenzeit haben sich die Mitarbeiter der LPG zur Gründung einer GmbH entschlossen, um dadurch der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen. Die Tätigkeit der GmbH ist auf zwei Geschäftsfelder konzentriert: Bestattungs- und Lebensmittelbranche. Sie entscheidet sich für die Lebensmittelbranche und entschließt sich zur Mitarbeit in dem Lebensmittelmarkt, der in ehemaligen Lagerhallen der LPG untergebracht ist.

Um sich Fachkenntnisse anzueignen, sucht sie einen Lebensmitteleinzelhändler in Westberlin auf und bittet ihn, ihr ein zweiwöchiges Praktikum zu ermöglichen. Über die Erfahrungen in dem Praktikum berichtet sie wie folgt:

"Ich habe da großes Glück gehabt. Der Inhaber hat sich wirklich viel Mühe gegeben. Er wollte, daß ich in den zwei Wochen eine Menge lerne, und das war dann auch so. Das

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Praktikum war für mich die Grundlage, und die Gespräche, die ich von Zeit zu Zeit mit ihm geführt habe, das war das Wesentliche; so habe ich mir das angeeignet".

Nach ihrem Praktikum übernimmt sie mit einem ehemaligen Mitarbeiter die Geschäftsführung. Über die Gründungsphase äußert sie sich wie folgt:

"Ich habe in den ersten 3 Monaten fast jeden Tag bis 12.00 Uhr nachts gearbeitet und damals 15 kg abgenommen. Meine Tochter hat mich kaum zusehen bekommen. Ich hatte meine Kenntnisse zu zu diesem Zeitpunkt nur über mein Praktikum erworben, und die Mitarbeiter kamen ja alle von der LPG und hatten vom Lebensmitteleinzelhandel alle eine Ahnung".

In den ersten Monaten treten Konflikte mit dem Schwiegervater auf, die später dazu führen, daß sie sich entschließt, einen eigenen Laden zu eröffnen:

"Das war oft nicht ganz einfach, weil die ganze Familie mitgearbeitet hat, und mein Schwiegervater war ja dort ehemals LPG-Vorsitzender. Aber er konnte mir nicht viel, fachlich war ich ihm ja überlegen".

Die Entscheidung zur Selbständigkeit trifft sie im März 1993 gemeinsam mit ihrem Ehemann. Um Kenntnisse und Erfahrung aus Ausbildung und Studium anwenden zu können, ziehen sie zunächst die Eröffnung eines Blumengeschäftes in Betracht. Frau H. äußert sich hierzu wie folgt:

Irgendwann ging es nicht mehr; also mußten wir uns entscheiden. Wir haben uns zuerst überlegt, ob wir einen Blumenladen aufmachen; wir kommen ja beide vom Gartenbau. Wir haben uns dann aber doch für ein Lebensmittelgeschäft entschieden".

Die zwischenzeitlich entstandenen freundschaftlichen Kontakte und der hieraus resultierende fachliche Rat einer Fachberaterin ihres ehemaligen Verbundbetriebes und der Geschäftsinhaber des Einzelhandelsgeschäftes aus Berlin, bei dem sie ihr Praktikum absolviert hat, tragen zur Entscheidungsfindung bei. Hierüber Frau H.

"Ich habe meine Fachberaterin angerufen. Sie hat uns zu Hause besucht, und dann haben wir uns die Karte angeguckt. Die Entfernung war entscheidend. Kurz darauf

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sind uns dann zwei Läden angeboten worden. Der eine Laden war eine Bruchbuche, aber es war viel Laufkundschaft da, der andere Laden sah gut aus, aber es war eine schlechte Gegend. Und dann bin ich wieder zu dem Einzelhändler, bei dem ich das Praktikum gemacht habe, nach Berlin gefahren, und wir haben bei ihm zu Hause bis in die Nacht gesessen und gerechnet, und dann stand fest: eigentlich müßte er sich den Laden ansehen. Und das hat er auch gemacht. Als er den Laden gesehen hat, hat er uns zur Übernahme geraten".

Im Mai 1993 trifft sie - gemeinsam mit ihrem Mann - die Entscheidung für den Kauf des Lebensmittelgeschäftes, dessen baulicher Zustand desolat ist. Zu diesem Zeitpunkt plant sie bereits den Umbau und informiert sich über Kreditmöglichkeiten. Über ihre Erfahrungen hierzu äußert sie sich wie folgt:

"Ich habe zunächst Kostenvoranschläge von allen möglichen Baufirmen eingeholt, da kamen dann etwa DM 300.000,00 zusammen. Und dann habe ich mich um die Finanzierung gekümmert. Ich war bei allen möglichen Stellen, bei der IHK, der Investitionsbank, dem Wirtschaftsministerium. Ich bin auch nach Berlin gefahren und habe mir dort Informationen und Antragsformulare - auch über europäische Programme - geholt. Die hiesigen Behörden waren oft nicht informiert, die kannten nicht einmal die Antragsformulare; so habe ich dann unsere Beratungsstellen informiert".

Nachdem es ihr gelungen ist, aus unterschiedlichen Finanzierungsquellen die Finanzierung des Umbaus sicherzustellen, beginnt sie Mitte Oktober mit dem Umbau. Die durch den Umbau bedingten Umsatzeinbußen versucht sie über die Beantragung von Kurzarbeitergeld auszugleichen. Frau H. äußert sich hierzu:

"Der Laden war auch während der Umbauphase geöffnet. Umgebaut wurde meistens nachts, da war mein Mann da, tagsüber war ich wieder da. Der Umsatz ging natürlich zurück. Wie sollte ich denn die Leute bezahlen, wenn der Umsatz nicht da ist? Also habe ich mich überall erkundigt, was man da machen kann, und so bin ich auf das Kurzarbeitergeld gekommen. Die Beantragung und alles, was dazu gehört, das habe ich dann gemacht. Da mußte ich mich auch erst einmal einarbeiten".

Aussagen zu ihrem Führungsverhalten lassen sich aus der nachfolgenden


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Äußerung entnehmen:

"Mich hat nicht interessiert, wie das vorher gemacht wurde. Ich habe mir gesagt, ich sehe mir das erstmal 14 Tage an, und dann sage ich, wie ich mir das vorstelle".

In diesem Zusammenhang äußert sie Ihre Verwunderung über die mangelnde Beherrschung der Kassentätigkeit:

"Eigentlich erwarte ich, daß eine Verkäuferin die Kasse bedienen kann wie eine Schreibmaschine. Ich bin etwas enttäuscht, daß die Verkäuferinnen an der Kasse ihre Preise nicht kennen".

In diesem Zusammenhang kritisiert sie auch die geringe Eigeninitiative und mangelnde Entschlußfreudigkeit ihrer Mitarbeiterinnen und nennt folgende Gründe hierfür:

"Der Laden gehörte ja, bis ich ihn übernommen habe, noch dem Konsum. Da war das so, daß die Leiterin die Bestellung noch selbst gemacht hat. Da hatten die Verkäuferinnen nicht viel mitzureden. Ich habe den Frauen jeweils einen Warenbereich zugeordnet, und alles, was mit diesem Bereich zusammenhängt, das machen sie selbst, z. B. Bestellung, Warenpflege. Ich erwarte auch, daß die Verkäuferinnen auf Kunden eingehen und die Kundenwünsche in der Sortimentsdisposition berücksichtigen".

Neben der Übertragung eigenverantwortlicher Aufgabenbereiche mißt sie der regelmäßigen Information ihrer Mitarbeiter einen hohen Stellenwert bei. Frau H. führt hierzu aus:

"Es ist mir wichtig, daß die Frauen auch Bescheid wissen. Ich hab` keine Geheimnisse. Die Frauen kennen die Einkaufspreise, und da kommt es dann schon vor, daß eine kommt und sagt, der Verkaufspreis ist ja billiger als der Einkaufspreis. Ich spreche mit den Frauen 14tägig alle wichtigen Fragen in einer Mitarbeiterbesprechung durch".

Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß Frau H. auch den erworbenen Erfahrungen im Elternhaus einen wesentlichen Einfluß auf den Umgang mit ihren Mitarbeitern zuschreibt:


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"Ich gehe davon aus, daß die Art und Weise, wie ich mit meinen Mitarbeitern umgehe, ganz entscheidend für mein Geschäft ist. Ich versuche auf meine Leute einzugehen und sie ernstzunehmen, und das zahlt sich dann auch aus".

Mit der Wiedereröffnung Anfang Dezember zum Weihnachtsgeschäft treten Probleme im Zusammenhang mit der Warendisposition auf. Frau H. führt Ursachen hierfür auf die in der DDR erworbene Erfahrung mit der Mangelwirtschaft zurück. Frau H. schildert die Probleme wie folgt:

"Nun stand ja das Weihnachtsgeschäft vor der Tür. Und wir waren ja zu DDR Zeiten gewohnt, daß wir schon im Oktober anfingen, unser Weihnachtswaren zu horten. Und das war wahrscheinlich der Grund, weshalb die Weihnachtsdispositionen meiner Fachverkäuferinnen viel zu hoch ausfielen. Das war das Jahr darauf schon ganz anders, weil sie wußten, daß es genügend Ware gibt".

Mit der folgenden Äußerung schildert sie ihr Verständnis für das Verhalten ihrer Mitarbeiter im Zusammenhang mit dem neuen Warenangebot wie folgt:

"Es fehlte ja an allen Ecken und Enden. Heute haben wir in unserem Geschäft über 2.000 Waren; früher gab es 4 Nudelsorten, heute gibt es 20. Mit diesem großen Angebot zurechtzukommen war am Anfang nicht so leicht. Ich kann mich erinnern, als ich mit meinem Mann das erste Mal im KADEWE war; da hatten wir ganz schön zu kämpfen".

8.1 Interpretation
'Mich hat nicht interessiert, wie das vorher gemacht wurde... '

'Mich hat nicht interessiert, wie das vorher gemacht wurde. Ich habe mir gesagt, ich sehe mir das erstmal 14 Tage an, und dann sage ich, wie ich mir das vorstelle'. Diese Äußerung trifft Frau H. nach dem Kauf ihres Einzelhandelsgeschäftes im Jahr 1993. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt und hat ein Studium als Gartenbauingenieurin abgeschlossen. Ihre Aussage läßt Selbstbewußtsein und Selbstsicherheit vermuten. Wir nehmen an, daß sie mit den neuen Anforderungen ihres Aufgabengebietes vertraut ist und eigene Vorstellungen hierzu entwickelt hat. Wir wenden uns im folgenden dem Erwerb dieser Vorstellungen zu und gehen dann der Frage nach, wie das Lernen in der neuen Situation stattgefunden hat und wodurch dieses Lernen behindert


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oder gefördert wurde.

Im März 1990 kehrt Frau H. - nach einem einjährigen Mutterschaftsurlaub - an ihren Arbeitsplatz in einer LPG zurück. Die Mitarbeiter der LPG haben inzwischen eine GmbH gegründet, um der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen. Die Tätigkeit der GmbH ist auf zwei Branchen konzentriert: Bestattungs- und Lebensmittelbranche. Sie entschließt sich zur Mitarbeit in dem Lebensmittelmarkt, der in ehemaligen Lagerhallen der LPG untergebracht ist. Nun unternimmt sie enorme Anstrengungen. Sie sucht sich einen erfahrenen Lebensmitteleinzelhändler in Berlin und bittet ihn um einen Praktikumsplatz. Die hierbei gewonnen Erfahrungen und die sich aus dem Praktikum entwickelnden freundschaftlichen Kontakte bilden die Grundlage für den Lernprozeß in der neuen Situation. Sie übernimmt nach dem Praktikum gemeinsam mit einem ehemaligen Mitarbeiter der LPG die Geschäftsführung, der jedoch nach einem Jahr wegen eigener Existenzgründung ausscheidet. In dem Lebensmittelmarkt sind zu diesem Zeitpunkt 32 ehemalige LPG-Mitarbeiter beschäftigt. Die hohen Anforderungen, die sich aus der eigenen Qualifizierung, der Qualifizierung der Mitarbeiter, der zunehmenden Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation durch das Entstehen der großen Einkaufszentren ergibt, bringen sie an die Grenzen ihrer individuellen Belastbarkeit. In dieser Zeit treten zunehmend Konflikte mit ihrem Schwiegervater auf, der als ehemaliger Leiter der LPG mit der neuen Situation nur schwer zurechtkommt und diese führen dazu, daß sie sich entschließt, sich selbständig zu machen.

Die neuen Anforderungen, Auswahl und Umbau des eigenen Objektes, Erschließen unterschiedlicher Finanzierungsquellen, Qualifizierung ihrer Mitarbeiter, die immer auch Auseinandersetzung mit der erworbenen Handelsmentalität einschließt, stellen hohe Anforderungen an Stabilität und Reflexionsvermögen.

Aus der Biographie von Frau H. läßt sich entnehmen, daß das Lernen in der neuen Situation ein ´Lernen durch Berater` war. Wir zeichnen dies im folgenden nach. Als sie die Entscheidung für die Selbständigkeit im Lebensmitteleinzelhandel getroffen hat, holt sie sich Rat bei einer Fachberaterin, zu der sie aus ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin eine freundschaftliche Beziehung unterhält, und bezieht auch den Einzelhändler, bei dem sie ihr Praktikum absolviert hat, wieder in ihren Entscheidungsprozeß ein. Es gelingt ihr zunehmend, mit den neuen


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Anforderungen zurechtzukommen. Es ist zu vermuten, daß Stabilität, Ausdauer, Selbstlernkompetenz, kommunikative Kompetenz, hohes Reflexionsvermögen und die Fähigkeit, sich neuen Lerninhalten und Erfahrungen öffnen zu können, dazu beitragen, daß es ihr gelingt, mit den neuen Anforderungen zurechtzukommen. Dies läßt sich auch am Umgang mit ihren Mitarbeitern nachvollziehen.

Sie konkretisiert ihre Vorstellungen über die Zusammenarbeit mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, bezieht diese zunehmend in betriebliche Abläufe ein und ist in der Lage, mit Konfliktsituationen gelassen umgehen zu können.

Wir vermuten, daß positive Erfahrungen in Elternhaus, Schule, Ausbildung, Studium und gesellschaftlichen Organisationen Lernerfahrungen das Lernen in der neuen Situation ermöglichen und geprägt haben. Wir wenden uns deshalb diesen Erfahrungen zu.

Frau H. beschreibt ihre Erfahrungen im Elternhaus als positiv, wie der folgenden Äußerung zu entnehmen ist: 'Ich habe mich zu Hause sehr wohl gefühlt. Meine Eltern haben sich beide für mich Zeit genommen. Natürlich gab es auch Situationen, wo wir unterschiedlicher Meinungen waren. Und ich habe auch nicht alles gut geheißen, was meine Eltern parteipolitisch vertreten haben. Aber wir haben darüber gesprochen, und meine Eltern haben sich mit meiner Meinung auseinandergesetzt. Das hat mir gefallen'. Sie geht davon aus, daß sich in der DDR ihre Schul- und Berufswünsche erfüllen lassen. Ihre Lernerfahrungen sind davon bestimmt, daß Lernen zwar mit Anstrengungen verbunden sind und daß Ausdauer erforderlich ist, um gesetzte Ziele zu erreichen, daß Lernen ihr aber zugleich Freude bereitet. Daß die Mitgliedschaft in der Pionierorganisation und im Jugendverband zur Herausbildung von Reflexionsfähigkeit beigetragen haben kann, läßt folgende Äußerung vermuten: 'Natürlich war das nicht alles immer einfach. Sicher hatte ich eine Menge offener Fragen und auch unterschiedlicher Standpunkte. Manchmal konnte ich mich durchsetzen, häufig aber nicht. Ich habe mich in meiner Pioniergruppe wohlgefühlt, und das wollte ich mir bewahren'. (...) 'Wenn ich heute zurückschaue, dann habe ich mir in dieser Zeit sowohl Positives als auch Negatives erworben. Ich habe gelernt, mich intensiv mit politischen Fragestellungen zu beschäftigen und meinen Standpunkt in der Diskussion zu vertreten und dabei auch auf andere einzugehen. Ich habe zugleich aber auch Offenheit eingebüßt, weil der 'richtige Standpunkt' ja eigentlich schon feststand und ich


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immer wieder darauf zurückkommen mußte, wenn ich meine politische Funktion und damit meinen Freundeskreis nicht aufgeben wollte'.
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Mon Jul 31 11:09:29 2000