Panick, Veronika: Der Beitrag von Erfahrungen an den Entwicklungsprozessen zur Selbständigkeit - dargestellt am Beispiel von Existenzgründerinnen und Existenzgründern im Einzelhandel in den neuen Bundesländern-

Dritter Teil
Ergebnisse und Schlußfolgerungen

2 Schlußfolgerungen

Existenzgründer im Einzelhandel in den neuen Bundesländern mußten eine Situation bewältigen, die um ein Vielfaches schwieriger war, als dies für Existenzgründer in den alten Bundesländern der Fall ist. Die Ursachen hierfür liegen zum großen Teil in wirtschafts- und strukturpolitischen kommunalen Fehlentscheidungen und konnten von dem Personenkreis nicht beeinflußt werden. Wir haben uns in dieser Arbeit den Personen zugewandt und wollten herausfinden, wie sie diese schwierige Situation bewältigt haben und inwieweit Erfahrungen die Bewältigung der neuen Situation behindert oder gefördert haben und wie das Lernen in der neuen Situation stattgefunden hat.

Die Untersuchungsergebnisse zeigen, daß sich der überwiegende Teil der Personen die neuen Lerninhalte aus der Arbeit selbst erschlossen hat. Sie haben dabei unterschiedliche Lernformen gewählt, in der Erfahrungen, erworbene Kompetenzen und Verhaltensweisen deutlich zum Ausdruck kommen. Es sind dies hohe Eigenaktivität und Offenheit (´Lernen auf eigene Faust`), kommunikative und kooperative Kompetenz (´Lernen durch Berater`) und erworbene langjährige berufliche Erfahrung in der Mitarbeiterführung und in der betrieblichen Organisations- und Leitungsarbeit sowie die Fähigkeit, mit ungewohnten Situationen phantasievoll umgehen können (´Lernen durch Anknüpfen an berufliche Erfahrungen`).

Aus den Untersuchungsergebnissen läßt sich nachvollziehen, daß der Personenkreis über ein hohes Bildungsniveau verfügt. Er hat an beruflichen und nebenberuflichen Bildungsmaßnahmen, am Direkt- oder Fernstudium teilgenommen und gelernt, sich Lernpotentiale aus der Arbeit selbst zu erschließen. Er hat hierbei unterschiedliche Lernformen kennengelernt wie z. B den Wechsel von Lern- und Arbeitsphasen in der berufsbegleitenden Weiterbildung, die Lernbegleitung durch einen Paten am Arbeitsplatz, das Aneignen neuer Wissensgehalte durch Selbstlernmaterialien und vieles mehr.

Zwar kann aus den Untersuchungsergebnissen nachvollzogen werden, daß sich der Personenkreis das Wissen aus der Arbeit überwiegend selbst


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erschlossen hat. Dies läßt jedoch nicht den Schluß zu, daß individuelle Lernprozesse nicht begleitet und unterstützt werden müßten. Wir sind vielmehr der Meinung, daß sich aus den biographischen Verläufen nachvollziehen läßt, daß die Lern- und Arbeitserfahrungen, die sich die Teilnehmer in institutionellen und betrieblichen Lernprozessen erworben haben, dieses Lernen in der neuen Situation erst ermöglicht hat.

Ergebnis unserer Untersuchung ist aber auch, daß nicht alle Personen in der Lage waren, die neue Situation durch Lernen aus der Arbeit zu bewältigen. Leidvolle Erfahrungen, wie z. B. Bespitzelung und Degradierung haben zur Herausbildung von Handlungsmustern geführt, die auch in der neuen Situation nachwirken, in resignativem Verhalten zum Ausdruck kommen und das Lernen in der neuen Situation behindert haben. Wir gehen davon aus, daß es notwendig ist, Räume zu schaffen, in denen die Verarbeitung leidvoller Erfahrungen und der Erwerb neuer Erfahrungen möglich ist und neue Ideen ausgetauscht, diskutiert und umgesetzt werden können. Diese Prozesse vollziehen sich bereits unbewußt. Es geht darum, sie aufzugreifen, bewußt zu machen und dazu beizutragen, daß sie als Chance für individuelle Lernprozesse genutzt werden können.

Untersuchungen gehen davon aus, daß sich die wirtschaftliche Situation kleiner Einzelhandelsunternehmen in den kommenden Jahren in allen europäischen Ländern drastisch verschlechtern und die Anzahl kleiner Einzelhandelsgeschäfte erheblich verringern wird. Wir sind der Meinung, daß dieser Entwicklung durch phantasievolles und kooperatives Handeln gegengesteuert werden kann und fügen an dieser Stelle drei Beispiele an:

  1. Beispiel: Durch kooperatives Handeln und Inanspruchnahme europäischer Fördermittel den Einzelhandel im Bezirk stärken

    Gemeinsam mit politischen und kulturellen Akteuren aus dem Berliner Bezirk Neukölln haben Einzelhändler im Jahr 1998 ein Europäisches Modellprojekt durchgeführt und in diesem Rahmen im Austausch mit europäischen Partnern durch Lesungen, historische Schaufenstergestaltung, sowie eine gemeinsame Werbebroschüre auf den Einzelhandel in Neukölln aufmerksam gemacht. Es kann als Erfolg gewertet werden, daß sich zum Projektende Einzelhändler aus Neukölln dazu entschlossen haben, die Projektleiterin aus eigenen Mitteln weiter zu finanzieren, und sich auch das zuständige Wirtschaftsamt bereit erklärt hat, zusätzlich Fördermittel zur Verbesserung der Situation des Neuköllner Einzelhandels zur Verfügung zu stellen.
  2. Beispiel: Neue Organisationsformen gemeinsam entwickeln und umsetzen


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    Der Zusammenschluß und das Engagement von Schornsheimer Bürgern, hat zur Wiedereröffnung ihres eigenen ´Tante-Emma-Ladens` geführt und auf diese Weise zugleich einen Ort der Kommunikation für Jung und Alt geschaffen. Vorausgegangen war die Vereinsgründung, sowie eine vier Jahre andauernde Planung- und Entwicklungsarbeit, die als Ergebnis zu einem Zuschuß von 1.6 Mill. DM aus dem Dorferneuerungsprogramm des rheinlandpfälzischen Wirtschaftsministeriums geführt hat. Hinzu kommt, daß auch die Dorfbewohner mit 1.750 ehrenamtliche Arbeitsstunden zur Eröffnung des Ladens beigetragen haben. (vgl. Tagesspiegel v. 28. 07. 99)
  3. Beispiel: Einzelhandel und kulturelle Aktivitäten verbinden

    Den Initiatoren des ´Kaufhauses für Ostprodukte`, das in Berlin eröffnet wurde, geht es sowohl darum, spezifische Kundenwünsche durch den Verkauf von Ostprodukten zu befriedigen, als auch darum, durch ein regelmäßiges Kulturprogramm die Verbindung von Einzelhandel und Kultur herzustellen. (vgl. Tagesspiegel v. 28. 7. 99)

Daß diese Beispiele nicht einzelne Beispiele bleiben, sondern durch den Austausch mit anderen, neue Ansätze und vielfältige Initiativen im Einzelhandel entwickelt werden, setzt eine neue Beratungs- und Lernkultur voraus, die den einzelnen und die Komplexität seiner Situation in den Mittelpunkt rückt, seine Kompetenzen stärkt, Anregungen und Probleme aufgreift, neue Anstöße einbringt, sie zur Diskussion stellt und den Austausch mit anderen organisiert und moderiert.

Diese Entwicklung kann durch Lernberater eingeleitet und begleitet werden, deren Aufgabe darin besteht, Lernbedarfe aufzugreifen und mit den Einzelhändlern in der konkreten Situation nach Lösungen zu suchen. Unabhängigkeit, fachliche und personale Kompetenzen und die Fähigkeit, sich neuen Situationen öffnen und Erfahrungsdifferenzen zur Grundlage des Lernprozesses machen zu können, sowie ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen sind Voraussetzung hierfür.

Auch mit der Iniitierung von Netzwerken, in denen die Möglichkeit besteht, Probleme zu diskutieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, kann hier ein neuer Weg beschritten werden, der dazu beitragen kann, der zunehmend schwieriger werdenden Situation im Einzelhandel im Austausch mit anderen - phantasievoll und zuversichtlich begegnen zu können und der zugleich die Chance bietet, die Interessen kleiner Einzelhändler in den wirtschafts- und bildungspolitischen Kontext wirkungsvoll einbringen zu können. Wir entnehmen den Untersuchungsergebnissen, daß der Personenkreis über hierzu


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notwendige Kompetenzen, wie Kooperationsfähigkeit und kommunikative Kompetenz verfügt. Auch Ina Merkel bestätigt dies mit ihrer folgenden Aussage:

„Die in den westlichen Publikationen nach der Wende beschriebene DDR-typische mentale Prägung, als Ergebnis der Mangelerfahrung, wie ’Gier, Genußsucht und Anspruchsdenken, sowie die weitgehende Homogenisierung und Egalisierung von Lebensstilen und Lebenslagen entspricht nicht der Wirklichkeit. DDR Bürger haben sich ’zu pfiffigen Jäger und Sammlern, Initiatoren komplizierter Tausch-Netzwerke und als widersetzige und anspruchsvolle Kunden entwickelt“ (Merkel 1996, S. 7).


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Mon Jul 31 11:09:29 2000