Panick, Veronika: Der Beitrag von Erfahrungen an den Entwicklungsprozessen zur Selbständigkeit - dargestellt am Beispiel von Existenzgründerinnen und Existenzgründern im Einzelhandel in den neuen Bundesländern-

Dritter Teil
Ergebnisse und Schlußfolgerungen

1 Darstellung der Interpretationsergebnisse

Wir wollten mit der Arbeit herausfinden, inwieweit Erfahrungen die Bewältigung der neuen Situation behindert oder gefördert haben und wie das Lernen in der neuen Situation stattgefunden hat. Wir gliedern die Darstellung der Interpretationsergebnisse in drei Teile. Wir gehen zunächst auf den Beitrag der Weiterbildungsangebote ein, beschreiben dann die Lernformen, die den Lernprozeß in der neuen Situation bestimmt haben, und wenden uns im Anschluß daran den Nachwirkungen von Erfahrungen und zugrundeliegenden Handlungsmustern zu.

1.1 Der Beitrag der Weiterbildungsangebote

Wir gehen davon aus, daß die Bereitschaft, sich in Weiterbildungsseminaren mit neuen Lerninhalten auseinanderzusetzen, voraussetzt, daß die Teilnehmer in den Lerninhalten ihre Situation wiedererkennen und erworbene Erfahrungen zu wesentlichen Elementen des Lernprozesses gemacht werden. Aus den Gesprächsverläufen wird deutlich, daß Weiterbildung weder in der Lage war, die Komplexität der neuen Situation zu erfassen, noch über geeignete Vermittlungsformen verfügte, um die Teilnehmererfahrungen angemessen berücksichtigen zu können. Mit der folgenden Äußerung von Herrn B. wird dieser Sachverhalt deutlich beschrieben: ´Ich habe am Anfang mehrere Seminare besucht. Ich mußte aber schnell feststellen, daß 90 % der Seminare mir keine Hilfe für meine betrieblichen Probleme geben konnten; zum Teil, weil die Dozenten sich mit unseren Erfahrungen nicht beschäftigen wollten und auch deshalb, weil sie die neue Situation nicht gekannt haben`.

Wir wenden uns zunächst der Beschreibung der unterschiedlichen Situationen von Existenzgründern in den alten und neuen Bundesländern zu, weil wir davon ausgehen, daß erst vor dem Hintergrund der Unterschiede die Komplexität der neuen Situation nachvollzogen werden kann, und gehen dann auf die erworbenen Lernerfahrungen ein.

Die Entscheidung für eine Existenzgründung im Einzelhandel in den alten Bundesländern erfolgt häufig nach einer Berufsausbildung, mehreren Jahren Praxis und der Teilnahme an


160

Weiterbildungsveranstaltungen. Wenn die Entscheidung getroffen ist, ist im Vorfeld in aller Regel die finanzielle Situation geklärt, eine Rentabilitätsrechnung erstellt und diese mit Fachleuten diskutiert worden. Der Existenzgründer kennt das zu erwartende Kaufpotential im Wohnumfeld und kann das Kaufverhalten seiner Kunden einschätzen. Er hat sein Warensortiment danach ausgerichtet und seine Marketingmaßnahmen daran orientiert. Er hat sich im Vorfeld über das Entstehen weiterer Objekte informiert. Seine Mitarbeiter sind mit der Situation im Handel vertraut und auf ihre Aufgabe vorbereitet. In der Regel hat er nahestehende Personen aus Freundes- und Familienkreis bereits im Vorfeld in den Entscheidungsprozeß eingebunden, so daß er in der Anfangsphase mit ihrer Unterstützung rechnen kann. Das Beratungsnetz ist gut strukturiert und ausgebaut, die Berater sind mit allen auftretenden Problemen vertraut.

Die Situation stellte sich in den neuen Bundesländern vollkommen anders dar. Die Entscheidung für die Existenzgründung erfolgte bei allen Gesprächspartnern als einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit. Eine langfristige Vorbereitung auf die neue Situation war nicht möglich. Der Personenkreis mußte sich das Wissen innerhalb von wenigen Wochen aneignen und zeitgleich die Mitarbeiter qualifizieren und anleiten. Auch der Personenkreis, der über berufliche Erfahrungen im Handel verfügte, konnte nur teilweise auf diese zurückgreifen. Hinzu kommt die finanzielle Situation, die für alle Existenzgründer ein großes Problem darstellte, weil sie weder über ausreichende finanzielle Mittel, noch über Sicherheiten verfügten. Eine Vielzahl weiterer Probleme, die in den alten Bundesländern nicht auftreten oder nicht mehr auftreten, belastete die Situation zusätzlich: mangelnde Infrastruktur, schlechter Zustand der Gebäude, hohe Mieten und nicht geklärte Eigentumsfragen.

Wir wenden uns im folgenden den in der DDR erworbenen Lernerfahrungen zu. Die Bereitschaft, sich für neue Lerninhalte öffnen zu können, wird davon bestimmt, welche Lernerfahrungen erworben wurden. Mit dem folgenden Exkurs ´Zur Situation des Erwachsenenlernens in der DDR` möchten wir zunächst einen Überblick über Lernwege, Lernformen und Rahmenbedingungen beruflicher Weiterbildung in der DDR geben und uns im Anschluß daran mit den Lernerfahrungen der Teilnehmer nach der Wende auseinandersetzen.

Exkurs: ´Zur Situation des Erwachsenenlernens in der DDR`

„Lernen, vorrangig als berufliche Weiterbildung, war fester Bestandteil


161

des Erwachsenenlebens“ (Gieseke 1994, S. 331) Gieseke1994 . In den 800 Betriebsakademien und den 500 Berufsschulen waren 1979 3.200 hauptberufliche und 62.000 nebenberufliche Lehrkräfte tätig“ (Presseamt des Ministerrates des DDR 19979, S. 5) siehe siehe . „Jährlich nahm jeder 4. Arbeitnehmer an einem Qualifizierungslehrgang teil. 1978 belegten 1,3 Mill. Arbeitnehmer berufliche Weiterbildungskurse: Bezogen auf die Berufstätigen, nahmen im Bereich der Industrieministerien von 100 Hochschulkadern 48, von 100 Fachschulkadern 49, von 100 Meistern 55 an Weiterbildungsmaßnahmen teil“(Siebert 1990, S. 31) Siebert1990 .

Lipsmeier weist darauf hin, daß das Bildungssystem der DDR einen wesentlichen Beitrag zur Herausbildung von Fachkompetenz und Schlüsselqualifiktionen geleistet hat: „Es ist keineswegs so, wie häufig in der West-Literatur anzutreffen, daß die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen in DDR-Weiterbildungsdidaktik und -methodik keine Rolle gespielt hätte. Zwar eingebettet in sozialistische Denk- und Handlungsstrukturen, doch gleichwohl nicht nur als Chiffre, sondern auch konkret in didaktisch-methodischen Handlungsanweisungen erkennbar waren Ziele wie Förderung von Selbständigkeit, Problemlösungsfähigkeit, Teamfähigkeit und Kooperation sowie die Verbindung von Theorie und Praxis keinesfalls marginale pädagogische Ausschmückungen, sondern Aus- und Weiterbildungsrealität, wenn auch in stark dozentenorientierten Vermittlungsformen“ (Lipsmeier 1995, S. 47) Lipsmeier1995 .

Horst Siebert betont die Durchgängigkeit des Bildungssystems und die Vielfalt der Weiterbildungsmöglichkeiten: „Das Weiterbildungssystem für Erwachsene war m. E. in Europa einmalig. Für jedes Qualifizierungsniveau vom Ungelernten bis zum Hochschulkader und für jeden Wirtschaftszweig wurden Rahmen-Curricula entwickelt, die die Vergleichbarkeit der Anforderungen sicherstellten und gleichzeitig eine flexible Anpassung an die jeweiligen betrieblichen Erfordernisse ermöglichen sollen. Die Rahmenpläne wurden von den Ministerien genehmigt, so daß eine staatliche Anerkennung der Prüfungen garantiert war. Kleinbetriebe am Ort unterhielten gemeinsame Bildungseinrichtungen. Für „überbetriebliche“ Berufe führten auch die örtlichen Volkshochschulen solche Qualifizierungsmaßnahmen durch. Die Weiterbildung der Hoch- und Fachschulkader wird meist als kombiniertes Fern- und Direktstudium organisiert, wobei die Betriebsakademien mit benachbarten Hochschulen kooperierten“ (Siebert 1990, S. 18) Siebert1990 .

Nebenberufliche Qualifizierung eröffnete eine Vielzahl von Bildungsabschlüssen. Längere Qualifizierungsphasen, für die die Berufstätigen zum Teil von ihrer Arbeit freigestellt wurden, waren die Regel, so daß der Wechsel von Lern- und Arbeitsphasen möglich war. Dies war im Arbeitsgesetzbuch wie folgt geregelt: „Für die Qualifizierung tragen Betrieb


162

und Werktätige gemeinsam Verantwortung, die einem gemeinsamen Interesse entspringt. Das Arbeitsgesetzbuch verpflichtet die Betriebe, die Werktätigen im erforderlichen Maße einzubeziehen. Werktätige sollen für die geplante Qualifizierung gewonnen und entsprechend der erworbenen Qualifikation (§ 147) eingesetzt werden. Ziel und Bedingungen der Aus- und Weiterbildung sowie die Unterstützung der Werktätigen durch den Betrieb (§154 und 150, Abs. 2) sind zu vereinbaren. Der Qualifizierungsvertrag gibt dem Werktätigen größere Rechtssicherheit“ (Presseamt des Ministerrates der DDR 1979, S. 7) siehe .

„Es ist also prinzipiell möglich, sich neben und während der Berufstätigkeit vom Ungelernten bis zum Ingenieur zu qualifizieren, wobei aber unter Umständen die erforderlichen Schulabschlüsse in der Volkshochschule erworben werden müssen. Bei großem Arbeitskräftebedarf wurde dieser Qualifizierungsweg sogar gegenüber der „normalen“ Lehrlingsausbildung bevorzugt, so daß zeitweise mehr Berufstätige die Facharbeiterprüfung im Rahmen der Erwachsenenbildung als Lehrlinge in der Berufsausbildung absolvierten. Vor allem die Frauen wurden aufgefordert, sich auf diesem Weg zu qualifizieren“ (Siebert 1990, S. 19) Siebert1990 .

Aus allen Gesprächsverläufen wird deutlich, daß ´Erwachsenenlernen` einen hohen Stellenwert in der Biographie des Personenkreises eingenommen hat. Die Teilnehmer haben häufig enorme Lernanstrengungen auf sich genommen, um sich für neue berufliche Aufgaben durch Teilnahme an berufsbegleitenden Qualifizierungslehrgängen, an Maßnahmen innerbetrieblicher Weiterbildung oder an Fernlehrgängen zu qualifizieren. Die Teilnehmer berichten von positiven Lernerfahrungen, die sie in Schule, Ausbildung und Studium durch Lehrkräfte und Ausbilder erworben und die ihr Lernverhalten maßgeblich geprägt haben. Rechtliche Rahmenbedingungen und entsprechende Einrichtungen wie Krippe, Kindergarten und Hort haben dieses Lernen unterstützt und zu einem gesellschaftlichen Lernklima beigetragen, in dem Erwachsenenlernen selbstverständlich wurde.

Die Gesprächsergebnisse zeigen, daß negative Lernerfahrungen nach der Wende zu einem deutlichen Rückgang der Weiterbildungsmotivation geführt und teilweise zur Abkehr von Weiterbildung beigetragen haben. Existenzgründer im Einzelhandel haben sich das Fachwissen überwiegend innerhalb weniger Wochen nach dem ´trial and error-Prinzip` angeeignet. Einige sind in dieser Situation an die Grenzen ihrer individuellen Belastbarkeit geraten, weil der Lernprozeß für sie zum ´Überlebenskampf` wurde, wie sich an der Biographie von Frau H.


163

deutlich nachvollziehen läßt, oder haben sich, wie die Biographie von Herrn E. zeigt, stark verschuldet und sich resigniert und enttäuscht zurückgezogen. Wieder andere waren in der Lage, mit den Anforderungen der Situation zurechtzukommen, und fühlen sich in der neuen Situation wohl. Sie nennen als Gründe hierfür unter anderem auch den Austausch mit westlichen Gesprächspartnern, die ihren Gründungsprozeß mit großem Interesse und persönlichem Engagement begleitet haben und mit denen sie auch heute - weit über den Gründungsprozeß hinaus - freundschaftliche Kontakte pflegen.

1.2 Drei Lernformen bestimmen den Lernprozeß

Aus den Biographien wird deutlich, daß das Lernen in der neuen Situation ein selbstgesteuertes Lernen durch ´Lernen aus der Arbeit` ist. Der Personenkreis hat sich die neuen Lerninhalte aus der Arbeit selbst erschlossen. Er hat dabei unterschiedliche Lernformen gewählt, die wir als ´Lernen auf eigene Faust` (Lernform I), ´Lernen durch Anknüpfen an berufliche Erfahrungen` (Lernform II) und ´Lernen durch Berater` (Lernform III) bezeichnen. Während bei der ersten Lernform die Eigenaktivität des Lerners im Vordergrund steht, der jeweils in einer konkreten Situation nach Lösungen sucht, findet Lernen durch Berater in einem überwiegend kommunikativen Prozeß statt. Das Sichöffnenkönnen und Eingestehen eines Lernproblems auf der einen Seite und das behutsame Eingehen auf dieses Lernproblem auf der anderen Seite sowie die gemeinsame Erarbeitung einer Lösung bilden die Grundlage des Lernprozesses. Im Gegensatz hierzu zeichnet sich ´Lernen durch Anknüpfen an berufliche Erfahrungen` dadurch aus, daß in der neuen Situation erworbenes berufliches Handlungswissen den Umgang mit den neuen Anforderungen maßgeblich bestimmt. Bei allen Lernformen läßt sich nachvollziehen, daß Erfahrungen, Verhaltensweisen und zugrundeliegende Handlungsmuster die je spezifische Lernform geprägt haben. Wir wenden uns im folgenden der Beschreibung der Lernformen zu und gehen dann auf die Erfahrungsfelder ein, in denen wir die Herausbildung der Lernerfahrungen vermuten, die Grundlage und Voraussetzung der je spezifischen Lernform sind. Im Anschluß daran zeigen wir Grenzen und Ansätze zur Unterstützung und Ausweitung der je spezifischen Lernform auf.

1.2.1 ´Lernen auf eigene Faust` (Lernform I)


164

An den Biographien von Herrn D. und Herrn F. läßt sich nachvollziehen, daß das Lernen in der neuen Situation ein ´Lernen auf eigene Faust` war. Als sie sich für die Existenzgründung entscheiden, besitzen beide weder Branchen- noch Führungserfahrung, sie verfügen jedoch über personale Kompetenzen wie Offenheit, Kommunikations- und Kooperations-fähigkeit, Konfliktfähigkeit und Selbstlernkompetenz und sind deshalb in der Lage, mit den neuen Anforderungen zurechtzukommen und sich das notwendige Wissen überwiegend selbst zu erschließen.

Sowohl Herr D. als auch Herr F. hatten sich bereits zu DDR-Zeiten Auslandserfahrungen erworben. Für Herrn D. war dies als Seemann, für Herrn F. als Leistungssportler einer DDR-Nationalmannschaft möglich. Sie waren beide in ihren jeweiligen Berufsfeldern offen für neue Erfahrungen und haben so bereits in dieser Zeit immer wieder ´auf eigene Faust gelernt`. Herr F. beispielsweise dadurch, daß er versuchte - auch wenn dies nicht erlaubt war - mit Sportlern aus den Nachbarländern in das Gespräch zu kommen, um Erfahrungen auszutauschen, und Herr D., dadurch, daß er sich im Ausland immer wieder darum bemühte - abseits der offiziellen Betreuung - mehr über die Lebensbedingungen der Menschen und deren Probleme zu erfahren. In der folgenden Äußerung bringt Herr D. die Bedeutung, die er seinen Auslandserfahrungen für sein Aufgabengebiet im Handel beimißt, zum Ausdruck:

„Vom Handel hatte ich ja zunächst keine Ahnung. Aber ich kann die Erfahrungen aus meinem Beruf einbringen. Ich habe als Seemann sehr viel gesehen, mich hat immer sehr interessiert, wie andere Menschen leben, welche Probleme sie haben und wie sie damit umgehen, und das, was ich damals kennengelernt habe, das bringe ich heute in mein Geschäft ein“.

Aus beiden Biographien lassen sich Erfahrungen mit widersprüchlichen und konfliktreichen Situationen nachvollziehen. Am Beispiel von Herrn F. sind das die Widersprüche, mit denen er sich als Leistungssportler auseinandersetzen muß und die sich daraus ergeben, daß für ihn die Inanspruchnahme von Privilegen nur dann möglich ist, wenn er sich parteikonform verhält. Dies kann an dem Beispiel ´Politschulung für Leistungssportler` nachvollzogen werden. Obgleich Herr F., mit der folgenden Äußerung zum Ausdruck bringt, daß er Politschulungen als notwendiges Übel ansieht, mit dem er umzugehen weiß,

„Politschulung, das gehörte eben auch dazu. Für uns waren ja die westlichen Mannschaften nicht nur Wettkampfgegner, sondern auch Klassengegner. Vor Wettkämpfen wurde uns das nochmals regelmäßig gesagt. Außerdem gab es Gespräche über allgemeine Themen wie z. B.


165

Abrüstung. Es war schon klar, was da gesagt werden mußte. Einer mußte eben immer ran und vor der versammelten Mannschaft seine Meinung dazu sagen. Ich mußte eben die Ideologie haben, die die Partei wollte.“

läßt sich aus der folgenden Äußerung nachvollziehen, daß ihm dies nicht immer gelungen ist:

„Es ist schon vorgekommen, daß ich von einem Wettkampf nach Hause geschickt worden bin, weil ich meine Meinung gesagt habe. Klar wollte ich dabei sein, also habe ich mir beim nächsten Mal überlegt, was ich sage. Man hat seine Persönlichkeit trotzdem entwickelt.“

Wir vermuten in der Erfahrung mit widersprüchlichen Situationen die Herausbildung einer reflexiven Kompetenz, die zu einem differenzierteren Umgang mit eigenen Interessen geführt hat. Dies läßt sich auch am Umgang mit der neuen Situation nachvollziehen und wird an der folgenden Äußerung deutlich:

„Daß ich mir damals genau überlegt habe, was ist jetzt gut für mich und was nicht, das hat mir doch auch später geholfen. Ich bin nicht einfach in Situationen reingeschlittert und hab' mich auch nicht über's Ohr hauen lassen. Auch bei meiner Verbundfirma bin ich nicht als Bittsteller aufgetreten“.

Auch Herr D. ist in der DDR widersprüchlichen und konfliktreichen Situationen ausgesetzt. Er ist über viele Jahre überzeugter Parteigenosse und fühlt sich in der DDR wohl. Das führt er darauf zurück, daß er berufliche und persönliche Interessen verbinden kann und davon überzeugt ist, daß die DDR der „bessere Teil“ Deutschlands ist.

Diese Situation verändert sich grundlegend, als ihm die Ausübung seines Berufes wegen angeblicher Westkontakte seiner Partnerin verwehrt wird. Er erlebt in dieser Konfliktsituation erstmals den Widerspruch zwischen Parteipolitik und gesellschaftlicher Realität. Die entstandene Situation führt zu einem tiefen Bruch in seinem Leben. Er tritt aus der Partei aus, verliert Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen und ist fortlaufend Repressionen ausgesetzt, seine Frau läßt sich von ihm scheiden. Erst durch eine neue Partnerschaft gewinnt er wieder ´Boden unter seinen Füßen`. In dieser Zeit beantragt er die Konzession für einen Lebensmittelladen. Sein Antrag wird jedoch 2 ½ Jahre nicht bearbeitet. Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß Herr D. versucht, auf die Situation einzuwirken, allerdings die Erfahrung machen muß, daß sein Bemühen um eine neue berufliche Perspektive von den Verwaltungsorganen verhindert wird:

„Ich hab versucht, mich als privater Einzelhändler selbständig zu machen. Aber da


166

war nichts zu machen. Ich hab' immer wieder nachgehakt, mein Antrag wurde nicht bearbeitet. Das war nur die Fortsetzung von dem, was ich vorher erlebt habe. Die Konzession hab' ich bekommen, als die Mauer fiel“.

Mit der Wende verändert sich die Situation grundlegend. Er trifft bereits im November 89 die Entscheidung, sich selbständig zu machen, und entwickelt ein enormes Maß an Energie und Engagement. Wir vermuten, daß kommunikative und kooperative Kompetenz, Ausdauer und phantasievoller Umgang mit neuen Anforderungen maßgeblich zum unternehmerischen Erfolg beigetragen haben. Dies läßt sich beispielhaft an folgenden Aussagen von Herrn D. nachvollziehen:

„Es war ja nicht alles schlecht bei uns, und einiges davon will ich bewahren. Das ist z. B. der Umgang mit meinen Mitarbeitern. Jeder muß wissen, daß er dazu gehört und daß es auf ihn ankommt. Ich bespreche mit ihnen regelmäßig die Umsatzergebnisse und die Veränderung des Warensortiments. ... Ich habe meinen Mitarbeitern gesagt, daß ich von ihnen jede Woche eine neue Idee erwarte. Natürlich geht das nicht immer. Aber schon das Bemühen zählt, und so entsteht auch in unserem Geschäft ein gutes Klima. Die Mitarbeiter bemühen sich um die Kunden, auch deshalb, weil sie ihre Wünsche kennenlernen und sie als neue Idee einbringen wollen. Vielleicht hat auch das etwas mit meinen Erfahrungen in der Neuererbewegung zu tun. .... Es gab bei uns ja früher die Patenschaften. Das ist mir wieder eingefallen. Also haben wir ein Fest organisiert und die Kinder hinter die Kulissen sehen lassen. Die Mitarbeiter haben mitgezogen, den Kindern hat es gut gefallen, und die Bilder, die sie dann gemalt haben; die schmücken zur Zeit unseren Verkaufsraum, und wir haben die Kinder als Kunden gewonnen“.

Die folgende Äußerung legt die Vermutung nahe, daß auch die Konflikterfahrung den Umgang mit der neuen Situation wesentlich geprägt hat:

„Ich bin sicher, daß mir nach der Wende vieles leichter gefallen ist als meinen Landsleuten. Ich habe mir nicht mehr alles gefallen lassen und mich nicht kleiner gemacht, als ich bin, und damit bin ich meistens gut gefahren. Ich bin sicher, daß ich einiges aus dem Ärger in der DDR gelernt habe. (...) Ich konnte ja nicht einfach alles hinschmeißen. Also mußte ich mich zunächst mit der Situation abfinden. Trotzdem habe ich mich 2 ½ Jahre lang immer wieder um die Konzession für einen Laden bemüht. Ich habe gelernt, nicht locker zu lassen.“

Am Beispiel von Herrn F. läßt sich nachvollziehen, daß positive Lernerfahrungen maßgeblich zum ´Lernen auf eigene Faust` beigetragen haben. Herr F. lebt in der DDR in einer ungewöhnlichen Situation: er ist mit anderen Sportlern in einem Internat untergebracht und fühlt sich dort wohl. Er erhält Unterricht durch einen eigenen Lehrer, der den Unterricht an seinen Wettkampfterminen orientiert und der ihm Freude


167

am Lernen vermittelt. Er erwirbt die Erfahrung, daß er in der Lage ist, sich das Lernpensum - schneller als im regulären Schulsystem üblich - aneignen kann:

„Es ging alles etwas schneller. Der Stoff, für den die anderen 8 Wochen Zeit gehabt haben, den hab' ich in 2 Wochen gepackt. Ich war eben ein bißchen schneller. Aber da man viel intensiver gearbeitet hat - mit dem Lehrer direkt - kam man schneller voran. Das war ein ganz anderes Arbeiten. Und das Lernen ist mir auch leichtgefallen“.

Aus dem Gesprächsverlauf ist zu entnehmen, daß positive Lernerfahrungen das Lernen in der neuen Situation maßgeblich bestimmt haben. Es ist anzunehmen, daß auch Erfahrungen aus dem Leistungssport Ursache dafür sind, daß er sich selbst an erfolgreichen Einzelhändlern orientiert.

„Ich habe ja immer gerne gelernt, und das, was ich jetzt gebraucht habe, das hab' ich auch nachlesen können. ... Ich hab' mir auch andere Läden angeguckt und überlegt, was ich da für mich übernehmen kann“.

Darüber hinaus legt die folgende Äußerung die Vermutung nahe, daß im Leistungssport erworbene Verhaltensweisen wie Hartnäckigkeit, konkurrierendes und kooperatives Verhalten, sowie ein hohes Leistungsvermögen erheblich zum unternehmerischen Erfolg beigetragen haben.

„Das hat einem letztlich viel gebracht, daß man gelernt hat, nicht aufzugeben und auch, daß man sich anderen unterordnen mußte. Zugleich war aber im Team ein scharfes Konkurrenzdenken. Wir waren ja im Lehrgang 15 Mann, und 12 konnten immer nur zu Wettkämpfen fahren, und auch da durften nur sechs spielen, und sechs mußten draußen sitzen. Auch der Trainer hat dieses Konkurrenzverhalten geschürt“.

1.2.2 ´Lernen durch Anknüpfen an berufliche Erfahrungen` (Lernform II)

An den Biographien von Herrn B. und Herrn C. kann nachvollzogen werden, daß beide mit den neuen Anforderungen zurechtgekommen sind und der Wissenserwerb in der neuen Situation ein ´Lernen durch Anknüpfen an berufliche Erfahrungen` war. Langjährige berufliche Erfahrungen in der Mitarbeiterführung und in der betrieblichen Organisations- und Leitungsarbeit und personale Kompetenzen wie Ausdauer, Stabilität und phantasievolles Umgehen mit neuen Situationen und im Studium erworbene Selbstlernkompetenz sind Ursachen hierfür.


168

Wir zeichnen zunächst die Lernform nach, wenden uns im Anschluß daran den Erfahrungsfeldern zu, in denen wir die Herausbildung der erworbenen Kompetenzen vermuten, und zeigen Grenzen und Ansätze für die Ausdifferenzierung dieser Lernform auf.

Für beide Personen ist die Existenzgründung im Lebensmitteleinzelhandel die Alternative zur Arbeitslosigkeit. Herr C. übernimmt die ehemals von ihm geleitete Kaufhalle mit den Mitarbeitern, mit denen er auch vorher zusammengearbeitet hatte. Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß es Herrn C. gelingt, die Mitarbeiter zu selbstverantwortlichem Handeln zu motivieren. Dies setzt die Fähigkeit voraus, eigene Interessen zu erkennen, zu formulieren und diese selbstbewußt in die neue Aufgabenstellung einbringen zu können. Erst auf dieser Grundlage läßt sich Mitarbeiterführung als kontinuierlicher Prozeß gestalten, der sowohl Anerkennung von Erfahrungen als auch die Forderung nach Leistung und Eigeninitative als wesentliche Elemente beinhaltet. Daß Herrn C. dies erfolgreich gelungen ist, läßt sich sowohl aus den Gesprächsergebnissen mit dem Verbundunternehmen als auch aus den Verhaltensweisen seiner Mitarbeiter nach der Wende nachvollziehen. Herr B. äußert sich hierzu wie folgt:

„Daß ich mit meinen Leuten die Wende erlebt habe, das war für uns alle gut. Für mich, weil ich wußte, was ich von jedem erwarten kann, für meine Leute, weil sie wußten, daß sie sich auf mich verlassen konnten“.

Wir entnehmen dieser Äußerung, daß es Herrn C. auch in der DDR gelungen war, eine Arbeitsatmosphäre herzustellen, die von gegenseitiger Achtung getragen war, und ordnen diesem Sachverhalt deshalb einen hohen Stellenwert zu, weil die Auswirkungen der Mangelwirtschaft voraussetzten, daß das Schaffen eines guten Arbeitsklimas nur möglich war, wenn sich Führungskräfte sowohl aktiv als auch ausgleichend verhielten, was nur durch reflexives und einfühlsames Verhalten möglich war und eine hohe Frustrationsgrenze voraussetzte. Dieser Sachverhalt kommt in der folgenden Äußerung von Herrn C. zum Ausdruck:

„Wir hatten ja ständig Probleme mit der Warenlieferung. Entweder wir bekamen zuwenig Ware oder die falsche Ware. Gestimmt hat selten etwas. Da gab es dann Ärger mit den Kunden (...) Und mit den Auszubildenden war es genauso: das, was sie gelernt haben, das stimmte doch mit der Wirklichkeit nicht überein.(...)Wenn man unsere Zeitungen aufgeschlagen hat, dann sind wir ja von einem Höhepunkt zum nächsten geeilt. Manchmal hatte ich die Nase voll. Ich hab' versucht, in den


169

Bezirksdirektorensitzungen darüber zu reden, wie es im Betrieb wirklich aussieht. Aber dafür hat sich keiner interessiert, und irgendwann fragt man sich dann, was bringt das (...)“

Herr B. trifft die Entscheidung für die Selbständigkeit auf der Grundlage einer fundierten Analyse, wählt sich die Verbundfirma und den Personenkreis selbst aus, mit dem er seine Entscheidung umsetzen will. Herr B. hat sich die beruflichen Erfahrungen als Leiter eines großen Schuhproduktionsbetriebes erworben. Daß Herr B. den beruflichen Erfahrungen einen hohen Stellenwert bei der Bewältigung der neuen Situation beimißt, läßt sich der folgenden Äußerung entnehmen:

„Die Führungstätigkeit ist für mich kein Problem. Ich habe ja vorher sehr viel Erfahrung gesammelt. Mein Betrieb hatte zuletzt 4.500 Mitarbeiter. Es war in der DDR viel schwieriger, Mitarbeiter zu motivieren. Es gab keine Leistungsanreize, oft war der Entscheidungsspielraum sehr gering, oder die Umsetzung guter Ideen scheiterte an der Mangelwirtschaft; darunter hat dann auch das Interesse der Mitarbeiter gelitten."

Daß er in der DDR mit einer Reihe zusätzlicher Schwierigkeiten umgehen mußte, die es für ihn heute nicht mehr gibt, schildert er in der folgenden Äußerung:

„Es war ja so: ab einer bestimmten Führungsebene - das begann schon ab der Meisterebene - wurden die Stellen mit Parteimitgliedern besetzt. Ich sage nicht, daß das immer falsch war, aber es hat mir das Arbeiten schwergemacht. Ich hätte manche Entscheidung gerne anders getroffen'.(...) 'Natürlich habe ich mich bemüht, mit den Entscheidungen, die die Kaderleitung beschlossen hat, auch klarzukommen. Aber wenn Sie es dann mit jemandem zu tun haben, der von der Sache nichts versteht und Einfluß nehmen will, dann kann das schon zum Problem werden. Das ist mir mehrere Male so ergangen, und das hat mir dann das Leben schon zusätzlich erschwert“.

Die folgende Äußerung legt den Schluß nahe, daß Herr B. sich durch die Auswirkungen der Mangelwirtschaft Erfahrungen und Verhaltensweisen erworben hat, die zur Bewältigung der neuen Situation erheblich beigetragen haben:

„Ich war eigentlich ständig damit beschäftigt, Material oder Ersatzteile zu beschaffen. Das war nicht immer leicht. Ich habe mir in dieser Zeit sehr viel einfallen lassen müssen, um die Auflagen trotzdem zu erfüllen. Wir waren ja immer gezwungen, die Qualitätsvorgaben zu erfüllen. Ich muß sagen, daß wir das auch zu 95 % geschafft haben und daß ich darauf sehr stolz war. Heute kommt mir das zugute. (...) Wir haben uns eigentlich oft gegenseitig geholfen. Da fehlte dem einen mal das. Man hat versucht, das alles irgendwie auszugleichen. (...) Wenn ich von vornherein weiß, ich kann zwar entwickeln - bei uns war das dann so, daß man 50


170

Modelle auf dem Tisch hatte und in diesem Gremium von Personen aus der Entwicklung, der Technologie und Produktion dann entschieden werden mußte, was denn tatsächlich möglich war - dann sind 6 bis 8 Modelle übriggeblieben; dies war eigentlich das Hauptthema'. (...) 'Hinzu kommt, daß unsere Maschinen dann zeitweise wegen Materialmangel stillstanden, das hat die Situation zusätzlich verschärft“.

1.2.3 ´Lernen durch Berater` (Lernform III)

Aus den Gesprächsverläufen mit Frau A., Frau G. und Frau H. kann nachvollzogen werden, daß das Lernen in der neuen Situation ein ´Lernen durch Berater` war. Zwar treffen die Gesprächspartnerinnen die Entscheidung für die Selbständigkeit aus unterschiedlichen Ausgangssituationen, und auch der Zeitpunkt, an dem sie sich an einen Berater oder eine Beraterin wenden, ist unterschiedlich, es gelingt jedoch allen, mit den Anforderungen der neuen Situation zurechtzukommen und sich das notwendige Wissen - wenn auch in unterschiedlichen zeitlichen Abläufen - anzueignen. Voraussetzung hierfür ist, daß sie in der Lage sind, ihre Probleme und Fragen offen darzulegen, sich mit der Meinung des Beraters oder der Beraterin auseinanderzusetzen, sich aktiv in den Problemlösungsprozeß einzubringen und die neuen Erkenntnisse auf veränderte Situationen zu übertragen. Offenheit, Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit und reflexive Kompetenz sind hierfür die Grundlage. Wir beschreiben zunächst, wie ´Lernen durch Berater` stattgefunden hat, zeichnen im Anschluß daran die individuellen Entwicklungsverläufe nach, in denen wir die Herausbildung von Offenheit, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit und reflexive Kompetenz vermuten, und zeigen Ansätze zur Ausweitung dieser Lernform auf.

Die Gesprächspartnerinnen entscheiden sich für die Selbständigkeit im Lebensmitteleinzelhandel aus unterschiedlichen Ausgangssituationen. Frau A. hat eine Ausbildung als Wirtschaftskauffrau abgeschlossen und nimmt an einem Fernlehrgang zur Ökonom-Pädagogin teil, Frau G. hat eine Ausbildung als Fachverkäuferin, Frau H. hat nach einer Ausbildung als Gärtnerin ein Studium als Gartenbauingenieurin abgeschlossen. Alle Gesprächspartnerinnen entscheiden sich für die Existenzgründung, weil sie zu diesem Zeitpunkt arbeitslos sind und keine andere Perspektive haben.

Der Zeitpunkt für das Hinzuziehen eines Beraters oder einer Beraterin wird von den Gesprächspartnerinnen unterschiedlich gewählt. Während


171

Frau A. und Frau H. bereits in der Anfangsphase einer Problemsituation einen Berater oder eine Beraterin hinzuziehen, entscheidet sich Frau G. erst zu einen späteren Zeitpunkt, die Hilfe eines Beraters in Anspruch zu nehmen. Wir zeichnen zunächst die Lernverläufe von Frau A. und Frau H. nach und wenden uns im Anschluß daran Frau G. zu.

Mit dem Eintritt der Arbeitslosigkeit beginnt für Frau A. die Suche nach einer neuen Perspektive. Sie entscheidet sich für die Selbständigkeit im Lebensmitteleinzelhandel und informiert sich über Möglichkeiten zur Existenzgründung. Sie nimmt an Informationsveranstaltungen teil, besucht Messen, führt Gespräche mit Einzelhändlern und Verbundfirmen. Von der Industrie- und Handelskammer erhält sie zwar eine Aufstellung von Adressen interessierter Einzelhändler, die dazu bereit sind, in den neuen Bundesländern als Pate zur Verfügung zu stehen. Die Entscheidung für einen Paten trifft sie jedoch nicht aufgrund dieser Liste, sondern spontan nach einem Gespräch mit einem Einzelhändler, dessen Geschäft sie aufsucht.

Er berät sie bei der Entscheidung des Kaufobjektes, der Erstellung der ersten Ertragsrechnung, hilft bei der Ladenausstattung und steht ihr während des Gründungsprozesses beratend zur Seite. Daß die Anerkennung erworbener Erfahrungen zur Grundlage des ´Lernens durch Berater` wird und stark emotional besetzt ist, läßt sich an der folgenden Äußerung von Frau A. nachvollziehen:

„Ich war stolz darauf, daß das, was ich errechnet habe, fast auf den Pfennig genau mit dem übereingestimmt hat, was der Einzelhändler errechnet hat. Das hab' ich mir zum großen Teil in meiner Ausbildung angeeignet“.

Es entsteht ein freundschaftliches Verhältnis, das ihr zunehmend Selbstsicherheit gibt, die sich im kompetenten Umgang mit betrieblichen Problemen äußert. Offenheit auf beiden Seiten und die Fähigkeit, Erfahrungsdifferenzen anerkennen zu können, sind Grundlage des Beratungsprozesses, der von gegenseitiger Achtung und vertrauensvollem Umgang geprägt ist.

An der Ausgangssituation von Frau H. läßt sich nachvollziehen, daß das Lernen in der neuen Situation ein ´Lernen durch Berater` war. Frau H. wählt hierzu den Weg über ein Praktikum. Entscheidend für das Lernen sind die Erfahrungen im Praktikum und das Vertrauensverhältnis, das sie zu dem Geschäftsinhaber entwickelt. Wir entnehmen dies den folgenden Äußerungen von Frau H.:


172

„Ich habe da großes Glück gehabt. Der Inhaber hat sich wirklich viel Mühe gegeben. Er wollte, daß ich in den zwei Wochen eine Menge lerne, und das war dann auch so. Das Praktikum war für mich die Grundlage und die Gespräche, die ich von Zeit zu Zeit mit ihm geführt habe, das war das Wesentliche; so habe ich mir das angeeignet“.

In der Folgezeit bindet sie sowohl den Geschäftsinhaber als auch eine Fachberaterin, die sie in ihrem Aufgabengebiet als Geschäftsführerin kennengelernt hat, in wichtige betriebliche Entscheidungsprozesse ein, wie sich dies beispielsweise an der Entscheidungsfindung für das Kaufobjekt ihres Marktes nachvollziehen läßt

„Ich habe meine Fachberaterin angerufen. Sie hat uns zu Hause besucht und dann haben wir uns die Karte angeguckt. Die Entfernung war entscheidend. Kurz darauf sind uns dann zwei Läden angeboten worden. Der eine Laden war eine Bruchbude, aber es war viel Laufkundschaft da, der andere Laden sah gut aus, aber es war eine schlechte Gegend. Und dann bin ich wieder zu dem Einzelhändler, bei dem ich das Praktikum gemacht habe, nach Berlin gefahren, und wir haben bei ihm zu Hause bis in die Nacht gesessen und gerechnet, und dann stand fest: eigentlich müßte er sich den Laden ansehen. Und das hat er auch gemacht. Als er den Laden gesehen hat, hat er uns zur Übernahme geraten“.

Für Frau G. stellt sich die Situation vollkommen anders dar. Auch sie wird nach der Wende arbeitslos und entscheidet sich dafür, gemeinsam mit ihrem Mann einen Fischstand vor einer Kaufhalle aufzustellen. Zur gleichen Zeit, als sie feststellen muß, daß mit dem Ertrag des Verkaufsstandes die Existenzgrundlage der Familie nicht ausreichend gesichert ist, unterbreitet ihr ein westdeutsches Unternehmen den Vorschlag, die Kaufhalle zu kaufen, und bietet ihr den für den Kauf erforderlichen Kaufpreis als Firmenkredit an. Sie verfügt zu diesem Zeitpunkt nicht über ausreichend betriebliche Fach- und Führungskompetenz, und kann erst nachhinein sie das Ausmaß der getroffenen Entscheidung ermessen.

„Ich wußte ja gar nicht, was da auf mich zukommt. Aber mit dem Fischhandel, das ging nicht mehr. Und weil wir auch nicht wußten, was wir sonst machen sollten. Und wir haben ja beide kein Geld. Da hat uns die Firma einen Kredit von 1.3 Mio. für den Kauf angeboten, und dann haben wir zugesagt. (...) Heute weiß ich, daß jemand, der einen Markt übernimmt, in der Lage sein muß, eine Rentabilitätsrechnung zu machen, damit er sich ein Urteil bilden kann über das, was ihm da angeboten wird. Und daß er sein Umfeld abklappern muß oder sich in der Gemeinde erkundigt, was da geplant ist. Aber wir waren alle gutgläubig, ich hab' doch nicht geglaubt, daß mich jemand über den Tisch zieht".

In dieser Situation stellen sich eine Vielzahl von Problemen ein, mit


173

denen sie zurechtkommen muß und die ihr in der Anfangssituation nicht bewußt waren. Hierzu gehören beispielsweise die Folgen, die sich aus der Übernahme der 30 Verkaufskräfte ergeben:

„Die Firma hat mir ja die 30 Leute auf's Auge gedrückt. Das hab' ich erst jetzt verstanden, daß damit ja hohe Abstandszahlungen verbunden sind. Die kann ich ja in 20 Jahren nicht reinarbeiten, was ich da an Abstandszahlungen hätte leisten müssen. Jetzt wußte ich wirklich nicht mehr weiter“.

Aus ihrer Biographie läßt sich nachvollziehen, daß sie sich in einer widersprüchlichen Situation befindet. Sie erkennt ihre Defizite, kann aber keine adäquaten Handlungs- und Problemlösungstrategien entwickeln. Es entstehen pardoxe Situationen, in der sich ihre Handlungsunfähigkeit zusehends verstärkt und die sie als existentielle Bedrohung erlebt:

„Am Anfang wußte ich gar nicht, wie ich das machen sollte. Ich hab' oft die Kaufhallenleiterin gefragt, wenn ich nicht mehr weiter gewußt habe. Und irgendwann hat sie zu mir gesagt: "Sie sind jetzt die Chefin, Sie müssen wissen, wie es geht". ...Die Mitarbeiter konnten am Anfang mit mir machen, was sie wollten; sie konnten mir alles erzählen. Ich konnte mich nicht durchsetzen. ... Das waren ja alles gute Leute mit sehr viel Wissen und sehr viel Können. Und man kann ja nicht alles selber machen, aber man muß wissen, was man selber will. Man muß seine Wünsche und Vorstellungen kennen, damit man sie ihnen sagen kann“.

Zeitgleich treten Probleme in der Partnerschaft auf, die von Frau G. als zusätzliche Belastung verarbeitet werden müssen. In dieser Situation trifft sie auf einen ehemaligen Einzelhändler, der als Unternehmensberater in Ostdeutschland tätig ist und dazu beiträgt, daß sie mit den neuen Anforderungen zurechtkommt. Sie entwickelt zu ihm ein vertrauensvolles, offenes Verhältnis, das Grundlage für den Lernprozeß wird. Sie gewinnt zunehmend an Selbstbewußtsein und ist in der Lage, ihre neuen Aufgaben kompetent und selbstsicher ausführen zu können. Aus der folgenden Äußerung von Frau G. läßt sich dieser Prozeß nachvollziehen:

„Ich hab' in der ersten Zeit hier sehr viel geheult. 'Heulen nützt nichts, ich sollte lieber lernen', hat Herr M. dann zu mir gesagt. Er hat mir eigentlich die Grundkenntnisse beigebracht: Kalkulation, Handelsspanne. Die Buchhalterin hat er dann auch entlassen und gesagt, 'das können Sie auch'. Das war ein 4-Wochen-Crash-Kurs. Aber ich hab' gewußt, wenn ich nicht weiter weiß, kann ich ihn anrufen, und das war wichtig. Er hat mir viel Selbstvertrauen gegeben“.

Wir entnehmen der folgenden Äußerung, daß der Berater in der Lage ist,


174

ihr das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wiederzugeben, indem er ihr zwar beim Einstieg in die Lernproblematik hilft, ihr aber zugleich vermittelt, daß sie in der Lage ist, mit den neuen Lernanforderungen selbst zurechtzukommen, und er ihr darüber hinaus die Möglichkeit bietet, daß sie ihn jederzeit erreichen kann:

„Ich hab' ihm gesagt, von Technik will ich nichts wissen. Er hat mir dann erklärt, daß ich das brauche, damit ich meine Zahlen kenne und weiß, wie ich mich verhalten muß. Am Sonntag um 10.00 Uhr ist er gekommen, und um 14.00 Uhr ist er gegangen und hat gesagt: 'wenn Sie Fragen haben, rufen Sie mich an'. Inzwischen kann ich gut damit umgehen".

Aus der folgenden Äußerung entnehmen wir, daß sich das wieder gewonnene Selbstvertrauen nicht auf den Lernprozeß beschränkt bleibt, sondern auch ihr Verhalten im Umgang mit der Verbundfirma und ihren Eltern beeinflußt:

„Wenn ich mal nicht zufrieden war, dann hat er mir gesagt, wer ich überhaupt für die Genossenschaft bin. Wenn es mich nicht gäbe, dann gäbe es die da oben auch nicht. Ich erarbeite deren Gehalt. Und von da an hab' ich dann auch in der Zentrale erstmal meinen Mund aufgemacht, wenn mir was nicht gepaßt hat' (...) 'Daß ich den Laden übernommen habe, das haben meine Eltern nicht verstanden. Sie haben sich das auch anmerken lassen. Deshalb konnte ich ja auch nicht zu ihnen gehen, wenn ich nicht weiter wußte. Heute komme ich damit klar“.

Aus dem Gesprächsverlauf läßt sich nachvollziehen, daß das offene, vertrauensvolle Gespräch Grundlage des ´Lernens durch Berater` war. Wir vermuten, im Elternhaus und in der Gesellschaft erworbene Erfahrungen wie Geborgenheit, positive Lernerfahrungen, die Erfahrungen, sich berufliche und persönliche Interessen erfüllen und ohne Zukunftsangst und Konkurrenzdruck leben zu können, Grundlage für die Herausbildung von Offenheit, Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit und reflexive Kompetenz sind.


175

1.3 Bewältigung der neuen Situation wird durch Erfahrungen behindert und gefördert

Aus den Gesprächsergebnissen lassen sich deutliche Unterschiede im Umgang mit der neuen Situation erkennen. So kann beispielsweise nachvollzogen werden, daß Erfahrungen und zugrundeliegende Handlungsmuster sowohl zur Verfestigung erworbener Erfahrungen, zur Ausweitung von Erfahrungen und damit zur Ausweitung von Erfahrungs- und Handlungswissen, aber auch zum Erwerb neuer Erfahrungen geführt haben und daß zugleich das gleiche Handlungsmuster sowohl zur Verfestigung erworbener Erfahrungen als auch zum Erwerb neuer Erfahrungen geführt hat.

Abgesehen davon, daß die Bewältigung der neuen Situation für Existenzgründer im Einzelhandel von vielen Faktoren abhängig ist, die zum Teil nicht von ihnen beeinflußt werden konnten, legen unsere Gesprächsergebnisse die Vermutung nahe, daß die Bewältigung der neuen Situation durch Erfahrungen und zugrundeliegende Handlungsmuster deutlich behindert und gefördert wurden. Wir sind uns bewußt, daß sich dieser Zusammenhang nur bedingt herstellen läßt und daß sich das einem Verhalten zugrundeliegende Handlungsmuster nicht eindeutig und ohne weiteres Erfahrungen zuordnen läßt. Wir haben trotzdem den Versuch unternommen, diesem Zusammenhang nachzugehen, und stellen im folgenden die aus den Gesprächsergebnissen entnommenen unterschiedlichen Handlungsmuster dar und beschreiben im Anschluß daran die Auswirkungen.

Am Umgang mit Konfliktsituationen lassen sich deutliche Unterschiede erkennen, die auch in der neuen Situation nachwirken. Dies läßt sich z. B. an den Biographien von Herrn E. und Herrn D. und Frau A. nachvollziehen.

Erstes Handlungsmuster: „Konfliktsituationen - als Quelle von Leid erfahren müssen“

Aus den biographischen Verläufen von Herrn E. und Herrn D. läßt sich nachvollziehen, daß beide Gesprächspartner in der DDR mit konfliktreichen und widersrpüchlichen Situationen umgehen müssen und daß beide diese Situation unterschiedlich verarbeiten. Dies kommt auch


176

im Umgang mit der neuen Situation zum Ausdruck.

Zweites Handlungsmuster: ´Mit Konfliktsituationen konstruktiv umgehen können`

Drittes Handlungsmuster: ´Das DDR-Bürgersein zu leben ´gelernt` zu haben`

1.3.1 Bewältigung der neuen Situation wird durch Verfestigung erworbener Erfahrungen behindert

Die Aussagen von Herrn E. und sein Verhalten legen die Vermutung nahe, daß erworbene Erfahrungen und zugrundeliegende Handlungsmuster den Umgang mit der neuen Situation behindert und zur Verfestigung erworbener Erfahrungen geführt haben. Wir sind der Meinung, daß wir aus seinen Aussagen und dem Umgang mit der neuen Situation das erste Handlungsmuster „Konfliktsituationen - als Quelle von Leid erfahren müssen“ erkennen können und erklären dies wie folgt.

Herr E. war in der DDR einer Reihe konfliktreicher Situationen ausgesetzt. Dies betraf sowohl die Situation als seine Eltern in den Westen zogen und er als 18jähriger ständig Bespitzelungen und Verhören ausgesetzt war, als auch die Situation, in der Herr E. als Ergebnis einer ideologischen Auseinandersetzung vom Marktleiter zum Gaststättenleiter degradiert wurde. Daß er diese Situationen als Konfliktsituationen erlebte, gegen die er sich nicht zur Wehr setzen konnte, läßt sich aus seinen Äußerungen nachvollziehen.

Der Umgang mit der neuen Situation legt die Vermutung nahe, daß erworbene leidvolle Erfahrungen und zugrundeliegende Handlungsmuster auch in der neuen Situation nachwirken. Aus dem Gesprächsverlauf wird deutlich, daß sich Herr E. zwar zunächst für die


178

neue Situation öffnet, aber sein Verhalten zugleich von großer Resignation und Enttäuschung geprägt ist und er nicht in der Lage ist, an erworbene berufliche Erfahrungen und Fachwissen anzuknüpfen.

Herr E. bringt weder eigene Vorstellungen in die neue Situation ein, noch wehrt er sich gegen die an ihn gestellten Anforderungen, die ihn zum ´Ausführenden` westdeutscher betrieblicher Unternehmenspolitik machen. Es ist anzunehmen, daß Herr E. das ihm zugrundeliegende Handlungsmuster auch auf seine Mitarbeiter überträgt und dadurch Orientierungslosigkeit, Verunsicherung und weitere Konfliktsituationen auslöst. Er entschließt sich darüber hinaus zu einem Zeitpunkt zum Kauf des Marktes, an dem er bereits absehen kann, daß sich die betriebliche Situation weiterhin erheblich verschlechtern wird. Resignation und Ohnmacht bestimmen sein Verhalten und kommen in der folgenden Äußerung, in der er die Entscheidung zur Selbständigkeit begründet, zum Ausdruck: 'Ich hatte doch keine andere Möglichkeit, als den Markt zu kaufen. Ich war damals 54 Jahre alt, was sollte ich sonst machen?'.

Wir vermuten, daß die Zuspitzung der betrieblichen und personellen Probleme Auslöser dafür ist, daß Herr E. keine andere Möglichkeit erkennt, als die Selbständigkeit aufzugeben. Daß sich in dieser Situation alte Erfahrungen bestätigen und es zu einer Verfestigung erworbener Erfahrungen kommt, zeigt sich in seiner folgenden Äußerung: „Eigentlich hat sich nicht viel geändert. Ich war früher Repressalien ausgesetzt, und das bin ich heute auch noch...`.

Zugleich wird aus dem Gesprächsverlauf deutlich, daß Herr E. in dieser Situation zu einer rückwärtsgewandten ´Verklärung der Vergangenheit` neigt. Wir sehen hierin zusätzlich zur Verfestigung erworbener Erfahrungen ein weiteres ernstzunehmendes Problem, weil es das Einbringen erworbener positiver Erfahrungen in den gemeinsamen Lernprozeß und damit eine Ausweitung erworbener Handlungsmuster und den Erwerb neuer Erfahrungen verhindert.

1.3.2 Bewältigung der neuen Situation wird durch den Erwerb neuer Erfahrungen möglich

Wir sind der Meinung, daß sich aus den Biographien von Herrn D., Herrn F. und Frau G. nachvollziehen läßt, daß die Bewältigung der neuen Situation darauf zurückzuführen ist, daß sie in der Lage waren, sich neue Erfahrungen anzueignen. Für diesen Personenkreis gilt, daß sie


179

sich bisher weder Branchen- noch Leitungserfahrungen erworben haben und sich die Erfahrungen durch ´Lernen auf eigene Faust` und ´Lernen durch Berater` angeeignet haben.

Wir vermuten, daß die erworbenen Erfahrungen und die zugrundeliegenden Handlungsmuster dieses Lernen ermöglicht haben. Aus der Biographie von Herrn D. entnehmen wir das erste Handlungsmuster „Konfliktsituationen - als Quelle von Leid erfahren müssen“. Im Gegensatz zur Biographie von Herrn E. läßt sich an der Biographie von Herrn D. nachvollziehen, daß die Auswirkungen einer in der DDR erlebten Konfliktsituation und das dieser Situation zugrundeliegende Handlungsmuster ´Konfliktsituationen - als Quelle von Leid erfahren müssen` durch die Wahrnehmung neuer Möglichkeiten nach der Wende dazu führen kann, daß die Anforderungen der neuen Situation - auch ohne Fach- und Führungskompetenz - erfolgreich bewältigt werden können.

Herr D. entscheidet sich für die Selbständigkeit als Einzelhändler, nachdem er die zurückliegenden fünf Jahre in der DDR mit der Begründung, seine Partnerin hätte Westkontakte, seinen Beruf als Seemann aufgeben mußte. Auch sein Antrag für die Konzession eines Lebensmittelgeschäftes wird in dieser Zeit nicht bearbeitet und führt dazu, daß er zunehmend resignativ und hoffnungslos wird. Mit der Wende verändert sich seine Situation grundlegend. Er erhält im November die Konzession für das Einzelhandelsgeschäft und wird noch im gleichen Monat selbständig. Er besucht Weiterbildungsseminare und stellt fest, daß er in den Seminaren keine Antworten für die Lösung seiner konkreten betrieblichen Probleme erhält. In Gesprächen mit westdeutschen Einzelhändlern erfährt er Überheblichkeit und Arroganz, die dazu führen, daß er keine weiteren Gespräche sucht. Herr D. eignet sich das Wissen überwiegend aus der Arbeitssituation durch ´Lernen auf eigene Faust` an. Daß die Gespräche mit seiner Partnerin, die sich in der DDR als Marktleiterin Fachkompetenz und berufliche Erfahrung erworben hat, hierbei einen hohen Stellenwert einnehmen, kann aus dem Gesprächsverlauf nachvollzogen werden. Herr D. reagiert auf die schwierige wirtschaftliche Situation mit phantasievollen Aktionen, die dazu beitragen, daß er für seine Leistungen als ´innovativer ostdeutscher Unternehmer` ausgezeichnet wird.

Den Biographien von Herr F. und Frau H. entnehmen wir das dritte Handlungsmuster ´Das DDR-Bürgersein zu leben ´gelernt` zu haben`.


180

Wir zeichnen dieses Handlungsmusters an den Biographien von Herrn F. und Frau H. nach. Herrn F. gelingt es, mit den Widersprüchen, die aus dem Anspruch der Partei und den eigenen Ansprüchen entstehen, umzugehen. Er richtet sein Handeln danach aus und gewinnt zunehmend an Sicherheit, Selbstbewußtsein und Reflexionsvermögen. Daß die erworbenen Erfahrungen und das ihm zugrundeliegende Handlungsmuster auch den Umgang mit der neuen Situation bestimmen, kann an der folgenden Äußerung nachvollzogen werden: 'Daß ich mir damals genau überlegt habe, was ist jetzt gut für mich und was nicht, das hat mir doch auch später geholfen. Ich bin nicht einfach in Situationen reingeschlittert, und hab' mich auch nicht über's Ohr hauen lassen. Auch bei meiner Verbundfirma bin ich nicht als Bittsteller aufgetreten`.

1.3.3 Bewältigung der neuen Situation führt zur Ausweitung von Erfahrungen

Aus den Gesprächsverläufen läßt sich nachvollziehen, daß die Bewältigung der neuen Situation durch Ausweitung erworbener Erfahrungen stattgefunden hat. Wir zeichnen dies an den erworbenen Erfahrungen und zugrundeliegenden Handlungsmustern nach.

Wir wenden uns zunächst der Biographie von Frau A. zu. Ihr Handeln ist durch das Handlungsmuster, ´Mit Konfliktsituationen konstruktiv umgehen können`, geprägt. Sie hat in der DDR eine Reihe von Konfliktsituationen couragiert und mit hoher Aktivität bewältigt. Erworbene Erfahrungen und das zugrundeliegende Handlungsmuster prägen auch den Umgang mit der neuen Situation. Allerdings treten in der neuen Situation zusätzliche Probleme auf. Im Gegensatz zu der in der bisher erworbenen Erfahrung, daß Konfliktsituationen zwar unangenehme Nachwirkungen haben können, wie z. B. die Versetzung an einen anderen Arbeitsplatz oder die Verweigerung ihres Studienwunsches, jedoch nicht existenzbedrohlich werden, erlebt Frau A. nach der Wende, daß ihre Äußerung auf der ersten Betriebsversammlung, ´Der Direktor solle doch erstmal die Vertrauensfrage stellen`, zum Verlust ihres Arbeitsplatzes und zur beabsichtigten Kündigung ihres Ehemannes führt. In der nun folgenden Zeit ist ihr Verhalten von hoher Aktivität geprägt. Sie informiert sich innerhalb kurzer Zeit über die notwendigen Schritte zur Selbständigkeit und entscheidet sich für die Existenzgründung als Lebensmitteleinzelhändlerin. Noch vor Beginn der Selbständigkeit nimmt sie an Seminaren für Existenzgründer teil und sucht sich


181

gleichzeitig einen kompetenten Partner, der ihren Gründungsprozeß begleiten soll.

Dem Handeln von Frau G. liegt das Handlungsmuster, ´Das DDR-Bürgersein zu leben ´gelernt` zu haben`, zugrunde und bestimmt den Umgang mit der neuen Situation. Ihre Erfahrungen sind davon geprägt, daß es ihr in der DDR möglich ist, ihre beruflichen und persönlichen Wünsche zu erfüllen. Sie erlernt einen Beruf, trennt sich von ihrem Mann. Freunde und Familie unterstützen sie. Im Betrieb wird ihre besondere Situation als alleinstehende Mutter entsprechend berücksichtigt. Daß Krippen-, Kindergarten- und Hortplätze zur Unterbringung der Kinder zur Verfügung stehen, ist für sie selbstverständlich. An der Biographie von Frau G. läßt sich nachvollziehen, daß sie zwar, bedingt durch ihre Situation als alleinstehende Mutter mit drei Kindern, eine schwierige Situation zu meistern hatte, daß sie jedoch zugleich davon ausgehen konnte, daß sie hierbei Unterstützung erfährt. Im Umgang mit der neuen Situation läßt sich nachvollziehen, daß die in der DDR erworbene Erfahrung des ´Versorgtwerdens` im Anfangsstadium in einer geringen Eigenaktivität zum Ausdruck kommt und die Bewältigung der neuen Situation zunächst behindert, daß jedoch erworbene Erfahrungen in einer späteren Phase dazu beitragen, daß sie in der Lage ist, mit der Situation zurechtzukommen und ihre Erfahrungen auszuweiten. Wir möchten dies im folgenden aufzeigen.

Bezeichnend für den Umgang mit der neuen Situation ist, daß nicht ihre Eigenaktivität zur Selbständigkeit führt, sondern ein Angebot eines westdeutschen Verbundunternehmens, das ihr zugleich den notwendigen Kredit als Firmenkredit anbietet. Auch an dem Umgang mit den neuen Lernanforderungen wird deutlich, daß sie sich zunächst abwartend verhält. Sie nimmt in der Anfangsphase weder Seminarangebote wahr, noch versucht sie, sich fehlende Fach- und Führungskenntnisse auf anderem Wege anzueignen. Die Ursachen hierfür können darin liegen, daß sie davon ausgeht, ´rechtzeitig` Unterstützung von der Verbundfirma zu erhalten. Ihre Äußerung, ´Aber wir waren doch alle gutgläubig. Ich hab` doch nicht geglaubt, daß mich jemand über den Tisch zieht`, läßt diesen Schluß zu. Als sie feststellt, daß sie von der Verbundfirma allein gelassen wird, wendet sie sich an die ehemalige Kaufhallenleiterin und erhofft sich von ihr Hilfe bei der Bewältigung der betrieblichen Probleme, die sich jedoch deutlich von ihr abgrenzt.


182

Unterstützung erfährt sie durch einen Einzelhändler, der sich als Berater an sie wendet. Er trägt dazu bei, daß sie lernt, mit den betrieblichen Problemen zurechtzukommen. Sie gewinnt zunehmend an Selbstvertrauen und Selbstsicherheit. Grundlage des Lernprozesses ist ihre Offenheit und kommunikative Kompetenz sowie das Einfühlungsvermögen und die Fachkompetenz des Beraters, der in der Lage ist, ihre Bereitschaft für neue Lerninhalte behutsam zu öffnen. Daß sich die erworbene berufliche Erfahrung auch auf den persönlichen Bereich auswirkt, kann am Umgang mit ihren Eltern, aber auch an der Öffnung für eine neue Beziehung, die sie in dieser Situation eingeht, nachvollzogen werden.


183

1.4 Zusammenfassung

  1. Die Untersuchungsergebnisse zeigen, daß sich Existenzgründer im Einzelhandel die neuen Anforderungen überwiegend selbst erschließen mußten. Weiterbildung hat diesen Prozeß nicht unterstützt. Es gab weder geeignete Lernkonzepte noch angemessene Vermittlungsformen.
  2. Drei Lernformen bestimmen den Lernprozeß: ´Lernen auf eigene Faust` (Lernform I), ´Lernen durch Anknüpfen an berufliche Erfahrungen`, (Lernform II) und ´Lernen durch Berater` (Lernform III).
  3. Hohes Fachwissen, Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit, reflexive Kompetenz, Stabilität und Selbstlernkompetenz sowie Phantasie und Offenheit haben das Lernen in der neuen Situation bestimmt.
  4. Im Elternhaus erworbene Stabilität, die Vielfalt der Lernformen und Lernwege, kooperative Arbeitsformen, das Übernehmen von Verantwortung in gesellschaftlichen und politischen Organisationen haben das Lernen in der neuen Situation maßgeblich geprägt.
  5. Die Bewältigung der neuen Situation ist jedoch nicht allen Personen gelungen. Dies ist - abgesehen von wirtschaftlichen Faktoren, die zum großen Teil nicht von dem Personenkreis beeinflußt werden konnten - auf Erfahrungen und zugrundeliegende Handlungsmuster zurückzuführen.
  6. Drei Handlungsmuster prägen den Umgang mit der neuen Situation: ´Mit Konfliktsituationen konstruktiv umgehen können` (Handlungsmuster I), ´Konfliktsituationen - als Quelle von Leid erfahren müssen` (Handlungsmuster II) ´Das DDR-Bürgersein zu leben ´gelernt` zu haben` (Handlungsmuster III)
  7. In der DDR erworbene Erfahrungen haben zu einem spezifischen unternehmerischen Verhalten geführt, das sich durch kooperative und kommunikative Kompetenz auszeichnet und in einem phantasievollen und ideenreichen

    184

    Umgang mit den neuen Anforderungen zum Ausdruck kommt.

[Titelseite] [Einleitung] [1-1] [1-2] [1-3] [2-1] [2-2] [3-1] [3-2] [3-3] [Bibliographie]

© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Mon Jul 31 11:09:29 2000