Panick, Veronika: Der Beitrag von Erfahrungen an den Entwicklungsprozessen zur Selbständigkeit - dargestellt am Beispiel von Existenzgründerinnen und Existenzgründern im Einzelhandel in den neuen Bundesländern-

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Statt einer Einleitung

Andreas Hergeth * Frankfurt/Oder, den 28. Dezember 1981

Werte Genossen!

Ich habe beim Einkauf zu Weihnachten im HO-Freizeit und Sportartikel in Frankfurt/Oder einen Vorfall erlebt, der die Einkaufsstimmung nur negativ beeinflußte. Mir geht es nicht darum nur etwas zu kritisieren. Vielleicht bietet sich einmal bei der Programmgestaltung an, die von mir geschilderten Einkaufserlebnisse satirisch zu verarbeiten.

Mit sozialistischem Gruß

Niederschrift über persönlich erlebten Vorfall beim Kauf von Gleitschuhen am 21. 12. 81 im HO-Freizeit Frankfurt/Oder

Mir geht es darum, an Hand dieses Vorfalls darzustellen, wie durch interessenlose Handelstätigkeit negative Bewußtseinsbeeinflussung stattfindet.

Nun konkret:

Seit 14 Tagen wurden die Bürger durch Beschäftigte der Verkaufsstelle HO-Freizeit darüber informiert, daß am 21. 12. 81 Gleitschuhe verkauft werden. Am 21. 12. standen um 14.00 Uhr 100 - 120 Bürger und warteten auf die Öffnung des Geschäftes.

Meine Meinung dazu: - Ist es notwendig, daß für ein solches Handelsobjekt (Preis 12,50) ein solcher konzentrierter Verkauf organisiert wird?

Nach Öffnen stürmten die Bürger in das Geschäft. 70 Bürger gingen bis hinten durch und es bildete sich abermals eine erhebliche Konzentration.

Nach geraumer Zeit wurde ein Container herausgeschoben auf den sich nun die 70 Bürger stürzten.

Es gab Geschrei - Gedränge und ein Wühlen, denn die Gleitschuhe gab es nur in unterschiedlichen Größen.

Reaktion der Verkäuferin:

Platz da - Tür freimachen - jeder nur 1 Paar kaufen

Günstiger wäre es gewesen, wenn die Verkaufskräfte eine Vorsortierung vorgenommen hätten anstatt unqualifizierte und unhöfliche Äußerungen gegenüber den Bürgern zu äußern.

Die Organisation welche hier vorherrschte war ein organisiertes Chaos!

Noch ein weiterer Vorfall:

Es wurden Holzschlitten angeboten. Bürger erkundigten sich ob es nicht auch Glasfiberschlitten gäbe und ob vielleicht welche nach vorn gebracht werden?

Antwort der Verkäuferinnen:

Ja wir haben welche, aber erst müssen diese Holzschlitten verkauft werden, dann bringen wir die anderen nach vorne.

Der Schluß!

Am Ausgang gab es eine Rolle Verpackungspapier wo jeder Bürger sich sein Teil abreisen mußte.

Auf dem Papier stand:

„Frohes Weihnachtsfest und einen guten Einkauf“

aus: Merkel, I.: Wir sind doch nicht die Meckerecke der Nation

Briefe an das DDR-Fernsehen. Köln. 1998


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Wenn die Westdeutschen aus purer Gewohnheit
noch nicht einmal in der Lage sind,
sich auf ihre fremden Landsleute einzulassen,
dann muß man,
ganz abgesehen von dem menschlichen Erfahrungsverlust,
auch für ihre wirtschaftliche Anpassungs- und Überlebensfähigkeit
Schlimmes befürchten.
Mark Siemons

Vorbemerkung

Wir haben mit der vorliegenden Arbeit den Versuch unternommen, uns den Erfahrungen der Menschen in den neuen Bundesländern zu nähern. In den Gesprächen ist uns Phantasie, Witz, Optimismus und Zuversicht ebenso begegnet wie Resignation, Enttäuschung und Mutlosigkeit.

Wir haben in dieser Arbeit gelernt, daß die Vielfalt und Komplexität der Erfahrungen, die sich auch im Umgang mit der neuen Situation zeigt, nur schwer zu fassen und in Biographie- und Lernprozessen darzustellen ist. Es ist die je spezifische Art der Verarbeitung von individuellen und gesellschaftlichen Erfahrungen, die die Öffnung für neue Erfahrungen ermöglicht oder Resignation und Apathie zur Folge hat. Wir möchten mit unserer Arbeit Anregungen für die Entwicklung neuer Lernkonzepte für Existenzgründer im Einzelhandel geben, die den einzelnen befähigen, den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen kompetent und zuversichtlich begegnen zu können.

Wir lenken den Blick auf Erfahrungsdifferenzen, weil wir davon ausgehen, daß Wahrnehmung und Akzeptanz unterschiedlicher Erfahrungen Voraussetzung dafür ist, um neue Anforderungen kooperativ und phantasievoll bewältigen zu können. Daß die Menschen in den neuen Bundesländern hierzu bereits einen erheblichen Beitrag leisten, kann in dieser Arbeit deutlich nachvollzogen werden.

Wir möchten uns auf diesem Wege bei unseren Gesprächspartnern bedanken, die durch ihre Bereitschaft, sich zu öffnen, das Entstehen dieser Arbeit erst ermöglicht haben.


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Mon Jul 31 11:09:29 2000